Instandhaltung: Neue Chancen, neue Risiken

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Instandhaltung: Neue Chancen, neue Risiken Christian Brauner Galten Unterhalt und Wartung technischer Systeme bis vor einigen Jahren noch als notwendiges Übel, bieten sie heute innovative Möglichkeiten, die Qualität, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität zu sichern und sogar zu steigern. Damit wandelt sich Instandhaltung von einem technischhandwerklichen Vorgang zu einem strategischen Managementprozess, der neue unternehmerische Chancen erschliesst, sich aber immer auch in vielfältiger Weise auf die technischen Risiken auswirkt. Um die daraus resultierenden Risikoänderungen rechtzeitig erkennen und richtig bewerten zu können, muss sich der Versicherer sowohl mit dem jeweiligen technischen Hintergrund auseinandersetzen, als auch das Instandhaltungsmanagement des Versicherungsnehmers hinterfragen. Einfache Checklisten genügen dazu nicht. Vielmehr muss aus vielen 'weichen' Faktoren ein Gesamtbild erstellt werden, das einerseits die Risikofragen des Versicherers beantwortet und in dem sich anderseits aber auch die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden richtig dargestellt wieder erkennen können. Dies verlangt einen intensiven Dialog zwischen Versicherungsnehmer und Versicherer. In diesem Sinne soll die vorliegende Publikation helfen, die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen besser zu verstehen und gemeinsam die richtigen Fragen zu formulieren. Instandhaltung als Chance Instandhaltungsverfahren lassen sich in fünf Grundformen unterscheiden: Bruch-Wartung (Breakdown Maintenance oder Run to failure Maintenance): Das technische System wird so lange wartungsfrei betrieben, bis offensichtliche Störungen auftreten. In der Medizin entspräche dies einem Patienten, der nur dann einen Arzt aufsucht, wenn er sich ernsthaft krank fühlt. Zeitbasierte Instandhaltung (Scheduled Maintenance oder Time Based Maintenance): Das System wird unabhängig von seinem tatsächlichen Zustand in regelmässigen Intervallen gewartet. Beispielsweise alle vier Wochen oder nach einer bestimmten Anzahl von Betriebsstunden; in etwa vergleichbar einem regelmässigen Erholungsurlaub. Zustandsbasierte Instandhaltung (Predictive oder Condition Based Maintenance) orientiert sich am aktuellen Zustand des technischen Systems: Instandhaltungsarbeiten werden nur dann ausgeführt, wenn sie tatsächlich notwendig sind. Das medizinische Pendant: Mehr Sport treiben, wenn die Waage ein zu hohes Körpergewicht anzeigt. www.physical-asset-manager.eu

