Klaus Ritter zu seinem 90. Geburtstag - Stiftung Wissenschaft und Politik

Klaus Ritter zu seinem 90. Geburtstag - Stiftung Wissenschaft und Politik

Klaus Ritter zu seinem 90. Geburtstag Reden anlässlich des Empfangs am 23. September 2008 in Berlin Stiftung Wissenschaft und Politik Deutsches Insti...

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Klaus Ritter zu seinem 90. Geburtstag Reden anlässlich des Empfangs am 23. September 2008 in Berlin

Stiftung Wissenschaft und Politik Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit

SWP

Alle Rechte vorbehalten. Abdruck oder vergleichbare Verwendung von Arbeiten der Stiftung Wissenschaft und Politik ist auch in Auszügen nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung der SWP gestattet. © Stiftung Wissenschaft und Politik, 2008 SWP Stiftung Wissenschaft und Politik Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit Ludwigkirchplatz 3−4 10719 Berlin Telefon +49 30 880 07-0 Fax +49 30 880 07-100 www.swp-berlin.org [email protected]

Inhalt

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Eröffnung

Prof. Dr. Volker Perthes Vorstandsvorsitzender der SWP und Institutsdirektor

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Laudatio

Bundesminister Dr. Thomas de Maizière Chef des Bundeskanzleramts, Vizepräsident des Stiftungsrates

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Würdigung

Dr. Christoph Bertram Früherer Vorstandsvorsitzender der SWP und früherer Institutsdirektor

Dank

Professor Dr. Klaus Ritter Gründungsdirektor der SWP

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Professor Dr. Volker Perthes

Eröffnung Professor Dr. Volker Perthes

Lieber Herr Ritter, sehr geehrte Frau Ranft, sehr geehrte Frau Starke, sehr geehrter Herr Bundesminister de Maizière, liebe Freunde der SWP, Gäste, Kolleginnen und Kollegen, Ex-Kollegen, … Wir sind aus einem fröhlichen Anlass hier zusammengekommen, nämlich um den neunzigsten Geburtstag von Klaus Ritter nachzufeiern und damit einem Mann die Ehre zu erweisen, ohne den es dieses Institut, die Stiftung Wissenschaft und Politik, nicht gäbe. Unser Kollege Albrecht Zunker hat die Geschichte der SWP erforscht und aufgeschrieben. Er hat dabei nicht nur nachgezeichnet, wie eng die Entwicklung des Instituts mit Veränderungen im außen- und sicherheitspolitischen Umfeld dieses Landes verbunden war, sondern auch wie sehr die Entstehung der SWP in Ebenhausen, im Haus Eggenberg, der Initiative, dem Einsatz, dem Weitblick und der intellektuellen Offenheit Klaus Ritters zu verdanken ist. Wenn wir Sie, lieber Herr Ritter, heute hier feiern, so stellt dies auch in mehrfacher Hinsicht einen Brückenschlag zwischen Ebenhausen und Berlin dar und mag manchen auf unsere über fünfundvierzigjährige Geschichte zurückblicken lassen. Ich will das – keine Sorge – hier nicht tun, sondern nur auf ein paar Anfänge hinweisen: So stand am Anfang unserer Geschichte die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaft und Politik, eine Initiative einer Gruppe von Politikern und Wirtschaftsvertretern, darunter auch der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die Klaus Ritter den Auftrag gab – oder wohl richtiger: von der er sich den Auftrag holte –, die Gründung des Forschungsinstituts auf den Weg zu bringen. Die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaft und Politik firmiert mittlerweile als Forum Ebenhausen e.V. – Freundeskreis der Stiftung Wissenschaft und Politik und ist unser Treffpunkt für den sachorientierten Trialog zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft geworden. Am Anfang unserer Geschichte stand aber auch der Wille des Bundestages, ein Forschungsinstitut zu gründen, um sich und die Bundesregierung beraten zu lassen, vornehmlich, wie man damals dachte, in Fragen der Abrüstung. Ziemlich am Anfang der Geschichte standen zudem Auseinandersetzungen in der Bundesregierung darüber, welches Ressort die Führung in der Zusammenarbeit mit der SWP übernehmen sollte. Die Entscheidung wurde schließlich von Bundeskanzler Erhard zugunsten des Kanzleramts getroffen. Es ist vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass der Bundestag und das Bundeskanzleramt auch den Umzug des Instituts von Ebenhausen in die Hauptstadt gewünscht und gefördert haben, als Regierung und Parlament selbst von Bonn nach Berlin zogen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat sich, lieber Herr Ritter, in und seit Ihrer Zeit immer verändert. Sie muss das auch. Sie muss neue Themen

SWP-Berlin Reden am 23. September 2008 zu Ehren des 90. Geburtstags von Klaus Ritter

