Klaus Gosmann - Zellentrakt Herford

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Klaus Gosmann, geb. 1930 in Heidelberg, Abitur 1950 an der Oberschule für Jungen in Herford, Studium in Tübingen, Reading (England), Seattle (USA) und...

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Klaus Gosmann, geb. 1930 in Heidelberg, Abitur 1950 an der Oberschule für Jungen in Herford, Studium in Tübingen, Reading (England), Seattle (USA) und Bonn. Später arbeitete er als Englischlehrer an der „Ausbildungsstätte für den Höheren Dienst“ des Auswärtigen Amts.

Meine Jugend in der Zeit des Nationalsozialismus. Erinnerungen und Betrachtungen Zunächst eine wichtige Vorbemerkung: wir hatten das große Glück, Eltern zu haben, die zu der kleinen Minderheit gehörten, die Hitler von vornherein ablehnten. Schon 1932 hörten sie eine stundenlange Rede Hitlers. Er war ihnen schon äußerlich, seine brutale Stimme, seine einstudierten Posen einer Diva, die den Beifall der Masse wie eine Droge genießt, widerlich. Sie erlebten ihn als einen selbstverliebten, hemmungslosen Gewaltmenschen. Dieser Mann, der an die niedrigsten Instinkte seiner Zuhörer appellierte und ihnen die Juden als Sündenböcke für ihre Ängste und ihre Aggressionen lieferte, würde Deutschland in die Katastrophe führen. Natürlich konnten sie das nicht offen bekennen. In einer totalen Diktatur muss die kleine Zahl der Gegner sich durch List, Verstellung, notfalls auch durch Lügen zu schützen suchen. Auch zu den eigenen Kindern konnte man nicht ehrlich sein, denn sie konnten in der Öffentlichkeit Dinge ausplaudern, die ihre Eltern in Lebensgefahr gebracht hätten. So waren auch unsere Eltern vor uns vorsichtig. Doch ihre wahre Einstellung wurde immer wieder deutlich. Für unsere geistige Entwicklung war es entscheidend, dass wir von unseren Eltern nie ein positives Wort zum NS hörten. 1930 geboren gehöre ich einer Generation an, die zu jung war, um durch Tun oder Unterlassen schuldig zu werden. Auf uns trifft Ex-Kanzlers Kohl oft belächeltes Wort von der „Gnade der späten Geburt“ voll zu. Ich werde deshalb die Generation vor uns niemals pauschal verurteilen. Andererseits hatten wir keinerlei Vergleichsmöglichkeit mit anderen Regierungsformen. Die Demokratie wurde uns als korruptes, zutiefst verbrecherisches System dargestellt. So war es für uns selbstverständlich, dass Kritiker und Gegner des Nationalsozialismus mit Gefängnis oder KZ-Haft bestraft wurden. Erst 1945, nach Kriegsende, las ich in einer weggeworfenen, englischen Zeitung die Schlagzeile „Churchill must go“. Da begriff ich blitzartig, dass es in einer Demokratie möglich war, einem Churchill, dem Mitarchitekten des Sieges, die Macht zu entziehen und sie dem Führer der Opposition zu übertragen. Und das alles ohne Gewalt, sondern durch friedliche Austragung von politischen Meinungsverschiedenheiten. Im Mai 1931 trat mein Vater eine Stelle als leitender Internist am Johanniterkrankenhaus in Bad Polzin in Hinterpommern an. Da die kleine Familie vom schmalen Gehalt eines Assistenzarztes nicht leben konnte, - damals waren in ganz Deutschland die Assistenzarztgehälter niedrig - , musste er Heidelberg und seinen von ihm hoch verehrten jüdischen Chefarzt, Dr. med. Albert Fraenkel, den Begründer der Strophantintherapie, verlassen. Im April 1934 wurde mein Vater vom damals nazifreundlichen Kuratorium des Johanniterkrankenhauses als „national unzuverlässig“ fristlos entlassen. Was war geschehen? Er hatte 1929 in der Volksabstimmung für die Annahme des Young-Plans gestimmt, der die Herabsetzung der Reparationen vorsah und später zur vorzeitigen Räumung des Rheinlands durch französische Truppen führen sollte. Die Nazipartei lehnte diesen Plan ab und drohte jedem, der zustimmte, mit Konsequenzen. Nach 1933 wurden die Abstimmungslisten von den Nazis ausgewertet und führten in unserem Falle zur Entlassung. Kurz vorher stellte unser Vater fest, dass er an schwerer TB litt. Ab Juli 1934 1

verbrachte er ein Jahr in der Deutschen Heilstätte im schweizerischen Davos, wo er Zugang zu ausländischen Zeitungen hatte. Es scheint, dass zu dieser Zeit das Netz des NS-Überwachungsstaats noch nicht eng genug geknüpft war. 1935 zogen wir nach Herford, wo ebenfalls niemand von der Entlassung des Vaters wusste. Er baute sich eine Praxis auf und arbeitete als leitender Internist am katholischen Krankenhaus. Auch Herford war voll im Griff der NS-Diktatur. Doch in einem Punkt konnte sie sich nicht durchsetzen. Das lag an der Beliebtheit des in Herford als Sohn eines Zigarrenarbeiters geborenen SPD-Politikers Carl Severing, der bis 1932 Innenminister des Reiches und in Preußen war. Immer wieder sprachen Arbeiter mit Hochachtung zu mir von Carl Severing. Wenn ich auch nicht wusste, was Sozialdemokratie wirklich bedeutete, glaubte ich der NSPropaganda nicht, dass sie wie der Kommunismus, Liberalismus … ein verbrecherisches System sei. Dazu kam, dass wir regelmäßig im Laden des Herrn Schlüter, dem Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten Wilhelm Schlüter, einkauften. Es ist traurig, dass die Stadt Herford das Geburtshaus von Carl Severing verfallen lässt und nicht an die Einrichtung eines Gedenkraumes gedacht hat. 1940 sollte ich auf die „Napola“ (Nationalpolitische Erziehungsanstalt, die Eliteschule des NS-Regimes). Mein Vater verhinderte das und meldete mich an der Oberschule für Jungen an. Anfangs war ich enttäuscht, doch bald begriff ich, dass ich auf der Napola todunglücklich gewesen wäre. Unsere Mutter mochte die Nazis nicht, doch sie hielt sich mit Kommentaren zurück. Ausgerechnet sie wurde 1939 von der Gestapo in Bielefeld einem menschlich entwürdigenden Verhör unterworfen. Man versuchte, sie mit Abtreibungsvorwürfen, Verweigerung des Hitlergrußes und mangelndem Einsatz für den NS zu erpressen. Der eigentliche Vorwurf wurde erst allmählich klar. Im Februar 1939 war sie mit ihrer Kusine und deren Mann auf Skiurlaub in Südtirol. Eines Abends erschienen im Hotel drei Südtiroler, die gerade aus einem faschistischen Gefängnis entlassen worden waren. Im Verlauf der Entlassungsfeier kam es zu einer Schlägerei mit der italienischen Polizei, an der sich auch einige deutsche Urlauber beteiligten. Sie hatten ganz vergessen, dass Hitler seinem Freund Mussolini freie Hand bei der Unterdrückung der Südtiroler gegeben hatte. Das Eintreten für „Volksdeutsche“, das sonst immer vom NS-Regime gefordert wurde, war dieses Mal plötzlich falsch und zu einem politischen Verbrechen geworden. Ein halbes Jahr später wurde unsere Mutter noch einmal in Herford verhört. Doch mit Kriegsausbruch verlief das Verfahren im Sande. Die Gestapo hatte nun Wichtigeres zu tun. Der Krieg erschien uns Kindern anfangs als großes Abenteuer. Es kam schon früh zu vereinzelten Bombenabwürfen. Wir radelten kilometerweit, um einen der begehrten Bombensplitter zu ergattern. Doch bald lernten wir den Krieg von seiner ernsten Seite her kennen. Im Übrigen glaubten wir an einen Verteidigungskrieg. Die Zeitungen brachten regelmäßig Berichte über polnische Übergriffe gegen die deutsche Minderheit, die am 31.08.1939 zum polnischen Überfall auf den oberschlesischen Rundfunksender Gleiwitz führten. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass die deutsche Regierung zu verbrecherischen Mafiamethoden griff und diesen Überfall durch SS-Einheiten vortäuschte. Zum Beweis ließen sie einige Leichen von KZ-Opfern zurück. Am 1. September 1939 sagte Hitler in seiner Rede vor dem Reichstag: „Ab 4.45 Uhr wird zurückgeschossen“. Als ich meinem Vater im Juni 1941 begeistert berichtete, die deutschen Truppen seien in 2

