Klaus Heinrich - Ideengeschichte

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Gespräch K l aus H e i n r ic h Über unseren Ausstieg aus den Höhlen Ein Gespräch mit Manfred Bauschulte, Horst Bredekamp und Luca Giuliani 1 «Über u...

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Gespräch K l aus H e i n r ic h

Über unseren Ausstieg aus den Höhlen Ein Gespräch mit Manfred Bauschulte, Horst Bredekamp und Luca Giuliani 1 «Über unseren Ausstieg aus den Höhlen» ist in Auszügen die Dokumentation eines Gesprächs zum 85. Geburtstag Klaus Heinrichs in der Berliner Akademie der Künste (erbaut von Werner Düttmann 1960), 24. November 2012. Der Abend begann mit Ausschnitten aus Werner Herzogs Film über die Chauvet-Höhle, «Die Höhle der vergessenen Träume» (2011).

Klaus Heinrich: Wir sitzen hier in der «Düttmannschen Höhle», dem Studio der Akademie der Künste am Hanseatenweg, hatten, in dem Film von Werner Herzog, noch einmal die Höhle der Kinematographie bzw. der bewegten Bilder und tauchten in ihr in reale Höhlen ein, in die 25000 Jahre vorher schon Menschen eingetaucht waren.1 Das scheint ein Thema für Speläologen zu sein. Aber schon wenn man das Wort sagt, stößt man darauf, dass ‹speleion› die Höhle ist, die Platon in seinem berühmten Gleichnis verwendet. Man hätte die Disziplin ja auch von ‹spelunca› aus benennen können, was auch Höhle bedeutet und was uns allen geläufig ist, im Gegensatz zu dem anderen Begriff. Man hat das nicht gemacht, es stand im Hintergrund Platon. Und auch im Einladungstext heißt es: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen. Ich glaube, das wäre auch nicht denkbar gewesen ohne die Platonreminiszenz. Dort handelt es sich ja eben um den Ausstieg aus den Höhlen, nicht ein Hinein und wieder Hinaus, sondern zunächst einmal um den Ausstieg. Und ich meine, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir auch auf Platons Höhlengleichnis zu sprechen kommen und was uns, die wir uns dem so nahe wähnen, so fundamental davon scheidet. – Uralthöhlen: Niemand hätte vor 50 Jahren für möglich gehalten, dass bemalte Höhlenwände so weit zurückreichen könnten in die Geschichte, sie sind auch nicht weniger vollkommen als Malerei heute, das heißt – die Vollkommenheit 63

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springt ja nicht irgendwann aus dem Schoß der Zeit –, es gibt eine unendlich lange Vorgeschichte schon davor. Also wir dürfen neugierig sein, auch davon wird noch etwas auftauchen. Aber wenn ich frage, was ist es eigentlich, das uns hier verbindet, dann ist das schlicht die Höhlen-Faszination, eine Faszination, die unsere ganze Gattungsgeschichte begleitet. Wir wissen das erst seit einiger Zeit, vermutet haben wir es immer, und die Mythologie hat es noch viel weiter, nämlich in die Urzeit, in der sich alle unsere Beziehungen gebildet haben, zurückverlegt. Doch die Gattungshöhlen wurden ja keineswegs von allen und nur in größeren Abständen besucht, das gilt für unsere Gattungshöhlen heute, also die Museen, noch ganz genauso. Höhlenfaszination aber ist etwas, was Sie alle kennen, von Kleinkind an. Kaum aus der Höhle herausgekommen – aus der individuellen Höhle, aus der jeder herausgekommen sein muss –, beginnen wir schon wieder, in Höhlen einzutauchen. Wir machen uns Höhlen mit den Betten; und wenn wir etwas mehr krabbeln können, machen wir sie uns überall, was weiß ich, unter dem Schreibtisch des Vaters, unter dem Küchentisch; und wenn wir noch etwas größer sind, machen wir auch etwas, was die Reihenfolge von Nacht und Tag bricht: wir nehmen Licht mit, die Taschenlampe, um in der kleinen Höhle noch einmal einen Akt des Verschlingens zu machen, Bücher nämlich. Heute nimmt man vielleicht ein Smartphone oder den Gameboy oder dergleichen mit. Aber auch das ist dann Licht, Licht in der Höhle. Und: wir bringen jedes Mal, wenn wir zurückgehen, Licht mit. Das heißt, mit der Höhle sind Aufklärungsvorstellungen verbunden, beim kleinen Wurm schon. Wenn wir weiter überlegen, dann ist die Faszination der Höhlen etwas, was den Kinderbüchern in unserer Welt allgemein eignet. Ich brauche nur drei zu nennen, die wahrscheinlich die Älteren von Ihnen alle kennen – ich weiß nicht, ob sie heute anderen Platz gemacht haben. Tom und die kleine Becky, Rebecca, in dem Buch von Mark Twain, das Sie alle kennen, sind in der Höhle, in die sie mit den Erwachsenen hineingegangen sind, zunächst Höhlenwanderer, Höhlenpilger; dann wird sie zu einer kleinen, kindlichen 64

Abb. 1 Berlin 1997: Klaus Heinrich maskiert ...

