“Kleine” Literaturen und Literaturenpluralismus: Zur Problematik der

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“Kleine” Literaturen und Literaturenpluralismus: Zur Problematik der Terminologie am Beispiel Rumäniens Heinrich STIEHLER Schon vor Jahrzehnten hatte ...

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“Kleine” Literaturen und Literaturenpluralismus: Zur Problematik der Terminologie am Beispiel Rumäniens Heinrich STIEHLER Schon vor Jahrzehnten hatte der Romanist Werner Krauss unter Rekurs auf die Anfang des 19. Jahrhunderts eingeleitete diachrone vergleichende Sprachbetrachtung Franz Bopps (1791-1867) vor einem Verfahren gewarnt, das “zu den germanischen, romanischen oder slavischen Sprachen die entsprechenden Literaturgruppen hinzufabuliert. (…) Was hat”, so Krauss vor der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, “die dänische mit der holländischen, die bulgarische mit der sorbischen Literatur zu tun?”1 Und was die rumänische mit der französischen, könnte man ergänzen. Das Bewusstsein einer Literaturverwandtschaft, wie es im Gefolge der Neo- oder Reromanisierung entstanden ist, hat Gründe, die weniger in den Sprachgesetzen als in der sozialen, wirtschaftlichen und Institutionengeschichte wurzeln, wobei der Begriff der “Verwandtschaft” selbst eine fragliche Metapher aus dem Bereich der darwinistischen Evolutionstheorie darstellt (wie in der Sprachwissenschaft “Sprachgeburt”, “Sprach-wachstum”, “Sprachfamilie”, “Sprachtod”, etc.). Und ein weiteres kann Krauss’ Suggestivfrage verdeutlichen: Die dänische wie die holländische, die sorbische wie die bulgarische Literatur bedienen sich keiner der großen Verkehrssprachen, die einmal Handelssprachen waren, und können so, müssen aber nicht, als “kleine” Literaturen eingestuft werden. “Groß” und “klein” sind relationale und relative Attribute, die sich sprachlich, numerisch und ästhetisch-formengeschichtlich bestimmen lassen, letzteres wertend, was nicht immer konsensfähig ist. Eine Literatur kann “klein” sein, wenn sie a) nur beschränkt zirkuliert und nur beschränkt rezipiert wird, gemeinhin innerhalb nationalsprachlicher Grenzen. Dahingehend spricht Mircea Martin im Anschluss an Călinescu vom rumänischen, aber natürlich nicht nur rumänischen “‘Komplex’ geringer Reichweiten” (“‘complexul’ lipsei de audienţă”)2, der sich durch ein ganzes Jahrhundert zieht: von Mihail Kogălniceanu bis zu Eugen Ionescu. So grollt der 48-er: “Un autor franţez, numai să aibă puţin merit şi multă şarlatanie, este cetit de la un pol la altul, tradus în toate limbele. Toate drumurile îi sunt deschise. Cinstiri, răsplătiri naţionale, posturi, bogăţii, slavă, toate le are; se poate apropia pîn’la treptele tronului. Pe lîngă al lor, cît rolul nostru este mic, de neînsemnat! Scriem într-o limbă necunoscută 1

Werner Krauss, Probleme der Vergleichenden Literaturgeschichte. Sitzungsberichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Klasse für Philosophie, Geschichte, Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Jg. 1963, Nr. 1, Berlin, 1963, S. 9, Anm. 3. 2 Mircea Martin, G. Călinescu şi “complexele” literaturii române, Bukarest, 1981, S. 46. (Hervorhebung im Original).