Russland einmarschiert und hätten schon Tausende von Panzern abgeschossen und Zehntausende von Gefangenen gemacht, schrie er mich fassungslos an: „Haben denn diese Nazischweine nie genug? Jetzt haben wir den Zweifrontenkrieg, jetzt ist der Krieg verloren!“ Obwohl ich als Elfjähriger völlig verstört war, sprach ich mit niemandem über diesen Vorfall. Wäre er bekannt geworden, hätte man unseren Vater im KZ ermordet. Trotzdem störte es mich, wenn er sagte: „Stell doch diese ewige Marschmusik ab.“ Ende 1943 saßen mein Vater und ich im abgedunkelten Zimmer zusammen. Mein Vater kroch förmlich in den Radioapparat hinein. Plötzlich wurde der Sender lauter und ich hörte eine Stimme mit englischem Akzent sinngemäß sagen: „Die Naziverbrecher werden für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen.“ Mein Vater schaute mich erschreckt an und sagte – und ich wusste, dass er sich verstellte: „Ach, das ist alles dumme Feindpropaganda.“ Er ging ins Bett, ließ aber den Sender eingestellt. Seitdem hörte ich ziemlich regelmäßig BBC und den raffiniert gemachten „Soldatensender West“, von dem viele gar nicht ahnten, dass es sich dabei um einen Feindsender handelte. Mir war klar, dass das Hören von Feindsendern und das Verbreiten von Nachrichten mit dem Tod bestraft wurde. Jeden Tag las man in der Zeitung von Hinrichtungen wegen „Wehrkraftzersetzung“. Noch heute empfinde ich den Schrecken, der mich durchfuhr, als plötzlich eine fremde Frau (eine Patientin?) in unserem Wohnzimmer stand und lauernd fragte: „Du hörst doch wohl nicht Feindsender?“ Im September 1944 wurde unsere Klasse zum Bau eines militärisch völlig sinnlosen Panzergrabens nach Kevelaer an die holländische Grenze geschickt. Vorher ging mein Vater mit mir abends auf den Langenberg, um vor Lauschern sicher zu sein. „Der Krieg ist verloren. Um die Nazis ist es nicht schade, denn sie haben furchtbare Verbrechen, besonders an den wehrlosen Juden begangen. Wenn die Amerikaner kommen, wirf deine Uniform weg und versteck dich beim Bauern.“ Wären diese Worte bekannt geworden, wäre unser Vater hingerichtet worden. Jeden, der am Endsieg zweifelte, ereilte das gleiche Schicksal. Er hatte von Kriegsverbrechen von einem oppositionellen hohen Wehrmachtsoffizier erfahren. Doch ich glaube ihm, dass er von dem systematischen Massenmord an den Juden nichts wusste. Bis zum Ende des Krieges glaubte er, dass die Juden in die für sie bestimmten Orte und Städte im Osten zum Arbeitseinsatz geschickt wurden. Einer dieser Orte war Theresienstadt. Er konnte nicht ahnen, dass Theresienstadt ein infames Täuschungsmanöver der Nazis war, das auch internationale Kommissionen und das Internationale Rote Kreuz nicht durchschauten. 1 Hier wurde ihnen eine Welt gezeigt, in der die Juden nach ihrer Arbeit Theater- und Musikkreise, Kabarettzirkel und ähnliches besuchten. Mein Vater hatte noch 1941/42 zahlreiche jüdische Patienten, die ihm Briefe aus Theresienstadt zeigten und die nur Positives über die Lebensbedingungen dort berichteten. Erst nach dem Krieg erfuhr er, dass alle Juden aus Theresienstadt in Auschwitz vergast wurden. Besonders tragisch empfand er das Schicksal seiner letzten jüdischen Patientin. Es handelte sich um eine Frau Goldberg oder Goldschmidt, die am Linnenbauerplatz im Haus Kremeyer wohnte. Sie litt unter einer schweren Bronchialkrankheit. Sie wurde wie durch ein Wunder geheilt, und wurde dann nach Theresienstadt und von dort in den Tod geschickt. Er fragte sich nach dem Krieg, ob der Tod durch die Krankheit nicht gnädiger für sie gewesen wäre. Juden kannte ich überhaupt nicht. Es gab keine jüdischen Mitschüler mehr. Ab und zu sah ich noch die armen Menschen mit dem gelben Stern, die sich scheu an die Seite drückten. Ich betrachtete sie mit einer Mischung aus Mitleid und der uns von der NS-Hetze 1 Mein Bruder und ich erinnern uns an die Schlagzeile: „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. 3

anerzogenen Abscheu. Nur einmal kam es zu einer kurzen Begegnung. Es mag Ende 1941 gewesen sein, als ich als Hitlerjunge für das WHW (Winterhilfswerk) sammeln musste. Ich betrat ein Haus am Wall und trug mein Begehren vor. Ich erinnere mich an zwei sympathische, traurig wirkende Frauen. Die eine sagte zu mir leise: „Du bist hier nicht richtig, mein Junge. Wir sind doch Juden.“ Ich war völlig verblüfft. Für einen Augenblick begriff ich: das sind ja gar nicht die Scheusale der Nazipropaganda, das sind Menschen wie Du und Ich. Ich habe diese Begegnung niemals vergessen. Doch dieses Gefühl menschlicher Solidarität mit den Juden konnte sich gegen die NS-Hetze auf die Dauer nicht behaupten. Denn diese Hetze war gnadenlos und allgegenwärtig. Eine pseudowissenschaftliche Rassenlehre, die sich auch in unseren Schulbüchern, besonders im Biologieunterricht, wiederfand, sollte beweisen, dass Juden „Untermenschen“ seien, die für alle Übel der Welt verantwortlich seien. Alle Zeitungen, viele Filme, nicht nur der berüchtigte „Jud Süß“, der wegen sexueller Verfehlungen der Titelpersonen, nicht jugendfrei war, verbreiteten dieselben Lügen. Das Hetzblatt „Der Stürmer“ des widerlichsten Judenhassers, Julius Streicher, hing in einem Schaukasten in der Schillerstraße (?). Darin wurden mit pornografischer Lust sexuelle, angeblich von Juden begangene Vergehen beschrieben, so dass selbst Nazieltern ihren Kindern verboten, sich dieses Hetzblatt anzuschauen. Juden waren für alle Übel und Verbrechen in der Welt verantwortlich. Sie waren schuld an Kriegen, Wirtschaftskrisen, Börsenkrächen, Hungersnöten, Korruption, Ausbeutung … Sie waren die Untermenschen, die, selbst unfähig zu eigener schöpferischer Leistung, wie Parasiten alle sittlichen Werte und jede Kultur zersetzten und zerstörten. Dieses Wahnsystem war nun nicht das Produkt eines handlungsunfähigen Irren, sondern es wurde in die Tat umgesetzt und führte nach dem Scheitern der Umsiedlungspläne nach Madagaskar zum millionenfachen Massenmord. Nach dem Krieg fanden wir in einem NSKindergarten ein Kinderbuch, „Der Giftpilz“, mit furchterregenden antisemitischen Karikaturen. Der Jude wirkte wie Gift im Volkskörper, und um zu gesunden, musste man dieses Gift ausscheiden und vernichten. Damit wurden die kindlichen Seelen nicht nur verhetzt, sondern auch verletzt. In meinem evangelischen Kindergarten gab es dieses Buch und auch andere Nazischriften nicht. Besonders wirkungsvoll war die Behauptung einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Das internationale Judentum wolle im Verein mit dem Kommunismus die Weltherrschaft an sich reißen. Dabei griff die NS-Propaganda auch zu den schon 1921 als Fälschung entlarvten so genannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Dazu trat eine weitere infame Lüge. Nach den militärischen Misserfolgen im Oktober 1918 verlor Ludendorff, der eigentliche militärische Machthaber, die Nerven und verlangte mit seinem Oberbefehlshaber Hindenburg von der überraschten Reichsregierung ein sofortiges Waffenstillstandsangebot. Damit war den Alliierten klar, wie verzweifelt die Lage ihrer Gegner war und sie konnten ihre Forderungen in die Höhe schrauben. Um von ihrem eigenen Versagen abzulenken, erfanden Ludendorff und Hindenburg die „Dolchstoßlegende“, besser „Dolchstoßlüge“. „Das tapfere Heer musste die Waffen strecken, als verräterische Elemente ihm in den Rücken fielen“, so Oberst von Döhring bei der ersten Eidesleistung auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler am 8.11.1935 in Herford. Die wahren Schuldigen an der Niederlage stahlen sich aus der Verantwortung und überließen die Unterzeichnung des Vertrages den demokratischen Parteien. Mit der Dolchstoßlüge haben sich Ludendorff und der später als Reichspräsident bei vielen beliebte Hindenburg schuldig gemacht. Hindenburg „bereicherte“ die Legende vom Dolchstoß noch, indem er sie mit der heimtückischen Ermordung Siegfrieds durch Hagen 4