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 2 ... und demaskiert

Liebeshöhle, und dann wird sie für sie, so sehen sie es selbst schon, zur Todeshöhle werden – sie haben sich verlaufen. An einer Stelle krauchen sie schließlich doch heraus, derjenige, der in dem Buch das Böse verkörpert, der Indianer-Joe, bleibt in der Höhle, verhungert dort, liegt an dem Eingang, den der Richter inzwischen hat schließen lassen. Ich glaube, wenn jemand Mark Twain noch einmal Revue passieren lässt, dann wird dies die eindrücklichste Stelle der beiden Bände über Tom Sawyer und Huckleberry Finn gewesen sein. Sie kennen – vielleicht – von Alois Th. Sonnleitner die Höhlenkinder im heimlichen Grund, dorthin haben die Großeltern sie geschleppt, die Großmutter musste fl iehen, weil sie als Hexe verbrannt werden sollte. Die Großeltern sterben beide beim Aufstieg durch einen Bach, der zum Wasserfall wird. Steinschlag erschlägt den Alten, die Großmutter stirbt ihm nach. Die Kinder führen zunächst ein Höhlenleben, dann bauen sie sich Pfahlhäuser, dann bauen sie sich ein Steinhaus, aber sie bleiben Höhlenkinder. Wir merken aber gleich etwas anderes, nämlich: sie haben eigentlich eine Utopie. Wenn sie so etwas machen wie die Höhle, das Pfahlhaus, das Steinhaus wohnlich zu gestalten, dann wollen sie niemals wieder in einer Welt leben, in der die Großmütter verbrannt werden. Und natürlich ist Ihnen allen geläufig – ich nehme 65

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es jedenfalls an – die berühmteste und gruseligste Schilderung, ein großes Höhlenabenteuer von dem Einstieg in den Vulkan in Island an bis zum Ausgespieen-Werden gegenüber dem Ätna aus einem der Vulkane auf einer kleinen Insel: Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde. Der Wissenschaftler, der dort einsteigt, steigt stellvertretend für die Gattung ein. Er hat einen Neffen bei sich, einen Jüngling schon, und einen Gehilfen. Das, was er erfährt, was wir erfahren, ist eine Gegenwelt, ist eine Uraltwelt, ist eine Welt zum Gruseln, und in dem Augenblick, in dem wir durch sie hindurch sind, ist es eine vermessene Welt und sie gehört uns schon. Und der ältere Herr, der da durchgeritten ist auf seinem Floß mit den beiden anderen, wird, mit allen Gelehrtengesellschaften dieser Welt korrespondierend zu einem der Ihren. Das sind unsere Kindesabenteuer, unsere Kindeserfahrungen. Sie begleiten uns, und wir haben das Gefühl, dass wir eine entscheidende Erfahrung gemacht haben. Nämlich, wir können die Höhle nicht verlassen, ohne ein anderer geworden zu sein, jeder kleine Höhlenbesuch ist eine solche große Veränderung. Das lernen wir auch aus allen Mythologien und Kulten. Wer die Trophonius-Höhle im Altertum zwecks Einweihung nach langer, langer Reinigung betreten hatte, dort schreckliche Erlebnisse hatte, kam verstört heraus, konnte erst einmal nicht sprechen, und – so sagen es die antiken Schriftsteller Polybios und Plutarch später, lange später – er konnte niemals mehr in seinem Leben lachen. Das wollen wir uns nicht antun, das gehört nicht zu einem richtigen Höhlenbesuch. Aber die Veränderung gehört schon dazu, und was sie bedeutet, das ist nun das Thema, das große Thema für uns alle. Wenn wir verändert aus den Höhlen herauskommen, dann verwandeln wir die Höhlen, wir bauen sie uns neu. Das heißt, um es nur einmal an einem einzigen Beispiel zu verdeutlichen: unsere ganze Architekturgeschichte ist – Höhlen ins Licht gebaut. Hätten wir nicht die Verwandlungshöhlen und die Höhlen, in die wir jeden Abend kriechen, um am nächsten Morgen aufzuwachen, aber wohlgemerkt, in einer Höhle, und wenn wir sie verlassen, sind wir wieder in einer, nämlich dem großen Gewölbe, das ein Schrecken war für die antiken Höhlendarsteller, was sich für uns inzwischen verflüchtigt hat in ein unendliches Universum, noch dazu eins, das in die Weiten springt – wir wür66

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

den es nicht aushalten dort. Und auch der Astronaut fl iegt mit einer kleinen Höhle in dieses Weltall hinein. Wir sind nicht mehr der Höhle unterworfen, wir können uns Höhlen ins Licht bauen. Das ist jetzt, mit einem weit überspringenden Wort gesagt, unsere Zivilisation. So. Das sollte nur einen ganz äußerlichen, winzigen Rahmen geben, aus dem wir niemals herausspringen, egal, was wir zu den Höhlen sagen. Die Wirkungsmacht der Höhlen Luca Giuliani: Ich möchte ein paar Überlegungen zur Höhlenfaszination anstellen. Menschen projizieren in der Regel sich selbst, ihre Probleme, Sehnsüchte und Wünsche in die Vergangenheit. Das ist immer schon so gewesen. Und dann kommen die Historiker – und ich spreche hier als einer dieser Zunft –, sie setzen sich auf den Baum, der durch diese Projektion langsam gewachsen ist, setzen sich auf einen Ast und beginnen zu sägen. Weil sie zeigen wollen, dass die Projektionen falsch liegen und die Wirklichkeit komplexer ist, fremdartiger, ganz anders als man sie sich vorstellt. Wenn ich mein eigenes Feld, die Archäologie, nehmen darf: Die gebildeten Kreise vor allem in Deutschland haben um die Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Spiel vor allem mit den Griechen gespielt. Sie waren der Gegenstand von Sehnsucht und Wunsch. Dann kamen die Altertumswissenschaftler und haben versucht zu zeigen, dass die Griechen exotischer sind, rätselhafter und mit den klassizistischen Wunschvorstellungen gar nichts zu tun haben. Das haben sie mit großem Erfolg gemacht. Ich glaube, dass die Tatsache, dass wir heute über Höhlen reden, und nicht über die Griechen, etwas mit diesem Erfolg zu tun hat. Keiner hat heute von uns noch irgendein sehnsüchtiges Verhältnis zu Griechenland. (Lassen wir das heutige Griechenland einmal außer Acht.) Hingegen die Höhlen sind irgendwie noch übrig geblieben. Sie sind nach wie vor Gegenstände der Projektion und mobilisieren Sehnsüchte. Es scheint so etwas zu geben wie ein Auseinanderklaffen der Höhlenfaszination und der Höhle als realem historischen Phänomen, das man zum Gegenstand von Forschung machen kann. Manfred Bauschulte: Ich habe ein sehr biographisches Verhältnis zu Höhlen: Ich komme aus einer alten Bergarbeiterfamilie, bin also 67