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Eröffnung

von außen- und sicherheitspolitischer Relevanz erkennen, bearbeiten und gelegentlich Bewusstsein für ihre Relevanz schaffen. Sie muss Veränderungen des Umfelds der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik auch in ihrer Struktur und Aufstellung reflektieren, und sie muss sich den Bedürfnissen der Partner in Politik und Administration an der Generierung spezifischen Wissens, der Analyse, der Deutung und der gemeinsamen Reflexion wissenschaftlich basierter Beratung stellen. Ich glaube, wir leisten all das. Schon deshalb ist die SWP heute größer, in gewissem Sinne – etwa was die Partner außerhalb Europas und der USA angeht – auch globaler und sicher auch transparenter geworden, als sie das in Ebenhausen sein konnte. Im Kern allerdings ist vieles geblieben. Die SWP ist weiter ein Ort der unabhängigen Forschung, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Beratung zu politikrelevanten Themen. Sie ist weder akademischer Elfenbeinturm noch eine Anstalt, wo Beratung als fernsehgerechtes Event inszeniert wird. Ich spreche deshalb gerne von unserem Institut als einem Ort der leisen Töne, an dem unabhängig von partei- und ressortpolitischen Zwängen über das Notwendige und Rationale in der Außenund Sicherheitspolitik nachgedacht und gesprochen wird. Das Themenfeld der SWP ist zweifellos breiter geworden. So arbeiten wir heute auch, um nur wenige Beispiele zu nennen, über die Zusammenhänge von Klimawandel, Demographie und Sicherheit, beschäftigen uns mit den Grundlagen einer europäischen Energiepolitik oder machen uns um den Umgang mit fragilen oder scheiternden Staaten Gedanken. Dies sind sicher Themen, die in den sechziger und siebziger Jahren nicht auf der Agenda waren. Gleichwohl, wenn wir uns anschauen, welche Themen in den ersten Arbeiten behandelt wurden, die in Ihrer Ägide in Ebenhausen entstanden, sieht man auch hier Kontinuität. Unter den ersten »Aufzeichnungen« der Ebenhausener SWP gab es beispielsweise eine zum »Wert und zur Durchführbarkeit eines europäischen ABM-Systems« oder eine andere zu den Möglichkeiten der »IAEA-Kontrolle über die Herstellung von Atomwaffen«. Dass wir uns auch heute noch mit diesen und sehr ähnlichen Themen beschäftigen, muss uns allerdings nicht unbedingt hoffnungsfroh stimmen. Lieber Herr Ritter, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die SWP weiterhin Ihr Institut ist, so wie ein Kind das Kind seiner Eltern bleibt, auch wenn es erwachsen wird. Mir macht es viel Freude, als Ihr erst dritter Nachfolger dieses Institut weiter zu führen und dabei mit einer großartigen Gruppe von Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten. Ich danke Ihnen, für Ihre Lebensleistung, und gratuliere Ihnen zu neunzig Jahren aufrechtem Gang und kritischem Geist.

SWP-Berlin Reden am 23. September 2008 zu Ehren des 90. Geburtstags von Klaus Ritter

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Bundesminister Dr. Thomas de Maizière

Laudatio Bundesminister Dr. Thomas de Maizière

Es ist mir eine große Freude und Ehre, Ihnen im Namen der Bundesregierung, aber auch ganz persönlich, die herzlichsten Glück- und Segenswünsche zu Ihrem neunzigsten Geburtstag vor wenigen Tagen (18. September zu übermitteln. Das SWP ist Ihr Lebenswerk; ich bin damit dreifach verbunden. Als Vizepräsident des Stiftungsrats, eine Position, die der Chef des Bundeskanzleramts traditionell bekleidet, aber auch als Nutzer des Informationsangebots. Damit stehe ich in einer gewissen Familientradition, denn auch mein Vater war lange Jahre Mitglied des Stiftungsrats. Ich erinnere mich noch genau an die Wertschätzung, mit der er über Sie sprach. Sie gehören einer Generation an, die die schrecklichen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts durchlebt hat. In den letzten Tagen des Kaiserreichs geboren, Kindheit in einer protestantischen, bürgerlichen Familie, in Berlin und Marburg verbracht. Ihr Vater und andere Familienmitglieder standen in Gegnerschaft zum NS-Regime, das Ihnen erst Arbeits- und dann Kriegsdienst aufzwang. Sie erlebten harte Kämpfe, wurden ausgezeichnet, vor allem aber: Sie überlebten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit studierten Sie in Marburg und in Göttingen Jura und Philosophie, wurden promoviert. Dann folgte bereits der erste Kontakt mit dem Aufgabenbereich des Bundeskanzleramts; Sie traten eine Stelle im Bundesnachrichtendienst an, der ja bis heute dem Kanzleramt zugeordnet ist. Doch Ihre Berufung lag in einem anderen Feld. Sie hatten bei einem Forschungsaufenthalt in den Jahren 1959/60 in den USA gesehen, wie wichtig es ist, im Umgang mit politischen Herausforderungen universitäre Wissenschaft und Politik zusammenzubringen. Es war dann vor fast fünfzig Jahren ganz entscheidend Ihre Initiative, Politik und Wissenschaft im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik zu einem neuen, fruchtbaren Austausch zu bringen. Sie hatten die Idee zu einem neuen Institut, dessen Gründung Sie mit großer Energie vorangetrieben haben. Dass die Gründung der Stiftung Wissenschaft und Politik damals in Ebenhausen gegen alle Widerstände und Hemmnisse gelang, ist in erster Linie Ihr Verdienst, lieber Herr Professor Ritter. Heute ist die SWP fest etabliert und bringt Exekutive, Legislative und Wissenschaft im regelmäßigen Gespräch zusammen. Alle profitieren miteinander voneinander. Lassen Sie mich aber auch einige Ihrer Mitstreiter nennen: Richard von Weizsäcker, Kurt Birrenbach, Fritz Erler, Helmut Schmidt, Karl Carstens, die Professoren Herbert Franke, Theodor Schieder, Werner Heisenberg, DIHT-Präsident Schneider, den ersten Stiftungsratspräsidenten General

SWP-Berlin Reden am 23. September 2008 zu Ehren des 90. Geburtstags von Klaus Ritter

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Laudatio

a. D. Hans Speidel und seinen Nachfolger Hans L. Merkle. Große Namen für die alte Bundesrepublik. Die Jahre des Institutsaufbaus im bayerischen Ebenhausen waren für die heutige SWP enorm wichtig. Sie haben dort ein erfolgreiches Modell entwickelt, die verschiedenen, an eine politikberatende Institution gestellten Anforderungen zu vereinen. Insbesondere die Verbindung von Forschung und Beratung, die Ihnen so glücklich gelungen ist. Heute sind die »Produkte« der SWP auf Schreibtischen überall in der Bundesregierung, im Bundestag oder an den Universitäten zu finden. Es waren wichtige Jahre, in denen Sie, Herr Ritter, mit prägender intellektueller Kraft eine Mannschaft formten und dem Namen »Ebenhausen« Stil und Facon gaben. Dafür gebührt Ihren unser aller aufrichtiger Dank. So gut aufgestellt konnte auch die Herausforderung der Einbindung des Kölner Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien (BIOst) sowie des Münchener Südost-Instituts (SOI) und die Etablierung der SWP in Berlin gelingen. Der mit der Ansiedlung in Berlin einhergehende direkte Austausch mit Regierung und Bundestag in Berlin, die neue Weltlage und die stetig wachsende Nachfrage nach Beratungsleistung haben zur Erschließung neuer und wichtiger Themenbereiche geführt. Ich nenne Themen wie internationaler Terrorismus, Energieverfügbarkeit, Klimawandel oder auch außenpolitische Implikationen der Tätigkeit von Hedge- und Staatsfonds. Die erfolgreiche Gründung und feste Etablierung der Institution SWP, die nun seit weit über vierzig Jahren einen unverzichtbaren Beitrag zur außen- und sicherheitspolitischen Kultur unseres Landes leistet, das ist ganz wesentlich Ihr Verdienst, lieber Herr Ritter, und die beste Rechtfertigung, Ihnen an Ihrem großen und runden neunzigsten Geburtstag besonderen Dank zu sagen.

