GEDENKSTÄTTE »GESTAPO-LAGER NEUE BREMM«

GEDENKSTÄTTE »GESTAPO-LAGER NEUE BREMM«

GEDENKSTÄTTE »GESTAPO-LAGER NEUE BREMM« Ein Informationsblatt, nicht nur für Jugendliche! Die neugestaltete Gedenkstätte »Neue Bremm« mit dem Leuchts...

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GEDENKSTÄTTE »GESTAPO-LAGER NEUE BREMM« Ein Informationsblatt, nicht nur für Jugendliche!

Die neugestaltete Gedenkstätte »Neue Bremm« mit dem Leuchtschriftband.

»Die Neue Bremm war ein schreckliches Lager. In den anderen Lagern kam der Tod langsam, aber in Saarbrücken kam er schnell.« Aussage des ehemaligen Häftlings Louis François

WO BEFINDET SICH DIESES LAGER? Das Gestapo-Lager »Neue Bremm« liegt am Stadtrand von Saarbrücken, in der Nähe der französischen Grenze, an der Metzer Straße, die nach 800 Metern in die route nationale (N3) übergeht. In einer Entfernung von etwa 300 Metern befindet sich in nordwestlicher Richtung der Hauptfriedhof, in südöstlicher Richtung liegt Spichern.

Der Löschteich des ehemaligen Lagers. Jugendliche haben die Namen der Ermordeten in Stein gemeißelt.

Vor aller Augen: Das Foto auf dem Billboard zeigt eine Familienidylle vor dem Gestapo-Lager.

WIE SAH DAS MÄNNERLAGER AUS?

1940 Barackenlager, diente als Arbeitslager für

Das Gestapo-Lager »Neue Bremm« bestand aus einem Männer- und einem Frauenlager. Sie waren durch den Alstinger Weg voneinander getrennt.

1943

1945

Fremd- und Zwangsarbeiter, später für Kriegsgefangene. Februar: Erweiterung des bestehenden Lagers. Aus Sicherheitsgründen wurde wegen der Holzbaracken ein Löschteich angelegt. Juli 1943 – November 1944: Die Nazis sprachen von einem »Erweiterten Polizeigefängnis«. Diese Bezeichnung klingt sehr harmlos und sollte den Eindruck erwecken, als seien hier »Verbrecher« inhaftiert. In Wirklichkeit war es jedoch ein Gestapo-Lager. Nach Kriegsende wurde das Lager abgerissen.

Die Gestapo-Lager bildeten im Terror-System des Dritten Reiches einen eigenen Lagertyp. Sie waren nicht der SS unterstellt (wie die KZ), sondern allein der Gestapo. Sie dienten u.a. zur Disziplinierung und wurden zu Terrorstätten. Zuständig für das Lager »Neue Bremm« war allein die Gestapo in Saarbrücken mit Sitz im Schloss. In der dortigen Gestapo-Zelle wurden bis zu 30 Menschen eingesperrt, bevor sie verhört wurden. Gestapo-Zelle im Saarbrücker Schloss. Um Geständnisse zu erpressen, wurden die Häftlinge gefoltert..

Metzer Straße

WAS WAR DIE »NEUE BREMM« FÜR EIN LAGER?

Alstinger Weg Rekonstruierte Skizze des Männerlagers

Das gesamte Lager war mit Stacheldraht eingezäunt, der elektrisch geladen war. Ein Wachturm, der mit Scheinwerfern und Maschinengewehr ausgestattet war, machte eine Flucht unmöglich. Rechts vom Eingang: die Verwaltungsbaracke, links vom Eingang: die Funktionsbaracke mit Dusche, Lager und Waschraum. Die Häftlingsbaracken waren nach verschiedenen Häftlingsgruppen aufgeteilt. Mittelpunkt des Lagers war der Löschteich, der Ort grausamer Folter und Mord war.

