völkerwanderung - Klaus Wyborny

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K. Wyborny ____________________________________________ COMÉDIE ARTISTIQUE (AUS EINEM KÜNSTLERLEBEN) - herausgegeben von Thomas Friedrich - VÖLKERWA...

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K. Wyborny ____________________________________________

COMÉDIE ARTISTIQUE (AUS EINEM KÜNSTLERLEBEN) - herausgegeben von Thomas Friedrich -

VÖLKERWANDERUNG (pro Ausonio)

Erzählung

Band 2 -- Fassung vom 11. 5. 2017 --

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K. Wyborny

Anhang zur „Völkerwanderung“ Vermischtes; oder: „Von der fröhlichen Wissenschaft“

(einzig geschrieben gegen das Vergessen)

to be or not to be that is the question…

William Shakespeare (1564-1616)

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Anhang zur Völkerwanderung (Vermischtes; oder: „Von der fröhlichen Wissenschaft“) Inhalt: Thomas Friedrich Vorwort zur eventuellen Separatpublikation dieses Anhangs zur Völkerwanderung (S. 173) Einige Fußnoten aus Band 1, auf die in dieser Separatpublikation verwiesen wird (S. 189) 1. Zum Leben des Heiligen Martin von Tours (S. 193) 2. Einiges über Ausonius (S. 257) 3. Korrektur von Martins Geburtsdatum (S. 271) 4. Lob der Kreationisten (S. 327) 5. Neues vom Heiligen Martin (S. 335) 6. Justina in Mailand (S. 451) 7. Vom Leben der Brunechilde (S. 509) 8. Schlussstein (S. 594) 9. Index (S. 601)

Die Paginierung setzt unmittelbar an die des ersten Bandes an, der mit S. 167 aufhört

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Thomas Friedrich Vorwort zur eventuellen Separatpublikation dieses Anhangs zur Völkerwanderung Da der Autor der Comédie Artistique überlegt, ob er in seiner „Völkerwanderung“ genannten Erzählung den sogenannten „Anhang: Vermischtes (Von der fröhlichen Wissenschaft)“ als Band 2 abtrennen sollte, um ihn eventuell separat zu publizieren, scheint an dieser Stelle geboten, die Struktur des Ganzen etwas zu erläutern. Zum einen natürlich (wenn Sie jetzt einzig den zweiten Band in Händen halten sollten), um Sie ein wenig wissen zu lassen, worum es bislang ging, denn sonst ergeben sich einige Verständnisprobleme. Zuerst wird deshalb die Struktur von Band 1 erläutert, was auch für Leser, die diesen grad gelesen haben (und sich, angesichts der Vielfalt des ihnen da Begegnenden, nun ein wenig die Augen reiben), nützlich sein mag, weil es zu einigen Einsichten verhilft. Im zweiten Teil dieses Vorworts wird dann - entsprechend den 8 Teilen dieses Anhangs - in acht Kurzkapiteln grob dargestellt, was Sie auf den nächsten vierhundert Seiten erwartet. Was ebenfalls nützlich ist, weil Sie sich daraufhin die Sachen herauspicken können, die Sie interessieren. Im Kapitel I - 9 dieses Anhangs erfahren wir auch etwas über die Entstehungsgeschichte des Ganzen. Anlass war offenbar eine Reise an die Mosel, die der Autor im Herbst 2005 unternahm, weil ihn der Dichter Durs Grünbein, mit dem er derzeit an einem Filmprojekt arbeitete, auf die 370 geschriebene „Mosella“ des Ausonius aufmerksam machte. Worüber er (auf S. 223) schreibt: ... die Mosel überzeugte mich nicht (...), obwohl das Radfahren mit meiner Frau dort sehr nett war (...), besonders in Neumagen, wobei mir in einem Trierer Museum ein ausgezeichnetes Buch über die Römer in Rheinland-Pfalz in die Hände fiel und ich eines Abend einen sonderbaren Moment in einer in den Berg gehauenen simplen Gaststube (bzw. Gast-Höhle) erlebte, wo ich mir plötzlich wie in einer antiken Taverne vorkam, wodurch ich die Idee zu einer in so einer Taverne beginnenden Erzählung bekam, die ich (...) nach meiner Rückkehr auch energisch und voller Freude begann ...

Thema war die sogenannte „Völkerwanderung“, wobei ihn die Herausarbeitung des erschütternden Moments interessierte, in dem eine 173

hedonistisch selbstzufriedene Welt, deren spektakulär zivilisiertes, auch deutsches, Ausmaß er durch die Lektüre jenes in Trier erworbenen Buches erstmals in dieser Klarheit wahrnahm, innerhalb weniger Tage von Barbaren zertrümmert wurde. Gespeist von diesem Affekt schrieb er (vom 13. bis 18. 10.) die ersten Seiten seiner Erzählung. Sie bilden jetzt ihren „Thema: heiter ins Bodenlose fallend“ ersten Teil, der aus dialog­intensiven Interaktionen eines als Holzhändler bezeichneten Ich-Erzählers mit der eigentlichen Heldin besteht, der lebenslustigen Tuchhändlergattin Priscilla. Die beiden finden einander an einem lustigen Abend in einer Neumagener Taverne, um am nächsten Morgen festzustellen, dass Alamannen die Stadt belagern. Als sie erfahren, dass auch Trier bereits umschlossen ist und sich kaum verteidigen kann, versuchen sie, gemeinsam nach Lyon durchzukommen, wobei sie sich in der Gegend von Metz für immer aus den Augen verlieren. Nach kurzer Beschäftigung bei einem Lyoner Tuchhändler beendet der Ich-Erzähler diesen Teil dann in extrem verkürzend lakonischer Tonart: Aber dann trieb mich etwas nach Pannonien, wo es ein bisschen sicherer war und ich wieder mit Holz zu tun hatte. Der Tuchhandel gefiel mir nicht. Ich heiratete sogar wieder, eine anständige Frau, die es aus Metz nach Pannonien verschlagen hatte, in einer furchtbaren Odyssee, von der sie mir die meisten Teile lieber verschwieg. Sie schenkte mir zwei Söhne, die später beim Militär ihr Glück versuchten, der Holzhandel war ihnen zu kümmerlich. Beide verschwanden in Persien.

Anschließend (vom 25. 10. bis zum 5.11.) versuchte Wyborny, die von ihm frei fabulierten Ereignisse historisch seriös zu datieren. Dies stellte er in der sogenannten „Durchführung: achtlos, auf dem Boden der Tatsachen“ dann auch (auf S. 49 ff.) dar, worin er zugleich etliche im Lauf des Erzählten auftauchende sozio-kulturelle Details anhand antiker Quellen überprüfte (und z.T. nachträglich änderte). Dabei machte er zu seiner Überraschung gleich drei innerhalb der überlieferten spätrömischen Geschichte mögliche Daten ausfindig: 1.) AD 275, zu Zeiten von Aurelian (270-275), Tacitus (275-276), sowie Florianus (276); bezeugt sind für jenes Jahr die Zerstörung Triers und Neumagens, sowie die von Xanten, Basel-Augst und Speyer; erst Probus (276-282) befreite 277 das Rheinland und Gallien von vor allem Alamannen und Franken; zuvor (von 269 bis 274) bildete Gallien ein durch konfuse Militärrevolten geprägtes unabhängiges Sonderreich, unter schließlich einem gewissen Tetricus (271-274), dessen Münzen drei Siege über Germanen (überwiegend wohl Franken) verzeichnen, was

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mindestens ebenso viele Einfälle zur Voraussetzung hat; 274 integrierte Aurelian diese Absonderung wieder ins römische Imperium; die vorherige Verwirrung mag daher einer gewissen Verrohung der Sitten, wie sie sich in der Tavernenszene andeutet, den Charakter des Plausiblen verleihen; dass diese bis in Priscillas „höchste Kreise“ drang, belegt das Ende des Usurpators Victorinus, der 271 in Köln von einem Komplott eifersüchtiger Ehemänner erschlagen wurde; nach der Abdankung Diocletians (284-305) begannen neue Bürgerkriege; die steinerne Mauer um Neumagen, für die man Trierer Grabmal-Materialien verwandte, wurde erst um 320 errichtet; die Säule von Igel, das 23 m hohe Pfeilergrabmal der tuchhandelnden Secundier, stand 275 aber bereits; ebenso die Porta Nigra, die damalige Stadtmauer hat Trier also nicht schützen können; die anderen bekannten Trierer Bauten (Palast-Aula etc.) sind konstantinischen Ursprungs, also erst aus dem 4. Jh. (...) 2.) im Rahmen der Alamanneneinfälle von 353 (...), nachdem sich, in den auf den Tod von Konstantin (306-337) folgenden Bürgerkriegen, Gallien unter Magnentius 350 erneut abgespalten hatte, der im August 353, von Konstantins SohnConstantius II (337-361) bedrängt, in Lyon Selbstmord beging. Danach wurde die Region unter Julian (355-363) allmählich wieder befriedet; aber erst Gratian (367383) schuf nach 375 wirklich Frieden; zu diesem Zeitpunkt wäre der Erzähler längst in Pannonien, wo 374 die Quaden einfielen, sie wurden aber integriert oder zurückgeschlagen ( ...) 3.) wäre 406/407 möglich, als (unter Honorius, 395-423) das endgültige Ende der römischen Herrschaft in Gallien mit einem sich steigernden Einfall von Franken, Alanen und Vandalen begann, dem sich Burgunder und Alamannen anschlossen; danach gibt es in der Gegend kaum mehr original-römische Funde, obwohl auch in der Rheinzone bis ins Jahr 500 insulär Restbestände römischer Zivilisation existierten...

Ersichtlich ergaben sich dabei nicht nur Datierungen, sondern es kam auch zu einer Vertiefung seiner Kenntnisse über das damalige gesellschaftliche Geschehen, was zu einem „Variation, Fuge und Ausklang: Priscillas Extra-Erzählungen“ genannten (vom 12. bis zum 20. 11. 2005 geschriebenen, alle Zeitangaben in Art einer Signatur jeweils angefügt) zweiten Erzählteil führte. Darin entfaltet sich, außer der nun etwas epischer dargestellten Biografie seiner (nunmehr „in den Bergen westlich der Rhone“ aufgewachsenen Heldin, peu à peu eine Sittengeschichte des spätantiken nordöstlichen Galliens (zu dem Trier und das heutige Rheinland-Pfalz ja gehörten), in deren Verlauf auch der niederschmetternde Werdegang einer zweiten Frauengestalt, der aus vornehmster Mailänder Familie stammenden 175

Latona, skizziert wird. Damit ließ es Wyborny zunächst bewenden. In belletristischer Hinsicht war sein Interesse für die Vorgänge offenbar befriedet, und er wandte sich wieder seiner Zusammenarbeit mit Durs Grünbein zu. *** Bis ihm zwei Jahre später das Geschichtswerk des Gregor von Tour in die Hände fiel, das ihn zu einem „Zweiter Teil: (Von der Auferstehung)“ genannten tagebuchartigen Ergänzung seiner „Völkerwanderung“ veranlasste. Im ersten Eintrag wird der Grund dafür erklärt:

Sonntag, 23. 3. 2008 (Ostersonntag) Wieder in der „Geschichte der Franken“ gelesen. Ein ungeheures Buch. Geschrieben von Gregor, dem Bischof von Tours, gegen Ende des 6. Jahrhunderts.2 Auf den ersten Blick nur die Saga vom Aufstieg der Franken, und wie sie, im zertrümmerten römischen Gallien, allmählich zu einer Staatlichkeit fanden, die in etwa das heutige Frankreich umfasst. Mit einer Königsgalerie, deren antiquiert klingende Namen grad noch präsent sind. Von Chlodwig, dem großen Vereiner der Franken und seiner Annahme des Christentums, über Theuderich, Childebert und Chlothar zu Chlodwigs Enkeln reichend, den Zeitgenossen Gregors, dessen Dar4 stellung bei Charakteren namens Guntram, Sigibert und Chilperich endet, wobei auch den Königinnen - Brunhilde, Fredegund 5 oder Chlodwigs Gattin Chlothilde - erstaunlich markante Rollen zugeteilt werden. Insofern also das dynastische Spiel, mit dem uns Herrscherhäuser seit dem Beginn aller Geschichtsschreibung zu erfreuen verstehen. Zugleich aber - und insofern, wenn man so will, die direkte Fortsetzung unserer kleinen Erzählung - das einzige Dokument, das differenziert vom qualvollen Zusammenbruch des römischen Reichs erzählt. Und der zaghaften Auferstehung des Zivilisierten in den entstehenden Germanenreichen. Zivilisation und Auferstehung, ja, schön wärs. Eher kam es, wie dem Werk des gallischen Bischofs hauteng zu entnehmen, zu einem vegetierenden Überwintern der einstigen Eliten, die sich in den Schoß der Kirche verkrochen, obwohl dieser Schoß noch kaum präsent war (...) Wobei sie den Herrschern der sieghaften Barbaren, die bloß um Naheliegendes sich scherten, um Beutemachen, Vermehrung ihres Besitzes, die Jagd, Trinkgelage und Weiber, einen kausal sich gerierenden Wunderglauben andienten, bei dem sich die Balken bogen. Worin die verwegenen logischen Konstruktionen der Trinität dem (zum Teil hochgesunden) Menschenverstand der Germanen wie Stricke um den Hals gelegt wurden, und jeder Aufrichtige, der zugab, das Konstrukt nicht zu verstehen, ins zivilisatorische Abseits geriet.

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Es sei denn, er akzeptierte durch eine Bischofshand, die auf die Stirn sich ihm legte, per einfachem Glauben die trinitarische Gnade.

Schnell gelangt er (noch immer im Tagebucheintrag vom 23. 3. 2008) auch zu einer ersten Bewertung: Vielleicht wurzelt seine / also Gregors / spezifische Qualität ja darin, dass ihn die Verwirrtheit der Könige, seiner Herren, die aufs Blut oft sich bekämpften, zu einem eigenen, einem subjektiven Urteil zwang, was seine Zeit noch nicht vorsah (...) Es ist die reinste Belletristik. Wie überhaupt in der „Geschichte der Franken“ heute weniger der Atem eines Geschichtswerks zu spüren ist, als vielmehr der eines sonderbaren Romans. Der indes, anders als die griechisch-römischen Vorläufer, nicht die Spur mehr von Märchenstunde hat, sondern klarer ins Leben greift, als sogar Petronius oder Apuleius. Ja, insofern ist es tatsächlich der erste richtig moderne, gierig nach allem Erreichbaren greifende Roman. In Form eines wirklichkeitsnahen und, wie mir scheint, sogar: gesunden Durcheinanders (...), schamlos übertreibend das ganze menschliche Spektrum erfassend (...) Wobei man Gregors ureigene philosophische Leistung - so ungern man sie jemandem aus jener brutal-wirren Zeit zubilligen mag - in einer radikalen Ausweitung der paulinischen Idee von der Universalität des Menschlichen erkennt. Radikal schon insofern, als sie der Maskenhaftigkeit alles antiken Geschehens ein Ende bereitete, was in seinem Buch zu einer unglaubhaften Gleichberechtigtheit aller menschlichen Erscheinungsformen führt, von den niedrigsten zu den erhabensten .

Die Begeistertheit dieser Zeilen nimmt in den folgenden (bis zum 1. April 2008 reichenden) Tagebucheinträgen nicht ab, in denen Passagen etwa anhand von Fußnote Nr. 8 (einige der z.T. recht umfangreichen Fußnoten dieses Teils sind am Ende dieses Vorworts noch einmal versammelt) - aus Gregors Werk erläutert werden. In ironischer Manier parallel montiert sind darüber hinaus etliche Bemühungen des Autors, eine Waschmaschine reparieren zu lassen. Dass er befürchtet, sich bei seinem Unternehmen ziemlich verrannt zu haben, ist in folgender Notiz nicht zu verkennen: Dienstag, 25. 3. 2008 (...) in der von Charles und Luce Petri herausgegebenen (dreibändigen) „Geschichte des Christentums“ - Von den Anfängen bis 642 - geschmökert, die ich (...) im Kloster Maria-Laach (wo Adenauer die Nazizeit überlebte) erstand. Auf der Rückreise einer Erkundungstour an der Mosel (...) Was ich (...) vor zweieinhalb Jahren schrieb, ist gottlob kein blanker Unsinn. Gallien war in der Tat bis ins Jahr

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416, dem spätesten Datum des beschriebenen Geschehens, nur formal christianisiert. Die wirkliche Christianisierung setzte erst mit dem Kollaps der römischen Herrschaft ein, wobei sie wohl damit begann, dass man, zur Spät-Zeit des Heiligen Martin 3, einige Reliquien aus den östlichen Reichsteilen importierte, was sich als geniale Idee erwies. Flächendeckend wurde das Christliche erst im 6. Jahrhundert, kurz vor, wies so kommt, dem Antritt des Bischofsamts durch den genialen Gregor von Tours, der das Grab des Heiligen Martin zu betreuen hatte.

Zu seinem Erstaunen stellte Wyborny dabei fest, dass seine mittlere Datierung (also die für das Jahr 353) in etwa mit dem Beginn von Martins religiöser Karriere korrespondierte. Dies war für ihn Anlass, sich genauer mit der Vita des Heiligen Martin auseinander zu setzen, bzw. dem, was man halbwegs gesichert weiß, was bei fast allen Heiligenlegenden mühselig ist, weil sich Fakten oft schamlos darin mit Haltlosigkeiten paaren. Dabei begann ihn ein gewisser Sulpicius Severus zu interessieren, der ums Jahr 390 eine Vita des Heiligen Martin noch zu dessen Lebzeiten verfasste, die relativ intakt überliefert wurde. Diese wurde aber im heutigen Sinne nur verständlich, wenn man sie mit seriöseren Geschichtswerken zu synchronisieren versucht. Genau das hat Wyborny dann getan. Dabei wurde es immer unmöglicher, die entstehende Gedankenfülle zu knappen Tagebuchnotaten zu komprimieren, was zu immer ausufernderen Fußnoten führte. Und in folgenden Einträgen kulminierte:

Montag, 31. März, 2008 ... zu Hause energische Arbeit an den Fußnoten; mit Google, Wikipedia und der z. T. exzellenten Aufbereitung frühchristlicher Quellen im Netz - über die man Zugang sogar zu entlegensten Autoren wie Sulpicius Severus hat, in Latein und oft englischer Übersetzung - zwar kein Kinderspiel (...), aber kein wirkliches Problem. Überlege, ob ich einen Aufsatz über Gregor von Tours für die FAZ rausdestillieren könnte, mit einem in Seitenkolumnen gedruckten Fußnotenapparat, der das Merowinger-Reich ausleuchtet. Dienstag, den 1. 4. 2008 morgens verschlafen, bis halb 10; hab gestern Nacht zu lange an den Fuß26 noten zum Heiligen Martin und der Brunhilde gearbeitet, die dabei so lang und gedanklich komplex wurden, dass sie nicht mehr in den Text passen. Deshalb in einen eigens dafür eingerichteten Anhang (Vermischtes) verschoben (...), sodass man, Gregor von Tours Original-Schlussbilanz der Jahre, die er in seiner „Geschichte“ zu beschreiben unternommen hat, anführend: Von der Schöpfung bis zur Sintflut 2242 Jahre

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Von der Sintflut bis zur Passage der Kinder Israels durchs Rote Meer 1404 Jahre Von der Passage durchs Rote Meer bis zur Auferstehung unseres Herrn 1808 Jahre Von der Auferstehung unseres Herrn bis zum Tod des Heiligen Martin 412 Jahre Vom Tod des Heiligen Martin bis zum grade erwähnten Datum, dem einundzwanzigsten Jahr nach meiner Priesterweihe, dem fünften Jahr Gregors, des Papstes von Rom, dem dreiunddreißigsten von König Guntram und dem neunzehnten von Childebert II, 197 Jahre Das macht die große Summe von 5792 Jahren. 39 einen würdigen Schluss finden kann. Wobei ich noch hinzufügen darf: Vom grade erwähnten Datum, an dem Gregor von Tours seine Niederschrift der „Geschichte der Franken“ beendete, bis zum Kauf unserer neuen Waschmaschine im dritten Jahr von Bundeskanzlerin Merkel sind es wiederum 1416 Jahre. Das macht Summa Summarum 7208 Jahre die, deo gratias, in dieser kleinen „Erzählung“ mehr oder weniger genau dargestellt sind.

*** Und dann wandte sich Wyborny energisch dem „eigens eingerichteten Anhang“ zu, der, um klar zu machen, dass er mit der eigentlichen Erzählung nur peripher noch zusammenhängt, den bezeichnenden Untertitel „Einzig geschrieben gegen das Vergessen“ trägt. Unterbrochen wird das von fünf (am 9. April beginnenden) weiteren Tagebuchnotaten, in denen, sporadisch nun über den Text verteilt, vom Fortschritt seiner Recherchen berichtet wird. Das letzte resümiert einen Besuch Lübecks am 1. Mai, wobei er über Thomas Manns (laut dessen Tagebuch zwischen dem 21. Januar 1948 und dem 26. Oktober 1950 verfassten) ironischen Kurzroman „Der Erwählte“ nachdenkt, in dem eine von inzestiösen Ereignissen geschwängerte, ins Hypergroteske verschobene Papstkarriere beschrieben wird (Erstdruck 1951, wegen des gewagten Inhalts in einer Auflage von zunächst nur, sic: 68 Exemplaren; mehr dazu in Fußnote Nr. 435). Was aber ist es, was man nicht vergessen soll? Mit dieser Frage kommen wir endlich zur Struktur dieses Anhangs:

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-1A Der erste Teil befasst sich mit dem Heiligen Martin. Dabei liefern die ersten drei Kapitel einen konventionellen Überblick über dessen Leben und Nachleben. Insbesondere wird darin die Heiligen-Vita von Sulpicius Severus (363 - ca. 410) untersucht und auf ihren Wahrheitswert hin abgeschätzt. Diesen Kapiteln lässt sich insofern - in Erweiterung von Fußnote Nr. 3 - eine brauchbare Übersicht und Wertung des Phänomens Martin entnehmen, was Wyborny (auf S. 446) so zusammenfasst: Sulpicius Severus gelang in seiner Vita (...) eine auch Laien verständliche so klare und graphische Darstellung des Christentums, dass sie bis zum heutigen Tag (...) Gültigkeit beanspruchen darf. Das Bild vom geteilten Mantel kann nach wie vor als eine Essenz des Christlichen gelten, eine, die ohne viel Worte auskommt und sich bereits als Bild versteht. Und das Bild vom verweigerten Waffendienst ist nicht minder kräftig. Sogar die politisch-moralische Substanz eines Genies wie Pasolini lässt sich auf diese beiden Imagines reduzieren.

Ausgehend vom Latein des Sulplicius werden sie (in III-3, S. 279 ff. und III-6, S. 284 ff.) - später im Detail untersucht. -1B Ab Kapitel 4 drängt die Studie jedoch in eine andere Richtung. Weil es einen Konflikt zwischen dem in Lexika angegeben Datum von Martins Geburtsjahr (316) und demjenigen, das sich aus dem von Sulpicius Berichteten schlussfolgern lässt (nämlich 336), akzeptiert Wyborny die Angaben des Sulpicius zunächst als Faktum, und versucht, sie - in Form einer Parallelmontage - grob mit anderen Geschichtsdaten zu synchronisieren. Damit beginnt eine Chronologie der Ereignisse im weströmischen Reich, unter besonderer Berücksichtigung der Vorfälle im nördlichen Gallien (bis hin zur Rheingrenze), die von 340 bis ins Jahr 440 reicht. Bis also zu dessen weitgehendem Zusammenbruch, wobei die Darstellung im Mausoleum der 437 gestorbenen Galla Placidia in Ravenna endet. Dabei werden, anders als momentan üblich, insbesondere die zahllosen - oft verhängnisvollen religiösen Entwicklungen und die Karrieren der Kirchenheiligen Ambrosius (339-397, geboren in Trier), Hieronymus (347-420) und Augustinus 180

(354-430) berücksichtigt. Unter der Herrschaft Valentinians (364-375) und seines Sohnes Gratian (376-383) tritt im Verlauf dieser Chronologie auch der Familienclan des Dichters Ausonius (310-394) in Erscheinung, der es in Trier unter Gratian zum Konsul brachte. Das Ganze wird so vielschichtig und vielgestalt, dass unser Autor (ausgehend davon, dass die Handlung im Herbst 353 spielt) in diese Chronologie - kursiv gedruckt - auch die (fiktiven) Ereignisse seiner Erzählung parallelmontiert einfügt und was man von den Biografien der Protagonisten - also des Holzhändlers (geb. ca 318), Priscillas (geb. ca. 326 bei Clermont) und Latonas (geb. ca. 320 in Mailand) - darin erfahren hat. Darüber hinaus machte sich Wyborny den Spaß, diese Biografien über den Kenntnisstand des Ich-Erzählers (dieser begegnet den Damen ja nur kurz im Herbst 353) hinaus fortzuschreiben. Wenn man will, als Vorstudie zu einem Roman, worin die Ursprungs-Erzählung nur eine Episode darstellen würde. In diesem (möglichen) Roman folgen wir Priscilla, zunächst mit ihrer etwas älteren Freundin Serena, bis etwa 390, was in Kapitel 11 (S. 231 ff.) zusammengefasst wird. Wobei die Pointe darin besteht, dass - in der Art von Doderers „Wasserfälle von Slunj“ (erläutert in Fußnote Nr. 151) - ein Nachkomme des Holzhändlers an einem schönen Herbstabend des Jahres 405 (also gemäß der dritten Datierung des Geschehens) in der gleichen Neumagener Moseltaverne auf eine Nichte Priscillas trifft, was die Ursprungserzählung erneut in Gang setzt. -2 Es folgt eine ausführliche Befassung mit dem Werk des Dichters Ausonius - wir erinnern uns, dass erster Anlass all dieser Anstrengungen war, dass unser Autor die „Mosella“ des Ausonius in situ auf sich wirken lassen wollte -, das in die dargestellte Epoche fällt. Insbesondere werden die zum Teil raffinierten Montagetechniken untersucht, mit denen Ausonius Versatzstücke zu neuen Gedichten umformt. Ähnlich den ersten Kapiteln über den Heiligen Martin ergibt sich eine relativ konventionelle Zusammenfassung, die, da solche in dieser Qualität - zumindest auf deutsch - andernorts nicht zu lesen ist, momentan einen gewissen eigenen Wert hat. -3 Aber der Heilige Martin gab keine Ruhe. Im dritten Teil „Korrektur von Martins Geburtsdatum“ wird mit philologischem Werkzeug an die Vita Martins herangegangen. Wyborny schreibt zur Verfahrensweise: 181

Es wird die These aufgestellt, dass Martin, den Angaben des Sulpicius entsprechend, im Jahre 336 geboren wurde, um dann zu untersuchen, inwieweit sich die Vita Martins widerspruchsfrei in das sogenannte objektive geschichtliche Korsett einpassen lässt, wie es vor allem von Ammian, mit einigen Zugaben anderer antiker Historiker, überliefert wurde. Dabei wird darüber hinaus versucht, die These - ähnlich wie bei der mathematischen Iteration - in gewissermaßen zweiter, dritter und vierter Näherung zu verfeinern, bzw. zu modifizieren.

Es handelt sich also um eine Verfeinerung des im ersten Kapitel angewandten Verfahrens. Diesmal geht Wyborny sofort vom Original-Latein aus, da er befürchtete, die Übersetzungen seien mit kirchlichem Kitsch aufgeladen. Dies erstreckt sich zunächst bis zur Mantelepisode, die korrespondierend mit Sulpicius Datierung, in Amiens im Winter 354 /355 verankert wird, also ein Jahr nach unserer Erzählung vom Zusammenbruch der römischen Ordnung, mitten in der damaligen durch die Alamanneneinfälle erzeugten Verwirrung. Dementsprechend („zwei Jahre später“) wird auch die laut Sulpicius in Worms stattfindende Kriegsdienstverweigerung Martins vor Kaiser Julian datiert. Es folgt - ab Kapitel 6 - eine 355 einsetzende Darstellung der Versuche Julians, Gallien wieder unter römische Kontrolle zu bringen, die auf dem unmittelbar danach verfassten Geschichtswerk des Ammianus Marcellinus (330-395) basiert, das Wyborny im Latein und in einer englischen Übersetzung vorlag, aus der er öfter zitiert (wohl weil ihm die Zeit fehlte, eigene Übersetzungen anzufertigen. Dabei wird (bis Kapitel 12) versucht, auch bei Ammian eine wie immer geartete Revolte gegen Julian zu entdecken. Bei dessen Aufenthalten in Worms (der damaligen Civitas Vangiorium) war zwar nichts auffindbar, aber er entdeckte Spuren eines Protestes, die, nach einer Rheinüberquerung, mit einem General namens Severus verbunden waren, der insofern als „realer“ Kandidat für einen den Waffendienst verweigernden Ur-Martin in Frage kam. Anschließend (ab Kapitel 13) wird der - wieder einzig durch Sulpicius wiedergegebene - weitere Werdegang des Heiligen untersucht, der ihn vom gallischen Poitiers erst nach Ungarn, dann, über Mailand und Genua, zurück nach Poitiers und schließlich ins Bischofsamt von Tours führt. Da wir die Religionskonflikte aufgrund der ersten Studie etwas besser verstehen, ließen sich die oft nicht leicht verständlichen, zum Teil albern wirkenden Glaubensnuancen der dargestellten Begebenheiten, die am Ende zu einem uneingeschränkten Sieg des Katholizismus 15 führten, nun 182

differenzierter erörtern. Wobei in die Chronologie erneut die fiktiven Viten Priscillas und Latonas eingewoben und über das Jahr 353 hinaus fortgeschrieben werden, wodurch sie immer mehr fleischliche Substanz erhalten. -4 Der nächste Teil - „Lob der Kreationisten“ - diente zunächst wohl nur zur Auflockerung, und versucht, das Heiligen-Getue der damaligen Autoren halbwegs ernst zu nehmen, also so, wie man es einst fraglos ernst nahm. Denn ohne ein gewisses Verständnis dafür kann man sich einer Heiligen-Vita heute nicht mehr nähern. Indem dabei gewisse Grenzen unserer eigenen Welterkenntnis aufgezeigt werden (an denen auch wir, trotz aller herausposaunten Schlauheit, oft ebenfalls bloß in einer Art von kaum hinterfragbarem Wunderglauben herumirren), gewinnt dies zusätzlich einiges an Gewicht. -5 Der fünfte Teil - „Neues von Heiligen Martin“ - bildet den Höhepunkt dieses Anhangs, der, anders als etliche Passagen der bisherigen Teile, allerdings nur verständlich wird, wenn man die vorigen Kapitel zur Kenntnis nahm. Dabei kehren wir zu Sulpicius Severus zurück. Doch während bislang nur auf die in die übliche Geschichtsschreibung integrierbaren Episoden der Vita Martini eingegangen wurde, gilt die Untersuchung nun ausdrücklich Begebenheiten, die ersichtlich fabuliert sind und, in der Sicht des gesunden Menschenverstands, keinerlei Realitätswert haben. Dabei dient das vorangegangen „Lob der Kreationisten“ der Einstimmung, denn nun werden Träume und Wunder-Begebenheiten der Vita erörtert. Aber dann (einen knappen Überblick über Leben und Schaffen des Sulpicius gibt Fußnote Nr. 67) geht es um Arbeiten, die Sulpicius erst nach dem Tod Martins verfasste, also ohne dass der spätere Heilige Einspruch erheben konnte. Zum einen um eine Welt- und Kirchengeschichte, deren letzter Teil interessante Aufschlüsse über die religiösen Auseinandersetzungen im derzeitigen Gallien gibt. Zum anderen sind es jeweils drei Briefe und sogenannte „Dialoge“, die sich mit dem Leben Martins auseinandersetzen und von der Fachwelt fast komplett mit dem Attribut des nachträglich Fabulierten versehen wurden. Wyborny versucht nun, gerade dieses Fabulieren zu dekonstruieren und als Ausdruck einer Autorenseele zu deuten. Wobei er peu à peu an die Arbeitshypothese gerät, dass Sulpicius sich als eine Art Sohn Martins betrachtete, dem er majestätische Qualitäten zusprechen 183

möchte, insbesondere in Form von Interaktionen mit den Kaisern Valentinian und Magnus Maximus, wobei interessant wird, dass Ausonius derzeit ebenfalls mit diesen Herrschern zu tun hat. Dabei kommt Wyborny auf den bei Ammian revoltierenden General Severus zurück, und untersucht, ob dieser (reale) General desertiert sein könnte, um unter dem Namen Martin in Poitiers als Mönch unterzuschlüpfen. Wobei Sulpicius Severus dies bekannt wurde, dass er aber den Mund hielt und eine fiktive Jugend des Heiligen Martin schrieb, nämlich die uns in der Martinsvita nun überlieferte, um dessen Generals-Identität zu maskieren. Auf Grund einer Analyse der von Sulpicius erfundenen Träume, Wunder und Visionen stellt Wyborny sogar die Möglichkeit in den Raum, Martin sei Sulpicius leiblicher Vater gewesen. Wobei er keine Sekunde darauf besteht, dass sich darin eine logisch erschließbare Faktenlage eröffnet, eher suggeriert er, dies könnte einer Wunschvorstellung des Autors, also Sulpicius, entspringen. Dass sich mit Hilfe dieser These fast alle wildwuchernd wirr wirkenden Phantasien der „Dialoge“ und Briefe in traumlogischer Form entschlüsseln lassen, verblüffte Wyborny wohl am meisten. Weshalb er folgert, dass jene Arbeiten - unabhängig von der Faktenlage eine in sich schlüssige belletristische Anstrengung darstellten, in der Sulpicius sein Unbewuss­tes nach außen zwängte. In den all dies darstellenden „Dialogen“ entfaltet sich ein Theaterstück, in dem man in einem Kloster über den Heiligen Martin diskutiert. Es wurde, offenbar ziemlich rasch, in drei Schüben ca. 405 geschrieben. Eine Mischung von Informationsschrift, Bekenntnis, Großsprecherei, Spuren aufblinkender Wahrheit und freier Assoziation. Das zu bearbeiten nicht länger Zeit blieb, die Alamannen kamen bereits über den Rhein. Bald würden Vandalen und Goten auch den als sicher geltenden Süden verwüsten. Sodass diese Arbeiten Sulpicius letztes Autoren-Wort bildeten. Wyborny bezeichnet sie - nach seiner Entschlüsselung - als Balzacschen Kolportageroman, womit er ausdrücklich bezweifelt, dass die Wirklichkeit diesem entsprochen haben könnte. Mit dieser heiteren Note wollte er es bewenden lassen. Aber dann stieß er auf Details, in deren Licht sich in diesem Modus auch einige sonderbare Entwicklungen in der Verwandtschaft des Ausonius entschlüsseln ließen. Was Wyborny durch die Bemerkung einleitet: Dabei hatte er / i. e. Sulpicius / keine Ahnung. Geblendet von dem Kolportageroman, dessen (leidender und genießender) Teil er ward, hatte er keine Ahnung

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von dem wirklichen Kolportage-Geschehen, mit dem die Historiker uns den Gang der damaligen Weltgeschichte erklären müssen.

Denn er entdeckte in den Viten von Ausonius und der Kaisergattin Justina derart logisch anmutende Verquickungen mit dem um Sulpi­cius gestrickten „Kolportageroman“, dass die Kolportage in die überlieferte Geschichte eingedrungen zu sein schien. Was gespenstisch wurde, weil sich darin, dargestellt in Kapitel 17 („Melancholie vor der Apokalypse“), ein das Reale durchdringender (und dieses Reale z. T. verhängnisvoll gestaltender) Roman zu artikulieren schien, der die ganze Spätantike zum Schauplatz machte. Wobei erneut Querbezüge zwischen den Herrschern und dem Familienclan des Ausonius entstanden. Was Wyborny jedoch nicht zum Abschluss bringt, weil er es in einem eigenen Teil - „Justina in Mailand“ gründlicher zu untersuchen gedachte. Stattdessen kommt er, nachdem er in großem Bogen erneut am Mausoleum der Galla Placidia anlangte, zu einem Resumée: Martin (zumindest in der Phantasie des Sulpicius) möglicherweise Bruder oder naher Verwandter der ersten Gattin Valentinians. Was Sulpicius selber, ha, nicht nur zum Sohn des Heiligen Martin, sondern darüber hinaus zum Kaiserneffen machen würde. (...) Und /zum / Cousin Gratians

In diesem Sinn wird zu den „Dialogen“ zurückgekehrt, um die darin aufschillernden Lebensumstände des Sulpicius zwischen all diesem, nach Lage des Überlieferten, belletristisch zwar Möglichen, aber nicht belastbar Belegbaren, in der Schwebe zu halten. -6 „Justina in Mailand (Aufstieg und Fall des Ausonius)“ war, wie grad dargestellt, zunächst ein Nebenprodukt von Wybornys Recherche, das den vorigen Teil sprengen wollte. Justina wurde (mit wohl ca. 15) Ehefrau des Usurpators Magnentius (350-353), und, eine der sonderbarsten Verbindungen der römischen Geschichte, gut 15 Jahre später (etwa 370) die zweite Gattin des Kaisers Valentinian. Nach dem Tod Gratians (einem Sohns Valentinians aus dessen ersten Ehe) übernahm sie 383 für ihren Sohn Valentinian II die Regentschaft und geriet dabei in Konflikte mit dem Mailänder Bischof Ambrosius. Dieser löste sich erst auf, als Theodosius der Große, der 185

als letzter die römischen Reichsteile zu vereinen verstand, ihre Tochter Galla heiratete (im Jahr 387), deren Tochter wiederum Galla Placidia ist, für die in Ravenna ihr berühmtes Mausoleum errichtet wurde, die Keimzelle, wie Wyborny behauptet, des europäischen Neubeginns. Dieser Teil des Anhangs passt insofern in Wybornys Strategie, dass er auch hier das komplexe Leben einer antiken Frauengestalt untersucht. Als Abfallprodukt erfahren dabei die Karrieren vom Familienclan des Ausonius, da dessen Leben direkt mit Valentinian und Gratian verbunden und, wie die Quellen unmissverständlich verraten, ein extremer Nepotismus offenbar das wichtigste Schmiermittel der Spätantike war, erhebliche Vertiefungen. -7 Im letzten Teil „Zum Leben der Brunechilde (Hommage an Gregor von Tours“ bekommt man, in scharfem Kontrast dazu, einen Eindruck davon, wie man, nach dem Zusammenbruch der Antike, langsam wieder Politik zu machen versuchte. Er ist, abgesehen von einigen Ergänzungen, direkter Ausfluss der Lektüre von Gregors „Geschichte der Franken“. Und insofern Ausdruck der am Schluss von Band eins ausgesprochenen Bewunderung der belletristischen Qualität von Gregors Geschichtswerk. Er befasst sich mit dem Leben der Frankenkönigin Brunechilde 26, deren Namen auf allerlei Umwegen später ins Nibelungenlied einsickerte. Ähnlich wie in „Justina in Mailand“ entsteht dabei das intensive Porträt einer Frauengestalt, von der man eigentlich nicht vermuten würde, dass sie sich in derart schwieriger Zeit so lange halten und durchsetzen konnte. -8 Den Schlussstein bilden, nunmehr zusammengefasst, die phasenweise paradoxen Biografien (wobei man bei einer Beurteilung nicht vergessen darf, dass Biografien in solch wirrer Zeit oft paradox verlaufen, wovon nicht zuletzt das zwanzigste Jahrhundert ein beredtes Zeugnis ablegt) der in seiner Erzählung auftauchenden Gestalten. Als, wenn man so will, Handlungsgerüst eines in der Spätantike spielenden Romans, das die hier in weit ausschwingenden Bögen auftauchenden Erörterungen schlussendlich zusammenhält. *** Wobei wir noch einmal auf das Motto - „Einzig gegen das Vergessen“dieses Anhangs zurückkommen wollen. Das zunächst naiv doppeldeutig 186

gemeint zu sein scheint, zum einen gegen das von der Geschichte vergessen werden (weil etwa die Vita der Brunechilde selbst in Frankreich inzwischen fast unbekannt ist), und zum anderen, weil Wyborny wohl befürchtete, all die damit verbundenen „Fakten“ als Person bald wieder vergessen zu haben. Aber es gibt eine weitere Ebene. Denn schon, dass es ihm gelang, all die hier zusammengestellten Details innerhalb weniger Wochen zu versammeln, spricht dagegen, dass diese Sachen vergessen sind oder es in Bälde sein werden. Solange es das Netz gibt, werden die auftauchenden Quellen nicht nur zugänglich bleiben, sondern es wird sich immer wieder jemand finden, der Aspekte davon - und sei es nur zu Zwecken eines bizarren Video-Spiels - ans Tageslicht zerrt. Justina, Brunechilde, Gregor von Tours, Augustinus, der Mantel des Heiligen Martin, selbst ein kleines Licht wie Sulpicius Severus, sie werden immer wieder zum Vorschein kommen. Anders sieht es mit den Querbezügen aus, die Wyborny in diesen Texten ausbreitete. Darin äußert sich über weite Strecken eine singuläre Leistung, die nicht ohne weiteres wiederholbar ist. Nicht einmal von ihm selbst. Schon weil sie spezielle Lektüretechniken (und, wie er mehrfach ja andeutetet, einen spezifischen Existenzdruck) benötigen, um die Fakten überhaupt hervorzuzerren, die die hier auftauchenden Querbezüge ermöglichen. Und darüber hinaus muss es ein Gerüst geben, von dem sie - in diesem Fall dient formal dazu die sich zu Beginn dieser Arbeit entfaltende Erzählung (in Wirklichkeit ist es aber der Wille, den katastrophalen Zusammenbruch der Spätantike wenigstens in einigen Aspekten zu verstehen) - zusammengehalten werden. Zumal sich die Mehrzahl dieser Querbezüge nicht lange in der Erinnerung halten lässt. Bei diesen meist durch etliche „es könnte sein“, „vielleicht“ oder auch ein „eher nicht“ eingeschränkten Überlegungen, die uns im Moment der Erörterung unterhalten und mitunter sogar überzeugen, geraten wir nämlich an die Grenzen unseres Gedächtnisses. Denn wie bei filmischen ParallelMontagen, lassen sich zwar die linearen Verläufe der einzelnen ineinander verwobenen Stränge halbwegs in Erinnerung halten (die Vita Valentinians, die des Hieronymus, der Untergang des Arianismus), aber die genaue Natur der Querbezüge, die genaue Synchronität, hat nur im Moment unserer Wahrnehmung - in diesem Fall unseres Lesens - scharfe Präsenz. Dabei entstehen gedankliche Kollisionen, bei denen der Leser (oder im Kino der Zuschauer) die Kontrolle über den Zeitablauf verliert und in ein träumendes Überlegen (bzw. Betrachten) gerät. Fraglos vermögen wir sehr gut Ereignisse mit linearem Ablauf 187

wahrzunehmen (und zu erinnern). Querbezüge können vom Gedächtnis dagegen nur punktuell gespeichert werden. Zehn Minuten später ist der genaue Bezug und wie sich andere Bezüge dazu verhalten, praktisch wieder vergessen. Es bleibt nur ein Gefühl dafür, dass es (irgendwie) einen Zusammenhang gab. Und der sonderbare Eindruck, man sei Opfer eines nicht ganz begreifbaren Identitätsverlustes gewesen. Bei dem man - in diesem speziellen Fall - trotzdem Etliches über die unglücklich ineinander fassenden Verhältnisse bei der brutalen Zertrümmerung der linksrheinisch-römischen Kultur erfahren hat. Für Leser, die den ersten Teil der „Völkerwanderung“ nicht vorliegen haben, seien hier, wie bereits angekündigt, noch die Fußnoten von Band eins angefügt, auf die im Folgenden (insbesondere im „Leben der Brunechilde“) Bezug genommen wird. Sie verraten, dass Wyborny schon bei ihrem Verfassen entschlossen war, die Welt des rein Fiktiven zu verlassen und zunehmend das Faktische hervortreten zu lassen. Dass er in dieser Publikation trotzdem keine in sich abgeschlossenen Studien vorlegt, die nunmehr Gültigkeitswert beanspruchen, sollte allerdings klar bleiben. Eher wollte er uns - dazu passt der diesem Anhang voranstehende, Nietzsche entlehnte Untertitel „Fröhliche Wissenschaft“ - beispielhaft zeigen, wie im Historischen wühlende wissenschaftliche Recherchen die Neigung haben, sich immer mehr auszuweiten. Vielleicht liegt dem inhärent die These zugrunde, dass man über die Komplexität der Spätantike gegenwärtig überhaupt keine gültigen Aussagen mehr machen kann. Jedenfalls keine, die wesentlich über Gibbon hinausgehen. Dass Wyborny dabei fünf Tagebucheinträge einschaltet, soll den work-in-progress-Charakter wohl noch betonen. Aus ihnen erfahren wir immerhin, dass dieser Anhang innerhalb eines Monats geschrieben wurde, im April 2008. Thomas Friedrich Würzburg vom 29. 4. bis zum 10. 5. 2017

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K. Wyborny Fußnoten aus dem ersten Band der Völkerwanderung auf die in Band 2 oder diesem Vorwort erneut verwiesen wird 2

Gregorii Turonensis Historiarum, Tours 593

3 Martin von Tours, Heiliger (316-397), geboren in Pannonien (also dort, wo der Ich-Erzähler unserer Erzählung schließlich Zuflucht fand). Martin geht den umgekehrten Weg: Er verbrachte die Jugend in Norditalien, wo er den Militärdienst ergreift. 334 ist er bei einer Kavallerieeinheit in Amiens stationiert, vor dessen Stadttoren es im Winter 335 zur berühmten Szene mit dem geteilten Mantel kommt. Bei den Alamanneneinfällen von 353 dient er in Gallien (wo er dem Erzähler begegnet sein könnte), wobei er bei der anschließenden Wiederbefriedung durch Julian (355-363) vor Worms den Dienst verweigert und um die Entlassung bittet, die man ihm im folgenden Jahr, 356, nach 25-jähriger Dienstzeit, gewährt. Danach ist er bei Hilarius von Poitiers, den er verlässt, um nach Pannonien zurückzukehren, wo er seine Mutter bekehrt (und ebenfalls dem Ich-Erzähler begegnet sein könnte). Anschließend Rückkehr zu Hilarius in Poitiers. 371 Bischof von Tours, von wo aus Martin, im westlichen Gallien predigend, die Landbevölkerung bekehrt. 385 in seiner Funktion als Bischof in Trier, wo er in Konflikt mit dem Usurpator Magnus Maximus bei der Verurteilung des Häretikers Priscillian gerät. Stirbt 397 - mehr zur Vita des Heiligen Martin im Anhang (Vermischtes) 4 Chilperich I (lat. Chilpericus, frz. Chilpéric), merowingischer König (* um 537), Sohn von Chlothar I, der das Frankenreich (nach der auf Chlodwigs Tod folgenden Zersplitterung) wieder einte. Nach dem Tod Chlothars (561) wird dessen Reich zwischen Chilperich und den Halbbrüdern Charibert, Guntram und Sigibert aufgeteilt, alle Söhne Chlothars aus einer vorherigen Ehe, mit Soissons als Zentrum von Chilperichs Teil. Nach der Ehe mit Audovera (drei Söhne) heiratet er Galswinth, die Schwester der mit Sigibert verehelichten Brunhilde, eine westgotische Prinzessin. Um Fredegund zu ehelichen, lässt er Galswinth erdrosseln, woraus sich eine fürs merowingische Königshaus katastrophale Feindschaft zwischen Brunhilde und Fredegund entwickelt. Chilperichs politische Aktivität beginnt mit Attacken auf seinen Bruder Sigibert. Nach dem Tod Chariberts (567) streiten sie über dessen Besitz, wobei auch der dritte Bruder, Guntram, mitunter ins Spiel kommt. In die Enge getrieben, gelingt es Chilperich, Sigibert 575 ermorden zu lassen. Als er erfährt, dass sein Sohn Merovech Brunhilde, die Witwe Sigiberts, geheiratet hat, verdächtigt er ihn eines Komplotts und zwingt ihn, ins Kloster zu gehen. Als dieser daraus flieht, wird er gejagt, bis er 578 Selbstmord begeht. Unterdes lässt Chilperich Tours mehrfach plündern, Amphitheater in Soissons und Paris bauen, Bischof Praetextatus von Rouen wegen einer Verschwörung verurteilen und eine Steuerrevolte in Limoges mit großer Brutalität niederschlagen. Er verliert die ihm von Fredegund geschenkten Söhne Chlodobert und Dagobert durch die Ruhr (desentericus morbus), bestellt seinen Sohn Clovis in seine Residenz, wo er, wegen einer vermuteten Verschwörung, ihn und dessen Mutter Audovera umbringen lässt, wobei hinter dem Gemorde wohl Fredegund steckt, die den Nachwuchs ihrer Vorgängerin von der Thronfolge ausschließen will. Anschließend steckt er seine Tochter Basina (ebenfalls aus der Ehe mit Audovera) in ein Nonnenkloster, veröffentlicht einen Traktat über die Trinität, schreibt Gedichte, fügt dem römischen Alphabet 4 Buchstaben hinzu. - 581 verbündet er sich mit seinem (derzeit 11-jährigen) Neffen Childebert II (und dessen Mutter Brunhilde), um einen Krieg gegen Guntram vom Zaun zu brechen, bei dem er den Südwesten Frankreichs unter seine Kontrolle bringt. Er verliert einen weiteren Sohn Fredegunds, Theuderich, und bekommt (583) noch einen Sohn, Chlothar, der zwei Jahrzehnte später als Chlothar II und einziger überlebender Merowinger das Frankenreich noch einmal eint. Dann (584, mit 47) wird er bei Paris ermordet. - mehr in Anhang VII

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- „Zum Leben der Brunechilde“

Fredegund (gestorben 597), (lat. Fredegundis, frz. Frédégonde); erst einfache Dienerin, dann 5 Gattin Chilperichs (537-584); lässt Sigibert 575 in Vitry ermorden; sorgt dafür dass ihr Stiefsohn Merovech erst ins Kloster gesteckt und dann gejagt wird, bis er sich umbringt; verliert ihre Söhne Samson, Chlodobert und Dagobert durch die Ruhr; lässt die Geliebte ihres Stiefsohns Clovis und deren Mutter foltern und Clovis wegen versuchter Verschwörung umbringen; als Graf Leudast ausstreut, Gregor von Tours habe behauptet, Bischof Bertram von Bordeaux sei ihr Liebhaber, ist sie so nachtragend, dass sie Leudast zu Tode foltern lässt; aus Schmerz über den Tod ihres gleichfalls der Ruhr zum Opfer gefallenen Sohns Theuderich foltert und tötet sie, außer dem Präfekten Mummolus, etliche Pariser Hausfrauen, weil sie Theuderichs Tod durch Hexerei verursacht haben sollen; bekommt einen fünften Sohn Chlothar, später Chlothar II; flieht nach der Ermordung ihres Mannes Chilperich in die Pariser Kathedrale, während ihr Vermögen von König Childebert II, dem Sohn ihrer Feindin Brunhilde, eingezogen wird; sie sucht Hilfe bei König Guntram; nach Rueil verbannt, versucht sie mehrfach Brunhilde oder ihren Sohn töten zu lassen; bat Eberulf, den Schatzmeister König Chilperichs, nach dessen Tod mit ihr zusammenzuleben und klagt ihn nach dessen Weigerung an, Chilperich ermordet zu haben; als Bischof Praetextatus in Rouen auf ihr Drängen ermordet wird, beobachtet sie in der Kathedrale seinen Tod und vergiftet einen Mann aus Rouen, der sagt, es sei schlimm, einen Bischof zu ermorden; zu ihrer Verteidigung gibt sie an, einer ihrer Diener habe Praetextatus umgebracht; sie versucht auch, Guntram umbringen zu lassen; die endlosen Streitereien mit ihrer Tochter Rigunth führen dazu, dass sie das Mädchen in der Schatztruhe Chilperichs zu ersticken versucht; schickt 12 Mörder um König Childebert II umzubringen, die aber gefangen werden; und bittet ihren Schwager Guntram schließlich, ihren Sohn Chlothar zu taufen. - mehr in Anhang VII - „Zum Leben der Brunechilde“ 8 Wie etwa denen (in X, 8) von Eulalius und Tetradia, die ihren Eulalius verlässt, weil er lieber mit den Dienerinnen schlief und ihrer beider Vermögen verprasst. Weshalb sie sich mit dem Witwer Virus einlässt, der sie auffordert, bis zur Hochzeit Schutz bei Herzog Desiderius zu suchen, mit dem er befreundet ist. Also flüchtet sie samt dem kompletten Familienvermögens zu jenem Desiderius, der, sobald er vernimmt, dass Eulalius (den man zudem des Muttermordes verdächtigte) Virus aus Rachsucht umgebracht habe, Tetradia selber ehelicht. Worauf Eulalius zwecks Neuverheiratung eine Nonne aus Lyon entführt, wozu er erst wen aus ihrem Familienkreis umbringen muss, usw. usw., bis er etliche Jahre später Tetradia auf Rückzahlung des mitgenommenen Vermögens verklagt, was ein Bischofsgericht ihm zugesteht, das Tetradias von Desiderius gezeugte Kinder zudem für illegitim erklärt. 15 „Katholisch“ im Sinne des uneingeschränkten Glaubens an die Trinität, wie sie, in Folge des Konzils von Nicäa (325), insbesondere durch Athanasius (298-373) formuliert und propagiert wurde - im Gegensatz zu der auf Arius (260-336) zurückgehenden Glaubensvariante des Arianismus, der, verkürzt, Gott eine Christus gegenüber dominantere Rolle einräumt (was dem kausal operierenden, sogenannten gesunden Menschenverstand vielleicht eher einleuchtet). Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Glaubensrichtungen wurden unter Konstantins Söhnen, von denen nur Constans (337-350) „Katholik“ war, mit z. T. großer Erbitterung geführt, die das ganze Reich in Mitleidenschaft zog. Was zusätzliche Schärfe erhielt, als die Rom überrennenden Germanenstämme zunächst den arianischen Glauben annahmen. 17 Licinianus von Carthagena, epist. 3 - derzeit standen offenbar auch die Balearen unter katholisch-oströmischer Kontrolle 18 Bei dem sich im Jahr 585 ein Heer mit dem Ziel aufmachte, in Spanien die katholische Partei zu unterstützen (VIII, 30). Dabei saugte es, um sich zu ernähren und die Truppe bei Laune zu halten, erstmal die eigenen Gebiete an Saone und Rhone, sowie die um Toulouse, mordend und

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brandschatzend aus, bis man endlich zum (westgotischen) Carcassonne vorstieß, das in radikal antiker Manier völlig ausgeplündert wurde. Wobei ihnen die Westgoten danach auflauerten, das Beutegut abnahmen und sie zum Rückzug zwangen, auf welchem sie von der Bevölkerung Toulouses, der sie auf dem Hinweg übel mitgespielt hatten, verjagt wurden. Weshalb die Überlebenden auf dem Rückzug ins fränkische Kernland nochmal mordend die Rhone-Gegend brandschatzten. Was sich in der 50 Jahre nach Gregor entstandenen „Chronik des Fredegar“ (F IV, 5), in französischer Übersetzung, folgendermaßen verkürzte: „La vingt-sixième année du règne de Gontran son armée entra en Espagne; mais, accablée de maladies par l’insalubrité du pays, elle revint aussitôt dans sa patrie.“ 25 Nun, man mag über die Naivität dieser Rechnung lachen. Legt man ihr jedoch eine logarithmische Skala zugrunde (die beim Überliefern und Kopieren, bzw. kreativen Bearbeiten, der Original-Texte vielleicht verloren ging), kann man das in Gregors Berechnung skizzierte kreationistische Weltmodell numerisch gewiss ebenso mühelos mit den gängigen kosmologischen Vorstellungen in Übereinstimmung bringen, wie es den Klimaforschen gelang, die mathematisch nur im Einzelfall lösbaren Gleichungen der Hydrodynamik in Klimamodelle zu verwandeln, die ihrer (nach der Methode Pi mal Daumen erlangten) Zukunftsvorstellung präzis entsprechen. --- Wem das zu verstiegen klingt, der sei auf den Beitrag „Lob der Kreationisten“ im Anhang (Vermischtes) hingewiesen. 26 Brunhilde, lat. Brunechildis, frz. Brunehault (um 545/50-613), mehrfach bereits erwähnt, als westgotische Prinzessin Arianerin, heiratet König Sigibert, tritt deshalb zum Katholizismus über; 575 nach der Ermordung ihres Mannes von Chilperich nach Rouen verbannt, während ihre Töchter Ingund und Chlodosind in Meaux verwahrt werden; wird von Merovech, dem Sohn Chilperichs, in Rouen geheiratet. Von Chilperich deshalb verfolgt, begeht Merovech 578 Selbstmord. Fredegund versucht mehrfach sie und ihren Sohn Childebert II ermorden zu lassen, während ihre Tochter Ingund dem westgotisch-spanischen Thronfolger, den sie geheiratet hat, zum Katholizismus bekehrt; ist 587 in Andelot beim Einigungstreffen zwischen Guntram und Childerich II beteiligt -- soweit Gregor von Tours zu ihrem Lebenslauf bis 592. --- in diesem Jahr stirbt ihr Schwager König Guntram, 594 greift Childebert Fredegund an (die der Vormund Chlothars II ist), wird aber von ihr besiegt. 595 stirbt Childebert II, wodurch Brunhilde zur Regentin für ihre Enkel Theudebert II und Theuderich II wird. 596 stirbt Fredegund. 612 stürzen sich Brunhildes Enkel in einen Bruderkrieg, wobei der siegreiche Theuderich kurz nach dem Sieg stirbt, worauf Brunhilde ihren Urenkel Sigibert II zum König machen will, wogegen die burgundischen Adligen rebellieren und Fredegunds Sohn Chlothar II auf den Thron setzten, der sie 613 unter entwürdigen Umständen hinrichten lässt. - Mehr dazu in Anhang VII „Vom Leben der Brunechilde“ 37 Als Beispiel mag ein vom Heiligen Martin bewirktes „Wunder“ gelten: um den Bewohnern eines Dorfes zu beweisen, dass die Macht des christlichen Gottes stärker ist die der keltisch-druidischen Gottheiten, ließ er sich, als er einen heiligen Baum fällen wollte, dort festbinden, wohin der Stamm vermutlich fallen würde. Sodann bearbeitete man den Baum mit Äxten, wobei er zu krachen und ähnlich zu schwanken begann, wie der Glaube von Martins Gefährten, die allesamt dachten, Martin würde zerschmettert. Martin erhob indes „furchtlos und unbeeindruckt“ den Arm, um das Kreuzeszeichen zu machen. Und plötzlich schien der Baum durch eine unsichtbare Hand ergriffen und fiel in Richtung der Zuschauer, die auseinanderstoben. Ob durch den Wind, eine besondere Holzstruktur oder die Hand Gottes (oder durch die Hand Gottes, die den Wind benutzte bzw. im genau richtigen Moment eine bestimmte Holzstruktur schuf ), war unmöglich zu ermitteln. Doch ein berichtbarer Effekt war wohl entstanden. - Sulpicius Severus, Vita Martini 13, Tours 397 39 die angegebenen Werte ergeben allerdings 6063 Jahre. Da sie indes in fehleranfälligen römischen Ziffern angegeben sind, haben die Kopisten vermutlich beim einem oder anderen der Terme Fehler gemacht.

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I. Zum Leben des Heiligen Martin von Tours (Vom Rad des Lebens) -1Martin von Tours, Heiliger (316-397), geboren in Pannonien, verbrachte die Jugend in Norditalien, wo er auf Geheiß des Vaters, eines Soldaten, 332 (im 40 Dienst Konstantins ) den Militärdienst ergreift; ist erst in Mailand stationiert, dann (335) bei einer Kavallerieeinheit in Amiens, vor dessen Stadttoren es im Winter 336 zu der berühmten Szene kommt, in der er (als 20-jähriger) vom Pferd herab den Mantel mit einem unbekleideten Armen teilt - sein christliches Erweckungserlebnis, das ihn sich taufen ließ. Bei den Alamanneneinfällen von 353, während derer er wohl noch in Gallien dient, vertieft sich sein Glaube, wobei er 356, bei der anschließenden Wiederbefriedung durch Kaiser Julian (355-363), vor Worms den Dienst verweigert und um seine Entlassung bittet, die man ihm im folgenden Jahr (357), nach 41 25-jähriger Dienstzeit, gewährt. Danach sucht er die Gesellschaft des Hilarius von Poitiers42, der ihn zu sei40

Konstantin der Große (306-337), lat. Constantinus 41 Da die Vita Martini des Sulpicius Severus (s. u.) nur Relativ-Daten angibt (andere zeitgenössische Quellen existieren nicht), ist von den frühen Jahresangaben einzig relativ unstrittig, dass Martin unter Julian (355-363) im nordöstlichen Gallien den Dienst verweigerte. Das Geburtsdatum 316 orientiert sich (außer an einem als unseriös geltenden Sterbealter in einem anderen Werk des Sulpicius) an den präzise bei Gregor von Tours angegebenen Lebensdaten (I, 34), sowie der gewöhnlich 25-jährigen Dauer des römischen Militärdienstes, woraus kein Gesunder - auf Befehlsverweigerung stand die Todesstrafe - vorher entlassen wurde. Mitunter wird daher, bei Annahme weit kürzerer Militärzeit, ein späteres Datum für Geburt, und, parallelverschoben, die Mantel-Begebenheit genannt. Was indes dem zweiten Datierungsgrund widerspricht, dass der Militäreintritt bereits zur Regierungszeit Konstantins erfolgt sei, der 337 starb. Danach herrschte Konstantins Sohn Constans in Italien (337-350), während der in älteren Manuskripten (in Form von "sub rege Constantio, deinde sub Iuliano Caesare") auftauchende (anti-katholisch arianische) Constantius den Osten regierte (337-361). Da "sub rege Constantio" und "sub rege Constantino" sich nur in einem Buchstaben unterscheiden, setzte man seit der vulgata-edition des Hieronymus von Prato in nachfolgenden Kopien meist den Namen Konstantins an diese Stelle, was die editio von Halm philologisch exakter wieder auf Constantio korrigiert (1861), ohne dass man - durch Gregors Angaben zusätzlich bestärkt - inhaltlich von Constantino abließ. - mehr dazu in Teil III dieses Anhangs "Korrektur von Martins Geburtsdatum" 42 Hilarius, 350-367 Bischof von Poitiers, seinerzeit der prominenteste Vertreter des westlichen Katholizismus

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nem Diakon, vielleicht nur zu seinem Exorzisten macht, den er aber verlässt, um in Pannonien (oder Illyrien) die Mutter zu bekehren. Anschließend Rückkehr nach Italien, wo er, nach etlichen Disputen mit Arianern43, auf einer Insel bei Genua als Einsiedler lebt. 361 ist er wieder bei Hilarius, der (nach ebenfalls einem Konflikt mit dem unter Constantius II bis 361 herrschenden Arianismus) nach Poitiers zurückgekehrt ist. Außerhalb der Stadt gründet er (auf dem Gelände der heutigen Abtei Ligugé) die erste französische Kloster-Gemeinschaft. 371 wird er (das erste wirklich unumstrittene Datum) zum Bischof von Tours gewählt, wobei er durch seine bescheidene - in betont schäbiger Kleidung lebt er mit seiner Mönchstruppe in Holzverschlägen außerhalb der Stadt wunderwirkende Frömmigkeit nicht weniger beeindruckt, als durch seinen Eifer beim Verbrennen heidnisch-römischer Tempel und der Zerstörung von Statuen, die er „in Staub verwandelt“, indes er, mit der Effizienz des geschulten Soldaten, auf dem Land keltische Heiligtümer vernichtet und, ohne dass die druidischen Priester etwas dagegen vermögen, heilige Bäume fällt. 375 gründet er in der Nähe von Tours das Kloster Marmoutier, um von dort aus, im westlichen Gallien predigend, systematisch die Landbevölkerung zu bekehren, wobei sich seine Reiserouten, auf Grund zahlreicher Legenden und errichteter Kapellen, angeblich bis heute erhalten haben. 385 gerät er in Trier in einen Konflikt mit dem Usurpator Magnus Maximus (383-388, von Theodosius schließlich besiegt) bei der Verurteilung des Häretikers Priscillian. Inzwischen vermehrt sich, wie es heißt, sein Ruhm von Jahr zu Jahr, seine Wundertaten und Heilungen wandern von Mund zu Mund. 396 erscheint die erste Heiligenvita von Sulpicius Severus, 397 stirbt er in 44 Candes, 50 km flussabwärts von seinem Bischofssitz.

