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Imagination und Reflexion Zur Gefangenschaft der Geisteswissenschaften im Nutzen- und Leistungsdenken Elisabeth von Erdmann Was leisten die Geisteswi...

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Imagination und Reflexion Zur Gefangenschaft der Geisteswissenschaften im Nutzen- und Leistungsdenken Elisabeth von Erdmann

Was leisten die Geisteswissenschaften? Die Frage liegt in meinen Augen neben der Sache. Sie führt einen ökonomisierten Leistungsbegriff als Maßstab ein und legt gleichzeitig die Entscheidung darüber, was beobachtet werden soll, fest. Es sind Fragen, die Weltwahrnehmung und Wissenschaft gestalten und Bilder der Realität formen. Wirklichkeit zeigt jeweils das Gesicht, das der Frage entspricht, die an sie gestellt wird. Die Frage nach der Leistung der Geisteswissenschaften bringt eine Sichtweise hervor, in der sie ihren Nutzen für die Gesellschaft fortwährend rechtfertigen und sich gemäß den politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Anforderungen präsentieren müssen, die sich heute in den Vordergrund geschoben haben. Im Bemühen, dieser Frage gerecht zu werden, kommen die Geisteswissenschaften aus der Tretmühle der Rechtfertigung nicht heraus. Sie bleiben damit beschäftigt, sich „richtig“ zu positionieren und zu präsentieren. Dabei kommen viele andere Aspekte ihrer Beobachtungsmöglichkeiten nicht in den Blick und werden sogar von ihnen selbst vernachlässigt. Geisteswissenschaften sind so in die Defensive geraten, dass Stiftungen, Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere Institutionen sich zu Förderinitiativen und „Initiativen pro Geisteswissenschaften“ veranlasst sehen und die Politik offenbar der Ansicht ist, den Geisteswissenschaften mit einem „Jahr der Geisteswissenschaften“ unter die 180

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Arme greifen zu müssen, als handele es sich um eine im Aussterben begriffene Vogelsorte oder eine benachteiligte Minderheit. Dadurch sind in diesem Jahr 2007 die Geisteswissenschaften programmatisch dazu angehalten, sich der Öffentlichkeit vorzuführen mit dem Ziel und in der Hoffnung, ihre Nützlichkeit und Leistung beweisen zu können. „Prominente geben den Geisteswissenschaften ein Gesicht“, indem sie als Botschafter formulieren, was diese für sie sind: „wie die Zoologie für den Tiger“ (Bas Böttcher), eine „spannende Reise durch ein unbegrenztes Land“ (Manuel Herder), „Verdauungsenzym“ (Franka Potente), „Inspirationsquelle für meine kreative Arbeit“ (Sasha Waltz), „wertvoller Ausgleich“ (Nicola Laibinger-Kammüller), „notwendige Alternative“ sowie „Ergänzung“ und „Korrektiv“ (Rüdiger Safranski) (Vgl. www.abc-der-menschheit.de). Die Essaysammlung „1000 Worte für die Geisteswissenschaften“ mahnt an, „daß die Gesellschaft nicht als oneman-show der ökonomischen Stars funktioniert, sondern ohne die Arbeit hinter den Kulissen kollabiert“ (Vgl. http://1000worte.besign.info). Die Essays versuchen eine Ehrenrettung und führen an, dass die Geisteswissenschaften dennoch wichtige Aufgaben erfüllten und Reflexion und Orientierung in der Zeit böten (Klaus Prange), den menschlichen Geist und die Sprache zum Gegenstand hätten (Julian Lethbridge), präzises Denken und präzise Sprache vermittelten (Frank Kolb), Entgrenzungsprozesse beförderten (Dieter Langewiesche) sowie der geistigen Emanzipation des Menschen dienten (Enite Murswieh) (Vgl. ebd.). Doch keine dieser Aufgabenzuweisungen und Begründungen, von denen ich allerdings die Beförderung von Entgrenzungsprozessen ausnehmen möchte, bietet Aussicht auf den langersehnten Durchbruch für die Geisteswissenschaften. Sie sperren sich nach wie vor gegen eine überzeugend glatte Einordnung in den Nützlichkeits- und Leistungsdiskurs und in die Ökonomisierung aller Bereiche. 181

