Interview Klaus-Peter Koepping

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Interview Klaus-Peter Koepping, 10.11.2007 Herr Koepping, in welchem Milieu sind Sie aufgewachsen? Ich wurde 1940 geboren und wuchs in einem eher mus...

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Interview Klaus-Peter Koepping, 10.11.2007

Herr Koepping, in welchem Milieu sind Sie aufgewachsen? Ich wurde 1940 geboren und wuchs in einem eher musischkünstlerischen Milieu auf. Meine Mutter war als Schauspielerin an der Oper tätig. Viele meiner Onkels, die ich schon früh kennen lernte, waren Komponisten, Maler und Übersetzer. Sie wohnten später in der DDR, somit war der Kontakt eingeschränkt. Sie führten dort eine prekäre, unangepasste Existenz, wie ich bei meinen Besuchen feststellte. Mein Vater arbeitete als Versicherungskaufmann, er war ein ganz rationaler Typ. Er hatte wenig mit der Wissenschaft zu tun, war aber sehr aufgeschlossen gegenüber allem, was man machen wollte. Da gab es keine Vorgaben. Wurden Sie als Kind über das Lesen an die Welt herangeführt? Nun, das vielleicht weniger - mehr über das Musische: Oper, klassische Musik, Konzerte. Das wurde durch meine Mutter gefördert. Das Lesen, etwa von Abenteuergeschichten und Forschungsberichten, wurde eher in der Schulzeit initiiert. Ich ging damals in Kassel auf das humanistische Gymnasium, teilweise fand der Unterricht in ausgebombten Gebäuden statt. Der Direktor der Schule nahm sich immer die Neulinge vor und versuchte, sie individuell einzuschätzen. Er gab mir oft Bücher, zum Beispiel über Archäologie und griechische Antike. Da entwickelte ich ein regelrechtes Interesse am Abenteuerlichen im weitesten Sinne, aber auf einer Forschungsgrundlage. Heyerdahl fällt mir dazu ein, seine KonTiki-Expedition. Auch Mythen- und Märchensammlungen mochte ich sehr gern. Ich las auch Karl May, aber das langweilte mich schnell, weil es reine Erfindung war. Ich fand es viel spannender, mich mit Leuten wie Schliemann zu beschäftigen. Also eher die wissenschaftsbasierten Forscherbiographien, Ausgrabungs- oder Erkundungsreports – doch das kam später. Wiederum zwanzig Jahre später wusste ich: das ist eine Ethnographie. Haben Sie die Bücher damals aus der Stadtbibliothek bekommen? Nein, das ging damals noch nicht. Nach der Kriegszeit, so um 1951/52, gab es auch keine Bibliothek an dem Gymnasium. Das waren alles die Privatbestände dieses außergewöhnlichen Direktors. Er war ein Liebhaber der Klassik, ein echter Gräzist, der auch Latein unterrichtete. Ein rundlicher, kräftiger Mann mit viel Humor. Er wirkte an einer Schule, die auch Arbeiterkinder annahm. Es gab eine Aufnahmeprüfung, und so entschied er praktisch, wen er in der Schule haben wollte. Das war ein echter Mix, die Schüler waren entweder aus hohen akademischen Häusern oder Arbeiterkinder. Er hatte auch so ein Gespür, den einzelnen Kindern Bücher aus seiner Sammlung schmackhaft zu machen: Wir durften immer ins Direktorzimmer kommen und uns umsehen. Das war natürlich furchtbar spannend, all diese Bücher. Aus der anfänglichen Neugier entstand oft mehr – das war ein sehr geschickter Schachzug von ihm. Haben Ihre Eltern diese Interessen unterstützt oder eher skeptisch betrachtet? Sie haben das voll gefördert, vorrangig meine Mutter und ihre Seite der Familie, die ja wie gesagt einen akademischbohemistischen Hintergrund hatte. Mein Großvater war auch Gräzist an einer höheren Schule und nannte sich Professor Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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für Latein, Griechisch und Hebräisch. Auch die Onkels unterstützten mich, wir hatten einen regen Briefverkehr. Zu Weihnachten bekam ich immer Bücher geschenkt, die ich mir vorher frei auswählte. Ich wollte auch nie etwas anderes geschenkt bekommen, nur immer Bücher, und so baute ich mir eine eigene Bücherei auf. Haben Sie Ihre gesamte Kindheit und Jugend in Kassel verbracht? Nein, das war sehr migratorisch. 1945 erlebte ich die Evakuierung – so hieß das damals. Von einem Tag auf den anderen mussten wir Cottbus, meine Geburtsstadt, verlassen, weil die Russen einmarschierten. Man hörte den Kanonendonner, die letzten Züge gingen gen Westen. Dann lebten wir erstmal zwei bis drei Jahre in einem winzigen niedersächsischen Dorf. Schließlich ging es nach Kassel. Da besuchte ich noch für ein Jahr die Volksschule, dann folgten drei Jahre bis zur Quarta im dortigen Gymnasium. Danach wurde mein Vater nach Aachen versetzt, und so kam ich dort ans humanistische Kaiser-Karl-Gymnasium, bei den Erzkatholiken. Diese Schule war verbunden mit dem Dom und eigentlich eine sehr traditionelle Institution, allerdings mit klassischer Bildung. Das war eine Mischung, die eher weniger fortschrittlich war – was mir dann auch ein bisschen negativ aufstieß. Ich war der einzige Protestant in einer Klasse von Katholiken. Sie distanzierten sich etwas, aber ich wurde eingegliedert, indem ich ebenfalls am katholischen Religionsunterricht teilnahm. Der Pater unterrichtete auch Philosophie, zum Beispiel Thomas Aquinas. Das fand ich dann wieder interessant, weil er was ganz anderes machte als die Protestanten. So absolvierte ich also den Rest der höheren Schulbildung bis zum Abitur in Aachen. Haben Sie dieses katholische Milieu vor allem analysierend betrachtet – oder litten Sie eher darunter? Nein, gelitten hab ich gar nicht. Sie waren ja auch relativ aufgeklärt. Man marschierte zwar jedes Jahr einmal zum Dom und zur Messe, und am Anfang bin ich auch mal mit marschiert. Das fand ich aber furchtbar lustig und ulkig, diese Riten, und irgendwie auch beeindruckend – der Aachener Dom, der Weihrauch und diese Dinge. Ich hatte aber doch eine gewisse Distanz zur Heiligenverehrung. Auf der anderen Seite lasen wir schon recht früh lateinische Texte. Zuerst Homer, später die Liebesgedichte Ovids. Unter der Bank lasen wir auch Boccaccio und als der Lehrer einen von uns dabei erwischte, meinte er: »Na ja, mach mal drei Extrakapitel Griechisch bis zur nächsten Stunde, immerhin hast du ja einen klassischen Text gelesen.« Sie waren also nicht so ganz verbiestert. Das war eine Mischung, die ich interessant fand, weil man sich auch mit Religion und Ritualen sowie der Sinnhaftigkeit der Dinge auseinandersetzte und das nebeneinander stellte: Zum Beispiel das Verhältnis von erotischer Literatur und Kirche. Das war lebendig, auch ein wenig provokant und insofern ganz nützlich für ein aufklärerisches Denken. 