Philologica Jassyensia, An II, Nr. 2, 2006, p. 233-239

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altor naţii civilizate, pentru un public aşa de mic, încît nu se poate numi public, netrecînd peste întîia sută, scriem, şi, dacă vroim să ne publicăm scrierile, trebuie să facem prenumeraţii, adecă să cerem un fel de pomană spre a le tipări. Şi, după ce le publicăm, ce răsplătiri avem sau putem aştepta? Nimică, pentru că fama nu are încă trîmbiţe pentru noi…”3

Und 1934 Eugen Ionescu, der damals noch nicht Eugène Ionesco hieß: “Vă declar că mă jenează incomensurabil faptul că sunt condamnat să rămîn o rudă săracă a intellectualităţii europene: faptul că nu suntem decît trei sute de inşi care ne batem capul cu ideile, cerneala şi hîrtia şi încă prost, - şi că, neavînd cititori, ne citim între noi înşine, constituie una din tristeţile, din malaises-urile mele permanente.”4

b) Ionescu sagt es: Eine Literatur kann “klein” sein, wenn sie über wenige Produzenten schriftsprachlicher Texte verfügt, was unter anderem von Grad und Zeitpunkt der Alphabetisierung abhängt. Das gilt nicht nur für eine im eigenen Selbstverständnis verspätete Nationalliteratur wie die rumänische; numerisch gilt das auch für Literaturen von Sprachminderheiten und Sprachinseln; es gilt schließlich für das Schreiben von MigrantInnen, die ähnlich wie die zuvor Genannten eine Teilliteratur in einer anderen Literatur schaffen5, in der sie unter Umständen Spuren hinterlassen. Heinz Kloss spricht bei sprachlichen Minderheiten ohne externen Bezugspunkt von Eigengruppen und bei Sprachinseln mit externem Bezugspunkt von Außengruppen.6 Ob eine Sprache anderswo eine offizielle Sprache ist oder nicht, hat Auswirkungen auf die Textproduktion. Die Roma-Literatur, im 20. Jahrhundert verschriftet (,aber sprachlich noch nicht standardisiert,) entlehnt ihr Formeninventar vor Ort der rumänischen Institution Literatur, die rumäniendeutsche – soweit es sie noch gibt – lehnt sich an eine Institution Literatur außerhalb des staatlichen Territoriums an. c) Eine Literatur kann schließlich “klein” sein, wenn ihr sprachliches Lexikon begrenzt, ihr Formeninventar wenig ausdifferenziert ist. In diesem Sinne ordnet Jacques Dubois noch die “littérature(s) de masse” den “littératures dominées ou minoritaires” zu7, wobei die Frage bleibt, ob die kommerzielle Massenliteratur eine dominierte Literatur oder eher eine für Dominierte ist. Ich klammere dieses Wertungsproblem hier aus, weil “kleine Literaturen” am Beispiel Rumäniens thematisiert werden sollen, wo Trivialliteratur in unserem Sinne – auch die sozialistisch-realistische war ja partiell eine – erst jetzt ihre Rolle zu spielen beginnt.

3

Mihail Kogălniceanu, Demidoff în Banat, Valahia şi Moldavia. Introducere, Zit. nach Martin (1981),

S. 19.

4

Eugen Ionescu, Nu. Bukarest, 1991, S. 197 (Hervorhebung im Original.) Ich vermeide die pejorativen Begriffe “Gastarbeiterliteratur”, “Immigrantenliteratur” und “Enklavenliteratur”. Der erste Terminus impliziert Verschwinden, der zweite suggeriert – zumindest in der Alten Welt – eine Bedrohung der Nationalliteratur, der dritte assoziiert Ghettoisierung. 6 Vgl. Heinz Kloss, Grundfragen der Ethnopolitik im 20. Jahrhundert, Wien-Stuttgart-Bad Godesberg, 1969, S. 62. 7 Vgl. Jacques Dubois, L’institution de la littérature. Introduction à une sociologie, Bruxelles, 1978, S. 15 und S. 137-147. 5

