Neue Pflegekultur

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Neue Pflegekultur Der Werdenfelser Weg bewahrt die Würde und Freiheit der Menschen. T E X T S T E FA N L I E B I G H „ eute bin ich nicht der Chef,...

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Neue Pflegekultur Der Werdenfelser Weg bewahrt die Würde und Freiheit der Menschen. T E X T S T E FA N L I E B I G

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eute bin ich nicht der Chef, sondern Krankenpfleger mit Zusatzqualifikation“ – diesen Satz sagt Michael Eisenberg, Hausleiter und Prokurist des Göttinger Altenzentrums Luisenhof, immer dann, wenn eine Einzelfallbesprechung oder ein Workshop im Rahmen des Werdenfelser Weges ansteht. Auf Augenhöhe lebt er seinen Mitarbeitern dann die Philosophie des auf der Burg Werdenfels in der Nähe von GarmischPartenkirchen entwickelten Konzeptes vor: So entstehen im Luisenhof und in vielen Einrichtungen in über 130 Landkreisen und

F O T O G R A F I E A L C I R O T H E O D O R O D A S I LV A

Städten Deutschlands Pläne zur weitestmöglichen Vermeidung von Fixierungen. Diese sogenannten ,freiheitsentziehenden Maßnahmen‘ sind Alltag in Senioreneinrichtungen. Umgesetzt werden sie beispielsweise mit Gittern oder Bauchgurten, die es erschweren oder unmöglich machen, das Bett zu verlassen. Diese nur mit gerichtlicher Genehmigung anwendbaren Restriktionen, die aber nicht verpflichtend angewendet werden müssen, sollen Menschen vor dem nächtlichen Fall aus dem Bett oder – in erster Linie Demenzkranke – vor unkontrollierten

Ausflügen bewahren. Der Schlüssel, um solche Schritte zu vermeiden, liegt laut Werdenfelser Weg in der Kommunikation mit den Bewohnern und innerhalb des Kollegiums. „Ich möchte die Fixierungen nicht verteufeln, aber wir müssen alles daran setzen, die Zahl zu verringern“, erklärt Eisenberg, wohlwissend, dass die Eingriffe in die persönliche Freiheit in schwerwiegenden Fällen oft nicht zu verhindern sind. Doch aufgrund des großen Stresspotenzials für die Betroffenen ruft er auf diesem Gebiet zu größeGESUNDHEIT für Entscheider 33

gesundheit

PFLEGE

rer Sensibilität auf. „Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlt, am Bett festgeschnallt zu werden oder durch ein Gitter in den Raum zu schauen“, sagt Eisenberg. Ein Stresspotenzial, unter dem im großen Maße auch die Pfleger leiden. Denn auch sie erleben, wie sich die von ihnen betreuten Menschen in solchen Momenten fühlen. Als vom TÜV zertifizierter Verfahrenspfleger berichtet Eisenberg aber, wie verblüffend schnell mit dem Werdenfelser Weg große Erfolge erzielt werden können. Im Zentrum stehen dabei die Kommunikation und das Führen der Menschen zu einem selbstbestimmteren Leben mit Unterstützung des Pflegepersonals. Dabei ist es für ihn wichtig, sich selbst aus der Führungsrolle zurückzuziehen und sich auf einer Ebene mit seinen Mitarbeitern auszutauschen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Solche Lösungen bestehen dann etwa in der Analyse der Tagesabläufe der Bewohner und in der Suche nach bestimmten Zeiten, zu denen Unfälle passieren. Neigt beispielsweise jemand dazu, nachts beim Gang zur Toilette zu stürzen, fragen Pfleger ihn vor dem Zubettgehen, ob sie ihn nochmal zur Toilette begleiten sollen. Frau M. spricht begeistert über eine andere Lösung, die ihrer 97-jährigen im Luisenhof lebenden Mutter hilft: „Vor dem neuen höhenverstellbaren Niedrigflurbett liegt eine Kontaktmatte. Wenn meine Mutter nachts auf die Matte tritt, werden die Pfleger alarmiert und helfen beim Toilettengang.“ Mit dem neuen Bett ist das Problem des Fallens aus dem Bett gelöst, und die Kontaktmatte ruft Hilfe herbei. So ist die Sturzgefahr ohne Einsatz von Fixierung minimiert worden. Da eine Fixierung ihrer Mutter für Frau M. als ehemalige Krankenschwester „niemals in Frage“ käme, unterstützt sie den Werdenfelser Weg. „Was in der Pflege gang und gäbe und leider manchmal unumgänglich scheint, würde zu Hause niemand mit seinen Liebsten machen“, sagt Michael Eisenberg und verdeutlicht nochmal, worum es ihm geht: „Wir möchten den Menschen ihre Würde und Freiheit im Alter nicht nehmen.“ Im Workshop spürt man als Beobachter, wie beeindruckt und begeistert das Team daran mitarbeitet. Immer wieder fragt Eisenberg nach den Gefühlen der Mitarbeiter beim Umgang mit den Bewohnern. Dass es sich 34 GESUNDHEIT für Entscheider

bei der Schulung um eine Pflichtveranstaltung handelt, fällt nicht auf. Denn hier geht es um das Wohl der Bewohner und darum, ihnen ein lebenswertes Wohnen im Alter zu ermöglichen. In knapp zwei Jahren gelang es im Luisenhof, die Anzahl der genehmigten Fixierungen von 27 Prozent auf 7 Prozent zu senken. Diese absolute Zahl beeindruckt bereits. Denn statt bei über 70 der 260 Bewohner werden solche Maßnahmen nun nur noch bei weniger als 20 Personen beantragt. Darüber hinaus haben sich selbst für diese Menschen die Zeiträume, in denen ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, deutlich verringert und liegen weit unter den gerichtlich genehmigten Zeitspannen. Der Luisenhof gehört zu den bereits erfreulich vielen Einrichtungen in Deutschland, die diesem Konzept folgen. Die Zahlen belegen überall erstaunliche Erfolge, so auch in den beiden ebenfalls von Eisenberg geleiteten Einrichtungen im Erzgebirge. Teilweise – wie etwa in einer Bonner Einrichtung – nahmen die Fixierungen sogar um bis zu 90 Prozent ab. Der Hausleiter des Luisenhofes ist stolz darauf, vor zwei Jahren das Konzept als Vorreiter nach Göttingen gebracht zu haben. Mit viel Durchhaltevermögen hat er auch die anderen am Pflegeprozess Beteiligten von der Idee des Werdenfelser Weges überzeugt. Das Amtsgericht, das die freiheitseinschränkenden Maßnahmen genehmigt, das Sozialdezernat, die Heimaufsichten und selbst die Kostenträger haben inzwischen erkannt, wie wichtig ein menschenfreundliches Handeln auf diesem Gebiet ist und entscheiden nun nach den Richtlinien des Werdenfelser Weges. Auch andere Göttinger Einrichtungen folgen dem neuen Ansatz. In manchen davon referiert Eisenberg sogar über das Thema und erklärt auch dort: „Ich komme nicht als Chef des Luisenhofes, sondern als jemand, der eine neue Pflegekultur vorleben möchte.“ Eine Philosophie, die auch außerhalb des Pflegebereichs auf großes Interesse stößt: Im Oktober erhielt Michael Eisenberg den Zivilcouragepreis der Bürgerstiftung Göttingen und des Präventionsrates der Stadt Göttingen als Auszeichnung für sein Engagement.

„Was in der Pflege gang und gäbe und leider manchmal unumgänglich scheint, würde zu Hause niemand mit seinen Liebsten machen.“

Kontakt Altenzentrum Luisenhof Betriebsgesellschaft mbH Zimmermannstraße 8, 37075 Göttingen Tel. 0551 30590 www.luisenhof-goettingen.de

Weitere Informationen zum Werdenfelser Weg und dem Zivilcouragepreis gibt es in der aktuellen faktor-Winterausgabe, unter www.faktor-magazin.de/zivilcourage oder direkt über den QR-Code