1959 machten Sie Ihr Abitur. Wussten Sie da schon, was Sie studieren wollen? Nein, das wusste ich überhaupt nicht. Mein Vater riet mir, Versicherungskaufmann zu werden, mit dem Schwerpunkt Rechtswissenschaft. Es ging dabei ein bisschen um die finanzielle Sicherheit. Dann begann ich tatsächlich, Jura in Bonn zu studieren, einige Semester lang. Bis zum sechsten Semester hatte ich fast alle Scheine zusammen, um die erste Prüfung machen zu können. Aber irgendwie bekam ich schon ab dem vierten Semester Zweifel an der Juristerei, vor allem als ich in den Repetitorien bemerkte, was für ein sinnloser Vorgang dieses Auswendiglernen der Paragraphen ist. Ich lernte dann über verschiedene Kurse ganz andere Gebiete kennen: Ich geriet an die Kunstgeschichte, sah mich seit dem zweiten Semester bei der Japanologie um und fand orientalische Sprachen spannend. Ich probierte auch mal die Ägyptologie aus, doch das war mir zu weit weg. Die Japanologie faszinierte mich wegen der Symbole und Zeichensysteme – weniger wegen der Exotik, sondern weil es schwer verständlich war. Das ging auch vier bis fünf Semester gut, bis der damalige Professor - eigentlich ein Schullehrertyp - meinte, ich müsse Japanisch als Sprache lernen und daher jede Stunde anwesend sein. So etwas war sehr ungewöhnlich damals. Ich hatte zudem einen Nebenjob als Bundestagsstenograph. Schon als Schüler beschäftigte ich mich mit Stenographie und kam zur Abiturzeit bis in die deutsche Meisterschaft. Ich war wohl der drittschnellste deutsche Stenograph, bei jeder Meisterschaft dabei und voller Begeisterung. Die Konkurrenz des Schnellschreibens fand ich faszinierend, auch die verschiedenen Schreibformen und Abkürzungsarten – japanische Zeichen und Stenographie, irgendwie kam das bei mir zusammen. In den Sitzungen des Bundestags musste man wörtlich mitstenographieren, manchmal über zwölf Stunden lang. So konnte ich oft nicht zur Uni. Der Japanologe meinte, so ginge das aber nicht. Ich sei ja gar kein Philologe, ich übersetze viel zu frei! Er hielt mir eine richtige Gardinenpredigt, so im fünften oder sechsten Semester, und erklärte, ich sei nicht der Typ für die Japanologie. Er selbst habe in Berlin bei Thurnwald studiert, dem Soziologen und Ethnologen. Das sei eine spannende Sache, genau das Richtige für mich. Nun, nach seiner Ansprache war ich erst ein bisschen pikiert und fand es ungerecht, dass er mich aus seinem Seminar schmiss. Er verwies mich an Herrn Trimborn, der damals in Bonn über südamerikanische Hochkulturen und materielle Kultur lehrte. So landete ich in Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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dessen Seminar über das Körbchenflechten der Arizona-Indianer. Dort musste man Referate halten, zu verschiedenen Flechttechniken. Ich fand das schrecklich langweilig! Ich ging also zu Trimborn und meinte, dass die AndenHochkulturen mich nicht so sehr interessierten, sondern eher Japan. Er schaute mich an und sagte, ich solle es bei seinem Kollegen in Köln versuchen, dem Ethnologen Petri – der mache alles. Das klang so halb bewundernd, halb abschätzig, doch für mich schien das interessant. Was war Herr Trimborn für ein Mensch und Lehrer? Er war ein sehr genauer und akribischer Lehrer, sehr streng. Immer etwas unnahbar für die Studenten, aber mit einem weiten kulturgeschichtlichen Überblick, vergleichend in seinem Ansatz. Für die damalige Zeit theoretisch sehr interessant, weil er sich mit Feudalstrukturen beschäftigte. Ich lernte erst viel später, dass es da eine französische Schule gibt. Er hatte so einiges zu sagen, was ich interessant fand, auch über den Evolutionismus. Es war überraschend, wie er das auf die so genannten indigenen Hochkulturen anwendete, nur packte mich das Feld einfach nicht. Seine Assistenten, die damals den Unterricht zum Teil gestalteten, waren mehr auf das konkrete Objekt bezogen. Man ging oft von der materiellen Kultur aus und war auch archäologisch interessiert. Das fügte sich damals in einen weiteren Rahmen ein, der mich aber noch überforderte. Ich verstand nicht, worum es eigentlich ging. Generell war Herr Trimborn von der damaligen Wiener Schule beeinflusst, nahm aber auch modernere soziologische Theorien zur Kenntnis. Aus heutiger Sicht scheint er mir nicht so weit von Gehlen entfernt. Aber, wie gesagt, ich war nicht sehr lange bei ihm. Er hat mich sehr schnell nach Köln verwiesen, wo ich 1966 ankam. Wie muss man sich das damalige Kölner Institut aus Sicht eines Studierenden vorstellen? Man hatte noch die freie Wahl, konnte bei entsprechend guten Noten leicht die Unis und Fächer wechseln. Ich kam ans Kölner Institut und traf den dortigen Assistenten - ein sehr agiler und aufgeschlossener Mann namens Beuchelt, der über Westafrika forschte. Er fragte mich nach meinen regionalen Interessen und meinte, Petri sei gerade in Australien. Er bot er mir gleich an, ein Seminar zu meinem Schwerpunkt zu geben, auch um zu sehen, wie das ankam. Ich hatte auch schon den Sinologen, Herrn Fuchs, kennen gelernt. Er beschäftigte sich mit Tang-Literatur und sammelte moderne chinesische Volkskundlerberichte. Er wollte mich als Doktorand einsetzen: Ich sollte dann mal eben alle Zeitschriften der chinesischen Volkskundler aus den letzten zwanzig Jahren durcharbeiten. Dafür muss man die chinesischen Zeichen perfekt kennen, die ich damals nicht drauf hatte. Fuchs dachte, das könne man so nebenbei machen und anschließend eine Arbeit darüber schreiben. Ich sagte ihm, dass es zu aufwendig für mich sei, obwohl ich schon begeistert war von der Idee, mich mit den Unterschieden und Differenzierungen der Volkskulturen Ostasiens zu beschäftigen. China war zwar inzwischen kommunistisch, doch Fuchs hatte Literatur über vorkommunistischen Taktiken: Über Hexerei und Götterfiguren und ähnliche Dinge. Das fand ich äußerst spannend, auch weil es nicht so eine geschlossene Hochkultur war. Ich beschäftigte mich dann mit den chinesischen Seelenvorstellungen, las vier Wochen lang alles, was es dazu gab. Riesenbände über den Taoismus und den Konfuzianismus, dazu Quellen über Knochenschnitzereien und Interpretationen des Schweden Karlgren. Am Ende hatte ich ein zwanzigseitiges Skript. Als Petri von der Feldforschung