Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen - MDR

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Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen Pflicht werden? | Manuskript Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeine...

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Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen Pflicht werden? | Manuskript

Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen Pflicht werden? Bericht: Albrecht Radon

Das letzte Mal war ich zu DDR-Zeiten hier, in der Gedenkstätte Buchenwald. Damals als Schüler. Ich will wissen, wie die Besucher und Mitarbeiter heute mit der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen umgehen. Als erstes treffe ich Jugendliche, die in der Gedenkstätte wohnen und arbeiten. Internationales Sommercamp nennt sich das. Zwei Wochen Geschichte zum Anfassen. Heutiger Programmpunkt: Landschaftspflege auf dem letzten Teilstück der Buchenwaldbahn. Ich will mit ihnen ins Gespräch kommen. Reporter: Ich glaube, da brauche ich mal deine Hilfe. Weil, das ist extrem schwer. Gleise gibt es nicht mehr, dafür jede Menge Arbeit. Reporter: Hast du? Johannes Frey: Ja, ich habe es. Der Weg soll als Mahnmal erhalten bleiben, denn von hier aus wurden früher tausende Menschen nach Auschwitz deportiert, darunter viele Kinder. Gedenksteine am Rand erinnern an sie. Johannes Frey ist der einzige Deutsche in der Gruppe. In Göttingen studiert er Geschichte und Politik. Reporter: Kann man sich überhaupt vorstellen, was hier passiert ist, was auf dieser Strecke passiert ist? Johannes Frey: Ich kann es mir das nicht vorstellen. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Reporter: Denkst du, jeder sollte sich mal mit diesem Thema auseinandergesetzt haben? Johannes Frey: Natürlich. Ich möchte, dass sich jeder mit diesem Thema auseinandersetzt. Das ist mir wichtig. Reporter: Denkst du, die Jugend macht das heutzutage? Johannes Frey: In meinem Umfeld ja.

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Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen Pflicht werden? | Manuskript

Ich habe meine Zweifel, dass viele Jugendliche in Deutschland so denken. Das Arbeiten fällt mir schwer. Die 200 Gedenksteine rufen mir immer wieder ins Gedächtnis, was hier auch Kindern angetan wurde. Im Internet finde ich ihre Geschichten. Bruno Zenz zum Beispiel stecken die Nazis 1944 in einen Zug mit dem Ziel Auschwitz. Mit 14 stirbt er in der Gaskammer. Etwa 10.000 Buchenwald-Insassen teilen dieses Schicksal. Auch wenn vom alten Bahnhof heute nur noch wenige Gleismeter erhalten sind, entstehen Bilder in meinem Kopf. Kein gutes Gefühl. Im Werkstattkeller darf ich nun selbst einen Gedenkstein behauen. Aus einer Transportliste des Lagers geht hervor, dass auch Nathan Sajovics nach Auschwitz deportiert wurde. Mitarbeiter Heiko Clajus erklärt mir die Steinmetzgrundlagen. Heiko Clajus Der Finger kann richtig auf dem Material liegen. Dann geht man halt so, damit man das genau führen kann, auf der Linie. Die jungen Frauen aus Russland, Spanien und Deutschland stellen sich wesentlich geschickter an als ich. Auch sie sind Teilnehmer des Sommercamps. Heiko Clajus ist froh, dass sie freiwillig hier sind. Dazu zwingen, dürfe man niemanden. Heiko Clajus: Wenn ich jetzt nur von mir ausgehe, ich habe zu DDR-Zeiten das auch richtig abgelehnt, hier hoch zu gehen. Da ist bei mir alles zugegangen. Reporter: Weil es Pflicht war? Heiko Clajus: Weil es Pflicht war, ja. Bis zu fünf Tage dauert die Arbeit an einem Gedenkstein. Meine Mitstreiter werden sie vollenden. Jetzt will ich die Hintergrundgeschichte von Nathan recherchieren, damit sie später auf der Internetseite veröffentlicht werden kann. Archivarin Sabine Stein soll mir dabei helfen. Reporter: Ich habe einen Namen mitgebracht, er hieß Nathan Sajovics, ungarischer Jude. Ich hatte unten schon angefangen den Stein zu bearbeiten für den Gedenkweg und es wäre toll, wenn wir noch ein paar Informationen finden. Sabine Stein: Schauen wir mal, was wir finden können. Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.