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Zur Erläuterung des Konflikts zwischen rechtgläubigen Katholiken, die an die Trinität, also die Identität von Vater, Sohn und Heiligem Geist glauben, und Arianern, für die Gott ("der einzig ungezeugte, der einzig ewige, der einzige ohne Anfang, der einzig wahre Gott, der Gott des Gesetzes, der Propheten und des Neuen Testaments, der seinen Sohn vor der Zeit und vor den Jahrhunderten gezeugt hat, indem er ihn dem Nichts entnahm, um ihm die Rolle des Demiurgen anzuvertrauen") eine gegenüber Christus bevorzugte Rolle einnimmt, siehe Fußnote Nr. 15 44 Im zweiten Jahr der Herrschaft von Arcadius und Honorius, zur Zeit des Konsulats von Atticus und Caesarius, in seinem 81. Jahr, dem 26. Jahr seines Bischofsamtes, wie Gregor schreibt (I, 48)

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-2Nach Martins Tod stritten sich Tours und Poitiers um seine Gebeine45, wobei die Bürger von Tours den Leichnam durch eine List entwendeten und der umtriebige Sulpicius ihn sofort als Stadt-Heiligen propagiert. Davon wollte Brictius jedoch, Martins Nachfolger im Bischofsamt (frz. Saint Brice), der sein Wirken als Zeitgenosse miterlebte und ihn, bei allem Respekt, wohl eher für einen Verrückten als einen Heiligen hielt46, nichts wissen. Und obwohl Sulpicius nun neben Briefen auch Dialoge schrieb, um die Welt von der apostelartigen Heiligkeit Martins zu überzeugen, ja, darin nun sogar behauptete, Martin hätte einer verrückten Kuh den Teufel ausgetrieben47 und (bei einem erneuten Besuch Triers) die Gattin des Kaisers von Menstruationsbeschwerden geheilt (oder zumindest sei Valentinians Thron 48 in genau dem Moment zerplatzt, als Martin vor ihm erschien ), wäre der zum Bischofsamt gelangte einstige Soldat wohl, wie manch anderer Fromme jener Zeit, langsam vergessen worden, hätte sich nicht die Völkerwanderung ereignet.49 Selbst heute ist sehr schwer zu beschreiben, was bei jener „Völkerwande50 rung“ im Einzelnen geschah , aber die lokale Geschichtsschreibung war ihrerzeit davon schlicht überfordert. 406 fielen (arianische) Vandalen und Sueben nämlich plündernd in Gallien ein, um drei Jahre später51 nach Spanien weiterzuziehen, wobei die Sueben in Galizien bzw. dem nördlichen Portugal zurückblieben.52 Unterdes 45 46 47 48

weiterhin Gregor von Tours, Gregorii Turonensis Historiarum I, 48 Gregor II, 1; ebenso noch in der legenda aurea (Kap. 167, Brictius) Sulpicius Severus, Dialogi II, 9 Sulpicius Severus, Dialogi II, 5 - wozu man vielleicht bemerken darf, dass sich Sulpicius in diesen Dialogen ein wenig ausschrieb, denn ihr Duktus und die oft humordurchtränkte Fabulierfreudigkeit erinnern zuweilen an Lukians "Göttergeschichten" 49 auf English: the (Germanic) migrations; frz.: les grandes invasions 50 Wie es sich für davon betroffene Individuen anfühlte, lässt sich, im Ansatz, in unserer Erzählung nachempfinden, wenn man für sie als Datierung das Jahr 406 akzeptiert 51 So auch Gregor II, 2 52 Wo sie bis ins Jahr 585 ein eigenes Königreich behaupteten. Und, wie die Linguisten sagen, dem heutigen (manchmal tatsächlich fast stuttgartsch anmutenden, weich "sch"-laut-lastigen) Sprachduktus des Portugiesischen (und - last not least - des nun von 180 Millionen gesprochenen Brasilianischen) entscheidend beeinflussten, der sich deutlich von der in Spanien sich entwickelnden härter klingenden ("ch"-lastigen) Variante des Lateinischen unterscheidet

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die Vandalen 429 nach Afrika übersetzten53, wo sie 439, nach der Eroberung Carthagos, im heutigen Tunesien ein sogenanntes Reich errichteten, das bis 534 Bestand hatte. Dann wurde es (obwohl der letzte König zum rechtgläubigen Katholizismus übergetreten war) von Ostrom unter Justinian erobert, wobei 546 der letzte Widerstand brach und die noch Überlebenden, versklavt, auf die oströmischen Provinzen verteilt wurden. Wonach die Vandalen als Stamm nicht mehr existierten und von ihnen an Spuren, außer zahlreichen Schreckenserzählungen (und anders als im Fall der Sueben), nur ein paar sonderbare Grabsteine blieben. 410 plünderten Alarichs Westgoten Rom, um nach seinem Tod bis in die Gegend um Bordeaux weiterzuziehen, wo sie - es 414 ebenfalls plündernd - sich festsetzten und eine nicht besonders stabile, von blutigen Thronfolgekämpfen gezeichnete (gleichfalls arianische) Herrschaft errichteten, unter deren Kontrolle auch Tours geriet, in welchem Ausmaß bleibt unklar. Die Folge war jedenfalls eine latente Anarchie (mit stets drohenden, lokal zaghaft auch aufflackernden Sklavenerhebungen), die, anders als bei den vorherigen Alamanneneinfällen, nicht wieder bereinigt werden konnte - was auch den Hoffnungsvollsten den Glauben an eine staatlich-römische Ordnung nahm und viele in die Verzweiflung trieb.54 Die Dramatik der Veränderung, muss zugleich die Hoffnung auf Wunder und das Wirken von Heiligen oder Reliquien, die Wunder bewirken, verstärkt haben, sodass die Rufe nach einem Stadtheiligen in Tours lauter geworden sein mochten. Da Bischof Brictius hartnäckig lieber die Missionierung der Umgebung von Tours fortsetzte und, ganz im Sinn Martins, dort weiter Dorfkirchen bauen ließ (was seine Nachfolger fortsetzten), musste man sich vorerst mit den Reliquien der Märtyrer Gervasius und Protasius begnügen, die Martin (wohl in Form von „brandea“, wie die Hüllen hießen, worin man Reliquien 53 54

Inklusive Frauen und Kindern (laut Prokopius) kaum mehr als 80.000 Köpfe Beispielhaft in der erhaltenen Autobiografie des Paulinus aus Pella ("Eucharisticus" - Loeb Classic Library "Ausonius II", London 1935) zu lesen, der, als Enkel des Ausonius, 376 in Mazedonien geboren wurde. Ab 379 lebte er in Bordeaux, wo ihm eine gute Erziehung und eine reich ausgestattete Jugend vergönnt war (Zeile 92 ff.); 406 Tod des Vaters, danach selber Landgutbesitzer; 414 Plünderung von Bordeaux durch die Westgoten (285 ff.), wobei er vom mit dem Westgoten aus Rom geflohenen Marionettenkaiser Priscus Attalus ein Pseudo-Regierungsamt erhielt, das ihn jedoch nicht vor westgotischer Willkür schützte; Flucht deshalb nach Bazas, das aber nicht sicherer war und bald ebenfalls von den Westgoten geplündert wurde (328 ff.); Ostern 421 nahm er die Kommunion (464 ff.); seine Autobiografie schrieb er, als hexametrisch gedichtete Danksagung an Gott, im Jahre 459, mit 83; mehr dazu in Fußnote Nr. 236)

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einnähte) einst in Vienne ausgehändigt wurden55, wo andere gallische Bischöfe ebenfalls etwas von den (durch Ambrosius 386 entdeckten56) Überresten der beiden bekamen. Insofern hätte er diese nicht „aktiv“ beschafft, wie es gern heißt, eher geht es auf eine Initiative des Ambrosius zurück, der als gebürtiger Trierer erkannt haben mochte, dass die großteils noch ungläubigen Gallier am leichtesten mit Reliquien und Zauberkraft beeindruckbar waren. In der Vita des Sulpicius (von dem sich nach 410 keine Spuren mehr finden, sodass er - nach der Zurückweisung durch Brictius zog er sich auf sein Landgut Primuliacum bei Toulouse zurück57 - wohl als Opfer der Völkerwanderung zu gelten hat) ist die Beschaffung jener Reliquien jedenfalls noch nicht als bemerkenswerte Leistung Martins erwähnt. Erst 430 - also unter nunmehr bereits westgotischer Herrschaft - wurde der Widerstand gegen die Verheiligung Martins geschwächt, als man Brictius ein Verhältnis mit seiner Waschfrau vorwarf. Denn als der Bischof das dreimonatige Baby öffentlich fragte (bei Gregor58 mitten in der Schilderung der Völkerwanderung), ob er der Vater sei, und dessen Kopfschütteln als Gottesbeweis seiner priesterlichen Unschuld gelten ließ, wurde er von den Bürgern von Tours aus der Stadt gejagt und ein neuer Bischof gewählt. Danach kämpfte Brictius 7 Jahre in Rom um die Rehabilitation, die ihm, nach einem Papstwechsel, gewährt wurde. 437 kehrte er zurück, um sein Amt wieder einzunehmen, was die Bevölkerung, vermutlich zu seiner Überraschung, klaglos akzeptierte, da sie mit zwei Nachfolgern (laut Gregor) noch schlechtere Erfahrung gemacht hatte (und der letzte, wie durch ein Wunder, grad verstorben war). Und so warn alle zufrieden, als Brictius - in Erinnerung an die gute alte Zeit, in der noch allerorts Frieden herrschte, weil ein Wunder-Wirker die Stadt beschützte - endlich eine kleine Kapelle über 55 Wie aus einem Brief des seinerzeit in Vienne anwesenden Paulinus von Nola hervorgeht, der Gregor (X, 31. 5) vorlag. 56 Augustinus "Confessiones" IX, 7 --- Heute sind die beiden - nach Gallien wanderten insofern nur Kleinteile ab - in der Krypta von S. Ambrogio in Mailand zu sehen: dort ruht, im Bischofsornat, das authentische Skelett des Ambrosius, links und rechts von ihm liegen (die einst geköpften) Gervasius und Protasius 57 Wo er zwei Kapellen (mit einem Baptisterium) errichten ließ und einer ganzen Gruppe von Klerikern und Mönchen aus Tour Unterschlupf bot, während er mit anderen aristokratischen Verehrern des Heiligen Martin Briefe austauschte - Petrie, La ville de Tours 103-111; Paul. Nol. Ep. 31 f. 58 Gregor von Tours (538-594), Gregorii Turonensis Historiarum, deutsch "Geschichte der Franken", im Folgenden der Vereinfachung halber stets "Gregor" genannt, mit den Buch-, bzw. Kapitelangaben in Klammern

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Martins Grab errichten ließ, in der er dann auch selber begraben wurde.59 Und während Bischof Eustochius (443-460) die Reliquien von Gervasius und Protasius in einer neu errichteten Kirche in Tours unterbrachte und 451 die Hunnen in Gallien einfielen, um dort die römische Zivilisation weiter zu erschüttern (bis Aetius und die Westgoten sie 452 besiegten), während des Weiteren das gründlich geschwächte Rom 455 erneut geplündert wurde (weit gründlicher diesmal durch die Vandalen), wurde der einstige Soldat allmählich zum „ersten Heiligen, der nicht als Märtyrer starb“.60 Denn der energische Bischof Perpetuus (460-490) riss die von Brictius errichtete Kapelle nieder61, um stattdessen ein Pracht-Gebäude „mit 52 Fenstern, 120 Säulen und 8 Türen“ zu errichten62, wo Martins Gebeine in der Apsis deponiert wurden. Darüber hinaus etablierte er zur Verehrung des jetzt vollends als heilig Akzeptierten ein Regelwerk aus Fasten und Vigilien und baute, das Werk seiner Vorgänger fortsetzend, eifrig weiter Kirchen in den Dörfern um Tours, die Gregor alle einzeln erwähnt.63 Nach dem Sieg Chlodwigs über die Westgoten, der diese nach Spanien vertrieb (wo erst die Araber 711 ihrer Herrschaft ein Ende setzten), wurde Tours 507 Teil des Frankenreichs. Und zwar so problemlos schnell, dass Chlodwigs fromme Witwe Chlothilde es zu ihrem Wohnort erkor. Und, bevor sie 445 dort starb, bei Bischofswahlen ihre Günstlinge durchzudrücken vermochte. Auch dass mit der Stadt unter Bischof Eufronius (555-573) sämtliche Kirchen abbrannten, konnte den Martinskult nicht mehr brem64 sen , denn die Kathedrale wurde von Gregor noch prachtvoller und schö59

In Gregors Darstellung (X, 31) wird nicht ganz klar, ob Brictius die Kapelle bereits vor seinem Exil errichtete, was aber die ausführliche Erzählung dieser Vorgänge des Sinnes entkleidet hätte. "Die Geschichte des Christentums" gibt dagegen an (Bd. 2., S. 974), sie sei (laut Petrie "La ville de Tours" 64-70) zwischen 430 und 437 errichtet worden, also genau der Interimszeit. Was allerdings ebensogut auf einer zu laxen Lesweise beruhen mag, wie einer Gregor korrigierenden Quelle oder gar einem präzisen archäologischen Befund. 60 Ein Schicksal, das sogar den Heiligen Augustinus ereilt hätte, wäre er 431 nicht schon bei der vandalischen Belagerung Hippos gestorben und nicht erst bei der Zerstörung und brutalen Plünderung seiner Stadt. 61 Wobei er deren eingewölbtes Dach ins ebenfalls neu von ihm errichtete "Saint-Pierre" einbauen ließ, wo es zu Zeiten Gregors noch vorhanden war (X, 31) 62 beschrieben in Gregor II, 14 63 Gregor X, 31 64 ebenfalls X, 31; ab irgendwann gehörte sogar Martins legendär gewordenen Mantel (seine cappa) zum Kronschatz der merowingischen Könige und wurde auf deren Reisen mitgeführt - laut Cobol "Dictionnaire d'Archaeologique Chret. III, 381/90" vom 7. bis ins 9. Jh.

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ner wiedererrichtet und 580, reichlichst mit teuren Fresken versehen, neu geweiht. Um 994 durch eine Feuersbrunst (Normannen?) wieder total zerstört zu werden. Nachdem auch ein unvollendet gebliebener Folgebau abbrannte, begann man 1170 dann mit der Errichtung einer ganz neuen Kathedrale gedacht als Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostella -, deren Fünfschiffigkeit spektakuläres Ausmaß hatte, die aber 1562 von den Hugenotten gründlich gebrandschatzt wurde, wobei man, nach der üblichen Zerstörung des Skulpturenschmucks, auch Grab und Reliquienschrein erbrach und die Überreste des Leichnams auf dem Boden zerstreute, wovon nur Teile später geborgen werden konnten. Was nicht verhinderte, dass der wiedergeweihte Bau in der französischen Revolution in Ställe verwandelt wurde, bis man 1802 das Langhaus völlig abbrach, und stattdessen - bei derlei Aktionen kamen wohl auch die Reliquien des Gervasius und Protasius unter die Räder - dort eine Straße anlegte. An Mittelalterlichem blieben nur zwei Türme (Tour del‘Horologe und Tour Charlemagne, 1928 zur Hälfte eingestürzt und 1963 restauriert), sowie einige Linien am Boden, welche Reste des Kreuzgangs und der Krypta markieren, deren Ort 1860 bei Ausgrabungen wiederentdeckt wurde. Sodass man 1887 beginnen konnte, darüber eine neue, moderne Basilika zu errichten, die 1924 fertiggestellt wurde, wobei die neu ausgestattete Krypta, worin man die erhaltenen Reste des Heiligen Martin nun aufbewahrt, wieder Pilgerziel ist. Zudem stehen inzwischen überall auf der Welt zahlreiche andere Martinskirchen, wobei in vielen die Mantelszene abgebildet ist, am schönsten (wenn nicht sogar der Bamberger Reiter danach gestaltet wurde) vielleicht in Lucca.65 Und in der Karibik hat man eine Insel nach ihm benannt.66 Sein Namenstag ist mit dem 11. November der Tag seiner Grablegung, und aufgrund seiner bewegten Vita ist er Schutzheiliger der Reisenden, der Armen, der Bettler, der Reiter, der Flüchtlinge, Gefangenen und Abstinenzler. 65 Fast lebensgroß bereits als Rundplastik ausgeführt, aber, auf Konsolen über den Bogen der

Vorhalle platziert, noch Teil des Fassadenschmucks; datiert 1220. Wie aus dieser Fassade auch aus der Romanik heraustretend, in zugleich ganz ungotischer, unsentimentaler, eher stolz-antiker Manier, zu der es in der Kunstgeschichte keine Parallelen gibt. 66 Auf deren holländischem Teil mir übrigens - ganz im Sinne der Martinschen Armenpflege - mal eine teure Film-Kamera aus dem Auto gestohlen wurde

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Als größter Sohn der Stadt - Martins Geburtsland war Ungarn - muss indes wohl (der 1799 geborene) Honoré de Balzac gelten, in dem das frei ausgreifende Fabulieren Gregors, das auch vor entlegensten Details nicht zurückschreckt, einen würdigen Nachfolger fand. Und Gregor stammte ja, wie von ihm mehrfach beteuert, aus dem noch heute in Frankreich für seinen Eigensinn bekannten Clermont-Ferrand. Deus le vult (Gott will es) -3Am Beginn dieses Prozesses (der beispielhaft die zueinander oft äußerst quer stehenden Durchdringungen zeigt, auf denen Europa fußt) stand indes das nicht ganz unkomplizierte Wechselspiel zwischen Martin und jenem Sulpicius Severus (363 - ca. 410), der als erster seine Vita schrieb.67 Und dem Martin (laut dieser Vita), wie einst Christus den Jüngern, die Füße wusch. Dass jener Sulpicius dabei kräftig, heute könnte man sagen, in die Tasten griff, verraten die Kapitelüberschriften, mit denen man das in der Blüte des Martinkults oft kopierte Buch später versah: 1.) Gründe ein Leben des Heiligen Martin zu schreiben 2.) Der Militärdienst des Heiligen Martin 3.) Christus erscheint dem Heiligen Martin 4.) Martin beendet den Militärdienst 5.) Martin bekehrt einen Räuber 6.) Der Teufel versperrt Martin den Weg 7.) Martin erweckt einen Catuchemen wieder zum Leben 8.) Martin wiederbelebt einen Erwürgten 9.) Die große Wertschätzung Martins 10.) Martin als Bischof von Tours 11.) Martin zerstört einen Altar, der einem Dieb gewidmet war 12.) Martin bewirkt dass Totenträger anhalten 13.) Martin entkommt einer fallenden Kiefer 14.) Martin zerstört heidnische Tempel und Altare 15.) Martin bietet einem Mörder den Nacken 16.) Durch Martin bewirkte Heilungen 17.) Martin wirft etliche Teufel raus 18.) Martin vollbringt etliche Wunder 19) Ein Brief Martins bewirkt Wunder, sowie andere Wunder 20) Wie Martin sich gegenüber Kaiser Maximus verhielt 21.) Martin hat sowohl mit Engeln 67

"De Vita Martini", entstanden vor 397. Außerdem von Sulpicius erhalten: "Chronicorum Libri duo" oder "Historia sacra", eine Geschichte der Kirche, die 400 endet; in seinen 3 "Dialogi", entstanden ca. 405 (wo er Martin neben Petrus und Paulus unter die Apostel einreiht), sowie 3 ebenfalls erhaltenen Briefen (ep. 1-3), erfährt man recht Interessantes aus dem Alltagsleben des damaligen Gallien. Er war mit Paulinus von Nola bekannt, der ihm (im 5. Brief an ihn) zu seinem "Leben des Martin" gratuliert. Augustinus bezeichnet ihn, vielleicht ein wenig herablassend, als "Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Weisheit" (ep. 205)

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als Teufeln zu tun 22.) Martin predigt sogar dem Teufel, dass er bereuen müsse 23.) Ein Fall teuflischer Täuschung 24.) Martin wird durch die Schliche des Teufels in Versuchung geführt 25.) Umgang von Sulpicius mit Martin 26.) Worte können das Wunderbare an Martin nicht fassen 27.) Die wunderbare Frömmigkeit Martins

Es ist (so blauäugig Sulpicius den Leser bittet, zu glauben, dass er nichts geschrieben habe, wovon er nicht sicheres Wissen oder Evidenz gehabt habe und dass er lieber geschwiegen hätte, als falsche Sachen zu erzählen68) also das volle Programm, wobei sich der Autor an der 373 ins Lateinische übersetzten Vita des Heiligen Antonius (251-356???) orientiert - mehrere Begegnung mit Satan etc. - und ein Hang zum Gnostisch-Manichäischen auffällt. Die in der Vita arg lange Strecke69 von Martins Taufe in Amiens (335) zu seiner Revolte gegenüber Kaiser Julian (356) - wobei Sulpicius sonderbarerweise dessen antichristliches Programm nicht erwähnt -, wird durch ein Gespräch mit einem Zeltkameraden überbrückt, darin sie einander versprechen, zusammen zu bleiben und den Glauben erst nach ihrem Abschied aus dem Militärdienst aktiv zu vertreten. Also Kunstgriffe und etliche Kosmetik (wie man sie, zeitverschoben, im Verhältnis des Heiligen Franziskus zu seinem ersten Biografen Thomas von Celano kennt, mit Gregor von Tours vielleicht in der Rolle des Heiligen Bonaventura), insofern der übliche pia fraus, den ich nicht werten will. Dabei ist Sulpicius ohne einen Abriss dessen, was das römische Reich jener Epoche ansonsten an Religionstheorie leistete, nicht recht verständlich. Es war die Zeit der superfleißig-tatkräftigen intellektuellen Kirchenheiligen Ambrosius (339-397), Hieronymus (347-419), Augustinus (354-430) und Johannes Chrysostomos (344?-407). Verglichen mit ihnen (und Paulinus von Nola, 354-431, aus dem Freundeskreis des Ausonius) war Sulpicius ein Provinzlicht. Das zwar vorgab, vom Heiligen Martin initiiert worden zu sein, wie die Jünger einst vom auf der Erde erschienenen Christus (Fußwaschung), 68 obsecro autem eos qui lecturi sunt, ut fidem dictis adhibeant, neque me quicquam nisi compertum et probatum scripsisse arbitrentur: alioquin tacere quam falsa dicere maluissem. -

Vita Martini 1. 9 69 Wobei Kardinal Newman die Militärzeit auf plausiblere zwei Jahre verkürzt, indem er die Konfrontation mit Kaiser Julian (als für ihn unglaubwürdig) streicht, um sich gleich Martins Lehrzeit bei Hilarius zuzuwenden - John Henry Newman, Historical Sketches, Vol 2, The Church of the Fathers, Kap. 10, London 1906; --- mehr zum Problem der Länge jener Militärzeit und ihrer Natur weiter unten, sowie ausführlichst dann in Teil III dieses Anhangs "Korrektur von Martins Geburtsdatum"

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aber er war weder ein Petrus noch ein Paulus, obwohl er das wohl gern werden wollte. Aber sein intellektuelles Niveau reichte weder an das des Paulus heran (dessen am Kreuz leidender Christus das Menschliche universell machte), noch an das der anderen erwähnten Koryphäen70, die die theologische Diskussion inzwischen auf weit höheres Niveau geführt hatten.71 Teufelsbegegnungen tauchen wohl noch in der 360 geschriebenen Antonius-Biografie des Athanasius72 auf (der bei seiner ersten Verbannung mehrere Jahre in Trier lebte73), aber da wirkten sie bereits als Konzession an die extreme Wüstenthematik 74 und daran gekoppelte Halluzinationen. Nach der intellektuellen (und, seit Valentinian I, auch staatlicherseits forcierten) Verdammung der manichäisch durchwirkten Gnostik, wozu auch Ambrosius beitrug, indem er auf Gratians Gesetzgebung einwirkte, war das in der katholischen Literatur jedoch vorbei.75 Worin sich vielleicht verrät, dass Gallien mit dem romfernen Westen des Reichs etwas zurückgeblieben war und gnostischem Gedankengut noch nicht recht entwachsen. Was die Kirche anfällig für derart beeinflusste Ketzereien machte, wie sie 385 auf dem - wir kommen drauf zurück - von Sulpicius in seiner „Kirchengeschichte“ beschriebenen Trierer Prozess gegen den spanischen Bischof Priscillian verhandelt wurden, der dazu führte, dass man - in vielleicht einer Überreaktion, gegen die Martin beim anwesenden Kaiser Magnus Maximus protestierte - jenen Priscillian samt 70

Die sich zum Teil arg beschimpften. So schreibt Hieronymus (wohl aus einer gewissen Übersetzer-Eitelkeit, da er ja selber viel übersetzte), dass Ambrosius ein Vogel sei, der sich mit fremden Federn schmücke und aus gutem Griechisch schlechtes Latein mache 71 siehe dazu Teil IV dieses Anhangs "Lob der Kreationisten" 72 Athanasius (298-373), seit 328 Bischof von Alexandria. Auf dem Konzil von Nicäa (325) beteiligt an der Formulierung des nicäanischen Glaubens, die zur Basis des trinitarischen Bekenntnisses wurde. Im Streit mit den Arianern (die annahmen, dass es eine Zeit gab, in der Jesus Christus noch nicht existierte und dass dieser von Gott dem Vater erst später gezeugt wurde - mehr dazu Fußnote Nr. 15) prominentester Vertreter eines unerschrocken-aggressiven Katholizismus, was zu mehreren Verbannungen aus Alexandria führte. Wobei sein offenbar äußerst temperamentvoller Charakter nicht immer zur Mäßigung beitrug. Mehr zu seinem Schicksal im Verlauf des Textes und diverser weiterer Fußnoten (z. B. der nächsten) 73 335-337, durch Konstantin d. Gr. verfügt, wobei Bischof Maximin (329-346) sein Gastgeber war 74 In Form von nachts erblickten Dämonen, Vorboten gewissermaßen der Ungeheuer der Vernunft, die später Goya, und noch später Flaubert (La Tentation de saint Antoine, 1874) dann darstellen wollten. 75 Wobei der Heilige Augustinus noch ein wenig nachtrat, bei dem sich der manichäische Teufel in, wenn man so will, die Erbsünde verkroch

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etlichen Anhängern köpfte.76 War Sulpicius ein halb noch im Manichäischen versackter Spinner, der sich naiv einen Heiligen zusammengebraut hatte? Für den gallischen Hausgebrauch, wobei sich dessen Wunderwirken an orientalischen Vorbildern zu messen hatte? Lag darin die Ursache jener mit der Militärdienstlänge zusammenhängenden Zahlenkonfusion? Man könnte es denken. Andererseits war Sulpicius, wie seine „Kirchengeschichte“, die „Historia ecclesia“, gleichfalls verrät, durchaus zu beachtlicher - mit extremer Verkürzung verkoppelter - Präzision fähig: Under this Herod, in the thirty-third year of his reign, Christ was born on the twenty-fifth of December in the consulship of Sabinus and Rufinus. But we do not venture to touch on these things which are contained in the Gospels, and subsequently in the Acts of the Apostles, lest the character of our condensed work should, in any measure, detract from the dignity of the events; and I shall proceed to what remains. Herod reigned four years after the birth of the Lord; for the whole period of his reign comprised thirty-seven years. After him, came Archelaus the tetrarch, for eight years, and Herod for twenty-four years. Under him, in the eighteenth year of his reign, the Lord was crucified, Fufius Geminus and Rubellius Geminus being consuls; from which date up to the consulship of Stilico, there have elapsed three hundred and seventy-two years.77 Knapper und präziser (4 + 8 + 18 = 30, gestorben also 29 AD) könnte es 78 auch ein moderner Theologe kaum darstellen. Und tatsächlich sind auch die von ihm angegebenen Lebensdaten Martins bei genauem Hinschauen durchaus konsistent. Es gibt darin nämlich gar keine fragwürdige Lücke, wie sie in den Lexika (oder gemäß den von Gregor angegebenen Zahlen79) erscheint. Denn bei Sulpicius vergehen zwischen „Amiens” und der Konfrontation mit Julian, anders als in den 76 77 78

Sulpicius Severus, "Historia sacra" II, 51 Sulpicius Severus, "Historia sacra", II, 27 Insbesondere wenn er nur die damaligen Datumsangaben nach Regierungsjahren von Herrschern zur Verfügung hätte, bei deren Addition es notwendig zu Rundungsfehlern kommt 79 Gregor I, 36 (wo Martins Geburtsdatum ins elfte Jahr der Herrschaft Konstantins (306337), also das Jahr 317 gelegt wird), bzw. I, 48

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Lexika, nicht zwanzig sondern explizit bloß zwei Jahre.80 Sodass sich aus Sulpicius Rechnung, orientiert man sie an einer möglichen Konfrontation mit Kaiser Julian, ein Geburtsdatum von 335/336 ergibt, und nicht eins von 317/318, wie allerorts zu lesen.81 Hm, rechnen konnte jener Sulpicius wohl. Und er spürte anscheinend auch die Faszination einer antiintellektuellen Renaissance des Christentums, sonst hätte er die Vita kaum in dieser einfachen Form geschrieben. Die Sehnsucht nach direkter Schlichtheit, einer klaren Rückbesinnung auf paulinisch-christliche Prinzipien wie Nächstenliebe und Armenpflege (wie sie durch den Heiligen Franziskus wieder kirchliches Sehnsuchtsziel werden sollten). Andererseits ähnelt sein Verhalten dem eines opportunistischen Intellek82 83 tuellen, der sein Segel - was man von Ambrosius oder Augustinus zu Beginn ihrer Karrieren ebenso gut sagen könnte - berechnend nach den Winden des Zeitlaufs richtete. Denn in den Jahren 391-394 hatte Theodosius heidnische Religionen verbieten lassen, und wie Augustinus, der seine bahnbrechenden „Bekenntnisse“ 397 schrieb (das vielleicht wichtigste Buch der Literaturgeschichte, weil darin erstmals - in selbst heute kaum fassbarer Radikalität - das geheime Innenleben einer Person ausführlich zu Tage tritt), fühlten viele endgültig eine neue Zeit angebrochen, in der heiter-heidnische Intellektualität zum Untergang verurteilt war. Damit ging eine Epoche zu Ende, die zwar für 80 81

Vita Martini 3 Auch in den vorzüglichen "Sources Chrêtiennes", worin die Vita Satz für Satz vorbildhaft philologisch untersucht wird: Sulpice Sévère "Vie de Saint Martin - Vita Martini Turonensis", 3 Bände, (SC 133, 134, 135), Genf 1967-69; ergänzt durch Sulpice Sévère "Chronique - Chronicorum I, II" (SC 441), Genf 1999 82 Ambrosius, Heiliger, geb. 339 in Trier, gest. 397 in Mailand. Als Sohn des Präfekten der Gallia Narbonensis, zunächst Politiker-Karriere. Wurde, als sich Arianer und Katholiken nach Constantius II und Julians Tod unversöhnlich gegenüberstanden, 374 als Kompromisskandidat zum Bischof von Mailand gewählt, obwohl er noch nicht getauft war. Da er, anders als Augustinus, griechisch konnte, bestand sein Verdienst für die Kirche nicht zuletzt darin, dass er dem Westen viele der komplexen theologischen Auseinandersetzungen auf lateinisch nahelegen konnte. Als Bischof der Residenzstadt Mailand (wo er es verstand, bei Konflikten die Bevölkerung zu mobilisieren), gewann er mit seinem radikalen Anti-Arianismus, wohl auch wegen seines Verständnisses politischer Vorgänge, starken Einfluss auf die Kaiser Gratian und Theodosius, und gilt daher als mitverantwortlich für die Etablierung des katholischen Christentum als alleiniger Staatsreligion. 83 Der sich erst Ostern 387 (von Ambrosius) taufen ließ,

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die Theologie äußerst fruchtbar war, aber das Reich derart in Mitleidenschaft zog, dass es vor den verstärkt nun einsetzenden Barbareneinfällen fast hilflos wurde. Doch wer jetzt nicht mittat, dessen gesellschaftliche Existenz war ernsthaft bedroht. Und wenn man daran teilzuhaben gedachte, an dieser vielversprechenden, dem jüngsten Gericht großtönig nun zustrebenden neuen Zeit, dann war äußerst empfehlenswert84, wenn man schon immer, selbst in der vorherigen Konfusion, als aktiv katholischer Christ gelten konnte. Oder solche, die es waren, nach Möglichkeit unterstützte. Sulpicius Biografie des Martin konstruiert jedenfalls das Bild eines - trotz der betont schäbigen Kleidung - damaligen Ideal-Charakters, den zu propagieren hochehrenwert war. Mit seinem Feldzug gegen heidnische Tempel und Statuen, „die er in Pulver verwandelte“85, nahm sein Martin die Religionspolitik des Theodosius bereits vorweg, der eben dies bald im ganzen Reich anordnete. Und Martins Mailänder Auseinandersetzung mit den arianischen Priestern von Constantius II, die in eine grummelnde Insel-Eremiten-Existenz mündete, passt ebenfalls perfekt in den Katholizismus des von Ambrosius sich leiten lassenden Theodosius, der die von Constantius herrührenden Relikte des Arianismus vehement (viele sagen: verantwortungslos vehement) bekämpfte.86 Widerstand gegen den Usurpator Maximus geleistet zu haben, der Gratian umgebracht hatte und von Theodosius nur äußerst mühsam besiegt wurde, war gleichfalls nun opportun. Selbst die verbale Revolte gegen Julian - im Militärkontext ein todeswürdiges Vergehen - nimmt sich gefällig aus, denn Julian, der sogenannte Apostat, ging bald darauf energisch gegen christliche Kirchen an und versuchte, das Heidentum wieder an deren Stelle zu setzen. Weshalb ihn die Katholiken ihn am liebsten der damnatio memoriae überführt hätte, was wiederum erklären mag, dass Julians Ansichten in Martins Vita nicht weiter erwähnt werden. Andererseits wäre das Zugeben 87 von offener Desertion, die in der verwirrten Zeit nahelag , Martin aber den Ruf eines feig-radikalen Staatsopponenten eingetragen hätte, der nicht als 84 Wie ja, mit verschobenen Koordinaten, bei den dramatischen deutschen Machtwechseln der letzten Zeit hinlänglich wieder zu besichtigen 85 "simulacra redegit in pulverem" - Sulpicius Severus, Vita Martini, XIV 86 Mehr dazu in Anhang VI "Justina in Mailand" 87 Zur "verwirrten" Zeit, in der einfachen Soldaten oft die Seiten wechseln mussten, wobei es fraglos zu zahlreichem Desertieren kam, mehr in Teil III dieses Anhangs "Korrektur von Martins Geburtsdatum"

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Beispiel gelten durfte, wiederum keinesfalls opportun. Der in Sulpicius Vita gefeierte Martin war insofern der perfekte Heilige, einer der politisch alles richtig gemacht hatte.88 Wer sich für ihn einsetzte, war auf dem richtigen Weg. Gregor von Tours hat die „Vita Sancti Martini“ zur Kenntnis genommen, ohne sie, abgesehen von der erwähnten Präzisierung, bzw. Korrektur, des 89 Geburts- und Sterbedatums, zu kommentieren. Auch die bis ins Jahr 400 reichende „Historia ecclesia“ des Sulpicius war ihm bekannt90, ebenfalls ohne dass er sich in seiner „Geschichte der Franken“ darauf einließ. Vielleicht weil sich in ihm, angesichts der Abwehr-Reflexe des Brictius, der ja, gleich dem Verfasser der Vita, ein Zeitgenosse Martins war, eine Portion Skepsis gegenüber dem selbsternannten Apostel der Heiligkeit Martins eingenistet hatte, wer will es wissen. Aber heute zählen sowohl Sulpicius Severus - dessen Heiligen-Traum (samt der schäbigen Kleidung) 800 Jahre später im Heiligen Franziskus91 weit glänzender Gestalt annahm -, als auch der Widerstand leistende Brictius ebenfalls längst zu den Heiligen. Wobei für beide das schöne Augustinuswort gilt, dass man den Beati und Sancti (was für Augustinus ebenfalls zutraf ) gottlob auch menschliche Schwächen finden kann, damit man sich angesichts der eigenen Sündhaftigkeit nicht allzu klein fühlen muss. Im Falle Martins (und Jesu Christi) gilt das nicht. Martin ging - sieht man seinem widersprüchlichen Soldatentum ab - aus der Völkerwanderung forsch, unbefleckt und perfekt hervor. 88

Da Ambrosius außer dem (Augustinus so stark beeindruckenden) hymnischen Gesang auch die Fußwaschung in die Liturgie einführte, kann man, wenn man so will, selbst in diesem eher rührend-naiv wirkenden Detail der Vita Martini eine opportunistische Geste erkennen. 89 Gregor X, 31 - dabei ist allerdings ausdrücklich von drei Büchern die Rede: "De cuius vita tres a Severo Sulpicio libros conscriptos legimus." - wobei sich die Dreizahl auch auf die drei "Dialogi" beziehen könnte. Was wiederum das von Gregor auf 317 fixierte Geburtsdatum erklären würde, denn nur in den Dialogi wird das Sterbealter angegeben. Insofern scheint nicht ganz ausgeschlossen, dass er Sulpicius Vita Martini gar nicht vorliegen hatte, sondern dass ihm ihr Inhalt nur per zweiter Hand vermittelt wurde. 90 Gregor I, 7 und Vorwort zu Buch II 91 Dem Martins Biografie gewiss nicht unbekannt geblieben war. Dass die Grabkirche des Heiligen Franziskus in Assisi einen umfangreichen Martin-Bild-Zyklus enthält (siehe Teil V, 15 dieses Anhangs: "Neues vom Heiligen Martin"), lässt darüber hinaus darauf schließen, dass dieser Zusammenhang von der Kirche bereits um 1300 bewusst in Szene gesetzt wurde.

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-4Im Jahr 380 stand Trier, wie sich herausstellen sollte, im Zenit seiner kurzen Blüte. Die Alamanneneinfälle waren vorüber, die Verwüstungen bereinigt, ein energischer Neuaufbau hatte begonnen. Selbst die Verwirrungen unter Constantius II92, der das Reich 353 wieder geeint hatte, danach jedoch auch den Westen zum Arianismus bekehren wollte93, schienen vorüber. Denn die belgischen Provinzen und das nördliche Gallien waren so wenig christianisiert, dass, anders als im Osten, absurd schien, sich über kleinliche Glaubensfragen den Kopf zu zerbrechen.94 Wenn nur nicht die Militärerhebungen wären, bei denen Offiziers-Cliquen einen der ihren zum Kaiser ausreifen95, um, als Inhaber hoher Ämter, dann das Reich auszuplündern. Genau dies -- um die Datenkonstruktion des Sulpicius auf den Prüfstand zu stellen, denn rechnen konnte er, und dass er sakrale Geschehen präzise in weltliche Dinge einzupassen verstand, nahmen wir gleichfalls zur Kenntnis, sodass wir nun versuchen können, sie mit unserer im Jahr 353 einsetzenden kleinen Geschichte zu synchronisieren, was im Folgenden durch kursiv insertierte Passagen geschehen wird -- war Magnentius am 28. Januar 350 auf einem Bankett in Autun geschehen (vielleicht hat ers auch selber 96 forciert ), als bekannt wurde, in welchen Schwierigkeiten Constantius II im Osten beim Kampf gegen die Perser steckte. Wobei dessen beim Militär unbeliebter (katholischer) Bruder Constans, der 92 Constantius II, geb. 317, Arianer, regierte 337 bis 361, ab 353 als alleiniger Herrscher des

römischen Reichs. Obwohl er nichtmal im Osten den katholischen Widerstand hatte brechen können, wie die erst 356 erfolgreiche Vertreibung des Athanasius aus Alexandria beweist 94 Obwohl Constans im Westen gegen die Arianer vorgegangen war und sich auf die Seite des Athanasius gestellt hatte. 95 Wie rasch sich diese permanente Bedrohung in die Tat umsetzen ließ, ist bei Ammian anhand der 355 in Köln stattfindenden Usurpation des Silvanus nachzulesen, die schon am 28. Tag mit der Erschlagung des Usurpators und der schnellen Aburteilung seiner Mitoffiziere führte. Bei jenen Usurpationen wurde der Usurpator von seinen Mitverschworenen oft gegen seinen Willen in die Verwegenheit getrieben - Amm. 15, 5 96 Dies suggeriert jedenfalls die um 500 geschriebene (klatschhaft allerdings zum Anekdotigen neigende) "Nea historia" des Zosimos, in der Magnentius auf jenem Bankett plötzlich perfekt als Augustus gekleidet erscheint.

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seit 340 in Mailand residierte -- (beraten97 vielleicht vom heidnischen Vater Latonas, dem es noch gelang, ihrem Gatten in Mainz das Kommando über die dortige Legion XXII Primigenia zuzuschanzen, bevor man ihn selber wegen unkatholischer Gesinnung aus dem Beraterkreis ausschloss - unterdes wiederum Priscilla (vielleicht gegen 340) nach Lyon kam, wo sie 345 die Unschuld verlor, wonach sie einen Trierer Tuchhändler heiratete und 348, als der Tuchhandel zwischen Lyon und Trier zu blühen begann, in den dortigen Regenten-Palast98 eingeladen wurde, wo sie ein Bürokrat verführte) --, zunächst hoffte, leicht mit dieser Usurpation fertig zu werden. Was sich als trügerisch erwies, denn die Mehrheit der gallischen Truppen schloss sich Magnentius an, sodass jener Constans fliehen musste und in den Pyrenäen erschlagen wurde. Da Magnentius, der selber Heide war und „nächtliche Opferungen“ durchführte, die Katholiken unbelästigt ließ, öffnete sich dem selbsternannten Augustus99 bald der gesamte Westen (darunter, zögernd, in Mainz auch Latonas Gatte, ebenfalls ein Heide, der wegen der Rückstufung seines Schwiegervaters ohnehin einen Groll auf Constans hatte), inklusive Italiens, das im zweiten Constantius - trotz der legitimen Abkunft von Konstantin - seines arianischen Glaubens wegen nicht den besseren Herrscher erkennen wollte. Die Schwächung der Reichsgewalt nutzend, ernannte sich am 1. März auch noch ein gewisser Vetranio, Heermeister der illyrischen Truppen, zum 97 Wobei wir, wie gesagt, hiermit beginnen, parallel dazu (also gewissermaßen als Extra-

Service für interessierte Leser) auch unsere im idyllischen Neumagen beginnenden Erzählung gemäß der zweiten Datierung (also das Jahr 353) einzupassen und so ihren Hintergrund zu erhellen. 98 Dabei muss es sich bei dem in der Erzählung mehrfach beschworenen "Regenten" nicht unbedingt um den Kaiser selbst gehandelt haben. Ebensogut könnte der höchste dort ansässige Provinz-Verwalter gemeint sein. Der in Trier, von wo aus, seit der Reichsreform Diocletians (284-305), der gesamte Norden kontrolliert wurde, sehr hohen Rang hatte 99 Die Unterscheidung von "Augustus" und "Caesar", beide oft einfach als "Kaiser" übersetzt (auch in antiken Quellen oft lax gehandhabt,) geht auf die von Diocletian eingeführte "Tetrarchie" zurück. Da das römische Reich unter Militärerhebungen litt, teilte er es in zwei Bereiche unter jeweils einem "Augustus" auf, die das Imperium gemeinsam regierten und sofort zur Stelle sein konnten, wenn eine Erhebung drohte. Jeder von ihnen sollte einen "Caesar" ernennen, der, als designierter Nachfolger, schon mal Praxis im Regieren bekam. Auf diese Weise herrschten stets 4 Kaiser, von denen die 2 Caesaren etwas niedrigeren Rang einnahmen. Dieses komplexe Adoptionssystem wurde dann von Konstantin (306-337) gesprengt, der das Reich wieder vereinte. Nach seinem Tod teilten die drei Söhne Constans (337-350), Konstantin II (337-340) und Constantius (337-361) es unter sich auf. Dabei kam es zu Streitigkeiten zwischen Constans und Konstantin II, in deren Verlauf letzterer 340 starb. Im Rahmen einer neuen Einigung übernahm der (arianische) Constantius dann den Osten, während der (katholische) Constans den kompletten Westen, also Italien, Afrika westlich Ägyptens, Spanien, Gallien und Britannien, erhielt.

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Augustus. Dem (unterdes bekam, folgt man dem Zahlenwerk des Sulpicius, der inzwischen 14- oder 15-jährige Heilige Martin in Pavia erste Eindrücke vom katholischen Glauben100) am 2. Juni in Rom, als zeitgleich dritter Usurpator, Nepotiamus folgte, ein entfernter Verwandter Konstantins des Großen, in einem, gegen wiederum Magnentius nun gerichteten, sogenannten „Aufstand der Gladiatoren und verzweifelten Männer“, der schon am 29. Juni niedergeschlagen war, wobei man Nepotiamus Kopf auf einer Lanze durch die Straßen trug. Dadurch ermutigt (indes Latona, die Mutter der Legion XXII, anlässlich der Mainzer Saturnalien eine kurze Affäre mit einem höflichen Offizier hatte, der Ich-Erzähler bei den anhaltenden Alamannen-Überfällen die Frau verlor und Priscilla mit Serena den Trierer Circus unsicher machte) gedachte Magnentius, eventuell im Verbund mit Vetranio, auch die östlichen Reichsteile unter Kontrolle zu bekommen und ernannte zur Sicherung der Rheingrenze und Galliens - wo man, um genug Soldaten zu haben, die Truppen erheblich ausdünnen musste - seinen Bruder (oder Cousin) Decentius101 zum Caesar. -5Constantius II (337-361) reagiert auf Magnentius (350-353) Daher wurde Constantius zu einem überstürzten Frieden mit den Persern gezwungen und machte sich, seinen Halbneffen Gallus als Caesar des Ostens einsetzend, auf gen Westen, was Vetranio, (während Latona beim Besuch einer Freundin auf deren Landgut von Alamannen geraubt wurde und ihr Gatte sie fortan für tot hielt, Priscilla mit einem Steuereintreiber anbandelte, und Serena - unterdes Decentius in Trier bei einem Bankett in der Palastaula seine imperiale Anwesenheit demonstrierte - sich den Bürokraten zur Brust nahm) veranlasste, gegen das Versprechen eines friedlichen Rentnerdaseins, gleich 102 die Waffen zu strecken. Sodass Magnentius, der sich längst in der Rolle des großen Konstantin sah (der, ebenfalls von Gallien aus, das komplette römische Reich erobert hatte), 100 101

Denn dieser Bereich gehörte zuvor zum Herrschaftsbereich des katholischen Constans Von dem es etliche Münzen gibt, wie überhaupt das Bestreben der Usurpatoren davon gekennzeichnet war, dass sie möglichst schnell Münzen mit ihren Porträts prägen ließen. Auch in Trier gab es eine äußerst aktive Prägestelle. 102 Erstaunlicherweise hielt Constantius dieses Versprechen, Vetranio starb, nach einem wohldotierten Lebensabend, erst 6 Jahre später in Prusa

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beim Eindringen in den Ostteil plötzlich unerwartet starkem Widerstand begegnete und am 18. September 351 beim pannonischen Mursa in einer furchtbaren Schlacht (an welcher - wenn er nicht noch an der Rheingrenze oder irgendwoanders Wache schob -, wohl auch Latonas Gatte mit seiner ruhmreichen Legion XXII beteiligt war, von welcher man danach nie wieder hörte, indes Priscilla und ihr gutmütiger, leider stark trinkender Ehemann, nachdem sie ihm die Bürokratenaffäre gestand, sich wieder vertrugen, weil er, trotz der wirklich nicht leichten Zeiten, immer besser gehende Geschäfte mit Lyon machte, das zum Zentrum des nördlichen Tuchhandels wurde) sein Stalingrad erlebte und besiegt wurde. Wonach sich Magnentius mit neuem Truppenaushebungen in Italien zu konsolidieren suchte (wobei er, zum Mittel der Zwangsrekrutierung greifend, auch den erst 15-jährigen Heiligen Martin als Sohn eines Militär Tribunen in Pavia zur Kavallerie einzog103) und sogar in Ägypten zu intrigieren begann, wo er dem in Alexandria weilenden Athanasius durch bischöfliche Boten vorschlug, von Constantius, so endlich den universellen Sieg des Katholizismus einläutend, in einem angezettelten Volksaufstands abzufallen.104 Während Constantius, atemschöpfend, ebenfalls neue Truppen versammelte, mit denen er im nächsten Jahr (352), nach einem Rückschlag bei Pavia (dem vorherigen Aufenthaltsort des Heiligen Martin, sodass dieser bei jenem Gefecht zugegen gewesen sein mochte105) langsam ganz Italien in Besitz nahm, unterdes er den gegnerischen Soldaten wiederholt (durch Geldgeschenke versüßte) Amnestieangebote machte (und Priscillas Gatte, als er erfuhr, dass sie auch mit einem Steuereintreiber was hatte, seiner Frau den Umgang mit Serena verbot, wohingegen Latona im Spätherbst 352 von einer verzweifelt werdenden Alamannengruppe, die von römischen Hilfstruppen gejagt wurde, in der Nähe von Metz für einen Spottpreis an Calixus verkauft wurde), worauf sich Magnentius, die Alpenpässe befestigend, ganz nach Gallien zurückziehen musste. Wo er - mittlerweile heiratete Constantius die schöne Eusebia

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- im Som-

103 Mehr zu den Details dieser Zwangsrekrutierung und inwiefern sie der römischen Rechtslage entsprach in Teil III dieses Anhangs: "Korrektur von Martins Geburtsdatum", wo die diversen Datierungen von Martins nun folgendem Handeln begründet werden. 104 Athanasius, Apol. Ad Const. 9-10; Hist. Ar. 51.4; Apol. Ad Const. 241.7 105 Wenn er sich nicht noch in Ausbildung befand 106 Nach dem Tod von Constantius erster Gattin, der Tochter von Julius Constantius. Zur Hochzeit soll die extrem gut aussehende und gebildete Eusebia mit ihrer Mutter unter dem Geleit

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mer 353 (nachdem er die Rheingrenze weiter geschwächt hatte und die Stadt Trier unter einem Poemenius107 vor Decantius plötzlich die Tore schloss, um sich für Constantius zu erklären) hinter genau einem dieser nach Gallien führenden Pässe über die Cottischen Alpen (mit oder ohne Beteiligung des nun 16- oder 17-jährigen Martin) am Mons Seleucus108 erneut besiegt wurde - worauf er (unterdes Latona bei Calixus irgendwie überlebte) in Lyon im August 353 Selbstmord beging. Was ihm sein Bruder (oder Cousin) Decentius eine Woche drauf nachtat, wohingegen Magnentius Frau Justina „nach dem Ableben des Gatten ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen vom späteren Kaiser Valentinian geheiratet wurde“.109 Wonach Constantius mit seinen von der Alpenüberquerung und der folgenden (dank des arianischen Gottes siegreichen) Schlacht erschöpften Truppen (zu denen Martin, wenn er es nicht im Vorjahr bereits tat, spätesten jetzt übergelaufen sein musste110), in Arles zu überwintern gedachte. Und nur kleinere Verbände nach Norden vorstoßen ließ, um die dort verbleibenden Gefolgsleute des Magnentius zur Aufgabe zu bewegen; während er selber in Arles Theateraufführungen und prachtvolle Zirkusspiele veranstaltete111, bei denen am 10. Oktober (wie es so kommt, genau 3 Tage, nachdem Priscilla und der Ich-Erzähler einander in Neumagen an einem wunderschönen Herbstabend begegneten, der für lange, lange Zeit der letzte schöne in jener Gegend und ihrer beider Leben war) Anhänger des Magnentius genussvoll zu Tode gebracht wurden (darunter Latonas Gatte), unterdes eine ebenfalls in Arles stattfindende Synode der Westbischöfe den Katholizismus des Athanasius verurteilte112 und die Franken und Alamannen, außer Mainz einer prunkvollen Kavalkade von Thessaloniki nach Italien gebracht worden sein, so sicher fühlte sich Constantius bereits seines Sieges (Amm. 18, 3.2; Julian, or. 3; Brief an die Athener 273a; Zosimos 3, 1.2). Sie starb kinderlos 360, wonach Constantius eine gewisse Faustina ehelichte, von der er posthum eine Tochter, Constantia, hatte, die 374 Gratian heiratete. 107 Aus Ammian 15, 6. 4 zu erschließen 108 La Bâtie-Montsaléon, Departement Hautes Alpes 109 So zu lesen in Zosimos IV, 3, wobei die Ehe allerdings kaum vor 367 zustande gekommen sein konnte, als Valentinian I bereits Kaiser war. Mehr zu jener hochinteressanten Justina (gest. 388), der Großmutter der berühmten Galla Placidia, in Teil V und VI dieses Anhangs: "Neues vom Heiligen Martin", Kapitel 13 (Melancholie vor der Apokalypse), bzw. "Justina in Mailand". 110 Da er sich anschließend ja im Dienst Julians befand, der Ende 355 von Constantius zum Cäsar ernannt wurde 111 Ammian 14, 1 112 Auf der Synode von Arles wurde im Oktober 553 versucht, dem Arianismus per Dekretsbeschluss im ganzen Reich zum Durchbruch zu verhelfen. Constantius setzte die Westbischöfe

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(wo die dort verbliebenen Reste der Legion XXII aufgerieben wurden) und der Moselgegend, bald auch das ganze nördliche Gallien mordbrennend und plündernd überrannten, was sie die Jahre zuvor nur in kleineren Trupps gewagt hatten. Im November erreichte der Ich-Erzähler (nachdem er Latona bei Calixus begegnet war und Priscilla an einen Alamannentrupp verlor) das in Trümmern liegende Metz und im Dezember schließlich Lyon, das verschont geblieben war, weil Constantius in aller Eile noch einige kampffähige Verbände113 nach Norden geschickt hatte, die (mit oder ohne den Heiligen Martin) jedoch nur bis Châlon-sur-Saône kamen. Ein weiteres Vorrücken schien selbst dem frisch ernannten, wagemutigen General Silvanus in der vorgeschrittenen Jahreszeit, darin die Verpflegungslage wegen der alamannischen Brandschatzungen besorgniserregend war, zu riskant. Nun war Constantius zwar (bis zu seinem Tod im Jahr 361) Alleinherrscher des römischen Imperiums und nannte sich nun „Herr der Welt“ und „Meine Ewigkeit“114, aber er musste eingestehen, dass „die gallischen Territorien durch das Eindringen der Barbaren infiziert (infested) waren und dass Franken, Alamannen und Sachsen vierzig Städte am Rhein nicht nur in Besitz genommen, sondern sie sogar ruiniert und zerstört hatten, wobei sie eine Unzahl von Einwohnern (als Sklaven) abtransportierten und eine dazu proportionale Menge an Beutegut“.115 -------------------------------------------------------------------------Mittwoch 9. April abends bei Fernsehen versuche ich, da wir beide das Mausoleum der Galla Placidia (der Enkelin der grad kurz angesprochenen Kaisergattin Justina) in Ravenna recht gut kennen, meiner Frau die Geschichte der Galla zu erzählen. Wobei ich aus pädagogischen Gründen beim Mausoleum anfing. Und insofern die Geschichte am unter Druck, indem er jedem, der dagegen stimmte, die Verbannung androhte. Als einziger stimmte Paulinus von Trier (dort seit 347 im Amt) für Athanasius und wurde deshalb nach Phrygien verbannt, wo er 358 starb - wobei ihm die Einladung nach Arles andererseits, wie aus dem gleich Folgenden ersichtlich, zunächst das Leben gerettet hatte. 113 Aus einem Rückbezug Ammians auf einen verlorenen Band seines Geschichtswerks erschließbar - Amm. 16, 2 114 "Dominus orbis totius" und "Aeternitas mea", Amm. 15, 1. 3 115 Zosimos III, 1

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Ende begann, dass sie also nicht in ihrem Mausoleum in Ravenna bestattet wurde, weil sie zum Zeitpunkt ihres Todes in Rom war (was meine Frau noch weiß), wo sie zurückgezogen lebte, nachdem ihr Sohn volljährig wurde (das weiß sie allerdings nicht mehr, und auch mir war es entfallen, obwohl ich es in den letzten 30 Jahren bestimmt 5 mal las), nachdem sie für ihn die Regentschaft ausgeübt hatte und zuvor mit ihm als Dreijährigen in Konstantinopel bei ihrem Neffen Theodosius II war, weil sie sich mit ihrem Halbbruder Honorius gestritten hatte, nachdem ihr zweiter Gatte Constantius III überraschend starb, den Honorius ein Jahr zuvor zum Mit-Augustus machte, nachdem sie mit jenem Constantius die Ehe schloss, direkt nachdem sie von den Westgoten zurückgekommen war, die grade ihren vorherigen Gatten, den Westgoten Athaulf umgebracht hatten, den sie (natürlich zuvor) geheiratet hatte, um die Westgoten mit der römischen Idee zu versöhnen, wobei ihr die Idee in der Zeit nach Alarichs Tod kam, von dem sie bei dessen Plünderung Roms entführt worden war, wonach er aber gleich am Busento starb, usw. usw., wobei meine Frau längst mit dem Zuhören aufgehört hatte, weil sie ein Fußballspiel im Fernsehen mehr interessierte und ich schließlich verstumme. --- Idee, diese Geschichte (in richtiger Reihenfolge, denn schon beim Erzählen merkte ich, dass sehr schwer ist, eine Geschichte falsch herum zu erzählen, und schwerer ist es offenbar noch, sie falsch herum zu begreifen) jetzt an den Schluss unseres im Jahr 350 begonnenen Parforce-Ritts durch die Geschichte zu setzen, der insofern dann in Galla Placidias leer gebliebenen Mausoleum enden könnte, das sich mit (unser aller) Zukunft füllen würde, denn seine unbefriedete Leere wollte gefüllt werden (grad weil die entscheidenden Keimzellen der europäischen Kultur als Versprechen einer goldenen Zukunft bereits darin vorhanden waren: 1.) der blaue Sternenhimmel Giottos, der die Menschheit direkt auf den Mond führen würde; 2.) das (abgebildete) Leiden des Heiligen Laurentius, das sich in eine sentimentalisierende Medienkultur verwandeln würde, in der fremdes Leiden unser Mitgefühl erregt; außerdem: die Dünnschliff-Alabaster-Fenster, die zu unseren Glaspalästen führen würden; die eigenwillig bullige Ziegelarchitektur…) usw. usw.

-------------------------------------------------------------------------6Beginn der Wiedereroberung Galliens (354)

Dementsprechend schwer gestaltete sich die Wiedereroberung. Nachdem man wegen ungewöhnlich heftiger Frühjahrsregen und über die Ufer tretender Wasserläufe lange auf einen Proviantzug aus Aquitanien hatte warten müssen und es grad noch gelang, eine Meuterei der erschöpften, nun 213

auch hungrigen Soldaten mit eilig aus Arles herbeigeschafftem Geld zu unterdrücken116, versuchte ab Juni / Juli ein Kontingent von etwa 8000 Mann, also zwei knappe klassische Legionen, unter dem erwähnten General Silvanus117 nach Köln vorzustoßen.118 Wovon gewiss ein beträchtlicher Teil der Reiterei (darunter, kann sein, der Heilige Martin) die Aufgabe hatte, in dem verwüsteten Land, das noch immer von Germanen durchsetzt war, 119 die Flanken zu sichern. Während Kaiser Constantius (indes Priscilla, vermutlich über Arles gereist, wo sie den reichlichst mit Eunuchen ausgestatteten Hofstaat des Constantius vielleicht kurz zu Gesicht bekam, längst Mailand erreicht hatte, der Ich-Erzähler in Lyon bei einem Tuchhändler als Schreiber arbeitete und Latona einen Sohn gebar, von dem sie hoffte, dass er von dem netten Holzhändler war und nicht von einem Holzkohlesklaven) von Châlon bis nach Basel vordrang, ohne dass ihm, auch weil das Jahr (in dem der Heilige Augustinus, wohl die bedeutendste Erscheinung jener Epoche, im nordafrikanischen Thagaste geboren wurde120) bald weit fortgeschritten war, gelang, die Alamannen dort entscheidend zu vertreiben. Zumal Gallus aufmüpfig wurde, und, durch eine Intrige in den Westen gelockt, Ende 354 (nachdem Priscilla, nun äußerst zurückgezogen lebend, den Einmarsch eines Großteils der erschöpften kaiserlichen Truppen ins Mailänder Winterlager beobachtete) zur gleichen Zeit umgebracht werden musste, als sich der Heilige Martin, genau wie von Sulpicius berichtet, 3 Jahre nach seiner Einziehung, als junger Reitersoldat vor den Toren der Stadt Amiens befand, wohin sein Reiterkontingent zur Sicherung von Silvanus linker Flanke beordert worden war. 116 Ammian 14, 10 117 Amm. 16, 2, wobei man erfährt, dass jener Silvanus fränkischer Abstammung war. Wie

überhaupt die Zahl der hohen Offiziere überrascht, die in einem Elternteil germanische (insbesondere fränkische) Wurzeln hatten. Nach 375 sollten Vandalen (Stilicho) und vor allem Goten die Franken in hohen Offiziersrängen allmählich verdrängen. 118 Dessen städtischer Kern (trotz eines in der Stephanstraße gefundenen riesigen Münzschatzes mit Prägungen des 353 gestorbenen Magnentius, was auf radikales Plündern im folgenden Jahr schließen lässt), anders als die übrigen Rheinstädte, wohl noch weitgehend unversehrt war (so jedenfalls Werner Eck, Köln in römischer Zeit, Köln 2004, S. 624). Ammian erwähnt eine katastrophale Plünderung jedenfalls erst für Ende 355 und listet es bei seiner Darstellung der Kampagne von 356 (in 16, 3) dann unter den vollkommen zerstörten Städten auf. 119 Wie es bei Ammian für die folgenden Feldzügen Julians bezeugt wurde, als es stets zu weit ausholenden Flankenoperationen der Kavallerie kam, während das Hauptkontingent sich spätestens ab Mitte Oktober langsam ins Winterlager begab. 120 Und der heilige Hieronymus (347-419) von seinem wohlhabenden Eltern aus Dalmatien nach Rom geschickt wurde, um dort Grammatik, Rhetorik und Philosophie zu erlernen

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In einer Szenerie, die von grenzensprengendem Elend, von immer größer werdender Hoffnungslosigkeit bestimmt war, und ziellos das Land durchziehenden Flüchtlingstrecks. Mit vielen, die ihre Liebsten verloren hatten und den meisten Besitz ohnehin, während es anderen (unsere kleine Erzählung gab davon ja einen Eindruck, der naturgemäß nur einen winzigen Ausschnitt erfasste) noch schlimmer ging - dauernd unter der Bedrohung ausgeraubt, vergewaltigt, versklavt oder schlicht getötet zu werden. In einem unbeschreibbaren (an die Ereignisse zum Schluss des letzten Weltkriegs erinnernden) Geschehen, worin rücksichtsloser Egoismus oft die einzige Lebenschance zu bieten schien und man Verhungernde oder Erfrierende einfach zurückließ, um nicht selber verhungern oder erfrieren zu müssen. - Und in dieser Szenerie war es vielleicht genau die in äußerster Not empfundene Geste des geteilten Mantels, diese Geste von (später ‚christlich‘ genannter) menschlicher Brüderlichkeit, die dem jungen Martin, der von den wirren Geschehnissen seit seiner Einziehung ohnehin extrem verwirrt gewesen sein musste) wieder Halt bot und zu einem sogenannten Erweckungserlebnis geführt haben mochte; und, bald darauf (Ende 354 oder Anfang 355), ganz wie Sulpicius überliefert, im Alter von 18 seiner Taufe.121 -7– Julian wird Caesar und sein Feldzug an den Rhein (355-356) Um die Wiedereroberung Galliens noch zu komplizieren, erhob sich 355 (während Latonas Vater starb und sein Vermögen, da er kinderlos war und der Schwiegersohn proskribiert, von Constantius Verwaltung eingezogen wurde, und der Erzähler nach Süd-Pannonien auswanderte) infolge einer seltsamen Intrige in Köln plötzlich der den Feldzug kommandierende General Silvanus zum Usurpator, was Martin weiter irritiert haben mochte. Aber nachdem 122 man jenen Silvanus bereits nach 28 Tagen erschlug , konnte Constantius, Ursicinus zum neuen Kommandeur der nördlichen Truppen bestellend, erneut Richtung Bodensee vordringen. Erneut ziemlich erfolglos. Sodass er, der kleinteilig werdenden Aufgabe (die einem Herrscher der Welt, dem 121 Mehr dazu, inklusive der Diskussion möglicher Einwände gegen diese Datierung in Teil III dieses Anhangs "Korrektur von Martins Geburtsdatum" 122 Genau beschrieben in Ammian 15, 5, demzufolge Silvanus auf dem Weg zur christlichen Morgenandacht erschlagen wurde - womöglich an exakt der Stelle, wo heute der Kölner Dom steht. Gute Argumente dafür in Werner Eck, Köln in römischer Zeit, Köln 2004, S. 632 ff. und S. 644.