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Instandhaltung: Neue Chancen, neue Risiken Risikobasierte Instandhaltung konzentriert sich auf jene Funktionen eines technischen Systems, deren ungeplanter Ausfall mit - besonders - hohen Kosten oder Schäden verbunden ist; vergleichbar der frühzeitigen Diagnose und Therapie einer Herzschwäche bei Verkehrspiloten. Integrierte Instandhaltung: Art und Umfang des Unterhalts technischer Anlagen werden nach strategischen Unternehmenszielen ausgerichtet und beispielsweise dazu genutzt, Marktanteile zu gewinnen – in etwa vergleichbar der Leistungssteigerung eines Athleten durch sportmedizinische Betreuung In der Entwicklung von der einstigen Bruchwartung zur integrierten Instandhaltung spiegelt sich ein tief greifender Paradigmenwechsel wieder. Diente die Wartung ursprünglich allein dazu, den monetären Wert technischer Anlagen zu halten, indem sie sorgfältig gepflegt werden, steht heute die Verfügbarkeit der jeweils erbrachten Leistung im Vordergrund. Beispiel Arbeitsplatzbeleuchtung: Hat ein kurzzeitiger Ausfall keine negativen Konsequenzen, genügt es die Leuchtstoffröhren dann zu wechseln, wenn sie zu flackern beginnen. Beeinträchtigt schlechtes Licht die Produktivität, empfiehlt sich ein regelmässiger Austausch nach einem bestimmten Zeitraster. Dann aber werden manche Röhren zu früh, andere zu spät gewechselt; es kommt immer noch zu Störungen und es entstehen unnötige Kosten. Um diese zu vermeiden, können die Wartungsarbeiten auf günstige Zeiten terminiert werden, um dann jeweils die Röhren zu ersetzen, die bereits eindeutige Verschleissmerkmale aufweisen. Spielt die Arbeitsplatzbeleuchtung eine zentrale Rolle, beispielsweise bei handwerklich sehr anspruchsvollen Produktionsschritten, wird man die Lampen nicht nur warten, sondern zudem versuchen, sie durch innovative Beleuchtungstechniken zu ersetzen, mittels derer sowohl die Produktionsqualität gesteigert, als auch noch der Energieverbrauch reduziert werden kann. Die Idee moderner Instandhaltungsverfahren ist es also, weder per se Unterhaltskosten einzusparen, noch technische Systeme um der Perfektion Willen immer weiter zu verbessern. Die eigentliche Chance besteht darin, dass Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen der Instandhaltung zu optimieren. Sei es nun, indem unter Beibehaltung der bisher erreichten Zuverlässigkeit auf tatsächlich, unnötige Wartungsarbeiten verzichtet wird. Nach Schätzungen von Dankl+Partner bringt eine Reduktion der Instandhaltungskosten um ein Prozent eine gleich hohe Verbesserung des Betriebsergebnisses wie eine Umsatzsteigerung von 33 Prozent. Oder die Optimierung wird erzielt, indem die Wartungs- und Reparaturarbeiten flexibel an die Betriebsabläufe angepasst werden, anstatt sie umgekehrt nach Serviceintervallen auszurichten. Das setzt zwar meist erhebliche Investitionen oder sogar neue Entwicklungen voraus, beispielsweise von Diagnoseverfahren, bei denen aus der Vibration rotierender Teile auf den Zustand von Wellen, Lagern, Dichtungen geschlossen werden kann. Aber der Mehraufwand kann sich durchaus lohnen, wie eine Studie der Turvac Incorporation am Beispiel von Elektrizitätswerken zeigt: Je höher entwickelt das Instandhaltungssystem, desto geringer die Produktionskoten in USD pro installierter Leistungseinheit (KW). www.physical-asset-manager.eu

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Instandhaltungs-verfahren

Produktionskosten pro installiertem KW und Jahr

Breakdown Maintenance

18 USD

Time Based Maintenance

13 USD

Condition Based Maintenance

9 USD

Integrated Maintenance

6 USD

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Instandhaltung als Risiko Von ihrem Zweck her betrachtet gilt die Instandhaltung eher als Sicherheitsstatt Risikofaktor, dient sie doch dazu, technische Ausfälle zu vermeiden; vergleichbar dem Fitnesstraining, das als gesundheitsfördernd gilt, obwohl man sich dabei verletzen kann. Zum Risiko wird Instandhaltung, indem sie unterlassen oder fehlerhaft ausgeführt wird. Worin aber besteht das Risiko von Versäumnissen und Fehlern in Inspektion, Wartung und Reparatur? Betrachtet man nur die unmittelbaren Auswirkungen – entsprechen die möglichen Tragweiten eines technischen Ausfalls dem Gebrauchswert des jeweiligen Systems und die Wahrscheinlichkeit erweist sich als einfache Funktion der Instandhaltungsleistung. Je besser eine Maschine in Schuss gehalten wird, desto weniger wahrscheinlich ihr Verlust. Werden jedoch auch die möglichen Sekundärschäden einbezogen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Schon einfache, für sich betrachtet eher harmlose technische Ausfälle können Schadenprozesse katastrophalen Ausmasses auslösen. Am Morgen des 6. Juli 1988 wurde auf der Bohrplattform Piper Alpha in der Nordsee ein Kompressor ausser Betrieb genommen, um ein Überdruckventil auszubauen und zu überholen. Um 21.45 Uhr fiel der zweite Kompressor aus. Daraufhin wurde versehentlich wieder der erste, jedoch nicht betriebsbereite Kompressor in Betrieb genommen. Zwölf Minuten später setzte eine Reihe von Explosionen ein. 167 Männer starben. Mit drei Milliarden USDollar entstand der bis heute höchste versicherte Sachschaden als Folge eines technischen Unglücks. Allerdings sind die Folgeschäden nie auf eine unzulängliche oder fehlerhafte Instandhaltung allein zurückzuführen. Auch die Tragödie auf der Piper Alpha resultierte aus einer langen Verkettung von Konstruktionsfehlern, organisatorischen Mängeln, Missverständnissen, Irrtümern, Regelverstössen und zufälligen Konstellationen. Eine lange Liste verpasster Chancen, die www.physical-asset-manager.eu