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Das von Seiten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verfasste „Manifest Geisteswissenschaften“ zeigt durch seine Bemühung, den Geisteswissenschaften einen gesicherten Platz in der Gesellschaft „als festen Bestandteil unserer Wissenschafts- und Alltagskultur“ zurückzugeben, unabsichtlich das, was in Wirklichkeit geschehen ist. Geschehen ist eine umfassende Indienstnahme der Geisteswissenschaften durch politische, kulturelle, soziale und ökonomische Interessen und eine Machtergreifung über sie, die durch einen Umsturz des Paradigmas vorbereitet wurde. Die Autoren schreiben zu den Geisteswissenschaften: „In ihnen begreift sich die Welt in Wissenschaftsform. Um dieser Aufgabe zu entsprechen, müssen die Geisteswissenschaften ihre derzeitigen eigenen Orientierungs- und Organisationsprobleme überwinden, mit denen sie sich häufig selbst als Teil jener Probleme moderner Kulturen erweisen, zu deren Bewältigung sie eigentlich da sind“ (Vgl. www.bbaw.de/bbaw/Aktuell/). Ich vermisse in diesem Manifest die kritische Reflexion der Aufgabenzuweisungen an die Geisteswissenschaften und die Frage danach, wie es zu den zu beklagenden Orientierungs- und Organisationsproblemen der Geisteswissenschaften in Wirklichkeit gekommen ist. Die Autoren bürden den Geisteswissenschaften die Verantwortung für eine Krise auf, in die sie systematisch von Politik und Gesellschaft durch Abwertung, fachfremde Forderungen, Maßstäbe, vor denen sie keine Chance haben, und eine gnadenlose Sparpolitik hineinmanövriert worden sind.

Machtergreifung und Opferverhalten Die Autoren übersehen oder verschweigen, dass es sich dabei um eine Machtergreifung über die Geisteswissenschaften durch Politik sowie gesellschaftliche und ökonomische 182

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Interessen gehandelt hat. Diese haben natürlich ihre Belange zu verfolgen, aber daraus offenbar den Schluss gezogen, die Geisteswissenschaften müssten von nun an auch diesen Interessen so dienen, wie Gesellschaft und Politik es sich vorstellen. Sie dürfen nicht mehr ihren eigenen Wegen folgen, die sie viele Jahre mit übrigens beträchtlicher internationaler Anerkennung gegangen sind, weil sie sonst nichts nützten und das Geld nicht wert seien, das in sie gesteckt würde. Akteure ohne geisteswissenschaftliche Kompetenz und Ahnung davon, worin die geisteswissenschaftlichen Interessen und Stärken liegen könnten, aber mit Geld und Einfluss und diesen Werten verpflichteten Interessen, halten sich seit dieser herbeigeführten Krise für autorisiert, die Geisteswissenschaften auf ihre eigenen Wege zu manövrieren und dort zu Dienstleisterinnen des gesellschaftlichen Nutzens, wie sie ihn verstehen, zu machen. Geld und Förderung gibt es für die Geisteswissenschaften, doch müssen sie von Fall zu Fall erneut verdient werden, indem geisteswissenschaftiche Forschung und Lehre unter Überschriften und in Programme gestellt werden, die zum Teil wenig mit Wissenschaft, aber viel mit den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Interessen zu tun haben, wie sie von einer der Ökonomisierung aller Bereiche verschriebenen Elite, die mit Zwängen der Globalisierung argumentiert, definiert werden. Ich sehe in dieser Entwicklung eine ernste Bedrohung der Freiheit der Wissenschaft. Die Krise fand statt, um die Geisteswissenschaften dressierbar zu machen. Ihnen wurde, nachdem sie abgewertet und disqualifiziert worden waren, die Aufgabe zugewiesen, zur Beförderin und damit zur Tautologie herrschender Diskurse zu werden. Mit den Instrumenten der Existenzangst, des Rechtfertigungsdrucks, mittels Förderkorsetten, der Einbindung in politische Programme etc. werden die Geisteswissenschaften auf diesen Kurs gebracht und dort gehalten. 183

