Marlene Lichtenberg - Klaus Billand

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Mit meiner Stimme möchte ich wie mit einem Geschenk die Menschen erreichen Marlene Lichtenberg Mit der Mezzosopranistin sprach Klaus Billand Bei eine...

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Mit meiner Stimme möchte ich wie mit einem Geschenk die Menschen erreichen

Marlene Lichtenberg Mit der Mezzosopranistin sprach Klaus Billand Bei einer Aufführung von Wagners Siegfried im Rahmen des Ring-Projektes am Staatstheater Cottbus erlebte ich im Mai dieses Jahres die junge Italienerin aus Südtirol in der Rolle der Erda, die dem Wanderer mahnend die Konsequenzen seines Handelns weist. Wie sie das machte, hatte für mich eine ganz besondere Qualität. Mein Urteil damals: Wie sich die große und völlig weiß gekleidete Marlene Lichtenberg als Urmutter mit göttlichen Zügen (…) mit Wotan ein subtiles Zwiegespräch über die letzten Wahrheiten liefert (…) brachte die auch musikalisch angezeigte Fallhöhe und Bedeutungsschwere in die Aufführung. Die sehr jugendlich wirkende, attraktive Mezzosopranistin liefert eine emotional berührende Studie der Erda mit einem ebenso charakter- wie klangvollen Timbre – ganz offenbar ein großes neues Talent für das Wagner Mezzo- und Altfach. Dieser Eindruck bewog mich, zusammen mit ihr als interessierte Beobachter am Rande des 61.ARD Musikwettbewerbes in München das folgende Interview zu machen. Ihr Werdegang und ihre Lehrer Marlene Lichtenberg kam durch ihre Familie zur Musik, die starke Bezüge zur Volksmusik hat. Der Vater spielt Flügelhorn in der Musikkapelle von Latzfons, ihrem Heimatort. Dort ging sie in den Kirchenchor und übernahm ihn bereits mit 18 Jahren. Als sie eines Tages der Berliner Dirigent Fritz Weisse im Rahmen eines gemeinsamen Projektes beim Einsingen des Kirchenchores hörte, meinte er: Mädchen, Sie haben Stimme! Er bereitete Marlene für die Aufnahmeprüfung für Gesang in Innsbruck und am Mozarteum Salzburg vor, die sie beide bestand. Sie entschied sich für Salzburg, ging dort nach eineinhalb Jahren aber wieder weg, weil sie nur zwei Wo-

chenstunden Gesangsunterricht angeboten bekam. Fritz Weisse empfahl ihr dann, das Gesangsstudium bei Richard Novak in Brünn fortzusetzen. Nach erfolgreichem Vorsingen studierte sie bei Novak von 2003 bis 2008 das Mezzo- und Altfach und lernte so auch Tschechisch. Richard Novak ist nach wie vor für Marlene eine wichtige Bezugsperson. Ihr Interesse am Chor ließ aber durch das Gesangsstudium nicht nach. Sie studierte in Brünn nebenher Chorleitung mit Abschluss. Erste Rollen Schließlich – sie ging übrigens erst mit 18 in ihre erste Oper (Die Zauberflöte) – entdeckte Lichtenberg ein Sängeragent aus Wien und verschaffte ihr im Januar 2010 das erste bedeutende Engagement, die Erste Magd in Elektra am Teatro Bellini in Catania unter der Leitung von Will Humburg. Eine kleine Rolle, aber ein internationales Haus und eine internationale Besetzung, wie Renée Morloc und Gabriele Schnaut als Klytämnestra, Janice Baird als Elektra. Ich hatte die Möglichkeit zu sehen, wie richtige Profis arbeiten und kommunizieren,

die Sängerin privat und als Jezibaba in der Cottbuser Rusalka (unten/Fotos Marlies Kross) sowie als Carmen in Liberec mit Nikolaj Visrakov/Don José (Foto TL/Kubát)