zurückkehrte, hielt ich den Vortrag im Seminar. Ich wusste nicht, wie lange man da sprechen konnte und benötigte eigentlich so fünfundsiebzig Minuten. Nach fünfzig Minuten wurde der Assistent unruhig und machte mir Zeichen, während Petri am hinteren Ende des Raumes saß und rauchte. Man konnte seinem Gesicht nicht entnehmen, ob er überhaupt zuhörte. Er war ein bisschen bärbeißig. Ich sprach also weiter, war verunsichert, obwohl das Thema toll war. Petri kam hinterher zu mir und meinte, ich hätte seine Geduld auf eine harte Probe gestellt, aber es sei ganz interessant gewesen. Er lud mich ein, mit ihm etwas trinken zu gehen. Das war damals eine sehr ungewöhnliche Haltung für einen Professor. Er machte das jede Woche nach dem Seminar: Man saß bis nach Mitternacht in einem Restaurant und musste mit ihm beim Trinken mithalten. Das wurde immer heftiger am späten Abend, aber auch sehr aufgelockert. Er erzählte von Australien, aus seiner Forschung bei den Kimberleys. Ich fand das faszinierend, denn er war noch sehr begeistert von der Forschung. Ich glaube, die Lehre langweilte ihn immer etwas, er war eher ein Feldtyp. Das schien ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse im Fach. Wie kam es, dass Petri verstärkt an der Feldforschung Interesse fand? Die meisten Professoren waren doch sehr auf die Theorie oder auf konkrete Sachen bezogen, die sie dann minutiös auseinander nahmen. Petri hingegen bezog sich meistens auf seinen eigenen Hintergrund: Er war in Frankfurt ein Schüler von Frobenius gewesen und hatte mit ihm schon in den dreißiger Jahren bei den Kimberleys geforscht, etwa zur Höhlenmalerei. Vor dem Krieg war er regelmäßig in Australien, während des Krieges gab es eine Unterbrechung, und nach dem Krieg war er einer der ersten Deutschen, die wieder Feldforschung machten. Etwa alle zwei Jahre war er im Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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Feld, zwischendurch machte er Lehrforschungen mit uns: Wir mussten jedes Jahr vier Wochen lang irgendwo in Europa arbeiten. Petri bestimmte, wo man hinging, vorab machte man eine Testforschung. Er war auch in Finnland gewesen, ebenso in Griechenland. Er sprach fließend das moderne Griechisch, war wohl auch als Soldat dort. Er ging mit uns ins mediterrane Gebiet, wollte da systematisch alle Feste und Bräuche abarbeiten. Der erste Ort, an dem ich mit einer Kollegin landete, war Korsika, zum Osterfest. Wir mussten alles selbst vorbereiten - die Literatur lesen, Kontakte aufnehmen, usw. - und auch selbst finanzieren, es war ja relativ billig. Insgesamt gab es sieben Gruppen, meist mit je zwei Personen. Wurden Sie methodologisch irgendwie vorbereitet, oder war das quasi der Sprung ins kalte Wasser? Es war das kalte Wasser. Petri meinte immer, Forschungstechniken kann man nicht lehren, die muss man machen. Das war damals, glaube ich, revolutionär. Er zwang uns, praktisch die ganzen Sommerferien auf die Feldforschung zu verwenden. Gemeinsam mit der Vorbereitungszeit ging das ja monatelang: die Schreiberei, die Literatursammlung, das Lesen in Französisch und Englisch. Viele der Kollegen haben über diese Gebiete auch ihre Doktorarbeiten entwickelt, die Forschung sehr vertieft. Das war äußerst spannend, weil man plötzlich mit einer ganz anderen Welt konfrontiert war, die Forschung selbst gestalten und mit den Leuten klarkommen musste. In Korsika kam es auch zu Sprachverwirrungen: Was sprechen die Korsen denn eigentlich für eine Sprache? Ich versuchte es auf Französisch, meine Kollegin eher mit Italienisch. So kamen wir ganz gut zurecht. Die Mönche, bei denen ich einquartiert war, sprachen sehr gut Französisch. Die Dörfler natürlich nicht, sie sprachen Korsisch, irgendwo zwischen Italienisch und Alt-Lateinisch. Petri erwartete, dass wir uns da durchkämpfen. Er besuchte die Gruppen, schaute nach, wie weit sie kamen und wie sie sich zurechtfanden. Er sprach auch mit den Bürgermeistern und Priestern, trank mit den Leuten vor Ort und kam immer gleich gut an. Er hatte so eine bestimmte Art, heute würde man das „Eventforschung“ nennen – aber eben mit Tiefenvorbereitung. Mich erinnerte er an Boas, der seine Studenten auch immer getriezt haben soll, und sie dazu brachte, allerlei Sprachen zu lernen. Damals fand ich das toll, dieses Abenteuerliche. Die Gruppe wurde immer stärker zusammengeschweißt; jedes Jahr waren wir zusammen unterwegs. Die Forschungen wurden dann von Petri ausgewertet, man kriegte auch einen Schein, der aber für die Fakultät nicht so wichtig war. Ins Feld zu gehen, das war einfach seine Anforderung. Ich glaube, es ging bei ihm überhaupt nicht, dass man rein theoretisch arbeitete. Er nahm auch sehr viele Ausländer als Studenten an, was damals nicht gängig war. Es gab zum Beispiel Israelis, Bangladeshis und Perser, die Doktorarbeiten schrieben, meist über ihre Kulturen. Das war ein sehr gemischter bunter Kreis. Ich wollte schließlich auch eine Forschung für meine Doktorarbeit machen, aber nicht im mediterranen oder australischen Raum, wo Petri Spezialist war. Ich wollte nach Ostasien, entweder nach China oder Japan. Nun hatte ich Japanisch gelernt, also ergab sich das als Option sehr schnell. Wer waren damals Ihre Kommilitonen? Mit Kurt Tauchmann war ich über Jahrzehnte sehr eng befreundet, er ist ein Fachmann für Indonesien. Jetzt ist er auch emeritiert. Einige habe ich aus dem Auge verloren. Es gab eine Dame, die spanische Dörfer erforschte, dann aber in der französischen Kunstszene verschwand. Dann erinnere ich mich an eine Dame, die in Westafrika über Frauenbünde arbeitete. Es gab auch noch einen der Deltgens, er verschwand dann aber im Waffengeschäft. Es war, wie gesagt, ein bunter Haufen, aus dem aber nicht viele Ethnologen hervorgingen: Tauchmann ist neben mir der Einzige, der die Ethnologie weiter durchzog; die anderen gingen in andere Berufe. Die Leute aus Übersee sind wohl an ihre Unis zurückgekehrt, aber was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Der Kontakt verlor sich sehr schnell, als ich 1966/67 auf Forschung nach Japan ging. Ich hatte das Gebiet gemeinsam mit Petri ausgewählt. Er nahm alle Themen an, wenn sie nur mit Feldforschung zu tun hatten. Wir reichten auch ein von mir entworfenes Forschungsprojekt ein, da ich ein Stipendium brauchte. Es war mir neu, dass man selbst