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Im Anschluss an Althusser8 hatte der erwähnte Jacques Dubois schon 1978 die Institution Literatur als Folge der Arbeitsteilung des 19 Jahrhunderts “à la fois comme organisation autonome, comme système socialisateur et comme appareil idéologique”9 beschrieben. Raymond William präzisiert deren Funktion dahingehend, durch Selektion von Traditionen ein Kontinuitätsbewusstsein, auch das einer sprachlichen Kontinuität wie sie die Latinitätsideologie darstellt, zu verankern10. Nun können sich der Institution gegenüber – auch das betont Williams11 – mehrsprachige Koalitionen oder Formationen bilden, die sich im Konfliktfeld von Territorium und Raum bewegen. Meint die “Territorialisierung von Sprache und Kultur” laut Georg Kremnitz die gängige “Vorstellung, dass in einem bestimmten Territorium eine bestimmte Sprache (und Kultur) Anspruch auf ein (politisches und soziales) Monopol habe”12, so impliziert Raum die Kontaktbeziehungen zwischen Autoren verschiedener oder dominierter Sprachen bis hin zum Versuch der Bildung von Gegeninstitutionen13: ein Beispiel wäre die Academiuta de Lenga Furlana im faschistischen Italien, ein anderes die Aktionsgruppe Banat im ceauşistischen Rumänien. Kann man erwarten, dass Sprachinsel-Autoren eine Mittlerrolle einnehmen, etwa in Feuilletons, durch Übersetzungen und den imagines (Fremdbildern) der eigenen Werke? Für die rumäniendeutsche Literatur lässt sich ein solcher Sachverhalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur sehr bedingt belegen; in der zweiten Hälfte war er gesteuert. Zum ethnozentrischen Gruppenhorizont, zum Neben- eher als Miteinander, schreibt Paul Schuster: “Die anderen erscheinen (…) nur als befremdliche oder lächerliche Randfiguren: ab und zu ein exotischer ungarischer Bonvivant, ab und zu wohl auch ein Rumäne, der den bischöflichen Vorstellungen entspricht: ein dümmlicher Schafhirte, ein Säufer, ein Verbrecher, in jedem Fall ein minderwertiges, primitives, kulturloses Wesen. Es gibt nur einen Roman aus den 30er Jahren, der einen rumänischen Namen zum Titel hat: ‘Frate Nicolae’ (Bruder Nicolae) von Emil Witting, aber dieser Witting war Jagdschrift-

8

Vgl. Louis Althusser, Idéologie et appareils idéologiques d’État. Est-il simple d’être marxiste en philosophie? Paris, 1976. 9 Dubois (1978), S. 34. 10 “It is a version of the past which is intended to connect with and ratify the present. What it offers in practice is a sense of predisposed continuity” (Raymond Williams, Marxism and Literature, Oxford, 1977, S. 116. Hervorhebung im Original). 11 Vgl. Williams (1977), S. 117. 12 Georg Kremnitz, Von der national-isolierenden zu einer raumorientierten Geschichte in der Romania. Für eine Veränderung der Perspektiven in der Sprach- und Literaturgeschichts-schreibung. Ein programmatischer Versuch, in “Quo vadis, Romania? Zeitschrift für eine aktuelle Romanistik”, Nr. 20/2002 (“Sprache im Raum”), S. 10. 13 Stets mitgedacht werden muss allerdings, dass die Akzentsetzung auf den Raum durch den deutschen “Drang nach Osten” diskreditiert ist, nicht nur geschichtlich, sondern auch literatur-geschichtlich. Vgl. etwa Wilhelm Schneider, Die auslandsdeutsche Dichtung unserer Zeit, Berlin, 1936; Karl Kurt Klein, Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland. Schrifttum und Geistesleben der deutschen Volksgruppen im Ausland vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Leipzig, 1939; Josef Nadler, Literaturgeschichte des deutschen Volkes. Dichtung und Schrifttum der deutschen Stämme und Landschaften, 4 Bde., Berlin, 19381941 (entstanden 1912-1928).

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steller und selber ein leidenschaftlicher Jäger, und mit dem Bruder Nicolae ist nicht ein Rumäne gemeint, sondern ein Karpatenbär.”14

Dabei galt die Dialektik von Integration und Spezifizierung, wie sie Mircea Martin für das Verhältnis der rumänischen Literatur zu Mitteleuropa formuliert15, cum grano salis auch für die der Außengruppen oder Sprachinseln Rumäniens. Die Distanz zum imaginären Mutterland, das Abgeschnittensein von der binnensprachlichen Entwicklung und eine begrenzte Leserzahl konnten einerseits zur Epigonalität der “forme fără fond” (Titu Maiorescu) auch hier führen und andererseits die Frage nach der “Bewältigung der rumänischen Gesellschaftsrealität durch deutsche Sprachmittel”16 aufwerfen. Bestimmte rumänische Erscheinungen sind nur im rumänischen Wort fassbar – der “dor” Eminescus ist nicht der “Weltschmerz” Lenaus, und Blagas “spaţiu mioritic” hat mit “Siebenbürgen, Land des Segens” wenig gemein. Dazu nochmals Paul Schuster: “Umsteigen in die andere Sprache wäre nur denkbar bei Umsteigen in einen andern Stoff, in eine andere Geschichte, in andere Traditionen – also nicht denkbar.”17

