Predigt zum Thema Märchen: Hänsel und Gretel

Predigt zum Thema Märchen: Hänsel und Gretel

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Predigt vom 09. März 2008 Letzter Gottesdienst der Predigtreihe „Brückenschlag zwischen Märchen und Bibel“ Hänsel und Gretel und das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) Die Gnade unseres Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen Liebe Gemeinde, der verlorene Sohn ist wohl das berühmteste Gleichnis und vielleicht ist Hänsel und Gretel auch das berühmteste, bekannteste Märchen der Gebrüder Grimm! Was haben diese beiden Geschichten miteinander zu tun? Beide sind Varianten ein und desselben Themas. Beide beschreiben den Weg, den wir gehen müssen, um erwachsen zu werden. Es ist ein gefährlicher aber notwendiger Weg. Das Märchen erzählt vom Erwachsenwerden, vom Reifen gegenüber den Eltern; das Gleichnis erzählt vom Reifen gegenüber Gott. Beides hängt eng miteinander zusammen, wie die auffälligen Parallelen zwischen beiden Geschichten zeigen. So dass man sagen kann: Erwachsenwerden heißt Unterwegssein zu Gott. Und umgekehrt: Unterwegssein zu Gott bedeutet, erwachsen zu werden. Beides gehört zusammen. Wie das zugehen soll, versuche ich nun mit der Auslegung der beiden Geschichten zu zeigen. Wohlgemerkt: es ist von einem Weg die Rede. Auf diesem Weg gibt es einzelne Stationen. Das Erwachsenwerden ist ein Reifeprozess mit verschiedenen Phasen. 1. Phase: Glücklicherweise ist für viele Menschen die Erinnerung an ihr Elternhaus, an ihre Kindheit und Jugend die Erinnerung an ein Paradies. Egal ob arm oder reich: Das Elternhaus ist unsere Heimat und es ist dramatisch diese Heimat zu verlieren. Auch für Hänsel und Gretel ist es eine Katastrophe, ein Trauma, so rausgeworfen zu werden: im Wald ganz alleine gelassen zu werden, buchstäblich „an die frische Luft gesetzt zu sein“, gerade einmal mit der Brotration für einen Tag. Aber wie sollte man außerhalb des Paradieses überleben? … überhaupt leben wollen? Begreiflich, dass Hänsel und Gretel alle möglichen Tricks anwenden, um diesen Rauswurf zu verhindern. Beim ersten Mal klappt es ja. Beim zweiten Mal funktioniert der Trick nicht mehr. Beim zweiten Mal ist der Weg zurück ins elterliche Paradies unauffindbar! Zwei Tage und zwei Nächte suchen sie vergeblich. Dabei geraten sie nur umso tiefer in den Wald hinein. Hänsel und Gretel verlieren sich, vom Hunger getrieben, gleichsam im Dschungel des Lebens. So schmerzlich haben viele Menschen den Verlust ihres Elternhauses erlebt. Es mag ein äußerer Anlass gewesen sein: eine „Hungersnot“ eine Notlage, ein Krieg, in dem die Eltern umkamen, oder eine Ehe, in die man selbst hineingeraten ist, obwohl man noch fast ein Kind war. Verwaist, auf sich selbst gestellt, stehen junge Menschen dann da: ausgesetzt und ohne Orientierung. Bleibt die allerletzte Hoffnung, mit der man sich trösten mag, wie die beiden Geschwister im Märchen: „Gott wird uns nicht verlassen. Er wird uns schon helfen.“