Sperrfrist: Redebeginn. Es gilt das gesprochene Wort!

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Dr. Christoph Bertram

Würdigung Dr. Christoph Bertram

Die beste Ehrung für Klaus Ritter zu seinem neunzigsten Geburtstag ist ein Blick in diese, hier in seiner SWP versammelte Runde. Da sind Weggenossen der allerersten Ebenhausener Jahre, dann wie Jahresringe all jene, die er eingestellt, die mit ihm gearbeitet, die er geprägt hat. Dabei sind ehemalige und heutige Mitarbeiter und treue Freunde der Stiftung – die ganze SWP-Familie hat sich versammelt. Für keinen anderen wären sie in gleicher Zahl heute hier zusammengekommen. Dein Fest, lieber Klaus, ist ein Fest für alle SWPler. Denn diese ungewöhnliche Einrichtung ist und bleibt ein Ritter-Produkt. Forschungsinstitute für internationale Politik haben auch andere gegründet, manche gute sind dabei, aber nur ganz, ganz selten haben sie es vermocht, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu behalten. Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat eine solche eigene, unverwechselbare Persönlichkeit, und nicht nur wegen ihres einst ungewohnten Namens, der heute so selbstverständlich geworden ist. Sie ist es vielmehr aus zwei Gründen; und beide sind durch Klaus Ritter bedingt. Der eine ist ihre einmalige Struktur: unabhängig von Regierung und Parlament und zugleich ihnen dienend und von ihnen finanziert, keinem einzelnen Ressort unterstellt – wie haben wir uns gewehrt, bei der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat vor drei Jahren als Institut der Ressortforschung eingestuft zu werden! –, sondern durch die Zuordnung zum Kanzleramt der ganzen Regierung und dem ganzen Parlament zu Diensten. In dem schönen Buch der SWP-Geschichte von Albrecht Zunker kann man nachlesen, welcher Kombination von glücklichen Umständen diese für unsere Arbeit und Wirkung so zuträgliche Konstruktion zu verdanken war. Aber sie ist auch das Ergebnis der Weitsicht und Hartnäckigkeit, mit der der Gründungsdirektor Klaus Ritter für seinen Schützling focht, Verbündete mit seiner Kraft der Vision gewann, Gegner mit Charme und Insistenz weichklopfte. Weil er wusste, was unerlässlich für den Erfolg einer solchen Stiftung war, konnte er es am Ende durchsetzen. Bis heute ist diese Struktur der Neid unserer Partner-Institute in allen Teilen der Welt, bis heute ist sie Kern-Bedingung für die Arbeit der Stiftung und für die Wertschätzung, derer sich die SWP hier und in der Welt erfreut. Der zweite Umstand, dem die SWP ihre Persönlichkeit verdankt, hat weniger zu tun mit Ritters Einsatz draußen, in den Grabenkämpfen mit der Bürokratie, als vielmehr mit seinem Einsatz drinnen, in der Stiftung selbst. Auch hier hat er etwas Einmaliges geschaffen, nämlich einen eigenen Corpsgeist, eine Identifizierung jedes SWPlers mit seiner Stiftung. Organisationen haben ja in der Regel keine Seele, sie sind Nützlichkeitswesen, in denen administrative Prozesse gesteuert und kontrolliert werden sollen, um ein bestimmtes Produkt – bei Forschungsinstituten

SWP-Berlin Reden am 23. September 2008 zu Ehren des 90. Geburtstags von Klaus Ritter

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Würdigung

eben gute Forschung – hervorzubringen. Nun ist es eine Erkenntnis des gesunden Menschenverstandes wie von Organisationssoziologen, dass diese Produkte besser, überzeugender, origineller werden, wenn die zweckgebundenen Abläufe durch die vermeintlich zwecklose Bildung von Zugehörigkeit unter den Produzenten ergänzt werden. Zu wenige, die sich für eine Institution verantwortlich fühlen, sind sich dessen bewusst, noch weniger erreichen es. Klaus Ritter hat es gewusst und erreicht. Nicht nur, lieber Klaus, für die Jahre, in denen Du der Chef von Ebenhausen warst. Du hast dies durch etwas geschaffen, das für Deine Nachfolger Vorbild und Ansporn geblieben ist – ein äußeres wie ein inneres Stilbewusstsein. Für das äußere stand natürlich Haus Eggenberg, Dein Gesamtkunstwerk. Aber es ist mit dem Umzug an den Ludwigkirchplatz nicht verschwunden. Ich weiß noch, wie Albrecht Zunker und ich gezittert haben, als wir Dich zum ersten Mal durch die Räume und Korridore des neuen SWP-Domizils führten, denn wir wollten ja, dass Du an der Ausgestaltung spürtest, wie wichtig uns dieses Dein Erbe war. Du hieltest zwar Deine Begeisterung in Grenzen – zu sehr war Deine Vorstellung von dem, was Deine SWP zu sein hat, in Ebenhausen räumlich geworden –, aber ganz ungnädig warst Du nicht. Und auch das innere Stilbewusstsein, das Du eingeimpft hast, wirkt fort – die Überzeugung aller, die hier arbeiten, dass die Stiftung ein Raum des gemeinsamen Nachdenkens und des streitigen, sorgfältigen geistigen Austauschs sein und bleiben muss. Die Erkenntnis, dass die Form den Inhalt prägt, guter Stil die Qualität des Denkens steigert, das war ja für Dich keine Marotte, sondern eine Grunderfahrung aus dem so vieles umstürzenden, vulgarisierenden, stillosen Jahrhundert, das den größten Teil Deiner Lebenszeit umspannt. Zum Überleben in Selbstachtung, so hast Du es wohl erfahren, ist die Art und Weise, wie man dem Schicksal begegnet, entscheidend, das Wahren von Form, das Bewusstsein für Stil. Es sind Maßstäbe, Haltegurte, Geländer auf schwankendem Weg. Am Ende ist es weniger der Inhalt als die Art und Weise, mit der wir den Inhalt unseres Denkens produzieren und formulieren, die Bestand in der Zeit verschafft. Bestand in der Zeit: wer Klaus Ritter in seinem einundneunzigsten Lebensjahr vor sich sieht und erlebt, der hat bei diesem Manne keinen Zweifel, auf ihn trifft es zu. Ob es auch auf sein Lebenswerk, die SWP, zutrifft, dafür müssen seine Nachfolger Sorge tragen. Er jedenfalls hat die Schienen gelegt, auf denen die SWP auch in die Zukunft fahren kann. Dafür ehren wir ihn, dafür danken wir ihm. Er hat uns stolz darauf gemacht, der SWP-Familie anzugehören. Lieber, verehrter Klaus Ritter: Many happy returns of the day!