Zwar kann sich der deutsche oder ungarische Schriftsteller Rumäniens auf eine entsprechende Standardsprache und ihre literarische Tradition beziehen, doch bedingt die Insellage Unsicherheiten im schriftlichen Gebrauch: Unsicherheiten in Bezug auf das treffende Wort, auf Bedeutungsnuancierung und die Bildung von Satzperioden18. “Uns aber erfasst des öfteren eine Art Heimweh nach der Sprache”, schreibt der Siebenbürger Hans Liebhardt. “(…) Wir schlagen in den Wörterbüchern nach, um Bestätigung für die Wörter zu finden, die wir seit unserer Kindheit kennen”19. Nicht anders der dem gleichen Raum entstammende András Sütö: “Auf meinen Irrwegen durch die ungarische Literatur musste ich mir meiner wahren Lage bewusst werden, demnach war ich nicht im Wald in die Welt gesetzt worden, sondern im Busch, mitten hinein in die Bruchstücke der Muttersprache, wo das, womit 14 Paul Schuster, Das ostpannonische Vögelein. Die rumäniendeutsche Literatur. Ein Vexierspiel (1987), hier zit. nach Stefan Sienerth, Zweisprachigkeit als Randphänomen. Siebenbürgisch-deutsche Autoren im Umgang mit dem Rumänischen. In: neue literatur. (N.F.) Zeitschrift für Querverbindungen. Nr. 3-4/1995, S. 181. 15 “‘Complexele’ culturii şi, cu deosebire, ale literaturii române sînt ‘complexele’ integrării lor europene. Şi, în acelaşi timp, ale specificării, ale afirmării unei diferenţe (…)” (Martin, 1981, S. 39. Hervorhebungen im Original). 16 Gerhardt Csejka, Als ob es mit ALS OB zu Ende ginge, in “Neue Literatur” (A.F.), Nr. 12/1972, S. 65. 17 Schuster, Das ostpannonische Vögelein, a. a. O., S. 172. (Hervorhebung nicht im Original). 18 Was Mihai Isbăşescu, Ruth Kisch und Heinrich Mantsch, Zu den Merkmalen der gesprochenen deutschen Sprache in Rumänien sagen, gilt auch für die Schriftsprache: “Es fehlt an Elastizität im Ausdruck; die Synonyma werden seltener und in geringem Ausmaß gebraucht, während die Semantik auf die Hauptbedeutung der Wörter beschränkt bleibt (z. B. das Verb begegnen: man begegnet immer nur Menschen, nie einer Sache). Auch ist eine gewisse Enge im Gebrauch syntaktischer Fügungsmittel festzustellen. (…) Eine Begründung dafür liegt in dem Umstand, dass diese Sprache, wie schon erwähnt, hauptsächlich durch die Schule vermittelt wird und dann bei zahlreichen Sprechern auf diesem Stand an Sprachkönnen beschränkt bleibt” (“Analele Universităţii Bucureşti. Limbi Germanice”, Bukarest, Anul XXI/1972, S. 48, Hervorhebung im Original). 19 “Vorbemerkung” zu: Worte unterm Regenbogen. Deutsche Erzähler in Rumänien. Eine Anthologie von Hans Liebhardt, Bukarest, 1973, S. 8.