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mit Höhlen aufgewachsen. Es ging beim Bergbau immer auch um die Tiere, die unter die Erde geschafft wurden, um dort mitzuarbeiten. Auch wenn der Abbau später weitgehend maschinell betrieben wurde. In meiner Kindheit und Jugend ging es um Unglücke wie das in Lengede oder in Völklingen, Zeche Luisenthal, wo viele Menschen zu Schaden kamen. Für mich haben die Höhlen sehr viel zu tun mit den Tieren, mit der menschlichen Begegnung mit den Tieren – und sie haben sehr viel zu tun mit den Toten. Horst Bredekamp: Ich beschäftige mich seit einer Reihe von Jahren mit der Frühzeit-Archäologie, aus einem einfachen wissenschaftshistorischen Grund. Das Handbuch der Kunstgeschichte (1842) von Franz Kugler umfasste noch die gesamte Artefakt-Geschichte von Stonehenge bis in die Gegenwart. Es gab in diesem großen Bereich ein Fach – die Archäologie –, das im 19. Jahrhundert zu einer Leitwissenschaft aufsteigen und kraft seiner Geltung das Kontinuum sprengen sollte. Als Altamira gefunden wurde, hätte es die Gelegenheit gegeben, diesen Strang einer umfassenden Kunstgeschichte wieder aufzunehmen. Es ist ein Mirakel der Höhlen-Auffindungsgeschichte. Der Stil der Höhlenmalereien wurde als modern und zeitgenössisch empfunden. Ein Mirakel, so unfassbar, dass für zehn Jahre angenommen wurde, dass es sich bei den Malereien in Altamira um Fälschungen handeln müsse. Und erst die Auffindung von weiteren Höhlen mit ähnlichen Malereien hat dann die These, dass Altamira eine Fälschung von impressionistischen Künstlern gewesen sei, widerlegt. Mit diesem stilistischen Brückenschlag hätte man damals den Gesamtstrang einer umfassenden Kunstgeschichte wieder aufnehmen können. Diese Brücke ist auch teils begangen worden; Kunsthistoriker haben sich bis heute immer wieder mit der Vor- und Frühzeit beschäftigt, aber der Bruch dieser Konstruktion ist dadurch geschehen, dass die Höhlenmalereien mit der These der Fremdwirkung, des magischen Bildzaubers erklärt wurden. Damit aber ist ein methodisches Fallbeil niedergesaust, das all das, was nach Magie klang, an die Ethnologie und an die Volkskunde und Religionswissenschaft übereignet, und all das, was nicht magisch sein sollte, der Kunstgeschichte und der Archäologie anvertraut hat. Auf diese Weise ist das alte Kontinuum durchtrennt worden. 68

2 Klaus Heinrich: Notizen über das Museum als Opferhöhle, in: Museum des Geldes, hg. von Jürgen Harten und Horst Kurnitzky, Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1978, S. 11–15.

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 3 Mammuts in Südfrankreich: Die altsteinzeitlichen Malereien aus dem 18.–16. Jahrtausend v. Chr. wurden am 25. Dezember 1994 in der Höhle von Combe d’Arc, der ChauvetHöhle, entdeckt.

Seit vielen Jahren halte ich diese Spaltung aber für unsinnig. Die philosophische Ursache für dieses Unglück liegt in Platons Höhlengleichnis, und hierin liegt einer der Gründe, warum ich mich immer gegen dieses Gedankenbild gewehrt habe. Ich halte es für den kategorialen Sündenfall der abendländischen Philosophie anzunehmen, dass in Höhlen ein Verblendungszusammenhang und nicht etwa eine weltkonstitutive Zivilisationsleistung erbracht wird. Mir hat zuerst ein Artikel von Klaus Heinrich von 1978 eine gewisse Genugtuung gebracht, über Opferkult und Museumshöhle, in dem auf eine phantastische Weise beschrieben wird, wie die Figuren in den Museen, die dort geopfert sind, nächtens sich zusammenrotten, aus den Türen und Fenstern des Museums steigen und auf den Dächern eine eigene Gesellschaft bilden.2 Eine wichtige Lektüre waren auch Hans Blumenbergs Höhlenausgänge (1989). Die Höhle ist der energetische Ort, an dem Erkenntnis geleistet wird, weil Gemeinschaften zusammenkommen, sich verdichten und eine Wahrheit erzeugen, die nicht von außen als Sonnenstrahl, sondern von innen als Erleuchtung kommt. In diesem Zusammenhang gilt die Höhlenmalerei als eine aktivierende Kraft. Ich habe vor diesem Hintergrund nach vierzig Jahren den Mut gehabt, meine Theorie des Bildakts (2010) zu formulieren. Und 69