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um sich in eine Rolle einzufühlen. Bereits 2007 hatte sie beim Sommerfestival von Avenches die Flora in La Traviata gesungen. Die Hauptrollen interpretierten Patricia Ciofi und Roberto Saccá. Im Mai 2010 folgte ihre erste Carmen in Liberec, die sie dort mehrmals sang. Es war ein glücklicher Zufall, wie ich zu dieser Rolle kam – in Liberec suchte man händeringend eine Doppelbesetzung der Carmen. Dem Regisseur war ich als Mezzosopranistin bekannt – die Musikszene in Brünn ist nicht groß – und nach Absprache mit meinem Lehrer engagierte er mich. Diese Rolle war für mich eine große Herausforderung, da es eine riesige Partie ist und ich sie an einem kleinen Haus ausprobieren konnte. Neben den vielen Proben kam täglicher FlamencoUnterricht hinzu. Der Lohn für die harte Arbeit war die Besetzung der Premiere. Der Reiz der Carmen liegt darin, die unterschiedlichsten Momente, sind sie auch noch so klein, durch Farbenvielfalt der Stimme auszudrücken. Die Entwicklung der Rolle von der liedhaften Habanera über die freche, kokette Seguidilla bis hin zur schicksalsweisenden Kartenarie zeigt die Größe des Komponisten Bizet. Auch darstellerisch ist es eine sehr anspruchsvolle Rolle – trotz der vielen kleinen Umschwünge, der Schnelligkeit im Tun behält Carmen ihre Natürlichkeit. Es folgte das Vorsingen im Mai 2010 in Cottbus, der „Semperoper Brandenburgs“, mit den Rollen Olga, Amneris und Erda in der ersten Spielzeit. Im zweiten Jahr kamen die Jezibaba hinzu sowie ihre erste Hosenrolle, der Hänsel. Natürlich, da Cottbus ein Mehrspartenhaus ist, auch Operette. Die Vorteile eines Festengagements liegen für mich darin, mein Repertoirespektrum zu erweitern, verschiedene Rollen einzustudieren und szenisch darstellen zu können. Ein sich besser Kennenlernen und Erkennen von Grenzen regt mich an, ständig an mir weiterzuarbeiten. Weiterhin bietet mir das Staatstheater Cottbus die Möglichkeit, an anderen Theatern zu gastieren – ein großes Entgegenkommen des Hauses. Im Sommer 2010 sang Marlene Lichtenberg die Fenena bei den Opernfestspielen Bad Hersfeld und gewann den Opernpreis. Im November 2011 erhielt sie in Cottbus den Max Grünebaum Preis. Wie bereitet sie sich auf neue Rollen vor? Ich versuche, mir so viele Hintergrundinformationen wie möglich zu Komponist und Entstehungsgeschichte anzueignen. In Zusammenarbeit mit

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Walter Althammer, dem musikalischen Assistenten von Maestro Hartmut Haenchen, und mit Brigitte Eisenfeld erarbeiten wir gemeinsam die Rollen. Auch mein Gesangsvater, der Bassbariton Richard Novak – mit 81 Jahren ist er noch heute singend auf der Bühne zu erleben – steht nach wie vor als Ratgeber zur Seite. Interessant sind für mich die unterschiedlichsten Bilder und Ansichten einer Rolle von Regisseur und Dirigent, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Die gründliche Vorbereitung auf die Partien erleichtert es, ihre Gedanken auf der Bühne umzusetzen. Wie steht sie zur Musik Wagners, und wie sieht sie ihre wichtigsten Rollen? Die Dimension der Musik Wagners kann ich nur mit dem Bild beschreiben – auf dem Gipfel eines Dreitausenders zu stehen und den Horizont dann nach allen Seiten zu betrachten. Das ist für mich die Reichweite seiner Musik! Die Natur in ihrer gewaltigen Schönheit spiegelt sich darin wider. Dabei zeigt mir Marlene zwei Fotos von dem hoch am Berg liegenden Latzfons. Sie offenbaren den Blick auf die herrliche Landschaft der Dolomiten – das muss sie in ihrer Kindheit und Jugend offenbar für diese Wagner-Einschätzung geprägt haben. Meine ersten sängerischen Berührungspunkte mit der Musik Wagners waren neben den WesendonckLiedern die Rolle der Erda im Siegfried. Erda ist für mich vor allem Inbegriff der Natur – sowohl das

Marlene Lichtenberg als Amneris in drei Aida-Szenen mit Jens Klaus Wilde/Radames und auf der rechten Seite als Erda (Fotos Marlies Kross)