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Nachfolger Alexanders, nicht angemessen schien) müde und wohl auch ratlos, den (außer ihm) letzten lebenden männlichen Spross der konstantinischen Familie, Julian, als Caesar im Westen einsetzte. Damit dieser die lästige Aufgabe der Wiederbefriedung Galliens übernahm und er selber sich wieder dem Osten widmen könnte123 (wobei Priscilla Julians Kaiserkrönung in Mailand bezeugen konnte und sich anlässlich der Festlichkeiten erstmals wieder unter Leute begab). 356 übernahm Julian (während der Katholizismus auf der Synode von Béziers - in Verschärfung der Beschlüsse von Arles - erneut verdammt wurde und der Heilige Hilarius, weil man ihm das Rederecht verweigerte, ein Pamphlet „Adversus Valentem et Ursaicum“ gegen die illyrischen Protagonisten der arianischen Richtung schrieb und die Alamannen Calixus Dorf überfielen, wobei dieser umkam, als er unter der Folter sein Geldversteck nicht verriet und Latona sich und ihren Sohn nur retten konnte, weil sie inzwischen etwas Alamannisch sprach und behauptete, der Vater ihres Kindes sei der alamannische König Chonodomarius, dessen Namen sie mal aufgeschnappt hatte, worauf sie mit einigen anderen Überlebenden aus Calixus Sklavenstaat auf die Rheininseln bei Straßburg verschleppt wurde) den Befehl für den Krieg gegen die Alamannen.124 Am 24. Juni erreichte er, mit noch sehr kleiner Truppe, Autun125 und in Reims dann die beiden Legionen des erschlagenen Silvanus (wobei sich ihm Martins Einheit anschloss). Um mit diesen dann (derweil die von Hilarius Streitschrift betroffenen Bischöfe sich beim Kaiser beschwerten) unter kleineren Gefechten vorsichtig nach Straßburg vorzudringen. Und von dort gings den Rhein hinab via Speyer, Mainz, Koblenz und Remagen nach Köln, wobei all diese Orte, wie Ammian berichtet, ausnahmslos von den Germanen verwüstet waren. Und auf diesem Weg erreichte Julians Heer (Constantius Beamte fertigten unterdes ein Dekret an, das Hilarius das Ausüben des Bischofsamts untersagte und ihn nach Phrygien verbannte) hinter Speyer, ganz wie in Martins 123 "Accordingly, Julian returning from Greece into Italy, Constantius declared him Caesar, gave him in marriage his sister Helena, and sent him beyond the Alps" - Zosimos II, 1 "And understanding that the people of those parts were terrified at the very name of the 124 Barbarians, while those whom Constantius had sent along with him, who were not more than three hundred and sixty, knew nothing more, as he used to say, than how to say their prayers, he enlisted as many more as he could and took in a great number of volunteers." Zosmios III, 2 Das am Winter noch von Germanen belagert wurde, was verrät wie besorgniserregend die 125 Situation für die Zivilbevölkerung sogar so tief in Gallien noch war.

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Vita berichtet, ganz gewiss … Worms. Wobei es nun September gewesen sein wird, also Sulpicius Angaben wieder präzise entsprechend weniger als zwei (und nicht zwanzig) Jahre nach seiner Taufe in oder kurz nach Amiens.126 -8Martin rebelliert Wo es zu einer wie immer gearteten Konfrontation zwischen Julian und dem späterem Heiligen gekommen sein mochte, weil Martin angesichts von plötzlich neuem germanischen Widerstand, nicht mehr kämpfen wollte. Ein zwanzigjähriger, der mit den Nerven fertig war. Da das abgeschickte Verbannungsdekret irgendwann bei Hiliarius angelangt sein wird, muss sich Martin ziemlich beeilt haben, wenn er den Bischof - gemäß Sulpicius‘ Bericht - noch in Poitiers antreffen wollte. Was wohl nichts anderes bedeutete, dass er sofort von Julian entlassen wurde, oder, weitaus wahrscheinlicher … desertiert sein muss. Sodass Julian vermutlich ohne den späteren Heiligen über Köln in sein Winterlager nach Sens marschierte. Inzwischen bekämpfte Constantius - während der 20-jährige Martin nun in Poitiers (im Fall einer Desertion vielleicht unter anderem Namen) Unterschlupf suchte (und der Erzähler in Pannonien eine neue Frau fand, die es nach einer furchtbaren Odyssee ebenfalls nach Pannonien verschlagen hatte, wobei sie ihm bald einen Sohn schenkte, indes Priscilla einen von Constantius (arianischen) Beratern heiratete, von dem sie eine Tochter bekam) - Unruhen auf dem Balkan, was sich ins nächste Jahr zog, in dessen frühen Monaten Hilarius nach Phrygien aufbrach, nachdem er Martin zum Diakon oder vielleicht nur Exorzisten geweiht hatte. Da nun allerorts arianische Priester die Kirchengeschäfte führten, musste sich Martin (mit 21) jedoch eine neue Zuflucht suchen, weshalb er 357, sonst kannte er ja nichts, zu seinen Eltern (die sich 352, als der Krieg näher kam, von Pavia dorthin gerettet hatten) nach Pannonien zurückkehrte (während der Erzähler, in zufällig ebenfalls jener Gegend, grad einen zweiten 126 Die genaue Abfolge dieses Feldzuges und der Vergleich der verschiedenen Quellen in Teil III dieses Anhangs "Korrektur von Martins Geburtsdatum"

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Sohn bekam, indes sich Latona auf den Rheininseln freute, dass ihr (nun 3 jähriger)Sohn gern mit Holzstücken spielte, was sie glauben ließ, dass der Holzhändler der Vater war und nicht irgendein Holzkohlesklave). Um dort, in einem feindlich-arianischen Umfeld, das von den Gegnern des Hilarius beherrscht wurde, wenigstens seine Mutter zu bekehren (wobei er ihr hoffentlich nicht auch noch den Teufel austrieb). Unterdessen (noch immer 357) setzte Julian seine Feldzüge in der Rheingegend fort, wo er erst ein Massaker auf den Rheininseln anrichtete (vor dem Latonas germanische Sippschaft mit ihr und dem Sohn in die Maingegend floh) und dann die Alamannen bei Straßburg besiegte (wobei König Chonodomarius gefangen und nach Rom abtransportiert wurde). Um dann, bei Mainz über den Rhein setzend, die Alamannen in der Maingegend noch etwas einzuschüchtern und etliche Gefangene zu befreien (darunter, wies so kommt, auch Latona und ihren Sohn, die sich, denn mehr als die Freiheit hatte Julian nicht zu bieten, zögernd einem verirrten antiochischen Händler anschloss - „Puh, bist du gut .. du könntest direkt als Nutte arbeiten…“ - „Ja? … Ja? … Findest du? … Na, dann zeig doch mal, was du kannst, ich bin nämlich die Tochter eines römischen Senators…“ -, der sie mit nach Mailand nahm), bevor er sich 127 ins Winterquartier nach Paris zurückzog. *** Ja so wurde Latona wider jedes Erwarten gerettet, nachdem sie mehrfach verschleppt worden war und etliche Male haarspitz mit dem Leben davonkam. Aber sie hatte sogar eine Bestie wie Calixus überlebt und ihren Sohn retten können, weil sie mit ihrem Alamannisch behauptete, der Vater sei alamannischer König gewesen. Ach, wie hatte es sie gefreut, als er so gern mit Holz zu spielen begann und damit schon richtige Festungen erbaute, aber die Befreiung war natürlich vorzuziehen. Bald musste sie indes erfahren, dass ihr Gatte, weil er mit Magnentius geklüngelt hatte, in Arles hingerichtet worden war, und als sie das Erbe ihres Vaters verlangte, sagte man ihr, es sei leider längst vom Staat eingezogen, doch am Ende gab man ihr immerhin einige Tausend Sesterzen.

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Von dem es im Misopogon eine wunderbare, fast lyrische Beschreibung gibt, in der auch die dort gedeihenden Feigenbäume erwähnt werden, von denen der leicht parfümierte Pariser unserer Erzählung Priscilla bei ihrem gemeinsamen Zirkusbesuch vorschwärmte ( Julian, Misopogon 340 f.)

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Aber der richtig alte Adel lässt sich nicht unterkriegen. Mit dem Geld eröffnete sie in Arles unter dem schönen Namen „Bordell Nummer 1“ Ende 364 ein erstklassiges Haus, worin sie unter ihrer (vielfach vom Schicksal geschulten) Anleitung arbeiten ließ, was sich in der Summe so gut bewährte, dass es (in Form eines freilich ziemlich heruntergekommenen Nachfolgebaus) unter demselben Namen geschlagene 1524 Jahre später noch stand. Damit van Gogh an dessen Schwelle sein Ohr niederlegen konnte, damit er zum größten Maler aller Zeiten wurde und ich, weitere hundert Jahre später, an seinem Grab wie ein Dieb ein paar Efeublättchen abpflücken konnte, damit ich mir einen Tee draus braue, damit auch ich genial werde, was ich aber vergessen habe, sodass aus mir, wie man sieht, doch kein Genie ward. Oder habe ich es damals gar nicht vergessen? Hm, ich kann es nicht sagen. Ja, jetzt hab ich sogar vergessen, ob ich es damals vergessen habe. Aber gemach, gemach... *** Im nächsten Jahr (wir befinden uns wieder im Jahr des Herrn 358) kam es (während Martin, mit etwas Geld von den Eltern - immer in der Angst als Deserteur entlarvt zu werden -, in Mailand als Diakon Unterschlupf suchte, vergebens, weil auch hier Arianer herrschten, was ihn den Unterschied zum Katholizismus scharf wahrnehmen ließ und ihn bald zum Bettler machte, der ziellos durch Mailänder Straßen irrte) zu einer Hungerrevolte in Julians Heer. Doch dem zunehmend von seinem Glücksstern (der Sonne) nun überzeugten jungenhaften Caesaren gelang es erneut, über den Rhein zu setzen (unterdes Latona in Mailand - dann und wann am hungrigen, bald auch furchtbar frierenden Heiligen Martin vorübertaumelnd, mit dem keiner den Mantel teilte -, wie bereits angedeutet, erfuhr, dass ihr Mann in Arles hingerichtet, ihr drittes Kind in Mainz umgekommen und der Besitz ihres Vaters nach dessen Tod enteignet wurde. Als sie versuchte, bei alten Bekannten unterzukommen, zeigte man ihr aber wegen ihrer Vergangenheit die kühle Schulter und behandelte sie wie eine Bettlerin. Zufällig lief ihr jedoch Priscilla über den Weg, die ihr, nachdem sie über die alten Zeiten geplaudert hatten, etwas freundlicher unter die Arme griff), wobei sich Julians General Severus - der bislang äußerst aktiv war, ein Vorbild für alle - plötzlich sehr sonderbar verhielt, was den Vormarsch verzögerte, wodurch sich aber - wie durch ein Wunder - ein 219

Alamannenkönig zur Unterwerfung entschloss.128 Im nächsten Jahr berief Constantius129 (derweil der Heilige Martin - nachdem er hatte einsehen müssen, dass ihm eine arianische Welt, weder als Diakon noch als Exorzisten, Zukunftsaussichten bot - sich in seiner Verzweiflung an einer Eremitenexistenz auf der Insel Gallinaria bei Genua versuchte, wo er als heruntergekommener, dauerbetend dreckiger Bettler130 wenigstens nicht zu befürchten hatte, als Deserteur entlarvt zu werden, unterdes Hilarius in Phrygien einen langen Brief - de synodis - an die gallischen Bischofskollegen sandte, worin er sie bezüglich der dramatisch im Osten ablaufenden Kirchenkonflikte, bei denen die Stadt Alexandria mehrfach in Brand geriet, aufs Gegenwärtige brachte) die Synode von Rimini ein (auf welcher Priscillas Gatte - 15 Jahre älter als sie - in Auftrag des Kaisers öfters schnuppernd präsent war, um auf die disputierende Bischofsschaft sanften Druck auszuüben, unterdes er in der Nähe ein sehr, sehr schönes Anwesen erwarb, während Latona von Constantius Beamten zunächst 4000 Sesterzen als Entschädigung für ihr Leiden in der Verschleppung erhielt, wobei sie (beim - nicht ganz dreieinigen - Gott) schwören musste, keine weiteren Ansprüche zu stellen. Ihr Sohn ist richtig besessen davon, mit Holzstücken herumzuspielen. Sanft erpresst sie Priscilla, ihr noch mehr Geld zu geben, indem sie verspricht, aus Mailand zu verschwinden). Wobei Constantius, während er sich im Balkan aus 128 129

Ammian 17, 10 Wegen seines hartnäckigen Arianismus erhält Constantius, der, wie wir sahen, ansonsten eher als umsichtiger, bedacht vorgehender Herrscher mit überwiegend richtigen Personalentscheidungen gelten muss, oft schlechte Zensuren. In einer historisch noch unentschiedenen Situation, war sein Arianismus aber wohl der gut durchdachte eines Staatsmanns, der darin das politisch-theologische Fundament seines monarchistischen Machtideals erkannte: Wenn Gott Christus gezeugt hat, um diesem das Regime der Welt zu übergeben, kann auch ein Kaiser Ausdruck von gottgewollter (oder sogar gottgezeugter) Herrschaft sein. Wobei in diesem Zusammenhang gern übersehen wird, dass sich der wegen des Konzils von Nicäa (wo man den katholischen Glauben propagierte) gefeierte Konstantin vom arianischen Bischof Eusebius taufen ließ und insofern ebenfalls Arianer war. 130 In der "Vita" des Sulpicius (Kap. 5) heißt es zu Beginn dieser mit der Rückkehr nach Pannonien beginnenden Reise sehr schön: Es wird erzählt, Martin habe diese Reise mit kummervollem Herzen angetreten; denn es werde ihm viel Leid begegnen, so habe er seinen Brüdern versichert. Es kam dann auch wirklich so.--- wenn man auch nur Teile des sich hier darstellenden Szenarios für richtig hält, ist das eine fast stoisch-nüchterne retrospektive Summierung dessen was der junge Martin in jener Zeit erleben sollte. Wobei die von Sulpicius beschworenen Teufel, denen Martin auf dieser Horror-Reise begegnete, wohl als Metaphern für die furchtbaren Widerstände zu gelten haben, denen er sich ausgesetzt sah. Und die Wiedererweckung des Toten wohl als Wiedererweckung der eigenen Person gelten darf, die sich mehrfach vom Lebendigen zu verabschieden gedachte. --- Teufel und Wunder wären in diesem Fall - interessanter Gedanke: Maskierungen des Wortes "ich", das erst Augustinus in seinen "confessiones" selbstbewusst auszusprechen sich traute. Auch Paulus schrieb nur über das Leiden (und ein wenig die Versuchungen) Christi, nie über das (oder die) eigenen.

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der Ferne diesen Kirchenangelegenheiten widmete, vollkommen von einem Frontalangriff der Perser im Osten überrascht wurde, weshalb er Truppen aus dem Westen abziehen wollte, wogegen aber plötzlich die Gallischen Truppen revoltierten, wodurch Paris (aus dem 5 Jahre zuvor ein naiver wohlhabender junger Mann den Zirkus von Trier besichtigte, weil er mal von der großen Welt schnuppern wollte, wobei er in Priscillas und Serenas Sirenenfänge geriet, was er sein Leben nicht vergaß) erstmals auf der Karte der Weltgeschichte erschien.131 Man rief Julian in Paris also im Frühjahr 360 zum Augustus aus, was die Edikte des Constantius in seinem Herrschaftsbereich ungültig machte, so132 dass sich Hilarius (seine lange Arbeit „de trinitate“ in aller Eile noch abschließend) sofort auf die Reise nach Poitiers begab, um sein Bischofsamt wieder auszuüben (während Martin auf Gallinaria sich bereits von Kräutern ernährte, die weithin als giftig galten, und Priscilla sich Ostern (arianisch) taufen ließ, unterdes Latona nun frischen Muts - „Puh, du bist die richtige…“ - mit einem lustigen Typen namens Felix, in nunmehr Arles, zunächst eine Imbissbude betrieb, der, als er merkte, dass sie etwas Geld besaß, verrückt nach ihr wurde). Aber als sich (indes der Heilige Martin mit 25 fast schon am Ende war) Julian 361 nach der teilweisen Befriedung Galliens nach Osten wandte, starb Constantius, der diverse Usurpatoren niederrang und zuletzt Herrscher im Gesamtreich ward, bis sich Julian gegen ihn empörte. Wodurch Martin sich wieder der Welt zuwenden konnte, in der er vernahm, dass Hilarius erneut in Poitiers tätig war, sodass er - von Constantius per rechtzeitigem Tod und Julian, dem späteren Apostaten, also gerettet - mit den letzten Funken an Lebenskraft nach Poitiers schlich, wo ihn sein einstiger Mentor, dem jede nichtarianische Hand nun willkommen war, überraschend liebevoll aufnahm und ihm sogar gestattete, in einer verlassenen römischen Siedlung versuchshalber eine Mönchsgemeinschaft einzurichten, das spätere Kloster Ligugé (indes Priscillas neuer Gatte seine exzellente Position verlor und sich auf sein Landgut bei Rimini zurückzog, wo sie - mit 36 - eine zweite Tochter bekam, die gleich bei der Geburt starb. Während 131 But while Julian was at Parisium, a small town in Germany (Zosimos, III), the soldiers, being ready to march… 132 Die Augustinus mit einer eigenen Arbeit gleichen Titels 419 dann ins Konfus-Abseitige versenkte

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Latonas Geschäftskompagnon, der immerglücklich lustige Felix, plötzlich sangund klanglos Richtung Marseille verschwand, wo er in der Hafengegend eine Frau und vier Kinder hatte, was Latona aber nicht mehr aus der Bahn warf, denn Julians Richter billigten der einstigen Mutter der legendären Legion XXII, wenngleich sie sich für unter Constantius erlittenes Unrecht eigentlich unzuständig fühlten, weitere zwölftausend Sesterzen zu, womit sie sich im nächsten Jahr, noch immer in Arles, mit einem Wirt zusammentat, um, beflügelt von der Sorge um ihren prachtvollen, nun 8-jährigen Sohn, direkt am Zirkus (wo ihr Mann hingerichtet wurde) eine Kneipe aufzumachen, die, inklusive einer Dependance unweit der vom Großen Konstantin errichteten beliebten Rhone-Thermen, gleich prächtig einschlug). … wobei Julian - über den man mehrere Bücher schreiben kann, was man auch getan hat und gewiss weiter tun wird - 363 auf einem Feldzug in Persien starb … -9Jovian (363) und Valentinian I (364-375) Auf dem römischen Rückzug wurde (indes Martins Leben nach all diesem Leiden, aus dem ihm Hilarius erstmals eine brauchbare Zukunft zuwies, eigentlich erst jetzt begann, bisher ward er ja nur gestoßen, und auch Priscillas Leben nun für einige Jahre in ruhigerem Fahrwasser verlief, in dem sie ihr Landgut pflegte und sich einen schönen Rosengarten anlegte133, mit über 200 Sklaven, wobei ihr Gatte wiederholt sagt, sie habe zwar den Teufel im Leib, aber sie sei fraglos bei weitem das Beste, was ihm im Lauf seines Lebens begegnet wäre), noch im Irak, eine gewisser Jovian zu Julians Nachfolger ausgerufen, der aber - in etwa als Sulpicius Severus geboren wurde (der erste Biograf des 133

Einiges zur Geschichte der Rose: Bei Plinius XXI Rosenkatalog (außer etlichen wilden Arten, wovon man eine für die doppelblütige R. gallica hält, gibt es u.a.: eine rote 'Mileter Rose’, die 'Praenester‘ und die 'Trachinische Rose’, die 'Cyrenische Rose’, die 'Mucetum-Rose’, die 'Alabandianische Rose’, eine 'Kleine griechische Rose’, sowie eine 'Carthagische Rose’ mit Winterblüte, wobei man glaubt, die Sorten wurden nach dem Ort ihrer Kultivierung benannt); Plinius der Jüngere hatte einen Rosengarten; Virgil stellt im Anfang des fünften Hirtengedichts die blasse Narde der errötenden Rose gegenüber; anderswo rühmt er die Rosen von Paestum, die noch im Herbst blühen. Auch Cicero, Ovid (Rosen von Paestum in Metam. 15. 708), Martial (2, 59; 11, 18; oder aus Rosen geflochtene Kränze für den Kaiser in 13, 127), Horaz (carmina 1, 38; 2, 3) sprechen von Rosen. Die Ägypter schickten während der Republik jährlich bedeutende Mengen von Rosen nach Rom. Zur Zeit des Augustus ff. nahmen die Römer Mahlzeiten auf Rosenblättern ein und streuten sie auf die Lager und Fußböden ihrer Gastzimmer. Nero hat (laut Sueton) für die Rosen eines Fests 4 Millionen Sesterzen bezahlt, usw., usw..

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Heiligen Martin) und der junge Augustinus, ohne Hunger zu haben, von einem Baum eine Birne stahl, worüber er später so gründlich nachdachte134, dass er in den Menschen einen Hang zum Bösen verortete, was ihn wiederum zur Erbsündetheorie brachte, die das sexuelle Betragen der westlichen Welt bis in die Gegenwart erschüttert - noch vor Konstantinopel, an wohl einer Rauchvergiftung, starb. Auf ihn folgte mit Valentinian I ebenfalls einer aus der Truppe135, der, obwohl er sich als Christ bezeichnete, bei Julian als Offizier dienen durfte. 364 zum Imperator ausgerufen, regierte er, als zunächst alleiniger Augustus in Mailand, Paris und Trier. Er hatte zwei Söhne von verschiedenen Frauen, Gratian (dessen Erzieher Ausonius wurde) und den späteren Valentinian II (auf den Augustinus einst würde eine Lobrede halten dürfen). Ja: Ausonius, der gleiche Ausonius, auf den sich die Widmung dieser Erzählung bezieht, nun ist die Katze aus dem Sack, die Zeilen sind aus einem Gedicht Durs Grünbeins, das ich zufällig gelesen hatte, weshalb ich mich überhaupt erst mit Ausonius befasste. Wobei ich nur deshalb an die Mosel fuhr, weil mich dieser Ausonius nicht grad überzeugt hatte. Auch die Mosel überzeugte mich nicht, ich bin kein Weintrinker, obwohl das Radfahren mit meiner Frau dort sehr nett war, und es schon insofern recht schöne Momente gab, besonders in Neumagen, wobei mir in einem Trierer Museum ein ausgezeichnetes Buch über die Römer in Rheinland-Pfalz in die Hände fiel und ich eines Abend einen sonderbaren Moment in einer in den Berg gehauenen simplen Gaststube (bzw. Gast-Höhle) erlebte, wo ich mir plötzlich wie in einer antiken Taverne vorkam, wodurch ich die Idee zu einer in so einer Taverne beginnenden Erzählung bekam, die ich dann (nachdem ich auf der Rückfahrt in Maria-Laach - dem Asyl Adenauers in der Nazizeit - eine voluminöse dreibändige Geschichte des Christentums kaufte), in Hamburg nach meiner Rückkehr auch energisch und voller Freude begann, wobei ihr Held - Anfang der Sechziger hatte ich in den Schulferien drei, vier Wochen im Lager einer Harburger Holzhandlung gearbeitet, deren umfangreiche, längs einer Kaianlage gestapelte Bestände nach englischen Fuß geordnet waren, was ich in zahllosen Details sehr interessant fand - ein Holzhändler wurde, was ich alles insofern Durs Grünbein und 134 135

Augustinus, Confessiones II, 4 - 10 They therefore elected Valentinian, a native of Cibalis in Pannonia. He was an excellent soldier, but extremely illiterate (Zos. III)

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seinem Gedicht verdanke, der mich, auch nach meinem Infarkt, ermutigte, mit meiner Arbeit fortzufahren, wobei ich mich aber so schlecht und schwach fühlte, dass ich ihm kaum zu antworten wagte, obwohl er sich viel Mühe gab, bis ich nach der Einlieferung meiner Frau ins Krankenhaus dann doch den Mut dazu fand, wieder was Neues zu machen, von dem ich hoffe, dass er es bald zu Gesicht bekommen wird, wobei ich ihm an dieser Stelle noch mal besonders dafür danke, dass er mich in den letzten Jahren so ermutigt hatte, obwohl ich vom Leben bereits furchtbar enttäuscht war, usw. usw., kurzum, wir sind jetzt bei Ausonius. - 10 364-375 also Kaiser Valentinian I, 321 geboren. 364 von Truppen vor Konstantinopel (während Latona ihren Anteil an der Arlesianer Kneipe verkaufte, um Ende 364 das bald phantastisch laufende „Bordell Nummer 1“ (für höhere Ansprüche) zu eröffnen, wo sie nicht mehr selber arbeitete - was sie bis dahin mitunter noch tat - sondern unter ihrer Anleitung arbeiten ließ) zum Kaiser ausgerufen, wobei er sofort seinen Bruder Valens (364-378) zum Augustus des Ostens erhob. Um gleich (am 21. Juli 365) mit einem der größten Erdbeben der aufgezeichneten Geschichte konfrontiert zu werden, komplett 136 mit Tsunami und allem , der die Küsten des östlichen Mittelmeers heimsuchte. Bald danach137 wird Ausonius nach Trier bestellt, um Valentinians Sohn Gratian (geb. 359 in Sirmium) in Grammatik und Rhetorik zu unter138 richten. 366 Wiedereröffnung der Trierer Münzprägestätte, in Köln baut man, außer am ausgedehnten Prätorium, sogar bereits hochehrgeizig (außerhalb der Mauern!) am spektakulär-elliptischen Zentralbau des späteren St. Gereon herum, Hieronymus wird in Rom getauft. Schwer erkrankt ernennt Valentinian 367 (unterdes Hilarius starb und den Heiligen Martin, der stets von ihm sich geleitet fühlte, vaterlos zurückließ, während Priscilla mit ihrem Gatten Rom besuchte und, inmitten der allerorts noch vollkommen erhaltenen heidnischen Pracht139, außer den spektakulären, von Menschen aller Regionen nur so wimmelnden Thermen, wo sie es sich von einem Sklaven kurz 136

Ammian 26, 10. 15-19, wobei genau beschrieben wird, wie Erdbeben, Zurückweichen des Meeres und Flutwelle aufeinanderfolgen. 137 Als plausibelstes Datum gilt 366, evtl. sogar 367, weil Valentinian erst dann fest in Trier residierte (Booth, Academic Career 332 n. 12; Étienne, Bordeaux 342f.; Matthews, Aristocracies 51) 138 Ausonius, Praef. 1. 24 ff. - die Unterrichtstätigkeit im Dienst des Prinzen dauerte 10 Jahre 139 Beschrieben in Amm. 14, 6; 28, 4; sowie anlässlich von Constantius Rom-Besuch 357 in 16, 10

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machen ließ, besonders den unglaublichen Zirkus bewunderte) den jetzt achtjährigen Gratian zum Mitregenten und residiert in Trier, von wo er - nachdem Mainz (unterdes Priscillas Gatte ihr gestand, zu Anfang ihrer Ehe ein Verhältnis mit einer Hofdame namens Adamantia gehabt zu haben, die er manchmal mit nach Rimini nahm, wenn er Kaiser Constantius berichten sollte, was auf der Synode geschah, wobei diese Adamantia sehr interessante Kräutlein besessen habe, die manchmal sogar Kaiserin Eusebia bei ihren Liebhabern benutzte) wieder geplündert wurde - diverse Kriegszüge gegen die Alemannen leitet, 368/369 in Begleitung von Gratian und Ausonius.140 Wobei letzterer eine Germanin namens Bissula als Geschenk erhielt, die ihm so viel Freude machte141, dass er darüber einen Gedichtzyklus verfasste und, davon angetrieben, nach einer Reise von Bingen nach Neumagen, auch gleich seine „Mosella“ begann, indes der Kaiser den spanischen General Theodosius ins Auge fasste, der mit seinem gleichnamigen Sohn (der Alleinherrscher werden sollte) Keltenunruhen in Britannien niederschlug und 370 auch Alamannen bekämpfte. Seiner Strenge wegen gefürchtet, versuchte Valentinian, eine sparsame Finanzverwaltung zu installieren, wobei er sich aus religiösen Streitfragen heraus hielt. Allerdings ließ er die Anklage auf maleficium - die Bezeichnung für jeden Unfug in Zusammenhang mit Magie - rigoros verschärfen. Um in schonungsloser Reaktion auf die von Julian hochgeschätzten neuplatonischen Philosophen (mit ihrem Hang zu Magie und thaumaturgischen Gaukelwesen), auch zu fiskalischen Zwecken, gegen verbliebene Anhänger des Apostaten vorzugehen. Was, Hand in Hand mit zahllosen Hinrichtungen, zum Verbrennen von Bibliotheken führte, worin Aberglauben verherrlichende Schriften vermutet wurden. Die legale Maschinerie erreichte dabei eine Leichtigkeit, mit der man nach Gutdünken gegen ganze Klassen und 142 Religionsgruppen (z. B. die Manichäer) vorgehen konnte. 140 141 142

Ausonius, epig. 28 und 31 Ausonius, Vorwort zu Griphus, sowie Bissula 3 Summierend dargestellt in Zosimos IV, 13-16; der Darstellung Ammians (28, 1) ist das System dahinter zu entnehmen, bei dem sich die Stadtpräfekten (bzw. vicares Urbis Romae) Maximinus, Simplicius (375) und Doryphorianus (376) hervortaten (Datierung Hamilton und Wallace-Hadrill 1986), die unter Gratian später bestraft wurden (Amm. 28, 1. 57). An Einzelfällen wird z.B. erzählt, dass ein gewisser Lollianus, der noch unmündige Sohn eines Ex-Präfekten, wegen des Besitzes eines Buches mit magischen Praktiken hingerichtet wurde. Auch Frauen wurden nicht verschont: For many of high birth belonging to this sex too were charged with the disgrace of adultery or of fornication, and put to death. Conspicuous among these were Charitas and Flaviana, of whom the latter, when she was led to death, was stripped of the clothing which she wore, being allowed not even to keep sufficient covering for the secret parts of her body. But for that reason the executioner was convicted of having committed a monstrous crime, and was burned alive (28, 1. 28) - usw … in 29, 1. 41 auch Verbrennung zahlloser Bücher. Mehr Fälle in 29, 2 als Ausdruck von völliger Willkürherrschaft, die eine paranoide (z.T. indes wohl berechtigte)

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370 (während Hieronymus sich in Trier aufhält143 und, von den dortigen Eremiten beeindruckt, als Einsiedler in einer Höhle lebend, Abschriften vom Psalmenkommentar und dem Buch „de Synodis“ des Hilarius anfertigt) wird Ausonius comes, wobei in dieser Zeit die maleficium betreffenden Gesetze noch mal verschärft und nächtliche Praktiken - das Kneipen- und Hurenwesen nahm man von alldem natürlich aus (sodass Latona im gemütlichen Arles unbetroffen blieb) - mit selbst bloß entferntem Bezug zu Magie nun ausdrücklich verboten wurden.144 371 wurde (indessen Latona eine neue, stabilere Ehe auf der Basis eines komplexen, in die Topf- und Ziegelherstellung langenden Geldgeschäftes einging, wozu sie in den Kellern der Stadt ausgedehnte Lagerflächen anmietete) die „Mosella“ beendet, der jüngere Valentinian in Trier (oder Konz) geboren und der Heilige Martin zum Bischof von Tours gewählt (was ihm endlich neuen Lebenssinn gab, denn nach dem Ableben des wunderbaren Hilarius, kam er sich lange wieder sonderbar hilflos vor), unterdes Augustinus Rhetorik in Carthago zu studieren begann, wo er, nach jugendlichen Ausschweifungen145, ein 15-jähriges Konkubinat mit einer unbekannt geblieben Frau einging, die ihm 372 einen Sohn, Adeodatus (den von Gott Gegebenen) gebar. Im gleichen Jahr starb Augustinus Vater Patricius, ein Verwaltungsbeamter, der sich kurz vorm Tod taufen ließ, während die Mutter Monnica (die die Weltgeschichte erschüttern sollte) bereits länger Christin war (und Priscillas Tochter mit 16 einen hübschen 39-jährigen Steuereintreiber heiratete, was Priscilla, nachdem sie in Rom wieder auf den Geschmack kam, an alte Zeiten - oft auch an die gute Serena, die einst ebenfalls einen prachtvollen Rosengarten besaß - denken ließ). 146 373, im Todesjahr des Athanasius , wurde Augustinus - seinerzeit überaus

Angst vor neuen Verschwörungen hatte; und kein Pieps davon bei Ausonius… 143 Wobei wir ab jetzt - da wir schon so weit sind - als Bonus zunehmend Bemerkenswertes aus der (römischen) Geschichte des Rheinlands (und speziell Triers) einstreuen wollen (selbst wenn es zunächst keinen direkten Bezug zur Geschichte des Heiligen Martin hat), um auch solchen Freude zu bereiten, die an der deutsch-französischen Frühgeschichte interessiert sind. In welcher die Rheingrenze ja mythische (und bis tief in die Gegenwart reichende) Bedeutung hat. 144 Cod. Theod. 9, 16, 7 145 alles, auch das folgende, beschrieben in Augustinus, conf. II, III und IV 146 Dessen angeblich 8-malige (in Wirklichkeit wohl nur 5-malige) Verbannung aus Alexandria den an vielen Fronten geführten Kampf des rechtgläubigen Katholizismus vielleicht am besten charakterisiert. Als Störenfried empfand den Champion des Katholizismus bereits Konstantin, der ihn 335-337 aus dem unruhigen Osten nach Trier verbannte, wo Bischof Maximin als Gastgeber

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beeindruckt von Ciceros „Hortensius“147 - Mitglied (Auditor) bei den Manichäern, einer (in Rom staatlich grad verbotenen) gnostischen Glaubensgemeinschaft, die sich als Vertreter eines radikalen Christentums begriff148, unterdes, zwei römische Legionen vernichtend, Quaden in Pannonien eindrangen und Hieronymus in Aquileia erste Erfahrungen mit dem asketischen Leben machte. Wonach er 374 (während Priscillas Gatte - jetzt 62 - immer mehr verbitterte und, dem Schwiegersohn die Geschäfte überlassend, religiöse Traktate zu schreiben begann, in denen er zunehmend dem Manichäismus zuneigte) über Athen nach Antiochia reiste, wo er Schüler des Apollinaris von Laodicea wurde und einen Traum hatte149, der - unterdes sich die Quaden in Pannonien festzusetzen versuchten (und Latonas Sohn ihr plötzlich eröffnete, dass er mit einem Lauf-Kunden aus Metz, der grade drei phantastische Nächte im „Bordell Nr. 1“ erlebt hatte, in einer Kampfpause ins Gespräch gekommen sei, wobei dieser ihm angeboten habe, ihm in Metz das Holzhändlerhandwerk beizubringen und dass er - zu diesem Zeitpunkt war Latona 54 - darauf einzugehen gedenke - seinen christlichen Eifer begründete. Nachdem Ausonius 375 als „quaestor sacri palatii“ die erste Stufe der ÄmterLaufbahn erklommen hatte, sein 90-jähriger Vater Ehren-Praefekt von Illyrien ward (und Priscillas Ehemann erklärte, dass er der fleischlichen Lust fortan ganz zu entsagen gedenke, um dem Teufel keine Angriffspunkte mehr zu bieten und sich aufs Jüngste Gericht vorzubereiten), der Heilige Martin nicht weit von Tours das Kloster Marmoutier gründete und Augustinus in Thagaste als Rhetoriklehrer zu arbeiten begann (wo er seine Mutter zum Manichäismus bekehren wollte, während Priscillas Tochter zum zweiten Mal (das erste Mal gabs eine Fehlgeburt) schwanger ward, und der Schwiegersohn plötzlich anfing, Priscilla heimlich den Hof zu machen, wobei die (irgendwie stets zu blässliche) Tochter im September eine erneute Fehlgeburt erlitt), fühlte sich Valentinian I von den Äußerungen einer quadischen Gesandtschaft derart beleidigt, dass diente. 339-346 wurde er von Anhängern des Eusebius nach Rom vertrieben; 356-362 floh er vor einer Verbannung durch Constantius II in die Wüste; wonach ihn Julian 362-363 ebenfalls vertrieb; 365-366 letzte Verbannung durch Valens; danach unbehelligt bis zum Tod 373 147 Conf. III, 4 - das Buch ist verloren, aber Augustinus schreibt, er habe es noch 386 für das grundlegende gehalten (conf. VIII, 7) und es habe in ihm die Liebe zur Philosophie erweckt. Während ihn die Bibel, insbesondere das Alte Testament, eher enttäuschte. 148 Conf. III, 6 f. 149 nach Eustochium (Ep. 22)

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er am 17. November 375 in Pannonien an den Folgen eines Schlaganfalls starb. Er wurde in Konstantinopel neben seiner ersten Gemahlin beigesetzt.150 - 11 Gratian (376-383) Worauf sein Sohn Gratian (mit 16) die Herrschaft ausübte und (der 4-jährige) jüngere Valentinian Mitregent mit Sitz in Mailand und Sirmium wurde. Unter der Vormundschaft seiner Mutter und zunehmend Gratians, unter welchem (während Latonas Sohn, weil er nicht sein ganzes Leben in einem Bordell verbringen wollte, obwohl die Frauen so warm und süß zu ihm waren, Assistent jenes grade erwähnten Holzhändlers wurde und in Metz bald die entlegeneren treverischen Geschäfte übernahm151, während sich sein Chef vor allem mit den naheliegenderen mediomatrikischen Angelegenheiten befasste, indes, vom Verhalten der römischen Soldaten bei den Quaden-Einfällen begeistert, gleich beide Söhne des Ich-Erzählers zum Militär gingen, weil ihnen der Holzhandel zu kümmerlich war) nun die Hoch-Blüte Triers begann. Wobei Ausonius, wie es gern heißt, weiter positiven Einfluss auf Gratian hatte. Wozu man zählen mag, dass Ausonius Sohn Hesperius 376 in Africa Pro-Konsul wurde und Gratian der Trierer Professorenschaft (indes Hieronymus in einem Wüstenkloster ein Eremitendasein begann und Hebräisch lernte152 und Priscilla weiterhin heimlich von ihrem Schwiegersohn - aber einmal, im Mai 376, als sie sich bei einem fürchterlichen Gewitter in eine Scheune retteten, plötzlich auch hocherfolgreich! - der Hof gemacht wurde, was sich im September zu einer regelrechten (geheimgehaltenen) amour fou steigerte, in der sie sich - „Los … mach … mach…“ - immer hemmungsloser von ihrem Schwiegersohn mitunter beglücken ließ, unterdes ihr Gatte ein weiteres verbohrt-manichä150

Consularia Constantinopolitana. T. Mommsen ed., Monumenta Germaniae Historica, Auctores Antiquissimi. Band 9. Berlin, 1892, wobei andere Quellen behaupten, die ersten Gattin sei noch am Leben gewesen. Mehr dazu in Teil V und VI dieses Anhangs, "Neues vom Heiligen Martin" und "Justina in Mailand" 151 Und allmählich, ohne es zu wissen, dem Ziel seiner frühen Existenz zupendelte (wie Christus dem Kreuz), die unter dem Stern einer sonderbaren Sehnsucht nach narrativer Erfüllung stand. Wie sie sich auch in Doderers letztem Roman, seinem schönsten ("Die Wasserfälle von Slunj"), äußert, worin ein junger Mann sich zu einem Ort hingezogen fühlt, an dem er, was er nicht weißt, gezeugt wurde. Was wiederum auf eine geheimnisvolle Lebensstruktur anspielt, der wir (alle) mitunter ohnmächtig unterliegen, derjenigen nämlich, gemäß welcher wir unser Leben oft bestimmten narrativen Mustern anvertrauen, von deren Gültigkeit wir, oft ohne es zu wissen, überzeugt sind; ein weites weites Feld indes, das glaub ich (von uns Rationalen) bisher nur Doderer anzusprechen wagte, und, zuvor wie in den "Merowingern" lautstark herumlärmend, nur in seinem letzten, allerletzten Buch… 152 Was ihm später, da er auch Griechisch konnte, den Namen vir trilinguis eintragen sollte.

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isches Traktat produzierte, in dem er sich widerstrebend zur Gleichung „Teufel = Genital der Frau“ durchrang, um es dann unverzüglich dem berühmten Bischof Faustus153 in Rom zuzusenden) am 23. Mai 376 eine ungewöhnlich hohe Besoldung gewährte, was als „Beweis“ für die Existenz von Hochschulen und Bibliotheken gilt. In Trier wurde (indes Priscillas Tochter im Dezember mit 19 bei der Geburt eines Kindes starb, worauf Priscilla ihre Affäre abrupt beendete, weil sie dachte, Gott habe sie mit dem Tod ihrer Tochter bestraft) die (z. T. wohl zerstörte) Basilika größtenteils abgerissen, um - unterdes Ausonius Schwiegersohn Thalassius dem Sohn als afrikanischer Pro-Konsul folgte (und die Gattin des Ich-Erzählers, nachdem die Söhne aus dem Haus waren, in Pannonien seltsam zu werden begann), der dafür (von 377 bis 380) „praefectus praetorio“ von Italien, Illyrien und Africa wurde (wo Augustinus inzwischen in Carthago als Rhetoriklehrer wirkte) - auf den Fundamentresten einen Quadratbau von ca. 40 m Seitenlänge entstehen zu lassen, dessen Umfassungsmauern154 der heutige Dom noch enthält. Die Flachdecke wurde (unterdes Priscilla ihren Gatten, als dieser an einem langwierigen Leiden erkrankte, fortan hingebungsvoll pflegte und die Söhne des Ich-Erzählers in Persien verschwanden, wobei der immer stärker leidende Ehemann ihr alle paar Monate, den Satz wie ein Maschinchen wiederholend, lächelnd zuflüsterte, dass sie zwar den Teufel im Leib habe, aber das beste sei, was ihm im Leben begegnet wäre) dabei von vier 18 m hohen Säulen mit Marmorkapitellen getragen. Von der konstantinischen Doppelkirche blieb einzig das westliche Langhaus. -------------------------------------------------------------------------Samstag, 19. April 2008 Spaziergang in Bergedorf, meiner Frau geht es gut. In den Gärten blüht Weißdorn und einiges an Kirschen. Der Frühling kam spät. Beim Essen im „Blockhouse“, versuche ich plötzlich wider besseres Wissen, ihr die Struktur dieser Erzählung zu erklären. Wie sie also heiter-albern mit high-life in einem antiken Kneipengewölbe beginnt und dann ins Bodenlose fällt, ins Grab der Geschichte, und wie sich das historisch zu drei Zeitpunkten verankern lässt, also 275, 353 und 406 AD, was Ausdruck einer entsetzlichen Monotonie des Antik-Römischen in seiner langen Schlussphase sei. Als ich ihr verständlich zu machen versuche, wie die Erzählung, 153 Mit dem Augustinus im Jahr 383 disputierte. Seine römische Tätigkeit wurde möglich, weil Gratian die Manichäer-Verfolgung zunächst unterband. 154 An einer Stelle bis zur Höhe von 25 m !

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durch Gregor von Tours und den Heiligen Martin vermittelt, dann im Rahmen des objektiv gegebenen historischen Faktengerüstes von 353 nach 405 fortschreitet, dem Kulminationspunkt spätantiken Denkens, und wie sich in meiner Darstellung das Privateste mit dem Offiziellen und dem Schrägen der Kirchengeschichte vermischen soll, ohne dass ich dabei im Geringsten polemisch werde und stattdessen den Gang der Welt vorbehaltlos, ja: vorbehaltlos! akzeptiere, auch in seinen wirren Widerwärtigkeiten und drastischen Verlogenheiten, merke ich, wie sehr mich das aufregt, auch weil ich Angst davor habe, dass meine Frau das furchtbar findet, sodass mein Herz plötzlich unverhältnismäßig zu rasen beginnt. Als wir das Restaurant verlassen, muss ich mich auf einer Parkbank ausruhen. Wider Erwarten keine heftigen Attacken seitens meiner Frau wegen der von mir verschwendeten Zeit. Sie ist tatsächlich besorgt, als ich mich dort auf der Bank - die Augen auf ein albernes Bismarckstandbild gerichtet - langsam erhole…

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Als 378 Ausonius „Praefectus Galliarum“ war, besiegte Gratian die Alamannen bei Colmar, was die Gegenden diesseits des Rheins endlich befriedete. Worauf er (inzwischen begann der Ich-Erzähler mit dem Aufschreiben seiner Lebensgeschichte, insbesondere der Ereignisse in Neumagen im Spätherbst des schönen Jahres 353) in Sirmium155 residierte, während sein Onkel Valens gegen die Goten nach der Schlacht von Adrianopel, die für Rom eine Katastrophe war, am 9. August in einer Scheune, in die er sich gerettet hatte samt den Resten seiner Leibwache verbrannte. Daher ernannte Gratian 379 - dem Jahr, in dem Ausonius Konsul war156, sein Neffe Aemilius Magnus Arborius „Comes rerum privatarum“ und Hieronymus in Antiochia sich zum Priester weihen ließ (und die Gattin des Ich-Erzählers, nachdem die Nachricht vom Tod ihrer Söhne bestätigt wurde, noch seltsamer wurde, worauf der Ich-Erzähler zu seiner Lebensgeschichte einen zweiten Teil mit dem Titel „Priscillas Extra-Erzählungen“ schrieb) - Theodosius I als Mit-Augustus für den Osten. Mit welchem er 380 - nachdem 155 Sirmium, das heutige Sremska Mitrovica, Hauptort der römischen Provinz Pannonien (bzw. Illyriens, die Trennlinie zwischen den beiden ist oft nicht ganz klar), etwa 70 km östlich Belgrads am nördlichen Ufer der Save. Seit der Tetrarchie Diocletians (284-305) neben Trier, Mailand und Nicomedia eine der vier Hauptstädte des Reiches; mit Kaiserpalast, Thermen, auch heute noch spektakulärer Rennbahn (150 x 450 m), Theatern und allem, was so dazugehört. In der Stadt wurden 10 römische Kaiser (darunter Aurelian, Probus, Constantius II und Gratian) geboren. Seine Blütezeit endete spätestens 441 mit der Eroberung durch die Hunnen. 156 Von allen Seiten diskutiert in Ausonius Gratiarum acto

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Theodosius sich taufen ließ, Hieronymus in Konstantinopel als Schüler des Gregor von Nazianz seine Übersetzerdasein begann, Ausonius (also mit 69) nach Bordeaux sich zurückzog157 und sein Neffe (in einem letzten Zeichen von Ausonius politischer Wirkenskraft) in Rom zum „Praefectus urbi“ aufstieg - das katholische Christentum zur Staatskirche erklärte. 381 ließ er (unterdes der jüngere Valentinian (mit 10) in Mailand zu residieren begann und Theodosius auf dem Konzil von Konstantinopel das christlich-katholische Glaubensbekenntnis in seiner heutigen Form von den Bischöfen des Reichs billigen und verabschieden ließ) den Altar der Victoria als heidnisches Relikt aus dem Sitzungssaal des Senats entfernen. Im Winter 382/383 residierte Gratian (während der Ich-Erzähler, wegen einer Schlamperei in Aquileia leider zwei Jahre verspätet, einen Brief aus Lyon erhielt, worin von einem Besuch Priscillas berichtet wird, bei dem sie ihrem gemeinsamen Tuchhändlerfreund erzählte, dass sie, nachdem ihre beiden Töchter starben, nun mit einem netten kaiserlichen Beamten in Rimini lebe) ebenfalls in Mailand, wo er unter dem Einfluss des Bischofs Ambrosius die Gottesdienste der Arianer und Donatisten verbot, ihre Kirchen den Katholiken gab und 383 (unterdes der Heilige Hieronymus in Rom seit einem Jahr Sekretär des Papstes Damasus158 ist und Seelsorger etlicher Damen159) die Apostasie (den Abfall vom Glauben) sogar zum Verbrechen erklärte, während Theodosius seinen Sohn Arcadius (geb. 377) zu seinem Nachfolger erklärte. *** … während Priscilla nach dem Tod ihres (leider arianischen) Ehemannes oft an ihre Kindheit in Clermont-Ferrand dachte, wo von aus sie ihre Eltern nach Lyon geschickt hatten, wo sie zuerst in den Dienst einer vornehmen Frau geriet, die sie aber entließ, weil ihr Gatte die hübsche Zofe betaschte, wobei sie bei einem Tuchhändler Unterschlupf fand, der ihr das Lesen und Schreiben beibrachte, bevor er ihr die Jungfrauenschaft nahm, um sie als zerbrechliches Spielzeug einem Hedonistenzirkel zuzuführen, bevor er sie an einen Trierer Tuchhändler als Konkubine verkaufte, der sie aber, 157 158

Ausonius, Einleitung zu domest. 1 Damasus I, Papst 366-384; unter seinem Pontifikat endete der arianische Streit mit dem vollständigen Sieg des Katholizismus. 159 u. a. den heilig gewordenen Lea und Fabiola, sowie den nicht unvermögenden Witwen Marcella und Paula (geb. 347) und deren Tochter Eustochium (geb. ca. 368), wobei ein umfangreicher Briefwechsel den jederzeit freundschaftlich-fürsorglichen Charakter der Beziehungen klar enthüllt; Hieronymus war derzeit 36

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besessen von ihrem Fleisch, sein Gut beaufsichtigen ließ, wobei sie dem carthagischen Verwalter in die Quere kam, der die Landwirtschaft nach dem Handbuch eines gewissen Diophanes organisieren wollte, dass aber ihr Mann dann nicht wollte, dass sie jenem Verwalter behelligte, sodass sie sich zu langweilen begann und sich im Palast des Regenten von einem hässlichen Bürokraten verführen ließ, was sie ihrer Freundin Serena erzählte, worauf diese mit ihr öfter in den Zirkus ging, bis ihr Mann das leider entdeckte, woraufhin sie ihm alles erzählte, bis er ihr den Umgang mit Serena verbot und sie auf eine Reise nach Bingen mitnahm, wo sie einen Offizier traf, der sie nach Spanien mitnehmen wollte und sie danach an einer Pissecke ausgelacht hatte und sagte, sie könne in Bingen als Nutte arbeiten, was sie ihrem Mann erzählte, doch der hatte sie nur wieder geschlagen, worauf sie auf der Rückreise nach Trier in Neumagen Halt machten, wo sie einen netten Holzhändler traf, mit dem sie eine schöne Herbstnacht verbrachte, die vielleicht schönste in ihrem Leben, nach welcher leider die Alamannen vor den Toren Neumagens erschienen, weshalb sie mit dem Holzhändler nach Lyon durchzukommen versuchte, wobei sie ein treverischer Holzkohlehersteller fast versklavt hatte, bevor Alamannen sie vergewaltigten und in ihr Lager schleppten, wo sie einen jener Alamannen so wunderbar bediente, dass er sie mit einem Pferd hatte entkommen lassen, weil sie versprach, ihn zu heiraten, wenn er nachkäme, sodass sie in Lyon das bei ihrem einstigen Liebhaber deponierte Geld ihres Gatten hatte abholen können, nachdem sie ihm ihre Geschichte in allen Details erzählt und sie ihm (sowie seinem Hedonistenzirkel) wieder ein paarmal zu Diensten war, sodass sie mit dem Geld via Arles, wo sie den herrlichen Kaiser Constantius zu Gesicht bekam, nach Mailand gehen konnte, um dort zwei Jahre auf jenen Holzhändler zu warten, der aber leider nicht kam, sodass sie bei den Festen zur Ernennung von Caesar Julian wieder unter die Leute gegangen war und einen Kaiserberater kennengelernt hatte, einen sehr anständigen Mann, der sie dann heiratete, sodass sie eine Tochter bekam, wobei man ihn aber nach dem Tod des Constantius entließ, da der heidnische Julian Augustus wurde, sodass er sich auf sein Gut in Rimini zurückzog, das er erworben hatte, als er für Constantius die Vorgänge auf der Synode von Rimini160 überwachte, wo sie eine weitere Tochter bekam, die bei der Geburt leider starb, indes ihr Mann wegen seines arianischen Glaubens auch bei den neuen Kaisern nicht wieder in Ehren kam, und, deshalb nun langsam verbitternd - obwohl sie doch 160 Nach der die Welt, wie der Heilige Hieronymus schrieb, zu ihrem Erstaunen herausfand, dass sie nun arianisch war

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eine so schöne Zeit miteinander verbrachten, in der sie einmal sogar nach Rom fuhren, wo sie all die schönen heidnischen Gebäude erstmals sah und sich in den atemberaubenden Thermen des Diocletian, meine Güte … mit dem wahnsinnigen Zirkus und allem -, zum Manichäer wurde, wobei sie irgendwann erfuhr, dass der Holzhändler gar nicht gestorben war, sondern doch nach Lyon durchgekommen und nach ihr gefragt hätte, woraufhin sie nach tagelangem Heulen, bei dem sie sich fast umbrachte, ihren Mann weiter mutig gepflegt hatte, ja, wirklich unendlich mutig, mutig, mutig, bis er ihr auf dem Sterbebett sagte, dass … usw usw ach war das schön …. --- aber so ohne Mann doch auf die Dauer sehr einsam. Zwar war das Anwesen prachtvoll, mit wunderbar gefertigten Fußböden, Wandbemalungen und Teichen (und vor allem einem wunderschönen Rosengarten, der den, haha, Serenas weit in den Schatten stellte), aber neue Männer fand man in Rimini so leicht nicht - trotz des ausgezeichneten Zirkus und der phantastischen Brücke (die aus der guten alten Zeit des tatkräftigen Tiberius war, als die Welt noch einfach und übersichtlich schien und im Reich allerorts Frieden herrschte). Alles bloß alberne heidnische Hedonisten oder sterbenslangweilig dümmliche Katholiken, die (außer dem Steuereintreiber, von dem sie sich dann und wann halb lustlos durchnudeln ließ - puh, tat das gut, besser jedenfalls als die Veilchen des Witwenstands…) ausnahmslos mit dem Fischfang zu tun hatten, sodass sie mal zu Besuch in ihr Heimatdorf bei Clermont-Ferrand fuhr, wo sie als reiche Tante aus Rimini hochwillkommen war. Und, im nächsten Jahr ihr Rimini-Gut (leicht unter Wert) ganz an den Steuereintreiber (der sich wieder verehelichen wollte) veräußernd, unternehmungslustig dann wiederkam und in der Gegend sogar ein kleines Anwesen zu erwerben gedachte, wobei sie zwar nicht gleich wieder heiratete, aber doch schon ein bisschen sondierte. Und ihre Nichte oft zu Besuch hatte, die Tochter ihres jüngsten Bruders, eine, die gleichfalls Priscilla hieß, ein hübsches, aufgewecktes Mädchen, grade mal acht161, mit der sich nun gern unterhielt und ihr von der großen schönen Welt erzählte, von Trier, Mailand, Lyon und manchmal sogar Rom und Paris, und dass es in Lyon, außer dem vorzüglichen Zirkus, bestimmt noch immer nette Tuchhändler gäbe, usw. usw., während der Bischof von Clermont (der vom weltberühmten Hilarius von Poitiers einst zum Priester geweiht worden war, in Anwesenheit 161

Also 374 geboren - insofern 405 dann im Alter von 31

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vielleicht sogar des Heiligen Martin) versuchte, die immer noch äußerst ansehnliche und offenbar reiche Witwe zur Katholikin zu machen, damit sie die Kirche zum Erben einsetzte, was sie so ärgerte, dass sie ganz aus der Kirche austreten wollte, weil sie - sogar als er sie, während der Wein zu wirken begann, immer stärker betatschte - partout nicht verstehen konnte, wieso Gott uneingeschränkt dreieinig war, und Christus als Sohn Gottes kein richtiger Mensch, also keineswegs eine Kreatur aus schönem Fleisch und Blut wie ein Fisch, usw usw Ein Reststück der unter Gratian (aus dem Odenwald) herangekarrten Granitsäulen des einst wohl spektakulären Quadratbaus liegt heute als sogenannter „Domstein“, auf dem gern Kinder herumklettern, vor dem Südwestportal des Trierer Doms. - 12 Magnus Maximus (383-388) Im gleichen Jahr revoltierte Magnus Maximus162 mit der britischen Armee, wobei er schnell nach Gallien übersetzte. Von den eigenen Truppen im Stich gelassen, wurde Gratian im August (unterdes Hieronymus, beauftragt von Papst Damasus, das Neue Testament ins Vulgär-Lateinische zu übersetzen begann und Priscilla in Clermont viel mit ihrer süßen Nichte sprach, wobei sich der Streit mit dem dortigen Bischof verschärfte, weil sie ihm weder die Füße waschen noch die Kirchenwände ablecken wollte, sodass er ihr androhte, dass sie der Teufel holen werde, wenn sie nicht endlich zum katholischen Glauben übertrete und der Kirche ihr Erbe vermache, weshalb sie Clermont wütend verließ und jetzt nach Spanien wollte) in Lyon erdrosselt. Sich mit Maximus arrangierend, behielt Theodosius die östlichen Reichsteile, während man dem jüngeren Valentinian (inzwischen 12), unter der Vormundschaft der Mut163 ter , die Herrschaft über Italien und Afrika beließ - und Augustinus, nach enttäuschender Begegnung mit dem manichäischen Bischof Faustus164, sich 162

Der 372/ 373 mit dem Vater des Theodosius in Afrika den Aufstand des Firmus niedergeschlagen hatte, 376 "dux Moesiae secundae" in der Donaugegend war und seit 380 als "comes Britanniae" einige Aufstände der Kelten unterdrückte 163 Der Witwe des älteren Valentinians (und zuvor Gattin des 353 erschlagenen Usurpators Magnentius) 164 Faustus von Mileve (ca. 350-400); in Rom ausgebildet, gelangte er dort, vor allem wegen seiner Rhetorik, zu Berühmtheit und wurde manichäischer Bischof. 383 begegnete er Augustinus in Carthago. Auf eine Insel verbannt, schrieb Faustus später eine Apologie des Manichäismus, worin Al-

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vom Manichäismus abwandte, um (mit Sohn und Konkubine) nach Rom überzusiedeln.165 Das Jahr 384 findet ihn (vermittelt durch manichäische Freunde) aber bereits als Rhetoriklehrer in Mailand, wo er Ehrenreden auf (den nun 13-jährigen) Kaiser Valentinian II und diverse hohe Beamte zu schreiben (und vielleicht auch zu halten) hatte, indes Ausonius, nach Trier gerufen, dort einem Urteilsspruchs des Maximus entgegenzitterte, der zahlreiche Anhänger Gratians nun hinrichten ließ, wobei Ausonius, eine Wandmalerei betrachtend, ein Gedicht „Gekreuzigter Cupido“ schrieb166, während Priscilla auf ihrer Reise nach Spanien bei verwirrten Anhängern des Priscillian in der Nähe von Bordeaux hängenblieb, die, unbekleidet zu nächtlicher Stunde von einer Analogie der menschlichen Glieder zu Himmels-Konstellationen predigend, aller Welt, insbesondere den sonderbar zahlreich vertreten, oft sehr gebildeten Frauen den Teufel austreiben wollten. Und als ihr ureigener Teufel - „Hm, wären Sie wirklich interessiert? … - Ja? … - Ja? … - Na dann…“ - sich dabei so stark bemerkbar machte, dass er sich selbst nach mehreren Austreibungen noch rührte, gehörte Priscilla bald, zumal wenn alle besoffen waren und es drunter und drüber ging - und Cupido zum Altherrenwort wurde - zu den beliebteren Objekten jener wohl nicht nur durch geschmeidige Wortgewalt beeindruckenden Exorzisten … wobei wir über diese vielleicht skandalöseste Phase ihrer Existenz und das, was sich daraus entwickelte - schließlich war sie seinerzeit bereits 58 - nun lieber den blauen Mantel des Schweigens ausbreiten…). In Mailand begegnete Augustinus Bischof Ambrosius, der grad in Streit mit Justina, der Mutter des jüngeren Valentinians geriet, wobei Augustinus mehr noch beeindruckte, dass Ambrosius, wenn er für sich las, dabei nicht laut sprach, sondern nur die Lippen bewegte, für den Sohn Afrikas etwas vollkommen Neues. Offenbar kannte er Lesen nur als lautstarke Angelegenheit und nicht als intimes privates Erlebnis.

tes Testament, die Geburtsgeschichte Jesu sowie etliches von Paulus verworfen und die Auferstehung Christi als Allegorie gedeutet wurden. Augustinus zitiert ausführlich daraus in "Contra Faustum libri XXIII ", um 400 verfasst und 404 an Hieronymus übersandt. 165 Laut Augustinus confessiones, ebenfalls noch 383; wobei sich eine Begegnung mit Hieronymus, von dessen Bibelübersetzungen (da er selber kein Griechisch oder gar Hebräisch konnte) er später so sehr profitierte, wohl nicht ergab (recherchieren!), da sie sich in verschiedenen Sphären bewegten. 166 Eine der wenigen differenzierten Bildbeschreibungen der Antike; mehr dazu im nächsten Teil dieses Anhangs: "Einiges über Ausonius"

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Weil der spanische Bischof Priscillian (der Namensgeber jenes Exorzistenvereins, bei dem Priscilla mit anderen Weibern gelandet war) sich einem Urteilsspruch spanischer Kollegen, die ihn exkommuniziert hatten, nicht beugen und nur einem Urteil des Kaisers sich unterwerfen wollte, bestellte Maximus - wohl um seine noch unsichere Usurpation, nachdem er mit den Anhängern Gratians langsam fertig war, durch Kooperation mit der Kirche zu stabilisieren - Priscillian, mitsamt allen an dessen Tun Beteiligten, zu einem 167 168 Strafprozess wegen maleficium - zauberischen Unfugs - nach Trier ein, wozu (indes Hieronymus nach dem Tod seines päpstlichen Gönners nach Antiochia abreiste169) auch der Heilige Martin erschien.170 Bei den Verhandlungen gestand Priscillian, auf dem Anwesen einer gewissen Euchrotia bei Bordeaux in Anwesenheit schamloser Frauen nackt gepredigt, und, außer mit jener (verwitweten) Euchrotia, auch mit deren Tochter Procula geschlafen zu haben, die davon schwanger ward und abtreiben musste. Worauf er von den kaiserlichen Richtern wegen maleficium zum Tode verurteilt wurde, obwohl der Heilige Martin bei Maximus protestierte, weil der Staat sich 171 nicht in kirchliche Dinge einmischen solle. Was Priscillian nichts nützte, samt Euchrotia172 (und einer Reihe seiner Anhänger) wurde er in Trier kurzerhand geköpft.173 Was die Spanischen Kirchenunruhens eher verstärkte, und, wenn man so will, lautstark den Niedergang Triers einläutete, obwohl die Kaiserin-Gattin dem Heiligen Martin - während man in Bordeaux eine 167

Wörtlich: "Schlecht-Tun", worunter man Unfug in Verbindung mit (insbesondere nächtlichen) abergläubischen Praktiken oder solchen der Hexerei verstand, was streng bestraft wurde, wobei inzwischen bereits der Besitz Neuplatonischen Schriftgutes zu den strafwürdigen Verbrechen zählte. 168 Genauer in Teil vier dieses Anhang "Neues vom Heiligen Martin" dargestellt

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Wohin ihm im September die verwitwete Paula und deren Tochter Eustochium folgte wobei sonderbar ist, eine Laune offenbar der Symmetrie, dass Priscillian (wie sich gleich zeigen wird) gleichfalls mit einer Witwe und ihrer Tochter unterwegs gewesen war 170 Genaueres in Teil V. dieses Anhangs: "Neues vom Heiligen Martin" 171 Wobei diese erstaunlichen Dinge einzig in der "Kirchengeschichte" des Sulpicius Severus dargestellt sind, des Verfassers also unserer Vita Martini. Und sein Bericht (der die einzigen differenzierten Angaben zum sogenannten Priscillianismus enthält, einer "manichäisch-gnostischen Abweichung" des katholischen Glaubens), mannigfaltig interpretiert wird. Die einen sagen, er entspräche den Tatsachen, andere, Priscillian seien seine skandalösen Bekenntnisse unter der Folter abverlangt worden, während dritte behaupten, Sulpicius habe sich die Obszönitäten nur ausgedacht, um noch mehr Dreck auf den spanischen Bischof zu werfen. 172 Die - wie ein Gedicht verrät (prof. 4), worin er ihr und das ihrer Tochter Schicksal erwähnt - eine Bekannte von Ausonius war (mehr dazu in Teil II dieses Anhangs "Einiges über Ausonius"). 173 Wobei Euchrotia (Pacatus in einer Lobrede auf Theodosius, paneg. 2 [12], 29, 2) "mit einem Haken zur Hinrichtung geschleift wurde"

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gewisse Urbica174 als Anhängerin Priscillians rasch noch zu Tode steinigte - bei seinem nächsten Besuch Triers die Füße wusch und ihm eigenhändig, allein mit ihm in einem abgeschlossenen Teil des Palastes, die Mahlzeiten zubereitete und liebevoll dann servierte (ohne sich indes mit ihm auch noch ins Bett zu legen, wie Sulpicius hinzuzufügen sich genötigt sah175). -------------------------------------------------------------------------Mittwoch, 23. April 2008 bei meiner abendlichen Radtour entdecke ich, dass der Frühling nun richtig begonnen hat. In den Feldern ist innerhalb von zwei Tagen weitflächig der Raps aufgeblüht und überzieht, indes manche Baumgruppen wie Fata-Morgana-artige Inseln darin zu schweben scheinen, alles mit gelbem Leuchten. Die Kleingärten voll lieblich weiß-rosa Blütenpracht, die Buchsbaumhecken feinteilig mit Grün durchsprenkelt. Ich merke, dass mich die sexuellen Passagen von Priscillas späten Lebensweg über Gebühr interessieren und streiche eine Szene, worin ihr der Bischof von Clermont (bei einem privaten Essen in seinen Räumlichkeiten), nach einer interessanten Unterhaltung über den Zölibat, und dass man ja als Bischof vor fleischlicher Versuchung gewahrt sei, das brandneue, grad auf dem Konzil von Konstantinopel (381) verabschiedete Glaubensbekenntnis (dessen Wortlaut mit unserem heutigen identisch ist) beibringen möchte. Wobei er, damit sie besser lerne, ihr erst die Hand aufs Haupthaar legt, um dann sanften Druck auf die Schultern auszuüben, was sich, als der Teufel des Nicht-Lernen-Könnens auch dort offenbar nicht saß („Ach, dürfen Sie mich denn als Bischof einfach berühren?“ - „Warum denn nicht?“ - „Führt Sie das nicht in Versuchung?“ - „Nein, nein, nicht im Mindesten...“ „Aber hat Papst Damasus nicht allen Priestern verboten, sich mit Witwen privat einzulassen? ... Wie? Das betrifft Sie gar nicht? ... Auch wenn Sie mich woanders anfassen? ...Hier zum Beispiel? (wobei sie seine Hände an ihre Brüste führt) ...Na? ... Uuh, fassen Sie öfter Frauen da an, wenn Sie von ihnen Geld für Ihre Kirche wollen? Wieviel bräuchten Sie denn? … Ach so, da nicht? … Wo denn? … Sitzt der Teufel etwa hier unten? Gucken Sie doch mal nach...“), kaum noch stoppen ließ, zumal beide etwas betrunken sind - Na? … Uhh … Nein, bitte nicht … Los, sagen Sie mir doch noch mal den dritten Satz des Glaubensbekenntnisses, damit ich ihn endlich behalte … Ach, so lautet er also …

174 Prosper Tiro (390-455), ein Weggefährte des Hilarius von Poitiers, Chronik zum Jahre 385 -- wobei jene Dame eine nahe Verwandte des von Ausonius in professores 21 gepriesenen Grammatikers Urbicus sein dürfte 175 In den erst nach 405 entstandenen Dialogi, die, wie mehrfach erwähnt, in Gelehrtenkreisen als unseriös gelten … wobei Sulpicius etliche Erörterungen über Jungfräulichkeit und den Umgang mit Jungfrauen folgen lässt, was einen Eindruck davon gewährt, in welchem Ausmaß der "richtige" Umgang zwischen Klerus und Frauen die Phantasien der Kirchentheoretiker beschäftigte, was auch in den Schriften von Ambrosius und Hieronymus ablesbar ist - mehr dazu, mit einer genaueren Darstellung jenes Trierer Prozesses, in Teil VI dieses Anhangs: "Neues vom Heiligen Martin"

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wie interessant … gefällt es Ihnen? … Nein, bitte nicht gleich reinfassen ... Oder haben Sie dort etwa einen Teufel entdeckt? … uuuh ... uuuh ... Ja, mach ... mach ... uuuuh, bitte nicht … Willst du ficken? ... Nein? … Bin ich dir nicht zu alt? … Nein? … Nein?…“ - , auch als er versucht, ihr die katholische Trinität noch mal in aller Ruhe zu erklären, usw., usw. --- alles gestrichen.