seinen Antrag schrieb, nicht etwa der Professor. Ich hatte zudem noch das Handicap, dass ich ja gar nicht Ethnologie studiert hatte. Doch schon bei erwähntem Bierabend hatte mir Petri angeboten, meine Doktorarbeit bei ihm zu schreiben. Das war ein bisschen prekär, weil die Fakultät natürlich seine Regeln hatte: Man musste mindestens acht Semester Ethnologie studiert haben – ich hatte gar kein Semester. Ich war ja eigentlich Jurist und eine Art Sammelsurium, gemischt mit der Japanologie. Dank Petri wurden mir dann drei Jahre meines Studiums auf die Ethnologie angerechnet, damit hatte ich mein Pflichtpensum erfüllt. Hatten Sie damals das Gefühl, Ihnen würde da etwas fehlen? Ja, schon. Petri zwang uns aber auch, während des Semesters Seminararbeiten vorzubereiten. Das hieß, dass man die gesamte Literatur einer Thematik, einer Theorie oder einer Schule zu studieren hatte. Man musste sich genauestens Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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auskennen und einen fünfundvierzig Minuten langen Vortrag halten. Da saß man ein ganzes Semester konzentriert an der Arbeit und kannte die Quellen in- und auswendig. Das war nicht so wie heute, wo man zehn Kurse besucht, mit verschiedenen kleinen Dingen, die alle nicht zusammen hängen. War Petri denn der einzige Professor in Köln? Wie gesagt, es gab den Assistenten, Herrn Beuchelt. Er lehrte Psychologische Anthropologie. Außerdem gab es noch Herrn Funke. Auch er gab Kurse, die jedoch eher so Reiseberichte waren. Das gefiel uns allen nicht, das war zu unfundiert. Wir machten da nur mit, um den Schein zu bekommen. Wenn man sich auf Petri einließ, das war ein ganz anderer Stil, da musste man richtig ackern. Wir setzten uns auch als Gruppen zusammen, um komplizierte Sachen zu erkunden. Das ging nur, indem man ein Gespräch mit drei oder vier anderen Studierenden führte und die Literatur las. Haben Sie in Ihrer eigenen Lehre auch versucht, diese Vielfalt und Selbstverantwortung einzubringen? Ich kam ja nicht nach Deutschland zurück, sondern ging erstmal nach Japan, in meine Forschung. Gleichzeitig arbeitete ich als Journalist, über Japan und China. Ich wollte nach China gehen, doch das wurde durch ein Einreiseverbot verhindert. Das war die berühmte Zeit der Kulturrevolution; ich nahm sie über japanische und internationale Pressequellen wahr und schrieb darüber für deutsche Zeitungen. Das ethnologische Forschungsprojekt befasste sich mit der Erweckungsbewegung in Japan. Mein erstes Jahr war finanziell durch das Stipendium abgedeckt, danach bekam ich für ein weiteres Jahr die Unterstützung der FriedrichEbert Stiftung. Ich wollte jedoch noch länger in Japan bleiben und musste mir das selbst finanzieren. Durch die journalistische Tätigkeit hatte ich einen breiten Horizont und beschäftige mich zum Beispiel mit der Außenpolitik, der China-Frage und der Öl-Frage. Der Vietnam-Krieg fing gerade an. Ich war Mitglied im Correspondence-Club, dort traf man sich bei Vorträgen drei bis vier Mal in der Woche. Ich empfand den Journalismus als eine enorm interessante Szene, weil die Leute vor Ort recherchierten, schnell recherchierten, schnell schreiben mussten. Ich wollte auch lernen, über Nacht einen Artikel zu verfassen. Das trainierte eine ganz andere Spur. Dann hatte ich diesen Hintergrund aus der Ethnologie, von Petri und dessen tiefgreifenden Seminaren. So konnte ich enorm viel lernen. Angewendet habe ich das alles eigentlich erst in Amerika. Ich hatte zuvor zwar in Japan auf Englisch unterrichtet, doch nun musste ich mir in amerikanischen Lehrbüchern durchlesen, wie das Fach dort gemacht wurde. Das war sehr restriktiv, aber universal ausgerichtet. Das ist natürlich nicht die tiefe, aber die breite Anlage des ethnologischen Denkens. Das fand ich sehr beeindruckend, weil die Amerikaner das Physische mit dem Kulturellen und Sozialen, dem Linguistischen und dem Archäologischen verbanden – sozusagen ein bisschen wie die alte Anthropologie. Was geschah nach Ihrer Zeit in Japan? Ich ging 1969 auf gut Glück nach Amerika, um dort einen Job zu bekommen, ohne jedoch meine Doktorarbeit fertig zu haben. Ich hatte nur Daten gesammelt und auf einem Kongress in Tokio, auf dem ich auch einen kleinen Vortrag hielt, einige amerikanische Kollegen kennen gelernt. Es waren die sechziger Jahre, die Amerikaner sagten, man bräuchte bei ihnen Anthropologen, die auf Asien und Japan spezialisiert sind. Ich nahm das wörtlich, so nach dem Motto: Komm rüber, dann kriegst du einen Job. Als ich dann in den USA ankam, ging es natürlich nicht so schnell. Ich fuhr ab Vancouver die ganze Küste runter, landete in Berkeley und hatte da ein Ansprechpartner namens George DeVos. Er war Ethnologe und Japan-Forscher. Dann gab es Herrn Smelder, der damals schon sehr bekannt war. Ich klopfte überall an die Türen – das geht natürlich in Amerika, da kommt man rein und redet auch mal für zwei Stunden. Ich mochte das, es war ganz anders als in Deutschland. Die US-amerikanischen Kollegen waren sehr hilfreich bei der Jobsuche. Es war gerade Herbstanfang und überall in Südkalifornien suchte man nach Leuten für die Ethnologie. Ich rief bei verschiedenen neuen Departments an und in Fullerton hatte ich den Geschäftsführer am Apparat, der mich prompt einlud. Ich fuhr also runter und unterschrieb dann einen Vertrag, als »Assistent Professorship«. Es war damals auch die berühmte Zeit der Studentenrevolte, das kriegte ich alles mit. Bevor ich in Fullerton angenommen wurde, hatte ich mich drei Monate lang in Berkeley über Wasser gehalten - man bekam circa dreihundert Dollar für einen Vortrag. Ich unterrichtete auch ein wenig. Die Amerikaner waren zu dieser Zeit sehr locker und aufgeschlossen, vor allem in der Ethnologie und den Sozialwissenschaften. Da saßen Leute, die brachten ihre Hunde mit, da waren die Hippies und Familien mit Babys, und es gab Leute aus der Black-Power-Bewegung. Sehr spannend! Verglichen mit Japan oder Deutschland war das wirklich ungewöhnlich. Ich wohnte in Oakland, in der Nachbarschaft der Black Community. Ich als Weißer mietete mir da eine Wohnung, mit Frau und zwei Kindern. Das war schon gewagt, ich ging da etwas blauäugig ran, aber es ging ganz gut. Ich kam mit den Schwarzen ins Gespräch und sie luden mich zu ihren Meetings ein – es war komisch, aber auch sehr faszinierend.