SWP-Berlin Reden am 23. September 2008 zu Ehren des 90. Geburtstags von Klaus Ritter

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Professor Dr. Klaus Ritter

Dank Professor Dr. Klaus Ritter

Meine Damen, meine Herren, diese etwas karge, pauschale Anrede sei mir erlaubt, um allen gleichermaßen Dank zu sagen für die Ehrung, die mir mit Ihrem Kommen zuteil wird. Doch ich will es dabei nicht belassen. Ich denke, Ihre Präsenz erfordert eine diesem Haus gemäße Antwort. Sie werden mir zugestehen, dass ich mich an das halte, was ich mir aufschrieb. Dieser Empfang ist zu meiner Freude ein Wiedersehen mit der Stiftung, der SWP, die mir vor fast fünf Jahrzehnten zur Aufgabe wurde. Also ein Wiedersehen mit Kombattanten, am Gelingen dieser Aufgabe hilfreich und unentbehrlich Beteiligten und Freunden. Aber auch eine Begegnung mit Angehörigen einer anderen Generation, auf die es jetzt ankommt, die dem »Kielboot« SWP die Segel setzt und es Kurs halten lässt, was immer das mit Blick auf die jeweils akuten Fragen heißen mag. Sich als »Kielboot« zu erweisen, das über einen hinreichenden Tiefgang verfügt, in diesem Bild hatte ich in meiner Abschiedsrede in Ebenhausen meinen besten Wünschen Ausdruck geben wollen, wenn sich die SWP in Berlin auf offene See mit unstetem Wellengang begibt. Der Umzug nach Berlin mit allem Gepäck und diesem Standort ist sichtbar gut gelungen. Er war wie für »Bonn« auch für die SWP fällig. Das Haus Eggenberg abseits von Bonn war indessen eine sehr mit Bedacht und – wie ich heute noch denke – eine gut gewählte und schrittweise ausgebaute Werkstatt, die für eine hierzulande neue und anspruchsvolle Aufgabe Identität entstehen lässt: ein Miteinander, das nicht nur interdisziplinärer Arbeit unentbehrlich ist, sondern auch einer Eigenständigkeit zugute kommt, deren es bei aller Kommunikation nicht nur im Verhältnis zu Regierung und Parteien, sondern auch im Ausland bedarf. Entsprechende Spielregeln waren anfangs im Miteinander zu lernen.

I. Nach diesem Vorwort eines Eggenbergers der ersten Stunde lassen Sie mich Ihnen, lieber Herr Perthes, als dem Hausherrn und Direktor der Stiftung schon in dritter Nachfolge danken für diese Einladung. Die Initiative dazu wie auch Ihre Begrüßungsworte sind zu meiner Genugtuung ein Zeichen dafür, dass das institutionelle Gerüst und die Konzeption, die der Stiftung zugedacht und mit Beharrlichkeit durchzusetzen waren – grosso modo auch mit Teilen des BIOst –, Bestand haben. Erkennbar ist auch, dass das, was den Anfang wagen ließ, präsent ist. Das ist – wie ich denke – noch Anderes als Schopenhauers »Wille und Vorstellung«, aber schwer zu benennen. Sagen wir einfach: ein Engagement mit Initiativen und Gepflogen-

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Dank

heiten, die der Aufgabe gemäß sind und sich in Berlin bewähren. Seien Sie wie dieses Haus weiterhin mit meinen besten Wünschen bedacht. Es ist mir eine besondere Ehre, dass Sie, verehrter Herr de Maizière, als Chef des Bundeskanzleramts bereit sein mochten und konnten, mir SWPGeburtstagsworte zu sagen. Ich weiß dafür sehr Dank, weiß dies aber aus zwei Gründen auch besonders zu würdigen. Zum einen: Es gab ein langes und gelegentlich recht prekäres Gezerre um die sogenannte »Federführung« für den »Zuwendungsempfänger« SWP. Zwei aparte Begriffe, ich sehe darin ein eben auch notwendiges Patronat seitens der Bundesregierung. Das Hin und Her erforderte viel heikles Manövrieren, um schließlich zu enden mit einer Entscheidung, die meiner Präferenz entsprach. Ressorts neigen eher dazu, die sogenannte Federführung im Sinne eigener Zuständigkeiten zu nutzen. Doch es ging im Falle der SWP doch darum, ohne Mediatisierung Zugang zu allen zu haben, die für die Forschungsaufgabe jeweils relevant sind. Und das ist seitdem auch so. Der Stiftungsrat ließ dem Direktor sehr freie Hand, hatte aber -- woran mir bei der Gründung besonders liegen musste – in seiner sehr namhaften Zusammensetzung ein entscheidendes Gewicht, was in aller Regel keine Vertretungen zuließ. Seit über dreißig Jahren – beginnend mit Manfred Schüler – ist der Chef des Bundeskanzleramts jeweils einer der beiden Vizepräsidenten des Stiftungsrates. So auch Sie, und auch als solchem sage ich Ihnen Dank. Zum anderen: Ich bin Ihnen bis dahin nicht begegnet. Umso eindrücklicher habe ich Ihren Herrn Vater bei verschiedenen Gelegenheiten erlebt und über viele Jahre als Mitglied des Stiftungsrats zu schätzen gewusst. So ist das eine Erbfolge besonderer Art, die Sie vielleicht auch motivierte, bei diesem Empfang das Wort zu nehmen. Ich durfte gespannt sein, was Sie aus der Sicht der Bundesregierung über die Wirksamkeit des »und« zwischen Wissenschaft und Politik im seinerzeit als kühn empfundenen Namen der Stiftung sagen würden: Eine Verbindung, die nach deutscher Tradition lange Zeit unter dem Rubrum »Macht versus Geist«, insbesondere aber nach dem Missbrauch in der fatalen Episode der Nazizeit noch ein heikles Thema war. Sie haben das aus dem gegebenen Anlass beantwortet, indem Sie meinen Beitrag zur Konkretisierung dieses heute unentbehrlichen »und« herausstellten und würdigten. Ihre Worte berühren und ehren mich. Ich kann Ihnen dafür nur ausdrücklich Dank sagen. Dass auch weitere Mitglieder der Gremien Stiftungsrat und Vorstand zugegen sind, ist mir eine Genugtuung und Freude. Andere bleiben mir in dankbarer Erinnerung.