WIE SAH DAS FRAUENLAGER AUS? Da auf dem Gelände des ehemaligen Frauenlagers 1975 ein Hotel errichtet wurde, ist man zur Rekonstruktion auf ältere Dokumente angewiesen. Auf Luftbild und Lageplan kann man erkennen, dass das Frauenlager, im Dezember 1943 fertiggestellt, nach dem gleichen Schema errichtet wurde wie das Männerlager. Auch hier waren die Baracken um einen Löschteich angeordnet. Neben den Unterkunftsbaracken gab es noch eine Werkstattbaracke, in der die Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Hygienische und sanitäre Einrichtungen fehlten.

Männerlager

Frauenlager

Oben: Luftbild, August 1944. Unten: Bauplan Frauenlager, Dezember 1943.

Das Hotel nach der Neugestaltung der Gedenkstätte. Wie sorglos man noch vor 30 Jahren mit der Vergangenheit umging, macht der Bau des Hotels auf diesem Gelände deutlich.

AUS WELCHEN LÄNDERN KAMEN DIE HÄFTLINGE? Das Gestapo-Lager »Neue Bremm« hatte verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Die Häftlinge kamen aus unterschiedlichen Ländern. Es waren Männer und Frauen aus vielen Teilen Europas inhaftiert. Die größten Gruppen stammten aus Frankreich und der Sowjetunion. – Belgien – Bulgarien – Deutschland – England – Frankreich – Italien

– Luxemburg – Niederlande – Polen – Sowjetunion – Spanien – Tschechoslowakei

UNTER WELCHEN HAFTBEDINGUNGEN HATTEN DIE HÄFTLINGE ZU LEIDEN? Die Verpflegung in beiden Lagern war katastrophal: morgens und abends jeweils 80 g Brot, mittags eine Wassersuppe aus verwelkten, angefaulten Kohlblättern (»eine stinkende Brühe«). In 3 Wochen nahmen die Häftlinge bis zu 30 kg ab. Helene W.:

»Die Frauen waren mager, aber als ich die Männer sehen konnte, wirkten diese wie Skelette auf mich« Die Behandlung durch die Aufseher unterschied sich in beiden Lagern voneinander.

WARUM WURDEN SIE INHAFTIERT? Die Gründe sind sehr unterschiedlich: – Politische Gegner des NS-Regimes – Angehörige des Widerstandes in den besetzten Gebieten – Wehrdienstverweigerer bzw. deren Angehörige – Spione im Dienste der Alliierten – Kriegsgefangene – Juden – Geistliche – »Nacht- und Nebel-Häftlinge« – Zwangsarbeiter, vor allem aus dem Osten – Saarländer, die diszipliniert werden sollten – »Bummelanten« Für die meisten Häftlinge war die »Neue Bremm« nur Durchgangsstation auf dem Transport in die KZ.

Im Männerlager waren die Häftlinge vor allem körperlicher Gewalt ausgesetzt: Sie wurden geschlagen, gedemütigt, gefoltert, ausgepeitscht, misshandelt, zu Tode gequält, ertränkt, vorsätzlich ermordet. Ort dieser grausamen Folterungen war der Löschteich. In den Schilderungen aller ehemaligen Häftlinge dieses Lagers nehmen der Löschteich und die »Übungen«, die Tag für Tag stundenlang um dieses Becken herum zu absolvieren waren, einen zentralen Platz ein. M. Saussard:

»Täglich mussten wir um das Becken laufen, auf allen Vieren, im Laufschritt, im Entengang, meist hinlegen – aufstehen, hinlegen – aufstehen, im Schnee oder Schlamm. Der Oberaufseher dieses Lagers, ein dicker saarländischer Unteroffizier namens Drokur, machte sich ein Vergnügen daraus, uns mit seinem vollen Gewicht auf den Rücken zu steigen, wenn er der Meinung war, dass wir nicht flach genug auf dem Bauch lägen.«