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Gemeinsam suchen wir in einer speziellen Datenbank. Fast 90 Prozent aller Buchenwaldhäftlinge sind hier registriert. Wir finden auch Nathan Sajovics. Sabine Stein: Das ist die Hauptkarte, die ein Häftling hatte. Reporter: Sogar mit Bild. Ist das üblich? Sabine Stein: Das ist eher selten. 57593, so lautet die Häftlingsnummer von Nathan. Nun sein Gesicht zu sehen - für mich ein bewegender Moment. Wir finden noch mehr Dokumente und können seine letzten Stationen nachvollziehen. Im Juni 1944 wird er von Auschwitz nach Buchenwald überstellt. Von hier kommt er in ein berüchtigtes Arbeitslager. Weil er den Belastungen nicht standhält, transportiert ihn die SS wieder zurück nach Auschwitz. Dort stirbt er in der Gaskammer – kurz vor seinem 18. Geburtstag. Reporter: Nun liegt das ja über 70 Jahre zurück. Wie wichtig ist diese Arbeit hier, diese Ausarbeitung immer noch? Sabine Stein: Es kommen ja nach wie vor auch noch sehr viele Angehörige ins Archiv, um eben auch diese Informationen zu bekommen über Familienangehörige, die verschwunden sind, die einfach weg sind. Das ist eine Arbeit, die wird noch, denke ich, viele, viele Jahre bleiben. Die Gedenkstätte besuchen pro Jahr fast 500.000 Menschen, darunter viele Schüler. Ich will wissen, wie sehr sie dieser Ort beeindruckt. Für diese 10. Klasse aus Weimar steht jetzt der Besuch des Krematoriums auf dem Programm. Hier werden sie gleich mit heftigen Bildern konfrontiert. US-Soldaten dokumentieren 1945 die Leichenberge im Innenhof. Melanie Strehle hat mit Geschichtslehrer Bengt Kasper ihren Rundgang gerade beendet. Reporter: Wie erlebst du es, wie mit dem Thema umgegangen wird? Glaubst du, dass es dafür noch ein Bewusstsein dafür gibt? Melanie Strehle: Manche machen sich halt darüber lustig. Reporter: Hast du das selber schon erlebt? Melanie Strehle: Ja, habe ich auch. Reporter: Was hast du da gehört? Melanie Strehle: Dass die halt Hitlergruß machen und dann Adolf Hitler nachmachen. Reporter: Bei dir in der Schule? Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.