II. Das Wiedersehen mit der SWP lässt mich erneut fragen, wie in der Moderne – mit all ihren technischen Möglichkeiten, der Fülle von Informationen und Interpretationen – seitens der Wissenschaft verantwortlicher Politik umsichtig und profund zuzuarbeiten ist. Was ist, genau besehen, Information und was profund? Nicht nur der Staat, die Politik, sondern auch die Wissenschaft – insbesondere die Philosophie – ist ja heute keine

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Professor Dr. Klaus Ritter

so unumstrittene Anhöhe oder Autorität, wie sie es einmal war oder gesehen wurde. Die Schaltstellen des globalen Kapitalismus und von anderem sind anderswo. Wissenschaft – ein sehr weites und komplexes Feld – ist in vieler Hinsicht überaus effizient und suggeriert so auch einen unbegrenzten Fortschritts- oder Machbarkeitsglauben. Sie ist aber – jedenfalls insoweit – nur bedingt imstande, grundlegende Fragen menschlicher Existenz und gesellschaftlichen Miteinanders zu beantworten. Man könnte fragen: Woher bezieht Wissenschaft – wenn man von ihrem eminenten Gebrauchswert absieht – ihre relative Unbestrittenheit oder Standfestigkeit im Gewoge der Meinungen oder Vorstellungen wie der Vielfalt ihrer eigenen Prämissen? Aus ihrem sich immer mehr spezialisierenden Wissen, ihrer Methodik, kurz: ihrer Kompetenz? Oder auch einer Besonnenheit, die ihr im Wettlauf der Medien auch einige Zurückhaltung erlaubt, was ich Eigenständigkeit nannte? Ganz im Ernst: Ist der sehr aufwendige, auf allen Gebieten stattfindende Wettlauf, zu dem ja nicht nur der globale Markt Anlass gibt, die entscheidende Antwort auf das Sein? Meine Frage gilt der Wissenschaft und nicht dem allseits anerkannten Bedarf an gut geschulten und akademisch ausgebildeten Kräften im Wettlauf des Wirtschaftens und unserer Ansprüche. Das Ihnen bekannte Diktum Böckenfördes, der Staat lebe von Voraussetzungen, die er weder herstellen noch garantieren könne, ist – wie ich denke – durchaus nicht vom Tisch. Wenn unlängst ein gestandener Jurist meinte: Legitimität, das ist doch Metaphysik von gestern, wir haben eine demokratische Verfassung und ein geordnetes Rechtswesen, so zeigt das nur, dass er fundamentale Fragen nicht sieht, um die es heute geht. Die Rhetorik über Werte ist ein problematischer Ersatz. Sehr viel ernsthafter wurde ich gefragt: Warum fällt den Deutschen ein liberaler Pragmatismus so schwer? Eine gute Frage, aber nicht leicht zu beantworten. Ich könnte gegenfragen: Was ist angemessener Pragmatismus, was prägt oder trägt ihn, um nicht nur pragmatisch zu sein, um mit dem Blick auf die Untiefen menschlicher Existenz und politischer Prozesse nicht zu versagen? Woran fehlt es unserer säkularen Zivilisation? Das beschäftigt mich – nur scheinbar zu weit abgehoben von sachgemäßer Analyse mit konzeptionellem Ausblick. Überflüssig zu sagen, dass ich den Gewinn der Moderne an individueller Entfaltung und ganz unentbehrliche, dem Erfindergeist und der Forschung zu ermöglichende Fortschritte nicht übersehe. Das eine wie das andere ist evident. Wissenschaft mit Bezug auf Politik ist indessen primär auf prozedural akute Fragen konzentriert und somit auf das, was zu klären, zu ermöglichen oder zu entscheiden ist. Und eben das auch mit dem Blick auf den seiner selbst wenig sicheren Zeitgeist.

III. Der Anlass dieser Begegnung legt mir die Erinnerung an Erfahrungen nahe, die mir wichtig wurden. Meine Generation war an diesem furchtbaren Krieg beteiligt. Wir waren außerstande – was zumeist Verdrängung