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ich beginne mit der Höhlenmalerei, um die Ideologie, dass Kunstwerke nichts zu sein haben als allein materielle Gegenstände, deren Formen über unsere projektiven Möglichkeiten hinaus nichts gelten, vom Ursprung her anzugreifen. Ich war im letzten Jahr auf einem Kongress der Vor- und Frühgeschichtler zur Kunst der Frühzeit, denn ich habe großen Respekt vor dieser Wissenschaft, die Erkenntnisse erbringt, die eine wirkliche Revolution der Anthropologie bedeuten. Dort war jedoch eine fast panische Angst zu beobachten, Höhlenmalerei mit Magie zu verbinden und entsprechend zu deuten, und diese gewisse Deutungsbefangenheit ist das eine. Dann aber eine Exkursion mit einer kleinen Gruppe von Frühgeschichtlern in die Höhle von Niaux. Eine leicht geschwätzige akademische Runde, alle hatten sich lange nicht gesehen. Aber plötzlich, mit dem Eintritt in die Höhle: das totale Verstummen. Man geht einen Kilometer tief in den Berg, auf ein natürliches Pantheon hin, und plötzlich sieht man, wie in die Bögen dieses künstlichen Pantheons schwarze Pferde und Tiere vor 15 000 bis zu 7000 Jahren hineingemalt sind. Diese Mischung von Moderne des Stils und einer gleichzeitigen historischen Distanzierung erzeugt eine psychische Spannung, die nicht zu distanzieren ist: eine tiefe Ergriffenheit. Auch der hartgesottenste naturwissenschaftlich orientierte Frühzeitarchäologe kann sich dem nicht entziehen. Ich habe so etwas selten erlebt. Und das ist die Spanne, in die hinein man forschen sollte. Platons Höhlengleichnis Klaus Heinrich: Ja, ich kann das nur unterschreiben. Ich danke Ihnen dafür und wollte nur hinzufügen, dass das auch bei uns schon früh beginnt, sagen wir, wenn Sie als Kind vielleicht in einem nicht gerade frisch renovierten Badezimmer sitzen. Dann beginnen Sie dort auch plötzlich Nashörner zu sehen, oder ist es ein noch fremderes Tier? Das klingt zunächst harmlos, ist nach einiger Zeit für Sie nicht harmlos, unter Umständen ist dort ein Tier, vor dem Sie sich graulen, und Sie setzen sich so, dass Sie es nicht sehen müssen. Also, eine Spannung ist auch da, bei dem kleinen Wesen schon, gegenüber dem, was da passiert. Und ich nehme an, die Visionen der Höhlenmaler sind auch Visionen, die ihnen entgegengetragen wurden von den Wänden. Dass sie sie ha70

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 4 Eine Herde von Auerochsen in der Chauvet-Höhle

ben bannen können, das lässt dann erst die Kunst, die Kunstfertigkeit beginnen. Also, sicher wird der kleine Junge, der das Badezimmer plötzlich ausmalt mit Tierfiguren, die er gesehen hat, später so etwas weitermachen. Es nur zu sehen, ist es noch nicht. Das Festhalten ist es. – Ich kann nur wieder unterschreiben die enorme Verwüstung des Denkens, die Platon in diesem besten aller möglichen Kontrollstaaten, also in der Politeia, angerichtet hat mit seinem Höhlengleichnis. Ich glaube, man müsste es jetzt doch ganz kurz benennen, was dort passiert. Es ist eine geradezu bizarre Anordnung. Nehmen Sie an, dies hier wäre eine Höhle und Sie wären die Höhlenmenschen. Aber Sie wären alle angekettet und zwar so, mit dem Eisen am Hals, dass Sie den Kopf nicht wenden können. Die Höhle, in der Sie sitzen, steigt hinter Ihnen an, dann gibt es einen kleinen Spalt oben, und durch diesen Spalt kommt ein künstliches Licht in die Höhle – ganz wie vorhin bei der Aufführung des Herzogschen Films. Es rührt von einem kleinen Feuer her, das unterhalten wird von Personen, die es benötigen, um die Realität, die sie dort unten erzeugen wollen, herzustellen. Nämlich, sie haben zwischen diese Lichtquelle und diesen Spalt in der Höhle ein kleines Mäuerchen gezogen, hinter diesem Mäuerchen laufen sie auf und ab, sie gucken nicht über das Mäuerchen hinweg, aber sie tragen Gegenstände, Bilder, alles Mögliche, Gegenstände des täglichen Gebrauchs, sie tragen das hin und her und sie reden auch darüber. Unten auf die Höhlenwand fallen die Schatten der Gegenstände, und diese Schatten sind für die dort Angeketteten die Wirklichkeit, mit der sie sich auseinandersetzen, wo sie sagen: Das kann ich ganz genau erkennen, so war es; und wenn sie es ausrufen, geben sie ihnen Namen; sie werden zu Experten dieser Schattenwelt. Nun kommt das merkwürdige Experiment, von dem auch Sokrates nicht ungeschoren bleibt. 71

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Sokrates erzählt ja die ganze Geschichte einem Mann namens Glaukon als ein Gleichnis. Es ist von vornherein ein Gleichnis, nämlich dafür, wie man wirklich Erkenntnis, Einsicht gewinnt, und zwar eine, die einen aus dieser Realität herausreißt in die eigentliche Realität. Also, wenn jetzt diese Personen plötzlich abgekettet würden und sich umdrehen könnten, und sie würden hoch gehen können, würden sie erst in die Nähe dieser Flamme kommen und würden dann auch die Sonne sehen. Sie wären völlig geblendet und sie würden sagen, das ist nicht Realität, das ist ein Schrecken, der uns umbringt, zurück an den Platz, wir wollen unsere alte Realität wiederhaben, die Schattenrealität! Dann wird einer von denen, die dort freigemacht sind, das ist der nächste Schritt des Experiments, hochgezerrt zum Ausgang hin, kann nicht anders, muss sich umdrehen, muss das Feuer sehen, muss die Sonne sehen. Er ist zunächst auch vollständig geblendet. Aber dann gewöhnt er sich allmählich daran. Dann sieht er, da ist ja ein Feuer. Dann sieht er, da sind ja Gegenstände, die anders aussehen, also dreidimensional. Der eine wird rausgezerrt, er gewöhnt sich jetzt an die Welt, er gewöhnt sich sogar daran, in den Himmel zu gucken, erst einmal die Sterne, später die Sonne: Und wenn dieser jetzt hinabgeführt würde in die Höhle, würde er unten sagen, ich sehe jetzt nichts mehr, wenn ich da runterkomme. Und wenn er jetzt daranginge, die anderen hochzubringen, dann würden die ihn unter Umständen totschlagen. Das ist die Anspielung auf die Ermordung des Sokrates. So ist es dort in dem Höhlengleichnis. Und nun zieht Sokrates im Namen Platons daraus die Konsequenzen: hoch aus der Höhle, soweit wie möglich ins Licht, die Höhle liegenlassen. Wirklich bis in die Realität vordringen, heißt noch keineswegs, in die eigentliche Realität vorgedrungen zu sein, sondern das heißt erst, in dieser Welt zu sein, mit den Gegenständen, die selber auch nur Schatten sind, nämlich Schatten der Ideen. Und diese Ideen selber sind auch noch nicht das Eigentliche, sondern das ist eine Idee, die sie erst in Kraft setzt, Ideen zu sein, denen Verkörperungen von Schattennatur folgen können. Das ist die mit dem Wort tò agathón benannte Idee, also das Gute; aber das Gute nicht als das moralisch Gute, sondern als das, was alles erst in Wirklichkeitsbeziehungen zu bringen vermag. Das aber damit auch schon denaturiert wird. Einer allein soll 72