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Instandhaltung: Neue Chancen, neue Risiken vielleicht nicht die technische Panne, wohl aber die Katastrophe vermieden hätte. So waren die Löschanlagen zum Zeitpunkt des Unglücks, um nur ein Detail anzuführen, auf Handbetrieb gestellt. Damit sollte verhindert werden, dass aus Versehen Taucher von den Löschwasserpumpen angesaugt werden. Der Startknopf für die Löschanlage war jedoch nach der ersten Explosion gar nicht mehr zugänglich, eine Bekämpfung des Brandes im Anfangsstadium folglich unmöglich. Durch Instandhaltung können technische Risiken nicht eliminiert werden. Bestenfalls gelingt es, sie durch systematische Inspektion, Wartung und Reparatur zu reduzieren. Gesunde Ernährung mindert Erkrankungsrisiken ohne deshalb ewige Gesundheit zu garantieren. Instandhaltung ist also ein inhärenter Bestandteil technischer Risiken. Sie spielt immer irgendwie eine Rolle, wenngleich ihr Anteil am Gesamtrisiko nur selten zu quantifizieren ist. Weder lässt sich zuverlässig voraussagen, wie sich Versäumnisse und Fehler bei Inspektion, Wartung und Reparatur auf das zukünftige Schadensgeschehen auswirken werden, noch können Schäden und Folgeschäden ursächlich einzelnen Instandhaltungsmängeln zugeordnet werden. Beispiel Challenger. Nach allgemeiner Leseart wird die Explosion der Raumfähre auf einen Instandhaltungsfehler zurückgeführt, weil beim Start am 28. Januar 1986 Dichtungen versagt hatten. Die Rekonstruktion des Unfallhergangs zeigt jedoch eine vielschichtige Ursachenkette, die bei der Konstruktion des Gleiters beginnt und bei der Entscheidung endet, die Challenger trotz Eiseskälte zu starten, obwohl bekannt und sogar ausdrücklich davor gewarnt worden war, dass die Dichtungen bei Minustemperaturen spröde werden und versagen können. Ob Challenger, Concorde, Piper-Alpha Flixborough, Tschernobyl, Seveso oder irgendeine andere technische Katastrophe: immer zeigte sich im Nachhinein, dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte, das Desaster zu vermeiden. Praktisch immer wurde die Versagensmöglichkeit vorhergesehen, wenn nicht sogar explizit identifiziert und zur Diskussion stellt. Nicht die Technik ist das eigentliche Problem, sondern die richtigen Entscheidungen im Umgang mit der Technik zu treffen. Im Mai 2005 erhielt eine internationale Fluggesellschaft wegen technischer Mängel ihrer Flugzeuge in vielen europäischen Ländern Flugverbot. Eine richtige Entscheidung? Die Flug-Sicherheitsbehörden sind überzeugt, eine mögliche Katastrophe verhindert zu haben. Aus Sicht der betroffenen Airline eine überzogene Reaktion, die grossen wirtschaftlichen Schaden und einen kaum zu kompensierenden Reputationsverlust nach sich zogen. Nun wird oft argumentiert, allein schon aus ethischen Gründen müsse Technik stets so optimal Instand gehalten werden, wie dies überhaupt nur möglich sei. Das aber ist wirklichkeitsfremd. Flugzeug, Auto, Schiffe, Züge, Fabriken, Raffinerien, Kraftwerke, Verkehrsleitsysteme, Bohrinseln und ähnlich komplexe Maschinen und Anlagen sind nie "hundertprozentig in Ordnung“, weil es immer etwas zu inspizieren, zu kontrollieren, zu warten oder zu verbessern gibt. In der Praxis kann Instandhaltung also gar nicht auf die maximal mögliche www.physical-asset-manager.eu