verband. Für die NS-Propaganda war es klar: hinter der Novemberrevolution steckten die Juden. So waren sie nun auch zusätzlich zu ihren anderen Verbrechen schuld an der Niederlage Deutschlands, die zum verhassten „Schanddiktat“ von Versailles und der „Kriegschuldlüge“ führte. Die deutsche Regierung musste die Alleinschuld am Kriegsausbruch anerkennen. Damit wurden die Wiedergutmachungen für die Kriegsschäden und die drückenden Milliardenlasten der, auf dreißig Jahresraten verteilten, Reparationen begründet. Noch heute, hundert Jahre später, ist die Kriegsschuldfrage umstritten, wobei die Mehrzahl der Historiker dazu neigt, die Verantwortung auf mehrere Regierungen zu verteilen. Hitler versprach, den Versailler Vertrag zu zerreißen und damit war die große Mehrheit der Deutschen einverstanden. All das war nicht ferne Geschichte für uns. Diese Lügen prasselten täglich auf uns ein. Und da wir die wahren Hintergründe nicht kannten, hatten wir ihnen nichts entgegenzusetzen. Eine andere gemeine Lüge, ich kann sie gar nicht alle aufzählen, war, dass die Juden als feige und als Drückeberger dargestellt wurden. Dass im Ersten Weltkrieg viele Juden sich freiwillig meldeten und hohe Tapferkeitsauszeichnungen erhielten, wurde unterschlagen. Wir wussten nicht, dass schon in römischer Zeit die Juden sich am längsten und am fanatischsten bis zum Verlust ihrer Staatlichkeit gegen die römische Besatzung wehrten. So waren viele Deutsche über die militärischen Leistungen Israels nach der Staatsgründung sehr erstaunt und viele sahen in dem General Moshe Dayan ein Ebenbild des beliebten Wüstenfuchses Erwin Rommel. Die jüdische Bevölkerung war gegen die Lügenflut der NS-Propaganda schutz- und hilflos. Keine Zeitung würde eine Gegendarstellung bringen. Die Nazis hatten die totale Kontrolle über alle Medien. Die Juden waren aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Sie hatten keine Fürsprecher. Immer wieder fand sich ein Erwachsener, der im Krieg etwas Positives über die Gegner sagte. Doch niemals sagte jemand etwas Mitfühlendes oder Gutes über die Juden. Es war wie ein furchtbares Tabu, an das niemand zu rühren wagte. Erst Ende 1944 auf dem Langenberg tat das mein Vater. Die gnadenlose Judenhetze hatte mich so verstört, dass ich noch viele Jahre nach dem Kriege das Wort „Jude“ nicht unbefangen aussprechen konnte. Von dem Brand der Synagoge hörte ich durch einen Freund. Er erzählte eine wirre Geschichte von einem Rabbi, der mit einer Pistole bewaffnet in der Synagoge stand. Was eine Synagoge, ein Rabbi war, ich wusste es nicht. Am nächsten Tag stand ich mit geheimem Grauen vor den noch rauchenden Ruinen. Meine Eltern sprachen mit mir über dieses Ereignis nicht. Mit acht Jahren war ich noch zu jung. Das Furchtbare ist, das die Urheber der Massenmorde überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hatten. In einer Geheimrede vor hohen SS-Führern sprach Himmler von der schweren Aufgabe, die die SS mit der Ausrottung der Juden auf sich genommen habe. Sie stelle ein niemals zu schreibendes (wegen der Geheimhaltung) Ruhmesblatt der SS dar, weil sie menschlich anständig geblieben sei. 1945 macht er über Graf Bernadotte ein Kapitulationsangebot an die Westmächte. Der Reichsführer-SS entlarvte damit den Leitspruch der SS: „Unsere Ehre ist die Treue“ als hohle Phrase, denn er verriet ja seinen Führer. Der stieß ihn darauf aus der Partei aus. Himmler konnte sich gar nicht vorstellen, dass er wegen seiner Mordtaten als Verhandlungspartner nie infrage kam. Als er das einsah, stahl er sich durch Selbstmord aus der Verantwortung. 5

Von den wichtigen Beiträgen jüdischer Schriftsteller, Komponisten, Künstler und Wissenschaftler zur deutschen Kultur wussten wir gar nichts. Als etwa Achtjähriger hörte ich, wie ein Kindermädchen ein Lied sang und von ihrer Freundin unterbrochen wurde. „Hör auf. Das ist doch verboten.“ Es muss sich um die Loreley des jüdischen Dichters Heinrich Heine gehandelt haben. Dieser Name war mir unbekannt. Er tauchte in der Schule auch nicht im Deutschunterricht, sondern ausgerechnet im Mathematikunterricht auf, den ein verbohrter Nazi und Antisemit, Studienrat Westermann, gab. Um seine Stunden aufzulockern, las er ein Gedicht vor, in dem Heine eine romantische Stimmung aufbaut, um sie dann plötzlich mit der banalen Wirklichkeit zu kontrastieren und so zu zerstören. Diese spöttische Schlusszeile las Herr Westermann besonders höhnisch vor. „Seht her, so ist der Jude. Das ist jüdische Zersetzung.“ Wir waren verwirrt und befremdet, denn niemand hatte uns gesagt, dass diese spätromantische Ironie auch bei anderen Dichtern üblich war. Im Biologieunterricht erinnere ich mich an schwarz-weiße Fototafeln. Links oben die arische Lichtgestalt, dann die dinarischen Rassen und weiter unten die niedrigen slawischen und negroiden Rassen und als Letzter, möglichst unvorteilhaft ausgewählt und fotografiert, der „jüdische Untermensch“. Anfangs gab es noch rassenbiologische Vergleiche im Klassenzimmer. Doch sie wurden bald eingestellt. Vermutlich weil sich immer mehr Schüler darüber Gedanken machten, dass von den Naziführern kaum einer dem arischen Ideal entsprach. So wurde Goebbels respektlos als „Schrumpfgermane“ bezeichnet. Die Mehrzahl unserer Lehrer waren keine aktiven Nazis. In ihren Fächern fand keine systematische NS-Indoktrination statt. Viele benutzten nicht den Hitlergruß, sondern grüßten mit „Guten Morgen“ bzw. „Guten Tag“. Schon dazu gehörte Mut, denn in den Zeitungen wurde gegen diese Elemente, die sich mit der Verweigerung des Hitlergrußes gegen die Volksgemeinschaft stellten, gehetzt. Erst nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 war der Hitlergruß überall, auch in der Wehrmacht, Pflicht. Einige übten auch mutige Kritik. Doch keiner konnte uns sagen, dass das, was in den Schulbüchern, in der Presse, im Rundfunk... gesagt wurde, alles Lügen waren. Das hätte seinen sicheren Tod bedeutet. So war auch unsere Schule letztlich von der Ideologie des NS, vertreten durch den von der Partei ausgesuchten Direktor, Dr. Baesen, und seine Gesinnungsgenossen im Kollegium, durchsetzt. Näheres zu meiner Schulzeit findet sich im Heckmannschen Video, meine Erinnerungen von 1995, und den Erinnerungen von 1940-50, die Herr Uwe Johann aufzeichnete. Eine Frage treibt mich bis heute um. Die BBC berichtete von Verbrechen an Juden, doch niemals über den Holocaust. Was wussten die Alliierten? Sie bombardierten die Industrieanlagen in den Außenlagern von Auschwitz. Historiker wie Bernd Martin sind sich sicher, dass sie ab Herbst 1942 alles über die Massenmorde wussten. Warum, und das ist meine Frage, warnten sie nicht die Millionen Juden in den von den Deutschen besetzten Ländern vor dem, was sie wirklich erwartete? Hunderttausende wären in den Untergrund gegangen, hätten sich Partisanengruppen angeschlossen und, wie der Aufstand im Warschauer Ghetto zeigte, mit dem Mut der Verzweiflung gekämpft. Stattdessen ließen sich Millionen widerstandslos in die Viehwagen pferchen im Glauben, sie würden zum Arbeitseinsatz in den Osten geschickt. Im Sommer 1943 zeigte mir ein Freund einen Brief seines Vaters, der als Angehöriger einer Polizeieinheit im damaligen Generalgouvernement stationiert war. In dem Brief stand sinngemäß: „Hier ist es manchmal sehr langweilig. Um uns ein wenig abzulenken, werfen wir einige Juden in den Fluss und knallen sie ab.“ Ich fand das empörend, hielt es aber für 6