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Das Konzeptpapier des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „Freiraum für wissenschaftliche Forschung“ (Vgl. www.abc-der-menschheit.de) ist ein Ergebnis dieser Entwicklung und kündigt als besondere Maßnahmen temporäre Förderinstrumente an, die vor der Herbeiführung der Krise für die Geisteswissenschaften zum selbstverständlichen Dauerstandard gehörten, zum Beispiel den Wissenschaftlern solche Arbeitsbedingungen zu geben, dass sie Zeit für die Forschung haben. Das „Manifest Geisteswissenschaften“ ist Ausdruck eines weitverbreiteten Opferverhaltens. Die sich darin zu Wort meldenden Sprecher der Geisteswissenschaften akzeptieren Funktionalisierung und Selbstbestimmungsverlust der geisteswissenschaftlichen Diskurse und übernehmen das aufgedrängte Paradigma. Auf diese Weise hoffen sie, den Geisteswissenschaften wieder einen Platz in der Gesellschaft zu verschaffen, und übersehen, dass das bei diesen Werten nur ein nachgeordneter Platz sein kann. Den Geisteswissenschaften stünde es besser zu Gesicht, sich selbst treuer zu bleiben und dem fremden Blick auf sich ihren eigenen Blick auf sich gegenüberzustellen. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, sagte der weise Einstein (Vgl. www.norbertkasper.de/interessantes/lebensweisheiten/Einstein.htm). Die Frage nach dem Nutzen und der Leistung der Geisteswissenschaften ist einfach falsch. Sie formt ein Bild, das die Geisteswissenschaften zwingt, sich von sich selbst zu entfremden, für andere Diskurse zu funktionieren, sich aufoktroyierten Bewertungskriterien zu beugen und trotzdem nie den Durchbruch zu schaffen, das heißt, zu einem wirklich nützlichen, sich rechnenden Bereich der Gesellschaft zu werden. Stellen wir also andere Fragen an die Geisteswissenschaften und schauen, welches Bild sie dann bieten. Zum 184

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Beispiel: Welche Qualitäten haben die Geisteswissenschaften? Warum stehen sie der reibungslosen Einfügung in die herrschenden Diskurse von Leistung, Nutzen, Ökonomie, Vernetzung, politischen Programmen und Globalisierung zum Teil ziemlich hilflos gegenüber? Sie führen offensichtlich nicht nur in die praktische Welt des ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzens. Wohin führen sie noch? Werte wie vereinigtes Europa, Vernetzung, kulturelle Kommunikation, Wohlstand, Fortschritt, Bestehen in einer globalisierten Welt und unter den Bedingungen einer umfassenden Ökonomisierung etc. geraten in meinen Augen unter den Verdacht, totalitäre Ansprüche zu stellen, wenn alles sich ihren Maßstäben beugen und unter diese Überschriften gestellt werden soll. Wenn Bereiche der Gesellschaft nicht glatt in diese allgemeine Tendenz passen, sperrig wirken und dabei stören, alles auf diese Werte und Maßstäbe reduzieren und das nicht Passende durch sie ersetzen zu können, dann ist das ein näheres Hinschauen wert. Damit will ich nicht behaupten, dass die Geisteswissenschaften nicht auch Leistungen zu bieten hätten, die gut in die allgemeine politische, ökonomische und kulturelle Tendenz passen. Das Aufzählen dieser Leistungen gehört zum Standardrepertoire der Rechtfertigung der Geisteswissenschaften, um die es mir hier nicht geht. Aber ich frage mich trotzdem, was für eine Welt das werden soll, in der Diskurskompetenz, Verstehen, Sinngebung, kritische Reflexion und die Vermittlung des Bewusstseins, in einer Geschichte zu sein, unter Rechtfertigungsdruck geraten. Geisteswissenschaften haben oft genug totalitären Strukturen gedient und damit hohe Wertschätzung in ihrer Gesellschaft erworben – das gilt zumindest für die sozialistischen Gesellschaften -, weshalb Widerständigkeit zwar zu ihren Potenzialen, doch nicht zu ihren zwangsläufigen Eigenschaften gehört. Wenn sie heute trotz großer Anpassungsbemühungen Rechtfertigungsprobleme haben, dann 185