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Sicherheit abzielen, sondern nur auf eine ausreichende technische Zuverlässigkeit. Zuverlässigkeit ist also kein absoluter, sondern ein relativer Wert. So wie Gesundheit auch. Instandhaltung als Management-Aufgabe Am 28. April 1988 verlor eine Maschine der Aloha-Airlines in 8000 m Höhe einen Teil des Kabinendachs. Eine Stewardess wurde aus der Maschine gesogen, die anderen Insassen kamen Dank einer bravourösen Notlandung der Piloten mit dem Schrecken davon. Zwar war das Flugzeug in den vorgeschriebenen Zeitintervallen ordnungsgemäss gewartet worden. Die Vorschriften hatten jedoch nicht berücksichtigt, dass die im hawaiischen Inselverkehr eingesetzte Maschine überdurchschnittlich viele Starts- und Landungen absolviert, wobei die Kabine durch den Druckausgleich jedes Mal aufgeblasen wird und sich wieder zusammenzieht. Zudem war die Maschine, weil sie auf den Kurzstrecken nur geringe Flughöhen erreichte, praktisch ständig salzhaltiger, stark korrodierender Luft ausgesetzt. Beides zusammen führte zu einem unerwartet schnellen Materialverschleiss, der innerhalb der fixen Wartungszeitpunkte zum überraschenden Bruch führte. Mit zustandsstatt zeitbasierter Wartung wären die ungeahnten Folgen des extrem Material strapazierenden Kurzstreckenverkehrs wahrscheinlich rechtzeitig entdeckt worden. Das bedeutet jedoch nicht, zustandsbasierte Instandhaltung sei in jeder Beziehung besser als die zeitbasierte Variante. Richtig ist: innovative Instandhaltungstechnologien bieten mehr Möglichkeiten. Sie zu nutzen verlangt aber auch grösseren Aufwand. Für die zustandsbasierte Wartung eines Stahlwerkes bedarf es hunderter von Sensoren, die kontinuierlich Vibrationen, Temperaturen, Drücke, Durchflussmengen, elektrische Spannungen und Ströme messen. Hinzu kommen persönliche Beobachtungen seltsamer Gerüche oder ungewöhnlicher Geräusche. All das muss richtig interpretiert und dann auch noch in konkrete Massnahmen umgesetzt werden, die vom Nachziehen lockerer Schrauben bis zur Abschaltung ganzer Produktionslinien reichen können. Innovative Instandhaltungsverfahren sind nicht nur technisch anspruchsvoller, sie stellen auch das Management vor neue Herausforderungen. Weil nicht mehr fix vorgegeben, müssen Zeitpunkt, Art und Umfang der Instandhaltungsmassnahmen immer wieder neu festgelegt werden. Es sind Entscheidungen, bei denen eben nicht nur eine Maschine auf dem Spiel steht, sondern womöglich die Reputation des ganzen Unternehmens. Im denkbar schlechtesten Fall kann es geschehen, dass ein gravierender Mangel zwar früher erkannt wird, als dies früher überhaupt je möglich gewesen wäre, dass jedoch aus irgendwelchen Gründen später als bis anhin darauf reagiert wird. Was, um noch einmal die Analogie zur Medizin bemühen, einer frühzeitigen Krebsdiagnose entspräche, der kein sofortiger Therapiebeginn folgt. Je mehr Diagnosedaten zur Verfügung stehen, je mehr Anspruchsgruppen zu berücksichtigen und je mehr Kriterien ins Kalkül zu ziehen sind, desto grösser www.physical-asset-manager.eu