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Wobei in Mailand - unterdes Bischof Ambrosius dort der arianischen Kaiserin Justina, die ihn nun ganz aus der Stadt verbannen wollte, widerstand und, sich Anfang 386 in seiner neu errichteten Basilika verschanzend, nicht nur Augustinus begeisternde Hymnengesänge einführte, die seine Anhängerschaft motivierten (und später Teil der Kirchenliturgie wurden), sondern auch die Gebeine von Gervasius und Protasius aufdeckte, um mit deren Wunderwirkung den Streit für sich zu entscheiden - plötzlich Augustinus Mutter Monnica auf der Bühne der Weltgeschichte erschien und ihren Sohn (während Ausonius, heilfroh den Trierer Vorgängen entronnen zu sein, ohne dass man ihm das Vermögen raubte, in Bordeaux nur noch stille Gedichte über Privates zu schreiben wagte176) drängte, seine Konkubine endlich zu verstoßen und - indes der spätere Heilige sich vom Skeptizismus Ciceros ab- und zögernd den (verbotenen) Neuplatonikern zuwandte (und sich Hieronymus mit Paula und Tochter nach der Erkundung des Orients177 am Jahresausgang in Bethlehem niederließ) - eine anständig christliche Ehe einzugehen, damit er am christlichen Hof jetzt richtig Karriere machen konnte. Wozu sie ihm eine (12-jährige) Verlobte besorgte, was Augustinus am 15. August 386 ein sogenanntes „Bekehrungserlebnis“ bescherte, infolge dessen er beschloss, auf Ehe und Beruf zu verzichten und fortan auf dem Landgut Cassiciacum ein „kontemplatives“ Leben zu führen.178 Infolge 176

Eine schlichte Serie z.B. über verblichene Verwandte, und eine über etliche professores, verstorbene einstige bordelaiser Lehrerkollegen, aber um Gottes willen nichts über Gegenwärtiges 177 Die heiligen Stätten Palaestinas, Alexandria, die Wüste von Nitria 178 Augustinus hat jene Erfahrung mehrfach beschrieben (erstmals Conf. VIII, 12, 29), bei der er unter einen Feigenbaum eine Kinderstimme vernahm, die wiederholt rief: "Nimm und lies!" (Tolle lege), worauf er, gehorchend, in den Paulusbriefen las: "Lasset uns ehrbar wandeln ... nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste." (Römer 13 in der Luther-Übertragung). bzw. in der zeitnahen Übersetzung des Hieronymus: "non in comesationibus et ebrietatibus non in cubilibus et inpudicitiis non in contentione et aemulatione, sed induite Dominum Iesum Christum et carnis curam ne feceritis in desideriis." - Die stark stilisierte Erzählung hat Augustinus auch in seine Lebensbeschreibung des Antonius eingearbeitet.

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jenes Erlebnisses179, verstieß er, den Sohn behaltend, seine langjährige (15 Jahre) Konkubine und - das Kuddelmuddel wird vom späteren Heiligen in verschiedenen Versionen nicht ganz widerspruchsfrei dargestellt, und die Konkubine hat sich offenbar nicht so energisch dazu geäußert, dass ihre Äußerungen, wie die ihres Gatten, 1500 Jahre überdauerten - lebte bis zur Heiratsfähigkeit seiner frischen Verlobten erst mal mit einer anderen Frau zusammen180, bis er sich schließlich (samt Sohn) von Ambrosius Ostern 387 kurzerhand taufen ließ. *** Grad als Maximus den jüngeren Valentinian aus Italien verjagte und zum Schutz der Rheingrenze Truppen unter einem Nanninus zurückließ, dessen Schutz er seinen zum Nachfolge-Augustus erkorenen minderjährigen Sohn Flavius Victor181anvertraute. Valentinian floh mit seiner Mutter zu Theodosius, während Augustinus nun, mit ebenfalls einer Mutter (natürlich der seinen), nach Afrika zurückwollte, vermutlich auch, weil er sich, als Redenschreiber Valentinians, vom neuen Regenten (der kürzlich in Trier, außer Anhängern Gratians, auch etliche Manichäer hinrichten ließ) kaum was erhoffte, wobei Monnica 387 in Ostia starb und er sie dort beerdigte182, bevor er nach Afrika weiterreiste; indes Theodosius des jüngeren Valentinians Schwester Galla (die Tochter Justinas) ehelichte und Maximus (unterdessen hatte Hieronymus in Bethlehem 3 Klöster gegründet, 2 für Frauen, eins für 179 In das, wie den Confessiones zu entnehmen, auch hineinspielte, dass ihm Mailänder Freunde von Einsiedlern vor den Mauern der Stadt Trier berichteten, die um 370 die Vita Antonii des Athanasius lasen, was zwei ihrer Kameraden den Weg ins Mönchstum wies. Was belegt, dass in Gallien offenbar lateinische Übersetzungen existierten, die Sulpicius gelesen haben konnte, bevor er sein "Leben Martins" schrieb. 180 "Man drängte mich unablässig, eine Gattin heimzuführen. Schon bewarb ich mich, schon erhielt ich die Zusage, hauptsächlich auf Betreiben der Mutter: ich sollte bereits verehelicht sein, wenn das Heilswasser der Taufe mich reinwüsche... Indes, das Drängen hielt an, und die Werbung erging an ein Mädchen, dem noch fast zwei Jahre zum heiratsfähigen Alter fehlten; doch weil gerade sie entsprach, so hieß es eben warten" Conf. 6, 13. 23 ... "Ich aber ... fand den Aufschub, dass ich erst nach zwei Jahren die erhalten sollte, um die ich warb, unerträglich und verschaffte mir, weil ich ja nicht Freund der Ehe war, sondern Sklave der Lust, eine andere Genossin" Conf. 6, 15. 25 181 Sulpicius Alexander Historia, Buch III - (verloren gegangen, aber lange Passagen zitiert in Gregor von Tours (II,9) 182 Wobei er ihre Beerdigung lange reflektiert und, in sehr interessanten Passagen, in Relation zum Tod seines Vaters setzt, unterdes er sich seitenlang dafür entschuldigt, sie nicht, wie von ihr gewünscht, im Grab ihres Gatten bestattet zu haben, sondern, 2000 Meilen und eine Ewigkeit von diesem entfernt, in Ostia … - vielleicht die erste individual-psychologisch deutbare, also auf den intimprivaten Bereich (und nicht den entfernter Götter) zugreifende Darstellung des Ödipus-Komplexes.

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Mönche, dessen Leitung er selbst übernahm, um, begleitet von weiterhin Paula183 sowie ihrer Tochter Eustochium, dort in den kommenden Jahren das komplette Alte Testament ins Lateinische zu übersetzen) dann in Illyrien ausmanövrierte, wobei man den Usurpator 388 in Aquileia fing, als er seinen Truppen Geld zuteilen wollte, wonach man ihn dort am 13. August hinrichtete - unterdes die Abwesenheit größerer Truppenverbände von den Franken zur Plünderung des Rheinlands (und erneut wieder Triers) genutzt wurde (und dessen Blütezeit so beendete). Selbstverständlich überlebte Fla184 vius Victor , der Sohn des großen Maximus, die Niederlage seines Vaters nur um einige Tage. Und leider starb (indes Ausonius wieder der Welt sich zuwandte und eine Gedichtserie „Die Rangordnung der Städte“ schrieb, worin er, außer 19 anderen blühenden Städten des römischen Reichs, auch Aquileia feierte185), kaum dass sie nach Italien zurückgekehrt war, auch die Kaiserinmutter Justina. Wobei Augustinus in Ostia den Tod der eigenen Mutter und sein Leben offenbar so lange bebrütet hatte186, dass er Afrika erst Ende 388 erreichte, wo er sich, mit seinem Freund Alypius nun einer Gruppe von „Gottesdienern“ (servi Dei) angehörend - getauften Laien, die ein Leben in Vollkommenheit zu führen gedachten -, auf seinem Familienbesitz in Thagaste niederließ und die nun folgenden Wirren des römischen Reichs in relativer Sicherheit wohl erstmal abwettern wollte. - 13 Theodosius als Alleinherrscher (394-395) (seit 379 bereits Augustus im Osten) Unter dem Schutz des aus all diesen unklaren Kämpfen am Ende siegreich hervorgegangenen Bischofs Ambrosius, der die Dominanz der Kirche über 183

Deren Existenz (347-404) sich, wie die ihrer Tochter Eustochium (gest. 419), einzig in der Korrespondenz mit Hieronymus erhielt, vor allen den Briefen 22, 30, 31, 33, 38, 39, 66, 107; und, ihr Leben (worin sie wegen ihrer Großzügigkeit am Ende in arge finanzielle Bedrängnis geriet) lieblich zusammenfassend, schließlich in 108 184 Von dem sich ein paar sehr hübsche Goldmünzen erhalten haben, die einen süßen Knaben unterm Diadem zeigen, vielleicht das hübscheste Herrscherantlitz der römischen Münz-Geschichte (AE 2 Spes Romanorum) 185 "non erat iste locus" (es war nicht dieser Ort) lautete der Beginn, wobei er durch Nichterwähnung des Maximus sanftmöglichst Rache für Gratians Ermordung nimmt 186 siehe die vor-vor-vor-vorige Fußnote

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den Staat predigte, residierte der jüngere Valentinian (nun ohne seine Mutter) ab 389 wieder in Trier, aber, wohl weil es weitgehend wieder zerstört war, bald lieber im weniger gefährdeten Vienne, wo der Heilige Martin im folgenden Jahr brandea mit Reliquien (wohl nur einigem Staub) der von Ambrosius aufgedeckten Gebeine empfing, um sie nach Tours zu bringen, während Augustinus in Thagaste seine Schrift Über den Lehrer (De magistro) grade beendete187, wobei sein Sohn Adeodatus (das Gottesgeschenk) gestorben war, wonach er 391 nach Hippo ging, um für die „Gottesdiener“ ein Kloster zu gründen, was der dortige Bischof Valerius erlaubte, der ihn im gleichen Jahr noch zum Priester weihte. Am kaiserlichen Hof herrschte aber der fränkische Heermeister188 Arbogast. Am 15. Mai 392 wurde Valentinian, der ohne seine Mutter vollkommen hilflos war (während Ausonius entdeckte, dass er eine neue Nachbarin hatte, eine recht nette, etwas korpulente Witwe aus Rimini so an die Sechzig, mit der sich an den Grundstücksgrenzen manchmal nett plaudern ließ, wobei sich herausstellte, dass ihr sogar Ovid bekannt war - hier auf dem Land, wo die Leute an Vergnügen gewöhnlich bloß Fressen Saufen Ficken und Kirche kannten, wahrhaft eine Rarität), in seiner Vienner Residenz tot aufgefunden, worauf Arbogast am 22. August 392 den Grammatiklehrer und Hofbeamten Eugenius zum Augustus ausrufen ließ, der, obwohl selbst Christ, als letzter römischer Kaiser dem Heidentum tolerant gegenüber stand. Und den Victoria-Altar in der Curia des Senats wiederherstellen ließ, um den (weitgehend immer noch heidnischen) römischen Adel als Verbündeten zu gewinnen. Aber 393 ernannte Theodosius (während ihm die immer blässlicher werdende Galla nach mehreren Fehlgeburten eine Tochter namens Galla Placidia 187 Die erste seiner dogmatischen Streitschriften gegen konkurrierende christliche Strömungen, der Genesiskommentar gegen die Manichäer 188 Es ist vielleicht eine Fußnote wert, dass sich dieses Arrangement von schwachem, oft minderfähigem, Herrscher und einem starken Kabinettschef, der auch die Befehlsgewalt über das Heer hat, später auch im Frankenreich etablieren sollte. - Im Imperium Romanum wiederholte es sich bei den beiden Söhnen des Theodosius: während Honorius die Regierungsgeschäfte dem vandalischen Heerführer Stilicho überließ, geriet der ähnlich schwächelnde Arcadius unter die Kontrolle eines gewissen Rufinus (und dann eines Eutropius), wobei sich die Konflikte der beiden Reichsteile oft als Eifersuchts-Konflikte der ausführenden Regenten artikulierten. Was sich bei Claudianus, dem Hofpoeten Stilichos (und wohl letzten römischen Dichter) zu einer Schilderung der Umstände von Rufinus Tod verdichtet ("In Rufinum" II, 390 ff.), die Kleistsche Sprachgewalt hat. Mit einer unfairen Freude am reißerisch Sensationellen (jener Rufinus wird auf einer Militärparade buchstäblich zerrissen), die von keinerlei christlichem Mitgefühl gehemmt wird. Dass sowas für den extremst frömmelnden Hof des (14-jährigen) Honorius entstand, ist kaum fassbar.

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gebar und Hieronymus in Bethlehem, nachdem er vorher nur Teile publiziert hatte, eine Übersetzung des gesamten Alten Testamentes veröffentlichte, angeblich „nach dem Hebräischen“189) seinen jüngeren Sohn Honorius zum neuen Mitkaiser und besiegte Eugenius in der blutigen Schlacht am Frigidus, wonach Arbogast Selbstmord beging und man Eugenius erschlug. Nun herrschte Theodosius im ganzen Reich, mit seinen Söhnen Arcadius (Osten) und Honorius (Westen) als Mit-Augusti. *** Was Theodosius von seinen Vorgängern unterschied, war weniger sein christlicher Glaube als vielmehr die dezidiert „katholisch-orthodoxe“ Konfession: 380 erklärte er im Edikt „cunctos populos“ das nicäanische Christentum de facto zur Staatsreligion. Wahrer Katholik ist nur, wer in der Religion lebt, die Petrus den Römern überlieferte und zu der sich die derzeitigen Kirchenoberhäupter bekannten, Papst Damasus in Rom und der alexandrinische Bischof Petros; daher gelte, „dass wir also an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben“. Alle anderen waren fortan Häretiker. Das „Heidentum“ (dieses unbeschreibbare Sammelsurium unterschiedlichster Kulte) wurde aber noch toleriert. Um den seit 325 andauernden Streit zwischen Trinitariern und Arianern zu lösen, berief er 381 das Konzil von Konstantinopel ein190, auf dem 150 Bischöfe die endgültige Fassung des Nicäischen Glaubensbekenntnisses formulierten (welches bis heute Bestand hat) und der Arianismus, nachtretend, nochmals verworfen wurde. Erst in Reaktion auf die (heidnisch geprägte) Usurpation des Eugenius wurden die Maßnahmen gegen das Heidentum schärfer, obwohl auch weiterhin heidnische Beamte und Militärs Beschäftigung fanden. 391/92 wurden die heidnischen Kulte und ihre Ausübung jedoch auch offiziell untersagt. In vermutlich zunächst bloß einer begrenzten Aktion, die sich konkret gegen die großteils altgläubigen Anhänger des Eugenius richtete, um an deren Vermögen zu kommen. 393 wurden aber (nachdem Ausonius seine nette neue Nachbarin mal zu sich eingeladen hatte, wo sie, artig von 189 Tatsächlich wurde diese Übersetzung nach der Septuaginta angefertigt, möglicherweise einer, die Lesarten anderer griechischer Übersetzungen enthielt Hieronymus war in dieser Zeit ebenfalls in Konstantinopel, ohne sich dazu jedoch geäußert zu haben

190

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Sklaven bedient, ein paar zarte Schluck Wein tranken - in Bordeaux gabs den besten - und sie ihm etwas aus ihrem bewegten Leben erzählte, wozu auch er etwas von seinem gekreuzigten Cupido beisteuern konnte, den er in Trier einst gesehen hatte, worauf sie - „Ach, Sie meinen, das ginge…“ - über Nacht einfach blieb, denn draußen - carpe diem - war es längst zu dunkel…) auch die Olympischen Spiele verboten. Inwiefern diese Erlasse wörtlich zu nehmen sind, bleibt unklar. In der Forschung wird es inzwischen eher bezweifelt, weder bei christlichen noch heidnischen Autoren des fünften Jahrhunderts findet sich ein Hinweis auf ein wirksames Verbot paganer Kulte. Sodass diese Gesetze offenbar weder recht wahrgenommen noch durchgesetzt wurden. Heute meint man, erst Justinian habe entschlossen die heidnischen Reste beseitigt. Theodosius selber scheint jedenfalls keine Tempelzerstörungen angeordnet zu haben, sodass die seiner Zeit auf Übergriffe lokaler Statthalter bzw. auf tatkräftige Bischöfe (wie den Heiligen Martin) zurückführbar sind. Über das Massaker von Thessaloniki 390 sprachen wir bereits. Geprägt vom kaiserlichen Selbstverständnis als Gottes Vizekönig auf Erden, sorgte die Religionspolitik des Theodosius, für einen deutlichen Christianisierungsschub. Mit mannigfaltigst motivierten Trittbrett-Fahrern (zu denen man ruhig auch den Heiligen Sulpicius zählen darf, der sich, nach dem Tod seiner noch sehr jungen Frau, gegen 395 für den Bischof von Tours zu interessieren begann, der, trotz seiner abweisenden, stets missionsbereiten Hülle, offenbar kein übler Kerl war, obwohl man all diese Wunderlegenden - und mehr noch das Getue der Mönche - nicht recht ernst nehmen konnte). Auf diese Weise vollzog sich der Sprung zum wirklichen Imperium Romanum Christianum, auch wenn das Heidentum noch mindestens 200 Jahre fortbestand. - 14 Honorius (395-423) und Arcadius (395-408) Honorius geb. 384. Mit 11 Herrscher über Westrom, während Arcadius (geb. 377), mit immerhin bereits 18, nun Ostrom beherrschte. Zwei harmlose, unverständige Kinder auf dem Thron. Mit nicht einmal mehr Müttern, die sie leiten konnten. Unter ausnahmslos Fremden, die ihnen alles 243

Mögliche erzählten. Zum Zeitpunkt einer Teilung, die von zahlreichen Historikern als das entscheidende Datum der Weltgeschichte bezeichnet wird. Das entscheidende Datum der Weltgeschichte also, fast christlich, ha, aber genau darin bestand das Christentum: von nichts wissenden Kindern erzeugt - „Und Kinder wachsen auf mit toten Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben…“, haha, Hugo von Hofmannsthal, wenn mich nicht einiges täuscht, eins der in Trümmern liegenden Gedichtrelikte meiner Schulzeit ... wie „Über den Wipfeln ist Ruh, von allen Gipfeln spürest du kaum einen Hauch usw usw…“ - Denn während der Ostteil des Reichs sich noch bis 1453, mit einigen beachtlichen Aufschwüngen - man denke an die Hagia Sophia - weiterschleppt und so einen Eindruck davon vermittelt, wie sich das Imperium Romanum ohne die ruinösen Barbareneinfälle hätte entwickeln können - zu nicht grad was besonders Gutem! -, bricht das Westreich innerhalb der nächsten Jahre komplett zusammen, um 493 inexistent zu werden. Wobei im Westen erst mit dem zeitlupenhaft fränkischen Aufstieg wieder von Neuem kontinuierliche Dynamik entstand, die via Gregor von Tours bis in unsere Gegenwart führte; und, das ist der Witz: uns bis auf den Mond… Wobei die komplette Antike vom Schöpfer (mit Hilfe von unwissenden Kindern) offenbar als grausam sonderbares Experimentierfeld angelegt wurde, das einzig dazu diente, grauenhaft zerklüftete Ruinen und … die Bekenntnisse des Heiligen Augustinus zu zeugen. doch: gemach, gemach… * Arcadius hatte sich in Konstantinopel gegen seinen Berater Rufinus durchzusetzen, der sich dort in ähnlicher Position befand wie im Westreich Stilicho, wobei es zu Spannungen kam, als Stilicho für den Westen Illyrien beanspruchte. In Anwesenheit des Kaisers wurde Rufinus bei einer Parade getötet191, wonach der Eunuch Eutropius seinen Platz einnahm192, der 399 aber bereits hingerichtet wurde. Einen Aufstand des ehrgeizigen 191 192

Gefeiert durch Claudianus ("In Rufinum") Dessen bewegte Lebensgeschichte - vom schwulen Strichjungen über Zuhälter zum mächtigsten (und reichsten) Mann des Imperiums - Claudianus ebenfalls mit maximaler Gehässigkeit besingt ("In Eutropium")

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gotischen Heermeisters Gainas, bei dem Konstantinopel geplündert wurde //nicht korrekt, genauer recherchieren, aber äußerst knapp halten, obwohl es hochinteressant ist, auch in Verbindung mit Claudianus// schlug man 400 nieder. Unterdessen drangen die Westgoten unter Alarich mehrfach tief in oströmisches Territorium ein, wobei es zu Revolten unter den germanischen Hilfstruppen kam. Nach dem Tod der Eudoxia 404 trat der Prätorianerpräfekt Anthemius als wichtigster Berater des Kaisers hervor, in dessen Schatten der Kaiser verschwand. Wobei es Anthemius gelang, gute Beziehungen zu den persischen Sassaniden herzustellen, was die außenpolitische Lage Ostroms erheblich verbesserte. Nach dem Tod des Kaisers bestieg sein einziger Sohn und Mitkaiser Theodosius II (geb. 401, langjährige Herrschaft dann bis 450) im Kindesalter als alleiniger Augustus den oströmischen Thron, bis 413 beraten von jenem Anthemius. 429 ließ der neue Theodosius alle Gesetze seit der Herrschaft Konstantins I sammeln und ein formales Gesetzsystem schaffen. Obwohl unbeendet, wur193 de die Sammlung 438 als Codex Theodosianus publiziert und Grundlage von wiederum Justinians Gesetzessammlung. Die ihrerseits, von zumindest den Juristen für weit wichtiger gehalten als das Christentum, nicht nur zur Wiege, sondern (ein wohl noch größeres Verdienst Ostroms bestand darin, dass man eine ungeheure Menge antiken Schriftguts in fleißigem Kopieren und Wiederkopieren bewahrte - wobei vieles in jenem sogenannten „byzantinischen Engpass“ unterging, weil es empfindlichen Klerikernasen nicht passte194) sogar zum bereits recht massiven Fundament des europäischen Rechts wurde. * Die achtundzwanzigjährige Regierungszeit des Honorius war indes die 193 The Codex Theodosianus consists of sixteen books, the greater part of which, as well as his Novellae, exist in their genuine state. The books are divided into titles, and the titles are subdivided into constitutiones or laws. The valuable edition of A. Gothofredus (6 vols. fol. Lugd. 1665, re-edited by Ritter, Lips. 1736‑1745, 6 vols. fol.) contains the code in its complete form, except the first five books, for which it was necessary to use the epitome contained in the Breviarium. This is also the case with the edition of this code contained in the Jus Civile Antejustinianeum of Berlin, 1815. But the recent discovery of a MS. of the Breviarium, at Milan, by Clossius, and of a Palimpsest of the Theodosian code at Turin by Peyron, has contributed largely to the other parts of this code, and has added numerous genuine constitutions to the first five books, particularly to the first. Hänel's discoveries also have added to our knowledge of the later books, and his edition of the Theodosian Code, Bonn, 1837, 4to, is the latest and the best. 194 Wobei das Naserümpfen eines heutigen Heiden allerdings noch übler schmeckt, denn das Heidentum hat, trotz großer Worte, allein kaum was bewahrt

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ereignisreichste der römischen Geschichte. Als Ostrom seinen westgotischen Vasallen unter Alarich 397 Soldzahlungen verweigerte, plünderten diese Illyrien und Griechenland, wo sie Stilicho nicht stoppen konnte. Da man alle Truppen benötigte, verlegte man 400 die gallische Präfektur von Trier nach Arles. Ausonius stirbt etwa 395, mit 85. 396 wird Augustinus Bischof von Hippo, die Vita Martini des Sulpicius erscheint. 397 erscheinen die Confessiones und es stirbt, außer Ambrosius, auch der heilige Martin, mit 61; die Einwohner von Tours und Poitiers streiten sich um seine Gebeine, Sulpicius versucht zu propagieren, usw., usw... Und unbeeindruckt von allem weltlichen Geschehen verfasst Augustinus 400 (indes Sulpicius noch an seiner Kompakt-Version der Kirchengeschichte - von der Erschaffung der Welt bis in die Jetztzeit - arbeitete) eine Schrift gegen den Manichäer Faustus von Milewe, dem er 386 vor seiner 195 Übersiedlung nach Rom in Carthago begegnet war. Worin es, in sauber getrennter Darlegung von Argument (Faustus sagt:) und widerlegendem Gegenargument (Augustinus sagt:) über lange Strecken vor allem um Auslegungen des Alten Testaments geht, das von Faustus (wegen Obszönität!) komplett abgelehnt wird, wobei die Auseinandersetzung nicht einer gewissen Verdrehtheit entbehrt, weil Augustinus die anstößigen Stellen verteidigen muss, um das Alte Testament für das Christentum zu retten. Keine leichte Aufgabe, die er - dafür müssen wir ihm heute noch danken, sonst würden wir das Alte Testament nicht mehr kennen und es hätte nie einen „Moby Dick“ gegeben - mit Bravour bestand. Lesen wir (in diesem stillen Moment des Atemholens vor dem unausweichlichen, dem furchtbaren Finale) ruhig einiges daraus. Und sei es nur, um zu studieren, wie sich der Wahrheitsprozess in historisch noch nicht entschiedenen Situationen Bahn brechen will. Bevor man also die retrospektiv sich einstellende kulturelle Historizität kennt, in den ihn die gängige Meinung auflösen will. Zunächst, warum nicht, etliches an Vorgeplänkel (denn ohne Vorgeplänkel gibt es keine Schlacht): (III, 6) Augustinus: You, while you protest against putting the flesh of Christ in a 195

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"Contra Faustum libri XXIII ", um 400 verfasst, 404 an Hieronymus übersandt

virgin’s womb, place the very divinity of God in the womb not only of human beings, but of dogs and swine. You refuse to believe that the flesh of Christ was conceived in the Virgin’s womb, in which God was not found nor even changed; while you assert that in all men and beasts, in the seed of male and in the womb of female, in all conceptions on land or in water, an actual part of God and the divine nature is continually bound, and shut up, and contaminated, never to be wholly set free.

worin, ganz nebenbei, verraten wird, dass die Manichäer offenbar den hochinteressanten Glauben vertraten, dass ein Teil Gottes jeder Kreatur eingeschrieben sei (in Art also einer universellen DNS), was Augustinus sehr schräg mit dem Axiom der Jungfrauengeburt Christi kontert (deutlicher Punktsieg leider also für Faustus) an anderen Stellen geht es bloß um alberne Wortklauberei: im Alten Testament schrieb Moses (14, 1) “Cursed is every one that hangeth on a tree”.196 You tell me (Augustinus) to believe this man, though, if he was inspired, he must have cursed Christ knowingly and intentionally; and if he did it in ignorance, he cannot have been divine.

wobei Faustus also argumentiert, dass Moses kein Christ gewesen sein könne, denn er habe mit diesem Satz Christus verflucht, da an einem Kreuz zu hängen ja noch schlimmer sei, als von einem Baum. Leichtes Spiel für Augustinus. Anderes (siehe DNS) ist weniger leicht. Denn der Manichäismus ist in unserem Denken tief verankert: Gut gegen Böse, so heißt das ewige Spiel, an dem wir uns, im Großen und Kleinen, orientieren. Das Christentum war insofern - das letzte Jahrhundert, in dem der Konflikt zwischen Gut und Böse beinah die Welt zerstörte, schien dies beweisen zu wollen - vielleicht nur ein Interludium. Denn der böse Kosmos ist längst nicht am Ende. Und das Universum verzeiht keine Fehler. Es sei denn, es wirkt darin ein (gutartiger) Gott… Buch 20 beschäftigt sich mit Details des Manichäismus, Sonnenkult etc. (was unsere manichäischen Solarzellenanbeter freuen wird), und wie sie sich, nach Faustus Ansicht, mit dem christlichen Glauben vertragen, was 196

Deut. XXI, 23

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Augustinus Punkt für Punkt widerlegt; In Buch 21 kommt man dann zur Sache: Gott und Hyle --- Gut und Böse. Im manichäischen Kosmos wird der Teufel offenbar als Hyle bezeichnet197. Und mitten in diesen heute albern wirkenden Argumentationsketten, ganz unvermutet, von Augustinus eigentlich gegen den Machtanspruch der Hyle formuliert, plötzlich das Glaubensbekenntnis der heutigen Naturwissenschaften, extrem klar bereits ausgedrückt: (21, 6) Augustinus: Looking at the flesh itself, do we not see in the construction of its vital parts, in the symmetry of form, in the position and arrangement of the limbs of action and the organs of sensation, all acting in harmony; do we not see in the adjustment of measures, in the proportion of numbers, in the order of weights, the handiwork of the true God, of whom it is truly said, “Thou hast ordered all things in measure, and number, and weight”?198 If your heart was not hardened and corrupted by falsehood, you would understand the invisible things of God from the things which He has made, even in these feeble creatures of flesh. For who is the author of the things I have mentioned, but He whose unity is the standard of all measure, whose wisdom is the model of all beauty, and whose law is the rule of all order?

Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: the adjustment of measures, in the proportion of numbers, in the order of weights, - das ist genau das, was uns die Quantentheorie offenbart hat, als die gegenstandslose ganze Zahl wieder ins Zentrum der Theorie geriet, und die sonderbare Ordnung bloßer Zahlenverhältnisse, nachdem sich die Newton-Maxwellsche Physik im Kontinuum verlaufen hatte. Gleich darauf findet sich das Bekenntnis zur geistigen Hierarchie aller Dinge, insbesondere zur Überlegenheit des Kontemplativen über das Kreatürliche, vom Geist also über das Fleisch (und, vermessen: sogar über die Tat!) - in exakt diesen Formulierungen nach wie vor der unverhandelbare intellektuelle Glaubensartikel: (22, 27) Augustinus: Sin, then, is any transgression in deed, or word, or desire, of the eternal law. And the eternal law is the divine order or will of God, which 197 In moderner Anschauung also "Hyle = Hitler", bzw., (umstrittener), "Hyle = Hitler + Sta-

lin"

198

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Wisd. 11, 21

requires the preservation of natural order, and forbids the breach of it. But what is this natural order in man? Man, we know, consists of soul and body; but so does a beast. Again, it is plain that in the order of nature the soul is superior to the body. Moreover, in the soul of man there is reason, which is not in a beast. Therefore, as the soul is superior to the body, so in the soul itself the reason is superior by the law of nature to the other parts which are found also in beasts; and in reason itself, which is partly contemplation and partly action, contemplation is unquestionably the superior part. The object of contemplation is the image of God, by which we are renewed through faith to sight

in Buch 22 (sehr lang) folgt die Bibelexegese aller anzüglichen unmoralischen Stellen, penibelst aufgezählt und durchanalysiert. Wobei die Argumentationslinien in ihrer logischen Struktur denen einer anti-sexistischen Feministin ähneln, die obszöne Passagen bei einer ihr lieben Autorin verteidigen muss, welchselber eine noch rigorosere Feministin diese Passagen als sexistisch-pornographisch um die Ohren haut. Oder denen eines fanatischen Marxisten, der sich an Carl Schmidt begeistern will. Nur dass die gute Sache, um die es geht, nicht Antisexismus oder die Feier des rücksichtslosen Staates ist, sondern der durch Paulus für immer in die Gegenwart katapultierte Geist Christi. Und der Reiz der Argumente (in allen 3 Fällen) darin besteht, dass man das Verbotene in Worten ausdrücken darf. Lustgewinn also nicht durch lustvolle Akte - das überlässt man den dummköpfelnden Idioten -, sondern durch legitime Formulierung, durch den Kitzel beim Niederschreiben des delikaten Vokabulars (grad in der logischen Negation, wenn man also „du darfst nicht“ davorsetzt). Bei Augustinus superdeutlich zu spüren. In diesen Passagen die Energie hinter all seinem Schreiben. Stimulation insofern durch negativ signifizierte Simulation. Darin, als theoretisches Fundament, die Ciceronische Feier der Mäßigung bei allem Lustvollen, angewandt aufs Sexuelle, das natürlich strikt der Fortpflanzung zu dienen hat: (22, 29) The exercise or indulgence of the bodily appetites is intended to secure the continued existence and the invigoration of the individual or of the species. If the appetites go beyond this, and carry the man, no longer master of himself, beyond the limits of temperance, they become unlawful and shameful lusts, which severe discipline must subdue. But if this unbridled course ends in plunging the man into such a depth of evil habits that he supposes that there will be no punishment of

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his sinful passions, and so refuses the wholesome discipline of confession and repentance by which he might be rescued; or, from a still worse insensibility, justifies his own indulgences in profane opposition to the eternal law of Providence; and if he dies in this state, that unerring law sentences him now not to correction, but to damnation.

worin, wie bei aller stoischen Feier der Mäßigung, zwar das gesund disziplinierte Mittelmaß gepriesen, aber leider wieder nicht verraten wird, mit welchem Wundermittel man in jener Mitte verbleiben kann, sodass (wie bei potentiell Rauschgiftsüchtigen) nur Abschreckung hilft. Aber immerhin auch spielerisch-logisches Gedankengut zur Gleichberechtigtheit der Frauen, anhand des Verhaltens der Sarah, die ihrem Gatten Abraham eine andere Dame gönnt, damit er Nachkommen hat: (22, 31) So, again, when Faustus says that the wife’s being privy to her husband’s conduct made the matter worse, while he is prompted only by the uncharitable wish to reproach Abraham and his wife, he really, without intending it, speaks in praise of both. For Sara did not connive at any criminal action in her husband for the gratification of his unlawful passions; but from the same natural desire for children that he had, and knowing her own barrenness, she warrantably claimed as her own the fertility of her handmaid; not consenting with sinful desires in her husband, but requesting of him what it was proper in him to grant. Nor was it the request of proud assumption; for every one knows that the duty of a wife is to obey her husband. But in reference to the body, we are told by the apostle that the wife has power over her husband’s body, as he has over hers;199 so that, while in all other social matters the wife ought to obey her husband, in this one matter of their bodily connection as man and wife their power over one another is mutual,-- the man over the woman, and the woman over the man. So, when Sara could not have children of her own, she wished to have them by her handmaid, and of the same seed from which she herself would have had them, if that had been possible. No woman would do this if her love for her husband were merely an animal passion; she would rather be jealous of a mistress than make her a mother. So here the pious desire for the procreation of children was an indication of the absence of criminal indulgence.

*** 199

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1. Korinth. 7, 4

Nachdem sich Alarich mit Ostrom wieder verständigt hatte, fielen die Westgoten in Oberitalien ein, weshalb der Hof mit Honorius von Mailand ins gut befestigte (sumpfige) Ravenna zog. 402 gelang es Stilicho (während Sulpicius, unterdes er seine Kirchengeschichte verfasste, in erbitterten Streit mit Brictius geriet, dem Nachfolger Martins auf dem Bischofssitz von Tours, was Sulpicius veranlasste, mit Bassula, seiner Schwiegermutter, bei Toulouse ein eigenes Kloster zu gründen, zu dem der Heilige Paulinus ein Splitterchen vom Heiligen Holz beitrug, das er Bassula, in einem Goldröhrchen verwahrt, als Geschenk zusandte), Alarich zurückzuschlagen. Doch (403 konnte Sulpicius seine „Historia ecclesia“ endlich beenden, wonach Augustinus (404) seine Widerlegung des Dr. Faustus dem Hieronymus nach Bethlehem sandte, dessen Paula allerdings leider grad verstarb) 405 fielen, unter einem gewissen Radagaisus, erstmals auch Ostgoten in Italien ein (während Sulpicius, unablässig von Bischof Brictius gepiesackt, noch einige leicht phantastische Dialoge zum Leben des heiligen Martin schrieb und ein Mönch namens Telemachos im römischen Colosseum gesteinigt wurde, weil er dort tollkühn ein Verbot von Zirkusspielen einforderte), die Stilicho mit Hilfe hunnischer Truppen grad noch so zurückschlagen konnte. Aber inzwischen war die Rheingrenze so geschwächt, dass, nachdem Galla Placidia mit Stilichos Sohn Eucherius verlobt worden war und man Zirkusspiele nun doch verbot, die Germanen Ende 406 ungehindert über den Rhein kommen konnten. Sodass plötzlich lächerlich schien, noch zurückzublicken. Denn nun ging es, wie einst in Sodom und Gomorra, in vielen Teilen des Reiches nur noch ums Überleben, sodass man, gleich Paulus - dem antiphilosophischen Theoretiker menschlicher Universalität -, einzig nach vorne blicken durfte, und nicht, wie Lots Weib, zurück: (22, 41) Augustinus: Lot’s wife was the type of a different class of men, -- of those, namely, who, when called by the grace of God, look back, instead of, like Paul, forgetting the things that are behind, and looking forward to the things that are before.200 The Lord Himself says: “No man that putteth his hand to the plough, and looketh back, is fit for the kingdom of Heaven”.201 200 201

Phil. 3, 13 Luk. 9, 62; wobei Augustinus direkt im Anschluss - bereits strikt im Sinne des Heiligen Darwin - das Verhalten von Lots Töchtern billigt, die, da alle anderen in Frage kommenden Männer

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Nein, niemand der nur zurückblickt, wird ins Himmelreich kommen. Und der Autor, der dies alles hier schreibt, insofern ebenso wenig. Nein, keine Chance. Weil er nicht mehr nach vorn blickt…

Dafür geht es aber an einem sehr, sehr schönen Oktoberabend des Jahres 406 in einer Neumagener Taverne wieder mal so hoch her, dass ein dort ansässiger Holzhändler mit einer netten, leicht korpulenten dreißigjährigen Dame anzubandeln wagt, die, während allerorten bereits kräftig unter den Tischen gefummelt wird, behauptet, mit einem Trierer Tuchhändler verheiratet zu sein, bzw. vorher in Lyon gelebt zu haben, wohin sie aus einem Dorf bei Clermont-Ferrand geschickt worden wäre … wobei sie, weil sie es nicht für wichtig hielt, die nette Tante verschwieg, die ihr leider nicht ihr Vermögen hinterließ, weil sie nach Streitereien mit dem Bischof von Clermont plötzlich Richtung Spanien verschwand, um sich, was ihre süße Nichte natürlich alles nicht wusste, (384) den Priscillianern anzuschließen, zu denen sie sich schon ihres Namens wegen hingezogen fühlte. Wobei sie sich, auf dem Landgut einer Witwe namens Euchrotia, mit ihren (in letzter Zeit blöderweise etwas eingetrockneten) 57 von etlichen halbverrückten jungen Priestern, nachdem diese nackt ihre nächtlichen Teufelsaustreibungen bewerkstelligt hatten, ein paar Wochen lang - man lebt schließlich nur einmal - noch mal richtig durchnehmen ließ, manchmal auch, inzwischen war sie ein bisschen dicker geworden, von mehreren (was sie endlich wieder aus tiefstem Herzen „Ich … Ich … Ich…“ rausschreien ließ) hintereinander, und einmal sogar vom berühmten Priscillian, puh, war das gut, höchstpersönlich, der grad auf der Reise nach Trier war, um sich dort köpfen zu lassen, sodass er vorher wenigstens noch ein bisschen Spaß hatte, indes sich Priscilla mit Euchrotia anfreundete, die sie sehr an die gute alte Serena erinnerte, wobei deren Tochter leider nun schwanger ward, usw. usw., sodass man diese Erzählung jetzt wieder von vorn lesen könnte, weil es 53 Jahre später noch einmal zu fast gleichen Situationen kommt, was einem noch einmal klarmacht, dass sich bei den unteren Knallchargen der Weltgeschichte im Römischen Reich seit 350 leider nicht viel getan hatte, außer in Sodom ums Leben kamen, ihren Vater betrunken machen, um Nachkommen zu bekommen. Interessant ist, dass Augustinus das genetische Prinzip eher in Frauen verankert sieht und, recht modern, deren Lust an der Übertretung im Kinderwunsch begründet und davon beflügelt. Augustinus feiert Frauen als Vertreter eines rigorosen genetischen Egoismus, von dem die Männer kaum was begreifen. Weshalb diese verführt (oder betrunken gemacht) werden müssen.

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dass vielleicht ein bisschen mehr Glas unter die Leute kam … - viel Lärm also um nichts … *** --- um dann, nach dem Ende der Lektüre, wieder an genau diese Stelle zu springen, denn leider wird es danach kein so nettes Erwachen mehr geben, in dem man das Weitere in irgendwelchen entlegenen Winkeln oder auf schicken, von geduldigen Sklaven bewirtschafteten Landgütern abwettern kann. Wobei aber auch jener manichäische Dr. Faustus noch einen beachtlichen Trumpf im Ärmel hält, wenn er erklärt: (31, 1) Faustus: “To the pure all things are pure. But to the impure and defiled is nothing pure; but even their mind and conscience are defiled.” Pläne, sich in Byzanz einzumischen, nachdem Arcadius starb, wurden durch den

neuen militärischen Brennpunkt in Gallien gegenstandslos. 408 wurden Stilicho und sein Sohn ermordet, worauf Alarichs Westgoten im September Rom zu belagern begannen und Britannien vollständig aufgegeben wurde. Ein in Britannien zum Kaiser sich aufschwingender Konstantin III, der nach Gallien übersetzte, scheiterte und wurde 411 hingerichtet. Im gleichen Jahr verlieren sich Sulpicius Spuren. Brictius ist Bischof von Tours… - 15 Galla Placidia Nachdem Galla Placidia 406 mit Stilichos Sohn Eucherius verlobt worden war, der 408 beim Sturz seines Vaters umgebracht wurde, geriet sie 410 bei der Plünderung Roms in westgotische Gefangenschaft und heiratete 414, weil sie so das Gotentum mit (West-) Rom versöhnen wollte, den westgotischen König Athaulf, der sein Volk aus Italien nach Bordeaux geführt hatte; nach der Ermordung Athaulfs kehrte sie, knapp dessen Schicksal entgehend, 416 nach Rom zurück, wo sie auf Drängen ihres Halbbruders, des weströmischen Kaisers Honorius, 417 den Heeresmeister Constantius Flavius heiratete, den Honorius dann, in der Hoffnung endlich wieder Tatkraft auf dem Kaiserthron installieren zu können, 421 zum Augustus machte, 253

wobei dieser jedoch im selben Jahr als Constantius III starb; nach einem Exil in Konstantinopel wurde sie 424, nach dem Tod des Honorius, in Ravenna Regentin für ihren Sohn Valentinian III. Nach dessen Volljährigkeit zog sie sich 437 zurück und starb in Rom. - Ihr Mausoleum (worin sie aber nicht beigesetzt wurde), ist der erste (heut noch stehende) Bau des beeindruckenden spätantiken Bauensembles von Ravenna (Baptisterien der Arianer und der Orthodoxen, San Apollinare in Classis, San Apollinare Nuovo, San Vitale mit deren weitgehend erhaltenen Mosaikenschmuck), das großen Einfluss auf die karolingische und frühromanische, wenn nicht sogar die Welt-Architektur hatte. *** gewiss kann man sagen, dass das Hufeisen für den Fortschritt der Menschheit wichtiger war als Thomas von Aquin - aber gilt das auch für den Freiheitsbegriff des Duns Scotus, wie er sich vielleicht erstmals im Protest des Heiligen Martin gegenüber Julian offenbarte? Dass wir die Frage in fast identischer Form schon einmal stellten, mag andeuten, dass sie nichts von ihrer Brisanz verlor. Und dass ich meine, dass sie auch für die Gegenwart wichtig ist. Denn bei der Betrachtung der Antike bleibt, wie mehrfach angesprochen, ein zutiefst irritierender Rätselrest: wieso hatte eine Kultur, die zu Beginn der Herrschaft des Augustus in vielem Geistigen und Materiellen „unser“ sechzehnten Jahrhundert bereits übertraf, wie hatte sie so stecken bleiben können? Worin bestand (bereits bei den Griechen) der Defekt, der jene Zeit, trotz aller bereits vorhandenen differenziert arbeitsteiligen Ingenieurskunst, (z. B.) nicht die mathematische Physik hat entdecken lassen? Wobei grade die Betonung des Hufeisens vielleicht die Wurzel desselben Defektes ist. Als Ausdruck eines Sündenfalls oder sogar einer Unerträglichkeit, wie Barthes einmal sagte - ich finde es jedenfalls unter seinem Namen in einem Notizbuch -, eines insofern teuflisch-gefährlichen sich nur vom Zweck leitenden Monstrums, das die Wiederverdrängung des von Augustinus (auf Kosten eines Imperiums!) in die Welt gezerrten Subjekts zu verantworten hat. Und seine Zensur durch leerlaufende Schemata wie den Marxismus oder später den Strukturalismus erzwang, was Barthes - in überraschender Opposition zur von ihm eigentlich vertretenen Denkrichtung202 202

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In welcher die "Geburt des Lesers" mit dem "Tod des Autors" bezahlt werden muss - Ro-

- in seiner letzten Vorlesung - kurz darauf wurde er nämlich nach einem Essen mit Francois Mitterand203 überfahren - zu folgender (vorläufiger) Summe verleitete: „Lieber die Trugbilder der Subjektivität als den Schwindel mit der Objektivität.“ *****

land Barthes (1915-1980), La mort de l'auteur, Paris 1984 203 Francois Mitterand (1916-1996), sozialdemokratischer französischer Politiker, also einer, der den Mantel des Heiligen Martin mit längst areligiöser Unbeschwertheit in die politische Arena schmiss

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II. Einiges über Ausonius geb. 310. Der Vater Julius Ausonius aus Bazas ist Arzt (Domestica l.2; Grat. Act. 8), der sich in Bordeaux niederlässt. Aemilia Aeonia ist die Mutter, Tochter eines Caecilius Arigicius Arborius, der in der Anarchie von Victorinus und der Tetrici (also in etwa zum ersten möglichen Zeitpunkt unserer Erzählung, den Alamanneneinfällen von 275) aus wohl dem nördlichen Gallien nach Dax floh und dort heiratete (Parent. 2). Der Sohn hat eine bestenfalls kühle Beziehung zu ihr, eher fast keine, vielleicht zeigt er Tieferes nicht. Aber in der Antike ist die Sohn/Mutter-Beziehung ohnehin heikel oder in der uns vertrauten Form inexistent. Nirgendwo findet sich in der Literatur artikulierendes Interesse. Erst bei Augustinus, insofern mag es als „christliche Entdeckung“ gelten - in Form einer Vorahnung von Psychoanalyse -, wird derlei thematisiert; nach dorthin schielende (oder zielende) Confessiones schienen im vorchristlichen Umfeld unmöglich. Die Familiengedichte204, die Ausonius schrieb, vielleicht das äußerste, was man sich an Privatheit gestattete; und selbst deren Privatheit entstand bereits in einem Umfeld, in welches das Christentum einsickerte, als einziges Konstantum all dieser aufeinander folgenden Usurpationen; sie scheint bis 353 gelebt zu haben. Ausonius Erziehung begann in Bordeaux. In den „Professores“ beschreibt er seine einstigen Lehrer (Prof. 10. 11, 8. 10 ff ). Um 320 ist er beim mütterlichen Onkel Aemilius Magnus Arborius in Toulouse, der 328 nach Konstantinopel gerufen wird, um die Söhne Konstan205 tins zu unterrichten. Daher Rückkehr von Ausonius nach Bordeaux, wo er seine Rhetorikstudien fortsetzt, über welche diverse seiner ProfessoresGedichte Auskunft geben. Ab 334 ist er selber Lehrer, zunächst als Grammatikus (Praefatio 1.20). 204 Ausonius Parentalia, 30 (spät erst entstandene) Gedichte; mit zwei Vorworten, eins in Prosa 205 Mag sein dass Valentinian I, der zunächst unter Constantius diente (in den gallischen

Kampagnen unter dem Kommando Julians) und, die Witwe des Usurpators Magnentius heiratend, fraglos Gefühl für gesellschaftlichen Aufstieg bewies, von diesem Lehrer des Constantius gehört hatte, und daher später dessen Neffen zum Erzieher des Sohnes bestellte.

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Um die Zeit heiratet er Attusia Lucana Sabina, Tochter eines der angesehenen Bürger der Stadt, von der er drei Kinder hat. Eins, Ausonius, starb als Kind. Von Hesperius wird noch die Rede sein, auch von einer Tochter, deren Namen nicht überliefert wurde. Bald ist er Rhetoriklehrer, z.T. an Gerichtshöfen. 343 stirbt die Frau (ep. 22. 77 ff.). Er heiratet nicht wieder, sie hat etliche seiner Epigramme inspiriert (z.B. Epigramm 40). Wie sehr er ihr nachhängt, verrät Parent. 9. Private Ehebekenntnisse also möglich; es ist nicht die Gattin, die als Thema nicht existiert (und die Geliebte ohnehin nicht), es ist die Beziehung zur Mutter. die erste Schaffensperiode 334-364; zweite Periode: der Minister 364-383; die dritte reicht von der Usurpation des Magnentius bis zum Schluss, 383395 -1die erste Periode ist lang, die Produktzahl gering. Dank an den Vater, weil er Ausonius Sohn anerkennt (Epist. 19); 40 Elegien, korrekt, aber gefühlsmäßig naheliegend; über seine Frau (Epig. 39; 40; 53-55) und die an gewisse „lascivae nomina famae“ (Epigr. 38 und 45), die, wie er schreibt, seiner Frau Schwierigkeiten bereiteten. Etliche der anderen Epigramme vermutlich gleichfalls aus dieser Zeit, insbesondere, wenn sie mit Professoren zu tun haben. Einig mnemotische Gedichte wohl ebenso: Verse über den Römischen Kalender, die Griechischen Spiele usw., Unterrichtshilfen für seine Schüler in Bordeaux. Vielleicht haben einige das Gefallen des älteren Valentinian erregt, der ein äußerst simpler Geist gewesen sein soll. Ein Reitergeneral wie er im Buche steht. *** 366 wird er aus der Ruhe dieser Provinzbahn gerissen und in den „goldenen Palast“ gerufen, um in Trier den jungen Gratian zu unterrichten (Praef. 1. 24 ff.). Vielleicht erst 367. Das nächste Jahrzehnt berät er den Prinzen in Grammatik und Rhetorik. 368/369 begleitet er Valentinian I auf einem Alamannen-Feldzug gegen die Germanen (Epigr. 28 und 31). Das Vorwort zu „Griphus“ erhellt diese Episode. Und die „Bissula“, ein geliebtes Germanenmädchen, gibt ihr Fleisch. 370 wird er Comes. 375 erklimmt er 258

die erste Stufe der Ämter-Laufbahn: „Quaestor sacri palatii“. Als Gratian 375 den Thron besteigt, nimmt das Vorankommen Fahrt auf, sein Einfluss wird fühlbar. Sogar im Cod. Theod. XIII. 3. 11; XV. 1. 19 meint man seine Hand erspürt zu haben. Im Sog seines Aufstiegs zog er die Sippschaft mit, eins der Geheimnisse des römischen Zusammenhaltes, jeder bekam seine Chance: Der (90-jährige) Vater wurde 375 Ehren-Praefekt von Illyrien, der Sohn Hesperius 376 Pro-Konsul in Africa, sowie (377-380) „Praefectus praetorio“ von Italien, Illyrien und Africa; der Schwiegersohn Thalassius folgt Hesperius im Amt des afrikanischen Pro-Konsuls; der Neffe Aemilius Magnus Arborius wurde 379 „Comes rerum privatarum“ und stieg 380 sogar zum „Praefectus urbi“ auf. 378 wurde Ausonius selber „Praefectus Galliarum“, 379 dann Konsul (von allen Seiten diskutiert in „Gratiarum acto“). Ende 379 (also mit 69) Rückzug wieder nach Bordeaux (Einleitung zu Domest. 1) - 2zweite Periode, der Minister: 368 im kaiserlichen Auftrag die „Oster-Verse“ (Domest. 2); dann der „Griphus“, ebenfalls 368 während des Alamannen-Feldzugs, worin Ausonius variantenreich die mythische Zahl 3 besingt. 90 Hexameter lang, ohne zu ermüden. Sehr, sehr interessant. „Cento nuptialis“ zur gleichen Zeit, mit anzüglichem Tonfall, wegen des, wie man zur Entschuldigung sagt, zahlreichen Militärs in seiner Umgebung geschrieben also fürs Offizierskasino, wo manchmal sogar der Herrscher mitsingt. Hochzeitszeremonien in Zeilen, deren Länge durch Regeln festgelegt ist, nach den Werken Vergils. Eine Parodie des berühmten Hochzeitsgesangs Catulls, nur aus Versatzstücken. Mit drastisch dann dargestellter Entjungferung, in einer selbst nach heutigen Standards brutal wirkenden Schlusssequenz. Ja, das Hochzeitslied des Catull, das von den Hedonisten zu Priscillas Verlobung in Lyon gesungen wurde, nun in die Transzendentalität des Materiellen erhoben. Wie gesagt: alles aus Zitaten. Eine Handwerkskunst, die sich gewaschen hat, daherkommend als harmlose Bastelei. Aber ins Herz einer gewissen Sache treffend. Ins Herz jener gewissen Sache, die bei jedem von uns eine tiefe Wunde hinterlässt. Wenn sie nicht sogar, wie Augustinus sagt, 259

die Wunde selber ist. Dazu überleitend schreibt der stets vorsichtige Ausonius, der Leser könne ja darüber hinweglesen. Und nur der, der sich bei sowas für furchtlos hält, möge fortfahren. Sehr interessant diese Vorsicht. Unsere Erzählung ging, wenn man so will, genau anders herum vor. Sie beginnt gewissermaßen mit einer Entjungferung. Beginnt mit dem Sündenfall. Aber auch hier gelangt einzig der Furchtlose zum zweiten Teil. Gelangt nur der Furchtlose bis hier. Parecbasis206

Bisher habe ich, um keuschen Ohren zu genügen, die Mysterien der Hochzeit im Schleier des Ungefähren und Indirekten belassen. Weil aber Hochzeitsgesellschaften fescennische Gesänge lieben und diese wohlbekannte Form des Vergnügens langbewährter Vorgänger der Redefreiheit ist, werden wir die verbleibenden Geheimnisse, die der Schlafkammer und des Bett, in Worten des gleichen Autors enthüllen, sodass wir jetzt zum zweiten Mal erröten müssen, da wir sogar Vergil schamlos nun machen. Denen von euch, denen das nicht gefällt, empfehle ich daher, die Lektüre hier zu beenden: überlasst den Neugierigen den Rest. VIII. Imminutio

Postquam congressi207 sola sub nocte per umbram208 et mentem Venus ipsa dedit209, nova proelia temptant.210 tollit se arrectum211: conantem plurima frustra212 occupat os faciemque213, pedum pede fervidus urget214, perfidus alta petens215: ramum, qui veste latebat216,

206 Cento nuptialis VII; die folgende, nur aus Zitaten bestehende Imminutio ist Nr. VIII. - Parecbasis (oder auch egressio) ist ein technischer Begriff aus der Rhetorik; von Quintillian (4. 3) definiert als Figur, die schlimme Botschaften durch Antizipation mildert 207 Aen. 11. 631 208 Aen. 6. 268 209 Georg. 3. 267 210 Aen. 3. 240 211 Aen. 10. 892 212 Aen. 9. 398 213 Aen. 10. 699 214 Aen. 12. 748 215 Aen. 7. 362 216 Aen. 6. 406

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sanguineis ebuli bacis minioque rubentem nudato capite218 et pedibus per mutua nexis219, monstrum horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum220, eripit a femore et trepidanti fervidus instat.221 est in secessu222, tenuis quo semita ducit223, ignea rima micans224: exhalat opaca mephitim225. 226 nulli fas castro sceleratum insistere limen. 227 his specus horrendum : talis sese halitus atris 228 faucibus effundens nares contingit odore.229 usw. usw. Nein, Prüderie war seine Sache nicht. Auch wenn er das Begehren durch formale Spielerei im Zaum hielt. Wenn Augustinus bereits klar das Theoriegebilde Sigmund Freuds aufschimmern lässt, so ist es bei Ausonius die konkrete Poesie. Materialsammlungen, die in ein strikt formales Korsett geprägt werden. Sehr interessant. Keine Ich-Aussage. Alles voller Zitate. Der Autor ist, ganz wie von Barthes verkündet, tot. Es lebe der Leser. Aber zugleich, wenn einem gelingt, sich über den Kasino-Ton zu erheben, beinahe symbolhaft für das, was heutzutage beim Schreiben passiert, sobald man sich auf das Sexuelle einlässt: dieser fast automatische Rückfall auf Stereotypen, auf bereits geprägte, vielfach benutzte Worthülsel, die man in (hoffentlich) neuen Kombinationen dann selber benutzt, weil einem Besseres nicht einfällt. Nur Weglassen ist da schön. Doch (wie Weglaufen) nicht grad originell. Weglassen, weglaufen kann jeder. Wie man sich „diese 217 Ecl. 10. 27 218 Aen. 12. 312 219 Aen. 7. 66 220 Aen. 3. 658 221 Aen. 10. 788 222 Aen. 1. 159 223 Aen. 11. 524 224 Aen. 8. 392 225 Aen. 7. 84 226 Aen. 6. 563 227 Aen. 7. 568 228 Aen. 6. 240 229 Aen. 7. 480

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Sache“ im Grunde ja auch schenken kann. Alles zu studieren nicht zuletzt anhand etlicher Aktionen, die „unsere Erzählung“ immerhin mit einem gewissen (vielleicht universell gültigen) Leben füllten, obwohl das Geschehen so weit zurück liegt. Nein Prüderie war seine Sache auch mit 60 noch nicht, obwohl er nie wieder heiratete. „Bissula“ singt das Loblied eines Schwaben-Mädchens (Suebae virgunculae), das ihm im Alamannen-Krieg als Beutestück zugeteilt wurde; eine Serie kurzer Gedichte, wovon allein die Vorworte (darin er empfiehlt, das Büchlein nach ein paar Wein zu lesen und sich den Inhalt beim Einschlafen vor Augen zu halten230), sowie - blauäugig war sie, und blond war das Haar231 - die drei Eröffnungs-Stücke vorhanden sind. Glücklicherweise vielleicht, wie ein englischer Übersetzer 1919 noch meinte. Seine bekannteste Arbeit aber ist die Mosella. Ebenfalls nicht vor 371 beendet, dem Jahr der Konsuln Probus und Gratian, der Geburt des jüngeren Valentinian. - Nach der Skizzierung der, jawohl: von Bingen nach Neumagen führenden Reiseroute, singt er das Loblied der Mosel, um fast unvermittelt einen Katalog der Fische zu präsentieren, die den Fluss bevölkern. Anschließend werden die weinbehangenen Berge und Hügel besungen und deren generelle Lieblichkeit. Worauf die Beschreibung der prachtvollen Villen folgt, und eine der zahllosen Nebenflüsse und Bäche. Zum Schluss ein Lobpreis des Rheins, in den sich die Mosel ergießt. Er lobt ihn gegenüber Loire, Aisne und Marne. - Auch hier also der Hang ins pedantische Katalogisieren, worin aber immer subjektives Empfinden einbrechen will. Selbstredend hat Ausonius das Pastorale, das Ländlich-Innige nicht entdeckt, da gibt es ganz andere. Aber er hat entdeckt, dass eine gewisse Steifheit Empfinden nicht ausschließt, dass sie, hm, wirkliches Empfinden vielleicht sogar erst möglich macht. Mehr jedenfalls als bloß die Maske des Empfindens, der man gewöhnlich bei derlei begegnet. Na, ich hab nicht den Ehrgeiz, jetzt die Mosella zu feiern. Wenn man so will, ist „unsere“ Erzählung Feier genug. nach 375 viel öffentliche Arbeiten; ansonsten nur Epist.13, aus den Tagen, 230 Bissula II, 5 ff. 231 occulos caerula, flava comas - Bissula III, 10

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in denen er Quaestor war; und das Epicedion an den Vater (Domest. 4) von 378; nein, sonst nichts in dieser beschäftigtsten seiner Zeiten. Das Konsulat 379 brachte paradoxerweise Muße, wohl ein reines Ehrenamt; er beginnt das Jahr mit einem Gebet in trochaeischen Septenariien; und einem zweiten in Hexametern (Domest. 5 und 6), recht heidnisch vom Gefühl her, trotz christlicher Hülle; zum Konsulats-Ende konventionell Dank an den Kaiser, der ihm dieses Jahr gewährte und ihn so zum Kalenderdatum erhob: „Gratiarum Actio“, die einzige erhaltene Rede von Auso­nius. Ein biss­chen wie Walther von der Vogelweides Jubel, als er von Friedrich II sein Landgut erhält. Natürlich, wie denn? längst nicht so schön. Die Verletzlichkeit auch der großen Dichter, wenn ihnen die Herrschaft gnädig ist. Und sei es nur ein Provinzfürst. Dann kann sich der Dichter plötzlich als König fühlen. *** Ausonius also der Berater Gratians, wobei unklar bleibt, wie weit; einer, der 371 als Ortsfremder ein Lied auf die Mosel schrieb, offenbar gewillt, sich hier zu assimilieren. Da christliche Bezüge in den Gedichten selten sind, war er wohl ein Sonntagschrist, einer, der in die Kirche geht, weil es Staat oder Herrscher verlangen. Er gehörte eindeutig zu den Gewinnern der vorherigen Thronwirren, die auf die Alamannen-Einbrüche von 353 folgten und den durch Magnentius entfachten Bürgerkrieg. In Bordeaux nahm er Magnentius wortlos zur Kenntnis. Und wurde von Valentinian I dann zum Erzieher des Sohnes bestellt. Irgendeiner muss Prinzen ja erziehen. Aus der Provinz in die große Welt katapultiert, ins goldene Haus, wurde er unter der Herrschaft seines Schülers dann Konsul. Ein Dichter dicht am Regenten. Ammian erwähnt ihn in seiner Geschichte jener Zeit mit keinem Wort. Und Zosimos schon gar nicht. Sowohl Heiden als auch Christen zitieren weiter Vergil. Als ins Militärisch-Reale greifender Politiker eine fast schon negative Null. Ein Schöngeist. Der indes zielstrebig sein Vermögen und seinen Grundbesitz in Bazas, bzw. Bordeaux vermehrt, auch wenn er behauptet, er habe alles geerbt.232 Der sei232 Zum Schluss scheint er an mindesten 8 Orte Besitzrechte gehabt zu haben, u. a. ein Haus in Bordeaux selber, sowie Land im Pagus Novarus. Zur Mitgift der Frau gehörte das Gut des Lucaniacus

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ne Kinder und die Verwandten in gute Positionen schiebt, sodass selbst die Enkel das Leben gut erzogener, richtig verwöhnter Landbesitzer zu spielen vermochten. In der dritten Periode, der nach dem Konsulat, war er frei von öffentlichen Verpflichtungen. 379 oder 380 zieht er sich nach Aquitanien zurück, um das Landgut, das ihm vom Vater hinterlassen wurde, in Besitz zu nehmen, was ein kurzes Gedicht „On Patrimony“ (Domest. 1) feiert. -3Ende 379 die erste Edition der „Fasti“, seinem Sohn Hesperius gewidmet, eine Liste der Könige und Konsuln mit Ausonius selber als Schlussstein, nicht vollständig. 383 entstand eine zweite, einem Gregorius gewidmet Liste. Ähnlich die „Caesares“, zeitgleich geschrieben, Skizzen von römischen Herrschern bis zu Heliogabal. Ebenfalls aus dieser Zeit „Protrepticus“, eine verspielte Ermahnung an den Enkel und all dessen Namensvettern gleich mit. Rückkehr nach Trier zwischen um 380 und 383. In diese Zeit wird auch der „Gekreuzigte Cupido“ (Cupido cruciatur) datiert. Verfasst nach dem Betrachten eines Wandbilds in Trier, das ihn (mit 70) nachdenklich werden ließ. Eine der in der Antike äußerst seltenen qualifizierten Bildbeschreibungen (103 Zeilen!). Das Sujet: an einem Baum gebunden ein Cupido, den mehrere Frauen zu misshandeln versuchen, weil er sie ins Elend gestürzt hatte. Stellt die bei Vergil233 unglücklich in den Trauergefilden der Unterwelt versammelte Damenwelt - Eriphyle, Pasiphae, Sappho, Ariadne, Phaedra -, noch immer vom Wunsch nach Rache erfüllt, den treulosen Liebhabern (im Fall Pasiphaes einem schnee-weißen Stier) gegenüber. Interessanter Anklang an den misshandelten Orpheus Vallottons (eine seiner „großen Maschinen“), bei denen (grad vom Friseur gekommene) nackt-hysterisch sich verbiegende Damen einen armen Orpheus (in einem Tümpel oder Teich) zerrupfen wollen. Hier ist es kein Teich, sondern ein Myrtenbaum, wie er sowie Terrain in wohl der Gegend von Saintes. Wobei wir über das vom Vater geerbte parvum herediolum am meisten wissen, ein Gut von 1.050 jugera - mit seinen etwa 2,5 qkm zwar weit kleiner als manche senatorische Angelegenheit, aber doch riesig gegenüber dem, was man gewöhnlich als kleines Grundstück bezeichnet. Von den 1.050 jugera waren übrigens 200 für die Landwirtschaft, 100 für den Weinanbau, 50 Weide- und 700 Waldland; wobei ein jugerum etwa 2.500 qm ist 233 Aen. 6, 440 ff.