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betrifft das möglicherweise Eigenschaften, die mit einer durch Globalisierungsprozesse begründeten Vereinnahmung nicht ohne weiteres kompatibel sind. Warum? Ich vermute im Problem der Geisteswissenschaften, uneingeschränkt nützlich und leistungsstark zu sein, Werte und Aspekte, die sich einer Instrumentalisierung durch den Menschen entziehen, aber trotzdem lebensnotwendig für ihn sind: Werte, die ihm zumindest den Blick über seine letztendlich doch begrenzte und sich in zahllosen Varianten fortwährend wiederholende Welt hinaus eröffnen und diese Welt etwas weniger begrenzt machen könnten. Instrumentalisierung intendiert immer Kontrolle. Deshalb bekommt das Wissen den Vorrang vor der Phantasie bzw. der Imagination. Einstein sah das anders, wenn er feststellte: „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“ (ebd.).

Zugänge zu Phantasie und Imagination Geisteswissenschaften lassen sich nicht vollkommen kontrollieren, weil sie nicht nur in die praktische Welt hineinführen, sondern auch aus ihr herausführen können. Damit halten sie Zugänge offen zu Modellen, die die Imagination und das Denken als eigenständigen Bereich von gleicher Objektivität wie den konkreten Bereich auffassen. Daraus kann sich eine Vervollständigung des einseitigen Anspruchs ergeben, an den wir uns alle gewöhnt haben, dass Imagination und Phantasie nur dann etwas taugen, wenn sie in konkrete Praxis, die nützt, umgesetzt werden können. Unter konkreter Welt wird dann in der Regel die Welt verstanden, wie die herrschende Tendenz sie haben will. Das ist sicher nicht die einzig mögliche Welt und auch nicht unbedingt schon die beste aller möglichen Wel186

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ten. Geisteswissenschaften verweigern die geforderte Geradlinigkeit und kultivieren stattdessen Umwege, die andere Aspekte miteinbeziehen. Damit entwickeln sie eine Perspektiven setzende Kraft und geben dem „Willen zur Illusion“ einen Ort, an dem er kreativ werden kann. Geisteswissenschaften sind also der Ort, an dem die umgekehrte Richtung erforscht werden kann, nämlich wie konkrete Welt zu geistiger Welt, zu Imagination wird. Diese Richtung haben viele Denker und Dichter in östlichen und westlichen Kulturen geschätzt und kultiviert (neoplatonische Strömungen, prisca-sapientia-Tradition, islamische Mystik, Poetiken etc.). Es ist eine Weltwahrnehmung, die dem Leben Farbe, Glanz, Sinn, Tiefe, Dunkelheit, Ausblick und anderes mehr gegeben, aber keinen konkreten, in Zahlen angebbaren Nutzen gezeitigt hat. Diese Umkehrung der Richtung, in welche konkrete Welt sich auf Imagination und Denken zubewegt, stellt eine unkritische Prämisse heutiger Diskurse grundsätzlich in Frage, die voraussetzt, dass Bereiche und Ebenen aufeinander reduzierbar seien, damit die eine Ebene der anderen nütze und für sie Leistung erbringe. Die heutige Prämisse sieht als Nutznießer die Praxis, die konkrete Welt. Es gab Zeiten, in denen das gerade umgekehrt gesehen wurde, und diese Zeiten sind allein schon zur Vervollständigung des Bildes beachtenswert. Geisteswissenschaften können auf ihren Wegen zwischen zwei Welten, der Imagination und dem Denken sowie der Praxis, eine weitere unkritische Prämisse relativieren, nämlich dass die einzige Orientierungsstrategie des Menschen in seiner Lebenswelt die Kontrolle und Nutznießung sei. Die Denkmodelle, die konkrete Welt in die Imagination aufheben, bieten stattdessen die Strategie der Teilhabe an. Es wäre natürlich schön, glauben zu können, dass die konkrete Welt einmal durch Teilhabe statt durch Kontrolle organisiert würde. Doch ist die Existenz und Wahr187