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Als ich in Fullerton zu lehren begann, kamen aus Deutschland die Briefe, in denen nach meiner Doktorarbeit gefragt wurde. Ich setzte mich also circa zwei Monate hin, arbeitete meine Daten auf und schrieb das dann nächtelang runter – immer zum Hamburger-Shop gehen, auftanken, weiter schreiben, tagsüber unterrichten. Ich schickte die Arbeit schließlich nach Deutschland, doch Petri war ständig auf Forschungsreisen und kam kaum zum Lesen. Es wurde etwas eng, denn wenn man in den USA nicht innerhalb der ersten drei Jahre der Anstellung seinen Doktortitel machte, flog man raus. Letztendlich akzeptierte Petri meine Arbeit und wollte, dass ich zur mündlichen Prüfung nach Deutschland komme. Die Prüfung war irrsinnig komisch. Petri hatte einen Beisitzer aus Wien, der von meinen Sachen keine Ahnung hatte. Er war aus der kulturhistorischen Schule. Ich hingegen betonte den modernen Funktionalismus, den Parsonianismus und die amerikanische Schule. Das war in Deutschland relativ wenig behandelt worden, nur Petri kannte das alles. Der Kollege aus Wien saß da und konnte sich nicht mit mir verbinden. Die zweite Prüfung machte ich bei Herrn König; bei ihm hatte ich auch eine Weile studiert. Es ging um Durkheim, um klassische Soziologie. Das war eines von Königs Lieblingsthemen und mir war klar, dass er Fragen dazu stellen würde. Doch zuerst ging er in Richtung Japan, meinte zu den Kollegen, dass man von mir als Feldforschungs-Spezialisten noch was lernen könne. Meine Ausführungen zu Japan sollte ich dann mit den Durkheim’schen Konzepten kombinieren. Das war ein bisschen prekär, aber es lief ganz gut. Die dritte Prüfung war in Japanologie. Da hatte ich einen Kollegen aufgetrieben, der sich bereit erklärte, modernes Japan zu machen. Es war damals schwer, jemanden in Deutschland zu finden, der nicht einfach einen klassischen Text aus dem 8. Jahrhundert übersetzen ließ – was ich gekonnt hätte, aber sehr stockend. Der Prüfer, Professor Bruno Lewin, war ein Literaturwissenschaftler aus Bochum, sein Beisitzer war ein Sinologe. Sie legten einen Text vor, bei dem nicht ersichtlich war, aus welcher Zeit er stammte oder wovon er handelte. Ich hatte zwanzig Minuten, um ihn durchzulesen und anschließend zu erläutern. Er hatte überhaupt nichts mit meinem Gebiet, den japanischen Religionswissenschaften, zu tun. Es war eine Literaturarbeit aus dem 19. Jahrhundert, sehr schwierig zu lesen. 1868 gab es in Japan ja eine Sprachänderung, die älteren Sprachformen sind unheimlich komplex und schwer zu durchschauen. So wurde es die schlechteste Prüfung von allen. Es war auch ein Wagnis gewesen, die Prüfung damals bei solchen Spezialisten zu machen – bei meinem Studium, das ja sehr frei gewählt war und sozusagen aus zusammengesetzten Stücken bestand. Wie nahmen Sie damals die deutsche Ethnologie wahr, verglichen mit Ihren Erfahrungen in Japan und den USA? Als sehr altmodisch und sozusagen steckengeblieben in der Literatur, in alten Theorien, in der Textforschung. Es gab auch kaum eine Relevanz im Verhältnis zum modernen Feld. Das begann sich erst ab den frühen Siebzigern zu verändern. Was mir noch mehr missfiel, waren die Zustände der Abhängigkeitshierarchien. Ich bemerkte sehr deutlich, dass die Assistenten nur die besseren Bleistiftspitzer der Professoren sind. Sie mussten sich jahrelang mit der Studentenerziehung und Doktorandenberatung beschäftigen, ohne nebenbei ihre eigenen Habilitationsarbeiten schreiben zu können. Ich sah auch, wie die Assistenten von Stimmungen der Professoren abhängig waren: Wenn der Chef mal sauer war, dann spielte sich vier Wochen lang nichts ab zwischen denen. Diese ganze Form des Nachwuchstrainings war gar kein Nachwuchstraining, sondern ein Risikokampf. Dazu kam, dass Leute, die lang genug irgendwo an einem Institut saßen, dort dann auch ankamen. Dieses Hochsitzen passte mir nicht. Die amerikanische Form der Lehre und des Lernens hatte mich hingegen von Anfang an sehr beeindruckt. Das fand ich adäquater; alle waren Kollegen, egal wie alt man war. Es war ein gleichberechtigtes Gespräch. Sie gingen also zurück nach Fullerton? Ja, ich ging dorthin zurück, doch mir gefiel die Sozialumgebung nicht. Nach insgesamt drei Jahren wurde ich »Associate Professor«, mit dem Doktortitel in der Hand. Ich blieb noch ein weiteres Jahr, aber Kalifornien war mir zu uniformisiert und zu technisiert. Die ganze Bauweise, das war ziemlich inhuman. Ich schaute mich nach einem Ort um, an dem ich Ethnologie betreiben und die Japanstudien weiterführen konnte. Das fanden die Amerikaner interessant, aber man musste auch Beziehungen haben, zu den großen Instituten und Professoren. Ein inzwischen verstorbener Kollege meinte, man müsse sich durch Leistung hocharbeiten, mindestens zehn Jahre lang, dann sei man eventuell an einer der besten Unis im Osten. Hinzu kam, dass die Lehranforderungen in Kalifornien damals reformiert wurden: Jeder Professor musste nun vier Kurse mit je drei Stunden pro Woche ableisten. Auf jeden Lehrenden kamen circa zweihundert Studierende, man musste sie alle betreuen, dazu die Kongresse, Veröffentlichungen, Vorträge und so weiter. Das fand ich ein bisschen haarig. Schließlich sah ich eine Annonce in der Zeitung: In Brisbane, Australien, wurde ein Ethnologe und Lektor gesucht – auch meine journalistische Seite fiel mir wieder ein. Die Annonce war unterschrieben von Peter Lawrence, der ein ganz großer Forscher über