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Dank

genannt wurde –, uns im unmittelbaren Rückblick hinreichend darüber zu äußern, was diese Kriegserfahrung ist – sie hat nicht nur ein Gesicht – und wie es zu diesem fatalen Kulturbruch unter Hitler kommen konnte. Die oft gehörte Antwort: Es fehlte an entschlossenem Widerstand, ist leicht gesagt, ja zu billig, insbesondere wenn der Widerstand in der Fesselung des Kriegsgeschehens erwartet wird, so illegitim und fatal dieser Krieg auch war. Der im neunzehnten Jahrhundert achtbare oder auskömmlich scheinende bürgerliche Humanismus versagte schon vor 1914. Er war offenkundig unfähig, sich zu behaupten in einem Boom von industriellem Machtzuwachs, internationaler und ideologischer Rivalität. Was nach Hitler hierzulande Vergangenheitsbewältigung genannt wird, folgt indessen noch heute nach der nicht ausbleibenden Revolte der 68er mit dem Credo »Nie wieder« – so richtig es ist – recht eingleisig einem Trend, den man für zeitgemäß hält, der aber solchem Mandat kaum zuträglich, das heißt keine Quelle notwendiger Einsichten oder von Zuversicht ist. Wenn demgegenüber Habermas, der immer auf einen gewaltfreien, das heißt öffentlichen und an der Vernunft orientierten Diskurs setzte, aber das Medium solcher Auseinandersetzung überschätzte -- wie er selbst einräumt –, heute unsere säkulare Zivilisation »postsäkular« nennt und damit meint, dass die Defizite deutlich werden und nach Aushilfen suchen lassen, so ist zu sagen: sie waren auch vor 1933 da, nur anders und als solche weniger erkannt oder für viele nicht erkennbar – gleichsam als ein horror vacui, wie ich es nannte, den Hitler ebenso brutal wie virtuos nutzte. Denken Sie nur an das 1938 schon – oder sollte ich sagen: noch – tiefbraune Österreich, das Hitler nach Volksentscheiden in Salzburg und Tirol mit 99 Prozent für den Anschluss emphatisch zujubelte. Heute werden diese Defizite sichtbarer als eine sehr tief sitzende Orientierungslosigkeit, die in vielerlei Unmut wie auch überbordendem Hedonismus zum Ausdruck kommt und unter anderem nach Charismatikern rufen lässt, die aber selten und als solche meist befristet wirksam sind. Ich sage das ohne konkreten Bezug und nicht ohne Respekt vor den Verlegenheiten unserer Zeit. Mangels eines hierzulande noch hinreichend tragfähigen Selbstverständnisses schienen nun – sehr anders als zuvor – Wissenschaft und Politik aufeinander angewiesen.

IV. Die Stiftung entstand, als Kennedy ans Ruder gelangte und der Ost-WestPolitik einen anderen Akzent und Impuls gab. Noch bevor er ins Amt kam, schickte er Jerome Wiesner aus Harvard mit einem Team nach Moskau, um mit Hilfe der Wissenschaft neue Gesprächsmöglichkeiten zu erkunden. Dieser neue Approach Kennedys erforderte auf deutscher Seite ein stärkeres Mitdenken vor allem in sicherheitspolitischen Fragen. Das war seinerzeit Rückenwind für die Gründung dieser Stiftung, der SWP. Sie erinnern: Adenauer hat diese Veränderung aus deutschlandpolitischen Gründen deutlich irritiert – Stichwort Junktimpolitik. Von

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Brandt wurde sie mit der Entspannungspolitik wirksam aufgenommen, aber nicht auf die Interessen der Supermächte beschränkt. Die Ambivalenz des dafür von Egon Bahr gewählten Stichworts »Wandel durch Annäherung« war ihm bewusst, irritierte aber – zu Recht, wie ich denke – nicht sein Festhalten an dem ja nicht mehr ganz unumstrittenen Ziel der Wiedervereinigung. Die von ihm in Gang gebrachten Ostverträge auf der Basis des Gewaltverzichts waren ein wichtiger Fortschritt. Die Friedensbewegung wie ein vorherrschender Pazifismus setzten indessen emphatisch auf nukleare Abrüstung, verstanden aber deren Voraussetzungen nicht, was Helmut Schmidt das Kanzleramt kostete. Die Fortsetzung der Entspannungspolitik unter Kohl mit Genscher und überraschender Unterstützung von Strauß war indessen wichtig, indem sie – abgesehen von ihrer Bezugnahme auf die Entwicklungen von DDR und Osteuropa – ein sowjetischerseits nur mühsam aufkommendes »neues Denken« nicht konterkarierte. Sie war nicht – wie oft gesagt wird, mir aber durch Äußerungen kompetenter Gesprächspartner vor den Zwei-Plus-VierVerhandlungen bestätigt wurde – der entscheidende Grund für die Wende. Die Einsicht in das, was fehlt, eine Öffnung, wenn nicht ein radikaler Umbruch des Systems, bekam fast überraschend und wohl zeitlich begrenzt die Oberhand. Dies bei Gorbatschow noch ohne ausreichendes Konzept, von Jelzin mit einem Gewaltstreich vollzogen. Geschichtlich bedeutsame politische Wendungen sind letztlich nicht das Produkt rationaler Erwägungen. Sie geschehen, und dies oft aufgrund unerwarteter Ereignisse oder Konstellationen. So auch oft – wie wir wissen – auf dem Umweg von deutlichen Fehlleistungen. Lassen Sie mich hier hinzufügen: Es wurde mir schon Anfang der siebziger Jahre – insbesondere mit russischen Gesprächspartnern – eine ganz wichtige und bleibende Erfahrung, dass ein sehr in Bedachtnahme auf den anderen, das heißt ein nicht kontrovers geführtes Gespräch – wie in den meisten Talkshows – selbst oder gerade in kritischer Lage kreativ wird. Es ist nicht eigentlich der Austausch von guten Argumenten, so unentbehrlich sie auch sind, die schon als solche bewirken, dass unmittelbar eine Einsicht entsteht, die beiderseits so noch nicht zu Wort kam. Ich kann das als Erfahrung nur so sagen, wie ich es verschiedentlich erlebt habe. Das ist nicht »irrational« – ein Begriff, der gar nichts besagt als »nicht rational«. Es geht auch mit anderen wichtigen Entscheidungen im Leben so, dass sie letztlich nicht das Fazit eines Kalküls und entsprechender Erwägungen sind. Schon Anfang der siebziger Jahre wurde erkennbar, dass dem »Jahrhundert der Extreme«, der Polarität, die ihre Virilität zuletzt kaum noch aus – östlicherseits – schon erlahmtem oder diffusem ideologischem Streit, sondern eher aus der Instrumentierung jeweils angenommener Vorteile im Rüstungswettlauf bezog –, ein Jahrhundert globaler Interdependenz folgen werde. Die Stiftung hat das 1978 nicht nur mit dem Titel »Polarität und Interdependenz« des ersten Bandes ihrer Veröffentlichungsreihe im Nomos Verlag zum Ausdruck gebracht. Ich hätte lieber »Interdependenz versus Polarität« gesagt, weil dies die Perspektive war.