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nehmung eines Maßstabs der Teilhabe lebenswichtig, auch wenn dieser Maßstab nicht in Praxis umgesetzt wird, ähnlich wie das oft mit ethischen Regeln der Fall ist, die auch nicht in die Praxis umgesetzt werden, deren bloße Existenz aber schon die Praxis in Zaum hält. Geisteswissenschaften, die sich nicht als Tautologie verstehen, können erforschen und vermitteln, wie Wirklichkeit durch die Wahrnehmung verschiedener Welten, die da sind, ohne aufeinander reduzierbar oder nützlich füreinander zu sein, grundsätzlich verändert wird. Einstein wusste diese Welt der Imagination zu schätzen, reduzierte sie nicht auf etwas Anderes und konnte trotzdem mit seinen Theorien die Wirklichkeit und Wissenschaft verändern. Er sagte: „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, daß ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint“ (Vgl. ebd.). Der Verzicht auf Vereinnahmung, Kontrolle und Nutznießung und auf die Reduktion des Einen auf das Andere, der den Geisteswissenschaften in ihren Forschungen möglich ist, eröffnet größere Spielräume für etwas ganz Neues, als wenn man die Geisteswissenschaften zur Tautologie anderer Interessen macht, sie zu allegorischer Exegese der Welt und der herrschenden Diskurse zwingt und damit in ihre Dynamik eingreift. Damit können sich Fragen neu stellen, wem oder was die konkrete Welt begegnet, wenn sie auf die Ebene der Imagination oder des Geistes kommen kann, ohne sie gleich für sich nutzbar machen zu müssen. Wodurch mag sie dort angeordnet und bestimmt werden? Wie und nach welchen Gesetzen wird sie dort gestaltet? Es gibt Gegenstände geisteswissenschaftlicher Forschung, die nur die Richtung auf die Imagination, das Denken und den Geist nehmen und nicht mehr zurück in die Praxis führen. Die Wahrnehmung dieser die Wirklichkeit entgrenzenden Traditionen durch geisteswissenschaftliche Forschung und 188

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Vermittlung bewerte ich ebenfalls als lebensnotwendigen Bestandteil der Realitäten des Menschen. An dieser Stelle möchte ich allerdings ausführen, welchen Freiraum eine Bewegung braucht, die von der Praxis in die Imagination und das Denken und wieder in die Praxis zurückführt. Vielleicht überrascht es, wie wichtig ein Denken für Wissenschaft und Wirklichkeitsgestaltung ist, das so tut, als ob etwas möglich wäre, das nicht möglich ist, und sich etwas vorstellt, als ob es das wirklich gäbe, obwohl es das nicht gibt. Die Begriffe des Denkens und seine Methoden und Wege sind nie identisch mit Wirklichkeit. Sie sind oft genug willkürliche Abweichungen und befinden sich häufig sogar im Widerspruch mit der Wirklichkeit, entgrenzen und bereichern sie dadurch und gelangen durch eine stetig ansteigende Verfälschung der Wirklichkeit zu einer Steigerung der Kräfte zu ihrer Veränderung. Hans Vaihinger ist schon vor vielen Jahren der Frage nachgegangen, weshalb mit bewusst falschen Vorstellungen Richtiges erreicht werden kann. Er entwickelt in seiner 1911 erschienenen Philosophie des Als ob die Bedeutung, die von der Wirklichkeit abweichende Fiktionen für die Gestaltung eben dieser Wirklichkeit durch Wissenschaft haben. Er versteht das mit Fiktionen arbeitende Denken als Mechanik der Realitätsgestaltung, das die Fiktionen wie Werkzeuge ergreift und wieder weglegt. Vaihinger beschreibt ausführlich, dass die Wege des Denkens und der Imagination andere seien als die des Seins und durchaus nicht Abbilder der realen Verhältnisse, sondern Instrumente, um sich in ihnen zu orientieren. Brauchbarkeit und Unbrauchbarkeit bilden darin keine Beweise für richtig und falsch. Für diese anderen Wege des Denkens und der Imagination haben die Geisteswissenschaften Kompetenz zu bieten, und dafür brauchen sie Freiräume statt Rechtfertigungsdruck, nicht um sich aus der Wirklichkeit zu verabschieden, sondern um die Welt des Denkens und der Imagination, die 189