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sich selbst der kleinste Dichter ausrüsten musste, nur aus Rückständen, Flicken, Schleifen-resten, Plunder bestand. (…) Wir kennen unsere Sprache nicht!, - glühte die Erkenntnis in mir auf und zog einen Schlussstrich unter die glückliche Zeit der Schulaufsätze.”20

Mit einem solchen Dilemma sieht sich die Literatur einer sprachlichen Mehrheit schon deshalb nicht konfrontiert, weil ihr Sprache anders (und weniger) zum Problem wird. Ihr Sprachbewusstsein ist nicht “unglücklich”21, um Sütös “glückliche Zeit der Schulaufsätze” zu paraphrasieren. Es sei denn, ihre Vertreter geraten selbst in eine Sprachinsel- oder Minderheitensituation, wie das in der rumänischen Geschichte oft, zuletzt als schriftstellerisches Exil der Jahre 1945 – 1989, der Fall war. Drei Alternativen sprachlicher und kultureller Identität tun sich hier nach Eva Behring auf22: 1) Integrationsverweigerung unter Beibehaltung des Rumänischen als Literatursprache und Fixierung auf die rumänischen Verhältnisse; 2) Akzeptanz einer doppelten, oft zwiegespaltenen kulturellen Identität mit Zweisprachigkeit in Wort und Schrift; 3) Konsequente, auch sprachliche Assimilation unter Verdrängung der Herkunftsidentität. Paul Goma gehört zum ersten, Emil M. Cioran zum letzten und die Mehrzahl des Exils zum zweiten Typus, wobei Behring eine aktuelle Frage übergeht, die m. E. die Forschung verstärkt beschäftigen müsste: Was geschieht, wenn “alte” Minderheiten zu “neuen” Minderheiten werden, wenn, was Sprachinseln angeht, die Außengruppe in der Innengruppe ankommt? Eine erste Antwort gibt Herta Müller in einem Text, der mir nur rumänisch zur Verfügung stand. Er heißt La noi în Germania (2003), wobei die Ortsbestimmung “la noi” gerade kein Ankommen “im Reich” ausdrückt, sondern Ausgrenzung seitens der Binnendeutschen, Demarkation. Herta Müller: “Germana e limba mea maternă. De la bun început am înţeles în Germania fiecare cuvânt. Toate cuvintele mi-erau perfect cunoscute, şi totuşi enunţul multor propoziţii rămânea contradictoriu. Nu reuşeam să apreciez corect situaţia, intenţia cu care erau rostite.”23

Das unglückliche Sprachbewusstsein perpetuiert sich, weil erneut – wie in Rumänien – hinter der Sprache, jetzt der deutschen, eine andere Realität steht. Aus dieser Erfahrung, aus der der vergleichenden Perspektive, kann tatsächlich “Literaturver-wandtschaft” erwachsen, ein Miteinander verschiedensprachiger Autoren, die jeden auf seine Weise auf das ausgrenzende “la noi în Germania” – “la noi în Europa” antworten lässt. In den Worten Herta Müllers: “Doar tot aici sunt acum şi eu”24. 20

András Sütö, Welcher bist du, mein Sohn? Fragmente aus dem Roman “Mutter verspricht leichten Schlaf.” Aus dem Ungarischen von Helga Reiter, in “Neue Literatur” (A.F.), Nr. 9/1975, S. 47. 21 Vgl. zum “unglücklichen” Sprachbewusstsein Leo Spitzer, Stilstudien. Zwei Teile, München, 2/1961, hier Zweiter Teil: Stilsprachen, S. 117 f.; Brigitte Schlieben-Lange, La conscience linguistique des Occitans, in “Revue de Linguistique Romane”, XXXV/1971, S. 298-303 und Georg Kremnitz, Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit. Institutionelle, gesellschaft-liche und individuelle Aspekte. Ein einführender Überblick, Wien, 1990, S. 58 f. 22 Vgl. Eva Behring, Rumänische Schriftsteller im Exil 1945-1989, Stuttgart, 2002, S. 73. 23 Herta Müller, La noi în Germania, in “Lettre Internationale”. Ediţia română. Primăvara-vara 2004, S. 75. 24 Ibidem, S. 76. (Hervorhebung im Original).