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 5 Mirakel Höhlenmalerei: Die Bären

herrschen, heißt es schon in der Ilias. Das ist dieses tò agathón, und derjenige, der nun dieses tò agathón als seinen Leitstern nimmt – und das war Sokrates und so sollen die Philosophen sein –, der übersteigt alles, auch die Vielfalt der Ideen noch. Der ist dort, wo die Idee des Guten sozusagen der König und der Gewaltherrscher über alle Formen von Schattenwelten ist. Niemals wieder zurück in die Höhle! Die Aufklärung, die man Platon nachgesagt hat und die noch bis zu einem gewissen Grad Heidegger nach dem letzten Krieg in seinem Aufsatz über die platonische Philosophie vertreten hat, diese Auffassung sagt, wir kommen, wenn wir der Wahrheit nahekommen, aus dem heraus, was nicht die Wahrheit ist. Diese unsere Drehung des Kopfes dorthin, wohin wir gucken müssen, wo die Wahrheit ist, lässt alles andere hinter sich, unter sich. Niemals wird man das Licht, das man dann hat, dafür verwenden können, die Höhle zu erhellen. Das ist das, was den aufklärerischen Anspruch, den viele in diese platonische Erkenntnistheorie hineingesehen haben, für uns am nachhaltigsten widerruft: Wir haben kein Licht, um die Höhle zu erhellen. Denn das wäre es ja gewesen. Und wir haben erst recht kein Interesse daran, uns andere Wohngelegenheiten zu schaffen als jene Höhle einmal gewesen ist, also neue Höhlen zu bauen. Pla73

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ton verwirft alles um des ein für allemal so eingerichteten Kontrollstaates wegen, der als die musterhafte Politeia gilt. Philosophen verkehren oben mit den Ideen, das gemeine Volk bleibt unten; der einzige, das Gleichnis übersteigende Gewinn ist: es ist nicht nur mehr angekettet, es kann sich nämlich als Arbeiter und Tagelöhner verdingen. Und mit dem Tagelöhner der Ilias, also dem toten Achill, der dort unten als Schatten ist, sagen: Wie schön wäre es, wäre ich der einfachste Tagelöhner dort oben. Aber dies oben ist selber eine Höhlenwelt, und die bleibt auch so. Und für die Welt der Ideen wird mit dem Licht der Sonne, das zwischengeschaltet ist zwischen das künstliche Licht und das Licht der Ideen und der einen Idee, Werbung gemacht für das Ideenjenseits. Das ist die Reklamefunktion, die die reale Wirklichkeit mit Sonne, Mond und Sternen hat für die Ideenwelt. Das ist diese vertrackte platonische Konstruktion. Sie ist die Verwerfung der Aufklärung. Horst Bredekamp: Aber wenn man davon absieht, dass die Freiheit der Wahrheit und die Wahrheit der Freiheit mit einer metaphysisch gegebenen Instanz zu tun hat, deren Inbesitznahme oder Wahrnehmung zu einem autoritären Idealstaat führt, wenn man davon absieht, dann hat das Höhlengleichnis durchaus eine tiefe Wahrheit. Diese liegt darin, dass Freiheit anstrengend ist und dass der Mensch sich danach nicht sehnt, sondern gleichsam dazu gezwungen werden muss. Dass es einer ungeheuren Anstrengung bedarf, sich zur Freiheit hin zu bewegen. Der Mensch muss losgekettet werden gegen seinen Willen. Der entscheidende Satz lautet: Gewöhnung, mein Freund, wirst du nötig haben. Freiheit tut weh. Man muss sie sich erarbeiten. Ich habe zum Glück irgendwann von meinem Platon-Bashing abgelassen. Er ist einfach zu anarchisch, um dafür auf lange Sicht geeignet zu sein. Insbesondere das Buch von Maria Luisa Catoni über die Schemata (2005) hat mich in diesem Punkt kuriert. Gerade weil Platon eine höchste Wertschätzung für die Bilder als lebendige Tanzfiguren hegt, will er sie neutralisieren und kontrollieren, und nicht etwa, weil er sie abstrakt negiert. Auch das Liniengleichnis ist eine großartige Reflexion, auch seine Überlegungen, dass der Kosmos allein über Modelle wahrzunehmen ist, trifft. Er 74

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 6 «Dann beginnen Sie dort auch plötzlich Nashörner zu sehen, oder ist es ein noch fremderes Tier?»

arbeitet also in seinem System mit Artefakten. Und das ist das entscheidende Stichwort. Es gibt eine technische Deutung der Höhlenmalereien, welche die Höhle als ein Lichttheater wahrnimmt. Wenn man die Fackel vor den reliefartigen Bildern bewegt, dann erscheinen sie wie futuristische Simultanaufnahmen, und das hat Werner Herzog in seinem Film über die ChauvetHöhlen vollkommen fertiggemacht. Der Gang in die Höhle ist für ihn eine Reflexion über frühere Filme. Die Maler der Höhle sind für ihn die ihm von Beginn an überlegenen Kollegen. Für mich ist das eigentliche Faszinosum der jüngeren Vor- und Frühgeschichte, dass sie den gesamten Begriffsapparat, der vor der Höhle liegt, wegsprengen. Die etablierten Überlegungen, dass vor vierzigtausend Jahren der reflektierende Mensch beginnt, sind schlicht und einfach – vorbei. Meines Erachtens war der vor sieben Jahren erschienene Artikel von Christopher Henshilwood und Francesco d’Errico «Being modern in the Middle Stone Age» entscheidend, ein erster umfassender Bericht über die BlombosHöhlen in Südafrika. Das war Individualitäts- und Artefaktforschung 80 000 Jahre vor unserer Zeit. Damit einher geht eine Neudeutung des Neandertalers, der nicht mehr das flachstirnige Subjekt ist, das in letzter Konsequenz für zwei Weltkriege verant75