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auch im Proserpina-Adonis-Mythos erscheint. Sonderbare Verlagerung Christi in diesen (alle treulosen Liebhaber der Welt vereinenden) Cupido, ohne dass Ausonius es reflektiert. Christliche Kreuzesdarstellungen vor 400 praktisch noch inexistent. Das im berühmten „odi et amo“ Catulls auftauchende excrucior - „ich fühle mich gekreuzigt“ (angesichts dessen, was die Liebe in mir anrichtet) - scheint ebenfalls nicht mitgedacht. Eher klingt die (von Tizian in einem seiner letzten Bilder dargestellte) Schindung des Marsyas an, wobei sich bei Ausonius beleidigte Frauen aus Apoll heraus­ emanzipieren.234 Im Bardo-Museum in Tunis hab ich mal ein Mosaik gesehen, auf dem ein Orpheus von Tieren zerrissen wird. Orpheus der große Sänger, der Ausonius nicht hatte werden können. Der Sprung ins „Ich“, wie mehrfach angedeutet, ohnehin sehr schwer für Ausonius. Man merkt ihm an, dass er da was will, ohne dass er sichs traut. Im Vorwort schreibt er, in jenem Cupido-Gedicht habe er sein unglaubhaftes Staunen in Sprache zu verwandeln versucht.235 Außer dem Titel würde ihm daran aber nichts wirklich gefallen. Und dass wir (heimlich) unsere eigenen Warzen und Narben (naevos nostros et cicatrices) lieben, und, als wär das nicht schlimm genug, sogar versuchen würden, auch andere davon zu überzeugen, diese schön zu finden. Sehr interessant, dieser Sprung fast ins Ich, ohne dass es (oder nur in einem Vorwort) gelingt. Diesen Sprung würde - nach Catull - erst Augustinus überzeugend gelingen. Unglaublich wie lange es gedauert hat, dass er zur Selbstverständlichkeit wurde. So sehr, dass man sich heute davor eher ekelt. Und wieder den Tod des Autors verlangt. Seinerzeit jedoch eine wahnsinnige Leistung. Wie vieles, was das Christentum zustande brachte, ohne dass einem heute überhaupt noch bewusst ist, woher es kommt. Und man sich einbildet, unser heutiges Empfinden hätte sich auch ohne all das eingestellt. Und dass eigentlich jeder Erdenmensch auf diese Art empfinden und denken müsste. (Und es, im Geheimen, auch tut.) Weil es naturgegeben, weil es (gemäß den Gesetzen des Heiligen Darwin) normal ist. „Ephemeris“ beschreibt die tägliche Routine seines Lebens in glücklicher Zeit: aufwachen, Diener rufen (vergebens), will Kleider und Wasser zum 234 Gemäß also folgender Milchmädchenrechnung: zehn beleidigte Weiber = Apoll. 235 hanc ego imaginem specie et argumento miratus sum. Deinde mirandi stuporem transtuli ad ineptam poetandi.

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Waschen haben, gibt Befehl, die Kapelle zu öffnen. Es folgt ein Gebet, von dem er 85 Hexameter vorliest, um dann zu erklären, er habe genug gebetet (satis precum datum deo), und will ausgehen, was ihm nicht gelingt; er schickt einen Diener los, um Freunde daran zu erinnern, dass sie zum Essen eingeladen sind, geht in die Küche um den Koch aufzumuntern -- dann bricht das Gedicht ab -- es folgen noch einige Fragment über wirre Träume … unklares Entstehungsdatum, 368 entstanden, oder 379-390, in Trier oder eher Bordeaux -- aus seiner glücklichen Zeit. //Paulinus von Pella „Danksagung an Gott in Form eines Berichtes über mein Leben“ einbauen236// -4Wie zerbrechlich solch Aufstieg im Schatten des Kaisers ist, wird klar in den Confessiones des Augustinus ausgesprochen, der dabei war, eine ähnliche Karriere zu machen, der sich dann aber, den Wind der Zeit erahnend oder erspürend, lieber von Ambrosius taufen ließ. Als er „die Redekunst lehrte und die siegeskundige Wortmalerei zum Kaufe anbot - selber besiegt von der Lebensgier“, wo er sogar eine Lobrede auf den jungen Kaiser Valentinian II halten durfte, bei der es freilich nicht ohne ausgemachte Verlogenheit abging, und er, der Verlogene, die Gunst von Leuten erringen musste, die darüber Bescheid wussten: „Worauf trachten wir denn hinaus mit all unseren Plackereien?“ beschreibt die derlei Karrieren innewohnende Dynamik: „Was suchen wir? Wessentwegen machen wir denn unseren Dienst?“ - In einer Welt, in der man maximal zu einem ‚Freund des Kaisers‘ wird, von hochzerbrechlicher, gefährlicher Gunst, weil auf einen Herrscher unvermittelt ein anderer folgt, 236 Paulinus aus Pella, Enkel des Ausonius, vermutlich von Hesperius und einer makedonischen Mutter, die über Besitz verfügte. In Ergänzung zu Fußnote Nr. 54: geb. 376; 377 (neun Monate nach der Geburt) in Carthago, wo der Vater Pro-Konsul war; dann, nach 18 Monaten, in Rom; 379 (zur Zeit von Ausonius Konsulat) in Bordeaux. Als Kind will er Mönch werden, krank mit 15; im Jahr 391 Ritte und Jagden mit dem Vater; - ab 18 (394) wilde Jugend; 396 geheiratet, er bearbeitet das Land der Frau, das vernachlässigt war (Zeilen 176 ff.) - 406 starb sein Vater - sein Bruder ficht sein Testament an; 414 Plünderung von Bordeaux --- glückliche Kindheit, als Schmarotzer des einst Erfolgreichen im Schatten der Macht; dann moderat grausamer Fall… (Latona gings schlimmer) -- die Alternative ist, dass er ein Sohn des Thalassius aus erster (makedonischer) Ehe ist (Sohn von Severus Censor), wobei Thalassius 376 (direkt nach der Geburt seines Sohns, bei dessen Geburt die Mutter gestorben sein könnte, vielleicht wurde sie auch ein Opfer der gotischen Wirren) die ebenfalls verwitwete Tochter des Ausonius geheiratet hat und 377 das afrikanische Pro-Konsulat bekam. Dann wäre er 379 zu seiner Stiefmutter nach Bordeaux gezogen, wobei Thalassius sich ihnen irgendwann anschloss. Dann wäre Ausonius sein Stief-Opa

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der dem Anhang des vorherigen feindlich gesinnt (und oft sogar nur ein Usurpator) ist: „Durch wie viel Gefahr geht der Weg zu noch größerer Gefahr?“ Augustinus der Ausonius nachfolgende Intellektuellentyp. 383 drehte sich Ausonius Schicksal: die britannische Armee revoltierte und erhob einen gewissen Maximus zum Imperator. Bald war Trier von ihm besetzt und Gratian in Lyon erschlagen. Der (noch kindliche) jüngere Valentinian wurde aus Italien vertrieben und Maximus war nun Herrscher im weströmischen Reich. Die Aussichten für die Favoriten der alten Regierung waren nicht bloß trübe, praktisch waren sie inexistent. Als Ausonius, halb interniert nach dort wohl zurückgerufen, in Trier auf einen Bescheid des 237 Maximus warten musste, schreibt er : Verloren geh ich am leeren, einsamen Ufer.

Tret einen aufschießenden Weidentrieb nieder, Zertrete nun Büschel von Rasen und grünes Riedgras, Balancier schlüpfrigen Schritts über drunter gelagerte Kiesel. desertus vacuis solisque exerceor oris.

nunc ego pubentes salicum deverbero frondes, gramineos nunc frango toros viridesque per ulvas lubrica substratis vestigia libro lapillis. spektakulär daran die Schlichtheit. In der er „Ich“ sagt, ohne sich aufzublasen. Anders als noch Ovid es tat, als er ans Schwarze Meer verbannt wurde. Etwa ganz neues in der Antike. Soweit ich weiß. Von einem alten, einem gebrochenen Mann. Der trotzdem nicht ganz verstummt. Die Welt endet nicht mit einem großen Knall schrieb Joseph Brodsky, und auch nicht mit einem Gewimmer … sie endet mit einem Mann, der, puh … spricht… Ausonius Situation war derzeit aussichtslos. Mit nun bereits über siebzig als öffentlicher Charakter definitiv am Ende. 383-388 herrschten Magnus Maximus und Flavius Victor als selbsternannte Kaiser in Trier. Sogenannte Usurpatoren. Eine bemerkenswerte Spezies. Erst 388 sollte Theodosius sie besiegen. Bis dahin veranstaltete Maximus viel Wirbel in der römischen Welt. Um in Art der vorherigen Imperatores die Kirche auf seine Seite zu 237

Ausonius, ep. XX, 14-17

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ziehen, wollte er eine neu auftretende Ketzerei in Spanien ersticken, die der Priscillianer, eine manichäisch offenbar zumindest behauchte Spielart des ordentlichen Katholizismus. Und rief deshalb eine Bischofsversammlung nach Bordeaux ein, der ein Strafprozess in Trier folgte. Auf Grund dessen - von sowas blieb Ausonius beim Machtwechsel gottlob verschont - außer Priscillian und etlichen Anhängern auch eine gewisse Euchrotia geköpft wurde238, die Witwe seines alten Professoren-Kollegen Attius Tiro Delphi239 dus. Lakonisch notiert Ausonius : Die Gnade Gottes ersparte dir üblere Krankheit, Denn du wurdest im mittleren Alter von uns gerissen, Sodass dir die Perversion deiner Tochter erspart blieb Und die Hinrichtung deiner Gattin. minus malorum munere expertus dei, medio quod aevi raptus es, errore quod non deviantis filiae poenaque laesus coniugis. Froh, dass man ihm nicht sein Vermögen nahm, schrieb Ausonius inzwischen bereits andere Sachen. „Parentalia“ etwa, in Schüben entstanden: 30 elegische Gedichte, in denen er seine verstorbenen Verwandten pries. Sowie die „Professores“, wo er, metrisch vielgestalter, dies mit verstorbenen Professorenkollegen tat. Die angeführte Stelle mit Euchrotia (und, darin versteckt, ihrer Tochter Procula, die, so Sulpicius Severus, ebenfalls ein sexuelles Verhältnis mit Priscillian hatte, weshalb sie abtreiben musste) belegt, dass diese Gedichtserie 385 wohl noch in Arbeit war. Tja, Parentalia und Professores also zum Schluss eines Lebens - Familie und die verstorbene Berufskollegen240; sie sind wirklich des Nachdenkens wert. 238 Die Vorgänge in Trier sind (inklusive der gleich erwähnten Procula-Episode) in Sulpicius Severus "Kirchengeschichte" II, 48 ff. nachzulesen. Da zu jener Bischofsversammlung auch der Heilige Martin erschien, gibt es in Trier einen sonderbarer Kreuzpunkt unserer Erzählung. Über Sulpicius als Schüler von Ausonius vergleiche Teil 5 dieses Anhangs: "Neues vom Heiligen Martin" 239 Professores V. 35 ff. 240 Prof. 2 ist dem Rhetor Latinus Alcimus Alethius gewidmet, von dem Ausonius nicht ohne Ironie sagt, dass dessen Panegryricus auf den verblichen Kaiser Julian größeren Glanz geworfen habe, als das Zepter, das dieser so kurz trug. - Übrigens die einzige Erwähnung Julians in Ausonius Arbeiten, ob auf Grund von Selbstzensur oder aus Desinteresse bleibt dahingestellt.

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Wenn sich das Ich widerwillig vom Körper löst. Weder sei der Stoff dieses Büchlein lieblich, schreibt Ausonius im Vorwort der Parentalia, noch sei der Titel heiter. Denn es enthalte all die Trauer, „mit der ich in tiefer Zuneigung den Verlust meiner Lieben erinnere“ - hoc opusculum nec materia amoenum est nec appellatione iucumdum. habet maestam religionem, qua carorum meorum obitus tristi adfectione commemoro. Danach „Epitaphe“, Epigramme über die Helden des Trojanischen Kriegs, deutlich alberner Natur. Brief 21 richtet sich an seinen Enkel zu dessen 15. Geburtstag. *** als 388 Theodosius den Usurpator Maximus endlich besiegt hat, bejubelt Ausonius das („Rangordnung der Städte“ IX, 1. 5ff.), daher ist das Buch wohl erst 388/389 beendet worden. Oder später. Das „non erat iste locus“ (es war nicht dieser Ort) im Gedicht über Aquileia: der Ort, an dem man Maximus erschlug: sanft nimmt er Rache für den Tod Gratians, der ihn ins Abseits zurückkatapultiert hatte. Noch einmal der Welt zugewandt, feiert er ihr Erscheinungsbild in Kurzporträts der 20 bedeutendsten Städte des Reichs, im längsten und wärmsten feiert er Bordeaux. Seltsam ergreifend dabei grade die Oberflächlichkeit… Eine die nicht mehr möglich ist … Schon weil der einstige Glanz all dieser Städte von Grund auf verloren ging… „Technopaegnion“ ist wieder ein strikt formales Gedicht, wieder fast konkrete Poesie. Basierend auf einsilbigen Substantiven. Welche in einem 164-Hexameter-Gedicht jeweils die letzten Silben bilden. Wie die „Fasten“, wie die „Caesaren“, in zwei Ausgaben existierend. Oder die „Oratio“, oder das „Epicedion“. Die erste muss vor 390 entstanden sein, als die Entfremdung von Paulinus, einst seinem Schüler, begann. Zweite Editio ist 390 einem gewissen Pacatus gewidmet.

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„Die Masken der sieben Weisen“ ebenfalls Pacatus gewidmet, 390: Die Weisen erscheinen auf der Bühne und wollen uns an ihrer Klugheit teilhaben lassen; na ja; natürlich parodistische, humoristische Anklänge. (alles wirkt naiv - aber es ist eine abgründige Naivität, wobei sich etwas Seltsames unter enormem Handwerk und beachtlicher, wenn nicht sogar systematischer rechnerischer Fertigkeit verbirgt - wie es ja auch bei Beethoven der Fall ist; in Beethovens mathematischem Gehirn; nein, nicht beim supergenialen Beethoven selbstverständlich, der steckt woanders, nur in Beethoven dem Pedanten; wie es auch bei der „Naivität“ des Sulpicius der Fall war, als er scheinbar nur die Antonius-Vita des Athanasius sich einverleibte und, wir kommen darauf zurück, etwas Ungeheures erschuf ) Korrespondenz mit Paulinus von Nola (geboren 357): adlige Familie in Aquitanien, Ausonius war sein Lehrer in Bordeaux. 378 unter der Protektion von Ausonius „Consul suffectus“; 379 Ehe mit Therasia (die „Tanaquil“ aus Brief 28. 31); 389 zieht sich Paulinus nach Barcelona zurück, wo er sich seines Vermögens entledigt und (christlicher) Asket wird. Ausonius versucht, „Tanaquil“ die Schuld für den Wandel in die Schuhe zu schieben und den Freund in 4 Briefen zu retten (alle Briefe übrigens ausnahmslos in Gedichtform geschrieben), die ihren Empfänger nicht erreichen. 3 weitere erreichen ihr Ziel, 393 antwortet Paulinus, aber es gibt keine Verständigung... wobei beim flüchtigen Lesen auffällt, wie bombastisch Ausonius daherkommt, mit hohlen, mythologisch aufgeblasenen Phrasen - keine Spur mehr von: „Verloren geh ich am leeren, einsamen Ufer…“ -, die den entstandenen Problemen eigentlich nicht angemessen sind. Während Paulinus (dem sich - anders als Augustinus oder Hieronymus - Karrierismus bzw. selbstbezogene Eitelkeit kaum vorwerfen lässt) mit beachtlicher Schlichtheit zu antworten versteht, ohne den Respekt vor dem einstigen Lehrer zu verlieren. Da artikuliert sich tatsächlich eine neue Zeit, die Ausonius nicht mehr verstand. ***

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III. Korrektur von Martins Geburtsdatum

(Hintergrund, Hintergrund, Hintergrund … - ach, so unglaublich viel Hintergrund…)

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Text Editio C. Halm 1861

Kommentare: SC-VSM = Sources Chrêtiennes No. 134; Sulpice Sévère Vie de Saint Martin, Tome I - III, Commentaire par Jacques Fontaine, Genève 1967 B codex Brixeus, quo usus est Hier. de Prato saec XIII V codex Vernonensis saec VII

A codex quondam Augustanus nunc Monacensis saec. X

v editio vulgata, cuius scripturae iam ab Hier. de Prato multis locis correctae sunt englische und deutsche (eng gedruckt dargestellt) Übersetzung aus dem Internet. Die deutsche (kursiv dargestellt) ist public domain aus der sogenannten „Bibliothek der Kirchenväter“ (BKV). Sie ist recht

gefällig und präzise, mit ordentlichen Fußnoten. Dass ich trotzdem vieles neu übersetzte (nicht kursiv dargestellt), lag weniger daran, dass ich die alte für unzulänglich hielt, sondern weil es sich bei der sorgfältigen Lektüre des oft sehr knappen Latein auf Grund des eigenen Sprachgeschmacks

zwanglos ergab. - Die englische Übersetzung ist (auch im Fall der ab Kap. 6 erscheinenden z. T. recht ausführlichen Ammian-Zitate) ebenfalls public domain.

Vorgehensweise: es wird die These aufgestellt, dass Martin, den Angaben des Sulpicius entsprechend, im Jahre 336 geboren wurde, um dann zu untersuchen, inwieweit sich die Vita Martins widerspruchsfrei in das sogenannte objektive geschichtliche Korsett einpassen lässt, wie es vor allem von Ammian, mit einigen Zugaben anderer antiker Historiker, überliefert wurde. Dabei wird darüber hinaus versucht, die These - ähnlich wie bei der mathematischen Iteration - in gewissermaßen zweiter, dritter und vierter Näherung zu verfeinern, bzw. zu modifizieren.

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-1Geburt und Beginn der Militärzeit Also: das Sallustsche „igitur“ findet sich als Beginn auch bei der AntoniusVita des Athanasius: (2. 1) Igitur Martinus Sabaria Pannoniarum oppido oriundus fuit, sed intra Italiam Ticini altus est, parentibus secundum saeculi dignitatem non infimis, gentilibus tamen. (2) pater eius miles primum, post tribunus militum fuit. ipse armatam militiam in adulescentia secutus inter scolares alas sub rege Constantio, deinde sub Iuliano Caesare militavit: non tamen sponte, quia a primis fere annis divinam potius servitutem sacra illustris pueri spiravit infantia. v: Constantino (Kap. 2) Martin wurde also in der pannonischen Stadt Sabaria241 geboren, wuchs

aber innerhalb Italiens in Pavia242 auf, wobei die Eltern in der Welt keinen ganz hohen, aber auch keinen niedrigen Rang einnahmen. Sie waren jedoch Heiden. Sein Vater war erst einfacher Soldat, dann Militärtribun. Martin selbst verfolgte das Kriegshandwerk schon in der Jugend und diente bei den Gardereitern243 unter der Herrschaft244 des Constantius //bzw., nach der editio vulgata, eventuell Konstantin oder Constans//, dann unter Kaiser Julian. Jedoch nicht aus eigenem Antrieb, denn von Kindheit an strebte der edle Knabe in aller Unschuld danach, allein Gott zu dienen.

Mit zehn flüchtete er gegen den Willen der Eltern in die Kirche und verlangte Aufnahme unter die Katechumenen. In wunderbarer Weise war er dem Dienste Gottes ergeben, und mit zwölf Jahren sehnte er sich nach der Einöde.

241 Claudia Sabaria, heute Szombathely in Ungarn,160 km west-südwestlich von Budapest, 10 km vor der österreichischen Grenze 242 Ticinum Papiae, das heutige Pavia, vom Ticino durchflossen, der, aus dem Tessin kommend, unweit von Pavia in den Po mündet 243 "Scolares alas" - "Gardereiter", engl. Übersetzung "imperial guards"; seit Konstantin bildeten die scholae die für den unmittelbaren Dienst beim Kaiser bestimmte Reiter-Truppe, anfangs etwa 5 scholae zu je 500 Mann, jeweils von einem Tribunen befehligt und dem magister officiorum unterstellt. Später gab es im Westen 5, im Osten 7 oder sogar 11. Vielleicht war Martins Vater Tribun einer dieser scholae. vgl. Pauly. Bd. VI, 1621 244 Sulpicius benutzt "rex" anstelle des üblicheren "imperator"

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These: geboren AD 336 (Altersangabe im Folgenden zunächst für die Geburtsdatumsfälle A = „15. Januar 336“, bzw. B = „15. Dezember 336“245) 1.) Problem „Constantio oder Constanto oder Constantino“ Da im Folgenden als Eintrittsalter ins Militär 15 angegeben wird (was hieße, er wurde vor Ende 352 eingezogen, denn er wurde im Lauf von 351 fünfzehn, im Fall A am 15. Januar, im Fall B am 15. Dezember), wäre „Constantius“ insofern möglich, als Constantius in diesem Jahr im Osten regierte (seit 337) und ab 353 auch den Westen übernahm. Während die Lesweise „sub rege Constanto“ ausschiede, da Constans 350 starb, als sich Magnentius zum Usurpator machte. Da Magnentius nach dem Sieg des Constantius (353) als Persona non grata galt, ist plausibel, dass Sulpicius statt „sub rege Magnentio“ schrieb „sub rege Constantio, deinde sub Iuliano Caesare“, was den Herrschaftsverlauf lückenlos lässt. 2.) in Pavia wird erst fürs Jahr 381 eine Kirche erwähnt.246 Je später Martin dort aufwuchs (wenn er also z.B. 336 und nicht 316 geboren wurde), desto plausibler wäre also der Kontakt des 10- oder 12-jährigen mit einer katholischen Gemeinde. Da Pavia von 337 bis 350 zum Herrschaftsbereich des katholischen Constans gehörte, gäbe es keinen religiösen Widerspruch zum „unter der Herrschaft des Constantius“, denn der arianische Constantius regierte derzeit nur im Osten. (5) sed cum edictum esset a regibus, ut veteranorum filii ad militiam scriberentur, prodente patre, qui felicibus eius actibus invidebat, cum esset annorum quindecim, captus et catenatus sacramentis militaribus implicatus est, uno tantum servo comite contentus, cui tamen versa vice dominus serviebat, adeo ut plerumque ei et calciamenta ipse detraheret et ipse detergeret, cibum una caperent, hic tamen saepius ministraret. (Kap. 2 ctd.) Aber als die Söhne von Veteranen durch ein kaiserliches Edikt zum

Kriegsdienst eingezogen wurden, meldete ihn sein Vater, dem sein gesegneter Wandel missfiel, und so wurde Martin, als er fünfzehn Jahre alt war, festgenommen,

245 246

Insofern für August 339 beispielsweise: 3 Jahre im Fall A, 2 im Fall B 397 schrieb Ambrosius, dass zum Konzil von Aquileia (381) ein Eventius Ticinensis erschien (Fr. Lanzoni, 1923, laut SC-VSM Tome II, S. 433).

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gefesselt und zum Fahneneid247 gezwungen. Wobei er mit nur einem Diener als Gefährten zufrieden war und ihn, die Rollen tauschend, als Herr oft sogar bediente, indem er ihm die Schuhe auszog, um sie selber zu reinigen, oder indem sie das Mahl gemeinsam einnahmen und Martin dabei trotzdem häufig servierte.

These: Einzug zum Militär durch Magnentius Anfang Dezember 351 (15/15) Das heißt, es könnte sich um eine Zwangsrekrutierung durch ein Edikt des Magnentius handeln, was die Irritationen ausräumt, die dadurch entstanden, dass zwei erhaltene Edikte zum Zwangseinzug von Veteranensöhne auf Grund einer Krisensituation, die sich erhalten haben, ein höheres Min248 destalter vorsahen. Wobei Magnentius, nachdem Constantius sein Verhandlungsangebot einer friedlichen Koexistenz der beiden Reichsteile per 249 Heirat abgelehnt hatte, genau solche Krisensituation wegen des sich ankündigenden kriegerischen Konfliktes gekommen sah, für den er nun Truppen zusammenstellen wollte. Was sich u. a. zu einem Edikt verdichtet haben könnte, das Veteranensöhne systematisch erfasste und einzog. Wobei Magnentius das Eintrittsalter vielleicht erst auf 15 senkte, nachdem er am 28. September im pannonischen Mursa sein Stalingrad erlebt hatte.250 Doch auch im Fall einer Erfassung bereits im Frühsommer wäre Martin das Opfer einer Zwangsrekrutierung, was sich auch in der Formulierung äußert: captus et catenatus sacramentis militaribus implicatus est - gefangen und gefesselt wurde er (per Eid) dienstverpflichtet. Was den, um das in den Fachlexika ausnahmslos angegebene Geburtsdatum 316/317 plausibel zu machen, vielfach diskutierten Konflikt mit dem Vater, bzw., die Vermutung, der Vater habe besonders gute Beziehungen zum Militär gehabt (und so eine Einziehung Martins mit ausnahmsweise 15 ermöglicht), ebenso unnötig macht wie die ergebnislos gebliebene Suche nach einer Krisensituation für die Jahre 331/332, die Zwangsrekrutierungen 247 248

Laut Vegetius, Epitoma rei milit. II 5, verpflichtete der Eid zu 20 Dienstjahren. Konstantin ließ 326 Veteranensöhne einziehen, die zwischen 20 und 25 waren; ein Edikt von 343, das allerdings nur im östlichen Reichsteil galt, bestimmte das 16. Jahr als Grenze 249 Ende 350 bot er seine Tochter Constantius zur Heirat an und war bereit, des Constantius Schwester zu ehelichen 250 Magnentius, therefore being deprived of all hope, and apprehensive lest the remnant of his army should deliver him to Constantius, deemed it best to retire from Pannonia, and to enter Italy, in order to raise an army there for another attempt. - Zosimos

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plausibilisiert.251 Der Vaterkonflikt könnte nach unserem Szenario allein darin bestanden haben, dass der Vater ihn - weil ihm Martins Neigungen missfielen - nicht vor den Militärbehörden versteckte. Diener als Begleitung deutet vielleicht einen Offiziersstatus an - als niedrigster Rang252 käme „Circitor“ in Frage.253 -2Vom Beginn der Militärzeit bis nach Amiens (2. 6) triennium fere ante baptismum in armis fuit, integer tamen ab iis vitiis, quibus illud hominum genus implicari solet. (7) multa illius circa commilitones benignitas, mira caritas, patientia vero atque humilitas ultra humanum modum. nam frugalitatem in eo laudari non est necesse, qua ita usus est, ut iam illo tempore non miles, sed monachus putaretur. pro quibus rebus ita sibi omnes commilitones devinxerat, ut eum miro affectu venerarentur. (Kap. 2 Fortsetzung): Vor der Taufe war er etwa drei Jahre beim Militär, wo er

sich frei von den Lastern hielt, denen Soldaten meistens verfallen. Seine Freundlichkeit gegenüber den Kameraden war groß, seine Großzügigkeit bestaunenswert, seine Geduld und Demut überstiegen das Menschenübliche. Die Genügsamkeit braucht an ihm nicht gerühmt zu werden, denn sie war ihm so sehr zu Eigen, dass man ihn schon da eher für einen Mönch als einen Soldaten hielt. Deswegen nahm er all seine Kameraden für sich ein, sodass sie ihm mit seltener Hochachtung begegneten. Obwohl noch nicht in Christus wiedergeboren, ließ sein edles Tun bereits darauf schließen, dass er vor der Taufe stand. Er half bei schwerer Arbeit, unterstützte Arme, gab Hungernden zu essen, kleidete Nackte und behielt von sei254 nem Sold einzig das zum täglichen Unterhalt nötige. Wobei er sich keine Sorge um den kommenden Tag machte255, denn schon damals war er für die Stimme des 251

Ausführliche Diskussion all dieser Punkte (mit Quellenangabe und deren detaillierter Würdigung) in Band 2 der beispielhaften Sources-Chrêtiennes-Studie zur Vita Martini (SC-VSM, Genf 1967), in der versucht wird, das Geburtsdatum 316 / 317 so gut es nur geht zu stützen. 252 Der Heilige Hieronymus vergleicht in einer seiner Schriften den Abstand zwischen Dämonen und Engeln mit den Dienstgraden der Kavallerie, die Rekruten vom Tribunen trennen: tiro, eques, circitor, biarchus, centenarius, ducenarius, senator, primicerius, tribunus 253 Auch aus seinem Verhältnis zu seinem Tribunus (Ende von Kap. 3) könnte man schließen, dass Martin nicht einfacher Soldat war, sondern am Beginn einer Offizierskarriere stand. 254 Er bestand nicht in Geld, nur in Naturalien 255 Matth. 6, 84

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Evangeliums nicht taub.256

These: Dezember 351 bis Dezember 354, bzw. (Taufe) April 355 Da kaum anzunehmen ist, dass der Heilige Martin Sulpicius solches Selbstlob in die Feder diktierte, hat all dies wohl als nachträglich generierter atmosphärischer Füllstoff zu gelten. Der aber im Fall der späteren, der 336-ger Geburt eine dramatische Grundierung hätte, denn dann beschrieben die Szenen eine Militärexistenz in hochkritischer Zeit. In der Magnentius 352, also nach seiner Niederlage bei Mursa, zunächst versuchte, seine Stellung gegen das Eindringen von Constantius in Italien zu konsolidieren. Was durch einem kaum erwähnten Sieg bei Pavia257 kurzfristig gelang. Wonach er, da Constantius die gegnerischen Truppen erfolgreich immer wieder durch (mit Geldgeschenken verbundene) Amnestieangebote zum Überlaufen brachte, vor dem Einsetzen des Schneefalls die Alpenpässe befestigend, sich nach Gallien zurückziehen musste, dem Schwerpunkt seiner Usurpation. Insofern wäre Ende August 352 der letzte Zeitpunkt, an dem Magnentius noch hoffen konnte, seine Situation durch ein Dekret, das selbst 15-jährige erfasste, verbessern zu können. Und da bald Constantius hier herrschte, der nun in der Oberhand war und gewiss nicht mehr nötig hatte, minderjährige zu rekrutieren, wird hier indirekt ein spätestes Geburtsdatum Marins fixiert: Das späteste Datum, das Martin am 1. 9. 352 grad 15 sein ließ, wäre dem gemäß der 1. 9. 337 --- geboren am 1.9. 336 wäre er grad 16 geworden. Das heißt: die äußerste Spanne der Geburtstage liegt, wenn wir von einer frühesten Rekrutierung im Mai 351 ausgehen, zwischen dem 1. 5. 335 und dem 1. 9. 337 mit Präferenz irgendwann 336. * 256 "Evangelii non surdus auditor" findet sich auch in Paul. Nol. Ep. 5. 6. Insofern könnte Sulpicius diesen Brief beim Verfassen der Vita benutzt haben. Andererseits könnte Paulinus die Vita Martini vorgelegen haben, als er den Brief schrieb. 257 "Then, when Magnentius had removed himself toward Italy, near Ticinum he scattered many who were recklessly and, as is customary in victory, too boldly pursuing him" (Victor, Epit. 42, 5), sowie Zosimos, 2, 52

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An der erwähnten Schlacht von Pavia, dem Ort also, um den er aufwuchs, könnte Martin teilgenommen haben; oder er hatte sie (etwa als woanders hingeschickter Offizier in Ausbildung) aus der Ferne registriert, eventuell Richtung Gallien abkommandiert (möglicherweise sogar Trier, Bingen oder Neumagen) zu Decantius, dem Mit-Caesaren des Magnentius, der mit unzulänglichen Truppen, zu denen man 15-Jährige zählen mochte, Gallien sichern sollte. Oder er mochte sich bereits zum Überlaufen entschlossen (oder dies bereits getan258) haben. Was im folgenden Jahr ohnehin fällig wurde, denn im Juli 353 wurde Magnentius am Mons Seleucus endgültig besiegt und beging im August in Lyon Selbstmord, was ihm sein Mitregent Decentius bald nachtat. Spätestens danach muss sich Martin auf Seiten Constantius befunden haben, da dieser die mitverschworenen Offiziere des Magnentius hart bestrafen ließ und viele zum Tode verurteilte. Einfache Soldaten durften, da die Germanen massiv in Gallien eingefallen waren und die am Rhein stationierten römischen Truppen komplett vernichtet hatten – offenbar auch die Kölner „Hauslegion“ legio I Minervia, von der es danach keinerlei Spuren gibt, und die legio XXII Primigenia in Mainz -, dagegen mit einer umstandslosen Amnestie rechnen, insbesondere wenn sie sich übernehmen ließen. Bis zum Sommer 354 - unterdes hatte Papst Liberius das Fest der Geburt 259 Christi vom 6. Januar auf den 25. Dezember verlegt - konnte Martin (falls er nicht bereits als Wacheschieber im nördlichen Gallien die Hölle erlebte) wieder relativ unbehelligt von Kriegswirren in Châlon-sur-Saône darauf warten, dass der Nachschub aus Aquitanien kam, der sich infolge zahlreicher Unwetter und über die Ufer getretener Flüsse so verspätete, dass es zu einer Meuterei der hungernden Soldaten kam, die mit extra aus Arles herangebrachtem Gold, das man an die Rädelsführer verteilte, grad noch 258 Wie der gleich mit Macht auftretende (spätere Kurz-Usurpator) Silvanus, derzeit noch Tribun, es bereits vor dem 28. September 351 als Befehlshaber einer schola gepanzerter Gardereiter getan hatte (Amm. 15, 5 und, ausführlicher, später in diesem Kapitel, Fußnote Nr. 270). Sollte Martin zu dessen Panzer-Reitern gehört haben (und insofern bereits im Mai 351 - die Ausbildung kostete gewiss Zeit - von Magnentius zwangsrekrutiert worden sein), wäre die gleich dargestellte EreignisSequenz geradezu zwingend 259 Überliefert allerdings nur in einem Brief des Heiligen Ambrosius an seine Schwester Marcellina (de virg III, 1-3), worin er (im Jahre 376 oder 377) die den Datumswechsel deklarierende Predigt des Liberius wohl eher selber komponierte als dass er sie textgetreu überlieferte. Um 400 stand für Augustinus (und fortan die Christenheit) der 25. Dezember als Geburtsdatum und dementsprechend der 25 März als Tag von Marias Empfängnis jedenfalls fest (de tritinitate IV, 5, 9)

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verhindert wurde.260 Aber ab Juni / Juli versuchte ein Infanterie-Kontingent von etwa 8000 Mann, kommandiert vom (germanischen) General Silvanus, 261 nach Köln durchzukommen , das gewiss die Verwüstungen sah, die von den Germanen angerichtet worden waren. Dazu gehörten garantiert einige Reiter-Schwadronen, von denen Teile wiederum bestimmt die linke Flanke zu sichern und dort gelegene Städte, wennmöglich, zu schützen hatten. Und genau dieser Flanke könnte Martin zugeteilt gewesen sein, sodass er sich im einsetzenden Winter 354 (mit 18 oder 18 bald werdend und etwa 3 Jahre nach sei262 ner Rekrutierung ), hungernd und frierend und von all dem namenlos bleibenden Elend, dem er auf dem Weh begegnete, vom Anblick der zahllos Hungernden (in diesem Jahr gab es keine Ernte) in endlosen Flüchtlingstrecks auch psychisch erschöpft - durch all die Regierungswechsel und Umorientierungen zudem ohne jedwede Koordinaten -, in --- Amiens wiederfand.

-3Begebenheit mit dem Mantel (3. 1) Quodam itaque tempore, cum iam nihil praeter arma et simplicem militiae vestem haberet, media hieme, quae solito asperior inhorruerat, adeo ut plerosque vis algoris exstingueret, obvium habet in porta Ambianensium civitatis pauperem nudum: qui cum praetereuntes ut sui misererentur oraret omnesque miserum praeterirent, intellegit vir Deo plenus sibi illum, aliis misericordiam non praestantibus, reservari. (Kap. 3): Einmal, als er nur noch die Waffen und ein einziges Soldatengewand

besaß, begegnete er mitten im Winter, wobei dieser ungewöhnlich rauh war, sodass viele der Kraft der Kälte erlagen, am Stadttor von Amiens263 einem fast nack-

260 Ammian 14, 10 261 Ammian 16, 2 262 Die man insofern, ganz wie unsere Thesen-Sequenz vorschlägt, auf den Dezember 351 le-

gen müsste. Was das verführerische Szenario, er könnte von Anfang an den Panzerreitern des Silvanus zugeteilt gewesen sein, die vor der Schlacht von Mursa zu Constantius überliefen, rein mathematisch unwahrscheinlicher macht. Denn von einer dazu nötigen Rekrutierung im Frühsommer 351 bis zu einer Taufe im Frühjahr 355 wären dann fast vier Jahre vergangen. 263 Das hier auftauchende "Ambianensium civitas" oder "Ambianum", das moderne Amiens, war auch als "Samarobriva" bekannt (Brücke über die Somme). Gregor von Tours (De Virt. S. Mart. I, 17) berichtet, dass an der vermuteten Stelle (also bereits vor 590) eine Kapelle erbaut wurde. Später ersetzte man sie durch das Kloster S. Martin ad Gemellos, heute steht dort der Justizpalast (Longnon 419 f.)

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ten Armen. Der die Vorübergehenden um Erbarmen anflehte. Aber alle gingen an dem Unglücklichen vorbei. Da erkannte Martin, voll vom Geist Gottes, dass jener, weil die andern kein Erbarmen übten, ihm vorbehalten war. Doch was tun? Er trug nichts als den übergeworfenen Soldatenmantel, alles Übrige hatte er schon für ähnliche Zwecke weggegeben. Daher zog er das umgegürtete Schwert, schnitt den Mantel in der Mitte durch und gab eine Hälfte dem Armen, um sich die andere selbst wieder umzulegen. Manche der Umstehenden fingen an zu lachen, weil er ihnen im halben Mantel verunstaltet vorkam. Viele aber, die mit mehr Einsicht, seufzten tief, dass sie es ihm nicht gleich getan und den Armen bekleidet hatten, zumal sie bei ihrem Reichtum keine Blöße befürchten mussten. In der folgenden Nacht nun erschien Christus mit jenem Mantelstück, womit der Heilige den Armen bekleidet hatte, Martin im Schlaf…

Legt man diese Szene in den Winter 354/355, würde sie inmitten eines Geschehens ablaufen, das von grenzenlosem Elend, immer größer werdender Hoffnungslosigkeit und ziellos das Land durchziehenden Flüchtlingstrecks bestimmt war. Mit vielen, die ihre Liebsten verloren hatten und den meisten Besitz ohnehin, während es vielen noch schlimmer erging - dauernd unter der Bedrohung ausgeraubt, vergewaltigt, versklavt oder schlicht getötet zu werden.264 In einem unbeschreibbaren Durcheinander, worin rücksichtsloser Egoismus der Einzelnen oft der einzige Lebensgarant war und man Verhungernde oder Erfrierende zurückließ, um nicht selber verhungern oder erfrieren zu müssen. - Und in dieser Szenerie war es vielleicht genau diese in äußerster Not empfundene Geste von (später christlich genannter) Brüderlichkeit, die Martin wieder ein wenig Halt bot. Und den Umstehenden265 zu ihrem Erstaunen ebenfalls vielleicht etwas Mut machte. -4Taufe (3. 5) quo viso vir beatissimus non in gloriam est elatus humanam, sed bonitatem Dei in suo opere cognoscens, cum esset annorum duodeviginti, ad baptismum 264

Während sie im Falle einer 316-ner Geburts-Datierung im alltäglichen Elend spielen würde, das in Rom keinen groß kümmerte, es sei denn, man war direkt beteiligt 265 "Mitgefühl" in unserem Sinne, also mit "Fremden", mit Menschen, die nicht dem eigenen Familienclan (oder im Kriegsfall dem eigenen Stamm) angehören, war der Antike sehr fremd; wenn es im unchristlichen Rom so etwas wie Mitgefühl gab, dann, abgesehen dem der Frauen für Illustrierten- oder Kinderschicksale, fast nur in einem sadistischen Nachfühlen von zugefügtem Leid, wie es der Zirkus bot

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convolavit. (Kap. 3 - Fortsetzung): Trotz dieser Erscheinung verfiel der selige Mann nicht

menschlicher Ruhmsucht, vielmehr erkannte er in seiner Tat die Güte Gottes und beeilte sich, achtzehnjährig, die Taufe zu empfangen.

Was man für Ostern 355 ansetzen könnte266, wobei man das „cum esset duodeveginti“ mit einem „da er schon 18 Jahre alt war“, übersetzen könnte, was etwas Spielraum beschert. Wenn man als spätestes Taufdatum Ostern 355 (also etwa den 1. April) annimmt, wäre Martin bei einem Geburtstag vom 1. 5. 335 zur Taufzeit grad noch neunzehn, und bei einem Geburtstag vom 1. 9. 337 erst siebzehn. Was das früheste Geburtsdatum - mathematisch - ins Jahr 336 verschiebt und den spätesten Geburtstag um sechs Monate vorverlegt, sodass Martin auf keinen Fall vor dem 1. 3. 337 geboren sein müsste. Das heißt die nun gewonnene äußerste Spanne der Geburtstage wäre 1. 4. 336 - 1. 3. 337. Durch späteres Überlegen, so viel sei bereits verraten, wird sich das rein mathematisch nicht mehr verändern. Ein Geburtstag in diesem Rahmen würde exakt mit Sulpicius Angaben übereinstimmen. Wobei sich das bei laxer Erinnerung der Beteiligten - Martin hatte Sulpicius diese Angaben gemacht, ohne ein Tagebuch zur Verfügung zu haben - um ein oder zwei Jahre Richtung 335 (oder gar 334) verschieben könnte. Dann wäre Martin beim Einzug zum Militär eben schon 16 oder knapp 17 gewesen, bzw. 20 oder 21 bei der Taufe. In einer Zeit, worin nur die Konsulats- und Herrscher-Datierungen Orientierung boten, bei deren Vergleich leicht Rundungsfehlern sich einstellen, wären das plausible ErinnerungsUngenauigkeiten (wenn man z. B. als Fakt nur einem Dekrettext erinnert, laut dem Jugendliche ab 15 eingezogen wurden267). Insofern klingt 335 als 266 Zwingend, wenn man annimmt, dass nur zu Ostern getauft wird, was in dieser Schärfe aber kein Gelehrter zu behaupten sich traut. 267 So wie man selber in der Erinnerung bei einigen Sachen zwar sagen kann, ich war "schon" oder "noch nicht" 16, aber ohne Zuhilfenahme von Dokumenten nicht, ob man nun 14 oder 15, bzw. 16, 17 oder gar schon 18 war. Wobei hinzukommt, dass man bei Erfahrungen, die man aus der Jugend erinnert, dazu neigt, die eigene Person jünger zu machen als sie war, vielleicht weil man die eigene Wehrlosigkeit deutlich spürte und auf diese Weise das eigene Heldentum vergrößert. Zahllos daher die Zahl der Schriftsteller, die (wie Coleridge oder Susan Sontag, und, nun ja, auch ich selbst) bereits mit 6 oder 12 die Ilias bzw. die Divina comedia gelesen haben…

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Geburtsjahr ein wenig wahrscheinlicher als 336, ohne dass dies belegbar, also lexikonwürdig, ist.268 -5Zeit zwischen Taufe und Kriegsdienstverweigerung in Worms (3. 5 ctd.) nec tamen statim militiae renuntiavit, tribuni sui precibus evictus, cui contubernium familiare praestabat: etenim transacto tribunatus sui tempore renuntiaturum se saeculo pollicebatur. qua Martinus exspectatione suspensus per biennium fere posteaquam est baptismum consecutus, solo licet nomine, militavit. 3. (zweite Fortsetzung) Er entsagte jedoch dem Militärdienst nicht sofort, weil er den Bitten seines Tribuns nachgab, mit dem er das Zelt freundschaftlich teil269 te. Denn dieser versprach, der Welt ebenfalls den Rücken zu kehren, sobald seine Dienstzeit als Tribun abgelaufen war. In Erwartung dessen ließ sich Martin dazu bewegen, nach der Taufe noch etwa zwei Jahre - freilich nur dem Namen nach - als Soldat zu dienen. Legt man die Periode bis zum Quittieren des Dienstes auf die Jahre 355/356, verschwindet die langjährige Lücke, die bei der Geburtsdatierung 315/316 notwendig erscheint, weil man die hier explizit aufgeführten „2 Jahre“ durch „22 Jahre“ ersetzen und behaupten musste, die „2 Jahre“ seien ein Kopierfehler. Wodurch die Wartezeit vom Erweckungserlebnis in Amiens bis zur gleich besprochenen Reaktion bei Worms arg lang wird. Und ein so langjähriges Liebesverhältnis mit einem Tribunen (immerhin ein Offiziersrang der ca. 1000 Mann befehligt) extrem romantisch wirkt. Zumal entdeckte Homosexualität (siehe die Bestrafung Thessalonikis) die Todesstrafe nach sich zog. Mit einem um 336 liegenden Geburtstag wird Sulpicius Angabe dagegen hochplausibel, und der Tribun könnte ein kurzeitig väterlicher Freund sein, der, auf jener speziellen Kampagne das Zelt mit ihm teilend (wie man nach einer Operation in einem Krankenhaus oft das Zimmer teilt und sich manches erzählt), ihm etliches von der gallischen Kirche berichtete, mit auch 268

Was wiederum unserem verführerischen, weil so präzise datierbaren, "Panzerreiter-Szenario" wieder mehr Glaubwürdigkeit verleiht. 269 contubernium ist "Zeltgefährtenschaft" - vergl. Tacitus, Agricola 5, "electus, quem contubernio aestimaret." - die leicht obszöne Bedeutung mit dem Anklang zu Konkubinat erscheint hier ausgeschlossen

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dem Hinweis, ein gewisser Hilarius aus Poitiers könne ein interessanter Mann sein. Dass das Christentum im Militär vertreten war, verrät Ammian, als er mitteilt, dass der gleiche Silvanus, der das Kommando des Vorstoßes nach Köln innehatte, dort 355 auf dem Weg zur Morgenandacht umgebracht wurde, keinen Monat, nachdem er sich in diesem Erdenwinkel zum Usurpator ausrufen ließ.270 Der angedeutete Offiziersrang von Martin selber (der sich nur durch die einmalige Erwähnung eines Dieners äußert und die Angabe, der Vater sei Miltär-Tribun) dürfte angesichts seiner Jugend niedrig sein. Dass selbst einfache Kavalleristen einen Knecht (für z.B. die Pflege von Pferd oder Rüstung) zugeteilt bekamen, scheint nicht weniger plausibel. Das Teilen des Zelts spricht (sollte es nicht von Sulpicius als belletristisches Manöver ausgedacht sein, um elegant zum nächsten Ereignis zu gelangen) wiederum für einen, wenn auch niedrigen, Offiziersrang. Die dazugehörigen Argumentationen sind in den in Fußnote Nr. 81 angeführten „Sources Chrêtiennes“ enthalten, wobei diese noch mit über 20 Jahren Zeltgemeinschaft zurechtkommen müssen. Was das Bild unnötig dramatisiert 270 Silvanus, Franke (Amm. 15, 5. 11; 16. 33), Christ (Amm. 15, 5. 31), Sohn des Bonitus, der

sich unter Konstantin im Kampfe gegen Licinius (324) ausgezeichnet hatte (Amm. 15, 5. 33), wahrscheinlich auch einer barbarischen Mutter, geboren in Gallien (Vict. Caes. 42. 15), aber mit römischer Bildung aufgewachsen (Vict. epit. 42, 10. 11). Unter Magnentius befehligte er als tribunus (Zonar. XIII 8) die Schola palatina der Armaturae (Amm. 15, 5. 33; vgl. Not. dign. or. XI 9; occ. IX 6), ging aber mit seinen Reitern vor der Schlacht bei Mursa (28. September 351) zu Constantius über (Zonar. a. O. Amm. 15, 5. 33. Vict. Caes. 42, 15. Iulian. or. I 48 b, II 97 c) und wurde zum Dank schon sehr jung zum Magister peditum befördert (Vict. a. O.; Amm. 15, 5. 33; vgl. 15, 5. 2; 8. 17; 16, 2. 4; 11. 2. Fälschlich Magister equitum et peditum genannt (Cod. Theod. VII 1, 2; vgl. VIII 7, 3; Seek Regesten 120, 33). Als solcher nachweisbar am 27. Mai 352 (Cod. Theod. a. O. Regesten 93, 10). Nachdem er zuerst am Hofe selbst tätig gewesen war, wurde er Anfang 355 auf Andringen des Magister equitum Arbitio, der den Nebenbuhler um die Gunst des Kaisers los sein wollte, nach Gallien geschickt, das schwer unter eingedrungenen Germanen litt (Amm. 15, 5. 2; Zonar. XIII 9 p, 19 c; Liban. or. XVIII 31), und zeichnete sich im Kampfe gegen sie aus (Amm. 15, 5. 4; 28; 16, 2. 4). Seine Abwesenheit wurde benutzt, um ihn vermittelst eines gefälschten Briefes beim Kaiser zu verleumden, als strebe er nach der obersten Herrschaft (Amm. 15, 5. 9–14); doch Silvanus, der bei der misstrauischen Sinnesart des Constantius sein Leben anders nicht mehr retten zu können meinte, hatte schon vorher in Köln den Purpur genommen (Amm. XV 5, 15–17. 32; Iulian. or. I 48 c, II 98 d; epist. ad Athen. 274 c; Zonar. a. O.; Liban. a. O.; Mommsen Chron. min. I [126] 522, 67; Mamert. paneg. III [XI] 13, 3). Noch fünf Tage zuvor, aus Anlass des kaiserlichen Geburtstags am 7. August (s. o. Bd. IV S. 1044, 64), hatte er im Namen des Constantius ein beträchtliches Donativ an die Soldaten verteilen lassen (Amm. 15, 6. 3). Weshalb seine Erhebung auf den 11. August 355 zu setzen ist (vgl. Herm. XLI 501). Doch gelang es Ursicinus, der (in Begleitung Ammians) deshalb nach Köln gesandt wurde, zwei barbarische Auxilia zu bestechen, dass sie den Usurpator erschlugen (Amm. 15, 5. 17–35; 16, 11. 2; 18, 4. 2; 24, 3. 11; Zonar. 13, 9; Socrat. 2, 32. 11; Sozom. 4, 7. 4; Theodor. H. E. II 16, 21). Er starb am 28. Tage nach seiner Thronbesteigung (Vict. Caes. 42, 15; epit. 42, 10; Hieron. chron. 2370; Iulian. or. II 99 a; Eutrop. X 13; Joh. Ant. frg. 174 = FHG IV 604), also am 7. September 355. Es folgten grausame Strafgerichte gegen seine Anhänger (Amm. 15, 6). Sein Vermögen oder einen Teil davon erhielt sein Amtsnachfolger Barbatio (Amm. 18, 3. 2, vgl. 16, 11. 2).

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und eine gewisse Militärkarriere zwingend macht, die bei unserer Datierung irrelevant wäre. Denn die im letzten Satz auftauchenden „zwei Jahre“ geben bereits ein Limit für das nächste Ereignis: vom Datum der Taufe bis zu Martins Rebellion unter Julian dürfen weniger als 2 Jahre vergehen. Bei den zahlreichen Feldzügen Julians kommt Worms allerdings etliche Mal in Frage, manchmal indes nur entfernt. Verfolgen wir also eine Weile den Lebensweg Julians, wie er sich vor allem durch den Geschichtsschreiber Ammian erschließt, der auf einigen Kampagnen präsent gewesen sein muss, denn es gibt bei ihm etliche Fachverstand verratene Details, die sich - zumal er über weite Strecken auch sprachlich ein glänzender Schriftsteller ist, im realistisch erzählenden Modus wohl der beste zwischen Tacitus und Gregor von Tours - bei etlichen anderen, mehr generalisierenden Schreibern wie Zosimos, nicht finden. -6Kriegsdienstverweigerung vor Kaiser Julian 356 bei Worms 4 (1) Interea irruentibus intra Gallias barbaris Iulianus Caesar coacto in unum exercitu apud Vangionum civitatem donativum coepit erogare militibus, et, ut est consuetudinis, singuli citabantur, donec ad Martinum ventum est. (2) tum vero oportunum tempus existimans, quo peteret missionem - neque enim integrum sibi fore arbitrabatur, si donativum non militaturus acciperet -, hactenus, inquit ad Caesarem, militavi tibi: (Kap. 4, noch von Sulpicius): Unterdessen waren Barbaren in die beiden Galli-

en271 eingebrochen. Daher zog Kaiser Julian bei Worms272 ein Heer zusammen, wo er damit begann, den Soldaten Geldgeschenke //sogenannte Donative// zuzuteilen.

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Gallias - bei der Neuordnung durch Diocletian wurde das Reich in 13 Diözesen eingeteilt, wovon 2 auf Gallien fielen, die Dioecesis Galliarum und Dioecesis Viennensis. Diese zerfielen erst in 15, dann in 17 Provinzen. An der Spitze einer Diözese stand ein Vicarius praefecti praetorio, d. h. ein Stellvertreter des Praefectus praetorio. An der Spitze einer Provinz ein Statthalter (Legat) des Kaisers mit dem Titel Consularis oder Proconsul bzw. Propraetor. Die Präfekten (Praefectus praetorio) hatten seit Konstantin nur verwaltungstechnische, keine militärische Bedeutung. Im 4. Jh. gab es 4 Präfekten, einer war in Gallien (Trier), einer in Italien, einer im Orient und einer in Illyrien. Sie hatten die Oberaufsicht über mehrere Diözesen. Eine Comes wurde vom Kaiser für außerordentliche Fälle (etwa Appellationen) in einzelne Diözesen gesandt. 272 Civitas Vangiorium, mit dem heutigen Worms als Zentrum

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Da man dabei der Sitte gemäß jede Soldaten einzeln aufruft, kam die Reihe auch an Martin. Der genau diesen Zeitpunkt für günstig hielt, seinen Abschied zu erbitten. Denn er war der Ansicht, dass nicht recht wäre, ein Donativ anzunehmen, wenn er nicht mehr zu kämpfen gedachte. Deshalb sprach er zum Kaiser: etc.

Nun, die Sprache des Sulpicius verrät, dass er für militärische Dinge kaum als Spezialist durchgehen kann273 und die Dynamik der damaligen - 40 Jahre zurückliegenden - Vorgänge nicht einzuschätzen weiß. Da diese anderorts recht gut dokumentiert sind, wollen wir versuchen, Raum-Zeit-Punkte zu finden, an denen eine Revolte Martins plausibel wäre. Daher zunächst ein Abriss von Julians Kampagnen in jenen Jahren, als der neu ernannte Caesar die Gegend bis hin zum Rhein wieder zu befrieden suchte. Was zugleich einen Eindruck davon vermittelt, wie weitgehend der Alamanneneinfall, während dessen unsere naive, in Neumagen beginnende Erzählung spielt, das nördliche Gallien und die Rheinprovinzen in Mitleidenschaft zog. * Am 6. November 355 wurde Julian (geb. 332, also mit 23) von Constantius zum Cäsar für Gallien bestimmt, um den Kampf gegen die eingedrungen Germanen fortzusetzen, den Constantius selber, wie wir gesehen hatten ohne rechten Erfolg, begann. Im Dezember erreichte er (nachdem er in Mailand rasch mit der Kaiserschwester Helena vermählt worden war, wobei die dazugehörigen Feierlichkeiten Priscilla zum ersten Mal wieder unter Menschen brachten) nach Vienne, um zu überwintern. Dort wurde er mit der Nachricht überrascht, in den Wirren, die auf die Erhebung des Silvanus gefolgt waren, sei nun auch Köln von Germanen zerstört.274 Im kommenden Jahr (356) stieß er (kurz nachdem der Ich-Erzähler unserer in Neumagen beginnenden Erzählung in Pannonien wieder geheiratet hatte) bis zum 24. Juni nach Autun vor, von wo es, vorerst noch mit wenigen Truppen - 360 Mann - über Auxerre und Troyes nach Reims ging, um dort die seit Silvanus Tod unter dem Kommando von Ursicinus und Marcellus stehenden 2 Legionen zu übernehmen, die Köln wohl verlassen hatten. In Reims 273 Wobei sich dieser Eindruck bei seiner "Kirchengeschichte" erhärtet, bei der die Unkenntnis vieler römisch-weltlicher Dinge erstaunt, von denen man meint, sie würden zur antiken Allgemeinbildung von Intellektuellen gehören. 274 alles Ammian 15, 8

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musste Martin sich ihm vermutlich anschließen, wenn seine Einheit nicht schon zuvor nach Autun oder Auxerre beordert war: (Ammian 16, 2): 8  … There //nach Reims// he had ordered the whole army to assemble with provisions for a month and to await his coming; the place was commanded by Ursicinus‘ successor Marcellus … 9  Accordingly, after the expression of many various opinions, it was agreed to attack the Alamannic horde by way of the Ten Cantons with closed ranks; and the soldiers went on in that direction with unusual alacrity.

Sofort geriet Julian in schwere Kämpfe, in denen er seine beiden Legionen in plötzlich neblig unübersichtlichem Gelände fast verlor, was so lehrreich war, dass er - man erobert die Welt nicht an einem Tag - fortan vorsichtiger zu Werk ging: 10 And because the day was misty and overcast, so then even objects close at hand could not be seen, the enemy, aided by their acquaintance with the country, went around by way of a crossroad and made an attack on the two legions bringing up the rear of the Caesar‘s army. And they would nearly have annihilated them, had not the shouts that they suddenly raised brought up the reinforcements of our allies.

Als Kundschafter berichteten, dass sich Straßburg, Brumath, Zabern, Seltz, Speyer, Worms und Mainz in Germanenhand befänden, nahm er erstmal 275 276 (das bei Straßburg unweit des Rheins gelegene) Brumath ein: (Ammian 16, 2): 11. Hinc [et] deinde nec itinera nec flumina transire posse sine insidiis putans erat providus et cunctator, quod praecipuum bonum in magnis ductoribus opem ferre solet exercitibus et salutem. 12. audiens itaque Argentoratum, Brotomagum, Tabernas, Salisonem, Nemetas et Vangionas et Mogontiacum civitates barbaros possidentes territoria earum habitare nam ipsa oppida ut 275 Straßburg, 12 BC als Argentoratum gegründet, zunächst militärischer Außenposten der

späteren Provinz Germania Superior. Seit 74 gab es eine Straße, die von Augsburg (Augusta Vindelicorum) über Straßburg nach Mainz (Mogontiacum) führte. Das antike Stadtzentrum befand sich auf der Ill-Insel, noch heute Straßburgs Zentrum. Archäologische Überreste (Grabmäler, Heiligtümer, Geschäfte) vor allem im westlichen Koenigshoffen entlang der einstigen Römerstraße, nun Route des Romains 276 Das antike Brotomagum, ca. 20 Kilometer nördlich von Straßburg. - 1939 war Jean-Paul Sartre übrigens dort als Wetter-Soldat stationiert, wobei es wieder gegen, nun ja, Alamannen ging, die über den Rhein zu kommen drohten. Anfang November hat ihn Simone de Beauvoir dort (halbheimlich) eine Woche besucht.

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circumdata retiis busta declinant primam omnium Brotomagum occupavit eique iam adventanti Germanorum manus pugnam intentans occurrit. 11 Then and thereafter, thinking that he could cross neither roads nor rivers without ambuscades, Julian was wary and hesitant, which is a special merit in great commanders, and is wont both to help and save their armies. 12 Hearing therefore that Strasburg, Brumath, Saverne, Seltz, Speyer, Worms, and Mayence were held by the savages, who were living on their lands (for the towns themselves they avoid as if they were tombs surrounded by nets), he first of all seized Brumath, but while he was still approaching it a band of Germans met him and offered battle. 13 Julian drew up his forces in the form of a crescent, and when the fight began to come to close quarters, the enemy were overwhelmed by a double danger; some were captured, others were slain in the very heat of the battle, and the rest got away, saved by recourse to speed.

Um dann, da die Rheinüberquerung sich wegen fehlenden Materials verbot, nach Norden einzuschwenken. Wie sich die Kampagne des Jahres 556 bis ins Winterlager nach Sens (Sennones) fortsetzte, liest sich in Ammians Original so: (Ammian 16, 3): 1. Nullo itaque post haec repugnante ad recuperandam ire placuit Agrippinam ante Caesaris in Gallias adventum excisam, per quos tractus nec civitas ulla visitur nec castellum nisi quod apud Confluentes, locum ita cognominatum ubi amnis Mosella confunditur Rheno, Rigomagum oppidum est et una prope ipsam Coloniam turris. 1 Accordingly, as after this no one offered resistance, Julian decided to go and recover Cologne, which had been destroyed before his arrival in Gaul. In all that region there is no city to be seen and no stronghold, except that at the Confluence, a place so called because there the river Moselle mingles with the Rhine, there is the town of Remagen and a single tower near Cologne itself.