Stelle „Erlöst wär Gott und Welt“. Das gesamte Orchester begleitet Waltraute bei ihrem Auftritt und ihrem Abgang und bringt so durch verschiedene Leitmotive einerseits ihre innere Unruhe und Rastlosigkeit, andererseits aber auch ihre Enttäuschung, gepaart mit Unverständnis und Unmut bezüglich des Handelns der Schwester, zum Ausdruck. Im Mai 2010 debütierte die Sängerin in Cottbus mit ihrer dritten VerdiPartie, der Amneris (Aida). Für sie ist die Amneris eine Frau, die sich in den strahlenden Krieger verliebt, die materiell alles hat, aber sich die Liebe nicht erkaufen kann und die ihre Eifersucht zur Intrige und in den darauf folgenden Wahnsinn treibt. Es war interessant, diese drei unterschiedlichen Stimmungen musikalisch und szenisch glaubwürdig darzustellen. Ihre erste Hosenrolle war Hänsel, die sie im Dezember 2011 sang. Ein kindlicher Junge zu sein, weckte Kindheitserinnerungen aus den Bergen Südtirols. Besonders im Waldbild ist der Komponist Humperdinck als Vorläufer Wagners durch seine fette Orchestrierung zu erkennen, was stimmlich von Hänsel sehr viel abverlangt. Die Inszenierung in Cottbus von Intendant Martin Schüler erfordert auch szenisch ein breites Spektrum an schauspielerischem Können. Lied- und Konzertgesang Marlene Lichtenberg liebt es auch, Liederabende zu singen und in Konzerten aufzutreten. Für mich ist das Lied wie Selbstkontrolle und gleichzeitig Balsam für die Stimme. Sehr genieße ich an solchen Abenden den kleinen Raum und die intime Sphäre. Im Gegensatz zur Oper gibt es weder Kostüme noch Regieanweisungen, und ich bin gezwungen, durch Aussprache, Klangfarbenvielfalt und Phrasierung die Zuhörer mit meinem Gesang zu erreichen. Äußerlich bleibt nur das Ausdrucksmittel der Mimik. Die Programmauswahl ist dabei nicht ganz ungefährlich. Ich glaube aber, sagen zu können, dass es mir bisher gelungen ist, in Absprache mit meinem Korrepetitor Othmar Trenner diese Gratwanderung recht gut gemeistert zu haben. Konzert und Oratorium liegen Marlene sehr nahe wegen ihrer Liebe zu Chören, hier kommt ihr die Chorerfahrung zugute.

Schlafmotiv am Anfang ihres Auftrittes im dritten Aufzug als auch das ErdaMotiv zeugen von der Unendlichkeit, der Größe der Natur; dann der Inbegriff der Mutter – sie hat Brünnhilde geboren und nennt sie ihr „Wunschmädchen“, auch wenn nicht klar ist, inwiefern Gewalteinwirkungen von Seiten Wotans im Spiel waren, und nicht zuletzt der Inbegriff der Geliebten. Im tiefsten Inneren bin ich überzeugt, dass Erda für Wotan Liebe empfunden hat. Erst als sie erfährt, was Wotan seit ihrem letzten Auftritt im Rheingold mit Brünnhilde gemacht hat, bricht sie den Kontakt ab. Alle Weisheit, all ihr Wissen nimmt sie mit in den ewigen Schlaf. „Schlaf verschließe mein Wissen“. Die gesangliche Herausforderung besteht für mich darin, diese Rolle mit einer großen Ruhe und getragener Dynamik zu gestalten. Besonders freut sie sich auf die der Erda musikalisch entgegengesetzte Rolle der Waltraute in der Götterdämmerung, die im März 2013 am Staatstheater Cottbus Premiere haben wird. Fast verstört, mutig und voller Hoffnung sucht Waltraute ihre Schwester auf, um ihr von der Verzweiflung Wotans zu berichten. In diesem Auftritt fasziniert mich Wagners Orchestrierung. Durch den rhythmischen Duktus zeigt Waltraute ihren Drang nach Entscheidung. Wenn sie aber vom Vater singt, wird sie ruhig, es entstehen große Linien. Gerade hier die große Linie und das Legato trotz deklamatorischer Aufforderung nicht zu verlieren, ist für mich die besondere Herausforderung. Völlige Intimität und Offenbarung zeigen sich an der

Und wie sieht die Zukunft aus, wie sollte sie aussehen…? Das Ziel ist, Demut zu bewahren und mit Fleiß und Ausdauer eine möglichst hohe Qualität zu erreichen und sie auf diesem Niveau zu halten. Mit meiner Stimme möchte ich wie mit einem Geschenk die Menschen erreichen. Als neue Rollen kommen in der Spielzeit 2012/13 in der Oper zwei Hosenrollen, Niklas und Orfeo (Gluck). Besonders freut sie sich auf die Erste Norn und Waltraute in der Götterdämmerung sowie auf Flosshilde und Erda im Rheingold konzertant im Frühjahr 2013 unter der Leitung von GMD Evan Christ. Im Konzert ist Mahlers „Symphonie der Tausend“ geplant und bei den Dresdner Musikfestspielen Elgars The Dream of Gerontius mit René Pape. Bei ihrem nächsten Liederabend steht 2013 Berlioz Les nuits d‘été auf dem Programm. Die weitere Zukunft: Ein großer Wunsch wäre es, Charlotte und Dalila im französischen Fach machen zu dürfen. Im italienischen bleibt Amneris nach wie vor eine Traumpartie, auch die Principessa sowohl in Adriana Lecouvreur als auch die in Suor Angelica, die Ulrica und die Azucena. Die Carmen würde mich wieder sehr reizen, da dies dann die erste Rolle wäre, die ich zum zweiten Male singe. Wichtig ist für mich, die Zeit zu haben, die zu einer gesunden Entwicklung meiner Stimme beiträgt. Im Wagnerfach ist die Fricka vorstellbar. Ob es in die Richtung Brangäne und Eboli geht, wird die Zukunft zeigen. Momentan freue ich mich auf die Waltraute.

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