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Bibliographie Althusser, Louis, Idéologie et appareils idéologiques d’État. Est-il simple d’être marxiste en philosophie?, Paris, 1976. Behring, Eva, Rumänische Schriftsteller im Exil 1945 – 1989, Stuttgart, 2002. Csejka, Gerhardt, Als ob es mit ALS OB zu Ende ginge, in “Neue Literatur”, (A.F.) Nr. 12/1972, S. 61-67. Dubois, Jacques, L’insitution de la littérature. Introduction à une sociologie, Bruxelles, 1978. Ionescu, Eugen, Nu, Bukarest, 1991. Isbăşescu, Mihai, Ruth Kisch, Heinrich Mantsch, Zu den Merkmalen der gesprochenen deutschen Sprache in Rumänien, in “Analele Universităţii Bucureşti. Limbi Germanice”, Anul XXI/1972, S. 45-58. Klein, Karl Kurt, Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland. Schrifttum und Geistesleben der deutschen Volksgruppen im Ausland vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Leipzig, 1939. Kloss, Heinz, Grundfragen der Ethnopolitik im 20. Jahrhundert, Wien-Stuttgart-Bad Godesberg, 1969. Krauss, Werner, Probleme der Vergleichenden Literaturgeschichte, Sitzungsberichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Klasse für Philosophie, Geschichte, Staats-, Rechts- Und Wirtschaftswissenschaften, Jg. 1963, Nr. 1, Berlin, 1963. Kremnitz, Georg, Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit, Institutionelle, gesellschaftliche und Individuelle Aspekte. Ein einführender Überblick, Wien, 1990. Kremnitz, Georg, Von der national-isolierenden zu einer raumorientierten Geschichte in der Romania. Für eine Veränderung der Perspektiven in der Sprach- und Literaturgeschichtsschreibung. Ein programmatischer Versuch, in “Quo vadis, Romania? Zeitschrift für eine aktuelle Romanistik”, Nr. 20/2002 (“Sprache im Raum”), S. 8-18. Liebhardt, Hans (Hrsg.), Worte unterm Regenbogen. Deutsche Erzähler in Rumänien, Bukarest, 1973. Martin, Mircea, G. Călinescu şi “complexele” literaturii române, Bukarest, 1981. Müller, Herta, La noi în Germania, in “Lettre Internationale”. Ediţia română. Primăvara-vara 2004, S. 75-77. Nadler, Josef, Literaturgeschichte des deutschen Volkes. Dichtung und Schrifttum der deutschen Stämme und Landschaften, 4 Bde., Berlin, 1938-1941. Schlieben-Lange, Brigitte, La conscience linguistique des Occitans, in “Revue de Linguistique Romane”, Vol. XXXV/1971, S. 298-303. Schneider, Wilhelm, Die auslandsdeutsche Dichtung unserer Zeit, Berlin, 1936. Sienerth, Stefan, Zweisprachigkeit als Randphänomen. Siebenbürgisch-deutsche Autoren im Umgang mit dem Rumänischen, in “Neue Literatur”, (N.F.) Zeitschrift für Querverbindungen, Nr. 3-4/1995, S. 171-186. Spitzer, Leo, Stilstudien. Zwei Teile, München, 1961. Sütö, András, Welcher bist du, mein Sohn? Fragmente aus dem Roman “Mutter verspricht leichten Schlaf.” Aus dem Ungarischen von Helga Reiter, in “Neue Literatur”, (A.F.) Nr. 9/1975, S. 42-66. Williams, Raymond, Marxism and Literature, Oxford, 1977

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Littératures “mineures” et pluralité littéraire: le caractère problématique de la terminologie, appliqué à la Roumanie Après avoir délimité la sémantique du terme “mineur” sur le plan de la langue nationale, sur celui de l’écriture et de l’esthétique littéraire, la présente étude en conclut que qualifiant la littérature roumaine de littérature mineure, c’est la déprécier. La littérature allemande de la Roumanie fut, elle-aussi, longtemps appelée la “cinquième” littérature de langue allemande (après celles de la RFA, de la RDA, de l’Autriche et de la Suisse), en l’éloignant de telle manière – et non sans raison – de la tradition littéraire roumaine. On constatera pourtant des points communs socio- et psycholinguistiques entre la littérature majoritaire de la Roumanie et celle de sa minorité allemande, quand on met l’accent non plus sur l’histoire littéraire comparée mais sur l’attitude de l’écrivain face à sa langue d’écriture.

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