einen Einzelfall. Doch andererseits war klar: Juden konnten umgebracht werden, nur weil sie Juden waren. Und ein deutscher Polizeibeamter konnte sich dieser feigen Mordtat rühmen, ohne dass er zur Verantwortung gezogen wurde. Die Freundschaft zu dem Sohn, der auf diesen Vater stolz war, fand daher ein jähes Ende. Es mag im Herbst 1943 gewesen sein, dass mein Bruder und ich abends auf dem Weg zur Straßenbahn nach Bad Salzuflen, wo wir die Nächte wegen der Bombenangriffe verbrachten, die Leichen zweier russischer Zwangsarbeiter im Endebutt liegen sahen. Sie waren aus dem Lager entflohen und erschossen worden. Ein Junge in HJ-Uniform lobte gefühllos die glatten Kopfschüsse. Der Begräbnisunternehmer weigerte sich, einen Wagen zu schicken. Eine alte Frau sagte: „Ach, die armen Jungen. Sie wollten doch nur ihre Mütter wiedersehen.“ Diese einfache Frau, und das fühlte ich damals ganz deutlich, sprach für das bessere, menschlichere Deutschland. 1943 und 1944 mussten wir bei der Ernte helfen. Auf den Höfen gab es nur alte Männer und französische und polnische Kriegsgefangene. Bei unserem Bauern traf ich einen sowjetischen Kriegsgefangenen. Er wurde anständig behandelt und aß mit uns in derselben Stube, was schon gegen die Rassengesetze verstieß. Pjotr sprach fließend Deutsch. In den Arbeitspausen unterhielten wir uns. „Bis Du nicht froh, in Deutschland zu sein?“ - „Nein, überhaupt nicht. Ich bin der Sowjetunion dankbar. Meine Eltern waren arm. Doch ich konnte auf die höhere Schule gehen und habe zwei gute Anzüge im Schrank.“ „Aber“, wandte ich ein, „ihr habt doch die GPU.“ (Über die berüchtigte Geheimpolizei und ihre Rolle bei den Schauprozessen waren wir durch unsere Zeitungen informiert.) - „Und ihr“, konterte er, „habt die SS.“ Ich lachte. „Die sind doch nur dazu da, um bei Kundgebungen die Massen zurückzuhalten.“ So ahnungslos war ich mit 13 Jahren. Ich hoffe, dass Pjotr bis zum Kriegsende bei dem Bauern bleiben konnte und nicht in die Lager zurück musste, wo man an die 3,5 Millionen einfach verhungern ließ. Ich sah oft Kolonnen russischer Gefangener. Sie wirkten abgerissen und hungrig. Oft warfen ihnen alte Frauen Brot zu, bis sie von den Wachtposten weggescheucht wurden. In der Senne befand sich mit Stukenbrock eines dieser Todeslager. Ein Freund, dessen Bruder dort Wachmann war, erzählte mir, dass, bevor die Amis kämen, die Russen „umgelegt“ würden. So brutal waren damals Sprache und Einstellung. Alle kannten wir den Kommissarbefehl, nach dem die politischen Kommissare, die auf die Einhaltung der kommunistischen Ideologie in der Sowjetarmee zu achten hatten, nach ihrer Gefangennahme sofort zu erschießen waren. In der Propaganda wurden sie als so furchtbare Verbrecher dargestellt, dass wir das für rechtens hielten. Jeden Sommer verbrachten wir bei Verwandten unseres Vaters in Kaierde, einem kleinen Dorf im Weserbergland unweit von dem Orte, wo er geboren wurde. Eines Tages kam uns auf der Landstraße eine Gruppe junger, singender Ukrainerinnen von ihrer Arbeit entgegen. Mein Vater putzte sich gerade die Nase auf ländliche Art ohne Taschentuch unter Zuhilfenahme von Daumen und Zeigefinger. Darauf riefen ihm einige Ukrainerinnen fröhlich zu: „Nix Kultura, Herr Doktor. Nix Kultura.“ Wir blieben stehen und unterhielten uns. Ich stellte wieder meine Standardfrage: „Sind Sie nicht froh, in Deutschland zu sein?“ Da wurden sie plötzlich ernst. „Wir sind hier nicht freiwillig. Wir sind nachts von deutschen Soldaten aus den Betten geholt und in Güterwagen nach Deutschland transportiert worden.“ Dann gingen sie weiter ins Dorf in ihre Baracken. Diese Frauen wurden gut behandelt. Heute weiß ich, dass das auf die Zwangsarbeiterinnen in den Großbetrieben nicht zutraf. Doch es gab auch Beispiele offener Ablehnung und Kritik. Man begab sich damit immer in 7