Es war also ein Marsch durch verwüstetes Terrain, auf dem man (während vor Julian ausgewichene Alamannen Calixus Dorf überfallen, wobei dieser umkommt, als er bei der Folter sein Geldversteck nicht verrät, und Latona sich mit ihrem Sohn retten kann, weil sie etwas Alamannisch spricht und behauptet, das Kind sei vom alamannischen König Chonodomarius) keinem nennenswertem Widerstand mehr begegnete - aber auch keinen Civitates oder erhaltenen 287

Befestigungen, außer Resten in Koblenz, Remagen und einem insulären Turm kurz vor Köln. Mit anderen Worten: die Rhein-Verteidigungslinie war nicht länger existent. Dabei gings vom zerwüsteten Brumath (ganz wie in Ammians Liste angegeben, die insofern die real durchmarschierten größeren Etappen in richtiger Reihenfolge markiert) zum 35 km nördlicheren Seltz277, dann über Hagenbach278, Rheinzabern279, Leimersheim280, Germersheim281, Lingenfeld282, Westheim283, an der Nekropole RömerbergHeiligenstein284 vorbei, endlich (nun bereits 85 km von Seltz) nach Spey285 er , dem ersten richtig großen Ort, dessen Tempel und Theater aber nun 277 Das römische Saliso oder Saletio, wo man den Rhein relativ leicht überqueren kann An der alten Römerstraße entdeckte man 1936 etliche dichtstehende Meilensteine, die von 278 der 16 römische Meilen entfernten Civitas noviogamus (also Speyer) errichtet wurden. In einer nahe gelegenen Kiesgrube fand sich ein Schatz aus römischen Metallobjekten, der, nach einem Raubzug ins römischen Gallien, offenbar zurückkehrenden Alamannen (wohl bei den Einfällen von 260 oder 275) verloren ging. 279 Tabernae rhenanae, einst bekannt für ausgedehnte Brennofen-Anlagen (noch heute ist einer zu besichtigen), wobei die (durch beschriftete Ziegel belegten) Militärziegeleien ab 80 AD durch die zivile Produktion von Bau- und Gebrauchskeramik (bereits seit Claudischer Zeit nachgewiesen) ersetzt wurden; darunter eine spezielle terra-nigra-Tonware, die z.T. ins ganze römische Reich exportiert wurde. 280 Im nahegelegenen Neupotz wurden in einer Kiesgrube seit 1967 etliche Metallgegenstände von vor 275 ausgebaggert, die, auf mindestens zwei Lastkarren transportiert, anscheinend auf der Rückkehr von einem Beutezug beim Überqueren des Rheins samt dem Floß untergingen. - In Leimersheim selbst Versteckfund mit 265 Münzen von vor 260, plus dem Fragment eines Langschwerts (spatha), sowie einer Schere, einem Grünstein zum Messerschärfen, 30 Spielsteinen aus Glasfluß und 4 Bronzeringen, alle ebenfalls mit den Alamanneneinfällen 275 in Verbindung zu bringen. 281 In Germersheim fand man an der Römerstraße einen Weihestein mit der Inschrift: "Der Göttin Maia hat der Straßenpolizist Gaius Arrius Patruitus diesen Tempel ganz neu errichten lassen. Sein Gelübde hat er gern, freudig und nach Gebühr erfüllt." Inwiefern das angesprochene Heiligtum im Fundortbereich stand oder ob der Stein als Baumaterial neu verwandt wurde, ist kaum mehr zu klären. Ebenso ungeklärt blieb, ob Germersheim mit dem antiken Vicus Iulius identisch ist. 282 Neben einer Münzbörse mit 44 Geldstücken (das jüngste eine Prägung mit dem Usurpator Magnentius aus dem Jahre 350), fand sich in Lingenfeld eine fast komplette spätrömische WerkzeugsAusstattung aus der Zeit, in der Julians Armee vorbeimarschierte: Heu- und Mistgabel, Abzieheisen, Zirkel, Drechsel, Hammer, Rebmesser, Wetzsteine, sowie Achsnägel eines Wagens - Relikte vermutlich eines Bauernhofes, dessen Besitzer seine Münzen nicht hatte retten können, als er fliehen musste, weggeschleppt oder umgebracht wurde. 283 Einst eine befestigte keltisch-frührömische Siedlung, die aber (wie sich bei Rettungsgrabungen im Jahr 1978 aus dem Fehlen von militärischen Kleinfunden erschloß) bald nach der Zeitenwende nicht mehr genutzt wurde, denn seit 70 AD stand hier wohl nur noch ein Bauernhof. 284 Wo sich ein Sarkophag mit der Inschrift fand: "Zur immerwährenden Sicherheit (perpetuae securitati) hat Drombinius Sacer seiner Gattin Iustinia Iustina dieses Begräbnis besorgt (ponendam curati)", wobei Beigaben - ein Kantharos aus entfärbtem Glas, eine Terra-Sigillata-Schale - verraten, dass die Funde dem 4. Jahrhundert entstammen. 285 Nemeatas oder Civitas Nemetum, bzw. Noviomagus, ebenfalls an einer Furt gelegen, aber an

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zum Entsetzen der durchmarschierenden Soldaten ausnahmslos alle zerstört waren. Und von dort gings schließlich über Otterstadt286, Neuhofen287 und Lud288 289 wigshafen nach --- Worms. Und dort regte sich (vielleicht) zum ersten Mal wieder Widerstand seitens einiger halsstarriger Germanen, die einfach nicht einsehen mochten, warum einer der wenigen Stellen, wo das Hochufer dem Rhein nahe kommt, angesichts der vielen sumpfigen Nebenarme zwischen Mainz und Basel keine Kleinigkeit. Sodass sich hier außer dem 10 BC entstandenen Kastell, seit 74 AD eine ausgedehnte Civitas angesiedelt hatte, komplett mit Forum, Tempeln und einem Theater. Deren (kümmerliche) Ruinen heute natürlich vom gewaltigen frühromanischen Dom in den Schatten gestellt werden (den übrigens das Wirken der französischen Revolution - ganz wie die Kirche über dem Original-Grab des Heiligen Kavalleristen Martin - in einen Pferdestall verwandelt hatte). 286 Beute- oder eventuell Weihefund aus dem 3. Jh.; bestehend aus zahlreichen Gefäßen wie Kesseln, Kasserolen, Tellern, Töpfen und Wasserkannen, sowie einem Messingeimer mit Bildfries, auf dem 2 Frauenmasken, Satyrn und etliche Tiere dargestellt sind. 287 Ein Münzfund mit 355 Münzen, deren jüngste von Galienus (257) ist und daher ebenfalls den Alamanneneinfällen von 260 zuzuordnen. Unter dem heutigen Ortskern lag in hochwasserfreier Lage ein Bauernhof. 288 In Rheingönnheim ein Auxiliarlager für ca. eine Kohorte, mit Bezug zur gegenüberliegenden Neckarmündung; nach ca. 60 AD aufgegeben, um einer kleinen zivilen Folgesiedlung zu weichen, von der es bis ins späte 4. Jh., von Grabfunden mit Militärgürteln belegt, Spuren gibt. - In Friesenheim, unter der heutigen BASF, wurde 1917 eine Anlage von mindesten 35 Gräbern mit deutlich germanisch geprägten Grabbeigaben offengelegt - Messer, Fibeln, Lanzenspitzen, eine handgetöpferte oberrheinisch-germanische Schüssel -, die bis in die Mitte des 3. Jh. datierbar sind, ohne dass sich die dazugehörige Siedlung lokalisieren ließ. 289 Borbetomagus, Hauptort der Civitas Vangionum - wegen der seit dem Mittelalter kontinuierlichen städtischen Überbauung kaum ausgegraben. An Militärischem nur das letzte Kastell lokalisierbar, erst 367 nach der Vertreibung der Alamannen erbaut. Ältere Ziegel- und Grabsteine bezeugen die Präsenz von mindestens 4 Alen und 4 Cohorten. Im Dombereich Mauerzüge mit Fußbodenresten, die dem Forum und einer Marktbasilika zugeordnet werden, sowie Häuser mit Kellern und Kanalheizung, wobei in einer ein Münzschatz aus 197 "folles" (versilberte Bronzemünzen) versteckt war, die letzte von 346, also unmittelbar vor dem Alamannen-Einfall 353. -- Im Tempelbereich nördlich des Doms wurden Mars, Jupiter, Juno, die Dea Quadriviae und Neptun verehrt. Ansonsten Kalköfen, Backöfen, sowie diverse Töpfereien, die auf sogenannte "Wormser Gesichtskrüge" spezialisiert waren. Eine Inschrift bewahrt den Namen des Stadtrats C. Lucius Victor, der auf eigene Kosten ein (nicht mehr existentes) Stadttor errichten ließ. - Die wirkliche Ausdehnung des Stadtbereich (um 200 AD doppelt so groß wie im Mittelalter) indes nur anhand der Gräberfelder ermeßbar: Brandgräber, Körperbestattungen und Sarkophage durchgehend vom 1. bis zur Mitte des 4. Jh., darunter ein Brandgrab mit luxuriöser Glaswarenausstattung (Balsamarien, Streifentellerchen, Schminkbehälter), sowie ein Sarkophag mit sogenanntem "Zwischengoldglas"; (wenige) frühchristliche Gräber erst aus dem 5. Jh. - In der Umgebung von Worms die Reste römischer Gutshöfe (villae rusticae), sowie noch einige andere Sarkophage, von denen einer dem Rechenlehrer Lupulius Lupercus ("Lupuli Luperco doctori artis calculaturae") gewidmet ist...

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sie die Trümmer der Stadt nicht noch gründlicher durchsuchen durften, um auch die letzten vergrabenen Münzen hervorzukramen. Und so wird der junge Caesar vor seinen erschöpften und von den auf ihrem langen Marsch bezeugten Verwüstungen gewiss deprimierten Soldaten, wohl eine Rede gehalten haben, um sie wieder kampfbereit zu machen, eine der vielen, die so ein Befehlshaber zu halten hat und von denen erstaunlich viele übermittelt sind. Aber von dieser speziellen ahnte offenbar keiner, welche Bedeutung sie annehmen würde, und so wurde sie nicht überliefert. Denn während der Caesar mit Eifer sprach, musste er zur Kenntnis zu nehmen, dass ein junger Reiter ebenfalls zu sprechen begann und nicht länger kämpfen wollte. Hier, Mitte, Ende August 356 findet sich also ein Ort, an dem der spätere Heilige revoltiert haben könnte. -7Martins Protest (Vita Martini 4. 2) … inquit ad Caesarem, militavi tibi: (3) patere ut nunc militem Deo: donativum tuum pugnaturus accipiat, Christi ego miles sum: pugnare mihi non licet. (4) tum vero adversus hanc vocem tyrannus infremuit dicens, eum metu pugnae, quas postero die erat futura, non religionis gratia detractare militiam. (Kap. 4 - Fortsetzung): Deshalb sprach er zum Kaiser: „Bis heute habe ich für dir

als Soldat gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott als Soldat diene. Dein Donativ mag in Empfang nehmen, wer in deine Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen290“. Wegen dieser Rede erregt, gab der Tyrann zur Antwort, er wolle sich nur aus Angst vor dem morgigen Kampf, nicht um des Glaubens willen, dem Kriegsdienst entziehen.

Ja, hier spricht der spätere Heilige zu Caesar (und erinnert das nicht bereits an gewisse romanische Skulpturen, die demütig ihrem Schicksal entgegen schreiten?)291 290

In den ersten christlichen Jahrhunderten findet man (z. B. bei Tertullian, Laktanz, Testam. Domini ed. Rahmani II, 2), mitunter die Ansicht, der Militärdienst vertrage sich nicht mit christlichem Glauben. Nicht bloß wegen der Gefahr, sich an heidnischen Opfern beteiligen zu müssen, sondern weil Christen jedes Blutvergießen verboten sei. Martins Verhalten entspricht dem 74. Kanon des Hippolyt. Ähnlich handelte Victricius von Rouen (siehe Fußnote Nr. 322) 291 Wobei, ganz wie diese Szene aus der Antike heraustritt, die in Fußnote Nr. 65 als äußerst

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Julian entgegnete also (angesichts der Ruinen von Worms, worin sich Germanen verschanzt hatten), was man den Dienst an der Waffe Verweigernden immer schon vorwarf, dass ihre Moral verkleidete Feigheit sei. -- Ha, plötzlich erinnere ich mich, dass mir genau dies noch in den Sechzigern im Kopf herumspukte, als ich selber den Wehrdienst verweigern wollte. Was Martin tat, ist noch immer modern. Etwas, das seinerzeit eigentlich unvorstellbar war. Und umso skandalöser, als es in Bezug auf vandalierende, die Zivilisation zerstörende Barbaren ausgesprochen wurde, die mit Gewalt zurückzudrängen selbst heute nach fast allen Maßstäben der Moral erlaubt ist. Gewiss, dann und wann hatte es soldatische Einwände gegen das Kämpfen gegeben, aber dies betraf einzig Bürgerkriege, wenn Römer mit Römern kämpften. Barbaren hatten dagegen bloß den Status von Sachen, universelle Menschenrechte waren inexistent. Vielleicht ist das der Grund, warum Julian so rätselhaft zögernd reagierte. Vielleicht - er war selbst erst 25, kaum fünf Jahre älter als Martin (wenn unsere Rechnung stimmt) - war er sogar perplex. Eine römische Armee hatte schließlich zu funktionieren. Doch auf diesem Feldzug war Julian schon einmal überrascht worden, weil etwas nicht funktionierte - jedenfalls nicht, wie er sich das in Athen beim Studium der Militärgeschichte vorgestellt hatte -, als er nämlich im Nebel fast seine Legionen verlor, bevor sein welteroberndes Unterfangen überhaupt begann.292 Als Martin den Feigheitsvorwurf auskonterte, indem er anbot, am nächsten bemerkenswert erwähnte, nahezu lebensgroße Rundumplastik der Mantelszene nicht nur aus der Fassade des Doms von Lucca, sondern auch aus der Romanik herauszutreten scheint, als wolle sie, den Kitsch der Gotik (und sogar der Renaissance) glatt überspringend, einen für immer nun haltenden Gesellschaftsvertrag verkünden, laut dem ein Armer nicht mehr Almosen erhält, sondern seine Mantelhälfte mit Stolz entgegennimmt. 292 Bei den Ammianschen Schlachtdarstellungen fällt auf, in wie starkem Maße sie postfactum dramatisiert wurden. Die im folgenden Jahr stattfindende bei Straßburg erstreckt sich z.B. (wobei man annimmt, Ammians Version gehe auf einen verlorenen Versuch Julians zurück, der sich als neuen Alexander darstellen wollte) über fast 20 Seiten, worin er alle Register antiker Schlachtenbeschreibung zusammenzieht, voll von erlesensten Zitaten. - Interessanterweise modelliert sich das Geschehen an der Schlacht Sullas bei Chaironea (86BC), wobei überrascht, dass Sulla - der erste per Militärrevolte zur Herrschaft gelangte Diktator Roms - sogar zu Wort kommt. Aber anscheinend erkannte Julian in Sulla - wegen seiner Proscriptionen und der antimonarchistischen Gesinnung stand dieser in Rom lange in Diskredit - etwas Vorbildhaftes insofern, als dort auch einer war, der sich unterstand, den Staat, der von immer neu aufflammenden, ideologisch durchfärbten Bürgerkriegen zerrüttet wurde, noch einmal zu reformieren und wieder auf bewährte Fundamente zu stellen.

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Morgen sogar waffenlos anzutreten, beschloss der Caesar daher, müde vom Marsch durch das entvölkerte Rheinland, die Entscheidung auf morgen zu verschieben, und stellte ihn erstmal unter Arrest: (5) at Martinus intrepidus, immo illato sibi terrore constantior, si hoc, inquit, ignaviae adscribitur, non fidei, crastina die ante aciem inermis adstabo et in nomine Domini Iesu, signo crucis, non clipeo protectus aut galea, hostium cuneos penetrabo securus. (6) retrudi ergo in custodiam iubetur, facturus fidem dictis, ut inermis barbaris obiceretur. Doch Martin blieb unerschrocken, ja, die Einschüchterung machte ihn nur noch fester, sodass er sprach: „Unterstellt man mir Feigheit und nicht Glaubenstreue, so bin ich bereit, mich morgen ohne Waffen vor die Schlachtreihe zu stellen und im Namen des Herrn Jesus mit dem Zeichen des Kreuzes, ohne Schild und Helm, sicher die feindlichen Reihen zu durchbrechen“. Dementsprechend nahm man ihn fest, damit er sein Wort wahr mache und sich den Barbaren waffenlos entgegenstelle.

(7) postero die hostes legatos de pace miserunt, sua omnia seque dedentes. unde quis dubitet hanc vere beati viri fuisse victoriam, cui praestitum sit, ne inermis ad proelium mitteretur. Am nächsten Tage baten die Feinde durch Gesandte um Frieden und ergaben sich samt ihrem Besitz. Wer will daher bezweifeln, dass dieser Sieg dem Heiligen Mann zu verdanken war und die Vorhersehung verhütete, dass er sich waffenlos zum Kampf stellen musste.

Und als sich am Morgen der Konflikt in Luft auflöste, verschob Julian das Problem einfach weiter, um sich ihm in aller Ruhe irgendwann später zu widmen, zunächst war andres ja wichtiger. Sulpicius beschließt dieses Kapitel dagegen nachdenklich: (8) et quamvis pius Dominus servare militem suum licet inter hostium gladios et tela potuisset, tamen ne vel aliorum mortibus sancti violarentur obtutus, exemit pugnae necessitatem. (9) neque enim aliam pro milite suo Christus debuit praestare victoriam, quam ut subactis sine sanguine hostibus nemo moreretur. In seiner Güte hätte Gott seinen Soldaten //also Martin// auch unter feindlichen

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Schwertern und Speeren unversehrt erhalten können. Aber um das Auge des Heiligen nicht durch den Tod anderer zu verletzen, entfernte er die Notwendigkeit zu kämpfen. Denn um seinen Soldaten den Sieg zu schenken und Feinde zu unterwerfen, muss Christus nicht erst deren Blut vergießen oder wen sterben lassen.

Mag sein, dass dieser radikale Protest gegen das Militärische - wenn er denn stattgefunden hat (wobei wir uns klar machen müssen, dass all dies frühestens 40 Jahre später geschrieben wurde, 30 Jahre nach Julians Tod, als das Kapitel Julian abgehakt war, sodass Sulpicius nur noch die einstigen Konfliktlinien beschwor): - dem jungen Julian erstmals klar machte, wie gefährlich das Christentum für den Erhalt des römischen Reiches geworden war. Und dass der harmlose Vorfall ihn in seiner (bisher geheimen) Absicht bestärkte, es irgendwann wieder zurückzudrängen, es zur Not sogar verbieten zu lassen. Was ihm, nachdem dies in die Tat umgesetzt war, den Namen Apostata, der Abtrünnige, eintrug. Und ihn zum von der christlichen Geschichtsschreibung meistgehassten Imperator machte. So wie in der Antike auch Sulla gehasst wurde. Einer der das Rad der Geschichte zurückdrehen wollte. Trotz seines Anti-Christentum selbst im Sinne Hegels ein Don Quijote, ein Phantast. Und tatsächlich lesen sich Julians Schriften wie die eines narzistischen Phantasten. 293 Anrührend ist trotzdem die Jugend der beiden. Zwei Wesen, die nichts von dem wissen, was die Zukunft ihnen bescheren würde. Die Unschuld, in der sie - in der sanften Darstellung des Sulpicius - diesen (eigentlich unlösbaren) Konflikt auf den Punkt bringen. Und dabei keine Ahnung haben. Keine Ahnung von der Komplexität des Lebens. Worin Entscheidungen selten sind, die man mit Inbrunst vertreten kann. Weil so vieles darin sich in einer prekären Balance befindet, die zu zerstören zwar ein Kinderspiel ist, die zu bewahren oft aber ein kaum zu bewerkstelligendes Kunststück. Eine Arbeit vielleicht nur für Giganten.

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So wie auch die Kunst der Romanik, an deren knappe Schlichtheit diese Szene erinnert, in ihrer Essenz eine jugendliche Kunst war und noch nicht die gotische Zerklüftetheit kannte, die bereits eine des Alters ist.

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-8Schluss der Kampagne von 356 Nun, Occams Messer folgend294, könnten wir unsere Untersuchung jetzt ruhen lassen, denn hier wäre genau, was wir suchten: ein Ort, der perfekt mit der Rechnung des Sulpicius korrespondiert - per biennium fere, nicht ganz zwei Jahre nach Amiens. Allerdings hatte Julian sein Heer bereits in Reims zusammengezogen, nicht erst in Worms, was sich aber auf das Konto poetischer Verdichtung schieben lässt. Aber es hatte bereits zwei Gefechte gegeben, und ist kein Donativ Julians verbürgt. Und ein Innehalten auf dem Marsch mit einer damit verbundenen Rede ist ebensowenig überliefert. All dies muss man sich denken und eine Szene erfinden, die Martins Verhalten plausibel macht. In den Ruinen von Worms Widerstand leistende Alamannen zum Beispiel, von denen man bei Ammian nichts erfährt. Oder dass Martin sich seit seiner Zwangsrekrutierung im Frühsommer 351 nur seinem einstigen Tribunen und dann General Silvanus verpflichtet gefühlt habe, mit dessen Panzerreitern er im September 351 vor der Schlacht von Mursa zu Constantius übergetreten sei, um mit ihm seit dem Spätherbst 353 auf des Kaisers Geheiß hier in Gallien Ordnung zu schaffen, was ihn von Châlon-sur-Saône über Amiens und viele furchtbare Umwege nach Köln geführt habe. Und dass er dieses Treueverhältnis - schließlich hätte ihn sein Eid nur dem Usurpator Magnentius verpflichtet - mit Silvanus Tod am 7. September 355 für beendet halte und hier im rheinischen Worms keinesfalls ein neues Donativ annehmen wolle, das neue Abhängigkeit schüfe, usw usw … - was alles sehr schön klingt, sich aber doch auf äußerst dünn geschliffenem Eis bewegt, 295 auf dem diese Panzerreiter wie die Deutsch-Ordensritter in Eisensteins Alexander Newskij296 leicht einbrechen und vollkommen versinken kön294 295

Also nach dem Motto: warum kompliziert, wenn es auch einfach geht. Von denen die sogenannte Ost-Kolonialisierung Heinrichs des Löwen im südlichen Osteseeraum fortgesetzt wurde, bis sie an ihre Grenzen geriet. Mehr zu Heinrich dem Löwen in VI, 10 dieses Anhangs, in der einen Lübeckbesuch erfassenden Tagebuchnotiz zum 1. Mai 2008 296 Sergeij Eisenstein, "Alexander Newski", russischer Spielfilm von 1939. Darin kommt es zu einer Schlacht auf einem zugefrorenen See, dessen Eis unter dem Gewicht der in schweren weißen Rüstungen steckenden Ritter plötzlich bricht, wodurch die ganze Truppe versinkt. Ein grauenhaft stalinistisches Machwerk, das einige der spektakulärsten und unvergeßlichsten Szenen der Filmgeschichte beherbergt.

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nen, denn von all dem ist in der Vita höchstens hoch indirekt die Rede. - So einleuchtend unser Szenario auch sein mag, eigentlich haben wir nur festgestellt, dass Martin und Julian zugleich in Worms gewesen sein könnten, knapp zwei Jahre nach Amiens. Das ist nicht wenig. Andererseits ist das wirkliche Leben nur in den seltensten Fällen eine Rechenaufgabe, die man irgendwie löst, und dann sind alle zufrieden. Auch wenn - vielleicht gehörte jener Lupulius Lupercus, von dem ein Wormser Grabstein berichtet, er sei ein doctor artis calculaturae gewesen, ja zu diesen - manche das denken. Dazu gibt es zu viele Ungereimtheiten und von den Gesetzen des Zufalls geprägte Fehler. Um lebensnah zu sein, ist unsere Geschichte fast zu gefällig und platt. Gab es also weitere in Frage kommende Zeitpunkte? Auf der Kampagne jenes Jahres sicher nicht. Denn anschließend wurde (während Priscilla in Mailand einen hohen Beamten des Constantius heiratete) einfach weitermarschiert, vorbei an den Ruinen von Mainz und Bingen297 zunächst nach Koblenz, wo man die Mosel offenbar ohne Schwierigkeiten überquerte, um dann im menschenleeren Rheintal über Remagen nach Köln vorzudringen, von dem wir bereits wissen, dass es im Jahr zuvor wieder zerstört wurde. Und von dort ging Julian, indem er das Land der Treverer durchquerte, ins Winterlager nach Sens.298 -9Die Kampagne Julians im Jahr 357 In Sens wurde er (was das Ausmaß der derzeitigen römischen Unterlegenheit erneut vermittelt) den ganzen Winter von Germanen belagert. Unterdes er eine Lobrede auf Constantius Gattin, die gebildete Kaiserin

297 Bingium, seit etwa 10AD ein Römerkastell, zu dem Truppen aus meist Mainz abkommandiert wurden; gesichert präsent waren "cohors IV Dalmatarum", "cohors I Pannoniorum" und "cohors I Sagittariorum". 77 AD entstand einer hölzerne Nahe-Brücke; die bei den Alamanneneinfällen völlig zerstörte Zivilsiedlung erhielt 359 eine Festungsmauer, von der Ausonius in Mosella 1 berichtet 298 (Ammian 16, 3) 2. igitur Agrippinam ingressus non ante motus est exinde, quam Francorum regibus furore mitescente perterritis pacem firmaret rei publicae interim profuturam et urbem reciperet munitissimam. 3. quibus vincendi primitiis laetus per Treveros hiematurus apud Senonas oppidum tunc oportunum abscessit.

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Eusebia299, schrieb, deren Fürsprache er seinen Aufstieg verdankte300, und, nach Konflikten mit Marcellus, dem Chef der Reiterei, der ihm bei dieser Belagerung nicht zu Hilfe geeilt war, einen neuen Feldzugsplan entwarf.301 Auf Grund dessen Barbatio - unterdes Constantius am 29. Mai des nächsten Jahres (also 457) Rom verließ, um Illyrien und Pannonien gegen eingedrungene Sueben, Quaden und Sarmaten zu sichern (und sich Latona auf einer sumpfigen Insel im Rhein, wohin man sie verschleppt hatte, wie ein Kind freute, dass ihr nun 3-jähriger Sohn mit Holzstücken zu spielen anfing, weshalb sie glaubte, dass der Vater ein Holzhändler und nicht ein Holzkohlensklave war) - mit 25.000 Mann von Mailand über die Alpenpässe Richtung Basel marschierte, um eine mit Julian abgesprochene Zangenbewegung einzulei302 ten. Für die dieser, wie auf der letztjährigen Kampagne, über Reims nach Brumath vorstieß und, um diesen zu überqueren, dann zum Rhein. Der sich hier jedoch als kaum durchdringbares Sumpfgelände erwies, sodass Julian bloß etliche, verschlungen von Nebenarmen gebildete Rheininseln brandschatzen lassen konnte, auf die sich etliche Alamannen mit ihrem Beutegut zurückgezogen hatten: (Ammian 16, 11): 8 At that same time the savages who had established their homes on our side of the Rhine, were alarmed by the approach of our armies, and some of them skillfully blocked the roads (which are difficult and naturally of heavy grades) by barricades of felled trees of huge size; others, taking possession of the islands which are scattered in numbers along the course of the Rhine, with wild and mournful cries heaped insults upon the Romans and Caesar … 9 Finally, Julian, learning from the report of some scouts just captured, that now in the heat of summer the river could be forded, with words of encouragement sent the 299

In deren Zeit das Hofzeremoniell, das seit Diocletian immer pompöser wurde, "byzantinische" Ausmaße annahm, komplett mit entwickeltem Eunuchenwesen (Ammian 21,16), das die oströmischen Höfe fortan nachdrücklich prägte (Claudianus, In Eutropium). 300 Julian, or. 3; dass die Begegnung auch erotische Gefühle bei ihm auslöste, lässt sich seinem 6 Jahre später geschriebenen Misopogon entnehmen, worin er die Liebe eines Prinzen zur jungen Gattin seines königlichen Vaters, anhand des Falls der Stratonike (bei dem Seleucus I (358-281 BC) seinem Sohn Antiochus die Gemahlin - so gleichlautend Appian, Syr 59 ff.; Plutarch, Demetrius 38; Valerius Maximus, Facta et Dicta V; Lukian, de dea Syria 17 f. - schließlich aus freien Stücken zur Ehefrau gab), fast wie in einer Wunschvorstellung nachempfindet ( Julian, Misopogon 357 f.) 301 Ammian, 16, 4 302 Ammian, 16, 10 und 11; wobei Constantius einen mehrmonatigen Besuch Roms beendete, das er zum erstenmal sah. Bei der Darstellung dieses Besuchs gibt Ammian einen bemerkenswerte Rapport vom damaligen Aussehen der Stadt.

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light-armed auxiliaries with Bainobaudes, tribune of the Cornuti, to perform a memorable feat, if fortune would favour them; and they, now wading through the shallows, now swimming on their shields, which they put under them like canoes, came to a neighbouring island and landing there they butchered everyone they found, men and women alike, without distinction of age, like so many sheep. Then, finding some empty boats, they rowed on in these, unsteady as they were, and raided a large number of such places; and when they were sated with slaughter, loaded down with a wealth of booty (a part of which they lost through the force of the current) they all came back safe and sound. 10 And the rest of the Germans, on learning of this, abandoned the islands as an unsafe refuge and carried off into the interior their families, their grain, and their rude treasures.

Hier, direkt vor diesem (sonderbar an den Vietnamkrieg erinnernden) Unternehmen, also Anfang Juli 357, ist wohl ein weiterer Raum-Zeit-Punkt entdeckbar, der für uns Heutige eine Dienstverweigerung Martins plausibel macht: Worms liegt nicht fern, und es gab (während Latona und ihr Kind von ihrer neuen Sippschaft noch in Sicherheit gebracht werden konnten) ein kurzes Innehalten, in dem, angesichts einer unklar neuen Aktion, Platz für eine Revolte war. Doch auch hier ist weder eine Rede überliefert, noch ein Donativ. 303 Anschließend ließ Julian in relativer Ruhe Zabern befestigen , indes er ungeduldig auf den Vorstoß Barbatios wartete. Der aber bei der Rheinüberquerung in der Gegend Basels unerwartet in schwere Gefechte geriet. Während Germanen auf Lyon vorstießen und durch Kavallerie (unter leicht unglücklicher Mitwirkung des späteren Kaisers Valentinian304) grad noch 305 gestoppt werden konnten. Sodass Barbatio , ohne die geplante Zangenbe-

303 Tres Tabernae (englisch oft Saverne), knapp 20 km westlich Straßburgs, am Vogesenhang an der Straße nach Metz 304 Der deshalb mit einem zweiten beteiligten Offizier von Constantius seines Postens enthoben und "nach Hause" geschickt wurde: "and for that reason they were cashiered and returned to their homes in a private capacity" (Amm. 16, 11. 7). Später wurde er von Constantius reaktiviert. Unter Jovian, der nach Julians Tod Kaiser wurde, war er jedenfalls wieder Tribun. (Ammian 25, 10) 305 Der, 359, mit seiner Frau Assyria, geköpft wurde, weil man ihnen vorwarf, nach der Kaiserposition zu greifen - ausführlich dargestellt in Ammian (18, 3), wobei die "redselige und indiskrete" Assyria, die befürchtete, ihr Mann könne ein Verhältnis mit der Kaisergattin Eusebia haben, eine entscheidende Rolle spielt. Dass eine Ex-Sklavin des Silvanus, die Geheimschriften beherrschte, in ihrem Besitz war, deutet an, dass Barabatio große Teile vom Besitz des Silvanus überlassen wurden. Dass Eusebias Tod im nächsten Jahr mit dieser Affäre in Zusammenhang stand, scheint indes ausgeschlossen, da ein Gesetz vom 18. 1. 360 alle Mitglieder ihrer Familie von der Grundstückssteuer befreite. (Cod. Theod. 11, 1, 1).

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wegung zu vollenden, nun lieber mit dem Rückzug306 begann, um (wie die Jahre zuvor Constantius bei ähnlich erfolglosen Vorstößen) rechtzeitig über die Alpenpässe (etliche Truppen wohl auch im Wallis verteilend) wieder ins Winterlager nach Mailand zu gelangen. Was den strategischen Plan jenes Jahres vollkommen scheitern und Julian plötzlich extrem gefährdet aussehen ließ. Denn Mitte August 357 setzten die Germanen, nachdem sie bislang nur zurückgewichen waren, in vereinter Kraft selber über den Rhein - bei Ammian steht die Zahl 35 Tausend - und es kam bei Straßburg zu einer mühsam von den römischen Truppen gewonnenen Schlacht.307 Nach welcher Julian (wohl um zu beweisen, dass zumindest er in dieser Saison etwas vollbracht hatte) Richtung Mainz marschieren wollte, um dort doch noch selber über den Rhein zu gehen und den Alamannen wenigstens einen weiteren Schlag zu versetzen. - Und vor genau diesem Vorstoß, dem letzten jenes Jahres, also wieder nicht weit vom heutigen Worms, kam es tatsächlich zu einer, indes rasch unterdrückten Revolte, in welche die Martins sich einfügen ließe: (Ammian XVII, 1): 1. Hac rerum … ita conclusa Martius iuvenis Rheno post Argentoratensem pugnam otiose fluente securus, sollicitusque ne dirae volucres consumerent corpora peremptorum, sine discretione cunctos humari mandavit … ad Tres tabernas revertit. 2. unde cum captivis omnibus praedam Mediomatricos servandam ad reditum usque suum duci praecipit et petiturus ipse Mogontiacum, ut ponte conpacto transgressus in suis requireret barbaros, cum nullum reliquisset in nostris, refragante vetabatur exercitu: verum facundia iucunditateque sermonum allectum in voluntatem traduxerat suam. amor enim post documenta flagrantior sequi libenter hortatus est omnis operae conturmalem, auctoritate magnificum ducem, plus laboris indicere sibi quam militi, sicut perspicue contigit, adsuetum. 1 After this conclusion of the … events … the young warrior, with mind at ease, 306 Bei Ammian, den die Taten des Julian ungeheuer begeistern, als Mischung von Inkom-

petenz, Feigheit und hinterhältigen Intrigen gegenüber Julian dargestellt. Anderseits stand Barbatio wohl das Schicksal der Legionen des Varus vor Augen, denn 25 Tausend Mann im Winter in jenen ausgeplünderten Regionen zu ernähren, war gewiss kein Kinderspiel. 307 Die in Wirklichkeit wohl geringere Ausmaße hatte - die exakt verzeichneten römischen Verluste betrugen 243 Mann, darunter 4 Offiziere (Amm. 16, 12)

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since the Rhine flowed on peacefully after the battle of Strasburg, took care to keep birds of prey from devouring the bodies of the slain; and he gave orders that they should all be buried without distinction. Then … he returned to Saverne // Zabern, das er vorher befestigt hatte//. 2 From there he ordered the booty, with all the captives, to be taken to Metz and kept there until his return; he was himself planning to go to Mainz with the purpose of building a bridge, crossing the Rhine, and searching out the savages on their own ground, since he had left none of them in our territory; but he was opposed by the protests of the army. However, by his eloquence and the charm of his language he won them over and converted them to his will. For their affection, warmer after their experiences with him, prompted them to follow willingly one who was a fellow-soldier in every task, a leader brilliant in his prestige, and accustomed to prescribe more drudgery for himself than for a common soldier, as was clearly evident.

Möglich, dass dabei auch Geldzahlungen an die Soldaten flossen, zumal sie grad eine Schlacht gewannen, bei der Julian leicht hätte untergehen können. Oder dass von Geld zumindest die Rede war, indem Julian welches versprach. Es folgen die Vorgänge zwischen Mainz308 und Worms (ohne dass diesmal der Name fällt), bei denen Julian nach erfolgreichem Rheinübergang die dortigen Alamannen-Gebiete so ruiniert, dass die Germanen um Frieden bitten - im Endeffekt wichtiger, als der Sieg bei Straßburg, den Ammian, wie erwähnt, über mehrere Seiten sprachlich so spektakulär sich entfalten lässt, als sei es die Mutter aller Schlachten und Teil eines homerisches Geschehens309 gewesen. Erst nach Julians Tod im kommenden Perserkrieg wagten die Alamannen wieder Angriffe aufs römische Gallien. 308 Mainz; Mogontiacum, Legionslager der legio XXII Primigenia und Zivilstadt 309 Fast homerisch beginnt die Schilderung jedenfalls mit einer Aufzählung der Gegner, gleich sieben Alamannenkönigen: (Ammian XVI, 12.) 1. Quo dispalato foedo terrore Alamannorum reges Chonodomarius et Vestralpus, Vrius quin etiam et Vrsicinus cum Serapione et Suomario et Hortario in unum robore virium suarum omni collecto consedere prope urbem Argentoratum, extrema metuentem Caesarem arbitrati retrocessisse cum ille tum etiam perficiendi munimenti studio stringeretur. - 1  When this disgraceful panic had been spread abroad, the kings of the Alamanni, Chonodomarius and Vestralpus, as well as Urius and Ursicinus, together with Serapio and Suomarius and Hortarius, collected all the flower of their forces in one spot and having ordered the horns to sound the war-note, approached the city of Strasburg, thinking that Caesar had retired through fear of the worst, whereas he was even then busily employed in his project of completing the fort.

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Unmittelbar vor der letzten militärischen Unternehmung des Jahres 357 (anschließend bezieht Julian in Paris ein Winterlager310) wäre also ebenfalls ein recht plausibler Ort, an dem Martins Handeln (dessen Symbolwert heute bedeutungsvoller erscheint als der jeder von Julians Taten) mit dem historisch verbürgten des jungen Caesaren sich verknüpfen ließe. Auch in diesem Fall liegt Worms nicht fern, und dass es erst zweieinhalb Jahre nach Amiens geschah (also gut 2 Jahre später, und nicht311, wie von Sulpicius berichtet, knapp 2), ließe sich auf das Konto eines banalen Rundungsfehlers buchen. *** Dabei wird die Revolte Martins, für die wir nun zwei recht plausible Datierungen haben (obwohl wir weiterhin nicht die Spur wissen, ob sie je stattfand), vielleicht verständlicher - und dass sie überhaupt ins Zentrum gestellt wurde, ist ja das eigentliche Rätsel jenes Heiligen-Berichts -, wenn man bedenkt, dass er mit nun grad 21 bereits 5 aufeinanderfolgende Herrscher erlebt hatte, die dem jeweils vorherigen mit durchschlagendem Erfolg nach dem Leben trachteten. Dass er unter Constans (in einer katholischen Region) aufgewachsen war, der vom militanten Magnentius umgebracht wurde, der Martin mit 15 zum Militärdienst presste, um dann großspurigst gegen (den arianischen) Constantius unterzugehen. Zu dem man, wollte man überleben, überzulaufen hatte, wonach er einen unter den Befehl eines Generals namens Silvanus stellte, der sich in Köln zum Usurpator aufschwang, um nach einem Monat erschlagen zu werden. Wobei Martins väterlicher 312 Freund wegen seines geteilten Christentums eventuell mitverwickelt war, als einer der hingerichteten Tribunen. Und nun war ein jünglingshafter Julian gefolgt, der - von antiken Mythen ebenso verwirrt wie später Don Quijote von Ritterromanen - offenbar Julius Caesar + Alexander spielen wollte. 310 (Ammian XVII, 2) 311 Wobei das "fere" in per biennium fere ohnehin oft mit "ungefähr" oder "in etwa" übersetzt

werden muss. Die präziseste deutsche Entsprechung wäre vielleicht: "an die zwei Jahre", das interessanterweise (fast in Form einer quantenmechanischen Überlagerung) sowohl ein "weniger als 2" als auch ein "etwa 2" beinhaltet. 312 Der Tribun, der das Zelt mit ihm teilte (Vita M. 3). Dieser könnte, lässt man das Panzerreiter-Szenario mit dem zu Constantius übergelaufenen Silvanus weiter gelten, einer gewesen sein, mit dem Martin seit der Rekrutierung im Frühsommer 351 zusammen war. Und der, nach der Beförderung des Silvanus zum kommandierenden General des Kölner Vorstoßes, von diesem 354 zum Tribunen befördert wurde, während Martin wegen seiner Jugend einfacher Soldat blieb.

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Dazu die maßlosen Strapazen der letztjährigen Feldzüge durch verwüstete Gegenden und Einöden, in denen die Zivilbevölkerung herumgeisternd am Verhungern war, das Gemetzel zuvor an den Rheininseln (oder im Fall unserer ersten Datierung: die Gefechte zwischen Reims und Brumath), die mühsam grad gewonnene Schlacht -: Selbst ohne Amiens-ErweckungsErlebnis kann das (nicht nur grad 21-Jährige) zu unorthodoxen, wenn nicht auto-destruktiven Gesten und Handlungsweisen verleiten, bei denen - genug ist genug - einem alles egal ist. Kurz vor dem Kriegsende 1945 hatte ein junger Soldat jedenfalls kaum mehr zu verkraften. - 10 Ein Wunder Kehren wir also wieder zurück, zu einem, ja … … Septembertag vor leider bloß weiterem Schlachten - denn dass die Feinde, wie durch ein Wunder, auch in der Wirklichkeit dann zurückwichen, lässt sich der - indes mit einer Fülle interessanter Details gespickten - Schilderung der folgenden Mainzer Rheinüberquerung des Septembers 357 wohl kaum entnehmen: (Ammian XVII, 1): 2. … For their affection, warmer after their experiences with

him, prompted them to follow willingly one who was a fellow-soldier in every task, a leader brilliant in his prestige, and accustomed to prescribe more drudgery for himself than for a common soldier, as was clearly evident. And as soon as they came to the place above mentioned, crossing the river on the bridges which they made, they possessed themselves of the enemy‘s country. 3 … the savages … sent envoys with set speeches, to declare the harmonious validity of the treaties with them; but for some unknown design that they suddenly formed they changed their minds, and … threatened our men with most bitter warfare, unless they should withdraw from their territory. 4 On learning this from a sure source, Caesar at the first quiet of nightfall embarked eight hundred soldiers on small, swift boats, so that they might go up the Rhine for a distance of twenty stadia, disembark, and with fire and sword lay waste whatever they could find. 5 This arrangement thus made, at the very break of day the savages were seen drawn up along the hill-tops, and the soldiers in high spirits were led up to the higher ground … and then great columns of smoke were seen at a distance, revealing that our men had burst in and were devastating the

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enemy‘s territory. 6 This action broke the Germans‘ spirit, and abandoning the ambuscades which they had laid for our men in narrow and dangerous places, they fled 313 across the river, Menus by name, to bear aid to their kinsfolk. 7 For, as is apt to happen in times of doubt and confusion, they were panic-stricken by the raid of our cavalry on the one side, and on the other by the sudden onset of our infantry, who had rowed up the river in their boats; and with their knowledge of the ground they had quick recourse to flight. Upon their departure our soldiers marched on undisturbed and plundered farms rich in cattle and crops, sparing none; and having dragged out the captives, they set fire to and burned down all the houses, which were built quite carefully in Roman fashion.314 8 After having advanced approximately ten miles, they came to a forest formidable with its forbidding shade … 9 Yet they all ventured to draw near with the greatest confidence, but found the paths heaped with felled oak and ash-trees and a great quantity of fir. And so they warily retreated, their minds hardly containing their indignation, as they realised that they could not advance farther except by long and difficult detours. 10 And since the rigorous climate was trying to them and they struggled in vain with extreme difficul315 ties (for the autumnal equinox had passed , and in those regions the fallen snows covered mountains and plains alike) they took in hand a memorable piece of work. 11 And while there was no one to withstand them, with eager haste they repaired a fortress which Trajan had built in the territory of the Alamanni and wished to be called by his name, and which had of late been very forcibly assaulted. There a temporary garrison was established and provisions were brought thither from the heart of the savages‘ country. 12 When the enemy saw these preparations rapidly made for their destruction, they quickly assembled, dreading the completion of the work, and with prayers and extreme abasement sent envoys and sued for peace. And Caesar granted this for the space of ten months…

In der Tat: kein Ansatz von einem (wenn man von dem allergrößten, das sich in dieser Zeit überhaupt ereignet hat, einmal absieht, denn im Rahmen dieser 313 der Main 314 sehr eigentümliche Passage … Reste einer zuzeiten Julians bereits vergessenen römischen

Siedlung? oder tatsächlich eigene germanische Zivilisationsansätze? 315 Es war also nach dem 21. September 357, mit Schnee plötzlich sowohl auf den Bergen als in der Ebene, als Julian sich auf diesem Unternehmen (das, trauen wir den vagen geographischen Angaben, an Main und Taunus stattfand - bis hin vielleicht zum Limes, wo sich die erwähnte trajanische Befestigung befunden haben könnte -, mit zusätzlich einer Zangenbewegung 20 Stadien Richtung Worms) zur Umkehr entschloss. Wobei auf dem Rückmarsch noch auf einen Frankeneinfall an der Maas zu reagieren war, der in einer 54-tägigen bis Januar sich streckenden Belagerung endete, bevor Julian sich ins Pariser Winterlager begeben konnte. Insofern käme als Datum von Martins Revolte Anfang September in Frage.

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Aktion wurden Latona und ihr Sohn befreit, die von ihrer neuen Sippschaft, die meinte, ihr Sohn sei ein Abkömmling des - nun gefangenen - Königs Chonodomarius316, in die Maingegend in Sicherheit gebracht worden war, wodurch sie dem Massaker auf den Rheininseln entging) Wunder. Stattdessen nur ein beschwerlich werdendes Vordringen, das, von Kälte gestoppt, irgendwann an Grenzen stieß und mit einem, gemessen am Anspruch der im vorigen Winter ausgeheckten Strategie, faulen Kompromiss beendet werden musste, den als Erfolg zu verkaufen, nicht leicht war. * Auch dass, um die Soldaten wieder für sich zu gewinnen, Julian ein Donativ austeilen ließ, ist aus Ammian bislang nicht ableitbar, im Gegenteil: im nächsten Jahr (358) kommt es (nachdem Priscilla in Mailand eine Tochter bekam und dem Ich-Erzähler von seiner Gattin, die es in einer furchtbaren Odyssee von Metz nach Pannonien verschlagen hatte, bereits ein zweiter Sohn beschert wurde) vor einer erneuten Rheinüberquerung zu einer weit gefährlicheren Meuterei, einem tumultus, bei dem ausdrücklich erwähnt wird, dass die Soldaten jahrelang weder Sold noch Donative erhielten: Hier die Worte Ammians (die zugleich einen Einblick in antike Militärlogistik bieten, der bewusst war, wie leicht ein Heer in verwüstetem Terrain bei unkluger Führung zugrunde geht): (Ammian XVII, 9): 1 So … he made haste with watchful solicitude to put the wellbeing of the provinces in every way on a firm footing; and he planned to repair (as time would permit) three forts situated in a straight line along the banks overhanging the river Meuse … they were immediately restored, the campaign being interrupted for a short time. 2 And to the end that speed might make his wise policy safe, he took a part of the seventeen days‘ provisions, which the soldiers, when they marched forward on their expedition carried about their necks, and stored it in those same forts, hoping that what had been deducted might be replaced from the harvests of the Chamavi. 3 But it turned out far otherwise; for the crops were not yet even ripe, and the soldiers, after using up what they carried, could find no food anywhere; and resorting to outrageous threats, they assailed Julian with foul names and opprobrious language, calling him an Asiatic, a Greekling and a deceiver, and a fool with a show of wisdom. And as some are usually to be found among the soldiers who are noteworthy for their volubility, they kept bawling out such words as 316 Der dann in Rom sang- und klanglos starb

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these and many others to the same purport: 4 „Where are we being dragged, robbed of the hope of a better lot? We have long endured hardships of the bitterest kind to bear, in the midst of snows and the pinch of cruel frosts; but now (Oh shameful indignity!), when we are pressing on to the final destruction of the enemy it is by hunger, the most despicable form of death, that we are wasting away. 5 And let no man imagine us incitors to mutiny; we protest that we are speaking for our lives alone, asking for neither gold nor silver, which we have not been able to handle or even look upon for a long time, and which are denied us just as if it were against our country that we had been convicted of having undertaken so much toil and danger.“ 6 And they had good reason for their complaints. For through all their career of laudable achievements, and the critical moments of hazard, the soldiers, though worn out by their labours in Gaul, had received neither donative nor pay from the very day that Julian was sent there, for the reason that he himself had no funds available from which to give, nor did Constantius allow any to be expended in the usual manner. 7 And it was evident that this was done through malice rather than through niggardliness, from the fact that when this same Julian was asked by a common soldier, as they often do, for money for a shave, and had given him some small coin, he was assailed for it with slanderous speeches by Gaudentius, who was then a secretary. He had remained in Gaul for a long time to watch Julian‘s actions, and Caesar afterwards ordered that he be put to death, as will be shown in the proper place.

Das als historischer Hintergrund, der deutlich macht, dass es öfter zu Soldatenprotesten kam oder (wie gleich zu sehen) zu defätistischem Verhalten sogar hoher Offiziere, die zu beherrschen zum Handwerk des Heerführers gehörte, in einer spezifischen Mischung von Fürsorglichkeit und brutalster Härte. Denn nun geschah etwas, das tatsächlich den Charakter des, wenn man so will, zumindest: Wunder-Ähnlichen hat, exakt nach jener Hungerrevolte des Sommers 358. Da heißt es anlässlich der neuen Rheinüberquerung (jetzt also der zweiten), die wieder in alamannische Gebiete führte (also nach irgendwohin zwischen Mainz und Basel): (Ammian 17, 10): 1 At length, after the mutiny had been quelled, not without various sorts of fair words, they built a pontoon bridge and crossed the Rhine; but when they set foot in the lands of the Alamanni, Severus, master of the horse, who had previously been a warlike and energetic officer, suddenly lost heart. 2 And he that had often encouraged one and all to brave deeds, now advised against fighting and seemed despicable and timid perhaps through fear of his coming death, contrary to his usual custom, he … marched so lazily that he intimidated the guides,

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who were leading the way rapidly, and threatened them with death unless they would all agree, and unanimously make a statement, that they were wholly ignorant of the region. So they, being thus forbidden, and in fear of his authority, on no occasion went ahead after that.

Und, direkt folgend, kommt es dann tatsächlich zu dem avisierten Wunder, durch das defätistisches Verhalten einen Sieg errang: 3 Now in the midst of these delays Suomarius317, king of the Alamanni, of his own initiative met the Romans unexpectedly with his troops, and although he had previously been haughty and cruelly bent upon harming the Romans, at that time on the contrary he thought it an unlooked-for gain if he were allowed to keep what belonged to him. And inasmuch as his looks and his gait showed him to be a suppliant, he was received and told to be of good cheer and set his mind at rest; whereupon he completely abandoned his own independence and begged for peace on bended knee. 4 And he obtained it, with pardon for all that was past, on these terms: that he should deliver up his Roman captives and supply the soldiers with food as often as it should be needed, receiving security for what he brought in just like any ordinary contractor.

Anschließend unterwirft Julian noch weitere Alamannen und Ammian (Amm. XVII,11. 2) schließt: And after this conclusion of events the soldiers were distributed among their usual posts and Caesar returned to winter quarters. Man kann diese Ereigniskette insofern tatsächlich als Vorgang sehen, der sich in Martins Revolte in Form eines abstrakten Konzentrats niederschlägt. Es gab (real von mehreren Charakteren empfunden und dargestellt, Jahre später aber durch Martin, wie man es ja beim Erzählen gelegentlich tut, als Individualleistung komprimiert): 1.) Gemurre über den ausstehenden Sold, das sich wegen des Hungers entlädt und zu offenem Widerspruch führt, dann ist (in der Barbieranekdote) 2.) von ausgeteiltem Geld die Rede (ein 317 Da jener Suomarius in der Liste der Könige auftaucht, die bei Straßburg kämpften, ist anzunehmen, dass es auch diesmal zwischen Mainz und Basel über den Rhein ging. Wobei Basel erwähnt worden wäre, und Mainz nicht in Frage kommt, da von dort die letztjährige Kampagne ausging, die an den Main und ins Taunusgebirge bis zu einem Kastell Trajans führte. Und da auch Straßburg gewiss erwähnt worden wäre, kann diesmal mit hoher Wahrscheinlichkeit von -- Worms ausgegangen werden, mit einer Kampagne, die (da man Führer benötigte) wohl den Odenwald im Auge hatte.

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Betrag, der nur einem Bettler genügt), und nach dem Protest duckt man sich 3.) dann mürrisch und brütet, wie man das Ganze - immer bereiter zur offenen Rebellion - jetzt noch mit Anstand beenden kann, und 4.) schließlich das glückliche Ende. - Insofern hat sich im Sommer 358 dort am Rhein (irgendwo zwischen Mainz und Basel, insofern womöglich gegenüber von Worms) in der Tat ein Wunder ereignet, dessen Agent das Verhalten eines gewissen Severus gewesen ist, ein master of the horse, magister equitum, ein Herr der Pferde also, der zuvor ein wackerer Soldat war, aber plötzlich Depressionen bekam: (Ammian XVII, 10): 1. Lenito tandem tumultu non sine blanditiarum genere vario contextoque navali ponte Rheno transito terris Alamannorum calcatis Severus magister equitum bellicosus ante haec et industrius repente conmarcuit. 2. et qui saepe universos ad fortiter faciendum hortabatur et singulos, tunc dissuasor pugnandi contemptus videbatur et timidus mortem fortasse metuens adventantem… Severus, master of the horse, who had previously been a warlike and energetic officer, suddenly lost heart.

Hätten wir nicht Martin als (in diesem Jahr mittlerweile 22-jähriges) kleines Licht verortet, und nicht als tatkräftigen von jedermann geachteten Reiter-Offizier, wäre auch jener Severus ein recht guter Kandidat für unseren Bischof aus Tours. Haben wir uns also geirrt? Ist der historische Martin doch nicht um 335 / 336 geboren? Verfolgen wir doch den Lebenslauf dieses Offiziers etwas genauer, denn, wie es irgendein Geschick aus irgendeinem Grund offenbar will, erscheint jener Severus bei Ammian nicht nur in dieser Szene. - 11 Schicksal eines Reitergenerals namens Severus Erstmals zu Beginn des Jahres 357 erwähnt, taucht er bei Ammian an insgesamt 5 Stellen auf: 1.) von Constantius geschickt, ersetzt Severus den Reitergeneral Marcellus, über dessen Inkompetenz sich Julian beklagt hatte, nach dem 306

Belagerungswinter von Sens, ein Offizier von ausgewiesener Tüchtigkeit, der eventuell sogar den Feldzugplan jenes Jahres, der, wie in Kapitel 9 skizziert, eine mit Barbatio koordinierte Zangenbewegung vorsah, mitgebracht hatte318: (Ammian 16, 10): 20 Now the emperor desired to remain longer in this most majestic abode of all the world, to enjoy freer repose and pleasure, but he was alarmed by constant trustworthy reports, stating that the Suebi were raiding Raetia and the Quadi Valeria, while the Sarmatians, a tribe most accomplished in brigandage, were laying waste Upper Moesia and Lower Pannonia. Excited by this news, on the thirtieth day after entering Rome he left the city on May 29th, and marched rapidly into Illyricum by way of Tridentum. 21 From there he sent Severus, a general toughened by long military experience, to succeed Marcellus, and ordered Ursicinus to come to him.

21. unde misso in locum Marcelli Severo bellorum usu et maturitate firmato Vrsicinum ad se venire praecepit. Das heißt jener Severus ist definitiv bereits durch Militärerfahrung gestählt, und wird, da er Marcellus zu ersetzen hat, kaum unter dreißig sein, sondern eher im damaligen Alter Valentinians (geb. 321), der bei Ammian kurz danach (im Jahr 357 also bereits 36) als Reitertribun eingeführt wird. 2.) kurz vor der Strafexpedition gegen die Rheininseln (vor der Latona von ihrer Sippschaft in die Maingegend in Sicherheit gebracht wurde) ist Severus wieder in Reims, weil die Erzählung Ammians nach etlichen Exkursen (also noch immer im Jahr 357) erneut in Sens ansetzt, wobei Severus die Armee nun sogar zu kommandieren scheint (exercitum regebat) und betont wird, dass er ein außerordentlich bewährter Soldat sei, der seinem Führer gehorsam folge: (Ammian 16, 11): 1 But Julianus Caesar, after having passed a troubled winter at Sens, in the year when the emperor was consul for the ninth time and he for the second, with threats from the Germans thundering on every side, stirred by favourable omens hastened to Rheims. He felt the greater eagerness and pleasure because 318 Was Ammian verschwiegen haben mochte, weil Julian der strahlende Held seiner "Geschichte" ist, und er Constantius, gegen den Julian später rebellieren wird, möglichst wenig militärischen Verstand zubilligen will

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Severus was commanding the army, a man neither insubordinate nor overbearing but well known for his long excellent record in the army, who had followed Julian as he advanced straight ahead, as an obedient soldier follows his general.

1. At Caesar exacta apud Senonas hieme turbulenta, Augusto novies seque iterum consulibus Germanicis undique circumfrementibus minis, secundis ominibus motus Remos properavit alacrior magisque laetus, quod exercitum regebat Severus nec discors nec adrogans, sed longa militiae frugalitate conpertus et eum recta praeeuntem secuturus ut ductorem morigerus miles. 3.) bei der Schlacht von Straßburg spielt er, als Kommandant des linken Flügels, im entscheidenden Moment jedoch eine zu passive Rolle, was Julian durch einen riskant langen Ritt quer durch das Schlachtgeschehen grade noch ausbügeln kann: (Ammian 16, 12) 27 And now as the trumpets blared ominously, Severus, the Roman general in command of the left wing, on coming near the trenches filled with soldiers, from which it had been arranged that the men in concealment should rise up suddenly and throw everything into confusion, halted fearlessly, and being somewhat suspicious of ambuscades, made no attempt either to draw back or to go further. 28 On seeing this, Caesar, who was courageous in the face of the greatest dangers, surrounded himself with an escort of two hundred horsemen, as the violence of this affair demanded, and with word and action urged the lines of infantry 319 to deploy with swift speed.

27. Iamque torvum concrepantibus tubis Severus dux Romanorum aciem dirigens laevam cum prope fossas armatorum refertas venisset, unde dispositum erat ut abditi repente exorti cuncta turbarent, stetit inpavidus suspectiorque de obscuris nec referre gradum nec ulterius ire temptavit. -- also war er in dieser Schlacht präsent, und insofern auch bei der direkt sich anschließenden Meuterei kurz vor Worms 4.) zu Winterbeginn noch 357 taucht er erneut auf, direkt nach Julians Expedition über den Rhein bei Mainz und Worms, wobei Severus 319

Eine Szene die, die wie bereits angedeutet, über lange Strecken direkt aus Plutarchs (und Appians) Schilderung der Schlacht von Chaironea (86 BC) entnommen ist (inclusive der Trompeten), mit Julian exakt in der Rolle Sullas, und Severus in der des seinerzeit, ebenfalls plötzlich zögernd, den linken Flügel kommandierenden Murena (Appian, Mith. 42 f.; Plutarch, Sulla 16 ff.)

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(während sich die gerettete Latona mit einem angesichts der Verhältnisse melancholisch gewordenen antiochischen Händler, der hier eigentlich Sklaven erwerben wollte, nach Mailand durchschlug, denn mehr als die Freiheit hatte Julian nicht zu bieten) auf dem Rückweg ins Winterlager mit der Reiterei offenbar ein Umweg über Köln und Jülich auferlegt wurde, um auch diese Gegend - was, wie sich zeigen würde, dringend nötig war, weil dort inzwischen plündernde Franken herumstreiften - ein wenig sicherer zu machen: (Ammian 17, 2) 1 Matters thus being firmly settled, so far as circumstances would permit, he returned to winter quarters and found the following sequel to his exertions. Severus, master of the horse, while on his way to Rheims by way of Cologne and Juliers, fell in with some very strong companies of Franks, to the number (as appeared later) of six hundred light-armed skirmishers, who were plundering the districts unprotected by garrisons; the favourable opportunity that had roused their boldness to the point of action was this, that they thought that while Caesar was busily employed among the retreats of the Alamanni, and there was no one to prevent them, they could load themselves with a wealth of booty.

Remos Severus magister equitum per Agrippinam petens et Iuliacum Francorum validissimos cuneos in sexcentis velitibus, ut postea claruit, vacua praesidiis loca vastantes offendit: hac opportunitate in scelus audaciam erigente, quod Caesare in Alamannorum secessibus occupato nulloque vetante expleri se posse praedarum opimitate sunt arbitrati. 5.) dann im Frühsommer 358, bei einem Gefecht mit wieder den Franken, erscheint er (also nachdem Priscilla in Mailand eine Tochter bekommen hatte und dem Ich-Erzählers eine zweiter Sohn beschert wurde) erneut, wobei man zuvor einen hochinteressanten Einblick in die prekäre Versorgungslage von Julians Truppen erhält, die - auch die Alamannen scheinen noch nicht wirklich befriedet zu sein - auf Nachschub aus Aquitanien angewiesen sind: (Ammian 18, 8) 1 Now Caesar, while wintering in Paris, hastened with the greatest diligence to forestall the Alamanni, who were not yet assembled in one

body, but were all venturesome and cruel to the point of madness after the battle of Strasburg; and while waiting for the month of July, when the campaigns in Gaul begin, he was for a long time in much anxiety. For he could not leave until the grain supply was brought up from Aquitania during the mild summer season, and after the breaking up of the cold weather and frost. 2 But as careful planning is victorious

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over nearly all difficulties, he turned over in his mind many various possibilities; and this at last he found to be the only one, namely, without waiting for the height of the season, to fall upon the savages before he was looked for. And having settled on his plan, he had the grain allowance for twenty days taken from what was to be consumed in the winter quarters, and baked up to serve for some time; he put this hard-tack (as they commonly call it) on the backs of his willing soldiers, and relying on this supply he set out under favourable auspices (as he did before), thinking that within the fifth or sixth month two urgent and inevitable campaigns might be brought to completion. 3 After these preparations he first of all aimed at the Franks … But when he had reached Tongres, a deputation ... met him, expecting to find the commander even then in winter quarters; and they offered peace on these terms, that while they remained quiet, as in their own territories, no one should attack or molest them. After having fully discussed the matter and proposed in reply some puzzling conditions, as if intending to remain in the same district until they returned, he gave these envoys gifts and dismissed them. 4 But quicker than a flash he followed them up after their departure, and sending his general Severus along the river bank, fell upon the whole troop suddenly and smote them like a thunderstorm; at once they took to entreaties rather than to resistance, and he turned the outcome of his victory into the timely direction of mercy by receiving them in surrender with their property and their children.

4. dictoque citius secutus profectos Severo duce misso per ripam subito cunctos adgressus tamquam fulminis turbo perculsit iamque precantes potius quam resistentes in oportunam clementiae partem effectu victoriae flexo dedentes se cum opibus liberisque suscepit. hier ist er also noch ein äußerst fähiger Kommandant, der über die Franken urplötzlich wie ein Gewitter kommt. 6.) dann, einen Monat später, also ebenfalls noch 358, kommt es (während Latona in Mailand erfährt, dass ihr Mann in Arles hingerichtet wurde und das Vermögen ihres Vater nach dessen Tod konfisziert, wonach sie versucht, bei alten Bekannten unterzukommen, die ihr aber wegen ihrer Vergangenheit die kühle Schulter zeigen und sie wie eine Bettlerin behandeln) zur bereits besprochenen Hunger-Revolte (tumultum) und beim anschließenden Rheinübergang von wieder Worms auch zur erwähnten Depression mit elaborierten 310

Todesahnungen, in die sogar der Donner und Blitz der vorigen Szene hochelegant integriert werden: (Ammian XVII, 10) 1 At length, after the mutiny had been quelled, not without various sorts of fair words, they built a pontoon bridge and crossed the Rhine; but when they set foot in the lands of the Alamanni, Severus, master of the horse, who had previously been a warlike and energetic officer, suddenly lost heart - perhaps through fear of his coming death, as we read in the books of Tages or of Vegoe that those who are shortly to be struck by lightning are so dulled in their senses that they can hear neither thunder nor any louder crashes whatsoever.

1. Lenito tandem tumultu non sine blanditiarum genere vario contextoque navali ponte Rheno transito terris Alamannorum calcatis Severus magister equitum bellicosus ante haec et industrius repente conmarcuit. Wobei Ammians Abschluss des 358-ger Feldzuges (Amm XVII,11. 2) After this conclusion of events the soldiers were distributed among their usual posts and Caesar returned to winter quarters.