messianische Kulte in Neuguinea war. Ich kannte ihn auch als Theoretiker, hatte viele seiner Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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Sachen gelesen. Seine Texte waren fundiert, tiefgründig, historisch und philosophisch unterfüttert. Das fand ich sehr interessant. In Australien gab es im akademischen Feld das angelsächsische System, es erfordert weniger dieses konkurrenzartige Verhalten, das die Amerikaner damals schon hatten und wir in Deutschland jetzt auch kriegen. Ich bewarb mich also ganz naiv in Brisbane und bekam auch ein persönliches Antwortschreiben von Lawrence. Er war begeistert von meiner Qualifikation, meinte aber, dass ich als Europäer mich dort wohl wie im Hinterwald fühlen würde. Auch war er dabei, seinen Lehrstuhl in Brisbane zu verlassen, um nach Sydney zu gehen. Das zuständige Gremium in Australien entschied dann, mich nicht extra einfliegen zu lassen, sondern meine Eignung von einem Überseespezialisten prüfen zu lassen - von Harding, einem Kollegen und Schüler von Lesley White, dem Ethnologen aus der Evolutionsschule. Er lud mich zu einem Essen nach Santa Barbara ein und wir verstanden uns fantastisch. Er stellte ein paar offizielle Fragen und meinte, ich würde eher nach Australien als nach Amerika passen. Der Universität in Brisbane übermittelte er ein positives Gutachten und so wurde ich 1972 dorthin eingeladen. Es war schon ein bisschen ein Schock: Plötzlich in den Tropen zu leben, in einer Landstadt mit einem kleinen Zentrum. Das war sehr altmodisch, sehr britisch, sehr kolonial. Ich kam da mittenrein, ans »Department for Sociology and Anthropology«, dessen Chef ein Soziologe, Professor John Western, war. Lawrence war schon weg. Ich besuchte ihn in Sydney und er gab mir ein paar Tipps, damit ich mich besser in Queensland zurechtfände. Das war sehr hilfreich. Die Australier sind ja anders als die Amerikaner und damals waren sie auch sehr anti-amerikanisch eingestellt. Auch dort gab es Studentenunruhen, die von der rechtsgerichteten Regierung brutal niedergeschlagen wurden. Sagte es Ihnen zu, wieder mit einem neuen Land und einer neuen akademischen Umgebung konfrontiert zu sein? Ja, es war eine Herausforderung, vor allem thematisch. Das subtropische Klima war ich wiederum aus Japan gewöhnt. An der Uni in Brisbane kleidete man sich sehr informell und auch die Wohngebiete in den Suburbs waren sehr offen und naturnah angelegt. Es gab da eine unheimlich tolle Landschaft, das faszinierte mich dann doch. Der akademische Kreis hatte ein hohes Niveau, es gab sehr gut ausgebildete Leute. Auch die Studierenden waren - im Vergleich zu meinen Erfahrungen in den USA und Japan - auf einem besseren Wissensstand. Es war also eine Umstellung, aber eine positive. 1985 übernahm ich in Melbourne die Professur für einen neu eingerichteten Lehrstuhl. Dort wurde ein ganzes ethnologisches Institut aufgebaut und ich hatte mich darauf beworben. Es war dann sehr anstrengend und finanziell sehr restriktiv. Ich führte zwar meine Forschungen in Japan weiter, fuhr jedes Jahr für drei Monate weg, doch das war immer etwas nachteilig für die neue Professur. An der Fakultät waren zwölf oder dreizehn Disziplinen zusammengefasst, jeder Teil bekam eine bestimmte Summe Geld. Die Ethnologie als neues Fach musste immer etwas kämpfen, um den gleichen Anteil wie die etablierten Bereiche zu bekommen. Ich hatte zudem das Magisterprogramm aufzubauen und neue Lehrkräfte zu holen, für die Gebiete Japan, China, Indien und Indonesien. Es war ein sehr gemischtes Departement, mit Schwerpunkt Asien. Wir richteten eine »School of Asian Studies« ein und die Universitätsspitze erwartete, dass sie sich gut etabliere. Das ist uns auch gelungen, doch die ganzen Rivalitäten zwischen den verschiedenen Fakultäten, die permanente Finanzierungsarbeit und die öffentlichen Veranstaltungen, das wurde mir nach knapp fünf Jahren dann einfach zu viel. Haben Sie sich daraufhin in Deutschland beworben? Ich hatte noch gelegentlichen Kontakt nach Deutschland, war zum Beispiel in den Ferien oft in der Heidelberger Gegend, am Neckar. Meiner Familie gefiel Deutschland sehr gut. Ich bekam zunehmend Kontakt zur Fakultät in Heidelberg, stärker als zu anderen Instituten. Ich war zwischendurch auch immer an verschiedenen deutschen Unis, etwa als Gastdozent in Mainz und Aachen. Dadurch lernte ich die deutsche Ethnologie wieder näher kennen. Das System war weniger anspruchsvoll, was die Anforderungen an eine Professur betrifft. Man musste nicht, wie in Australien, sowohl die Lehre und die Organisation, als auch die Forschung und die Finanzierung abdecken. Dazu kam der Kontakt mit Herrn Burkhardt, der gerade aus England zurückkehrte und eine andere Idee der Ethnologie hatte, die mir sehr gefiel. Neben seinen Sprachkenntnissen und der angelsächsischen Tradition, die empirisch arbeitet und kulturspezifische Arealforschung macht, brachte er die moderne Philosophie und den Postmodernismus mit – eine sehr ungewöhnliche Mischung für die Ethnologie damals, gerade in Deutschland. Während meines vierten Jahres in Melbourne ergab es sich, dass in Heidelberg zufällig eine Stelle frei wurde. Burkhardt riet mir, mich dort zu bewerben. Ich überlegte hin und her und beriet mich mit meiner Familie: Heidelberg ist ja ganz hübsch, es gibt eine gute Uni, an der auch viele andere interessante Fächer vertreten sind. Ich bewarb mich also, Anfang der neunziger Jahre.

Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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Hatten Sie und Burkhardt gemeinsame Pläne, das Institut in eine bestimmte Richtung zu bringen? Ja, es sollte eine Mischung werden. Er wollte grundsätzlich die postmodernen Theorien unterrichten, zum Beispiel Lyotard und Foucault. Das war damals in Deutschland fast unerhört. Dazu wollte er den empirischen Strang und verschiedene Areale der Komperatistik haben, da er Indien vertrat und ich ein Spezialist für Japan war. Es sollte eine Ethnologie sein, die von Exotismus und Primitivismus weggeht. Wir wollten uns moderne außereuropäische Gesellschaften vergleichend anschauen, mit fundierten sozialanthropologischen Methodiken, die aus dem Angelsächsischen kommen – aber mit einem Aufsatz der postmodernen Theorien, Konstruktionen und Verbindungen. Das war aus unserer Sicht ein interessantes Konzept. Wir waren damals ans Südasien-Institut angegliedert, denn nach Mühlmanns Abtritt gab es in Heidelberg keine allgemeine Ethnologie. Es war daher problematisch, innerhalb dieser Struktur zu unterrichten. Wir waren das einzige Fach, das sowohl in Richtung Forschung als auch in Richtung Lehre ging. Allerdings wurde Burkhardt unglücklicherweise sehr schnell krank. So musste ich den gesamten Südasien-Bereich übernehmen, aber gleichzeitig auch diese neue Art der Ethnologie entwickeln. Das ergab dann ein Gespräch mit dem damaligen Rektor. Er fragte, ob wir nicht ein Institut für allgemeine Ethnologie gründen wollen. Er hatte Pläne vorliegen und prüfte, ob ich bereit wäre, das zu übernehmen. Es hätte ein toller Anfang werden können, doch Burkhardt verstarb dann, nach langer Krankheit. Da die Balance zwischen dem Südasien-Institut und der allgemeinen Ethnologie strukturell noch nicht hergestellt war, war es eine sehr prekäre Geschichte, als der neue Professor berufen wurde. Das zog sich sehr lange hin. Dieser neue Professor war dann Herr Wassmann? Ja. Die Stelle am Südasien-Institut musste auch besetzt werden, da kam dann Herr Sax. Es dauerte jedoch einige Jahre, bis wieder die strukturelle Möglichkeit vorhanden war, dass das Südasien-Institut und das Institut für die allgemeine Ethnologie kooperieren konnten. Wie schätzen Sie die Entwicklung der Ethnologie in Deutschland in den neunziger Jahren ein, auch im Vergleich zu dem, was Sie zuletzt davon mitbekommen hatten? In den zwanzig Jahren, die ich nicht in Deutschland verbrachte, konnte man auch außerhalb feststellen, dass sich da spezifische Schulen bildeten - beispielsweise in Köln, wo sich eine sehr dezidierte empirische Richtung entwickelte, mit der Netzwerkforschung. Als ich wegging aus Deutschland, Anfang der siebziger Jahre, war das noch ein ganz frischer Ansatz, inzwischen gab es schon ein ganzes Institut voller hervorragender Leute. Zudem entwickelte sich überall eine methodisch sehr ausgereifte, auf der Feldforschung basierende Ausbildung der Doktoranden. Es gab eine Öffnung zum Angelsächsischen hin, das konnte man bemerken – nicht die Literatur, sondern die Forschung galt nun als Grundlage. Das war anders als noch bei der Vorgänger-Generation. Es wurde auch zunehmend soziologischer, zum Teil auch anwendungsbezogener, vor allem in der Afrikanistik: GTZ, Internationale Organisation, Aids-Forschung. Das kam vielleicht sogar ein bisschen zu schnell, die Grundlagen waren ja noch nicht gelegt. Als ich nach Deutschland zurückkam, gab ich im zweiten Lehrjahr regelmäßig Kurse zur anwendungsorientierten Ethnologie. Es gab einen großen Bedarf danach, das zu durchdenken. Die Frage ist ja auch, ob die Ethnologie überhaupt eine Anwendungswissenschaft sein soll. Die Kollegen in Amerika und die Australier wurden damals schon wieder vorsichtiger. Ihrer Meinung nach übernahm die deutsche Ethnologie damals eher die Form, die Theorien und Ansätze, aber weniger die Grundlagen? Ja. Auch institutionell konnte sie natürlich nicht die Grundlagen bieten, die eine amerikanische oder englische Ethnologie bieten kann. Selbst in Fullerton gab es damals zwölf Stellen, vom Assistenten bis zum Professor gerechnet. So konnte man natürlich mehrere Gebiete abdecken, unterschiedliche theoretische Richtungen, diverse Empirieformen. Den fruchtbaren Boden gab es ja erst, wenn man mal über Anwendungen nachdachte, zum Beispiel über Landrechte und Reservationsproblematiken. Das konnte aber auch nicht jede beliebige Person machen, sondern es gab dann wiederum Spezialisten. In Deutschland sollte alles möglichst mit ein oder zwei Professuren abgedeckt werden – das geht gar nicht! Da muss man sich spezialisieren; dann wird es wieder sehr eng, und alles Mögliche bleibt am Rande hängen. Bis heute hat sich das nicht geändert. Uns fehlt die finanzielle Breite, um Institute mit zwanzig Unterrichtskräften zu haben. Dieses hierarchische System, das immer auf die Spitze, also den Professor, zugeschnitten ist und alles Andere, etwa die wissenschaftlichen Mitarbeiter, als Nebensache abtut, ist eigentlich unmöglich und kann nicht lange gut gehen. Wenn man die gestellten Anforderungen wirklich ernst nimmt, dann kommen am Ende nur Nervenwracks raus. Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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Die Frage danach, was man mit dieser Perspektive anfängt, ist natürlich sehr schwierig. Man kann eventuell einen Numerus Clausus einführen, man kann die Lehre vielleicht auf den Unter- und Mittelbau verschieben – doch da hab ich ad hoc auch keine Antwort. Wahrscheinlich sollte es dahin gehen, dass nicht alle Institute das gesamte Fach abdecken. Die Institute müssen sich also, wie etwa bei Teilen der Afrikanistik, sehr spezialisieren. Das heißt aber, die Verbindung einer grundsätzlichen Lehre mit der Ausbildung von Spezialisten müsste auch mitarbeitermäßig neu durchdacht werden. Vielleicht ist es ein Weg, dass manche Mitarbeiter tatsächlich nur die Lehre machen. Das wird nicht jedem passen, aber vielleicht ist eine Zweiteilung ja sinnvoll: Einerseits gäbe es Stellen, die den Studenten die Grundlagen des Fachs vermitteln, andererseits gäbe es die Forschung und Forschungsberatung. Das muss man heutzutage machen, das geht nicht mehr so wie früher, als man uns ins kalte Wasser warf. Auch den Informanten kann man so etwas