Gefahr. In der NS-Zeit galt der Informant, der Kritiker und Gegner anzeigte, als wahrer Patriot und nicht als Denunziant. Ein hoher Stabsarzt sagte mir auf einem Fronturlaub: „Wenn es einen gerechten Gott gibt, dann dürfte das deutsche Volk wegen seiner Verbrechen nicht weiter existieren.“ Und eine evangelische Schwester erklärte nach der Zerstörung der Möhnetalsperre durch britische Bomber mit über tausend Ertrunkenen, das sei die Strafe Gottes für unsere Sünden. In beiden Fällen fragte ich nicht weiter nach. Ein pensionierter Apotheker sprach zu mir mit Respekt von den amerikanischen „Flying Fortresses“ (fliegenden Festungen), die bei blauem Himmel über uns hinweg flogen. Ein Offizier aus dem Hauptquartier von Rommel sprach ihm jede strategische Begabung ab und hielt ihn nur für einen besseren Divisionskommandeur. Mein Onkel „Bubi“, der Bombenangriffe auf England flog, verwirrte mich, als ich stolz den Messerschmitt-Jäger ME 109 für das beste Flugzeug hielt und er mir erklärte, dass die britische Spitfire viel gefährlicher und wendiger sei. Sie entschied letztlich die Schlacht um England. Leider kehrte er aus Russland nicht mehr zurück. Der Bruder meines Vaters war überzeugter Berufsoffizier. Er wurde 1919 entlassen und schlug sich mühsam als Handelsvertreter durch. Er begrüßte die Aufrüstung und wurde ein Anhänger Hitlers. Bei seinen Besuchen in Herford stritten sich die beiden Brüder politisch, doch menschlich hingen sie aneinander. Nach dem Einmarsch in die SU erlebte er die freudige Begrüßung der deutschen Truppen durch die ukrainische Bevölkerung. Wenig später, enttäuscht und verbittert, dass man sie als Arbeitssklaven behandelte, gingen Zehntausende in den Untergrund und schlossen sich den Partisanen an, die den deutschen Truppen große Verluste zufügten. Im Laufe der Zeit begriff der Major Wilhelm Gosmann, dass er Teil eines grausamen Vernichtungskrieges war. Ein Schlüsselerlebnis war die Gefangennahme von etwa 20 russischen Soldaten. Er beauftragte einen Unteroffizier, sie nach rückwärts in eine Aufnahmestelle zu bringen. Auf halbem Wege begegneten sie einer SS-Streife, die sich erbot, diese Aufgabe zu übernehmen. Der Unteroffizier und seine Kameraden seien an der Front wichtiger. Wenig später hörten sie Schüsse und wussten, dass die SS die Gefangenen ermordet hatte. Sie berichteten ihrem Chef von dem Vorfall. Von da an verlor mein Onkel den letzten Rest seines Glaubens und zweifelte am Sinn seines Lebens. Ende 1944 soll er bei Frankfurt/Oder gefallen sein. Ein entfernter Verwandter von uns, Theodor Kattenbraker, einer der seltenen fröhlichen Christen, führte einen kleinen Laden in der Radewig. 1937 sollte er auf Befehl der Partei das Schild „Juden werden hier nicht bedient“ aufhängen. Er weigerte sich, weil auch einige Juden zu seinen Kunden zählten. Als er erklärte, er könne das nicht mit seinem christlichen Gewissen vereinbaren, drohte man ihm mit der Gestapo. In seiner Not wandte er sich an seinen Freund Röckemann, der Leiter der Fachschaft und im Parteimilieu zu Hause war. Er versprach, die Sache in Ordnung zu bringen. Und er tat das auch. Wie zerrissen manche Menschen in der NS-Zeit waren, zeigt das Beispiel meines Pfarrers Voss. Wie die Mehrzahl der evangelischen und katholischen Pfarrer fürchtete er den Kommunismus, der in der SU den christlichen Glauben bekämpfte, Priester ermordete und Kirchen schändete. Im öffentlichen Konfirmandenunterricht, mein Vater war einer der Zuhörer, wollte Pastor Voss die Frage der Gotteskindschaft besprechen, doch keiner der Konfirmanden regte sich. Darauf wandte er sich an mich. „Stell Dir vor, Du seist der Sohn eines großen Mannes, zum Beispiel des Reichsmarschalls Göring. Wie würdest Du Dich dann benehmen?“ - „Wie man es von dem Sohn Hermann Görings erwartet“, antwortete ich diplomatisch. Darauf hörte man, wie die schwere Tür der Münsterkirche ins Schloss fiel. Mein Vater hatte den Unterricht zornentbrannt verlassen. Anfang 1944 sagte derselbe 8

Pfarrer im Konfirmationsgottesdienst, der wegen der Bombenangriffe frühmorgens in der Diebrocker Schule stattfand: „Jungens, werdet nicht so mitleidlos wie die Betonfressen der deutschen Soldaten auf den Durchhalteplakaten.“ Wäre das der Partei gemeldet worden, wäre er hingerichtet worden. Später habe ich mich oft gefragt, ob ihm eigentlich überhaupt bewusst war, in welche Gefahr er sich damals gebracht hatte. Stellvertretend für die kritische Haltung mancher Lehrer soll der von uns allen geliebte Deutschlehrer „Atta“ (Dr. Adolf Bähr) stehen, der uns 1944 einen Aufsatz über den Atlantikwall schreiben ließ. Er lobte die technische Dimension dieses Festungswerkes, riet uns aber, in unsere Schlussbetrachtung auch kritische Überlegungen einfließen zu lassen. Wie immer ließ er sich mit der Korrektur Zeit. Als er die Aufsätze zurückgab, lag der mächtige Atlantikwall nach der Invasion in Trümmern. Hätte ihn jemand denunziert, wäre er wegen Wehrkraftzersetzung in ernste Schwierigkeiten geraten. In welche furchtbaren Zwangslagen man im NS-Staat geraten konnte, zeigt das Beispiel eines Vetters meines Vaters. Wolfgang Marten, ein allseits beliebter Mensch, war Rechtsanwalt in Neumünster und stand dem NS ablehnend gegenüber. Anfang 1944 wurde ihm mitgeteilt, er habe den Vorsitz des örtlichen Volksgerichtshofes zu übernehmen. Er hätte unter anderen auch Hörer von Feindsendern zum Tode verurteilen müssen. In seiner Verzweiflung besprach er sich mit Verwandten im besetzten Dänemark, die ihm natürlich auch nicht helfen konnten. Auf der Rückreise betrat er – ich meine bewusst – ein Eisenbahnabteil, in dem auch ein hoher Parteifunktionär in Uniform saß. Er setzte sich ihm gegenüber und begann, in einer dänischen Zeitung zu lesen. Plötzlich sprang der Nazi in höchster Erregung auf: „Während Deutschland sich im schwersten Abwehrkampf befindet, lesen sie eine ausländische Zeitung und fallen der Front in den Rücken.“ Wolfgang Marten blieb ganz ruhig und sagte: „Ich sehe, dass Sie diese von den deutschen Behörden genehmigte dänische Zeitung ärgert“, und steckte sie in seine Rocktasche. Darauf verlor der Nazi vollends seine Fassung und ohrfeigte den Vetter. Das war seine Rettung! Prompt begab er sich zum Gauleiter, berichtete von dem Vorfall und wies darauf hin, dass er das Ehrenamt als jemand, der in der Öffentlichkeit geohrfeigt worden war, nicht annehmen könne. Das wirkte und er kam für dieses Amt nicht mehr in Frage. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen ein Einzelner sich durch Glück und List aus einer Notlage befreien konnte. Im Sommer 1944 sah meine Tante Hanna Kattenbraker ein kleines Häuflein von Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz stehen. Es handelte sich um so genannte „Halbjuden“. Fassungslos ging sie auf die Gruppe zu, in der sie einen guten Bekannten, Rechtsanwalt, Ehrhard Brand, erkannte: „Was machen Sie denn hier, Herr Rechtsanwalt?“ - Herr Brand zuckte die Schultern: „Genaues weiß ich auch nicht. Wir sollen zur Arbeit in den Osten geschickt werden.“ Die Unterhaltung wurde durch den Wachtposten beendet. Nach dem Krieg erfuhr ich von einer Verwandten von Herrn Brand, dass er im KZ durch einen SS-Offizier gerettet wurde, der angesichts der drohenden Niederlage sich einen Fürsprecher besorgen wollte. Rechtsanwalt Brand wirkte noch in der Herforder Kulturpolitik und vermachte dann großzügig sein Vermögen der Stiftung Brand, in deren Haus und Garten noch heute Lesungen und Konzerte stattfinden. In einer Diktatur, in der es keine Rede- und Pressefreiheit gibt, blüht der politische Witz als verstohlener Protest. Ich bringe nur ein Beispiel: „Die größten Lügner Goebbels, Stalin, Churchill, Mussolini erscheinen vor Petrus. Der verhängt für jede Lüge eine Strafrunde um das himmlische Stadion. Die Beteiligten stellen sich auf, doch Goebbels fehlt. Nach 9