Quibus hoc modo peractis, disperso par stationes milite consuetas, ad hiberna regressus est Caesar. plausibel erscheinen lässt, dass jener Severus im Winter noch ein unwichtiges Kommando, vielleicht zur Flankendeckung in Köln, behielt. 7.) dann, bei der Kampagne von 359, vor welcher man die Getreideversorgung durch Schiffstransporte aus Britannien sichert und sieben Rhein320 festungen instand setzt , vermeldet Ammian kurz, dass Severus einen Nachfolger habe, um dann von der dritten Rheinüberquerung Julians (wieder bei Mainz) zu berichten, bei der es (nachdem Constantius Beamte Latona 4000 Sesterzen als Entschädigung für ihr Leiden gaben, und sie Priscilla, die sie zufällig im Winter traf, sanft erpresste, indem sie versprach, aus Mailand zu verschwinden, wenn ihre alte Freundin zwanzig, dreißig Goldstückchen draufpacken würde, denn sie wolle ein neues Leben beginnen) zu heftigen Kämpfen kommt: 320 Castra Herculis, Quadriburgium, Tricensima and Novesium, Bonna, Antennacum and Vingo (Amm. 18, 2. 4)

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(Ammian 18, 2) 7. Quae dum diligenti maturantur effectu, Hariobaudes exploratis omnibus rediit docuitque conperta. post cuius adventum incitatis viribus omnes venere Mogontiacum, ubi Florentio et Lupicino, Severi successore, destinate certantibus per pontem illic constitutum transiri debere, renitebatur firmissime Caesar adserens pacatorum terras non debere calcari ne, ut saepe contigit, per incivilitatem militis occurrentia vastitantis abrupte foedera frangerentur. 7 While these works were being pushed on with diligence and success, Hariobaudes returned after examining into everything, and reported what he had learned. After his arrival all came at top speed to Mayence; and there, when Florentius and Lupicinus (successor to Severus) strongly insisted that they ought to build a bridge at that place and cross the river, Caesar stoutly opposed, declaring that they ought not to set foot in the lands of those who had submitted, for fear that (as often happens) through the rudeness of the soldiers, destroying everything in their way, the treaties might be abruptly broken. -- 8 However … 9 Therefore … 10 This step the enemy observed with the greatest care, slowly marching along the opposite bank … 11 Our soldiers, however … 12 And having been brought together when night was well advanced, all were embarked whom forty scouting boats (as many as were available at the time) would hold, and ordered to go down stream so quietly that they were even to keep their oars lifted for fear that the sound of the waters might arouse the savages; and while the enemy were watching our campfires, the soldiers were ordered with nimbleness of mind and body to force the opposite bank …

usw usw… die dritte Rheinüberquerung ist also geschafft, bleibt nur noch ins Winterlager nach Paris zu ziehen, wo ihn seine Truppen im Februar oder März 360 zum Augustus ausrufen, woraufhin er sich in den Orient aufmacht, um Constantius zu besiegen, der sich dort mit den Persern her321 umschlägt und nach dem Tod der überaus schönen Eusebia gerade neu geheiratet hat, usw usw. Von jenem Severus ist jedenfalls nichts mehr zu vernehmen... 321

Die, um Kinder zu kriegen, sich sogar gewisser "zudringlicher Dienstleistungen“ (importuna ministeria) bedient haben soll, die ihr der Umgang mit zwei Hofdamen, Adamantia und Gorgonia, verschaffte (Victor, Epit. 42, 19–20), deren Namen die Kaiserin in ein schlechtes Licht rücken: Adamantis war ein Zauberkraut, Gorgonia erinnert an die schreckliche Gorgo. Sodass sich Eusebia, inmitten einer von Eunuchen dominierten Hofszenerie, in ihrem verzweifelt werdenden Kinderwunsch darüber hinaus 359 vielleicht sogar mit einem (siehe Fußnote Nr. 305) wie dem unfähigen Barbatio einließ

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wobei man wohl annehmen muss, dass jene zunächst obskur lyrisch anmutende Passage, er habe sich verhalten, als ahne er den baldigen Tod, von der Wirklichkeit eingeholt wurde. Severus scheint gefallen zu sein. Oder hat er sich aus dem Staub gemacht? Um einen ordentlichen Abschied wird es sich kaum gehandelt haben, dann wäre die Erwähnung von Todesahnungen lächerlich. Wenigstens bei einem anständigen römischen Historiker, für den das richtige Setzen der Omen bekanntlich zum elementarsten Handwerk gehört. Hätten wir nicht Martin als in diesem Jahr mittlerweile 22-Jährigen verortet, wäre auch jener Severus ein recht brauchbarer Bischofskandidat für Tours gewesen - jedenfalls wenn er, anders als unser jetziger Favorit, etwa 316 geboren wäre (ganz wie es die Lexika - oder Gregor von Tours - von Martin berichten). Und, noch unter Kaiser Konstantin, auf Drängen des Vaters, eine Kavallerielaufbahn eingeschlagen hätte. Einer, der kurz nach der Rheinüberquerung 358 gegenüber Julian halböffentlich revoltierte und dann, vielleicht in Köln, aus dem Militärdienst desertierte. Einer, dem diese Entscheidung nicht leicht fiel, denn - man bedenke, dass auch der spätere Kaiser Valentinian auf diesen Kampagnen als Reiteroffizier tätig war - er hatte perfekte Karriereaussichten. Aber vielleicht hatte ihm, angesichts all des gallischen Elends, ja der apollonische Charakter Julians den Rest gegeben, der unbedingt Julius Caesar übertreffen wollte, indem er drei, und nicht bloß zweimal den Rhein überquerte. Und wie ein junger Gott daherkam. Dass er zwei oder drei Jahre davor, um auf die von Sulpicius behauptete Ereignis-Sequenz zurück zu kommen, mit einem kleineren Reitertrupp in irgendeiner Mission auch ins hungernde Amiens kam (wo er in einem sonderbaren Moment seinen Mantel teilte) würde diesem Szenario nicht unbedingt widersprechen. Wobei sein Desertieren, so gut es ging, von Julian dann vertuscht wurde. Schon um keine Nachahmer zu schaffen. Doch, wie gesagt, mit einem 22-jährigen Martin fühlt man sich als aufmerksamer Leser des Sulpicius wohl widerspruchsfreier bedient.

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- 12 Entlassung aus der Armee Warum wurde Martin nicht gleich hingerichtet? Von Victricius, dem Bischofskollegen Martins aus Rouen, der ebenfalls um seine Entlassung aus dem Militär gebeten haben soll, heißt es, er sei nur mit dem Leben davongekommen, weil sein Henker plötzlich erblindete.322 Schwere Frage also, wobei ich die philologische Erörterung lieber den „Sources Chrêtiennes“ überlasse. Vielleicht war, wie skizziert, Julian einfach zu perplex. Und wollte noch als gnädiger Herrscher gelten. Und nach diesen Kämpfen in verwüstetem Terrain, in dem er isoliert war, erst im letzten Moment zum Standard-Repertoire greifen, das man bei Revolten anzuwenden hat. Aus den Erfahrungen, die uns Deutschen das Jahr 1945 bescherte, würde ich sagen, Martin hat ziemlichen Dusel gehabt, dass er erst mal, vielleicht auf Grund seiner Jugend, auf jenem Rhein-Marsch (oder in Tres Tabernae) nur unter Arrest gestellt wurde. Aus dem er sich - Wunder hin, Wunder her - per glücklicher Flucht hatte retten können. In diesem Fall handelt es sich sei323 tens Martins klar um Desertion. Denn dass er nach solcher seinen Caesar unter Kriegsbedingungen erniedrigenden Revolte mit ein paar netten Worten den Abschied erhielt - und dazu ein paar Münzen, wie sie Julian einem seiner Soldaten schenkte, damit dieser zum Barbier gehen konnte -, kann er seiner Oma erzählen. Wobei der erwähnte Zeltkamerad ihm, wie gesagt, von Hilarius berichtet haben mochte, sodass er, ratlos wohin er sich wenden sollte, nun, quer durch Gallien irrend, nach Poitiers ging, wo man - ganz wie manche, die im Vietnamkrieg 322

Dargestellt in zwei Briefen des Paulinus an jenen Victricius (circa 340 -circa 407), dessen Leben ohnehin Ähnlichkeiten zu dem Martins hat: Wie Martin wurde Vitricius sehr jung Soldat (mit 17) und später Christ; als er das Militär deshalb verlassen wollte, wurde er zum Tode verurteilt, aber, wie oben gesagt, durch ein "Wunder" befreit, weil der Henker plötzlich erblindete; 380/390 Bischof von Rouen. Missionierung der Umgebung und des französischen Nordens bis Flandern; erhielt ebenfalls "brandea" mit Reliquien von Protasius und Gervasius, wobei er Paulinus und Martin in Vienne traf. 396 in Britannien; Ende 403 in Rom, wonach ihm Innozenz I. ein Dekret mit KirchenVorschriften zuschickte; seine einzige erhaltene Schrift "De laude sanctorum" preist die Kraft von Reliquien; muss vor 409 gestorben sein, denn Paulinus listet in diesem Jahr für Augustinus die gallischen Bischöfe auf, ohne Victricius zu erwähnen. - Paul. Nol. ep. 18 (von 396) und ep 37 (von 404) 323 Es gibt jedenfalls nicht die Andeutung einer einvernehmlichen Entlassung, nur den elliptischen Sprung ins Zivilleben: (5. 1) Exinde relicta militia sanctum Hilarium Pictavae episcopum civitatis / From that time quitting military service, Martin earnestly sought after the society of Hilarius, bishop of the city Pictava

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Einberufungsbefehle verbrannten (oder gar die desertierenden Soldaten), ja ebenfalls oft in weltferne Gemeinschaften gerieten - als Flüchtling vielleicht unterkommen könnte. wobei er - nun verspüre ich sogar den Atem des berühmtesten Sohns der schönen Stadt Tours, den nämlich Balzacs: - vermutlich den Namen und seine offizielle Biografie ändern musste, damit man ihm nicht auf die Spur kam. Sein stets herabgerissener Zustand war zu Beginn vielleicht erzwungene Tarnung. Und wo wir schon bei Tarnung und Namensänderung sind, können wir ebenfalls auf Grund des Jahres 1945 - jetzt auch weiter gehen, ohne die Heiligkeit Martins entscheidend zu schmälern. Denn Martin könnte durchaus auch mit einem anderen Trupp nach Amiens gelangt sein. Dem nämlich des berüchtigten Paulus, den man „die Kette“ nannte, der, im Auftrag Constantius‘, mit unglaublicher Brutalität den Norden Galliens durchkämmte, um die Reste der Herrschaft des Magnentius zu liquidieren. Auf diesem Wege ist jener Paulus bis nach Groß-Britannien gelangt, und Amiens liegt direkt auf dem Weg. Mag sein, dass Martin sein Amiens-Erlebnis (und nach allem, was man von ihm hört, ist an seiner Sympathie für die Armen nicht zu zweifeln) auch da vor dem allzu Schlimmen bewahrte. Und den neuen Namen - Martin - behielt er dann. Den eines „Kriegsmanns“ - Wobei er nach dem Tod von Hilarius, Julian und Constantius, spätestens als er das Bischofsamt in Tours übernahm, allmählich mehr von der Wahrheit anklingen lassen durfte. Und als ihn Sulpicius in den neunziger Jahren etliche mal interviewte, beharrte er zwar noch auf dem Namen Martin, aber bei den Jahreszahlen durfte er schon die Wahrheit erzählen. Einzig das Desertieren musste er noch für sich behalten. Denn sowas verjährte im römischen Reich nicht. Und unter Theodosius schon gar nicht. Vielleicht ist sogar jetzt erst eine Zeit angebrochen, in der man Desertion mitunter als positiv begreift. Nach 1500 Jahren. Aber möglicherweise hat er Brictius, seinem designierten Nachfolger im Bischofsamt, auch dies anvertraut. Was dessen Widerstand gegen Martins Ernennung zum Stadtheiligen noch besser erklärte. Aber nach allem, was ich vom Leben weiß, ist das eher unwahrscheinlich. Die schlimmen Teile der Wahrheit erzählt der Mensch nur, wenn er sich davon etwas verspricht. 315

Und das gilt auch fürs Zuhören. - 13 Erste Begegnung mit Hilarius Bleibt die erste Begegnung mit Hilarius von Poitiers zu klären. Das entsprechende Kapitel der Vita Martini beginnt so: 5 (1) Exinde relicta militia sanctum Hilarium Pictavae episcopum civitatis, cuius tunc in Dei rebus spectata et cognita fides habebatur, expetiit et aliquamdiu apud eum commoratus est. (Kap. 5) Hierauf verließ er das Militär, um den Heiligen Hilarius324 aufzusuchen, 325 den Bischof von Poitiers , der damals dafür bekannt geworden war, dass er in Sachen Gottes den bewährten Glauben vertrat, und hielt sich eine Zeitlang bei ihm auf.

Wobei sich Martins Abschied vom Militär in dem knappen Partizip „relicta militia“ verbirgt, wörtlich „bei zurückgelassenem Militär“, wobei relinquo, übereinstimmend mit unserer Einschätzung der Umstände, auch die Bedeutung „im Stich lassen“ annehmen kann, was ein Desertieren wohl einschließt. Und das etwas merkwürdige „tunc“ (= damals) nicht andeuten soll, dass Hilarius später den Glauben wechselte, sondern dass er, wie hier als Übersetzung vorgeschlagen, sich auf der grad vergangenen Synode von Béziers durch festen Glauben hervorgetan hatte. (2) temptavit autem idem Hilarius imposito diaconatus officio sibi eum artius implicare et ministerio vincire divino. sed cum saepissime restitisset, indignum se esse vociferans, intellexit vir altioris ingenii, uno eum modo posse constringi, si id ei officii imponeret, in quo quidam locus iniuriae videretur: itaque exorcistam eum esse praecepit. quam ille ordinationem, ne despexisse tamquam humiliorem videretur, non repudiavit. Hilarius versuchte, ihn durch das Amt eines Diakons enger an sich zu binden und für den Dienst Gottes zu gewinnen. Martin sträubte sich jedoch immer wieder, 324 Der heilige Hilarius wurde ungefähr im Jahr 350 Bischof, musste infolge der Synode von Béziers (356) in die Verbannung nach Phrygien gehen. 325 Civitas Pictavae, das heutige Poitiers

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indem er behauptete, unwürdig zu sein, sodass der Bischof mit souveränem Scharfsinn nur noch ein Mittel sah, ihn festzuhalten, wenn man ihm nämlich ein Amt auferlege, das man als Beleidigung ansehen könnte. Deshalb schlug er ihm vor, zum Exorzisten zu werden. Was Martin, um nicht den Eindruck zu erwecken, er fühle sich über etwas so Niedriges erhaben, nicht zurückwies.

Zur hier dargestellten Interaktion konnte es frühestens kommen, nachdem Martin das Militär, wo, wann und in welcher Form auch immer, verlassen hatte. Fürs Jahr 356 käme, ab Ende August, irgendein Raum-Zeit-Punkt des Marsches von Worms nach Köln in Frage, vielleicht noch das Winterlager von Sens. Im nächsten Jahr, also 357, hatten wir 2 weitere Gelegenheiten eruiert: 1.) Mitte Juli, nach der ersten Rheinberührung bei Zabern (Tres Tabernae); 2.) nach der Beerdigung der Toten von Straßburg vor dem Marsch Richtung Mainz mit der Exkursion in die transrheinischen Germanengebiete, also Anfang September. Im letzten Fall könnte Martin frühestens Ende September 357 in Poitiers eintreffen. Leider sind die Daten der Biografie des Hilarius in jener Zeit nicht viel sicherer als die Martins. Klar scheint einzig, dass er sich Anfang 359 in einer von Constantius verfügten Verbannung in Phrygien befand. Wo er Ende 358 erstmals einen Brief von gallischen Bischöfen erhielt, nachdem er selber, auf der von zahlreichen Stationen unterbrochenen Reise, mehrere Botschaften gen Westen abgeschickt hätte326. Andererseits wird seine Verbannung mit der im Frühjahr 356 veranstalteten Synode von Béziers in Verbindung gebracht, auf welcher der Katholizismus in der Ausprägung des Athanasius (in Verschärfung von Arles 353 und Mailand 355) erneut verdammt wurde. Die „Geschichte der Kirche“ behauptet (Bd. II, S. 971; Forschungsstand also etwa 1995), Hilarius habe, weil man ihm in Béziers das Rederecht verweigerte, ein Pamphlet „Adversus Valentem et Ursaicum“ gegen die illyrischen Protagonisten der arianischen 327 Richtung geschrieben , und er sei daraufhin auf Betreiben seiner Gegner 326 In "de Synodis" enthalten, seinem umfangreichen Antwortbrief, worin er die gallischen Bischofskollegen - zu Beginn also der Synode von Rimini - über die Kirchenkonflikte des Ostens aufs Laufende brachte. 327 Wobei das der Aussage aus "de Synodis" widerspricht, ihm seien die Unterschiede der verschiedenen Glaubensrichtungen vor der Verbannung nicht bewusst gewesen. Da ein zweiter Teil des Pamphletes direkt auf die Synode von Rimini (359) reagiert, auf der die beiden illyrischen Bischöfe laut Sulpicius entscheidende Rollen spielten, könnte der erste Teil ebenfalls erst in Phrygien verfasst

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von Constantius nach Phrygien befohlen worden.328 Das Vorwort zur englischen Ausgabe der Schriften des Hilarius meint ein Jahrhundert zuvor vager, auf Grund seines Protestes gegen den Beschluss von Béziers, habe die Synode einen Bericht erst an (den zuständigen) Caesar Julian, und als von diesem keine Antwort kam, auch an den Augustus Constantius geschrieben, worauf dieser (gewiss nicht vor dem Spätsommer 356, in dem er in Pannonien die römischen Grenzen verteidigte) ein Verbannungsdekret gegen Hilarius abgesandt habe.329 Üblicherweise nimmt man an, Hilarius habe sich diesem Dekret unverzüglich gefügt. Es wäre aber auch möglich, dass Hilarius Poitiers nicht sofort verließ, sondern, nach Erhalt des Edikts, den Reisestart zum Beginn der guten Reisezeit, den folgenden Mai, festsetzte330. Um dies - nach eventuell juristischem Einspruch bei den Bischofskollegen, bzw. Julian oder Constan331 tius , sowie weiteren Ausflüchten, etwa gesundheitlicher Art oder realer Krankheit - vielleicht auf noch später zu verschieben, womöglich Ende September (was Martin, im Fall der Nach-Straßburg-Datierung des JulianKonfliktes, die Möglichkeit gäbe, in Poitiers noch einen Tunika-Zipfel des Hilarius zu erhaschen). Oder (gleichfalls - jedenfalls von meinem Schreibtisch aus - nicht vollkommen auszuschließen) Hilarius fuhr erst Anfang 358 sein.

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Wohl in Zusammenhang mit dem synchron dazu (also auch 356) stattfindenden Vorgehen gegen Athanasius zu sehen. Bei dem - laut den (äußerst polemischen, oft bis ins Phantastisch-Blumige, zuweilen gleichfalls eines Balzac würdigen) Schriften des Athanasius - Alexandria von Truppen des Constantius besetzt wurde, was zu zahlreichen Greueln und Toten führte und Athanasius von 356 bis 361 in den mönchischen Untergrund in der Umgebung des heiligen Antonius zwang (woraus seine Antonius-Vita hervorging). 329 Auch Sulpicius Severus (Kirchengeschichte 39) schildert die Vorgänge, in allerdings die Beschlüsse der einzelnen Konzile nicht sauber trennender Form, wobei er angibt, Hilarius und Liberius seien im Jahr des Konsulats von Arbitio und Lollinaus (also 355, insofern bereits auf dem Konzil von Mailand - genau 45 Jahre bevor er dies schreibe) ins Exil gezwungen worden 330 In der Antike verbot sich der Winter ja meist als Reisezeit, besonders wenn es über See ging. Wegen der Winterstürme wurde die Schiffahrt im Spätherbst fast eingestellt. Und bis weit in die Neuzeit endeten sogar militärische Auseinandersetzung meist in Winterlagern, aus denen man erst im späten Frühjahr, wenn die Verpflegungslogistik der nächsten Kampagne geklärt war, zu neuen Kampfhandlungen aufbrach. Ohne vorbereitete Logistik, worin die Römer große Meisterschaft entwickelten, musste man, um die Heere zu ernähren, die Zivilbevölkerung - oft (wie es, siehe Fußnote Nr. 18 zum 26. 3. 2008, beispielhaft beim fränkischen Vorstoß gegen die Westgoten der Fall war) auch die eigene - rücksichtslos ausplündern. 331 Wie es etwa auch Athanasius 356 zunächst betrieb, der, als ihm in Alexandria per Boten ein Dekret zugesandt wurde, das ihm die Ausübung des Bischofsamts untersagte, schlicht die Echtheit des Dekretes bestritt. Was dennoch schnell zu den Ereignissen in Fußnote Nr. 328 führte.

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nach Phrygien, um Ende 358 dort die ersten Briefe der gallischen Bischöfe in Empfang zu nehmen und Anfang 359 mit „de synodis“ zu antworten. Jene Arbeit verrät allerdings so viel Kenntnis von feinen theologischen Verwicklungen, dass dafür gewiss etliches an Studien nötig war. Das gäbe Martin ein Zeitfenster von gut einem Jahr, in dem er mit Hilarius so intensiv in Kontakt kam, dass man ihn in Poitiers zum Diakon machte.332 Inwiefern das, insbesondere in eventuell nur extrem kurzer Zeit, möglich ist, sei dahingestellt. Aber entscheidend an dieser Episode ist ja nicht das Ausmaß ihrer beider Verwicklung, sondern dass Martin 361 nach dem Tod des Constantius wieder bei dem nun aus der Verbannung erlösten Hilarius willkommen war, bzw. überhaupt einen Grund fand, Poitiers aufzusuchen.333 Was - bei den fragilen antiken Reise- und Nachrichtenverhältnissen, insbesondere in jener unsicheren Zeit - frühesten Sommer 362 stattgefunden haben dürfte. Andererseits gibt all dies der Militär-Interaktion mit Julian wiederum höchstens ein Zeitfenster bis Ende August 357 (kurz nach der Schlacht von Straßburg). Das heißt, die Teilnahme eines derzeit etwa 22-jährigen Martin an der bei Ammian dargestellten offenen Meuterei von 358 scheint ausgeschlossen. * Insofern sähe ein plausibles Szenario, das alle zur Verfügung stehenden Daten bestmöglich vereint, so aus, dass der spätere Bischof von Tours, auf seiner eiligen Flucht zu Pferd, Ende September (356 oder 357) als Deserteur, der sich den neuen Namen Martin gab, beim (nach etlichen Verzögerungen) grad aufbrechenden Hilarius eingetroffen ist, um von ihm rasch noch 332 Oder nur zum Exorzisten, wobei der Exorzismus anscheinend Sulpicius' (wohl auf Grund der Lektüre der Vita des Heiligen Antonius entwickeltes) persönliches Hobby war

333 Die "Geschichte der Kirche" gibt an, Hilarius sei bereits infolge von Julians Proklamation

zum Augustus im Februar oder März 360 zurückgekehrt, die Gallien der Legislation des Constantius entzog (Band 2, S. 971); denn bereits im gleichen Jahr sei eine Synode nach Paris einberufen worden, worauf man die Beschlüsse von Rimini widerrief und Saturnius von Arles sowie Paternus von Perigueux als Hauptvertreter des Arianismus mit der Verbannung bestrafte. Das scheint zu zeigen, dass es sehr schnell gehen kann, wenn man nur will. - Andererseits gibt das Hilarius wenig Zeit, sein äußerst umfangreiches "de trinitate" in Phrygien zu schreiben. Sodass man die Ankunft in Asien definitiv vor Mitte Januar 358 zu legen hat. Sodass Ende September 357 als allerspätestes (bereits recht unwahrscheinliches) Datum der Abreise aus Poitiers gelten muss.

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den Segen zu bekommen, wobei (besonders im 357-ger Falle) das Diakonat (und das Exorzisten-Amt) Hinzufügungen von Sulpicius wären. Oder er brach zu Hilarius auf, um in Poitiers festzustellen, dass Hilarius längst (oder grade) verschwunden war. Woraufhin er noch ein bisschen mit dessen Vertretern sprach (es scheint unklar, ob ein neuer Bischof bestellt wurde), um von diesen in gewisse Anfangsgründe des Diakonisten-Amts eingewiesen zu werden. Oder er fuhr (und das gilt verschärft für den exzentrischen Fall, dass es sich bei Martin um den erst 358 untergetauchten Reitergeneral Severus handeln sollte) gar nicht erst nach Poitiers, sondern gleich nach Pannonien, sodass die Zwischenstation Hilarius als Fiktion des Sulpicius gelten muss, der seiner „Vita“ narrativen Schliff geben wollte. Dass er sich auf so was verstand, bezeugt die sorgfältig kalkulierte Komik seiner späteren Dialoge zur Genüge. All diese Möglichkeiten wurden 1967 in den „Sources Chrêtiennes“ andiskutiert, ohne dass man zu einem festen Schluss kam. Nimmt man Post-Straßburg, verbleibt jedenfalls, bei der Annahme einer realen ersten Begegnung mit Hilarius in Poitiers, definitiv einzig die Desertion. Ein geregelter Abschied hätte erst im Pariser Winterquartier bewerkstelligt werden können. - 14 Rückkehr nach Pannonien Bleibt noch die Rückkehr nach Pannonien zu klären: (5. 3) nec multo post admonitus per soporem, ut patriam parentesque, quos adhuc gentilitas detinebat, religiosa sollicitudine visitaret, ex voluntate sancti Hilari profectus est, multis ab eo obstrictus precibus et lacrimis ut rediret. maestus, ut ferunt, peregrinationem illam ingressus est, contestatus fratribus, multa se adversa passurum: quod postea probavit eventus. 5. (Fortsetzung) Nicht viel später wurde er im Traum ermahnt, sein Vaterland und

die Eltern, die bis jetzt Heiden geblieben waren, aufzusuchen, damit er sich um ihr

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Seelenheil kümmere, wofür er vom Heiligen Hilarius die Genehmigung erhielt, der ihm mit Bitten und Tränen das Versprechen abnahm, dass er wieder zurückkehre. Wobei erzählt wird, Martin habe jene Reise mit Schwermut angetreten, denn es werde ihm, wie er die Brüder wissen ließ, viel Leid begegnen. Was später wirklich so kam.

Der Abschied von Hilarius ist hier zwar sehr schön und tränenreich dargestellt, aber entspricht wohl nicht ganz der Hast, in der sich ihre Begegnung abgespielt haben muss (wenn sie sich überhaupt ereignete).334 Eher dürfte Hilarius vor ihm abgereist sein, wonach Martins Position in der verblieben Gemeinde vermutlich äußerst labil war. Da der Nachfolger im Bischofsamt (wenn es einen gab) Arianer gewesen sein wird, lag für Martin eine - nun allerdings bedachtsamere, durch Träume vermittelte - Flucht daher nah. Und die einzigen Menschen, die er noch kannte und denen er sich offenbaren konnte, waren die Eltern. Die vor den Kämpfen bei Pavia (352) vermutlich Italien verließen und sich wieder nach dem ihnen bekannten Pannonien, bzw. nach Illyrien gewandt haben mochten, Gegenden, die momentan sicher waren. Ob Martin sie fand und seine Mutter zum Katholizismus bekehrte, wie bei Sulpicius zu lesen, bleibt dahingestellt (im Falle der magister-equitum-Severus-Konstruktion wirkt es unplausibel, da es für jenen Severus bislang höchstens Laien-Interaktionen mit dem Christentum gab). Gewiss aber fand er in Pannonien keine neue Heimat. Vielleicht weil er seine Identität noch immer verbergen musste, denn irgendwann würde Kaiser Julian hier vorbei kommen, um nach Persien zu ziehen. Und auch in Illyrien herrschten die Arianer, die Bischöfe waren sogar dessen besonders ve335 hemente Vertreter , sodass ein eventueller Diakonisten-Status keine Hilfe bot. 6.) Martin konnte seine Mutter, was er sehnlich wünschte, vom Wahne des Heidentums befreien. Der Vater verharrte im Unglauben. Hingegen bekehrte Martin 334 Andererseits lehrt das Leben, dass sich tiefe Freundschaften (oder ein Gefühl beachtlicher Verbundenheit) auf Grund einer Serie recht kurzer, jeweils nur wenige Stunden umfassender Begegnungen entwickeln können (wofür mein zufälliges Lissabonner Treffen mit Werner Schröter als Beispiel gelten mag) 335 Siehe "Adversus Valentem et Ursaicum", das bereits erwähnte, gegen die illyrischen Protagonisten der arianischen Richtung gerichtete Pamphlet des Hilarius. Da dieses Sulpicius vorgelegen haben dürfte, ist die der Pannonien-Reise folgende Darlegung der italienischen Verhältnisse davon zumindest mitgespeist.

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andere durch sein Beispiel. Inzwischen hatte sich die Irrlehre der Arianer überall, insbesondere in Illyrien336 ausgebreitet. Martin war fast der einzige, der den treulosen Bischöfen Widerstand entgegensetzte. Er musste deshalb manche harte Strafe über sich ergehen lassen. So wurde er öffentlich mit Ruten gepeitscht und schließlich aus der Stadt337 verwiesen. - 15 Eremiten-Dasein bei Genua 6. (Fortsetzung) Er wandte sich jetzt nach Italien. Er hatte erfahren, dass auch in Gallien seit dem Weggang des hl. Hilarius die Kirche in Verwirrung geraten sei; die Häretiker hatten jenen mit Gewalt in die Verbannung getrieben. Deshalb baute sich Martin zu Mailand eine Zelle. Aber auch hier ward er von Auxentius338, dem tonangebenden Führer der Arianer, aufs heftigste angefeindet. Dieser überhäufte ihn mit Kränkungen und verjagte ihn aus der Stadt. Martin glaubte nun bei den ungünstigen Verhältnissen nachgeben zu müssen und zog sich auf die Gallinaria-Insel339 zurück. Ein Priester begleitete ihn, ein wundertätiger Mann. Hier fristete Martin eine Zeitlang sein Leben mit Kräuterwurzeln. Damals aß er ein Gericht von Nieswurz, die für giftig gilt. Er spürte schon in seinem Leibe die Wirkung des Giftes; er war schon am Rande des Grabes, da wehrte er der drohenden Gefahr durch sein Gebet, und sogleich verlor sich aller Schmerz. Weil er ansonsten nur noch Leute in Pavia kannte (dort war man, also abseits der großen Städte - Mailand hatte mit Auxentius seit 355 einen arianischen Bischof -, noch katholisch), blieb nur Italien. Wo er auf der Suche nach kirchlichen Betätigungsfeldern aber ebenfalls arianische Barrieren spürte. Die ihn, da er zudem jederzeit befürchten musste, als Deserteur entlarvt zu werden, zu einem Eremitendasein (sogar auf einer kleinen Insel) 340 zwangen. 336 Hier fanden die der arianischen Bewegung gewogenen Synoden von Sardica 343 und Sir-

mium 351, 357 und 358 statt. Illyricum umschloß die Provinzen Dalmatien, Pannonien, Mösien, Rätien, Noricum und Dacien. 337 Wohl seine Heimatstadt Sabaria 338 355 an Stelle des vertriebenen Bischofs Dionysius von den Arianern zum Bischof von Mailand gewählt, obwohl er als Orientale kein Latein verstand. Bis 374, als ihn Ambrosius ersetzte, war Auxentius die Hauptstütze der Arianer im Westen. 339 Nach Varro, De re rustica III, 9, 17 eine Insel im Golf von Genua, wohl die jetzige Isola d'Albengo. 340 Laut Hier. Ep. 77. 13 und Ambros. Hoxaem. III, 5 wohnten derzeit viele Mönche auf klei-

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- 16 wieder bei Hilarius in Poitiers 6. (Fortsetzung) Bald darauf erfuhr Martin, der Kaiser habe seine Gesinnung 341 geändert und dem hl. Hilarius die Rückkehr erlaubt. Er versuchte darum in Rom mit Hilarius zusammenzutreffen und machte sich auf den Weg dorthin. (7. 1) Cum iam Hilarius praeterisset, ita eum est vestigiis prosecutus: cumque ab eo gratissime fuisset susceptus, haud longe sibi ab oppido monasterium collocavit… 7.) Da Hilarius schon weitergereist war, folgte er seinen Spuren. Und wurde von

ihm äußerst liebevoll aufgenommen, worauf er sich unfern der Stadt eine Mönchs342 gemeinschaft einrichtete...

Bis Constantius Ende 361 starb. Damit war zwar die arianische Ämterblockade beendet, aber nun war Julian Kaiser des ganzen Reiches. Dessen Verwaltung Martin indes weiterhin jederzeit auf die Schliche kommen konnte. Als er erfuhr dass Hilarius wieder in Poitiers am Wirken war, erinnerte ihn das daran, wie leicht man in dessen Schatten Unterschlupf fand (selbst wenn er ihm damals nicht begegnet oder gar nicht dorthin gefahren war). Und so besuchte er ihn. Und wurde bald Teil einer Mönchstruppe, die an die schöneren Tage seiner Militärzeit erinnern mochte. Doch sogar nachdem er zum Chef dieser neuen Klostergemeinschaft bestimmt worden war, verbarg er vorsichtshalber sein Gesicht weiter unter armseliger Kleidung und Dreck. Was aber bald schon so sehr Teil von ihm ward, dass es ihm gar nicht mehr auffiel. Und nach Julians frühen Tod in Persien (wo Martin wohl selber hingekommen wäre, hätte er nicht den Dienst verweigert), wurde dies sogar zum Erkennungszeichen seiner neuen Persönlichkeit. In der soldatische Tatkraft sich auf den Pfaden der Mission mit Mitgefühl gegenüber den Armen nen Inseln. 341 Vielleicht weil er meinte, Hilarius würde der arianischen Sache in Phrygien mehr schaden als in Poitiers (vgl. Sulp.Sev., Chron. II. 45). Auf die näher liegendere Verbindung mit Julians Selbsterhebung zum Augustus des Westens wiesen wir in Kapitel 13 und Fußnote Nr. 333 bereits hin. 342 Das spätere Locociacum, jetzt, wie mehrfach bereits erwähnt, Ligugé bei Poitiers. Als Kloster bis 1615 im Besitz der Benediktiner, 1615 bis 1858 der Jesuiten, 1880 aufgehoben

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paarten. Und unter dem Stern dieser Kombination (Hilarius starb 367) wurde Martin 571 in Tours zum Bischof gewählt. Das, bis zu diesem Zeitpunkt, einzige unbestreitbare (und wohl auch unbestrittene) Datum seiner Biografie. - 17 Schluss (9. 1) Sub idem fere tempus ad episcopatum Turonicae ecclesiae petebatur: sed cum erui monasterio suo non facile posset … 9. Etwa zur selben Zeit bot man ihm das Bischofsamt der Kirche von Tours343 an.

Aber es war nicht leicht, ihn seinem Kloster zu entreißen...

Und die übrigen Geschehnisse (Aktivitäten als Bischof, Besuch in Trier, Tod) fügen sich dann in die allseits akzeptierte Vita ein, mit freilich einem 20 Jahre jüngeren Martin als Hauptakteur. Dass er sich, trotz etlicher Lügen, nicht von Dämonen verfolgt fühlte, mochte mit guten Gewissen zu tun haben. Er hatte zwar etwas verborgen, aber vor Gott brauchte er (außer der hochspekulativen Paulus -Episode) nichts zu verbergen. Und so begegnete Martin schließlich dem Heiligen Sulpicius: 25.) Da mir vieles über seinen Glauben und Tugendwandel zu Ohren gekommen war, brannte ich vor Verlangen nach ihm. Deshalb unternahm ich eine mir höchst 344 willkommene Pilgerfahrt zu ihm , obgleich mich auch der glühende Wunsch beherrschte, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich mit erstaunlicher Demut und Güte auf. Herzlich wünschte er mir Glück und freute sich darüber, dass ich ihm so viel Ehre antat und sogar eine Pilgerfahrt unternahm, um ihn aufzusuchen. Er zollte mir so viel Aufmerksamkeit, dass er mich Armseligen, kaum wage ich es zu bekennen, zu seinem heiligen Mahle lud; und mir dabei selber Wasser für 343 Caesarodunum bzw. Urbs Turonum, das heutige Tours, damals die Hauptstadt der Provinz Lugdunensis tertia, war nach der Zerstörung durch die Barbaren (3. Jh.) am Ende des 4. Jh. keine bedeutende Stadt. Ihr Umfang betrug nicht ganz 1200 m, die Einwohnerzahl allenfalls 5000 - (A. Blanchet, Les enceintes romaines de la Gaule, Paris 1907, 39) 344 Der Zeitpunkt lässt sich nicht genau bestimmen. Da die Vita vor Martins Tod erschien, kann 395 als spätestes Datum gelten.

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die Hände reichte und mir abends eigenhändig die Füße wusch. Ich hatte nicht den Mut, mich zu sträuben und zu widersetzen. So sehr war ich im Banne seiner machtvollen Persönlichkeit, dass es mir als Unrecht vorkam, nichts nachzugeben. Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel unserer Zeit stellte er uns den erwähnten, hochangesehenen Paulinus vor Augen.345 Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen die Weisungen des Evangeliums befolgt habe.346 Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden. Unser Jahrhundert sei ob eines Mannes von solchem Glauben und Tugendbeispiel glücklich zu preisen. Entsprechend dem Spruch Christi habe ja der reiche und begüterte Mann all das Seine verkauft und den Erlös an die Armen verteilt und, was unmöglich schien, so durch sein Beispiel möglich gemacht. Welch würdevoller Ernst lag in seinen Worten und Gesprächen! Wie treffend, wie kraftvoll redete er. Wie schlagfertig und gewandt löste er schwierige Fragen der heiligen Schriften. Indes ich weiß, viele wollen diesen Punkt nicht glauben, muss ich doch sehen, dass sie auch meiner Erzählung nicht trauen. Deshalb schwöre ich bei Jesus und unser aller Hoffnung: nie habe ich aus einem Mund eine solche Fülle von Wissen, so trefflichen Geistes und klarer Rede vernommen. Und doch wie klein erscheint dieser Lobpreis bei der Tugendgröße Martins! Es ist ja schon ein Wunder für sich, dass einem wissenschaftlich ungebildeten Mann auch solche Gabe zu Gebot stand. Die so beschriebene Art der Begegnung zwischen Martin und Sulpicius wirft zusätzliche Fragen auf. Anscheinend waren diese Treffen von tiefem Respekt gegenüber Martin geprägt, der genaues Nachfragen kaum erlaubt. Sodass sich Sulpicius ihm (und vermehrt noch dem Bekanntenkreis Martins) wie ein Journalist genähert haben musste, der sich mit der Unklarheit etlicher Äußerungen abzufinden hatte. Und sich das Ganze dann in konsistenter Weise zurechtzimmerte. Nichts anderes als jene von Sulpicius nachträglich geschaffene Konsistenz haben wir in dieser Studie jetzt aufgespürt. Insofern dürften die Zahlen sogar besser stimmen, als Martin sie (in flüchtigen Begegnungen) einst 345 In Vita M. 19 taucht Paulinus darüber hinaus als jemand auf, den Martin von einem Augenleiden heilte, indem er ihn mit einem Schwamm berührt. Luk. 14, 83; Matth. 19, 21

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darlegte. Damit löste sich auch das Problem des Geburtsdatums zwanglos auf. Denn zur Zeit dieser Begegnungen war Sulpicius etwa dreißig, während Martin, je nachdem welches der diskutierten Geburtsdaten man ansetzt, die sechzig oder die achtzig erreicht hatte. Er war, aus der Sicht eines Dreißigjährigen in beiden Fällen also bereits „uralt“, wobei eine gewisse Verwahrlosung in den derzeitigen Mönchsgemeinden die genaue Bestimmung nicht leichter machte. Und sogar die Vorfälle in Amiens oder „Worms“ lagen bereits über dreißig Jahre zurück. Da die Antike keine fortlaufende Jahreszählung kannte, wird Martin sich bei der Datierung so weit vergangener Ereignisse wohl mit Ausdrücken wie „Als ich ein junger Mann war“ beholfen haben. Und für den nicht mehr ganz jungen Sulpicius war ein junger Mann seinerzeit wohl etwa zwanzig. In diesem Sinne schrieb er dann die Vita, in der Martin als „junger Mann“ gegen Julian revoltiert. Später, in seinen Dialogi“, laut welcher Martin am Todestag bereits über 80 war (was zum lexikalischen Geburtsdatum 316/317 beitrug) modifizierte Sulpicius dann die Daten, vielleicht nur, weil es ihm besser in den Kram passte und keiner es überprüfen konnte. Da der Heilige Antonius sogar 106 ward, wollte Sulpicius „seinem“ Heiligen vielleicht bloß ebenfalls ein hohes Alter verpassen, was Gregor von Tours dann kommentarlos übernahm. Jenseits jeder Invention scheinen indes die Ortsangaben zu sein - Sabara, Pavia, Amiens, Worms, Poitiers, die Insel Gallinaria; und, last not least, schließlich Tours. Denn für komplett ausgedacht wirkt die Ortswahl zu exzentrisch. So exzentrisch wie die (oft ja unwahrscheinliche) Wirklichkeit. Und die Phantasien der Dialogi verraten, dass Sulpicius für realistische Raffinesse kaum Gespür hatte. Und da die Vita nach jedermann Meinung zu Lebenszeiten Martins herauskam, musste er damit rechnen, dass Fehler und Phantasien sofort erkannt werden. Erst nach Martins Tod legte er sich, wie wir sehen werden, richtig ins Zeugs. ***

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IV. Lob der Kreationisten

(keine Angst; bloß als Scherzo gemeint) Nun, ich schrieb, dass man über die Naivität von Gregors Rechnung über die Dauer der Welt leicht lachen habe - doch wenn man ihr eine logarithmische Skala zugrunde lege (die bei der Bibelüberlieferung und dem vielen Kopieren - bzw. kreativen Bearbeiten - der Original-Texte verloren gegangen sein mag), könne man das in seiner Rechnung skizzierte kreationistische Weltmodell numerisch gewiss ebenso mühelos mit den gängigen kosmologischen Vorstellungen zur Deckung bringen, wie es den Klimaforschen gelang, die mathematisch nur im Einzelfall lösbaren Gleichungen der Hydrodynamik in Klimamodelle zu verwandeln, die ihren (nach der Methode Pi mal Daumen erlangten) Zukunftsvorstellungen präzis entsprechen. --- Wem das zu verstiegen klingt, der sei darauf hingewiesen, dass selbst die entwickeltste, die bibelfernste unserer Wissenschaften, die Physik, erst 1922 - mit der mathematischen Entdeckung der Möglichkeit eines Urknalls - in einem entscheidenden Punkt das Niveau des Schöpfungsberichts erreichte. Alle naturwissenschaftliche Kosmologie davor war Märchenstunde. Und die Antwort auf die simple Frage: „Wie sah die Welt vor dem Urknall aus?“ geht, trotz aller mathematischen Formalismen, erkenntnistheoretisch kaum über das Niveau des Heiligen Augustinus hinaus, als er eine Antwort auf die logisch ebenso „simple“ Frage „Wo war Gott, bevor er die Welt erschuf ?“ suchte. Das heute (also im März 2008, nach fast einem Jahrhundert Urknalldiskussion) als bestmöglich geltende Antwortspektrum (von „Illegitime Fragestellung“ bis zu „Unsere Welt ist in ein größeres System mit Paralleluniversen eingebettet“) war ihm längst vertraut. Und so sehr der Satz von der Erhaltung der Energie als Triumph des Erfolges areligiösen logischen Denkens gilt - auf den zwingend daraus folgenden Satz, dass die Energiemenge des Gesamt-Universums, trotz aller spektakulären, logisch vielleicht erklärbaren Gestaltswandlungen, seit Anbeginn aller Zeiten eine Konstante ist, reagiert man irritiert, insbesondere wenn man sich die Frage stellt, was exakt die Größe dieser Gesamtenergie eigentlich 327

produziert hat. Und die Freiheitsdiskussion der Hirnforscher erreicht ebenfalls kaum das logische Niveau, das sich mit Augustinus Vorstellung vom freien Willen und der damit verschränkten Prädestinations-Theorie verbunden hat. In diesen Bereichen ist Fortschritt offenbar äußerst mühsam (wenn er, wie ebenfalls Augustinus bereits formulierte, überhaupt möglich ist), denn jeder Versuch, sich des Ursprungs der physikalischen Gesetze zu bemächtigen (in was waren sie in welcher Form eingeschrieben, bevor sich der Urknall ereignete? was z.B. ist eine „ganze Zahl“ wenn es (noch) keine „Welt“ mit zählbaren Objekten gibt, wenn es, mehr noch, überhaupt keine Objekte gibt? und: Wie kann es überhaupt eine Mathematik geben, wenn es (noch) keine ganzen Zahlen gibt), ist auch heute reinste theologische Spekulation. Wobei die Frage, inwieweit das Leben auf unserem Planeten womöglich das einzige im ganzen Universum ist, von der „atheistischen“ Wissenschaft zwar energisch verneint wird, aber der Optimismus dieser Verneinung angesichts der Erweiterung unseres Horizonts doch erhebliche Dämpfer bekam. Während man 1900 noch Leben auf dem Mond für möglich hielt und 1960 die Mehrheit der Wissenschaftler sicher war (was ich weiß, weil ich seinerzeit in der Schule ein Referat darüber hielt), dass es sich bei den im Fernrohr sichtbaren „Marskanälen“ um Vegetationsspuren handelte, musste man (nach der Landung auf Mond und Mars, nach dem Vorbeiflug der Raumsonden an allen Planeten, nach der spektroskopisch und radiometrischen Erkundung der Milchstraße) allmählich den Gedanken akzeptieren, dass unsere Umgebung innerhalb von 20 Lichtjahren mit außerordentlich hoher Wahrscheinlichkeit keine Spur organischen Lebens aufzuweisen hat. Oder wie einer der Wissenschaftler des extra-terrestrischen Intelligenz-Erkundungsprojekts es zusammenfasste: „Wir wissen, dass es dort draußen jede Menge von Wesen mit Intelligenz gibt. Aber: Wo sind sie?“ Denn dass wir selber das Universum beobachten können, heißt nicht, dass es auch an anderen Stellen tatsächlich beobachtet wird, wie man einst in einer Form von Extrapolation des Kopernikus schloss. Ein Universum, in dem einzig auf unserem Planeten Leben existiert, steht jedenfalls nicht im 328

Widerspruch zur gegenwärtigen zufallsbestimmt darwinistischen Kosmologie: wenn man nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass es hatte entstehen können, so niedrig ansetzt, dass man dazu ein ganzes (oder gar x Milliarden von Milliarden parallel operierender) Universum braucht. Auch hier ist eine gewisse Ernüchterung des Optimismus angesagt. Als ich zur Schule ging, wurde gerade die sogenannte Ursuppe angerührt, und man war sich „in der Wissenschaft“ darüber einig, dass sich aus jener Ursuppe (bei geduldigem Kochen) unweigerlich die ersten Lebenssporen entwickeln würden. Inzwischen - nachdem man wirklich etwas vom komplexen Zusammenspiel der Helix-Spiralen zu erkennen beginnt - dämmert einem, dass extrem unwahrscheinlich ist, dass sich unter hohen Temperaturen und Drucken (in denen alles Organische zerstört wird) oder in Vakuumkälte (in der die chemischen Reaktionen extrem verlangsamt werden) etwas wie eine Urzeugung des Lebens ereignen könnte - höchstens in einem (wie uns die Klimaforscher täglich versichern) äußerst fragilen Übergangsbereich. Und die Übergangsbereiche sind im Universum (siehe vorherige Diskussion) derart rar, dass man sehr schwer nur noch glauben kann (außer auf Kongressen oder in Fernsehinterviews), dass sich durch reinen Zufall solche Doppelhelix-Natur mit all ihrer Komplexität hätte ergeben können. Eine der erstaunlichsten Entdeckungen der letzten fünfzig Jahre bestand jedenfalls darin, dass das Leben auf der Erde weit in die Vergangenheit unseres Planeten reicht, man spricht nun von drei oder vier Milliarden Jahren. Damals existierte es demnach also bereits in so weitem Ausmaß, dass es geologische Spuren hinterließ, obgleich die inneren Planeten des Sonnensystems - laut der gegenwärtig akzeptierten Theorie (welche die Entstehung des Mondes „nur“ 4, 5 Milliarden Jahren in die Vergangenheit legen) - noch von einem infernalischen kosmischen Bombardement heimgesucht wurden. Was den - angeblich durch reinen Zufall bestimmten - gewissermaßen „leblosen“ Vorgängen, bei denen sich die ersten Lebenskeime (nach einer oder mehreren langen Phasen mit leblos-stabiler Fast-DNS) hätten entwickeln müssen, nicht mehr viel Zeit gibt. Denn zuvor hat sich unser Planetensystem (inklusive der in externen Supernova-Explosionen erzeugten Materiebeiträge, denen wir die höheren chemischen Elemente verdanken) ja erst in brutalster Art347 aus dem Urknall entwickeln müssen, der sich nach neuester Schätzung vor 14 bis 16 Milliarden Jahre ereignete (vor 347

Die jede evtl. entstanden Lebenskeime unweigerlich wieder zerstört hätte

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zwanzig Jahren warens erst zehn oder zwölf ). Das wirkt reichlich eng. Zumal, wie ich neulich las, „unsere“ Milchstraße bereits in 2 Milliarden Jahren mit der Andromeda-Galaxis kollidieren wird.348 Dass sich, andererseits, viele der Probleme des Darwinismus durch die externe Injektion von (in welcher Form auch immer) „vorbereitetem“ genetischen Material erübrigen würden (also einer symbolischen Schöpfung gemäß den Metaphern der Genesis), wird auch „in der Wissenschaft“, was eigentlich? -- nein, „akzeptiert“ kann man nicht sagen … doch es geistert nach wie vor als Möglichkeit durch den Raum, in Form von irgendwelchen „Lebenssporen“, die herumvagabundieren oder in Meteore eingebettet sind. Womit man das Problem der Lebensentstehung auf einen anderen Ort verschiebt, was natürlich auch nicht befriedigt. Aber dass das Leben ins Universum generell von extern „injiziert“ wurde, ist wieder Blasphemie an den Fundamenten unserer Wissenschaft. Jedenfalls so lange sie sich keinen Prozess erklären kann, in welchem sich eine solche Injektion (als Rückstand eines Vorgänger-Universums?) ereignet haben könnte. usw. usw. … wie gesagt, reinste Theologie … bzw. blind akzeptierte Blindheit auch in diesem Fall. Denn irgendwie „glauben“ wir immer noch, dass das Universum - trotz der in ihm spektakulär zur Schau gestellten gnadenlosen Brutalität - geschaffen wurde, um „uns“ zu „befriedigen“, sehr sonderbar all das… *** Irgendwo in meinem Teil dieser Erzählung gewordenen Tagebuch schrieb ich, dass man instinktiv stets dazu neigt, den gegenwärtigen Bewusstseinszustand als einem vergangenen überlegen zu erklären. Weil der frühere keine Ahnung von dem hat, was ihm passieren wird. Sondern noch von allem möglichen Unsinnigen träumt. Das will sich beim prophetischen Verkünden natürlich umkehren. Denn ein Prophet ist ein Vertreter dessen, was wir heute als das Kausalitäts-Prinzip bezeichnen. Bei kausalen Prozessen hält man den vergangenen Zustand 348

Was sich die (größere) Andromedagalaxis, wie ich gleicherorts las, allerdings ebenso gelangweilt und unbeteiligt anschauen wird, wie Félix Vallottons grad vom Friseur gekommene Andromeda den Kampf ihres Schnurrbart-tragenden Perseus

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dem zukünftigen im erkenntnistheoretischen Sinne für überlegen, weil die Zukunft aus der Vergangenheit entstanden ist. Und eine der Motivationen der Geschichtsschreibung lag immer darin, dass man versuchte, in all dem Durcheinander, das uns in Form von Geschichte (und Geschichten) begegnet, kausale Strukturen zu entdecken. Nichts anderes haben auch wir in unserer kleinen Erzählung mit ihren Anhängen gemacht, selbst in der sogenannten Auferstehung. Oder in unserer Untersuchung zum Leben des Heiligen Martin. Denn die sonderbare Verbindung zwischen Resultat und Ursache, sie ist der Kern aller rational philosophischen Diskussion. Lange hat man geglaubt, man könne Ursache und Resultat klar voneinander trennen, weil die Struktur des einen das andere „logisch“ erzeugt. Inzwischen, seit man die Bedeutung des quantenmechanischen Zufalls erkannte (wodurch die sogenannte „Logik“ des „logischen Denkens“ als - eventuell bloß biologisch bedingtes - subjektives Empfinden verdächtigt werden muss), ist diese Trennung oft nicht mehr aufrecht zu halten. Wobei die Entdeckung der Quantenphysik, deren bis heute einigermaßen gültige Formulierung sich über gut dreißig Jahre bis etwa 1935 hinzog, als eine der (wie ich ebenfalls neulich in der Zeitung las:) größten Kulturleistungen der Menschheit gelten kann, schon weil sie - aus nur mit den feinsten Messinstrumenten überhaupt wahrnehmbaren Phänomenen, von denen man davor nicht einen Hauch Ahnung hatte, Folgerungen ziehend das Denken von den Zwängen des direkt Kausalen befreit hat. Weil man Phänomene entdeckte, bei denen die strikte Linearität der Verbindung von Ursache und Wirkung (die zum Axiom von der Invarianz der physikalischen Gesetze bezüglich der Zeit führte) in der Wirklichkeit nicht beobachtbar ist. Dadurch werden Ursache und Wirkung paradoxerweise wieder gleichberechtigter und insofern stärker zusammengezurrt, d.h. man muss beide Zustände formulieren, wenn man die Beziehung zeigen will. Was wiederum auf verquere Weise den absurd erscheinenden logischen Verhältnissen der (katholischen) Trinität ähnelt. Wofür man als simples Beispiel den Welle-Teilchen-Dualismus der Quantenphysik nehmen kann, bei 331

dem gesagt wird, dass eine spezifische Energiekonzentration sich sowohl als Teilchen-, als auch als Wellen-Phänomen artikuliert, und dass diese logisch einander ja widersprechenden Beschreibungsmodi völlig gleichwertig sind. Nun, ich bin weit entfernt davon, die Errungenschaften unserer Naturwissenschaft mit billiger Alchemie zu verwechseln. Und weder möchte ich ihr das Lebensrecht absprechen, noch irgendwelche ihrer Erkenntnisse a priori bezweifeln. Im Gegenteil, ich finde es schön, dass die Grenzen unseres Wissens sich immer weiter vom direkt Offensichtlichen entfernt haben. Und dass es „Messungen“ gibt, mit Hilfe derer man spekulierenden Unfug von brauchbaren, von „wirklichkeitsnahen“ Theorien unterscheiden kann. Trotzdem (und spielerisch zum, ja, „Lob der Kreationisten“) zum Schluss noch 2 simple formale Transformationen - als Vorschlag bloß also eines sterbenden Autors, der den Tod vielmals verdient hat -, die eine Ahnung davon vermitteln, wie sehr sich die Naturwissenschaft heutzutage noch immer an theologischen Problemen orientiert. 1.) „Erbsünde“ = die seltsame Tendenz der Gene (oder wessen auch immer), sich auf Teufel komm raus zu reproduzieren diese simple Gleichung schließt die Freiheitsdiskussion, die momentan von etlichen Genetikern geführt wird, unmittelbar an die Prädestinationstheorie des Augustinus an, der sie gewiss auf weit höherem Niveau durchdeklinierte, als es heute im Feuilleton geschieht. 2.) folgende simple Gleichungen würden sogar die heutzutage für völlig absurd gehaltene theologische Diskussion um die Trinität sofort auf den Gegenwarts-Stand transponieren: „Gott“ = Verursacher des Urknalls und damit der Gesamtenergiemenge des Universums; „Heiliger Geist“ = die sonderbare Qualität, die das Raumhafte des physikalischen Raums ausmacht, wie sie sich etwa durch Vakuum-Fluktuationen äußert oder die Fähigkeit, Gravitationswellen zu transportieren; „Christus“ = eine eigentümliche Gerichtetheit, die im Universum in Bezug auf die Entwicklung von organischem Leben angelegt sein könnte

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wobei die Wissenschaft momentan (z.B. in string-theories) heftig darüber spekuliert, inwieweit die „Gott“- und die „Heiliger-Geist“-Qualität auf eine Weise verknüpft sind, dass man die beiden (wie in der antiken Theologie) als identisch bezeichnen müsste. Wobei sich dahinter nicht zuletzt die Verortung der von uns beobachteten physikalischen Gesetze verbirgt: Was sind sie? Wie kommen sie zustande? Gibt es Parameter, die sie (und etwa die Feinstrukturkonstante) verändern? Schwieriger ist es mit der möglichen „Christus-Qualität“ des Universums, die gegenwärtig von ziemlich allen Wissenschaftlern abgelehnt wird, da, wie weiter oben bereits skizziert, ein Konsens darüber herrscht, dass das Leben durch „Zufall“ entstand349 und, daraus extrapoliert, daher überall von neuem entstehen kann. Andererseits, können nur „wir“ - das heißt „das Leben“ - die Natur des Universums überhaupt reflektieren und behaupten, es sei so angelegt, dass „wir“ es verstehen, weil „Gott“ nicht „würfelt“, usw. usw. - wie gesagt, eine wirre, gewiss jedenfalls keine leichte Materie, auch nicht für Anhänger des reinen Zufalls. -- Sollte dem Universum jedenfalls eine zumindest partielle „Christus-Qualität“ in irgendeiner Form eingeschrieben oder „injiziert“ sein, würde sogar die Trinitätsdiskussion (in der man formal zu schreiben versucht wäre: „Gott“ = „Heiliger Geist“ = „Christus“) des vierten Jahrhunderts sofort hochaktuell. wobei wiederum „Christus“ + „Erbsünde“ den evolutionären Gang des Lebens strukturieren würde, usw. usw. Das größte Geheimnis von allem aber ist die Zeit. 349 Obwohl man zugleich konzidiert, dass, wenn 10 hoch minus x die Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass Leben in einem speziellen Sonnensystem entsteht, diese Zahl x ungeheuer groß sein muss, größer sogar womöglich als die Zahl der Sonnen im Universum. Wir verdanken unsere Leben also einem mathematisch unglaubhaft unwahrscheinlichen Zufall. Das Paradoxe daran ist, dass die (vermutete) Wahrscheinlichkeit der Existenz einer "gottähnlichen" Instanz von der selben WissenschaftsGemeinde (im Fall einer Abstimmung) zumindest im Promillebereich angesiedelt wird (wenn nicht sogar in der Größenordnung von etlichen Prozenten). Mit anderen Worten: die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines Gottes wird von der Wissenschaft für um etliche Zehnerpotenzen wahrscheinlicher gehalten, als die des rein zufallserzeugten Lebens. Dass die weitaus geringere Wahrscheinlichkeit trotzdem als Dogma gilt, ist nur als Ausdruck einer eigensinnigen (atheistischen) Super-Religiösität begreifbar, die sich selbst nicht mehr hinterfragen kann.

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Und ich hoffe, dass unsere kleine Erzählung von und aus der Völkerwanderung - die, wenn man auch diese Bemerkungen noch als dazugehörig empfindet, nun wirklich (vermittelt durch Gregor von Tours) vom Urknall bis in die spekulierende Gegenwart führt - ein wenig von diesem Geheimnis beherbergt. Von wandernden Völkern, bzw. durch die Zeit wandernden, dabei sich transformierenden (und sterbenden) Ideen ist uns darin ja etliches begegnet. Soviel zumindest, dass man erkennen kann, dass unser Zeitempfinden untrennbar mit der Wirkungsweise dessen verbunden ist, was wir als unser „Gedächtnis“ bezeichnen. Groß ist die Macht meines Gedächtnisses, schrieb der Heilige Augustinus: Gott, steh mir bei. ***

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V. Neues vom Heiligen Martin Nun, wir hatten unsere Untersuchung zu den Lebensdaten des Heiligen Martin ja abgeschlossen, indem wir das Urteil der Fachwelt referierten, laut welcher den späteren Äußerungen des Sulpicius generell mit Misstrauen zu begegnen sei. Diese sind in zwei weiteren Beiträgen zum Leben des Heiligen Martin enthalten: 1.) in Form dreier Briefe; 2.) in drei Dialogen (worin das Vita-fixierte Alter Martins modifiziert wird, was zur 316-ner Datierung der Lexika beitrug). Wozu noch eine Schilderung vom Verhalten Martins auf dem Priscillianer-Prozess in Trier aus Sulpicius „Kirchengeschichte“ (Historia ecclesia) kommt, direkt nach der Vita verfasst, ohne dass die Lebensdaten darin angesprochen werden. Da unsere neue Datierung überzeugend wirkt, ließe sich über andere Äußerungen des Sulpicius nun einfach hinweggleiten. Bliebe da nicht ein sonderbar schmeckender Rätselrest. -1Severus Denn bei unseren schön ineinander fassenden Überlegungen haben wir einen Charakter aus den Augen verloren, weil er nicht recht in unser Schema passte. Natürlich den Magister equitum namens Severus, den bewährten Reitergeneral, der bei der zweiten Rheinüberquerung Julians so depressiv daher kam und dadurch ein Wunder bewirkte. Und mit jenem Wunder aus Ammians Geschichte verschwand. Sonderbar ist doch, dass seine Geschichte alle Ingredienzien von Martins Revolte enthielt: den bereits offenen tumultus der Soldaten, ausgeteiltes Kleingeld, mürrisches Weitermachen, und, wie gesagt, dann: … das Wunder. Mit anschließend seinem Verschwinden aus Julians in den Orientsumpf führenden Lebensweg. Wegen seines Alters (er muss wie der ältere Valentinian um 320 geboren sein) und dem Datum 358 schlossen wir seine Geschichte aus, weil er nicht mehr zu Hilarius gefunden haben konnte, denn 358 weilte der Bischof von Poitiers bereits in Phrygien. Und dass ein gestandener desertierter General ohne vorherigen Kontakt mit einem heiligen Kirchenmann plötzlich seine Mutter bekehren möchte, klingt äußerst abwegig. Dennoch irritiert, dass das Geburtsdatum jenes Severus ziemlich identisch ist mit dem, das in allen Lexika für den Heiligen Martin angeben wird. War der Heilige Martin 335

doch dieser General? Einer, der insofern genau die Biografie des LexikonMartin hatte? 316/317 in Pannonien geboren. Mit einem strengen Vater, der unter Konstantin Militärtribun war. Und 331 den jungen Martin, der einige religiöse Neigungen hatte, schon mit 15 zum Militär gehen ließ, um ihm eine große Karriere zu ermöglichen. Die diesem Jungen auch gelang, er wurde - wobei dahin gestellt sein mag, ob und wann er sein Mantelerlebnis hatte - ein ganze Legionen befehligender Offizier. Bis er 358 gegen Julian rebellierte, um dann bei seinen Eltern in Pannonien unterzutauchen. Wo er 360 erfuhr, dass Julian - in allerdings größeren Stil - jetzt ebenfalls eine Rebellion unternahm. Und durch Illyrien gegen Constantius zu marschieren gedachte. Wobei er unterwegs neue Soldaten rekrutierte. Wodurch sich unser desertierter General plötzlich wieder bedroht fühlte, sodass er sich - und jetzt gewönne die Geschichte jenes Severus in der Tat Balzacsche Dimensionen: aufs höchste gefährdet einen neuen Unterschlupf suchte. Und ihn auch fand, in der Christensekte nämlich rund um Poitiers. Von der er im Offizierskasino gehört haben mochte, denn der gute Hilarius hatte einigen Staub aufgewirbelt. Wobei er es nicht gleich wieder vergaß, weil er im südlichen Gallien mal als Soldat gedient hatte, etwa um den wichtigen aquitanischen Getreidenachschub in Gang zu bringen oder wegen irgendwelcher Familiengeschichten, die sich zufällig in der Gegend abspielten. Und so tauchte der einstige General (unter neuem Namen) dann bei Hilarius unter, wo er sich in Lumpen kleidete und vom Bischof von Poitiers zum Diakon (oder nur Exorzisten) machen ließ. Bis er, nach Hilarius Tod zum Bischof von Tours ernannt (einem Nest mit seinerzeit 1000 Bewohnern), in der Touraine regelrechte Missionierungs-Kampagnen veranstaltete und heidnische Heiligtümer mit der Tatkraft des geborenen Militärs, der wusste wie man Statuen in Staub verwandelt - zumal ihm Spaß machte, gegen Julians Tempel vorzugehen -, systematisch zerstörte. Um in den neunziger Jahren einem gewissen Sulpicius zu begegnen, der ihn einerseits anhimmelte und zum anderen neugierig auf seine Lebensumstände war. Sodass er ihn, in stilisierter Form, einiges über sein Leben wissen ließ. So wie Politiker (oder Nobelpreisträger) Journalisten manchmal was erzählen. Was Sulpicius ein wenig komprimierte, sodass er den Gegenstand seiner Vita, weil es sich besser anhörte oder weil er dessen wahres Alter nicht einschätzen konnte, in einem jüngeren Mann verwandelte. Was Gregor von 336

Tours sowie die Gelehrten des 19.ten Jahrhunderts herausfanden, weshalb sie das Geburtsdatum wieder auf 316 setzten, obwohl es laut Sulpicius 336 war. Aber die Gelehrtenwelt ließ sich von Schwätzern wie Sulpicius nicht täuschen. -2Mögliche Bekanntschaft mit Ammian und Ausonius Kannte Sulpicius das Geschichtswerk Ammians? Hatte er vom „Wunder“ des Severus gelesen? Ammians „res gestae“ beschreiben die Jahre von 353 bis 378, sie enden mit dem Tod von Valens und des älteren Valentinian.350 Und sind voller Sympathie für Julian, während Constantius mehrfach polemisch verurteilt wird. Maximus steht noch nicht auf der Tagesordnung: Gratian wird erst 383 umgebracht, 378 ist er noch der (19-jährige) West-Regent, der Theodosius zum Herrscher des Osten ernennen wird. Sulpicius Geburtsdatum wird mit 363 angegeben, aus welchem Grund immer. Es heißt, er sei aus Aquitanien und habe womöglich Ausonius als Lehrer gehabt. Was sich vermutlich aus erhaltenen Briefen des Paulinus von 351 Nola erschließt, von dem gewiss ist, dass er ein Schüler des Ausonius war. Weiter heißt es, er habe früh seine Frau verloren und sei danach, ha, in ein Kloster eingetreten. Na schön. Das glaub ich nicht. Die Schwiegermutter heißt Bassula und lebte eine Weile in Trier, wie aus einem Brief an sie zu entnehmen ist, worin Sulpicius zunächst herumalbert, um ihr dann einiges vom Tod Martins und dessen Beerdigung zu berichten. Sonderbare Namensähnlichkeit von Bassula und Bissula, dem kleinen Germanenmädchen des Ausonius, die um 370 dem baldigen Konsul (mit 60) wohl Spaß gemacht hat. Derzeit wird sie unter zwanzig gewesen sein. Eine Tochter wäre 385 heiratsfähig; Sulpicius Brief an Bassula verrät Vertraulichkeit und dass sie eine Tratschtante ist, was Sulpicius goutiert, weil sie sein Werk auf diese Weise verbreitet. Ihn freut, dass man seine Sachen weiterplappert. Als einstige Bissula wäre sie 405 knapp über 50, als Ex-Geliebte eines Kon352 suls - dieser nennt sie sogar Alumna, Pflegetochter - vielleicht mit etwas 350 Schluss

Die Teile vor 353 (13 Bücher) sind verloren gegangen, aber 378 war mit Buch 31 definitiv

351 352

siehe Teil 3 dieses Anhangs: "Einiges über Ausonius" Im Widmungsbrief an Axius Paulus, einen Rhetoren aus Bordeaux ist sie "alumna mea", in Bissula 4, 2 "barbara alumna" und in 6, 1 "nostra alumna"

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Vermögen versehen. Könnte also, wie vieles, passen. Aber ziemlich entlegen. Und ohne Konsequenzen … außer sie hätte die Literatur des Ausonius wirklich verstanden … insbesondere deren raffiniert kalkulierte Abgründigkeit … und ein exzellenter Lehrer war Ausonius gewiss … einer der es nicht lassen konnte… *** Gennadius schreibt 495 (also 100 Jahre nach Sulpicius, und 100 Jahre vor Gregor von Tours) in seinem „de viris illustribus“: “The Presbyter Severus, whose cognomen was Sulpicius, belonged to the province of Aquitania. He was a man distinguished both for his family and learning, and was remarkable for his love of poverty and humility. He was also a great friend of some holy men, such as Martin, bishop of Tours, and Paulinus, bishop of Nola; and his works are by no means to be neglected.” Gennadius soll man im Mittelalter viel überarbeitet haben.353 Als Martin und Paulinus sehr prominent waren. Sulpicius 363 also geboren. Und ab frühestens 380 könnte Ammians Werk in Portionen erschienen sein. Wobei es natürlich keine seriöse Rezeptionsgeschichte gibt. Ammian kam um 330 zur Welt, als Kind Antiochias, sei­ nerzeit gerühmt als Lichterstadt. Das Paris des vierten Jahrhunderts. Lebte lange im Umfeld des Militärs, im Gefolge des Generals Ursicinus; in Gallien von 355 bis 357, war er beim Ende der mehrfach hier diskutierten Kölner Usurpation des Silvanus dabei. Im Sommer 358, als Severus an einer Rheinbrücke murrte, jedoch schon wieder im Orient: insofern beim „Wunder-Vorfall“ kein Augenzeuge. Kannte auch die Hunger-Revolte nur vom Hörensagen. Seltsam, dass er das (eigentlich nichtssagende!) Verhalten des Severus trotzdem überlieferte. Entkam 359 den Persern knapp mit dem Leben. Bei der legendären Belagerung von Amida. 360 wurde Ursicinus entlassen. Ammian nahm noch an Julians Perserzug teil. Wo er im Winter 362 /363 die große Hungersnot von Antiochia – die bestdokumentierte der Antike - bezeugte, in deren Verlauf sich Julian wunderte, dass die Syrer sich 353

Gennadius von Marseille, gest. ca. 495; seine "de viris illustribus" wurden als Fortsetzung von Hieronymus gleichnamiger Arbeit gesehen, die 135 Kurzbiografien berühmter Christen versammelt.