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Instandhaltung: Neue Chancen, neue Risiken wird die Bedeutung des Instandhaltungsmanagements. Denn nur in der unternehmerischen Gesamtschau wird erkennbar, wie zuverlässig – oder sicher – die einzelnen technischen Systeme sein müssen, um die strategischen Ziele erreichen zu können. Auswirkungen auf Versicherer Technische Ausfälle können versicherte Schäden in allen Versicherungssparten auslösen. Primär betroffen ist naturgemäss die Sachund Haftpflichtversicherung. Besondere Bedeutung kommt jedoch der Versicherung von Betriebsunterbruchschäden zu, da diese den primären Sachschaden mit zunehmender Funktionalität und Produktivität technischer Anlagen um ein Vielfaches übersteigen können. So kann der Ausfall eines Transformators zu monatelangen Betriebsunterbrüchen führen, wenn das Ersatzgerät erst bei Bedarf gebaut werden muss. Langfristig ist der Einfluss von Instandhaltungsprozessen auf technische Risiken selbstregulierend. Nehmen die Schäden als Folge technischer Ausfälle deutlich zu, wird dies über kurz oder lang als Indiz für eine nachlassende technische Zuverlässigkeit erkannt und durch korrigierende Massnahmen im Instandhaltungsbereich beantwortet. Umgekehrt ist zu beobachten, dass die Instandhaltungsbemühungen bei einem sehr günstigen Schadenverlauf eher nachlassen. So besehen wären für grosse Risikokollektive, etwa die gesamte Verkehrsluftfahrt, geringe Schwankungen in der Gesamtschadenlast als Folge technisch bedingter Unfälle zu erwarten. Aufgrund des immer schnelleren technologischen Wandels kann sich das Schadengeschehen dennoch schlagartig verändern. Denn unter dem zunehmenden Innovationsdruck des globalen Wettbewerbs werden immer häufiger technisch noch unausgereifte Werkstoffe, Verfahren und Produkte auf den Markt gebracht. Damit wird ein Teil der eigentlichen Entwicklungsarbeit in den Instandhaltungsbereich verschoben. Das kann zur Folge haben, dass man gravierende Mängel erst erkennt, nachdem die jeweilige Technik bereits weite Verbreitung gefunden hat. Beispiel: Ein Erdgasversorger setzte Kunststoffrohre ein, ohne deren Lebenszeit zu kennen und ohne den Alterungsprozess genauer zu untersuchen. Nach einigen Jahren Betriebszeit häuften sich plötzlich schwere Explosionsunglücke infolge undichter Leitungen. Eine zweite Herausforderung ergibt sich für den Versicherer aus der Spreizung der Instandhaltungsqualität. Es ist ja nicht so, dass die gesamte technische Welt auf dem Weg zur integrierten Instandhaltung sei, ganz das Gegenteil ist zu beobachten. Während manche Unternehmen die Instandhaltung tatsächlich als strategisches Werkzeug benutzen, um mit Spitzenqualität und perfekter Liefertreue Marktanteile zu erobern, wird andernorts um der Kostensenkung Willen Betriebspersonal abgebaut und de facto rustikale 'Bruchwartung' praktiziert. Umso wichtiger ist deshalb, dass der Versicherer unterschiedliche Risikoqualitäten erkennen kann, sei es um schlechte Risken zurückzuweisen oder sehr hohe Instandhaltungsleistungen honorieren zu können, wenn dies erkennbar zu einer Minderung der zu deckenden technischen Risiken führt. www.physical-asset-manager.eu