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auch eine Ebene von Wirklichkeit sind, aber eben eine andere, zu erforschen und wahrnehmbar zu machen. Ermutigung für die Zurückweisung der Zumutung, zur Tautologie zu werden, kann an unerwarteten Orten gefunden werden. Die Notwendigkeit eines Verzichts auf die Reduktion der einen Ebene auf die andere kann in Wissenschaften, die sich nicht wie die Geisteswissenschaften in der Defensive befinden, zu den methodischen Grundlagen gehören. Der Hirnforscher Benjamin Libet verlangt in seinem Buch Mind Time, die objektiv messbaren physikalischen Ereignisse und die subjektiv beobachtbaren mentalen Eigenschaften als phänomenologisch voneinander unabhängige Kategorien zu betrachten. Dabei ist die eine nicht auf die andere reduzierbar oder die eine durch die andere beschreibbar. Ihre Beziehung aber wird nur durch gleichzeitige Beobachtung erkennbar. Die einzige Evidenz der subjektiv beobachtbaren mentalen Eigenschaften ist dabei nur durch den subjektiven Bericht des Erfahrenden zu erlangen.

Vernetzung – eine unkritische Prämisse Dies führt mich zu einer weiteren unkritischen Prämisse, dass nämlich Fortschritt und Effizienz nur in der Vernetzung und umfassenden Kooperationen liegen können. Der Glaube, dass durch Kommunikation zwischen möglichst vielen Menschen Probleme besonders gut zu meistern und vor allem Innovation zu erreichen sei, erscheint mir ziemlich naiv. Vielmehr eröffnet sich die Aussicht, dass durch diese durchaus zeit- und kraftintensiven Vernetzungen und Kooperationen immer das Gleiche, also Tautologien, in eine unendliche Zirkulation geschickt werden und der Ort unbekannt wird, an dem ein einzelner Mensch, ein Subjekt, noch korrigierend und verändernd, also innovativ 190

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eingreifen könnte. Geisteswissenschaften lassen sich nicht so gut vernetzen, weil sie heterogen und individualistisch sind, sich also nicht reibungslos unter gleiche Überschriften stellen lassen. Das wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Ich sehe in diesem Unvermögen einen wichtigen Wert. Geisteswissenschaften erforschen und praktizieren, dass es außer der Kommunikation mit anderen Menschen und dem Aufgehen des Einzelnen in Netzwerken noch eine andere Kommunikation gibt, die für den Menschen lebenswichtig ist. Es ist die Kommunikation mit der Ebene der Imagination und des Denkens, der Ebene, wo die Bilder leben, die anders als die Praxis ist, und der der Mensch als individuelles Subjekt und nicht als Netzwerk gegenüber tritt. Geisteswissenschaften sind also auch der Ort, an denen der Mensch als Individuum und in Beziehung zur Imagination wahrgenommen werden und agieren kann. Geisteswissenschaften erforschen und beobachten die andere Welt. Sie praktizieren, wie die konkrete Realität durch die andere Welt der Unendlichkeit, die Imagination und das Denken geschickt wird, und mit den Spuren dieser Reise möglicherweise wieder auf die Erde zurückkommt.

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