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Dank

Moskau verstand schließlich – auch nach dem Debakel in Afghanistan –, dass es unter dem Vorzeichen global wirksamen Patts, dem sogenannten stalemate system – Egon Bahr sprach von gemeinsamer Sicherheit –, das seinerzeit kaum noch weitere Aussichten auf politische Instrumentierung bot, um eine neue, eine zivile »Machtwährung« geht, wie ich es nannte. Schon sehr auf dem Weg, in dieser Hinsicht dritt- oder viertklassig zu werden, war für Moskau die Öffnung, wenn nicht Verabschiedung des geschlossenen Systems geboten, um daran Anteil zu haben, um dafür »gerüstet« zu sein. Der point ist, dass der Gewinn – ich würde hinzufügen beiderseits – deutlich genug und begriffen wird, um sich auf eine für Moskau so grundlegende und folgenreiche Wende, das heißt aber auf einen ersten deutlichen Schritt in Richtung Interdependenz einzulassen. Wie lange das Bestand hat oder einsichtig bleibt, ist eine andere Frage.

V. Eben das gilt analog auch oder mehr noch für heute in einer sehr anderen Lage, nachdem nun die Schwächen des NV-Vertrages und anderer Vereinbarungen deutlich hervortreten und die Fronten weitgehend opak sind, insbesondere mit Blick auf die Metastasen des Terrorismus. Also worum geht es? Das heute in Staaten und Gesellschaften weitgehend vorhandene Bewusstsein, dass wir in Bedachtnahme auf vielerlei Bedrohungen menschlicher Existenz in einem Boot sitzen und allein wenig bewirken können, die Einforderung von Menschenrechten und mehr Demokratie, der moralische Appell und viel Spendenbereitschaft, der zum Teil vorbildliche Einsatz auch nichtstaatlicher, aber meist unzureichender Kräfte, um drohender oder grassierender Instabilität beizukommen, ja auch der Aufruf zu mehr internationaler Solidarität, wie ihn Obama in Berlin eloquent zum Ausdruck brachte: Das alles in Ehren, aber es genügt nicht – wie ich denke – einem tieferen Verstehen, was Interdependenz gebietet und ermöglichen sollte. Dass jedem Zeitalter ein Schlüssel- oder Kennwort eignet, stammt von Guardini – wenn ich es recht erinnere, aus seinem eindrucksvollen Essay über das Ende der Neuzeit. Es erfordert eine Nachdenklichkeit oder Eindringlichkeit, die uns auf dem langen Weg der Aufklärung mit der Fixierung auf rationale Effizienz auch als Würdigung von Erfahrung, die uns auf andere Weise zukommt, abhanden kam. Wir leben in einem Wirrwarr von Begriffen und Ansprüchen. Habermas spricht von einer Entgleisung der Modernisierung – zu Recht, wie ich denke. Es ließen sich leicht Beispiele nennen. Aber das weist zunächst nur darauf hin, dass wir uns mit der säkularen Vernunft auch verrannt, die Wirklichkeit manipuliert haben. Er sagt dann das, wessen es bedürfe, nicht minder deutlich: Die säkulare Vernunft sei angewiesen auf Kommunikation mit anderweitiger Erkenntnis, wo sie als solche »nicht mehr die Kraft habe, profanen Gemütern ein Bewusstsein von dem, was

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fehlt, was zum Himmel schreit, zu wecken und wach zu halten«. Der Rezensent der Veröffentlichung sagt: wo sie ihr Pulver verschossen hat. Da er letztlich über die Antinomie, den »Riss zwischen Weltwissen und Offenbarungswissen«, wie er es nennt, nicht hinwegkommt, geht es Habermas um Solidarität. Das aber trifft – wie schon gesagt – nicht den Kern, den Imperativ des Kennworts Interdependenz. Solidarität, deren es in mancherlei Hinsicht bedarf, hat in der Regel eine Gegenposition im Blick. Aber Ausdrucksformen einer Beziehung, des Vertrauens, insbesondere zum unverfügbaren Grund des Seins sind, wo sie nicht zur Machtfrage degenerieren, keine Gegenposition zu einer nur vermeintlich autonomen Vernunft. Ihr Verhältnis zueinander ist komplementär, ja interdependent. Ernsthaftes Denken und Handeln ist ganz ohne solches Vertrauen nicht denkbar, macht keinen Sinn. Die Theorie des »kommunikativen Handelns« verdeckt das nur. Aber eben das ist die Krux, der kritische Punkt, der unsere abendländische Geschichte – sagen wir seit Kant zu Beginn der Neuzeit – umtreibt: Das Missverständnis, das den Begriff Autonomie weithin mit einem existenziell exzessiven Freiheitsanspruch verwechseln lässt, beides gar für identisch hält. Autonomie ist für Kant das Apriori, die begriffliche Voraussetzung sittlicher oder praktischer Vernunft – also eines Kriteriums, seines »kategorischen Imperativs« für verantwortliches Handeln, was ja auch gültig bleibt, sich aber inzwischen als nicht sehr ergiebig erweist. Ich will darauf nicht näher eingehen. Aber der säkulare Zeitgeist wurde so auf verifizierbare Erfahrung zunehmend beschränkt. Nur das objektiv Nachweisbare gilt ihm als verlässlich, als wahr und ist letztlich doch hypothetisch. Ein eigenartiges Ergebnis unvollendeter Aufklärung, das mittlerweile selbst in Disziplinen, die dem Naturalismus zuneigen, als unzureichend verstanden wird. Es ist mir immer eindrücklich gewesen, dass Begriffe – so Autonomie und zuvor Empirie –, die ganz offensichtlich einem Bedarf Ausdruck geben, der ihnen als Maßstab Priorität zuweist, einem Zeitalter jeweils das Gepräge geben. In dem inzwischen begonnenen neuen Zeitalter bedarf es nun noch eines anderen ihm angemessenen »kategorischen Imperativs« als Kriterium universalen Vorgehens. Auch die Idee staatlicher Souveränität ist ein solcher Begriff, der mit der Französischen Revolution, deutscherseits vor allem mit Hegel aufkam und dominant wurde. Er hat einmal etwas kühn gesagt: Was die Franzosen praktisch tun, dafür liefern wir wenigstens die richtige Philosophie. Der Staat galt ihm als Inkarnation des Sittlichen – auch etwas kühn. Aber damit komme ich auf dem langen Weg der Säkularisation in der Abfolge von rasant aufkommender Empirie, daraus folgend eine zunehmende Überbetonung individueller und dann auch nationaler Eigenmacht, zu dem, was uns heute mit Bezug auf universale Politik vordringlich angeht: Das inzwischen begonnene Zeitalter mit dem Kennwort Interdependenz bedarf, nein nötigt uns zu einem, wie gesagt, ihm angemessenen Kriterium praktischen Handelns, dessen Geltung und Anwendung es noch besser zu verstehen gilt.