WIE GROSS WAR DIE ZAHL DER OPFER? Die Zahl der Todesopfer des Lagers kann bis heute nicht genau festgestellt werden. Die Namen von 82 Ermordeten sind offiziell dokumentiert, darunter 43 Franzosen, 15 Bürger aus der Sowjetunion, 9 Polen, 4 Deutsche. Die »Sportfolter« um den Löschteich zusammen mit der katastrophalen Mangelernährung der Häftlinge führte zu zahlreichen Todesfällen. Außerdem wurden sehr viele Häftlinge erschossen. Der 78-jährige Ukrainer Vasily Volodko kehrte im Herbst 2002 wieder an den Ort seiner Folter zurück. »Solche Dinge mussten wir hier immer machen.«

Im Frauenlager waren die Häftlinge vor allem psychischer Gewalt ausgesetzt. Frauen, die keine Zwangsarbeit leisten mussten, wurden dazu genötigt, in totaler Bewegungslosigkeit in den Baracken auszuharren, auch durften sie nicht miteinander sprechen. Fenster und Türen waren abgeriegelt, so dass Sauerstoffmangel bei vielen zu Ohnmacht führte. Die hygienischen Bedingungen waren in beiden Lagern menschenunwürdig. Die Kleider, die die Häftlinge bei ihrer Ankunft trugen, wurden nicht gewechselt. Läuse, Wanzen und Flöhe quälten sie. Als Toiletten gab es lediglich Latrinen, offene Aborte. Die Duschräume dienten weniger der Körperpflege, sondern wurden zumeist als Ort der Folter zweckentfremdet. Da im Frauenlager sanitäre Einrichtungen fehlten, benutzten die Häftlinge die morgendliche Ration Kaffee, um sich notdürftig zu säubern. Ein Eimer in der Mitte eines geschlossenen Raumes diente als »Toilette« für 120 Häftlinge.

Die Grabsteine von Opfern auf dem Hauptfriedhof in Saarbrücken

M. Saussard:

»Die skelettartigen Leichen wurden ganz ausgezogen und unter einem nach allen Seiten offenen Schuppendach in Nähe des Wachturms gestapelt, bis ein Lastwagen kam, um sie abzuholen (wenn die Anzahl sich lohnte). Sie wurden lose in den Laderaum geworfen, mit einer einfachen Plane zugedeckt und zu einem unbekannten Zielort gebracht.« Hinzu kommen noch Hunderte von Häftlingen, die in den Folge-Lagern Buchenwald, Dachau, Mauthausen, Sachsenhausen oder Ravensbrück an den Nachwirkungen der Misshandlungen und der Unterernährung starben, die sie auf der »Neuen Bremm« erlitten hatten.

WER WAREN DIE TÄTER? 1. Das Führungspersonal: Fritz Schmoll, Kommandant des gesamten Lagers, SS-Untersturmführer, 30 Jahre, geboren im Kreis Simmern/Hunsrück. Peter Weiss, sein Stellvertreter, 35 Jahre, geboren in Forbach. Karl Schmieden, Führer Fritz Schmoll, der Wachmannschaften, LagerkomSS-Oberscharführer, mandant 24 Jahre, geboren in Saarbrücken. Karoline Thomae, Oberaufsicht über das Frauenlager, 32 Jahre, zur SS-Aufseherin ausgebildet. 2. Die Aufseher waren keine professionellen Nazis. Sie wurden im Rahmen der Notdienstverordnung vom Arbeitsamt in dieses Lager geschickt. Notdienstverordnung vom 15. Oktober 1938: §1 (Absatz 1) »Zur Bekämpfung öffentlicher Notstände sowie zur Vorbereitung ihrer Bekämpfung können Bewohner des Reichsgebietes für eine begrenzte Zeit zu Notdienstleistungen herangezogen werden.« Ein Beispiel: Nikolaus Drokur 63 Jahre, pensionierter Bergmann, verheiratet, 3 Kinder; gilt als »fürsorglicher Familienvater, gut und anständig, eifrig und fleißig, hilfsbereit und gut verträglich«. Im Lager »Neue Bremm« entwickelt er sich zu einer »Bestie«: Er ist äußerst brutal, veranstaltet Ertränkungen von Häftlingen im Löschteich als Spektakel, Folterungen und Misshandlungen, die den Tod zahlreicher Häftlinge herbeiführen. Er wurde wegen seiner Brutalität entlassen. Er war zu gewalttätig und erbarmungslos, selbst nach den Maßstäben eines nationalsozialistischen Lagers.