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wortlich war, sondern ein hochreflektiertes Individuum. Schon im Faustkeil ist eine Semantik vorhanden, die mehr ist als pure Funktionalität. Und das ist für mich das Tiefgründigste, was die Vor- und Frühgeschichte in Bezug auf die Anthropologie im Moment bereithält. Mir geht es um die frühe Rekonstruktion der dialektischen Beziehung zwischen Artefakt-Gestaltung und dem Rückwirken der formierten Artefakte auf die Reflexionsfähigkeit des Menschen: Das zielt gegen die Artefaktvergessenheit von großen Strängen der Philosophie. Reflexion und Faszination Luca Giuliani: Wenn man dem folgt, dann käme die Reflexion nicht später hinzu, sondern ist ganz früh, von Anfang an in den Objekten drin. Darüber könnte man streiten. Ich möchte noch etwas sagen zu dem Verbot, das Wort Magie zu verwenden. Es rührt daher, dass Magie im 19. Jahrhundert in der Regel als eine protorationale Technik verwendet worden ist. Als eine Art Technologie, die zwar von außen auf falschen Voraussetzungen beruht, aber in sich vollkommen geschlossen rational ist. Ich glaube, dass die Überwindung dieser Magie-Vorstellung, die natürlich das exakte Gegenteil von Religion ist – Religion ist das, worüber man nicht verfügen kann, Magie ist das, worüber man verfügen kann –, dazu geführt hat, dass man den Begriff aufgegeben oder gar tabuisiert hat. Dieses Verbot fängt jetzt an, wieder aufzuweichen. Das ist eine ungeheuer aufregende Geschichte. Aber ich würde trotzdem sagen, wenn man sich auf die Höhle als Faszinosum beschränkt, dann verpasst man das, was eigentlich an diesem Phänomen aufregend ist. Wenn man in die Höhle immer das hinein projiziert, was man schon weiß, dann holt man aus der Höhle nicht das heraus, was man möglicherweise an aufregenden Phänomenen herausholen kann. Klaus Heinrich: Ein Einwand gegenüber dem, was Sie zum Faszinationsbegriff sagen: Faszinierend ist ja das, was uns anzieht und abstößt zugleich, was nicht erledigt ist. Wo Verdrängtes ist, das erst noch erledigt werden will. Wo wir Sachen wahrnehmen, von denen wir erschreckt sagen, wir werden sie niemals überführen können in ein ambivalenzfreies Verhältnis zu ihnen, es wird im76

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

mer diese Ambivalenz bleiben. Das ist die Faszinationsgeschichte. Und die wäre ohne die Neuentdeckungen nicht denkbar, die wäre nicht denkbar ohne die ständige Verwandlung der Spannungen, die da sind. Sie wäre nicht denkbar ohne dass die heute als Wissenschaft geltende Einsicht morgen ein Stück Einsicht ist, das überholt zu sein scheint, aber eingearbeitet sein muss, wenn die Wissenschaft überhaupt einen Schritt weiterkommen will. Das heißt, was wir in den Höhlen sehen, wahrnehmen, womit wir da umgehen, als würden wir es heute noch tun – was sagt es zu uns? Alles das ist von der großen Schockverarbeitung geprägt, die eine Selbstanalyse mit sich bringt, und ohne eine Selbstanalyse der Gattung – das ist ein Begriff, der meines Erachtens im Hintergrund jeglicher aufklärerischer Bemühungen steht und diese trägt – könnten wir uns eine Geschichte der Gattung gar nicht vorstellen. Und an diesem selbstanalytischen Prozess nehmen wir teil, in ihm sind die großen Religionen Stationen der Selbstvergewisserung der Menschen. Sie werden auch nicht überholt, sie werden nicht korrigiert, sondern sie werden als Erfahrungsträger eingearbeitet in den weiterlaufenden Prozess. Wo wir sie liegenlassen, rächen sie sich und kehren als verdrängt zu uns zurück, um es einmal ganz kurz und ganz schematisch zu sagen. Insofern würde ich völlig zustimmen dem, dass wir hier neue Entdeckungen machen, aber das ist in diesem Prozess, den wir selbst mit uns angestrengt haben als Entdeckungsprozess, eigentlich die großartigste Bestätigung, dass wir auf einem Weg sind. Natürlich kann man sich auf diesem Weg genauso verrennen, wie sich Tom und Becky bei Mark Twain verrannt haben, in der großen Höhle seinerzeit, und es wäre ihnen beinahe zum Verhängnis geworden. Aber es war eine große Unternehmung. Ich muss etwas hinzufügen – wenn Sie es neu oder noch einmal wiederlesen wollen, es ist ein sehr schönes Buch bis heute –, dass Tom, als er sich einigermaßen erholt hat und gefragt wird: Würdest Du wieder in die Höhle gehen?, ohne Zögern sagt: Ja, ich würde sofort wieder in die Höhle gehen. Da ist so viel, wovon ich noch nichts weiß. Das gehört zu dem selbstanalytischen Prozess, zur Selbstaufklärung dazu – eine Aufklärung, die nicht auch Selbstaufklärung wäre, verdiente einfach diesen Namen nicht. Und das ist das, was ich Platon im Höhlengleichnis vorwerfe, es ist eine Aufklärung, die nicht zugleich 77