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VI. Nun, es ist nicht möglich und tunlich, bei dieser Gelegenheit auf die von mir nur sporadisch angesprochene komplexe Problematik näher einzugehen, um das Gesagte stärker zu belegen. Sie ist in ihrer ganzen Dimension auch nicht das Thema der SWP. Aber denken Sie nicht, dass sie ihm zu fern liegt. Sie ist – mehr oder weniger bewusst – der Kontext, in dem sich die Arbeit der SWP wie der Politik abspielt. Ich hatte eingangs gesagt, dass ich diesen Empfang nicht nur mit Worten ausdrücklichen Danks beantworten, sondern Ihnen nicht vorenthalten wolle, was mich – wenn Sie so wollen schon als Outsider – beschäftigt. Und so sei mir noch eine etwas gewagte Kurzfassung erlaubt, die das noch einmal deutlich machen will. 1. Vorab: Indem ich von Ausdrucksformen der Beziehung zum unverfügbaren Grund des Seins sprach, ließ ich das Wort Glauben ganz bewusst beiseite. Es ist in Gegenüberstellung zum rationalen Weltwissen heute nur irreführend. Die Wirklichkeit ist erfahrbar, aber umfassender als das, was wir Welt nennen. Mehr will ich dazu nicht sagen. 2. Eine universale Ethik als Ziel ist meiner Erachtens fragwürdig. Ethik ist immer verwurzelt und erwachsen aus regionalen Prägungen von Kultur. Wo das so ist, lässt sich auch mancherlei Verwandtschaft wahrnehmen und fruchtbar machen. Nebenbei: anders als der Koran ist die Scharia keine Ethik. 3. Toleranz ist oft hilfreich, aber nur tolerant sein ist nicht gut genug. Universale Vereinheitlichung aber im Sinne eigener Vorstellungen oder Praxis führt leicht zu Gewalt. Westlicher Universalismus hat diese Tendenz. 4. Schon zwischenmenschlich ist zu lernen, mit immer vorhandenen Asymmetrien, Ungleichheiten umzugehen und sie – wo möglich – sinnvoll zu machen. Ohne das gibt es nur Befremdung und Streit oder Irrelevanz der Beziehung. Global gesehen scheint mir letzteres kaum noch möglich. Das wären gegebenenfalls sich global auswirkende Krisenherde. 5. Das Schlüssel- oder Kennwort Interdependenz ist – im Kontext internationaler Entwicklungen – das de facto und nicht nur moralisch zu verstehende Postulat, einer grundlegend anderen Beziehung zum Gegenüber zu genügen mit dem jeweils notwendigen oder sinnvollen Austausch. Gewiss, das wäre ein weiterer, umfassenderer Abschied von der Idee staatlicher Souveränität, wie es die EU seit längerem versucht – mit Erfolg und einigen auch bedenklichen Vorbehalten. Der Fall Georgien ist ein prekäres Lehrstück, ein Test für beide Seiten, Russland und Europa: eine wichtige Beziehung, die nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Das gilt beiderseits. Ich enthalte mich jeder Beurteilung der Gründe und der konkreten Möglichkeiten dieses Konflikts. Es läge nahe, hier einige Anmerkungen grundsätzlicher Art anzufügen. Aber ich will mein Kontingent nicht zu sehr überziehen. Und so beschränke ich mich auf zwei Sätze: Ein gewaltsames, imperiales Vorgehen kann hier nur schiefgehen: Gemessen an dem, was Moskau mit der Wende

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erstrebte, an Partizipation brauchte, wird es nun mit dem stärker aufkommenden Ressentiment über die vermeintlichen Verluste des Sowjetimperiums rückfällig. Es wird sich zeigen müssen, wie weit es sich das leisten kann. Europa steht indessen auf dem Prüfstand, inwieweit es als Einheit schon wirksam zu handeln vermag im Sinne seiner Verantwortung und Ziele oder sich mit seiner Erweiterung und anderem übernommen hat. Die Globalisierung ist der uns durch die sich schon seit längerem virulent ausbreitenden »Errungenschaften« der Moderne beschiedene Weg. Ein eigenartiges Ergebnis der Geschichte: Nachdem die einst bestehende religiöse Einheit des Abendlandes mit der Neuzeit als solche verfiel, nötigt sie uns nun dank eben dieser Errungenschaften global zu einer ganz anderen Art von Miteinander, mit dem wir lernen müssen umzugehen, und dies als ein weiterer Schritt der Aufklärung, die nicht nur »Verweltlichung« ist und sein kann. Indem ich dies so mit der Betonung auf der uns zugewachsenen Aufgabe sage, will ich doch nicht schließen, ohne daran zu erinnern, dass dieses Abendland, dieses Europa mit all seinem geschichtlichen Reichtum, seiner Erfahrung wie auch seiner Vergesslichkeit doch unser Zuhause ist. Dieses Europa muss sich als solches wiederfinden, um sich in dieser Aufgabe zu bewähren. Interdependenz ist auf diesem Weg ein Kriterium, eine Maxime, kein ideologisch verstiegenes Konzept. Mit einer optimistischen Lesart der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Es scheint mir eine privilegierte Aufgabe politikbezogener Wissenschaft zu sein, den Wirrwarr von Begriffen, von gestrigen und aktuellen Kriterien zu lichten, was dem spirituellen Kompass zugute käme. Darüber wäre, wie ich meine, weiter nachzudenken, um es in praktischer Erfahrung konkreter erkennbar zu machen, als ich es noch tun kann. Haben Sie Dank für Ihre Geduld.

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