nicht mehr zumuten. Wäre die feldorientierte Forschung Ihrer Meinung nach ein Kernbestand der deutschen Ethnologie? Auf jeden Fall. Wenn die deutsche Ethnologie konkurrenzfähig bleiben will, muss sie einen Forschungszweig haben. Sie kann nicht nur auf die Lehre reduziert werden, wie das in vielen Instituten jetzt passiert. Es ist auch ungut, wenn sich die ganz hohen Hierarchien, also die Professoren, praktisch nicht mehr sehen lassen, sondern sich nur zurückziehen und ihre Forschungen machen. Idealerweise sollten sie die Stimulatoren der Forschung sein, die Forschung leiten und zeigen, in welche Richtung ein Institut geht, welchen Forschungsansatz es vertritt. Das können sie natürlich auch nicht mehr alleine meistern, bei der Menge an Verwaltungskram. In Heidelberg war ich ja jahrelang im Sonderforschungsbereich tätig, die Schreib- und Verwaltungsarbeit nahm immense Ausmaße an – das hatte ja erstmal nichts zu tun mit der eigentlichen Forschung. Es gibt so viele verschiedene Kräfte, die in verschiedene Richtungen ziehen, eine Einigung ist fast unmöglich. Da muss man sich wirklich personelle Umstrukturierungen überlegen: Einfach nur Max-Planck-Institute zu gründen, hilft auch nicht weiter. Sollte das Fach denn mehr in die Öffentlichkeit gehen, um sich im Vorfeld die nötigen Ressourcen zu schaffen? Die Öffentlichkeitsarbeit dürfte den Ethnologen ja eigentlich nicht schwer fallen, wir haben ja so eine Art „ExotenBonus“. Die Kenntnis des Fremdkulturellen, die bei allen deutschen Ethnologen hervorragend vorhanden ist und von ihnen oft auch gut vermittelt wird, könnte in der Öffentlichkeit ja ebenfalls sinnvoll funktionieren. Nur können wir nicht verkaufen, warum das notwendig ist. Trotz aller Interkulturalitäts-Debatten hier im Inneren sieht man nicht, warum das tausendfache Kennenlernen von Außenvielfalt etwas zum bundesdeutschen GDP-Produkt beitragen kann. Die ökonomische Seite wird immer stärker betont. Wie alle Geisteswissenschaftler haben wir jetzt das Problem, den Politikern gegenüber erklären zu müssen, warum wir nützlich sind. Das war früher nie der Fall, aber ich kenne das schon aus Australien und aus dem angelsächsischen Raum. Da sind wir in der Zwickmühle, da die Ethnologie ja vom Exotismus weg will, mehr zu dem Bild hin, dass andere Menschen uns ähnlich sind. Das öffentliche Bild dahingehend zu korrigieren, das wäre interessant und auch im Interesse der meisten Ethnologen, die in Deutschland arbeiten. Aber das läuft entgegen dem Erwartungshorizont. Ich sehe noch eine andere Problematik: Einige andere Geisteswissenschaftler, meistens Schreibtischtäter, klinken sich in die Debatten des Exotismus ein und spekulieren zum Beispiel über Kannibalismus und die Kannibalen der modernen Gesellschaft – Themen, die viele Leute anziehen. Da gibt es einige, die hier in Deutschland rumreisen und über solche Sachen reden. Dabei wird völlig vergessen, dass es die Ethnologen gibt, die ein integratives, freies Wissen über das Leben in anderen Gegenden der Welt haben, das vom Slum bis zum Königreich reicht. Im Umfang des Wissens, was wir haben, gibt es für alle Bereiche hervorragende Leute. Das würde aber in der Öffentlichkeit wieder nicht ziehen, weil wir dann nämlich das Exotische erneut rausholen würden und wieder in der alten Zwickmühle wären. Das haben die Engländer schon sehr früh problematisiert. Ardener in Oxford umschrieb das Problem so: Es gibt die Idee, das Fremde zu verstehen, um das Eigene besser zu verstehen – das ist der alte Malinowski-Satz. Laut Ardener liegt das Problem darin, dass wir uns dem Anderen so ähnlich machen, dass dessen Fremdheit verloren geht. Das ist ja in der interkulturellen Debatte sehr stark der Zug, dass man das Fremde eigentlich leugnet. Ardener argumentiert, dass wir das Fremde wieder reinholen und als Fremdheit bestehen lassen sollten – also das Konzept der Alterität. Das ist auch so ein bisschen meine Schiene und sollte weiter fokussiert werden. Mit der DGV müssten sich Symposia bilden, um zu sehen, wo die deutsche Ethnologie eigentlich steht. Ich glaube, es gibt noch immer sehr verschiedene Standpunkte innerhalb des Fachs. Das kann gut sein, doch für die Vertretung nach außen müssen wir uns überlegen, wie wir eigentlich ankommen wollen. Das ist in Amerika ziemlich klar. Auch in England ist es relativ klar, weil sie sich von den Cultural Studies abgrenzen mussten. Aber man sieht auch, wie die Ethnologie in die Cultural Studies, die Media Studies, das Kommunikationswesen und die Performance Art hinein geht. All das wird verarbeitet und hat sowohl positive als auch negative Seiten. Nur haben die Ethnologen wohl ein bisschen Angst, sich auf Diskussionen mit diesen Fächern einzulassen. Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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Auf der anderen Seite haben wir noch kein erneuertes Selbstbild geschaffen. Darüber muss man auch mal nachdenken. Herr Hauschild hat beispielsweise über die Nazi-Zeit geforscht: Ob eine Nachkriegs-Ethnologie von vornherein eine Befangenheit darstellt, die es in anderen Länder nicht gibt, obwohl da eine Kolonialgeschichte vorhanden ist. Ob man in diesen Ländern weniger gehemmt ist, sondern sich eher aggressiv damit auseinandersetzt. In Amerika vielleicht weniger als in England, wo es doch sehr hoch kocht. Die Amerikaner hatten auch ihre Rassenunruhen und damals haben sich die Ethnologen auch eingeklinkt. Die amerikanischen Ethnologen haben sicher viel dazu beigetragen, Sachen zu problematisieren, sie können sich vielleicht ein bisschen leichter als die Deutschen positionieren. Es wäre sehr interessant, das mal dialogisch zu erkunden. Das sind sehr verschiedene Stränge, die da zusammenkommen. Die deutsche Ethnologie ist vergleichsweise komplex, viel kleinkammeriger und verwobener mit der Geschichte. Da haben wir vielleicht doch ein Problem, das nicht immer geäußert wird, vielleicht auch gar nicht wahrgenommen wird.

Interview vom 10.11.2007, durchgeführt in der Berliner Privatwohnung von Klaus-Peter Koepping (Freigabe durch K.-P. Koepping am 27.06.2011) Transkription: Silvia Schöneck, Edierung: Vincenz Kokot Ansprechpartner: Dieter Haller ([email protected]) Internet: www.germananthropology.de

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