einigen Minuten kommt er mit einem Rennrad zurück.“ Man erzählte solche Witze nur Vertrauten. Wenn das in der Öffentlichkeit geschah, schaute man sich vorher vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch in der Nähe kein Lauscher war. Das nannte man den „Deutschen Blick“. Die Jüngeren werfen der älteren Generation leicht moralische Feigheit und Versagen vor. Viele haben schwere Schuld auf sich geladen. Die große Mehrheit hat bei der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Juden und den Transporten – der Begriff „Deportationen“ wurde damals nicht benutzt – weggeschaut. Es gibt aber keine Kollektivschuld der Deutschen für die Massenmorde, sondern wie es Karl Jaspers ausdrückt, eine kollektive, politische Haftung mit der Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht. Wie furchtbar sich die Behauptung einer Kollektivschuld auswirken kann, mussten schon früh die Juden erfahren. Weil einige Fanatiker vor Pilatus geschrien hatten: „Kreuzige ihn“ galten sie als Gottesmörder und wurden im christlichen Abendland überall verfolgt. Noch 1956, als ich einem evangelischen Pfarrer in Bonn sagte, dass ich wegen des Holocaust meinen naiven Glauben verloren hätte, kam die unglaubliche Antwort, das sei doch im Matthäusevangelium schon alles vorgezeichnet. „Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Ich möchte die jüngere Generation fragen: Was hätten Sie getan, wenn eines Nachts Juden an Ihrer Tür geklopft und um Unterschlupf gebeten hätten? Hätten Sie im Bewusstsein, dass das Verstecken von Juden mit dem Tod bestraft wurde, geholfen? Ich hoffe für mich, dass ich den Mut gefunden hätte, sie einige Tage zu verstecken. Aber ich fürchte, ich hätte die Todesangst um meine Familie und mich nicht überwinden können, um ihnen dauerhaft zu helfen. Einige haben den Mut gehabt, das zu tun. Der Schauspieler Michael Degen und die Autorin Inge Deutschkron berichten in ihren Erinnerungen darüber. In einer totalen Diktatur wie der nationalsozialistischen, der kommunistischen unter Stalin und der chinesischen unter Mao hat der isolierte Einzelne keine Chance. Er hat nicht einmal die Möglichkeit, Märtyrer zu sein. Seine Persönlichkeit wird ausgelöscht, er selbst „liquidiert“. Widerstand kann nur von der Armee kommen, die zum Tyrannenmord entschlossen, fähig und bereit ist, nach dem Umsturz die Macht zu übernehmen. In Deutschland versuchte das ein Teil der Offiziere im Verein mit dem zivilen Widerstand. Doch alle Attentatsversuche scheiterten, auch der Letzte vom 20. Juli 1944. Das bestärkte Hitler in seinem Wahn, unter dem besonderen Schutz der Vorsehung zu stehen. Als die Nachricht vom gescheiterten Attentat bekannt wurde, schwelgte meine Umgebung in Rachefantasien. Ich weiß nicht genau, was mich damals bewegte zu sagen: „Sie wollten vielleicht das Beste für Deutschland.“ Die wahren Motive der Attentäter kannte ich nicht. Es muss die würdelose Behandlung der Angeklagten vor dem Freislerschen Volksgerichtshof gewesen sein, die mich zum Mitleid bewegte. Heute bin ich sehr froh, dass die Bundeswehr sich zu den Idealen der Männer und Frauen des Widerstands bekennt. 1952/53 war ich mit einem Fulbright-Stipendium in Amerika. Nach meinen Vorträgen über die NS-Zeit wurde ich immer wieder gefragt, warum die Deutschen nicht auf die Straßen gegangen wären und gegen die Naziverbrechen protestiert hätten. Der Frager wurde nachdenklich, wenn ich ihm beschrieb, was ihn als Gegner einer modernen Diktatur erwartet hätte. Günstigenfalls würde er auf unbestimmte Zeit in einem KZ verschwinden, 10

ohne Kontakt zu seiner Familie. In der Regel würde er auf dem Schafott sterben im Wissen, dass seine Kinder nach seinem Tod vom Regime so erzogen würden, dass sie sich ihres Vaters als „Volksschädling“ schämen würden. Ich möchte dieses Kapitel mit einem Zitat aus den Erinnerungsversuchen meines Vaters beschließen. „Unleugbar sind wir alle – auch die Gegner der Nazis – schuldig geworden. Wenn ich den Mut aufgebracht hätte, mich selbst zu opfern, wie hätte ich die Verfolgung von Frau und Kindern, ja der ganzen Sippe (Sippenhaft, Verfemung, Auslöschung) verantworten können?“ Die Erziehung zum Nationalsozialismus sollte – neben der Schule – in der HJ stattfinden. Um es gleich im Voraus zu sagen, bei mir gelang das überhaupt nicht. Ab 1940 war der Dienst in der HJ Pflicht. Von 10-14 war man im Jungvolk, von 14-18 in der eigentlichen Hitlerjugend. Anfangs gefiel mir das Jungvolk mit seinen Uniformen, Fanfaren und Landsknechtstrommeln ganz gut. Doch bald stießen mich der stupide militärische Drill und die immer brutaler werdende Geländespiele ab. Die Devise „Hitlerjungen sind hart wie Kruppstahl“ widersprach meiner Sympathie für die Verlierer und die Schwächeren. Meine Gegenwelt zur HJ war der von mir gegründete Indianerstamm der Sioux – auch sie waren Verlierer – mit zwölf bis fünfzehn Mitgliedern. Hier herrschten faire Regeln. Boxkämpfe mit bloßen Fäusten waren nicht erlaubt. Der Ringkampf war beendet, wenn einer auf dem Rücken lag. Im Jungvolk sollte ich lernen, den wehrlosen, auf dem Rücken liegenden Gegner weiter mit Faustschlägen zu bearbeiten. Das stieß mich ab. Auch habe ich nie verstanden, mit welchem Hass und welcher Brutalität die Mitglieder einer Klasse aufeinander losgingen, nur weil sie in verschiedenen „Fähnlein“ (bis zu 180 Jungen) waren, die miteinander in Fehde lagen. Der Dienst fand anfangs am Samstag, später auch am Mittwoch, auch an vielen Sonntagen statt. Um sicherzustellen, dass alle zum Dienst erschienen, gab es die Institution des „Bescheidsagens“. Da man vorhatte, mich zum Führer zu machen, musste ich in die berüchtigte Bergertormauer und Rosenstraße, um die Eltern dazu zu bringen, für ihre Söhne zu unterschreiben, dass sie pünktlich zum Dienst kommen würden. Erschien der Sohn dann doch nicht, wurde er von der Polizei vorgeführt. In den ärmlichen, überfüllten, schlecht gelüfteten Räumen herrschte ein Klima von Hass, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Neidisch blickten sie auf die prächtigen Villen am nahen Wall. Wir wohnten zur Miete in einer dieser Villen. Für die Bewohner dieser armseligen Katen gehörte ich zu einer privilegierten Oberschicht. Oft wurde ich angeschrien und angespuckt. Kein Wunder, dass mir diese wöchentlichen Besuche in dieser düsteren Welt immer weniger gefielen. Eines Tages sollten wir „Führeranwärter“ feierlich als Führungspersonal übernommen werden. Das war ein großes Ereignis. Hohe HJ-Führer waren gekommen. Wir vier Anwärter standen vor der Front des angetretenen Fähnleins 5. Unter Trommelwirbel wurden meinen Kameraden die Winkel am rechten Ärmel angeheftet. Bevor das bei mir geschehen konnte, sagte ich plötzlich: „Ich möchte gar kein Führer werden. Ich möchte lieber einfacher Pimpf bleiben.“ Stille. So etwas war wohl noch nicht vorgekommen. Mein mir wohlgesonnener Jungzugführer rettete die Situation, indem er sagte: „Ach, lasst den mal. Sein Vater ist auch so komisch.“ Hocherfreut lief ich nach Hause und erzählte meinem Vater von dem Vorfall. Er wurde leichenblass und vernichtete im Keller vermutlich einige Dokumente. Später sagte er mir, dass er noch monatelang große Angst empfand. Doch es geschah nichts. 1942 berichtete eine Gruppe von HJ-Jungen von einer Reise in die mit Hitler verbündete 11