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Zwar ist der Spielraum für Prämiennachlässe in der Regel sehr gering. Oft aber kann dem Versicherungsnehmer durch eine Modifikation der Versicherungsbedingungen entgegen gekommen werden. Risikobeurteilung Aufgabe des Versicherers ist es, den Risikoausgleich innerhalb einer Gefahrengemeinschaft zu organisieren. Dazu muss der Versicherer abschätzen, in welchem Masse ein individuelles Risiko zum Gesamtrisiko beiträgt. Das wäre einfach zu ermitteln, wenn alle Unternehmen einer Branche ihre technischen Systeme in genau gleicher Weise Instand halten würden. Dann wäre die Instandhaltung aus Sicht des Versicherers eine irrelevante Grösse, weil sie alle individuellen Risiken gleichermassen beeinflusst. Tatsächlich variiert die Instandhaltungspraxis nicht nur von Branche zu Branche. Selbst innerhalb ein und desselben Unternehmen sind oft erhebliche Unterschiede, beispielsweise zwischen zwei Werken an verschiedenen Standorten, zu beobachten. Es kann jedoch nicht Sache des Versicherers sein, Instandhaltung an sich zu bewerten, geschweige denn Prozeduren vorzuschreiben. Er sollte dazu auch nicht zwischen den jeweils beteiligten Anspruchsgruppen vermitteln und quasi als Oberinstanz festlegen, was falsch und was richtig ist. Das ist Aufgabe der Unternehmensführung, wenn nicht gar des Gesetzgebers. Zweck der versicherungstechnischen Risikobeurteilung ist es, Abweichungen von den kollektiven Durchschnittswerten zu erkennen, indem zum Beispiel untersucht wird, ob die Instandhaltungsprozeduren dem Stand der Technik entsprechen. Nun sind Instandhaltungsprozeduren jedoch viel zu komplex, um mittels einfacher Checklisten umfassend beurteilt werden zu können. So könnte man zwar fragen, ob das Unternehmen zeitbasierte oder zustandsbasierte Instandhaltung praktiziert. Die Antwort würde jedoch nichts über die tatsächliche Zuverlässigkeit der technischen Systeme aussagen. Diese hängt nämlich nicht nur davon ab, dass Wartungsbedarf erkannt wird. Die notwendigen Arbeiten müssen auch rechtzeitig ausgeführt werden, wozu es genügend qualifiziertes Personal braucht, die Prioritäten richtig gesetzt, Ersatzteile verfügbar sind und viele weitere Bedingungen erfüllt sein müssen, die von ausserhalb des Unternehmens gar nicht zu beurteilen sind. Um sich ein verlässliches Bild machen zu können, bedarf es der engen Zusammenarbeit von Versicherer und Versicherungsnehmer. Diesen bringt beiden Partnern umso mehr Nutzen, je höhere Transparenz dazu besteht. Denn der Versicherer kann nur dann ausreichenden Schutz anbieten, wenn ihm die Risiken offen dargelegt werden. Deshalb liegt es im Interesse des Versicherungsnehmers selbst, seine Instandhaltungsprozeduren transparent darzustellen und gemeinsam mit dem Versicherer zu diskutieren. Dabei sollte das Instandhaltungsmanagement im Fokus stehen, weil dieses festlegt, welches Mass an Zuverlässigkeit überhaupt angestrebt wird. Daraus ergeben sich Fragen wie zum Beispiel: www.physical-asset-manager.eu

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Welchen Stellenwert hat die Instandhaltung im Unternehmen?



Wird Instandhaltung nur als Kostenfaktor oder auch als unternehmerische Chance gesehen?



An welchen strategischen Zielen orientiert sich das Instandhaltungsmanagement?



Wie wird technische Zuverlässigkeit gemessen und welche Sollwerte sind definiert?