Nun gibt es auch Menschen, denen es zu Hause ganz anders ergangen ist. Die Eltern mögen gerecht und gütig gewesen sein. Aber je älter die Kinder werden, desto mehr erleben sie das Elternhaus als ein Gefängnis. Es wird ihnen daheim zu eng, zu langweilig, zu spießig. Sie fühlen sich vielleicht bewacht und kontrolliert. Und in ihnen erwacht der Hunger nach Leben. Es lockt die Freiheit, die weite Welt, das Unabhängig sein. Auch wenn das Elternhaus noch so paradiesisch ist: nun ist ein Käfig daraus geworden. Es wächst der Entschluss: „Ich muss weg, bevor ich hier ersticke.“ So führt der innere Durst und Hunger nach Leben zum gewollten und geplanten Auszug aus dem Paradies. So erging es dem Jüngeren der beiden Söhne im Gleichnis Jesu. Er empfand sein Vaterhaus je länger je mehr als einen goldenen Käfig. So dass er eines Tages vor seinen Vater tritt mit den Worten: „Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht.“ Der Vater gibt ihm tatsächlich sein Erbe und lässt ihn ziehen. Er kann seinen Sohn loslassen, ihn freigeben, ohne zu klammern, ohne ihn durch irgendwelche Tricks oder Versprechungen an sich zu binden. Er scheint ihm nicht einmal böse zu sein. So gibt es also im Leben beide Möglichkeiten: die einen erleben den Verlust des Elternhauses wie eine Vertreibung aus dem Paradies. Die anderen haben zwar auch irgendwie ihr Paradies verloren. Aber eher so, dass sie von sich aus gegangen sind. Was für die einen wie eine Vertreibung war, ist für die anderen eine Befreiung! Doch nun leben wir alle in ein und derselben Welt: wir, die ausgesetzten Hänsels und Gretels, und wir, die ausgezogenen Söhne und Töchter. Das alte Paradies liegt hinter uns, ein neues Paradies jenseits von Eden suchen wir. Vorwärtsgetrieben von einem äußerlichen und innerlichen Hunger und Durst nach Leben. Damit beginnt die zweite Phase auf dem Weg des Erwachsenwerdens. 2. Phase: Der Sohn im Gleichnis genießt dieses Leben jenseits von Eden in vollen Zügen. Er lebt in Saus und Braus. Der Text fasst zusammen (Vers 13): „er führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ Der junge, lebensgierige Mann lässt sich die Freiheit wohl schmecken; er hat gar nicht das Gefühl, ein Paradies verloren zu haben. Im Gegenteil: Es ist ihm, als ob er das wahre Paradies jetzt erst gefunden hätte. Und wer will es ihm verdenken? Vielleicht sind es die einzigen Jahre seines Lebens, in denen er wirklich glücklich ist. Freilich, die biblische Geschichte lässt erkennen: es ist ein leichtsinniges Glück, und ein schnelles Glück obendrein. Die Freiheit hat den Sohn gleichsam um den Verstand gebracht. Und manche Freiheiten, manche Freuden sind sehr teuer. Der junge Mann bringt alles durch, was er hat. Er kommt in große Not. Eine Hungersnot macht zusätzlich dem ganzen Land zu schaffen. Der Völlerei folgt die totale Leere. Diese Leere zehrt grausam an dem Mann, an seinem Stolz und Selbstwertgefühl - bis er eines Tages völlig auf den Hund gekommen ist. Das Leben ist für ihn ein Hundeleben geworden, der nackte Kampf ums Überleben. In seiner Not landete er bei den Schweinen. „Saudreckig“ geht es ihm buchstäblich. Tiefer hätte er nicht fallen können. Als „Schweinehirt“ sich zu verdingen - das bedeutet den Verlust jeder Würde, jeder Reinheit und Achtung vor sich selbst. Nicht nur der Bauch ist leer, sondern auch die Seele. „Burn out“ - ausgebrannt. So mag das Leben jenseits von Eden mitunter sein: ein Leiden unter der inneren und äußeren Leere. Eine dauernde Suche nach dem, was uns wirklich satt macht. Doch das sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Am Anfang, in jungen Jahren, da zeigt sich

das Leben so harmlos, so vielversprechend, so verlockend. Nicht anders ergeht es den Geschwistern im Märchen. Getrieben vom „Lebenshunger“ auch sie, irren sie durch den Wald. Endlich, am dritten Morgen, gelangen sie an ein Häuschen, das ganz aus Brot und Lebkuchen gebaut ist. Die Fenster sind aus hellem Zucker. Eine Fata Morgana der Halbverhungerten? Nein! So einladend, so verheißungsvoll, so wohlschmeckend erscheint Hänsel und Gretel in diesem Augenblick das Leben, dass sie sich sofort daran machen, es zu genießen, in vollen Zügen. Sie essen, ohne sich beirren zu lassen, ohne Verdacht zu schöpfen, genauso genießerisch wie der Sohn im Gleichnis, und ebenso leichtsinnig. Wer will es ihnen verübeln? Vielleicht ist es das einzige Mal, dass auch sie wirklich glücklich sind in ihrem Leben. Ja, es schein noch schöner zu kommen. Eine steinalte Frau, auf eine Krücke sich stützend, kommt aus dem Häuschen. Harmloser kann die Gefahr nicht aussehen. Sie lädt die Kinder zu sich ein ins Haus. Es gibt ein wunderbares Essen: Milch, Pfannkuchen, Äpfel und Nüsse. Und später liegen Hänsel und Gretel in weichen Betten. „Und sie meinten, sie wären im Himmel“, heißt es. So verlockend erscheint das Leben auf den ersten Blick: dass man ein „Hexenhaus“ für den Himmel hält. Doch das böse Erwachen lässt nicht lange auf sich warten. Am nächsten Morgen schon sperrt die alte Hexe den Bruder in einen Stall ein - er soll ihr erster Leckerbissen werden. Die Schwester erhält die makabre Aufgabe, täglich das beste Essen zu kochen, damit Hänsel schön fett werde. So erwachen Menschen eines Tages aus ihren Träumen und erschrecken. Auf einmal gehen ihnen die Augen auf und sie sehen klar und deutlich, wo sie sich überhaupt befinden. Ernüchterung und Enttäuschung breiten sich aus. Der Ersatzhimmel, nach dem ich gesucht habe, gleicht eher einer Hölle. Eines Morgens gehen mir die Augen auf, und ich finde mich wieder - „bei den Schweinen“: allein, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Träume, ohne Hoffnung. Die Seele baumelt hilflos zwischen Himmel und Erde und weiß nicht, wo sie hingehört. Eines Tages gehen mir die Augen auf und ich finde mich wieder - „eingesperrt“ in äußere Zwänge, gefangen in Strukturen oder in einer irgendwie „verhexten“ Beziehung. Oberflächlich betrachtet geht es mir womöglich gut dabei. Ich werde rundherum versorgt. Nach allen Regeln der Kunst werde ich verwöhnt, als ob sich da jemand vorgenommen hätte: „Ich mache dich so dick und fett, dass du mir nie mehr entkommen kannst …“ So sitzen wir an den Schweinetrögen des Lebens, ausgeleert und ausgebrannt, wohl wissend: wenn das so weitergeht, ist das der sichere Tod für uns. So sitzen wir eingesperrt hinter sichtbaren oder unsichtbaren Gittern. Wir haben es satt bis obenhin, finden aber keinen Ausweg. Doch nun passiert in beiden Geschichten etwas Entscheidendes: Die 3. Phase, die Wende!! Etwas, das den sicheren Tod abwendet, indem sich die Beteiligten Gott zuwenden. Ein Gebet, ein Sichbesinnen leitet diese Wende ein. Dies ist der kritische, der alles entscheidende Moment auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Im Märchen ist es die Schwester, Gretel, die sich direkt an Gott wendet. Es ist eigentlich nur ein Aufschrei ihrer Seele, eine Art Stoßgebet: „Lieber Gott, hilf uns armen Kindern aus der Not!“ Und Gretel findet einen Ausweg. Mit Gottes Hilfe hat sie die Kraft, der Hexe eine Falle zu stellen: sie landet im Ofen und nicht Gretel selbst. Das Märchen will sagen: mit einem Gebet allein ist es nicht getan, doch ohne Beten geht gar nichts: Das Gebet Gretels leitet die erlösende Wende ein: die Wende vom Tod

zum Leben, von der Gefangenschaft zur Freiheit. Dennoch muss ich an meiner Befreiung selbst arbeiten und sogar großen Mut dazu aufbringen. Ich habe es in meinem eigenen Leben erlebt und oftmals im Freundes- und Bekanntenkreis zu hören und sehen bekommen: dass es Menschen gibt, die einen gern haben, „zum Fressen gern“. Hinter dieser Redensart versteckt sich ein beklemmendes Beziehungsmuster. Vielfach sind es immer noch der Vater oder die Mutter. Oder es mögen die Schwiegereltern sein, die nur „unser Bestes wollen“ - auch das im Grunde eine sehr verräterische Ausdrucksweise. Im Klartext: jemand will unsere Freiheit und Selbstständigkeit. Im schlimmsten Fall ist es der eigene Partner. Wie unendlich schwer fällt es da, so mutig zu sein wie Gretel und uns zu befreien aus diesen verkorksten, regelrecht „verhexten“ Beziehungsmustern. Das eigene Gewissen steht quer zu diesem Beziehungskampf und das „Verbrennen im Ofen“ ist ein sehr eindrückliches Bild, wie dramatisch solche Kämpfe ablaufen können. Wer sich gegen eine vereinnahmende Liebe und gegen Fremdbestimmung erfolgreich wehren will, der muss irgendwann einmal einen „Riegel vorschieben“ und sich durchringen zu diesem „Ein für alle Mal Schluss damit!“ Ja, so hart auf hart, so dramatisch kann es zugehen, wenn Menschen anfangen, erwachsen zu werden und ihre eigenen Wege zu gehen. Meine Freiheit verwundet andere, weil ich deren „Liebe“ nicht länger ertragen kann. So bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als jemanden sehr zu verletzen. Ich muss in Kauf nehmen, schuldig zu werden, ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist der Preis der Freiheit: Erwachsenwerden tut weh! Ich kann es nicht immer allen recht machen. Darum ist es kein Wunder, dass manche Menschen lieber ihr Leben lang im Hexenhaus bleiben. Wie kleine Kinder lassen sie sich behandeln. Sie lassen sich mästen, sie lassen sich aus lauter Liebe auffressen und finden nie den Mut Gretels, endlich Schluss damit zu machen, endlich das eigene Leben zu wagen, endlich in die Freiheit zu gehen, allein oder mit einem Partner. Allein mit Beten vollzieht sich dieser Schritt nicht, aber ohne Beten, ohne Kraft von innen und oben tut sich auch nichts. Eine Wende erlebt auch der sogenannte verlorene Sohn. Sein Gebet ist kein kurzer Aufschrei der Seele, sondern eher ein in sich gehen, ein langes Nachdenken: er muss sich erst überwinden, den inneren Kampf bestehen, der sicherlich ähnlich schwer ist wie der Kampf gegen die Hexe. Ich denke, das kennen wir: Manchmal stehen wir uns selber im Weg. Wir müssen uns erst innerlich durchringen zu etwas, das wir schon längst als richtig erkannt haben. Was mich zögern lässt, bin am Ende nur ich selber: mein Stolz oder meine Angst. Der eigene innere Widerstand ist oft viel größer als äußere Widerstände. Vor allem, wenn ich mir dabei eingestehen muss: „Da habe ich etwas falsch gemacht.“ In aller Ehrlichkeit sich selber gegenüber denkt der Sohn am Schweinetrog über sein bisheriges Leben nach. Er beginnt zu ahnen, dass er seinem Vater gegenüber nicht recht gehandelt hat. Nicht weil er seine Freiheit gewollt hat, sondern wie er mit ihr umgegangen ist, wie er sie in kürzester Zeit verschleudert hat, erkennt er als Unrecht. Er sehnt sich nach dem Vater und seiner Liebe. Einer Liebe, die Freiheit schenkt und zu der ich jederzeit zurückkehren darf, denn diese Liebe hat weit geöffnete Arme. Dort ist unser Zuhause. Und deshalb beginnt hier Phase 4: Die Rückkehr nach Haus, dorthin wohin wir gehören.

Der verlorene Sohn macht sich auf den Heimweg und Hänsel und Gretel auch. Wir erfahren nicht, wie lange dieser Weg nach Haus dauert: Hänsel und Gretel kommen wohl als Erwachsene zu Hause an. Aus den naiven Geschwisterchen sind reife Menschen geworden, denn anders als Erwachsen ist der Weg zurück nicht zu finden. Die drei gehen vielleicht nicht genau denselben Weg. Doch sie alle haben dasselbe Ziel: das Vaterhaus. Auch der Sohn ist in diesen Jahren reifer geworden. Längst ist er kein naiver Jüngling mehr, der sich die Hörner abstoßen muss. Ich verstehe diese Rückkehr ins „Vaterhaus“ als einen lebenslangen Weg des Menschen. Die einen gehen diesen Weg alleine, wie der Sohn im Gleichnis; die anderen gehen ihn zu zweit, wie Hans und Grete im Märchen. Beides ist möglich, beides führt zum Ziel. So ist der lange Weg zu Gott zugleich ein Weg des Erwachsenwerdens und Reifens. Dieser Weg führt mitten durch die Welt, mitten durch Hunger und Durst, Angst und Not. Da stehen „Hurenhäuser“ und „Hexenhäuser“ am Wegrand, da sind Gefängnisse und Schweinetröge, sichtbare oder unsichtbare. Es werden nicht die letzten sein, an denen Hans, Grete und der Sohn vorbeikommen. Aber sie haben gelernt, mit ihrer Freiheit umzugehen. Die Drei kommen zurück in ein Vaterhaus, ihr Vaterhaus, das nicht mehr das Gleiche ist. Das wiedergefundene Paradies ist nicht dasselbe wie das, welches wir einst verloren haben. Der wiedergefundene Gott ist ein anderer als der, an den wir irgendwann in unserem Leben nicht mehr glauben konnten. Warum? Weil wir selber anders geworden sind. Weil wir nicht mehr die sind, die wir einmal waren. Weil wir erwachsen geworden sind. Das ist es, was beide Geschichten sagen wollen: wir müssen das Paradies verlieren, damit wir es als Paradies, als neue Heimat wiederfinden können. Was Zuhause sein bedeutet, weiß erst der wirklich zu schätzen, der sein Zuhause verloren hat. Flüchtlinge, Migranten zu allen Zeiten können darüber traurige Lieder singen. Die Heimat vermisst und liebt der am meisten, der fern von ihr leben muss. Wer das himmlische Paradies nie verloren hat - was hat der hier „auf Erden zu suchen?“ Aber wer alles verloren hat, wer also nichts mehr zu verlieren hat, der kann alles gewinnen. Denn nur außerhalb des Paradieses werden wir erwachsene Menschen. Nur jenseits von Eden werden wir reif für Eden. Reif dafür, Gott von neuem zu begegnen, wie einem Vater, der uns in seine Arme schließt. Nicht kleine verängstigte Kinder, sondern seine erwachsen gewordenen Söhne und Töchter. Diese Botschaft, die beide Geschichten verbindet, verdeutlicht im Gleichnis Jesu der ältere Bruder des heimgekehrten Sohnes. Wenn es am Schluss einen Verlierer, einen Verlorenen in dieser Geschichte gibt, dann ist es dieser große Bruder. Was wäre wohl gewesen, wenn der ältere Bruder mit seinem jüngeren mitgegangen wäre? Dann hätte der Vater am Ende ein Fest für beide Söhne gefeiert und es gäbe keinen Verlierer. Doch der ältere Bruder ist zu Hause geblieben. Wer immer nur daheim bleibt, im Paradies seiner Kindheit „verhockt“, der wird nie erwachsen. Wer sich nie unter den Fittichen Gottes oder der Rockschürze der Mutter hervorwagt, wird nie reif. Der erspart sich zwar eine ganze Menge Ärger, Angst und Schuld. Aber der bleibt so eng, so begrenzt, so kurzsichtig, wie eben die Welt zwischen den immer gleichen vier Wänden ist. Es ist vor allen Dingen die Angst, etwas Kostbares zu verlieren, die Menschen davor zurückschrecken lässt, auszuziehen ins Leben. Die Angst davor, Geborgenheit, Liebe, Wärme, Häuslichkeit oder sogar den Glauben an Gott zu verlieren. Doch das ist es gerade, was die anderen gelernt haben und was der ältere Sohn niemals erfahren hat:

ich muss mich manchmal von etwas sehr Kostbarem trennen, damit es für mich kostbar bleibt. Wer etwas ewig festhalten will, zerstört es gerade durch das Festhalten. So kann sich der ältere Bruder eigentlich gar nicht mehr über sein Vaterhaus freuen, an dem er immer so ängstlich festgehalten hat. Wie das Gleichnis Jesu ausgeht, ist bekannt: der ältere Bruder bleibt buchstäblich „draußen vor der Tür“. Er reagiert neidisch, trotzig, wie ein kleines Kind. Erst wenn er bereit wäre, seinen Vater zu verlassen, würde er ihn wirklich finden. Er muss sich auf den schmerzlichen Weg des Erwachsenwerdens machen. Anders wird es nichts. Nur mitten in der Welt, in den Gefahren des Lebens; mitten in Angst und Schuld hat er die Chance seine Seele neu zu suchen und zu finden. Nur so kann er reif werden für Eden. Vielleicht … gibt es da ja noch eine Schwester, die mit ihm geht … Amen