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Selbst-Aufklärung ist. Andererseits: Was Platon groß macht, ist, dass er immer seine Meinung und das Gegenteil vertritt. Es ist immer ein Drama, in jedem Falle. Er verbrennt als noch vergleichsweise junger Mensch, also man kann sich streiten wann, aber er war wohl nicht älter als 20 Jahre, verbrennt er alle seine Tragödien, dadurch haben wir keine von ihm. Ob sie schön gewesen wären, spielbar, keine Ahnung, aber, was er dann macht, ist großartig spielbar bis auf den heutigen Tag. Ich staune, dass man davor heute so zurückschreckt. Die Maler des vorvorigen Jahrhunderts haben nicht davor zurückgeschreckt, also Feuerbach zum Beispiel im Gastmahl des Platon. Das ist ein Drama, das an Spannung die Dramen auf der Bühne seiner Zeit weit übertrifft. Ja, und er steckt in den gegnerischen, gegenteiligen Positionen drin, das macht ihn spannend bis heute, sonst wäre er vergessen. Das Verhältnis des Menschen zu den Tieren Manfred Bauschulte: Ich würde gerne noch einmal auf die Tiere zu sprechen kommen. Es ist ja kein Zufall, dass in der Chauvet-Höhle Tierbilder zu sehen sind. Die Frage des Verhältnisses des Menschen zu den Tieren ist eine uralte Frage, eine aktuelle Frage bis heute, Sie kennen ja wahrscheinlich Canettis Satz, nicht auszudenken, wie gefährlich die Welt sein wird, wenn es einmal keine Tiere mehr gibt. Diesen Satz müssen wir zurückprojizieren auf die Deutlichkeit, in der in der Chauvet-Höhle, aber auch in anderen Höhlen, Menschen erzählen – wie kann man das nennen – von der Übermacht der Tiere zu der Zeit. Allesamt würde ich die Bilder als Fragen formulieren, die wir uns noch heute stellen können. Und ich wiederhole, meine Fragen an diese Bilder oder Steinzeichnungen richten sich darauf, welches Verhältnis der Mensch zu den Tieren hatte und hat, weiterhin welches Verhältnis der Mensch zu den Toten, zu den toten Tieren, aber auch zu den toten Verwandten, seinen Ahnen, hatte und heute hat. Klaus Heinrich: Wenn ich ganz kurz etwas sagen soll. Sie sagten: Fragen, die die Bilder an uns stellen. Das heißt, sie sind also der verlängerte Arm derer, die sie einmal gemacht haben. Das ist ein bisschen etwas anderes als die Fragen, die wir an sie stellen. Und dann fällt etwas natürlich sehr auf. Herr Bredekamp sagte vorhin 78

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«Mirakel». Genau in dem Augenblick, wo der Impressionismus Bisons so malt oder wo man Pferde das erste Mal so galoppieren lässt, dass sie nicht wie Schaukelpferde mit zwei Beinen vor, zwei Beinen nach hinten her und hin springen: in dem Augenblick findet man Höhlen, in denen das genauso gemacht ist, und sagt, das ist Reklame, ist Fälschung. Was kein Mensch von den Menschenbildern sagen würde, die dort sind. Das sind ja meistens spillrige, dünne Gliedermännchen, Gliederpüppchen. Auch wenn sie ein Tiergewand übergestülpt haben, wie manche Schamanen später, kommen unten auch nur diese kleinen Beinchen raus. Also, die Tiere haben eine Fülle, sie sind in einer ganz anderen Weise seinsmächtig – ich will nicht sagen: mehr – als diese spezifischen Menschentiere, die dadurch seinsmächtig sind, dass sie es geschafft haben, die Seinsmacht der Tiere darzustellen. Die aber noch kein Verhältnis zu sich selbst, kein Reflexionsverhältnis gefunden haben, das ihnen die entsprechende Seinsmacht zubilligt. Dass wir das überhaupt können, liegt daran, dass wir uns eines Tages als die mittleren Wesen dargestellt haben, die über sich Götter haben, die manchmal auch Göttersöhne oder Göttertöchter sind, und unter sich die Tiere. Jetzt können sie im Auftrag schlachten. Jetzt können sie im Auftrag die Tiere zusammentreiben, sie aus den Höhlen zum Beispiel vertreiben, in die sie auf Zeit kriechen, um Schutz zu haben gegen die Witterung – und das ist eine unglaubliche, die Mythologie und die Religionsvorstellungen aller Völker bewegende neue Station in der Selbstverständigung der Gattung. Also, das Mittlere ist eine Konstruktion, aber sie hat es möglich gemacht, schuldfrei mit den Tieren umzugehen. Ja, wir handeln im Auftrag. Dem Tier wird auch klargemacht, dem kleinen Bären: Du wirst verwöhnt hier von allen, und wenn Du geschlachtet wirst, dann kehrst Du zu Deiner Großen Mutter zurück und kannst davon berichten. Wenn wir nun weiterschlachten, dann tun wir das genauso wie bei Dir. Und dass Du wieder auferstehen kannst in einem nächsten Tierleben, dafür sorgen wir, indem wir die Knöchelchen ganz genau legen, keines darf verlorengehen, dann wird das Fell darüber gepackt. Also, es ist ein ganz prekäres Verhältnis, das ohne Auftraggeber nicht durchzuhalten wäre. Und erst wenn diese Auftraggeber dann da sind und gemalt werden können als volle Figuren, können wir selber uns auch als volle Fi79