Slowakei. Als sie dann flotte, slowakische Lieder sangen, empfand ich das als Lichtblick. Anders als später die FDJ hatte die HJ kaum internationale Kontakte. Mein positiver Eindruck änderte sich sofort, als sie voller Stolz erzählten, dass in Prag, damals das besetzte Reichsprotektorat, alle Tschechen, die ihnen begegneten, in den Rinnstein treten mussten. Ich musste an unser Geschichtsbuch denken, das mit großer Empörung davon berichtete, dass Deutsche bei der Ruhrbesetzung (1923-25) vor belgischen und französischen Soldaten den Bürgersteig verlassen mussten. Nach einer Veranstaltung der HJ erzählte ich meinem Vater, dass ein hoher HJ-Führer einen englischen Jungen wegen seines beispielhaften Patriotismus gelobt habe. Es machte mich froh, dass mitten im Kriege etwas Gutes über einen englischen Jungen gesagt wurde. Bei einem Flottenbesuch legte ein deutscher Kreuzer in einem Hafen an, in dem nur ein kleineres englisches Kriegsschiff lag. Trotzdem behauptete der junge Engländer, dass das englische Schiff stärker und größer als das deutsche sei. Das fand den Beifall des HJ-Führers. Mein Vater sagte nur: „Der kleine Engländer hat doch gelogen. Findest Du das denn so toll?“ Das machte mich nachdenklich. Bei den häufigen Märschen wurde wie bei der Wehrmacht gesungen. Einige Lieder passten überhaupt nicht. Mit „Schön ist das Küssen und das Kosen hinter roten Heckenrosen“ konnte ich als Zwölfjähriger gar nichts anfangen. Besser war da schon „Jenseits des Tales lagen ihre Zelte...“ und das unverwüstliche „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“. Brutal und aggressiv empfand ich schon damals das Lied „Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wir haben den Frieden gebrochen. Für uns war's ein großer Sieg. Wir werden weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Für das schlimme Lied „Die Juden ziehen dahin, daher, sie ziehen durchs Rote Meer, die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh“ schäme ich mich noch heute. Im März 1944 fand im Schützenhof die feierliche „Verpflichtung auf den Führer“ statt. Wir wurden jetzt formell in die HJ übernommen. Die Phrasen des Kreisleiters Nolting, sein Gerede, dass wir unsere Ehre für immer verlören, wenn wir uns von der Verpflichtung auf den Führer lösten, beeindruckten mich überhaupt nicht. Ich sprach das Gelöbnis mechanisch nach. Mit diesem Verein war ich fertig. Nach der Aufnahme in die HJ mussten wir uns für eine Waffengattung entscheiden. Mir fiel nichts anderes als die Luftwaffe ein. So landete ich in der Flieger-HJ und durfte Sonntags in Barntrup Segelflugzeuge mit Gummiseilen zu einem kurzen Ausflug in die Luft verhelfen. In einem Segelflugzeug habe ich selbst nie gesessen. Inzwischen wurden meine Klassenkameraden zu einem Wehrertüchtigungslager in Vlotho eingezogen. Hier erhielten sie eine vormilitärische Ausbildung. Mein Vater war dagegen und „versteckte“ mich bei unseren Großeltern in Salzuflen. Ich hatte furchtbare Angst, entdeckt zu werden. Viel lieber wäre ich bei meinen Kameraden in Vlotho gewesen. Ich war erst erleichtert, als ich nach einem Bombenangriff im November 1944 sah, wie der Führer der Flieger-HJ in den Trümmern seines Hauptquartiers im Gasthaus „Zur Post“ verzweifelt nach seinen Akten suchte. Im Herbst 1944 wurde meine Klasse nach Kevelaer an die holländische Grenze geschickt, um mit alten Männern einen Panzergraben auszuheben. In unserem Zug befand sich ein HJ-Führer, der mit einem Kleinkalibergewehr auf Kühe und Pferde feuerte. Proteste nutzten nichts. Er war stark und brutal. In Kevelaer wurde von hohen Parteibeamten – wir nannten sie „Goldfasanen“ - an unsere Opferbereitschaft gegenüber Volk und Führer 12

appelliert. Bei mir kam das nicht gut an. Ich hatte den Eindruck, dass diese wohlgenährten Nazibonzen sich selbst vor dem Opferdienst an der Front drückten. In Kevelaer liefen viele HJ-Jungen mit glatt geschorenen Köpfen herum. Ihnen wurden die Haare abgeschnitten, wenn sie die Sperrstunde überschritten. Ich wurde vor diesem Schicksal durch das Alibi von Herrn Föge, einem Patienten meines Vaters und Besitzer eines Restaurants, bewahrt. Die Arbeit, täglich zehn Stunden, war hart. Die Verpflegung war schlecht. In der Suppe, die uns in den Graben geliefert wurde, schwammen oft Maden. Wir hatten Hunger und klauten, was noch auf den Feldern war. „Lieber die Amis als die HJ“, schimpften die Einwohner. Nach der Haager Konvention hätten uns die englischen und amerikanischen Flugzeuge beschießen können, denn wir arbeiteten ja an militärischen Festungswerken. Doch sie beschränkten sich auf vereinzelte Angriffe auf Flakstellungen. Nach einem dieser Angriffe schrie plötzlich mein Nachbar: „Hilfe, ich bin getroffen worden.“ Doch außer einem Durchschuss durch seine Schaufel war nichts geschehen. Was taten wir? Wir hackten Löcher in unsere Schaufeln, nur um beim Heimmarsch unseres kleinen Trupps von der Bevölkerung „Ach, die armen Jungen“ zu hören. Abends waren wir uns weitgehend selbst überlassen. Wir schliefen zusammen in einer Schule. Der verantwortliche Führer hatte dafür zu sorgen, dass wir morgens zum Schanzen erschienen. Rückblickend schrieb ich im Oktober 1944: „Besonders schön war die Kameradschaft, die vieles leichter machte. Und trotz aller Mühsal denke ich an die Zeit von Kevelaer gern zurück und möchte sie nicht missen.“ Im Gegensatz zu den meisten Klassenkameraden glaubte ich nicht mehr an den Endsieg. Ich sah furchtbare Luftkämpfe, in denen vier alliierte und drei deutsche Flugzeuge abgeschossen wurden, ein für uns wegen der zahlenmäßigen Unterlegenheit der deutschen Luftwaffe schlechtes Ergebnis. Ich sehe noch heute die müden, abgekämpften deutschen Soldaten, die an die Front geschickt wurden und nur matt auf die Anfeuerungsrufe meiner Kameraden reagierten. Nach der Luftlandeoperation am 17.10.1944 im Osten der Niederlande – wir sahen den Feuerschein der Geschütze – gelangten wir nach einem wahnsinnigen Fußmarsch über die künstlich vernebelte Rheinbrücke bei Wesel nach Voerde. Dort wartete unser Zug nach Herford. Wir führten einen Pferdewagen mit unserem Gepäck mit. Meine Füße waren nach 30 Kilometern durchgelaufen. Als ich den uns begleitenden Lehrer bat, eine halbe Stunde mitfahren zu dürfen, kam es zu einem für die Zeit typischen Ausbruch: „Und mit diesem Kroppzeug sollen wir den Krieg gewinnen!“ Nein, den Krieg wollte ich wirklich nicht mehr gewinnen! Ich bin noch heute froh, dass ich durch meine späte Geburt vor der Angst und Gewissensqual bewahrt wurde, für dieses verbrecherische Regime kämpfen zu müssen. Anders als 1914, als überall in Europa der Kriegsausbruch mit Jubel begrüßt wurde, war die Stimmung 1939 bedrückt. Wir sahen die Soldaten und die Einberufenen in die Kasernen ziehen, aber die Zuschauer blieben stumm. Das änderte sich mit dem Blitzsieg über Frankreich und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris. Da waren die meisten Deutschen, besonders diejenigen, die schon 1914-18 im mörderischen Stellungskrieg ohne große Erfolge gekämpft hatten, der Überzeugung, dass Gott auf der Seite Hitlers stand. Der Krieg gegen die Sowjetunion kam überraschend, hatte doch kurz vorher Hitler ein Freundschaftspakt mit Stalin geschlossen und sich die polnische Beute mit ihm geteilt. Der Wintereinbruch 1941/42 überraschte die deutschen Truppen völlig. Eiligst wurden in der Heimat warme Kleidung und Decken gesammelt. Manche fragten sich, ob denn die deutsche Führung wirklich glaubte, in einem halben Jahr Russland besiegen zu können. Dann kam wieder eine Zeit der Siege. In den Kesselschlachten 13

wurden Millionen von Russen gefangengenommen. In den Schaufenstern der Tabakläden erschienen große Karten, auf denen mit bunten Stecknadeln der jeweilige Frontverlauf dargestellt wurde. Dann kam die Zeit der Rückzüge, die im Wehrmachtsbericht schamhaft „Frontbegradigungen“ genannt wurden. Darauf verschwanden die Karten aus den Schaufenstern. Nach dem Fall von Stalingrad und der Kapitulation der 6. Armee kamen Vielen Zweifel, ob der Oberbefehlshaber Hitler wirklich der „größte Feldherr aller Zeiten“ (Gröfaz) war. Aber noch war der Landkrieg weit entfernt. Dafür häuften sich die Todesanzeigen in den Zeitungen, meist mit dem Text: Gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Dagegen kam der Luftkrieg immer näher. Noch Jahre nach dem Krieg verband sich bei mir blauer Himmel mit den silbrig schimmernden Pulks der amerikanischen „Flying Fortresses“, die fast ungestört so tief über uns hinwegzogen, dass man die Hoheitszeichen erkennen konnte. Nur einmal sah ich, wie zwei todesmutige deutsche Jagdflieger einen amerikanischen Verband angriffen. Eine Maschine explodierte sofort, aus der anderen konnte sich der Pilot schwer verletzt mit seinem Fallschirm retten. Es gab eine Arbeitsteilung. Am Tage kamen die Amerikaner, nachts die Briten. Schon am Motorengeräusch erkannte man die feindlichen Flugzeuge und dann fragte man sich ängstlich, ob sie weiterfliegen oder ihre Bomben auf das kleine Herford abwerfen würden. Ab 1943 erschien nachts regelmäßig ein britischer Moskitobomber, der seine vier Luftminen ungestört auf das Stadtgebiet verteilte. Diese Minen verursachten nur flache Krater, so dass die Druckwelle ungehindert Häuser zerstören und die Lungen der Menschen zerreißen konnte. Das waren reine Terrorangriffe. Es war die furchtbare Rache für Hitlers Drohung, ganz England „coventrysieren“, d.h. wie die Stadt Coventry zerstören zu wollen. Da wir einmal nach einem Bombenangriff nur mühsam aus dem Haus herauskamen, weil Türen und Fenster verklemmt waren, bauten wir auf Wunsch meines Vaters im Garten einen, teilweise mit Wellblech gedeckten, Splittergraben. Dort warteten wir das Ende des Angriffs ab. Jedem Abwurf ging ein Lichtblitz voraus. Dann hörte man das polternde Rauschen der fallenden Luftmine. Verzweifelt betete ich, sie möge uns verschonen, doch dann kam mir der furchtbare Gedanke, dass selbst Gott den Weg der Bombe nicht mehr ändern könne. Und dann hörten wir die Explosion und das schaurige Schreien der Getroffenen. Ab Mitte 1943 schliefen wir wegen der Bombenangriffe bei unseren Großeltern in Salzuflen. Unsere Eltern mussten in Herford bleiben. Gegen Ende des Krieges flogen Jagdbomber Angriffe auf die Kleinbahn WallenbrückVlotho, selbst Einzelpersonen wurden beschossen. Tauchte so ein Tiefflieger urplötzlich auf, warf ich mich sofort zu Boden. Diese Art des Luftkriegs war kein Beweis für die Brutalität der westlichen Alliierten. Die deutsche Luftwaffe tat dasselbe, so lange sie dazu in der Lage war. Man nannte das „freie Jagd“. Heute werden Menschen durch unbemannte Drohnen umgebracht. Vor dem Einrücken der Amerikaner kam es zu Plünderungen der Vorratslager der Wehrmacht. Der Satz: „Lieber für die deutsche Bevölkerung als für die Amis“ leuchtete uns ein. Und so beteiligten mein Bruder und ich uns an mehreren Plünderungen. Wir brachten Lebensmittel, Planen und sogar Skis nach Hause. Die Grenzen zwischen Mein und Dein verwischten sich in gefährlicher Weise. Am Morgen des 4. April holte uns unser Vater im Auto – der Besitz eines Autos war ihm als Arzt gestattet – von Salzuflen ab. Durch die Lübberstraße zogen lange Kolonnen amerikanischer Panzer, auf denen Soldaten mit geschwärzten Gesichtern hockten. Abends erschien bei uns ein wüster Haufen amerikanischer Soldaten, von denen einer um seine Schultern einen Damenpelz trug. Wir mussten uns mit erhobenen Händen an die 14

Wand stellen, sie fuchtelten mit ihren Gewehren umher und fragten abwechselnd, ob wir „weapons“ oder „souvenirs“ hätten. Das zweite Wort kannte ich gar nicht. Doch es wurde schnell klar, dass damit Uhren und Wertsachen gemeint waren. Nach den Kampftruppen kamen Einheiten, die sich korrekt verhielten. Ich empfand das Kriegsende als Befreiung. Und das trotz der Trauer über die Millionen gefallener Soldaten, den 600 000 Bombenopfern, den zerstörten Städten und dem Elend der Flüchtlinge und Vertriebenen, dem Verlust der Ostgebiete (in Bad Polzin wurden zwei meiner Geschwister geboren), den deutschen Kriegsgefangenen, die genauso abgerissen und hoffnungslos wie früher die russischen Gefangenen aussahen. Ein wahrer Patriot, und das fühlte ich damals deutlich, konnte die totale Niederlage des verbrecherischen Naziregimes nur begrüßen. Mit dieser Meinung stand ich lange allein. Beschämend war, dass nun Millionen, darunter auch mein ehemaliger Nazidirektor, plötzlich entdeckten, dass sie ja immer gegen die Diktatur gewesen seien. Nur ganz wenige zeigten Größe und bekannten sich zu ihrer Schuld und taten freiwillig „Sühnedienst“ in den Wäldern und bei der Trümmerbeseitigung. Oft werde ich gefragt, ob sich so etwas wie die NS-Schreckensherrschaft wiederholen könne. Ich glaube das nicht. Man kann nicht ausschließen, dass bei einer wirtschaftlichen Krise rechtsradikale Kräfte, wie in Frankreich der Front National, stärker werden. Die rechtsradikalen Aktivitäten müssen streng überwacht werden. Das Versagen der Überwachungsorgane bei der Aufklärung der Neonazimorde muss und wird zu Konsequenzen führen. Insbesondere muss geklärt werden, ob doch nicht manche bei Polizei und Justiz auf dem rechten Auge blind waren. Bei der Bekämpfung der Neonazis sollte man sich mehr auf die Haltung und Ansichten Hitlers im letzten Kriegsjahr konzentrieren. Noch heute packt mich die Wut, wenn ich sehe, wie Hitler die Wangen von 16jährigen Hitlerjungen tätschelt und sie ungerührt mit Hunderttausenden in den Tod schickt, nur um so sein Leben noch etwas verlängern zu können. Er wusste im letzten Kriegsjahr, dass der Krieg verloren war und er sich durch Selbstmord der Verantwortung entziehen würde. Im März sprach er gegenüber Speer und Generaloberst Guderian darüber, was er wirklich vom deutschen Volk hielt. Das Ostvolk habe sich als das Stärkere erwiesen. Ihm gehöre die Zukunft. Das deutsche Volk hingegen habe seine Existenzberechtigung verloren. Dabei fallen die furchtbaren Äußerungen: „Was nach dem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“ Darauf erließ er den Befehl, alle Lebensgrundlagen des deutschen Volks zu zerstören. Dieser „Nero-Befehl“ wurde von Speer und der Wehrmacht nicht befolgt. Man sollte die Neonazis fragen: „Wollt ihr diesen Mann, der das deutsche Volk und damit auch euch als minderwertig bezeichnete, wirklich zu eurem Vorbild nehmen?“ Doch zurück zur Eingangsfrage. Hitler konnte seine Pläne nur verwirklichen, weil er eine millionenstarke Wehrmacht befehligte. Ein künftiger Möchtegern-Diktator hätte nicht die Verfügungsgewalt über die Bundeswehr. Der Oberbefehl liegt bei der Nato. Außerdem ist Deutschland politisch und wirtschaftlich durch die gemeinsame Währung in der EU so verflochten, dass ein Alleingang ihn hinwegfegen würde. Dazu kommt, dass angesichts der neuen Medien ein Staat sich nicht mehr so von der Außenwelt abschotten kann, wie es das NS-Regime konnte. Mit diesem positiven Ausblick möchte ich meine Erinnerungen und Betrachtungen abschließen.

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