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Melanie Strehle: Ja, auch. Bengt Kasper: Wir sind häufig im Geschichtsunterricht Klasse 9 die ersten, die sich damit etwas intensiver beschäftigen. Da passiert es mitunter, dass die Köpfe schon von anderen Leuten besetzt worden sind und dass da schon andere auf die Schüler eingewirkt haben, die das Ganze hier oben negieren. Zu DDR-Zeiten war der Besuch der Gedenkstätte staatlich verordnet. Früher oder später musste jeder Schüler einmal auf den Ettersberg - meist im Rahmen der Jugendweihe. Ich war damals 13 Jahre alt, so richtig daran erinnern, kann ich mich allerdings nicht. Der Lehrplan sieht heute keinen Pflichtbesuch mehr vor. Und dennoch betreut die Gedenkstätte pro Jahr rund 2.500 Schulklassen. Nicht selten übernehmen Lehrer sogar selbst die Führung. Birgit Horway Das hier vorne ist dann der Appellplatz gewesen, wo die Inhaftierten antreten mussten. Und die Barracken sieht man heute nicht mehr, das sind immer die schwarzen Flächen, da standen dann vorher die Barracken. In einige Barracken, die gerade einmal für 50 Pferde ausgelegt waren, hat die SS bis zu 2.000 Menschen eingepfercht. Tatsachen, die die Schüler aus Hannover erst einmal verdauen müssen. Lehrerin Birgit Horway hat mit ihnen bereits einige KZ-Gedenkstätten besucht. Reporter: Glauben Sie, dass das wieder ein Pflichtprogramm sein sollte, im Lehrplan? Birgit Horway: Ja, sagt ihr. Das ist ja eigentlich mit ein Thema in der Geschichte? Laura Kanclerski: Ja. Reporter: Aber diese Fahrt nach Buchenwald, sich diese Gedenkstätte sich anzuschauen, ist ja freiwillig. Sollte es wieder Pflicht werden? Laura Kanclerski: Ja, eigentlich schon. Man muss sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Einige versuchen das so ein bisschen zu verdrängen. Josefine Eger: Wenn ich jetzt zu Hause bin, denke ich jetzt wahrscheinlich nicht darüber nach, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Wenn man jetzt hier steht, dann realisiert man das erst und kann das nachvollziehen und kann sich da hineinversetzen. Ich spüre, dass sich die Schüler noch lange an diesen Tag erinnern werden. Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.

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Historiker Philipp Neumann-Thein bringt mich jetzt zur ehemaligen Müllhalde des Konzentrationslagers. Noch immer werden in dem Waldstück Gegenstände der ehemaligen Häftlinge gefunden. Die Lage des Ortes kennen nur wenige Mitarbeiter, denn es kommen auch ungebetene Gäste. Philipp Neumann-Thein Es ist Realität, dass es auch immer wieder Raubgräber gibt, die eben auf dem ehemaligen KZ-Gelände nach Dingen suchen. Das ist natürlich nicht in unserem Interesse. Mal davon abgesehen, dass es auch strafbar ist. Insgesamt vier dieser Müllhalden soll es geben, diese hier wurde vor über 20 Jahren nach wissenschaftlichen Grabungen entdeckt. Es sind zu viele Fundstücke, um sie alle auszustellen. Reporter: Was ist das jetzt zum Beispiel hier? Philipp Neumann-Thein: Das kann ein Topf gewesen sein oder vielleicht auch ein Nachttopf. Im Lager ist sehr vieles mehrfach und unterschiedlich verwendet wurden. Es gab einen großen Mangel an Essgefäßen zum Beispiel. Deswegen wurde das womöglich auch genutzt, um Essen aufzubewahren. Auf dem Boden finde ich zwei Knöpfe – vermutlich Teile der Häftlingsbekleidung. Banale Dinge, die doch eine tief-traurige Geschichte erzählen. Umso erschrockener bin ich über das, was mir Philipp Neumann-Thein jetzt zeigt. Unser Ziel: Der Glockenturm. An dem Mahnmal ist der Schwur der überlebenden Häftlinge angebracht. Ausgerechnet hier entdecken 2015 Mitarbeiter Hakenkreuze. Philipp Neumann-Thein Wenn man sich vorstellt, dass es nach wie vor natürlich auch Überlebende des Lagers gibt, für die ist es jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Pro Jahr gibt es bis zu 40 solcher Vorfälle. Besonders abartig der Auftritt dieser beiden Engländer im Jahr 2016. Das Bild, das sie bei Twitter posten, ist im Keller des Krematoriums entstanden. Hier wurden über 1.000 Menschen stranguliert, die Haken gibt es noch immer. Tief beeindruckt verlasse ich Buchenwald. Vielleicht wäre ein Pflichtbesuch der Gedenkstätte gerade für Schüler doch keine schlechte Idee. Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.

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