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guren erkennen und darstellen. So ungefähr würde ich den Weg beschreiben, der da beschritten worden ist. Das Verhältnis des Menschen zu den Dingen Manfred Bauschulte: Ich möchte noch etwas sagen zum Verhältnis des Menschen zu den Dingen, was Horst Bredekamp ausgeführt hat, mit Blick auf den Abend hier. Der französische Dichter Francis Ponge hat über dieses Verhältnis in einem Text mit dem Thema «Elektrizität» Anfang der 50er-Jahre geschrieben.3 Er spricht dort von dem menschlichen Vermögen, sich fortzuentwickeln, anzupassen und zu vervollkommnen. Genauer gesagt, von dem Vermögen, Werkzeuge herzustellen, Waffen, Schutzpanzer, Geräte zum Forschen, zum Kämpfen, Besitzergreifen, Fortbewegen, zur besseren Nahrungsverwertung, kurzum eine Unzahl von Apparaturen, die aber allesamt geschieden von seiner Person seien. Der Mensch bleibt nackt wie ein Wurm. Von Anbeginn an habe der Mensch eine Bleibe gebraucht, nicht nur als Nest für seine Gefährtin und seine Nachkommenschaft, sondern auch um seine «abgelegten Glieder» irgendwo auszubreiten. Klaus Heinrich: Nun ja, wenn ich geschieden bin von den Dingen, dann habe ich die Möglichkeit, nicht nur auszuwählen, sondern auch mich mit ihnen in eine jeweils neue Beziehung zu setzen: Das schon nenne ich Reflexion. Wenn Brecht in Die Horatier und die Kuratier die Lanze nimmt und sagt, jedes Ding hat viele Funktionen, damit kann ich staken, das kann ich über einen Bach legen, damit ich darüber gehen kann, das kann ich benutzen, um Tiere zu erlegen – viele Dinge sind in einem Ding. Das ist wahrscheinlich bei der ersten Artefakt-Bearbeitung schon mit darin, dass ich etwas mache, was unendlich viel vermag. Aber könnte ich es nicht ablegen, würde ich in seinem Gebrauch gefangen bleiben. Also, die intertemporale Nacktheit ist die Möglichkeit, reflexiv zu einer Funktionen-Vielheit zu gelangen, ohne die wir uns unsere Zivilisation eben auch nicht vorstellen können. Horst Bredekamp: Die gesamte Entwicklung in die Höhle hinein, aus der Höhle hinaus ist ein permanentes Spiel der reflexiven Nutzung von Instrumenten und der Schaffung von Dingen. Sie bewir80

3 Vgl. Francis Ponge, Text über die Elektrizität, in: Lyren. Ausgewählte Werke, übersetzt und herausgegeben von Gerd Henninger, Frankfurt/M. 1965.

Klaus Heinrich: Über unseren Ausstieg aus den Höhlen

Abb. 7 Unser Ausstieg aus den Höhlen, gezeichnet von Klaus Heinrich

ken erst das Surplus der Phantasie. Ich halte den Begriff der «rückstürzenden Metaphysik» des Philosophen Wolfram Hogrebe für außerordentlich hilfreich, weil er eine Verbindung zwischen Materie und Reflexion schafft, die nicht wegdreht in eine transmateriale Welt, aus der die Kategorien nominalistisch heruntergezogen werden als ein scheinwerferhaftes, von oben kommendes Begriffssystem. Mit diesem Begriff lässt sich die Evolutionsgeschichte des Menschen neu schreiben, vor dem Hintergrund dessen, was die Vor- und Frühgeschichte ausgegraben hat. Manfred Bauschulte: Noch ein Wort zur Dunkelheit in den Höhlen. Klaus Heinrich hat in seinen Vorlesungen und auch in seinen Gesprächen immer wieder darauf hingewiesen, dass es Epen, Gesänge nur gegeben habe als Privileg jener, die über die Fackel oder das 81

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Feuer verfügten. Das muss ja hier schon angefangen haben in den Höhlen. Und ich glaube – und da kehre ich zu meiner Ponge-Adaption zurück –, das hat irgendwie nicht aufgehört. Klaus Heinrich: Etwas finde ich hier bei unserer Unterhaltung, bei allem herausspringend, geradezu lebenswichtig. Ich sage es erst einmal mit einem Slogan, der vor vielen Jahrzehnten in einer großen Vorgeschichtsausstellung, es kann die Sahara-Ausstellung in Köln gewesen sein, in dem Treppenhaus dort, auf einem Plakat stand, das so gemacht war, wie bei vielen Demonstrationen Plakate sind: «Mehr Mitbestimmung für die Toten». Das ist eine Devise, auf die wir uns auch hier einigen könnten. Das heißt, wir machen nicht nur den Speläologen zum Bündnispartner des Frühhistorikers, zum Bündnispartner des Archäologen, des Kunstwissenschaftlers, des Altphilologen, sondern wir sagen: Wir alle sind auf die frühen Menschentiere bezogen. – Menschentier ist ja ein Begriff, der deutlich macht, dass der Abstand zurück gar nicht so groß ist. Das wissen wir alle. Wenn gesagt wird, sie, die Menschenaffen, reden nur darum nicht, damit sie nicht arbeiten müssen, ist das ja ein weiterer erhellender Slogan in dem Zusammenhang. – Also, wir machen sie alle zu Bundesgenossen. Wir können nicht mehr gemeinsam abstimmen, aber wir können sie zu Bundesgenossen machen, indem wir das, was wir von ihnen haben, für noch nicht erledigt, für uns bereichernd – für, in einer langen Geschichte auch der Wissensvermehrung, des Erkennens noch immer drinsteckend und uns in unseren Meinungen unter Umständen nachhaltig korrigierend – halten. Deswegen finde ich es wunderschön, die Wissenschaft wieder in die Höhlen hineingetragen zu sehen, so wie in dem Film von Werner Herzog, so wie bei Ihnen, Herr Giuliani; die Artefakt-Theorie so ausgebreitet zu sehen, dass wir uns heute noch darin wiedererkennen, wie bei Ihnen, Herr Bredekamp; und dass Sie, Herr Bauschulte, Wert darauf legen, dass die – ich will es mal anders ausdrücken – große Phantasie der Frühmenschen etwas ist, was uns noch heute erhellt. Phantasie ist ja nicht ein Privileg der Künste, Phantasie ist etwas, was uns weiterbringt. Ohne sie wären wir verloren.

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Bildnachweis: Abb. 1, 2: © Ute Schendel, Basel – Abb. 3–6: © akg-images – Abb. 7: © Klaus Heinrich, Berlin