WIE WURDEN DIE TÄTER BESTRAFT? Vom 16. Mai bis zum 7. Juni 1946 und im Juli 1947 wurden insgesamt 47 ehemalige Angestellte des Gestapo-Lagers »Neue Bremm« im größten Kriegsverbrecherprozess der französisch besetzten Zone, dem Rastatter Prozess, angeklagt.

Richter während des Rastatter Prozesses

Zur Last gelegt wurden ihnen Mord, Totschlag, grobe Misshandlung, Körperverletzung und Diebstahl. Keiner der 47 Angeklagten bereute sein Handeln. Die Urteile: 15 Männer zum Tode verurteilt, darunter Schmoll, Weiss, Schmieden, Drokur; 14 Todesurteile wurden am 30. Juli 1946, ein weiteres am 11. Dezember 1947 vollstreckt. 19 Männer und 6 Frauen: Haftstrafen zwischen 15 Jahren mit Zwangsarbeit und 3 Jahren Gefängnis. 2 Freisprüche, darunter Eduard Leibfried: Der 37-jährige bewies Zivilcourage. Er schlug niemanden. Trotz großer Schwierigkeiten versuchte er, die eigene Menschlichkeit und die Würde anderer zu wahren. Er ließ sich nicht davon abhalten, einigen Gefangenen durch Zuteilung von Lebensmitteln und Zigaretten zu helfen.

ZUM NACHDENKEN 

War das Lager »Neue Bremm« – ein KZ? – ein Lager für Verbrecher? – ein Gestapo-Lager? – ein Durchgangslager?





Warum waren die Aufseher zu den Häftlingen so grausam und brutal? War es – der Hass gegen Ausländer? – weil sie keine Bestrafung befürchten mussten? – das Gefühl der Macht? – die Spirale der Gewalt? Die »Neue Bremm« wurde zu einer Gedenkstätte ausgebaut. Findest du das richtig?

Ein Flyer der Projektgruppe »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« der ERS Edith-Stein-Schule Friedrichsthal

– Ja, sie ist ein Mahnmal gegen Terror und Gewalt. – Ja, sie ist ein Mahnmal gegen Rassismus. – Nein, es muss endlich mal Schluss mit der NS-Vergangenheit sein! – Nein, die heutige Generation hat damit nichts mehr zu tun. Vielleicht findest du noch andere Gründe! Diskutiert eure Antworten!

Hier findest du weitere Informationen:  www.gestapo-lager-neue-bremm.de  www.neue-bremm-online.de

 Elisabeth Thalhofer : Neue Bremm, Terrorstätte der Gestapo, 3ième édition complétée, St. Ingbert 2004.

 Elisabeth Thalhofer : Entgrenzung der Gewalt, Gestapo-Lager in der Endphase des Dritten Reiches, 1ère édition, Paderborn 2010.

 Burkhard Jellonnek : Die Hölle von Saarbrücken, Geschichte des Gestapo-Lagers Neue Bremm an der deutsch-französischen Grenze, Série de publications, Landeszentrale für politische Bildung, No. 1, 2008.  »Bis zu den Schultern in der Jauche«. Ehemalige Häftlinge des Saarbrücker KZs Neue Bremm erinnern sich. Zweisprachige Ausgabe: Deutsch / Franzö sisch VVN-Bund der Antifaschisten, 2001.

 Führungen durch die Gedenkstätte sowie Wanderausstellung »Der Gewalt keine Chance – Schüler über Naziterror und Rechtsextremismus im Saarland« buchbar über Landeszentrale für politische Bildung, Beethovenstraße 26, 66125 Saarbrücken, Tel. 06897 / 7908-104, www.lpm.uni-sb.de/lpb

Bei Jugendlichen nachgefragt: Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm