Sexueller Missbrauch - Klaus Kießling

Sexueller Missbrauch - Klaus Kießling

Inhalt Sexueller Missbrauch – Fakten Folgen Fragen Fakten Folgen Fragen: Vorworte……n…………………………....7 Klaus Kießling Sexueller Missbrauch an Kindern un...

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Inhalt Sexueller Missbrauch – Fakten Folgen Fragen Fakten Folgen Fragen: Vorworte……n…………………………....7 Klaus Kießling

Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen – Fakten Folgen Fragen…………………………………………….12 Klaus Kießling

Kontexte: Kriminalpolizei, Familie, Schule, Kirche und Recht Sexueller Missbrauch aus der Perspektive der Kriminalpolizei……42 Stefanie Glaum

Sexueller Missbrauch im Kontext Familie………………………...55 Thomas Dreisörner

Klaffende Wunden im Kontext Schule……………… …………69 Stefan Lemmermeier

Die Hotline der Deutschen Bischofskonferenz für Opfer sexualisierter Gewalt ………

……..76

Überlegungen zur kirchenrechtlichen Ahndung des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche …

…….85

Peter Rütten

Peter Platen

Inhalt

Prävention und Begleitung von Opfern und Tätern Unsicherheiten reduzieren – Handlungsfähigkeit wahren. Begleitung von Betroffenen und Prävention bei Wildwasser… Dorothea Geissler

Begleitung von Missbrauchsopfern in der Seelsorge… .… Beate Glania MMS

.107 …122

Sexueller Missbrauch – Seelsorge mit Tätern…… ……………...131 Martin Hagenmaier

Jesuitische Perspektiven Spalten, lernen, glauben. Geistliche Reflexionen nach einem Jahr Missbrauchsskandal……144 Klaus Mertes SJ

Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung……………………156 Josef Schuster SJ

Kirche auf der Suche nach neuer Glaubwürdigkeit…………...…171 Medard Kehl SJ

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren……

……...…186

Klaus Kießling

Fakten Folgen Fragen: Vorworte Sexuelle Gewalt widerfährt Kindern und Jugendlichen am Tatort Familie, am Tatort Schule, am Tatort Kirche. Damit einschlägig befasste Autorinnen und Autoren bringen ebenso aktuelle wie beschämende Fakten vor und umreißen Folgen für Opfer und Täter, für deren Begleitung, für Prävention und institutionelle Strukturen. Sie stellen sich den weiterhin offenen Fragen und widerstehen der Neigung, nach den Erschütterungen im Jahr 2010 den schleichenden Übergang zur gewohnten kirchlichen Tagesordnung einzuläuten, den es nicht geben kann und nicht geben darf.

Sexueller Missbrauch – Fakten Folgen Fragen Mit meinem einführenden Beitrag ziele ich darauf ab, die Opfer ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rücken und Täter aus der Deckung zu holen, Problemlagen als solche anzuerkennen und insbesondere kirchlichen Veränderungsbedarf selbstkritisch zu benennen. Die Enthüllungen des letzten Jahres machen aber auch eine Auseinandersetzung mit der Sündigkeit der Kirche unumgänglich – und mit ihrem Verständnis von Diakonie. Fakten Folgen Fragen sind miteinander verwoben, bei sexuellem Missbrauch besonders eng.

Kontexte: Kriminalpolizei, Familie, Schule, Kirche und Recht Einblicke in die Ermittlungsarbeit der Kriminalpolizei gewährt Stefanie Glaum. Sie wendet sich verschiedenen Tatorten zu: zunächst der Familie, in der ein Opfer in eine emotionale Zwangslage gerät, wenn es die Person liebt, die an ihm Seelenmord begeht; sodann der Schule und dem Sportverein, also Orten, an denen ein Opfer ebenfalls in Abhängigkeiten verstrickt ist. Skizziert werden Spurensuche und Vernehmung sowie Folgen der Tat und der Ermittlungen für Opfer und Täter. Der Prävention und dem Schutz Gefährdeter dienen eine enge Zusammenarbeit der Behörden untereinander – insbesondere von Jugendamt, Kinderkliniken, Staatsanwaltschaft, Freien Trägern, Schulen und Kindertagesstätten – und sexualdeliktspezifische Schulungen für Ermittlerinnen und Ermittler. Die Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch in der Familie führt Thomas Dreisörner weiter. Die Konfrontation mit diesem Tatort anzunehmen, mag besonders schwer fallen, ist aber auch auf ganz spezifische Weise dringlich: Weil es

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Klaus Kießling eher zur Anzeige kommt, wenn ein Fremder sexuelle Gewalt verübt, als wenn Väter zu Tätern werden, steht zu vermuten, dass die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch am Tatort Familie nach wie vor zu niedrig eingestuft wird – so dass über das ohnehin schon erschreckende Hellfeld hinaus mit einer deutlich höheren Dunkelziffer zu rechnen ist. Sexueller Missbrauch hinterlässt klaffende Wunden, auch im schulischen Umgang mit diesem Thema, mit Opfern, Tätern, Mitläuferinnen und Mitläufern. ‚Der verwundete Engel‘, ein Ölgemälde des finnischen Malers Hugo Simberg, begleitet Stefan Lemmermeier in der Auseinandersetzung mit vielfältig klaffenden Wunden: zwischen Opfer und Täter; zwischen Verurteilung und Versöhnung; zwischen der Notwendigkeit, potentiell Betroffenen einen Weg zu gezielter professioneller Unterstützung zu weisen, und der Einsicht, als Lehrerin oder als Schulseelsorger augenblicklich vielleicht die einzige Vertrauensperson zu sein, die jene Tür nicht achtlos schließen darf, welche eine Betroffene oder ein Betroffener nach jahrelangem Anlauf einen Spalt breit geöffnet hat; zwischen Unterstützungsbereitschaft und dem Eindruck, dabei als Lehrkraft völlig überfordert zu sein; zwischen Supervision und Spiritualität, die zu unterscheiden bleiben, aber auch zueinander finden dürfen. Die Deutsche Bischofskonferenz richtete im Frühjahr 2010 eine Hotline ein, um Opfern sexueller Gewalt gebührenfreie telefonische Unterstützung anzubieten. Zudem wurden Möglichkeiten der E-Mail-Beratung bereitgestellt. Peter Rütten zeichnet den immensen Bedarf nach, dem diese Einrichtung zu entsprechen suchte und sucht: In der ersten Stunde nach der Freischaltung dieser Hotline unternahmen 3.000 Menschen den Versuch, auf diesem Weg ein telefonisches Gegenüber zu finden. Besonders gern nutzen Katholikinnen und Katholiken dieses Angebot; unter den Anrufenden finden sich aber nicht nur Menschen, denen Priester oder anderes kirchliches Personal sexuelle Gewalt angetan haben, sondern auch Kinder und Erwachsene, die Angehörigen, Lehrern oder Nachbarn zum Opfer fielen. Kirchenrechtliche Zugänge zur Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch, den Geistliche an Minderjährigen verübt haben, schafft Peter Platen. Er bietet zunächst eine Vergewisserung über das geltende kirchliche Recht und über den erfassten Tatbestand, bevor er der wichtigen Frage nach der Verjährung solcher Taten nachgeht, die oft erst Jahre oder Jahrzehnte später ans Licht kommen. Denn wenn für solche Verbrechen keine Unverjährbarkeit gilt, wie sie etwa das Recht der Bundesrepublik Deutschland für Mord und Völkermord kennt, kommt der gesetzten Frist große Bedeutung zu: Diese liegt heute bei zwanzig Jahren –

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Klaus Kießling unbeschadet des Rechts der Kongregation für die Glaubenslehre, in einzelnen Fällen von der Verjährung zu derogieren. Da diese Zeitspanne erst mit dem Erreichen der Volljährigkeit des Opfers zu laufen beginnt, endet die Frist für die Strafverfolgung mit der Vollendung des 38. Lebensjahres des Opfers.

Prävention und Begleitung von Opfern und Tätern Pädagogische Fachkräfte leben und arbeiten in einem Dilemma: Einerseits versuchen sie Symptome sensibel wahrzunehmen, die auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hinweisen können, die ihnen anvertraut sind, und andererseits wollen sie keinen Verdacht schüren, der sich nicht erhärten lässt. Hier tut sich für Erziehende und Lehrende eine Angebotslücke auf, die Dorothea Geissler zu schließen sucht: Was macht Missbrauch zum Missbrauch, verübt von einem erwachsenen Täter, von einem Jugendlichen oder einem Kind? Wie können Erziehende und Lehrende so oder so betroffene Kinder und Jugendliche professionell unterstützen, anstatt in eigener Hilflosigkeit zu verharren? Wie lässt sich Missbrauch rasch beenden, wenn nicht präventiv verhindern? Wofür sind pädagogische Fachpersonen zuständig, wofür nicht? Sie dokumentieren ihre Wahrnehmungen und geben ihr Wissen an geeignete Institutionen weiter, sie leiten aber weder die Konfrontation mit dem mutmaßlichen Täter noch rechtliche Maßnahmen ein. Dabei zieht sich sexueller Missbrauch, der Menschen im Kindes- und Jugendalter widerfährt, für viele Betroffene wie ein Fluch durch ihr Leben, wenn sie das Leben überhaupt noch als solches empfinden können. Welche Rolle der Seelsorge in der Begleitung von Opfern zukommt, hängt von der Kompetenz von Seelsorgerinnen und Seelsorgern ab, aber auch davon, ob Betroffene deren Angebote annehmen können und wollen, insbesondere dann, wenn sie ihre Kirche als Tatort erleben mussten und den Glauben verloren haben, dass von ihr nicht nur Fluch ausgehen kann, sondern auch Segen. Konsequent solchen und anderen Perspektiven von Opfern folgend, fragt Beate Glania MMS nach Möglichkeiten ihrer Begleitung in der Seelsorge. Den Opfern und ihrer Begleitung gebührt der Vorrang. Aber Diakonie wirkt, wenn sie sich nicht selber ad absurdum führen will, niemals exkludierend, darum führt an den Tätern kein Weg vorbei. Dazu kommt, dass Täterarbeit auch Opferschutz bedeutet, also eine präventive Funktion einnimmt. Aus seiner mitunter drastischen Erfahrung in der Seelsorge mit Sexualstraftätern heraus schreibt Martin Hagenmaier. Trennmauern zwischen forensischer Psychiatrie und Gefängnis, also zwischen ‚Patienten‘ und ‚Gefangenen‘, zwischen ‚Kranken‘ und ‚Bösen‘ will er in

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Klaus Kießling der Seelsorge nicht zementieren, sondern unterlaufen. Dabei macht er aus den eigenen Anfechtungen im Umgang mit Tätern keine Mördergrube, vielmehr fragt er: Was richtet Seelsorge hier aus? Kommt sie allen Menschen zugute, wie unrettbar verstrickt diese auch immer erscheinen?

Jesuitische Perspektiven Klaus Mertes SJ reflektiert, was sich seit der Aufdeckung der Skandale zugetragen hat: Aufklärung tat und tut not – und spaltet, auch wenn sie nicht spalten will. Es braucht eine Unterscheidung der Geister: zwischen einer Spaltung, die gegen die Einheit eines Systems, einer Institution, einer Familie, einer Schule, einer Gemeinde, eines Ordens, einer Kirche steht, und einer Spaltung, die aus der sexuellen Gewalt selber kommt – und mit ihrer Aufdeckung unvermeidlich kommt. Diese Spaltung kann und darf nicht unter Verweis auf die Einheit einer Institution unter der Decke bleiben, diese Spaltung tut vielmehr not und steht schließlich im Dienst einer Einheit, die durch Stillstand ohnehin nicht gewahrt werden kann. Was lernen Kirchen, Orden, Reformpädagogik, Familie und Gesellschaft über sich selbst, wenn sie sich aus der Perspektive der Opfer und von ihrer Autorität her wahrzunehmen versuchen? Missbrauch ist Vertrauensmissbrauch: In Angst bringt eine Institution Opfern weiteres Misstrauen entgegen; wie aber kann sie Vertrauen zeigen, zumal Vertrauen und Wahrheit unauflöslich zusammenhängen? In diesem Sinne erweist sich die Kommunikation der Kirche mit den Opfern zugleich als Glaubensprüfung für die Kirche. Pfarrhaus, Schulhaus und Elternhaus sind Tatorte sexueller Gewalt. In seinem Beitrag lenkt Josef Schuster SJ die Aufmerksamkeit darüber hinaus auf jene sexuelle Gewalt, die weltweit in Kriegen verübt wird – nicht nur durch einzelne Täter, sondern auf gezielte Weise in systematisch geplanten und brutal ausgeführten Militäraktionen, etwa im ehemaligen Jugoslawien. Vor allem Frauen und Kinder fallen solcher Kriegstaktik zum Opfer, in verschiedenen Regionen der Welt aber auch Männer, etwa im Ostkongo. Vergewaltigung wirkt traumatisierend – auf die Betroffenen, die zudem oft Stigmatisierungen ausgesetzt sind, auf ihre Familien, auf nachfolgende Generationen, auf ganze Gesellschaften. Menschen verachtende Formen der Erniedrigung, widerwärtige Machtdemonstrationen und brutalste Verletzungen menschlicher Intimität sind Kriegsverbrechen, die erst seit etwa zwanzig Jahren strafrechtlicher Verfolgung zugeführt werden. Ein weltweites Ausmaß haben aber auch sexuelle Gewalt und ihre Vertuschung in der Kirche angenommen. Wie mag sie zu einer selbstkritischen Relecture der allerjüngsten Phase ihrer Geschichte finden? Was kann sie aus diesen Erschüt-

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Klaus Kießling terungen lernen, wie dem gewaltigen Glaubwürdigkeitsverlust, den sie verzeichnet, kreativ begegnen, wie sich ändern und erneuern? Schließlich haben nicht nur einzelne Menschen in der Kirche, vielmehr hat die Kirche als Institution große Schuld auf sich geladen. Es kommt darauf an, die Sorge um den Schutz der Täter und um die Wahrung des guten Rufes der Kirche jedenfalls nicht mehr an die erste Stelle zu setzen; hier stehen bei den Verantwortlichen eine endlich zuhörbereite Wahrnehmung der Opfer und ihrer Leiden und darüber hinaus eine Haltung, in der gerade aktive und überzeugte Gläubige sich überhaupt ernst genommen fühlen können. Für das ignatianische sentire cum ecclesia schließen sich biblischer Freimut und kirchlicher Gehorsam keineswegs aus: So formuliert Medard Kehl SJ, indem er solchen Freimut nicht nur fordert, sondern zugleich bezeugt.

Dank Sexueller Missbrauch – Fakten Folgen Fragen: Die Idee zum vorliegenden Band entstand im Zuge der Vorbereitungen und der Gestaltung des gleichnamigen Studientags, der am 28. Januar 2011 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main stattfand und auf starke Resonanz stieß. Ich danke etlichen Referentinnen und Referenten, die nicht nur diesen Studientag, sondern auch dieses Buch bereichert haben. Darüber hinaus danke ich jenen Kolleginnen und Kollegen, die sich eigens für die Mitarbeit an dieser Veröffentlichung haben gewinnen lassen. Mein herzlicher Dank gilt zudem Frau Claudia Gerhard, die das Rektoratssekretariat unserer Hochschule führt und kompetent und gewissenhaft die Erstellung der Druckvorlage vorbereitete; Frau Theresia Strunk, die als meine Mitarbeiterin umfangreiche Redaktionsarbeiten übernahm und dabei ein Höchstmaß an Qualität und Umsicht walten ließ; Herrn Andreas Gottselig, der für diesen Band das passende Cover gestaltete; Herrn Volker Sühs, der das Entstehen dieses Buches im Verlag engagiert und zuverlässig begleitete; der Stiftung Hochschule Sankt Georgen und ihrem Vorstandsvorsitzenden Prof. em. Dr. Hans-Winfried Jüngling SJ für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses, der diese Veröffentlichung ermöglichte. Sie richtet sich an Studierende, Erziehende und Lehrende, in der Pastoral Tätige sowie an alle Frauen und Männer, die sich dieser überfälligen Auseinandersetzung stellen wollen und müssen.

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Klaus Kießling

Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen – Fakten Folgen Fragen 1. Fakten Folgen Fragen: leise Töne in grauenvoller Zeit Auf dem Cover dieses Buches werden die Konturen einer dunklen Gestalt sichtbar, die gesichtslos bleibt. Aber ein anderes Gesicht wird sichtbar, schutzbedürftig gewiss, jedoch auch hinschauend – wohin schauend? In Deutschland hat sexueller Missbrauch Kirche und Gesellschaft erschüttert, und diese Erschütterung hält weiter an, unter den Opfern in erster Linie, aber nicht allein bei ihnen – Gott sei Dank, denn dank dieser Erschütterung stellen sich auch Menschen, die nicht selber sexuellem Missbrauch zum Opfer gefallen sind, der nach wie vor dringenden Auseinandersetzung. Sexuelle Gewalt widerfährt Kindern und Jugendlichen vorwiegend in ihren eigenen Familien – bis heute und nicht etwa nur in scheinbar längst vergangenen Zeiten. Diese vergehen für die leidtragenden Überlebenden womöglich ohnehin nie, weil die Vergangenheit sie immer neu einholt. Zugleich sind unter den Tätern katholische Priester – in einem in Kirche und Gesellschaft bis vor kurzem massiv unterschätzten Ausmaß. Ich gehe fest davon aus, dass gerade die Kirchen sich mit diesen Fakten nicht nur im Jahr 2010 und vielleicht noch im Jahr 2011 befassen müssen, sondern noch lange, lange Zeit, zumal dann, wenn ich mich den damit zusammenhängenden Fragen weltkirchlich 1 nähere: Als Länder des Bösen outeten sich bisher die USA, Irland 2 und Deutschland, aber sie werden kaum die einzigen 1 s. Maria Katharina Moser, Missbrauch als Thema auf Weltkirchenebene, in: Herbert Ulonska & Michael J. Rainer (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung (Theologie. Forschung und Wissenschaft; Bd. 6), 2., erweiterte Auflage, Berlin 2007, 185 – 192; Myriam Wijlens, Bischöfe und Ordensobere und ihre Aufgabe hinsichtlich sexuellen Missbrauchs in der Kirche, in: Herbert Ulonska & Michael J. Rainer (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung (Theologie. Forschung und Wissenschaft; Bd. 6), 2., erweiterte Auflage, Berlin 2007, 193 – 216; Myriam Wijlens, Die Verantwortung und Aufgaben von Bischöfen und Ordensoberen angesichts sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der Kirche, in: Stephan Goertz & Herbert Ulonska (Hrsg.), Sexuelle Gewalt. Fragen an Kirche und Theologie (Theologie. Forschung und Wissenschaft; Bd. 31), Berlin 2010, 147 – 175. 2 s. Eamonn Conway, Der Glaube steht auf dem Spiel. Die Kirche in Irland muss aus dem Missbrauchsskandal lernen, in: Herder-Korrespondenz 64 (2010) 348 – 353; ders., Die irische Kirche und sexuelle Gewalt gegen Minderjährige. Skizze der Krise – Entwurf einer theologischen Agenda, in: Stephan Goertz & Herbert Ulonska (Hrsg.), Sexuelle Gewalt. Fragen an Kirche und Theologie (Theologie. Forschung und Wissenschaft; Bd. 31), Berlin 2010, 176 – 191.

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Klaus Kießling bleiben; vielmehr werden weltweit weitere Enthüllungen folgen. Fakten Folgen Fragen – so steht es im Untertitel dieses Buches. Den Fakten folgen neue Fakten und dramatische Folgen, und den Fakten folgen Fragen, offene Fragen, die gestellt werden müssen und denen sich Kirche und Gesellschaft stellen müssen. Angesichts international verbreiteter sexueller Gewalt 3 darf die Sorge um die Opfer nicht unter der Hand wieder der Sorge um die Kirche weichen, braucht die vielfach geforderte Kultur des Hinschauens und Hinhörens 4 weiterhin Pflege. Als Kirche kommen wir unserem Auftrag nach, wenn wir mit der Option für die Armen, Traumatisierten und Ausgestoßenen ernst machen. Diesem Auftrag nachzukommen ist erst recht dann unsere Pflicht, wenn die Kirche diese Armen, Traumatisierten und Ausgestoßenen selber produziert hat. Wer nur den Imageschaden der Kirche im Blick hat, verfehlt die Opfer. Gewiss braucht es Läuterung und Erneuerung aus der Kraft des Heiligen Geistes. Aber die (zu) häufig geschwungene Rede von Krisen als Chancen und davon, die Kirche werde stärker aus der Krise hervorgehen, als sie hineingegangen ist, von einem Neuanfang, der für Opfer wie Hohn klingen muss, weil sie nie neu anfangen können, erscheint mir unpassend, ja gefährlich, wenn sie aus der gegebenen Erschütterung heraus den allmählichen Übergang zur gewohnten kirchlichen Tagesordnung einläuten soll, den es nicht geben kann und nicht geben darf. Vieles davon klingt in meinen Ohren eher wie verzweifelte Kraftmeierei in kirchlich grauenvoller Zeit. Ich schlage lieber leisere Töne an. Mit meinem Beitrag ziele ich darauf ab, die Opfer ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rücken, Täter aus der Deckung zu holen, in der sich auch die dunkle Gestalt auf dem Cover dieses Buches noch befindet, personbezogene und strukturelle Problemlagen als solche anzuerkennen, insbesondere kirchlichen Veränderungsbedarf selbstkritisch zu benennen. Die Enthüllungen des letzten Jahres machen aber auch eine Auseinandersetzung mit der Sündigkeit der Kirche unumgänglich – und mit ihrem Verständnis von Diakonie. Fakten Folgen Fragen sind miteinander verwoben, bei sexuellem Missbrauch besonders eng. Schwerpunktmäßig setze ich mit Fakten ein, Folgen folgen, Fragen auch. 3 s. Simone Lindorfer, Sharing the Pain of the Bitter Hearts. Liberation Psychology and GenderRelated Violence in Eastern Africa (Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik; Bd. 28), Münster 2007; Veronika Bock, Die Erfahrung der Gegenmenschlichkeit. Pastoraltheologische und sozialethische Zugänge zur Psychotraumatologie (Theologie und Praxis; Bd. 33), Berlin 2008; Murielle Mervielle, Das Schweigen brechen, in: Amnesty International. Das Magazin für die Menschenrechte, Februar / März 2011, 71. 4 Exemplarisch nenne ich: Für eine Kultur des Hinschauens und Hinhörens. Thomas Busch im Gespräch mit Pater Provinzial Stefan Dartmann SJ, in: Jesuiten 61 (2010) Heft 1, 24 – 25.

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