Wie wird die Einhaltung der Sollwerte überwacht; wie werden Abweichungen festgestellt und korrigiert?



Gibt es ein Frühwarnsystem, um Schwachstellen neuer Werkstoffe, Verfahren und Produkte zu erkennen, bevor diese weite Verbreitung finden?



Wie werden Ausfälle, Produktionsfehler, Störungen, Vorkommnisse dokumentiert und ausgewertet?



Wie hat sich das Instandhaltungsbudget entwickelt; was sind die Gründe für Einsparungen beziehungsweise Mehrausgaben?



Wie werden Mitarbeiter aus- und fortgebildet?



Wie werden interne Zielkonflikte bewältigt, beispielsweise wenn es gilt, zwischen dem Risiko eines Maschinenbruchs einerseits und dem bei Lieferverzug drohenden Verlust eines wichtigen Kunden anderseits abzuwägen?



Wird von Normen oder branchenüblichen Prozeduren abgewichen?



Wenn ja: Wie würde dies im Schadenfall begründet werden? Sind die damit einhergehenden Haftungsrisiken geklärt? Könnte gezeigt werden, dass die Abweichungen nicht zu einem höheren Versagensrisiko geführt haben?

Erfahrung und Dialog Die Versicherung technischer Risiken braucht – natürlich – hohen technischen Sachverstand, um z. B. Höchstschadenpotenziale zu bemessen. Oder um neue Risiken, wie sie sich u.U. aus der Nanotechnologie ergeben könnten, frühzeitig identifizieren und wenigstens in ihren möglichen Dimensionen abzuschätzen. Aber es stellt sich nicht nur die Frage, wie Technik normalerweise funktioniert und gelegentlich versagen kann. Der grösste Risikofaktor (und auch Sicherheitsfaktor) ist immer noch der Mensch, der diese Technik gestaltet und nutzt. Nur der Mensch kann Entscheidungen darüber treffen, welche Risiken er eingehen will und wie er dann mit diesen umgeht. Deshalb setzt die Beurteilung technischer Risiken immer auch eine Auseinandersetzung mit der Sicherheitsbeziehungsweise Risikokultur des jeweiligen Unternehmens voraus, was in letzter Konsequenz bedeutet, das Entscheiden und Handeln individueller Menschen zu beurteilen. www.physical-asset-manager.eu

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Diese äusserst diffizile Aufgabe verlangt gegenseitiges Vertrauen, das nur aus einem richtigen Rollenverständnis der Beteiligten erwachsen kann. Der Underwriter muss Verständnis für die schwierigen Rahmenbedingungen seiner Klienten entwickeln, die im harten Wettbewerb naturgemäss auf die Chancen der Technik fokussieren. Aufgabe des Versicherers aber ist es, die Risiken der Technik aufzuspüren und zur Diskussion zu stellen. Nur so kann es gelingen, diese auch zu bewältigen. Weil Versicherer und Versicherungsnehmer den gleichen Gegenstand aus gegensätzlichen Perspektiven betrachten, können sie gemeinsam ein vollständiges Bild erarbeiten. Um dem Ideal des in allen Risikofragen kompetenten und hilfreichen Versicherers zu entsprechen, muss allerdings auch die Assekuranz selbst die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen: Die Beurteilung individueller Risiken verlangt branchenspezifisches Fachwissen und grosse Erfahrung, zumal, wenn neben harten technischen Fakten auch weiche Faktoren, wie die Sicherheitskultur eines Unternehmens, zu berücksichtigen sind. Hier müssen die Versicherer selbst Instandhaltungsarbeit leisten. Sie müssen sicherstellen, dass die Underwriter ihre Kompetenz dauerhaft erhalten können, indem ihnen ausreichend Zeit für den vertrauensbildenden Dialog mit den Kunden wie auch für Fort- und Weiterbildung bleibt, um dem immer schnelleren technologischen Wandel überhaupt noch folgen zu können.

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