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darüber beklagten, dass er ihnen das sich-Betrinken und das Cordax-Tanzen verbot. Schied 363 aus dem Militär aus. Aha: es war also doch möglich, weniger als 25 Jahre zu dienen. Was schreiben die Fach-Lexika nur. Fand man (oder die Kirche) die Dienstverweigerung Martins so schrecklich, dass ihm partout eine ordentliche Verabschiedung spendiert werden musste? Nach dem Abschied bereist Ammian Griechenland, Thrakien und Ägypten. Ach so: das Erdbeben von 365, der Obelisk, den Constantius in Rom aufstellen ließ, Ammians interessante Beschreibung der Hieroglyphen. - Ab 380 in Rom, wo er (unter also Gratian, dann Theodosius und dem jüngeren Valentinian) sein Geschichtswerk zu verfassen begann, dessen Titel nicht erhalten ist. Angeblich aber erst ab 390 „publiziert“. Laut einem Brief des Rhetors Libanios (314-393, der angeblich größte Rhetor jenes Jahrhunderts - puh: 1600 erhaltene Briefe!!!), erfreute sich das Werk „großer Beliebtheit“. Was immer das in der Antike heißen mag.354 Bei Lukrez wird ähnliches aus einem Nebensatz Ciceros geschlossen, der die „Natur der Dinge“ noch nicht mal besonders lobt. Todesdatum zwischen 395 und 400. Überschneidung mit Sulpicius also nicht 100-prozentig ausgeschlossen. *** Dass Sulpicius ein Exemplar in Händen hielt, dennoch unwahrscheinlich, sein militärhistorisches Interesse ist, wie der „Kirchengeschichte“ entnehmbar, gleich Null. Ammians Äußerungen zum Christentum ähnlich beschränkt. Nur wenige Nebengedanken. Das meiste bei einer konfusen Darstellung römischer Angelegenheiten, in die Papst Liberius (nur als Kleriker, nicht mit hohem Titel versehen) um 355 verwickelt war. Und anläss­ lich der (eher wegen ihrer burlesken Komik geschilderten) Papstwahl von 355 366, mit dem lange als Parallelpapst wirkenden Ursinus. 354 ep. 1063 F (zuverlässig datierbar auf 392) ist direkt an Ammian gerichtet. Darin gratuliert Libanios (der des Lateinischen unkundig war) dem Historiker zu den Erfolgen, die dieser in letzter Zeit in Rom gehabt habe (wo Ammian offenbar Teile seines Werkes vortrug), und wünscht ihm - aus Antiochia - viel Glück für die noch fertig zu stellenden Teile. Im Brief wird klar, dass 1.) die "res gestae" 392 noch nicht abgeschlossen waren (allerdings: einzige Quelle); und 2.) dass sie Libanios selber nicht vorliegen hatte und er von den Erfolgen seines Landsmanns (Ammian stammte ja ebenfalls aus Antiochia) nur "von Reisenden" erfuhr. 355 Bei denen Damasus (366-384) als Sieger hervorging (Ammian 27, 3), wobei Ursinus, der offenbar keine Ruh gab, von Gratian etwa 378 nach Köln verbannt wurde, wo der spektakuläre

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Sulpicius „Historia ecclesia“ zum Schluss sogar interessant: die recht modern anmutende Perspektive eines erstaunten Beobachters bei der Synode von Rimini 359 (beeinflusst wohl von seinem Interesse für Hilarius, der ein Zeit-, aber kein Augenzeuge war); ähnlich nüchterne Haltung auch beim Prozess gegen die Priscillianer 385 - damals war Sulpicius 22. Hm, und Bissula knapp über dreißig. Im Alter Priscillas, als sie in Neumagen einem Holzhändler begegnete. Hm, hm … und Ausonius war über die Resultate jenes Trierer Prozesses informiert. War vielleicht sogar persönlich in Trier und wartete auf seine Aburteilung. Sah ein Bild mit einem gekreuzigten 356 Cupido. -- Außerdem war Sulpicius der Name von Ausonius Neffen bekannt, dessen Tochter ein aufgelegter Brief Martins angeblich von einem Fieberanfall heilte. Paulinus von Nola wurde von Martin wiederum, vermutlich 390 in Vienne357, von einer Augenempfindlichkeit geheilt.358 Wobei es zudem einen recht umfangreichen Briefwechsel (datierbar 394 - 403) 359 zwischen Paulinus und Sulpicius gibt. Alles Ausdruck wohl eines Netzwerks unter den Ausonius-Schülern, das dessen jüngere Verwandte und den späteren Autor der Vita Martini einschloss. Wenn Ausonius Bissula freigelassen haben sollte360 und eine Tochter von ihr hatte, mag schon sein, dass jemand diese geheiratet hat, nachdem der Vater sie anerkannte und ihr eine Mitgift spendierte, etwa in Form eines Landguts. Dann wäre sie die Tochter eines Konsuls, eine gute Partie also, bei der man in eine angesehene Familie einheiratet. Aha, stimmt auf verdrehte Art mit den durch Paulinus übermittelten Lebensdaten des Sulpicius überein: 1.) dass dieser etwas jünger als Paulinus war361; 2.) dass er eine Advokatenkarriere absolviert und in eine konsularische Familie eingeheiratet hätte, wobei er per Ehe Vermögen erwarb.362 Zentralbau von St. Gereon (dessen ursprüngliche Funktion hochumstritten ist) inzwischen Gestalt angenommen hatte. 356 Magnus Arborius aus Bordeaux, ein Neffe des Ausonius, 379 comes sacrarum largitionum, 380 praefectus praetorio in Rom. Zuzeiten der Abfassung der Dialoge nach Dial. III, 10. 6 noch am Leben (405) 357 Paulinus, Ep. 18, 9 358 beides in Vita M. 19 359 Paul. Nol. Ep. 1, 5, 11, 17, 22-24, 27-32 360 Wie in Bissula III (stolz) mehrfach verkündet 361 Paul. Nol. Ep 5.4 - mihi aetas provectior - also etwa 360 geboren

362 in ipso adhoc mundi theatro, id est, fori celebritate diversans et facundi nominis palmam

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Was Sulpicius zu einem leicht schrägen Schwiegersohn machen würde, der schamhaft gern einiges verschwieg, weil die neue Schwiegermutter (mit der er sich auf Anhieb verstand) einst eine germanische Sex-Sklavin war, die sich nun lieber Bassula nannte.363 Ja, eine mit der er sich sogar so gut verstand, dass er sich von ihr auch nicht zu trennen gedachte, als seine Frau 392 sehr jung noch starb. Damals wäre Bissula-Bassula dann an die 40. Und er 29. Einer, der keine Lust hatte, wieder zu heiraten.364 Und sich fortan reli365 giösen Fragen widmen konnte ; bzw. einer möglichen neuen Karriere, bei der ihm keine zickige Gattin in die Quere kam. Und für Sonstiges hatte er fürs erste die gute Bassula, die ein Konsul so stark verehrt hatte, dass er ihr einen Gedichtzyklus schrieb… Oder war Ausonius solch fürsorgliches Verhalten gegenüber einer einstigen Geliebten nicht zuzutrauen? Hatte er sie stattdessen (wie jener Lyoner Tuchhändler einst unsere Priscilla) einfach weiterverkauft, nachdem er ihr ein bisschen Ovid beigebracht und dann keine Lust mehr auf sie hatte? Oder schmiss er sie schlicht (gleich einem Präservativ) in den nächstgelegenen Graben, wie der Kasino-Ton seines Cento nuptialis ebenfalls nahelegen könnte? Wer will es wissen. Aber da wir ihm (als gewissermaßen letzten heidnischen Humanisten) nur das Beste zutrauen - und er seinen Kindern gegenüber, wie in den Familiengedichten verlautet, äußerst fürsorglich eingestellt war -, wollen wir hoffen, dass er dies auch gegenüber Bissula und einer möglichen Tochter praktizierte. hm, leider steht in Sulpicius Brief an jene Bassula: „Ich war in Toulouse, du befandest dich zu Trier und warst soweit vom heimatlichen Boden getrennt, dass sich dein Sohn darüber beunruhigte.“ -- könnte ungenau übersetzt sein. Englisch: „For, as I was situated at Toulouse, while you were dwelling at Treves, and were so far distant from your native land, owing to the anxiety felt on account of your son, what opportunity, I should like to know, did you avail yourself of, to get hold of…” -------------------------------------------------------------------------tenens … - divitiae de matrimonio familiae consularis aggestae - Paul. Nol. Ep. 5.5 363 Paul. Nol. Ep. 5.6 364 Wie es Ausonius nach dem Tod der eigenen Gattin ja ebenfalls praktizierte. Und ein Horaz zog die Gemeinschaft mit Freigelassenen (plural) bekanntlich ohnehin einer Ehe vor. 365 Paul. Nol. Ep. 1, 5, 17

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Montag 28. April, 2008 warme Tage … in der Zeitung ein Artikel über den ANZAC-Day, bei dem über 20 Tausend (überwiegend junge) Australier zu jedem 28. April - übrigens der Tag, an dem mein Vater (mit 23) im umkämpften Berlin aus der Hitler-Wehrmacht desertierte - auf die türkische Gallipoli-Halbinsel reisen, um dort der Toten eines idiotischen Militärunternehmens zu gedenken, auf Grund dessen Winston Churchill (der es veranlasst hatte) 1915 zurücktreten musste. Wobei mich völlig verblüfft, dass mir Tränen durch die Augen schießen, als ich den Artikel lese. Kann dies nicht verstehen. Warum weine ich bei sowas? Weil die Australier sich dort an Europa binden wollen? Und auch ein sinnloses Opfer feiern, dass sie (auf vielen Umwegen) zur Nation machte? Ein Opfer, nach dem die Australier und Neuseeländer zum ersten Mal “Ich” sagen konnten? Erst warens nur wenige, die sich da versammelten (und über Nacht in Schlafsäcken dicht wie argentinische Seelöwen beieinander schliefen, um gemeinsam den Sonnenaufgang zu erwarten), aber nachdem der letzte direkt beteiligte Veteran mit 103 starb, wurden es von Jahr zu Jahr deutlich mehr. Sodass junge Australier nun damit oft ihren Europatrip einleiten: griechische Inseln, Italien, Ibiza, die corrida Pamplonas … und dann zurück in die Unterwelt … ach, wahrscheinlich bin ich nur erschöpft von all diesem Schreiben, ich muss aufhören mit dem wirren, antiken Zeugs … Meine Frau betrachtet, das was ich da tu, nun sogar schon mit mäßigen Wohlwollen, sie unterlässt jedenfalls gehässige Attacken, das fehlt mir richtig … na, mir ists recht; in ihrem Garten, außer einer lustigen Gruppe vornehm tuender Tulpen, auf mehreren Quadratmeter flächendeckend hingestreut, jetzt ein lieblich heiterer, blauzarter Vergissmeinnicht-Teppich … ich muss in zwei Tagen fertig sein, sonst komme ich (wegen dieses verfluchten Konflikts mit dem Finanzamt) ins Gefängnis. Aber das Gebäude des Buches steht, nur dieses, leider nicht sehr leichte, Kapitel - zum Teufel mit diesem Sulpicius! … gilt es, noch zu beenden… ----------------------------------------------------------------------------------

--- eher nicht …. falsche Fährte, Bassula scheint ebenfalls aus dem Süden 366 zu kommen, aus der Provinz Narbonensis , im Osten Aquitaniens, also kein süßes Germanenmädchen, das sich nach der Liaison mit einem Konsul erfolgreichst assimilierte … schade … hier also kein Fenster zu einer möglichen Autorenseele, durch welches sich uns mehr von der verborgenen, evtl. bösen Wahrheit erschließt; aber interessant, wie ein einziger (im UrKontext eigentlich überflüssiger) Satz ganze Theorien zu beerdigen versteht. 366

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Paul. Nol. Ep. 1, in dem die Narbonensis als Wohngegend des Sulpicius angesprochen wird

--- ergo: Lektüre Ammians seitens Sulpicius nicht ganz unmöglich (vielleicht einiges mitgekriegt per Hörensagen), nahe Bekanntschaft zu Ausonius per Heirat mit Bissulas Tochter extrem unwahrscheinlich. Schade … -- also die Tretmühle, die sorgfältige Analyse. Was genau schreibt Sulpicius über Martin, wie vertrauenswürdig ist es, was gibt es an unauffälligen Nebenmotiven, die eine Beziehung zu diesem Severus aufhellen könnten. -3Authentizität und Material der Vita Zunächst die Vita, die - trotz partieller Phantastik - im Lebensoberflächlichen relativ genau sein dürfte (was wir z.T. ja bis ins Detail überprüften), da sie zu Lebzeiten Martins angefertigt wurde, wodurch sich offenkundiger Unsinn korrigiert hätte. Also, trotz spiritueller Übertreibung, von allen Äußerungen des Sulpicius der trivial-äußeren Wahrheit wohl am nächsten. Paulinus von Nola schrieb zur Vita in einem erhaltenen Brief 367: “It certainly would not have been given to thee to draw up an account of Martin, unless by a pure heart thou hadst rendered thy mouth worthy of uttering his sacred praises. Thou art blessed, therefore, of the Lord, inasmuch as thou hast been able, in worthy style, and with proper feeling, to complete the history of so great a priest, and so illustrious a confessor. Blessed, too, is he, in accordance with his merits, who has obtained a historian worthy of his faith and of his life; and who has become consecrated to the Divine glory by his own virtues, and to human memory by thy narrative regarding him.” Wobei, zunächst fiel mir das gar nicht auf, ein wenig irritiert, dass die Vita mit etlichen Anfeindungen schließt: Wir haben in der Tat manche kennen gelernt, die sein Tugendleben mit scheelem Auge betrachteten, die an ihm hassten, was sie an sich vermissten und nicht zu imitieren vermochten. Ja, es ist traurig und beklagenswert: generell nannte man als seine Gegner - es waren freilich nur wenige - fast nur Bischöfe. Ich brauche keine Namen zu nennen, obwohl viele mich angeifern. Mir ist genug, wenn jemand, der dies liest, zur Einsicht kommt und ihm dann die Scham ins Gesicht steigt. Denn 367 Paul. Nol. Ep. 5

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wer aufbraust, zeigt, dass er sich getroffen fühlt, obwohl ich vielleicht an andere dachte. Mich schreckt jedenfalls nicht, wenn solche Leute auch mich mit demsel368 ben Hass wie diesen Heiligen verfolgen sollten.

Was ist darin an Substanz? 1. ) Lebensdaten: frühe Sachen (Militär, Amiens, Julian, Hilarius 1, Pannonien, Italien, Hilarius 2) fürs erste geklärt; bei Hilarius 2 in Poitiers fällt auf, dass, außer zwei sonderbaren Wiedererweckungen keine Taten Martins berichtet werden; 371 dann Bischof von Tours; 385 Besuch bei Kaiser Maximus in Trier (nur Essenseinladung, Priscillian-Interaktion erscheint erst in der Historia ecclesia und den Dialogen!); 390 heilt er Paulinus von einem Augenleiden in Vienne (die Begegnung kann nicht ganz aus der Luft gegriffen sein, da Paulinus die Vita las); 397 Tod (laut Gregor von Tours, insofern - wie das Datum der Bischofswahl - wohl auf lokale Kirchenarchive zurückgehend). 2.) Äußeres: vita 9: Ungefähr zur selben Zeit wurde er auf dem bischöflichen Stuhl von Tours verlangt … - Sie sagten, Martin sei eine verachtenswerte Persönlichkeit, ein Mann von so unansehnlichem Äußern, mit so armseligen Kleidern und ungepflegtem Haar, sei der bischöflichen Würde nicht wert; vita 10: Im Vollbesitz seiner Macht und Weihegnade, ward er der Stellung eines Bischofs durchaus gerecht, verlor aber dabei das Tugendstreben eines Mönches nicht aus dem Auge. Eine Zeitlang bewohnte er eine Zelle, die an die Kirche stieß. Indes, er konnte die Belästigung durch die häufigen Besuche nicht ertragen; deshalb erbaute er sich etwa zwei Meilen außerhalb der Stadt ein Klösterlein … - Martin hatte eine rohgezimmerte Zelle, ebenso auch viele seiner Brüder. Manche hatten den Fels des überhängenden Berges ausgehöhlt und sich so Wohnstätten geschaffen. Es waren ihrer gegen achtzig Jünger … - Keiner besaß dort Eigentum, alles war Gemeingut. Keiner durfte etwas kaufen oder verkaufen, wie dies bei den Mönchen vielfach üblich ist. Handarbeit wurde nicht betrieben, das Bücherschreiben ausgenommen; für dieses Geschäft benutzte man jedoch nur die Jüngeren, die Älteren lagen ausschließlich dem Gebete ob; … - Die meisten trugen ein Gewand aus Kamelhaaren; feinere Kleider zu tragen, galt dort als Vergehen.

368

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Vita M. 27

3.) Teufelsbegegnungen: vita 6: Auf der Weiterreise //nach Pannonien// kam Martin an Mailand vorbei. Dort machte sich unterwegs der Teufel in Menschengestalt an ihn heran und fragte, wohin er gehe. Martin gab zur Antwort, dorthin, wohin ihn der Herr rufe. Darauf jener: „Du magst gehen, wohin du willst, magst unternehmen, was du willst, immer wird der Teufel dir übel mitspielen“. Da erwiderte ihm Martin mit den Worten des Propheten: „Der Herr ist mein Beistand, ich fürchte nicht der Menschen Anschläge wider mich“. Im selben Augenblick verschwand der Feind aus seinen Augen … Teufel hier alter ego, Ausdruck eines Selbstgespräches. Ersetzt das Wort „Ich“, repräsentiert also den verborgenen Teil der eigenen Seele. Weil das klassische Ich platonisch rein bleiben muss. Hochinteressant. Einen ganzen Aufsatz wert. Haha, auch unter Berücksichtigung der dann lustig werdenden Gleichung „Hitler = Teufel“ … des Teufels General (Stück von Zuckmayer, verfilmt mit Curd Jürgens) … jener im Rheinland desertierende Severus war, ha, auch der General eines Teufels (namens Julian) vita 17: zwei Teufelsaustreibungen, ein Knecht und ein Koch; in vita 21 wird eine angebliche Teufelsaktion auf etwas Banales reduziert: Einmal stürmte er //der Teufel// mit einem blutigen Ochsenhorn in der Hand unter Lärm in seine //Martins// Zelle, zeigte seine blutige Rechte und triumphierte ob seines neuen Verbrechens: „Martin, wo ist deine Macht? Soeben habe ich einen deiner Leute ums Leben gebracht“. Martinus rief die Brüder zusammen … und ließ sie in überall im Kloster nachsehen, wen dieser Unfall betroffen haben könnte. Keiner der Mönche fehlte, aber es sei ein Bauer, den man gedungen habe, Holz auf einem Wagen zu holen, in den Wald gefahren. Martin ordnete an, dass ihm einige entgegenfahren sollten. Man fand ihn nah am Kloster, fast tot … doch konnte er den Brüdern noch die Ursache seiner tödlichen Verletzung angeben: er habe bei den angeschirrten Ochsen die locker gewordenen Riemen straffer anziehen wollen, als eins der Tiere plötzlich mit dem Kopf stieß und ihm das Horn in die Weichteile bohrte. Bald hernach verschied der Mann; vita 22: Auf tausenderlei Weise versuchte der Teufel dem Heiligen zu schaden; vita 23: Sicherlich ist der Wunderkraft Martins auch zuzuschreiben, dass der Teufel sein Blendwerk nicht mehr verheimlichen und verbergen konnte, sobald es Martin vor Augen kam. Ein Teufelsverdacht bei einem Bauer wird also als Real-Unfall enttarnt 345

(vita 21), einen seiner Mönche demaskiert er (vita 23). Aber im Folgenden wieder der Alter-Ego-Teufel, in einer Vision, die der Analyse wert zu sein scheint, ohne dass ich den Schlüssel finde: vita 24: Ich darf nicht übergehen, auf welch schlaue Weise der Teufel damals Martin versuchte. Eines Tages stand er in der Zelle, während er betete. Davon ganz umflossen, strahlte er Purpurlicht aus, als hoffte er, mit diesem erborgten Lichtglanz leichter täuschen zu können. Ein Königsmantel umwallte ihn, wobei er ein edelsteinfunkelndes, goldenes Diadem auf dem Haupt trug und die Schuhe golddurchwirkt waren; so gewinnend war seine Miene, so freundlich sein Antlitz, dass man alles andere als den Teufel in ihm vermuten musste. Zunächst war Martin höchst überrascht und beide schwiegen geraume Zeit. Dann begann der Teufel zuerst: „Erkenne, wen du vor dir erblickst. Ich bin Christus. Da ich im Begriff bin, auf die Erde herniederzusteigen, wollte ich mich dir zuerst offenbaren“. Martin schwieg und antwortete mit keiner Silbe. Da hatte der Teufel die Frechheit, sein frevelhaftes Bekenntnis zu wiederholen: „Martin, warum zweifelst du. Glaube doch, da deine Augen es ja schauen? Ich bin Christus“. Da ward Martin durch eine Geistesoffenbarung kund, dass der Teufel vor ihm stehe, nicht Gott. Daher sprach er: „Jesus, unser Herr, hat nicht gesagt, dass er im Purpur und im Glänze einer Krone wiederkommen werde. Ich kann nicht glauben, dass Christus anders gekommen wäre als in jener Haltung und äußeren Gestalt, so wie er gelitten, als mit den Wundmalen des Kreuzes“. Bei diesen Worten verschwand der Teufel plötzlich wie Rauch und erfüllte die Zelle mit üblem Geruch. 4.) Wunder: vita 5: bei Alpenüberquerung rettet ihn wer vor einem tödlichen Streich mit der Axt; er bekehrt einen Räuber, der ihn gefesselt hat; vita 6: Damals //auf der Insel Gallimara // aß er ein Gericht von Nieswurz, die für giftig gilt. Schon spürte er im Leib die Wirkung des Giftes; war schon am Rande des Grabes, da wehrte er der drohenden Gefahr durch sein Gebet, und sogleich verlor sich aller Schmerz; Also Wunder, die seine eigene Unversehrtheit betrafen. Mit Todesängsten verknüpft. Und lebensgefährlichen Situationen, denen - wir haben ja einiges nachgezeichnet - er grad so entkam. Was wirklich ein Wunder war. Das größte aller Wunder, die ihm begegnen sollten: von Pavia über Worms nach Poitiers. Oder im (aktuelleren) Falle des nobelpreisgekrönten Günther 346

Grass: von der SS ins Nachkriegs-Paris (oder, im Fall meines Vaters: vom umkämpften Berlin, damit ich nicht vaterlos bliebe, ins Dorf meiner Geburt). vita 7: in Poitiers baute er „sich unfern der Stadt // also im heutigen Ligugé // eine Zelle. Damals schloss sich ihm ein Katechumene an, der den Wunsch hatte, bei dem heiligen Mann die Schule der Vollkommenheit durchzumachen. Er erkrankte aber nach wenigen Tagen und wurde von heftigem Fieber gequält. Martin war gerade nun nicht da. Drei Tage blieb er weg. Bei der Rückkehr fand er ihn schon tot vor. Der Mann war ohne Taufe aus dem Leben geschieden, so unversehens trat der Tod ein. Die Leiche war aufgebahrt; die Brüder umstanden sie in trauernder Liebe. Da kam Martin, weinend und seufzend. Und spürte in seinem Innersten das Wehen des Heiligen Geistes. Er gebot den andern, die Totenzelle zu verlassen und verriegelte die Tür. Dann legte er sich über die starren Glieder des Verstorbenen und betete eine Zeitlang voll Inbrunst“ Ein Transfer der eigenen Todeserfahrung auf einen Freund. Dass er sich auf ihn legt und so mit ihm eins wird, ist ein sehr schönes Bild. In dem er sich selbst im Gefährten erkennt. Er teilt nicht nur dem Mantel, sondern auch die Todes-Erfahrung. Und haucht ihm (bei verschlossener Tür) dadurch wieder Leben ein. Die homosexuelle Komponente augenfällig, wie nach Amiens beim Zeltkameraden, aber wohl bedeutungslos, eher wie bei Kleist und dem späteren preußischen Verteidigungsminister von Pfuel: aus dem Militärischen fürs Militärische. Wollte Hieronymus seine Paula auf diese Manier ins Leben zurückbringen, würde es sofort anders aussehn. Nicht meine Sache. Interessant, dass dieses nicht bloß die Hand-, sondern gleich den ganzen Körperauflegen in Tours aufhört. Gleiche Struktur indes beim nächsten Poitivischen Wunder: vita 8: am Landgut eines gewissen Lupicinus hat sich einer aufgehängt. „Darauf ging Martin in die Kammer, wo die Leiche lag. Er wies alle Leute hinaus, legte sich über die Leiche und betete eine Weile. Bald färbte sich das Gesicht des Toten mit frischer Lebensfarbe: noch müde richtete er sein Auge auf das Angesicht des Heiligen und versuchte langsam, sich zu erheben.“ Diesmal Ausdruck womöglich eigener Selbstmordgedanken, da er sich in Poitiers bestimmt oft noch verlassen fühlte. Martin sagt später369, seine 369

allerdings nur Dialogi II, 4

347

Wunderkraft sei nach der Ernennung zum Bischof schwächer geworden, nachdem er also nicht mehr von gleich zu gleich heilen konnte. Sondern nur noch mit (nunmehr unlebensmüder) hierarchischer Distanz. vita 11: an einer Andacht-Stätte // bei Tours //, an der ein Märtyrer verehrt wird, beschwört er den Geist des hier Angebeteten, der gleich zugibt, ein Verbrecher zu sein // Heiligkeit also als gefährliches Spiel mit Angst vor Entlarvung//; vita 12: er gebietet einem Leichenzug Einhalt, weil er ihn irrtümlich für eine heidnische Prozession hält und lässt ihn dann weitergehen; in vita 13 wird er beim Fällen einer Föhre von dieser nicht, wie jeder erwartete, getroffen; in vita 14 gebietet er Feuer Einhalt; vita 15 lässt ihn 2 Mordanschläge von Heiden überstehen, deren Waffen unwirksam werden; in vita 16 heilt er ein sterbendes Mädchen, wehrt sich indes dagegen, dass man von ihm Heilkräfte erwartet: er sei nicht würdig, dass Gott durch ihn Wunder wirke; vita 18: beim Aufkommen des Gerüchts, die Barbaren würden einfallen, lässt Martin einen Besessenen bekennen, dass an dem Gerücht nichts dran sei; in vita 19 finden sich 3 Krankenheilungen (darunter eine Auto-Heilung, also eine an sich selbst); und, das ist interessant, auch eine an einem fieberkranken Mädchen, das, wies so kommt, die Tochter eines gewissen Arborius ist, als „ehemaliger Präfekt“ immerhin ein Neffe des Dichters Ausonius.370 Generell ist Martin bei Wundern (außer solchen, bei denen er selber gewissermaßen „Opfer“ war) aber eher skeptisch. 5.) Überlieferte Worte: erstaunlich wenig, die Äußerungen wirken zufällig, ohne System; der Heilige Martin beeindruckt durch seine Präsenz und sein Tun. nach der Auseinandersetzung mit Julian, die wir ausführlich besprachen, gibt es (als habe er sich da erschöpft und wolle nun bloß noch schweigen) nur noch: vita 6: bei Teufelsbegegnung Mailand: Da erwiderte ihm Martin mit den Worten des Propheten: „Der Herr ist mein Beistand, ich fürchte nicht der Menschen 370

Rom.

348

Magnus Arborius aus Bordeaux, 379 Comes rerum privatum, 380 Praefectus praetorio in

Anschläge wider mich“. in vita 16 heilt er ein sterbendes Mädchen und wehrt sich dagegen, dass man von ihm Heilkräfte erwartet: der Greis beurteile ihn falsch; er sei nicht würdig, dass Gott durch ihn ein Wunder wirke. in vita 17 bei einer Teufelsaustreibung: Martin legte ihm seine Finger in den Mund. „Vermagst du etwas“, sprach er, „so verschlinge sie“ . Vita 22: Einige der Brüder bezeugten, sie hätten gehört, wie der Teufel den Heiligen mit rohen Worten anfuhr, weil er manchen Brüdern, die infolge vielfacher Verirrungen die Taufgnade verloren hatten, später nach ihrer Bekehrung Aufnahme gewährt habe. Dabei habe der Teufel die Fehltritte der einzelnen aufgezählt. Martin habe widersprochen und mit aller Entschiedenheit geantwortet, die alten Sünden würden durch frömmeren Wandel getilgt; um der Barmherzigkeit Gottes willen müssten alle jene losgesprochen werden, die von ihren Sünden abgelassen hätten. Der Teufel habe den Einwand gemacht, Verbrecher könnten keine Vergebung erlangen; wer einmal gefallen sei, dem könne der Herr kein Erbarmen mehr angedeihen lassen. Da soll Martin ungefähr ausgerufen haben: „Wenn du Elender selbst davon abließest, die Menschen anzufeinden und wenigstens jetzt, da der Tag des Gerichts ganz nahe ist, über dein Treiben Reue empfändest, dann würde ich fest auf den Herrn Jesus Christus bauen und dir Begnadigung in Aussicht stellen“. in vita 24 sagt er bei der bereits zitierten Teufelsbegegnung: „Jesus, unser Herr, hat nicht gesagt, dass er im Purpur und im Glänze einer Krone wiederkommen werde. Ich kann nicht glauben, dass Christus anders gekommen wäre als in jener Haltung und äußeren Gestalt, so wie er gelitten, als mit den Wundmalen des Kreuzes“. in vita 25 gibt er, von Sulpicius wieder in indirekter Rede referiert, die elementaren Gedankengänge des Paulinus wieder (ähnlich auch im Briefwechsel Paulinus / Ausonius zu finden): Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel aus unserer Zeit stellte er uns den oben erwähnten, hochangesehenen Paulinus vor Augen. Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen 349

die Weisungen des Evangeliums befolgt habe. Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden. Unser Jahrhundert sei ob eines Mannes von solchem Glauben und Tugendbeispiel glücklich zu preisen. Entsprechend dem Ausspruche Christi habe ja der reiche und begüterte Mann all das Seine verkauft und den Erlös an die Armen verteilt und so, was unmöglich schien, durch sein Beispiel möglich gemacht. Welch würdevoller Ernst lag dabei in seinen Worten und Gesprächen //kein Wunder, dass Paulinus von der Vita begeistert war.// Vita 26: Er hatte sich ja bei allen Beleidigungen eine solche Geduld zur Gewohnheit gemacht, dass er, obwohl Bischof, selbst von niederen Klerikern, ohne zu strafen, Beleidigungen hinnahm; keinen entsetzte er deshalb je seines Amtes, noch schloss er einen, soviel an ihm lag, von seiner Liebe aus. Vita 27: Niemand hat ihn je zornig, aufgeregt, traurig, niemand lachen gesehen. 6. Martin bei Kaiser Maximus in Trier in der Vita (Kap. 20) wird nur erzählt, dass es in Trier zu einem Essen mit u. a. dem Kaiser, einem Präfekten (und späteren Konsul), 2 Comites, dem Bruder und dem Onkel des Kaisers, sowie Martin kam, der von einem seiner Priester begleitet wurde. Sulpicius beginnt, zu Zeiten der Nachfolger des Theodosius (der Maximus 388 ja hatte hinrichten lassen), politisch korrekt: Er schlug auch die oft wiederholte Einladung zur Tafel ab mit der Begründung, er könne sich nicht mit dem zu Tische setzen, der zwei Kaiser beraubt habe, den einen des Thrones, den anderen des Lebens es folgt der Verlauf dieses Treffens, wobei die Konzentriertheit auf Martin gewiss ein Phantasie-Szenario darstellt: Durch solche Gründe und Bitten ließ sich Martin schließlich doch noch bestimmen, bei der Tafel zu erscheinen. Der Kaiser war über diesen Erfolg hocherfreut. Hohe und angesehene Männer fanden sich als Gäste ein, als wären sie zu einem Feste gerufen. Unter ihnen waren der Präfekt und Konsul Evodius, ein Muster aller 350

Gerechtigkeit, und zwei Comites, die höchste Ämter bekleideten, sowie der Bruder und der Onkel des Kaisers.371 Zwischen diesen beiden nahm der Priester des Martin Platz. Martin selbst saß neben dem Kaiser. Die Tafel war ungefähr halb vorüber, da reichte der Diener der Sitte gemäß dem Kaiser die Trinkschale. Dieser befahl, man solle die Schale lieber dem heiligen Bischof reichen; denn er brannte vor Verlangen, sie aus der Hand Martins zu empfangen. Indes Martin trank und die Schale dann seinem Priester gab. Er war nämlich der Ansicht, kein anderer sei würdiger, nach ihm zuerst zu trinken; er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinen, wenn er den Kaiser oder jemand aus dessen nächsten Umgebung dem Priester vorzöge. Darüber verwunderten sich der Kaiser und alle Gäste so sehr, dass sie an dieser Zurücksetzung sogar Gefallen fanden. Im ganzen Palast bildete es das allgemeine Gespräch, Martin habe bei der kaiserlichen Tafel gewagt, was kein Bischof bei der Tafel niederer Beamten sich herausgenommen hätte. Martin äußert übrigens kein Wort, jedenfalls ist wieder nichts überliefert, frei nach dem Motto: Niemand hat ihn je zornig, aufgeregt, traurig, niemand lachen gesehen. Wobei man bei der Szene ohnehin eher denkt, dass ihm gewisse Etikette-Regeln nicht geläufig waren. damit tritt Martin in eine gewisse Wechselwirkung mit „unserer Erzählung“, schon durch die Beschreibung der steifen Atmosphäre so eines Banketts in den höchsten Kreisen: Kaiser, Kaiserbruder und -onkel, Präfekt, sie sitzen inmitten einer Schar von Höflingen im Trierer Palast (wohl der sogenannten heutigen Palast-Aula), wobei Martin mit einem seiner Priester eingeladen wurde. Wobei laut Sulpicius - obwohl er natürlich übertrieb - ein gewisser Respekt vor dem Christentum herrschte, in dem sich die Herrschaften mit einer gewissen Steifheit zuprosteten. Was, sobald die Kirchenvertreter die Räume verließen, gewiss rasch ein wenig burlesker sich anschauen ließ, insbesondere, wenn das Offizielle vorbei war. Sodass die gleichen Räumlichkeiten, wenn dann auch Tänzerinnen erscheinen, auch Begegnungen wie die zwischen Priscilla und dem Bürokraten hatten bezeugen können, bei denen auch die Chargen des vorherigen Geschehens ein bisschen richtigen Spaß haben wollten.

371 (Vita M. 20. 4) convivae autem aderant, velut ad diem festum evocati, summi atque illustres viri, praefectus idemque consul Euodius, vir quo nihil umquam iustius fuit, comites duo summa potestate praediti, frater regis et patruus

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-4Tolle-Scribe Klar scheint, dass die Vita in den letzten Jahren Martins verfasst wurde. Mehrfach Aufschluss geben die drei von Sulpicius erhaltenen Briefe. Am zeitnahesten wirkt der an einen Diakon namens Aurelius gerichtete.372 Er beginnt mit einem Traum, worin Sulpicius den Heiligen Martin (mit schlechtem Gewissen) wegen der Vita um ein Urteil bittet. Das er insofern bislang nicht erhalten haben dürfte. Aber auch im Traum segnete ihn der Heilige bloß, um dann (mit dem fertigen Buch in der Hand) plötzlich gen Himmel zu fahren. Worauf Sulpicius erwacht und von einem Diener erfährt, Martin sei grad gestorben. Im Rest des Schreibens, das sich insofern aufs Jahr 397/398 datieren lässt, ist, in zum Teil ergreifenden Worten, ausführlich von seiner Trauer die Rede. Ergänzt wird der Inhalt dieses Briefes durch den mehrfach bereits diskutierten an Bassula373, worin er sich bei seiner lieben Schwiegermutter zunächst darüber beschwert, dass ihr sogar von Trier aus gelungen sei, sich ep. 2 zu beschaffen, kaum dass er aus Toulouse abgeschickt war, und ihn, wie 374 bereits andere seiner „Träumereien“, in ihrem Bekanntenkreis verbreite. Aber offenbar habe sie „seine Schreiber“ bestochen, worüber er sich indes nicht beklagt, da sie diese ja ohnehin finanziere.375 Der Ton ist äußerst vertraut und scherzhaft, ihm gefällt, wie gesagt, dass seine Träumereien unter die Leute geraten. Anschließend erzählt er, auf die in ihrem vorherigen 376 Brief geäußerte Bitte , vom Tod Martins, den sie wohl erst durch die Lek372 373 374

Sulpicius Severus, ep. 2, verfasst, wie aus ep. 3 hervorgeht, in Toulouse Sulpicius Severus, ep. 3 Derzeit nicht ungewöhnlich: dem Feldherrn Moderatos schreibt Libanios (ep. 1059 F) in Bezug auf dessen vorherigen Brief, er sei "unseren Freunden gezeigt worden und denen, die nicht unsere Freunde sind; den einen, damit sie sich freuen, den anderen, damit sie daran ersticken."

375 "Du hast ja meine Schreiber bestochen; sie spielen dir meine wertlosen Träumereien in die Hände. Doch nicht gegen diese kann ich mich ereifern, wenn sie dir zu Willen sind; brachte sie ja gerade deine Freigebigkeit in meinen Dienst, und deshalb mussten sie sich mehr als deine denn meine Diener betrachten. Du allein trägst die Schuld, du allein verdienst Strafe. Mich hintergehst du, und jene umgarnst du, dass sie dir ohne Auswahl vertrauliche oder nachlässig hingeworfene Zeilen ausliefern, bevor sie gehörig durchgearbeitet und gefeilt sind. - (ep. 3, deutsche Übersetzung auch der beiden anderen Briefe und der “Dialogi“ public domain in der “Bibliothek der Kirchenväter“ (BKV), einer inzwischen im Netz stehenden Buchreihe patristischer Werke)

376 "Ich habe ja von dir einen Brief erhalten, darin sagst du, jenes Schreiben, in dem ich auf den Tod des hl. Martin zu sprechen kam, hätte grad den Hingang des heiligen Mannes schildern

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türe von ep. 2 mitbekam. Wobei man meint, Sulpicius habe in Bassulas Brief nicht das „tolle-lege“, das „Nimm und Lies“, des Heiligen Augustinus vernommen, sondern ein heiter durch den Raum an ihn heranschwebendes „tolle-scribe“, das ihn unmissverständlich auffordert, die Feder zu ergreifen und sich schreibend ins Zeugs zu legen.377 Genau das tat er bei der Schilderung von Martins Tod in Candes (inklusive etlicher letzter Worte) mitsamt einer triumphalen Beerdigung in Tours, wobei er, der Ton bleibt heiter, die Freude an der eigenen Fabulierlust (und deren Eleganz) nicht zurückhalten kann. Und die Authentizität des Ganzen - sogar verglichen mit dem wohl auf Legenden zurückgehenden späteren Bericht Gregors378 - eher fragwürdig ist. Aber offenbar weiß er, dass seine Schwiegermutter Spaß an seinen ausgemalten „Träumereien“ hat, zu denen er auch Teile der Vita zählt. Diese wird zwar nicht ausdrücklich erwähnt, da sie aber als fertiges Buch per ep. 2 importiert wird, dürfte sie Bassula derzeit vermutlich gründlicher noch bekannt gewesen sein als dem im vorigen Brief adressierten Diakon. Dass sie bereits nahezu fertig vorgelegen haben muss, verrät sich auch dadurch, dass der Bericht über Martins Sterben und die Beerdigung (der ja einen sinnvollen Abschluss bilden würde), nicht an Stelle des zwieträchtigen Finales in die Vita integriert wurde, sondern ihr bloß als Brief-Anhang beiliegt. Wobei die in diesem Anhang aufperlende Champagnerlaune - sie macht den Eindruck, als sei Sulpicius froh, nach dem Tod Martins endlich aus dessen Schatten treten und frei schreiben zu können - etwas für die Antike sehr Seltenes darstellt, etwas sonderbar zart modern Menschliches. Und ep. 1 gilt schließlich jemandem namens Eusebius. Darin wird - zwar mit einem gewissen Stolz, aber doch nebenbei - von einem gewissen Erfolg der Vita in Mönchskreisen berichtet, die somit nun in einer sich verbreiten379 den Standardversion vorliegen dürfte. Um dann zur ausführlichen (stilisollen." - ep. 3 377 "Willst du also etwas über den Tod des heiligen Bischofs erfahren, erkundige dich lieber bei denen, die dabei waren. Ich hab mir fest vorgenommen, dir nichts zu schreiben, damit du mich nicht in aller Leute Mund bringst. Und doch will ich kurz deinem Wunsche nachgeben, wenn du mir das Versprechen gibst, es niemandem vorzulesen. Unter dieser Bedingung lass ich dich wissen, was ich erfuhr." - ep. 3 Gregor von Tours I, 18 378 379 "Gestern besuchten mich mehrere Mönche. Wir redeten über dies und jenes. Da kamen

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stisch wieder elaborierten) Schilderung eines Feuerwunders überzugehen, was wohl die Dialogi vorbereitet, in denen in größerem Format auf den Wunsch nach neuen Wundern Martins reagiert wird. Was insofern alles einschließlich der, wie wir noch sehen werden, trotz des nüchternen Scheins in vermutlich eher klaustrophobisch-katastrophischer Stimmung hier zusammenkommenden Mönchsrunde - auf ein Entstehungsdatum von mehr 405 als 398 verweist. Von Paulinus mit viel Lob verbundener Kenntnisnahme, die vor das Jahr 400 fallen dürfte, hatten wir ja bereits gesprochen. Wobei dieses Lob für die Authentizität ebenso wichtig ist, wie die per Traum vermittelte Nachricht, dass Martin selber die Vita wohl nicht in fertiger Form zu Gesicht bekam. Halten wir also fest: 1.) Die Vita wurde bereits zu Zeiten des Heiligen Martin verfasst. 2.) Bassula scheint das Unternehmen zumindest teilweise finanziert zu haben. 3.) Dabei nahm sie Sulpicius das Geschriebene so rasch aus der Hand, dass er nicht wirklich daran hatte feilen können. 4.) Insofern dürfte Bassula eine ziemlich wichtige, sogar im Wortsinn agierende „Heraus-Geber“-Funktion gehabt haben. 5.) Nachträglich wurde daran kaum geändert, da es in einem Freundeskreis, auf dessen Urteil man Wert legte, schon zu viele Leser gab. 6.) In diesem Kreis galt das Buch bereits als so fertig, dass man neue Nachrichten über Martin nur in Anhängen unterbringen konnte. Außerdem ist, wegen des von Zwietracht getrübten Schlusses, davon auszugehen, dass Martins Amtsführung nicht nur unter gallischen Bischofskollegen am Ende umstritten war, sondern dass sich auch in der Bevölkerung Widerspruch regte. Was sich wohl in der Wahl seines Nachfolgers äußerte, der, laut Gregor von Tours, so wenig von der Heiligkeit Martins hielt, dass er erst durch die Völkerwanderung, ein ihm nachgewiesenes Verhältnis zu seiner Waschfrau, sowie ein 7-jähriges römisches Exil von seinem hohen Ross kam und eine kleine Kapelle über dem Grab des Vorgängers errichten ließ.380 wir im Verlauf der langen Unterredung auf das Büchlein zu sprechen, das ich über das Leben des heiligen Mannes Martinus herausgegeben habe. Ich hörte da zu meiner großen Befriedigung, dass es viele eifrige Leser finde." - (ep. 1) 380 Gregor X, 31

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Des Weiteren fällt als Negativum auf, dass keine Silbe mehr über die vormönchische Existenz, insbesondere die Jugend Martins verloren wird. Nichtmal über die Zeit in Poitiers. Und dass nichts daran - all dies wird auch für die späteren Dialogi gelten - die Zentral-Imagines der frühen Vita, die Mantelepisode381 also und die Verweigerung vor Julian, elaboriert. Sondern dass man am burschikos Äußerlichen, am gesellig Sozialen haften bleibt. Insofern lägen - auch aus stilistischen Gründen - im Falle von Jugend, Amiens und Worms spätere Hinzufügungen (oder stark modifizierte Konturen) weiterhin im Bereich des zwanglos Vorstellbaren. Und, wichtiger vielleicht noch: es gibt - wie der Traum aus ep. 2 verrät - betreffend der Vita kein offizielles Urteil des Heiligen Martin. Wobei es ein privates gegeben haben mag. Das abschlägig gewesen sein könnte, sodass Sulpicius nach Martins Tod eine gewisse Erleichterung darüber empfand, dass sich Martin in Luft auflöste.382 Was sich in der wortreichen Trauer aus ep. 1 verbarg. Und in dem Brief an Bassula jubelnd zu Tage trat. Denn Schreiben über Trauer ist - was für die Liebe ebenso gilt - nicht mit Trauer identisch, sondern als Akt lebensnah. So wie auf Beerdigungen - ungeachtet realer Trauer - die Freunde der Überlebenden mitschwingt, dass es nicht auch bei ihnen bereits einschlug. Was sich - selbst darin liegt nichts Anstößiges - verschärft, wenn ein gespanntes Verhältnis zu den Betreffenden existiert. Oder wenn man über sie schreiben will. Ich erinnere, dass sich, nach seinem Tod, etliche in Zeitungen als nahe Freunde Fassbinders383 bezeich381 Die immerhin (Dialogi II, 1) in Form einer kraftlosen Dublette erscheint, worauf wir, in Zusammenhang mit den gleich angesprochenen später vielleicht modifizierten Konturen, an gegebener Stelle eingehen werden

382 So kam es, dass die Erinnerung an meine Sünden, die ja den Anlass gab zu meinem nachdenklichen Sinnen, mich ganz traurig stimmte und krank machte. Von Seelenangst ermattet, warf ich mich dann aufs Ruhelager. Der Schlaf überkam mich, wie es ja oft die Traurigkeit mit sich bringt … Da kam es mir auf einmal vor, als sehe ich … Martin vor mir … es fällt mir schwer, das auszudrücken. Martinus lächelte mir eine Weile zu und hielt in seiner Rechten das Büchlein, das ich über sein Leben geschrieben hatte. Ich umfasste seine heiligen Knie und bat um seinen Segen … Da fühlte ich seine Hand auf meinem Haupt liegen; wie wohl war mir bei dieser lieben Berührung! Während er bei der feierlichen Segensformel die seinem Munde so geläufigen Worte des Kreuzeszeichens wiederholte, schaute ich unverwandt auf ihn … Da ward er plötzlich in die Höhe entrückt und mir entrissen. Er schwebte durch den unermeßlichen Luftraum; während ihn eine Wolke schnell davontrug, folgte ihm mein Blick unablässig, bis ihn der offene Himmel aufnahm und ich ihn nicht mehr sehen konnte. - (ep. 1) 383 Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), deutscher Filmmacher

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neten, von denen ich es nie gedacht hätte. Solche die nie wagten, dies vorher zu tun. Als hätten sie ein vernichtendes Dementi dieser fürchterlichen Persönlichkeit befürchtet (die im Freundeskreis sehr süß gewesen sein soll). Und Sie haben ja selber bemerkt, mit welch zaghafter Vorsicht ich mein freundschaftliches Verhältnis zu Werner Schröter umschrieb. Das gleiche würde ich bei Jean-Marie Straub tun (oder selbst Christoph Schlingensief ). Der Tod beseitigt diese Hemmungen. Gerade für Schriftsteller, diese Kannibalen des sehr Lebendigen. Doch selbst ein positives Urteil des Heiligen Martin könnte Sulpicius verschwiegen haben. Um Martins Ansicht ebenfalls lieber in heilige Luft sich auflösen zu lassen. Das mag, zumal wir uns alle über Lob freuen, paradox anmuten. In unserer Untersuchung der Dialogi wird jedoch mehrfach zu erwägen sein, inwiefern Martin bei gewissen Dingen vielleicht nicht laut wollte werden lassen, dass Sulpicius mit seiner ausdrücklichen Zustimmung schrieb. Denn dort, bei der mehrfach nun angekündigten Analyse jener Dialoge, die oft den Charakter flüchtiger Traumvisionen haben, bewegen wir uns dann auf äußerst, äußerst dünnem Eis. Einem, dessen Substanz, wenn man so will, bloß in schubweise ausgeatmeter Luft besteht, in verdichtetem, menschenproduzierten Kohlendioxid gewissermaßen, das sich im eisigen Wind eines düsteren Jahrtausends allmählich abgekühlt und nur stellenweise verfestigt hat. Dem aber nicht einmal 1500 Jahre Gelehrtenfleiß rechte Solidität verliehen, sodass schon der warme Atem unseres Betrachtens das Feste daran wieder auftauen lassen kann. Aber bevor es zu diesen noch heute, ja: atmenden „Dialogi“ kam, erhielt Sulpicius - tolle-scribe - (wieder mag die herausgeberfreudige Bassula ins Spiel gekommen sein) den Auftrag zu einer reinen Fleißarbeit, zu nämlich einer handlichen Kirchengeschichte (in zwei Büchern), mit Hilfe derer ein halbwegs gebildeter Laie endlich einmal verstehen konnte, was es mit dem christlichen Glauben, mit Bibel und Kirche, eigentlich auf sich hat. Eine Arbeit, die wohl auch ihm selber erst eine gewisse Sicherheit im Umgang mit dem Christlichen gab. ***

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-5Die Kirchengeschichte des Sulpicius Die Historia ecclesia (wie in Buch I, Kap. 1 sofort dargelegt) ist der Versuch, eine Kompaktversion der Heiligen Schriften, also der Bibel und der wichtigsten Kirchentheoretiker - herzustellen. Wobei Sulpicius (indes eher lustlos) in Buch II auch versucht, profane Autoren ins heilige Geschehen zu integrieren; dabei (wohl weil zu kompliziert) keine ins Einzelne gehende Beschreibung der Zeit des Neuen Testaments // ein Anti-Markion also aus Bequemlichkeit //. Buch I (Kap. 2 bis 54) ist ein auch heut noch gut lesbarer Readers Digest der Bibel von der Genesis bis zur Babylonischen Gefangenschaft.

Buch II beginnt bei Daniel und Nebukadnezar, wobei es (wohl in Übernahme von anderen Kirchenhistorikern) zu Synchronisierungs-Versuchen mit der Welt-Geschichte kommt (Perser etc., z. T. auch via Vergil injiziert); in Kap. 9 tauchen Kyrus, Ataxerxes und Tarquinius Superbus auf, Synchronisierung fortan auch zur römischen Geschichte; Perser bis in Kap. 14 ( Judith etc.) präsent; Kap. 17 Auftritt des Großen Alexander; Kap. 18 Seleukiden; Kap 20 Bibel: Matthatias; dann Judah etc., etc; Kap. 26 Auftritt Pompeius; Kap. 27 Herodes; und die Geschichte Christi gleich mit, in einem einzigen Kapitel - das ist kühn: (II, 27): Then Herod, a foreigner, the son of Antipater of Askelon, asked and received the sovereignty of Judaea from the senate and people of Rome. Under him, the Jews began for the first time to have a foreigner as king. For as now the advent of Christ was at hand, it was necessary, according to the predictions of the prophets, that they should be deprived of their own rulers, that they might not look for anything beyond Christ. Under this Herod, in the thirty-third year of his reign, Christ was born on the twenty-fifth of December in the consulship of Sabinus and Rufinus. But we do not venture to touch on these things which are contained in the Gospels, and subsequently in the Acts of the Apostles, lest the character of our condensed work should, in any measure, detract from the dignity of the events; and I shall proceed to what remains. Herod reigned four years after the birth of the Lord; for the whole period of his reign comprised thirty-seven years. After him, came Archelaus the tetrarch, for eight years, and Herod for twentyfour years. Under him, in the eighteenth year of his reign, the Lord was crucified, 357

Fufius Geminus and Rubellius Geminus being consuls; from which date up to the consulship of Stilico, there have elapsed three hundred and seventy-two years. interessant schon wegen der Datierungsmethode. Doch auch wegen der Knappheit. Besser geht’s kaum, kein Wort zu viel. Dieser Sulpicius war also kein Spinner, er wusste wie man knapp erzählen kann und Sachen konzentriert. Müsste ich selber die Bibel kompakt darstellen, würde mich das gewiss vier Jahre Kosten. Mit einem Resultat, das um vieles schlechter wäre als das des Sulpicius. Na, ja, vermutlich ist vieles nur abgeschrieben. Trotzdem: ein Mann der genau wusste, was er da tat, kein onkelhafter Märchenerzähler, den sein Stoff überfordert, keiner, dem die Pferde durchgehn. weiter: Kap. 28 Nero; Petrus, Paulus - die Legende, die Botschaft stand; Kap. 29 Christenverfolgung, Neros Tod ungewiss, d. h. Sueton oder Tacitus waren nicht mehr geläufig; oder er hat in der Schule geschlafen; Kap. 30 Nachfolger Neros dagegen alle bekannt, Titus zerstört Jerusalem; Kap. 31 Domitian bis Hadrian, Christenverfolgungen; Kap. 32 Antonius Pius bis Diocletian; alles ausschließlich unter dem Aspekt Christenverfolgung; Kap. 33 Konstantin: From that time, we have continued to enjoy tranquillity; nor do I believe that there will be any further persecutions, except that which Antichrist will carry on just before the end of the world; Helena (die Mutter des Konstantin) riss Tempel in Jerusalem ein, um Kirchen bauen zu lassen; Fußspuren Christi noch zu sehen; Kap. 34 Auffinden des Heiligen Kreuzes durch Helena384; Kap. 35 Arianismus, Nicäa; Kap. 36 Athanasius, Sardes, Konstantins Tod; // verwechselt Konstantin mit Konstantin II, hm… mal sehn, was die Textkritik dazu sagt// Kap. 37 weiter Streit mit Arianern, die sich maskieren; Sabellius; Kap. 38 Constantius unter dem Einfluss arianischer Bischöfe, Magnentius, Schlacht bei Mursa; Constantius-Anekdote; interessiert ihn nur insofern als Bischof Valens Einfluss auf den Kaiser gewann; Kap. 39 Konzile von Arles, Béziers, Mailand; Verbannte mit Namen genannt, Hilarius etc.; auch die komplizierte Rolle von Liberius, dem Bischof Roms, wird geschildert; Auxentius von Mailand, der in Martins-Vita auftaucht, ebenfalls erwähnt; relativ komplex; Kap. 40 Formulierung des Arianismus; Kap. 41 Synode von Rimini (359), sehr ausführlich; Kap. 42 Konzil von Seleukia 359; Hilarius viertes Jahr im Exil (d. h. laut Sulpicius schon seit 356 in Phrygien); Kap. 43 Synode von Rimini Fortsetzung, mit erstaunlich komplexer Beschreibung der Soziodynamik unter den von Überlebensängsten gepeinigten 384

Die Episode verrät, dass Sulpicius Kirchengeschichte nicht vor 403 beendet gewesen sein konnte, denn die Geschichte von der Entdeckung des Wahren Kreuzes durch Helena erfuhr Sulpicius erst durch einen Brief des Paulinus, der 402/403 geschrieben wurde - Paul. Nol. Ep. 31

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Bischöfen; Kap. 44 dto.: Christus ist eine Kreatur; Kap. 45 Rimini beendet, totaler Sieg der Arianer, nach 9 Monaten; Hilarius schreibt Briefe an Constantius (360), darf nach Gallien zurück, stirbt 6 Jahre später (keine Erwähnung Julians); Kap. 46 Priscillianismus, Abriss der Gnostik; Kap. 47 Priscillianismus in Spanien; Kap. 48 Priscillian nach Rom, Euchrotia und Procula-Episoden; nicht vom Papst empfangen, kehrt nach Spanien zurück; Kap. 49 Maximus Usurpator in Trier, Ithacius (der Gegner Priscillians) intrigiert, Priscillian appelliert an die weltliche Macht - das antagonistische Zusammenspiel der diversen Bischöfe wieder recht differenziert erfasst; Kap. 50 Prozess gegen Priscillian in Trier unter Maximus, Martin von Tours anwesend, Priscillian streitet seltsame Praktiken nicht ab; Kap. 51 Priscillian, Euchrotia und einige andere werden geköpft; Spanien streitet weiter…

Generell: ohne weltlich-historisches Interesse, Nero gilt als vermisst; Diocletian nur als Christenverfolger interessant; keine Erwähnung der Konstantinischen Nachfolgekämpfe, nichts von Julian und den Valentinians; in Kapitel 34: „wir“ !!! - die Christenheit; Kap. 42: Konzil von Seleucia 359; 385 Hilarius im vierten Jahr dort im Exil; d. h, bereits seit 356 dort. Danach persönliches Geschick des Hilarius wichtiger als alles andere; Recherche darüber führte wohl zu differenzierter Darstellung des Konzils von Rimini, wo Hilarius nicht selber präsent sein konnte, es aber gern gewesen wäre; ja, interessant ist vor allem Rimini; und, wegen der Anwesenheit Martins, die Verurteilung des Priscillian in Trier. Aber eher journalistisch, könnte in der FAZ stehen, ohne geistige Durchdringung. -6Priscillian Die Interaktion Martins mit Priscillian ist unübersichtlich, weil sie aus 3 verschiedenen Arbeiten des Sulpicius erschlossen werden muss: 1.) der Vita des Martin, worin „Trier“ nur den hohen Rang Martins signalisiert; 2.) seiner Historia ecclesia, wo anhand Priscillians beispielhaft demonstriert wird, wie die Kirche mit Häresien umging; 3.) in den Dialogi, in denen der Prozess gegen Priscillian mit traumhaften Phantasien vermischt wird. dass Sulpicius (geb. 363) während des Strafprozesses zufällig in Trier weilte, ist extrem unwahrscheinlich. Dann hätte er den Trier-Besuch Martins in der Vita präziser geschildert, nicht als leeres Maskenspiel, als 385 d.h. Martin musste, wie bereits erörtert, blitzschnell in Poitiers antanzen

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Phantasiepalast-Begegnung. Was leider noch mehr gegen die Bissula-Bassula-Ausonius-Connection spricht, für die ich immer noch eine Schwäche hab… Sulpicius musste sich seine Kenntnisse erst erarbeiten, aber er hat tüchtig recherchiert: Kap. 48: Während er im Osten zunehmend bedeutungslos wurde, drang der Manichäismus über Nordafrika (wo er den Heiligen Augustinus infizierte) in den vom arianischen Streit kaum beleckten Westen ein. Vor allem per einem gewissen Marcus, Ägypter, der sich bei gebildeten spanischen Kreisen einnistete und zu seinen Anhängern bald den Rhetor Elpidius und eine vornehme Dame namens Agape zählte. Durch Priscillian, sowohl gebildet als auch aus guter Familie, gewann die Sekte Halt, wobei die dogmatische Basis nun von Dunkel überwölbt ist, da sich keine ihrer Schriften erhielten. Spürbar ist ein Hang zum Asketismus, mit Nachtwachen und Fasten über das gewöhnliche Maß hinaus, wobei man großem Reichtum abhold war und streng im Genießen: habendi minime cupidus, utendi parcissimus. Dass dies stimmen wird, ist schon dadurch belegt, dass nach dem Verbot häufiges Fasten ausreichte, sogar angesehene Mönche des Priscillianismus zu verdächtigen - selbst Martin, ungeachtet seines bischöflichen Ansehens, weshalb Sulpicius386 meint, Martin habe der Bekämpfung der Priscillianer vor allem wegen ihrer auch von ihm propagierten Askese widersprochen. Also damit sein Versuch, gallische Klosterstrukturen zu etablieren, nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Sulpicius findet indes auch einiges an Priscillian zu tadeln: mit schlagfertiger Disputier-Kunst verbundene Wohlredenheit etwa, facundus, multa lectione eruditus, disserendi ac disputandi promptissimus, oder aufgeblasenen Stolz auf profanes Wissen, sed idem vanissimus et plus iusto inflatior profanarum 387 rerum scientia. Die Menschen, darunter zahlreiche Rhetoren und schöngeistige Frauen, strömten ihm jedenfalls zu - mulieres novarum rerum cupidae, fluxa fide et ad omnia curioso ingenio, catervatim ad eum confluebant -, wie 386 Chron. II, 50.3 und, unseriös: Dialogi III, 11. 5 387 He (…) drew into its acceptance many persons of noble rank and multitudes of the common people by the arts of persuasion and flattery which he possessed

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Sulpicius in Verwandlung des bekannten Spruches von Sallust schrieb388, Besides this, women who were fond of novelties and of unstable faith, as well as of a prurient curiosity in all things, flocked to him in crowds. Mindestens zwei dieser interessant ihm zuströmenden Damen verloren wegen ihrer Verwicklung mit Priscillian das Leben: Euchrotia, die Witwe eines Festredners, der einst Julians Taten verherrlich hatte, und eine ebenfalls im Rhetoren-Kreis beheimatete Dame namens Urbica389, die 386 in Bordeaux gesteinigt wurde. -7Von Saragossa nach Trier Im Jahr 380 wurden Priscillian und 2 Bischöfe - Instantius und Salvianus - in Saragossa von der Kommunion ausgeschlossen, wovon sich die beiden Bischöfe aber so wenig eingeschüchtert fühlten, dass sie Priscillian zum Bischof des portugiesischen Avila ernannten. Worauf andere Bischöfe unter Führung des Ithacius von Kaiser Gratian ein Reskript erwirkten, dass die Saragossa-Beschlüsse Gültigkeit hätten. Unter diesem Reskript duckten sich die Priscillianer, aber sie gaben nicht auf und gedachten, beim Papst in Rom um Gerechtigkeit zu bitten. Auf dem Weg zeigten sie sich bei den guten Einwohnern der Stadt Elusa (unweit Bordeaux): maximeque Elusanam plebem, sane tum bonam et religioni studentem, pravis praedicationibus pervertere. Um diese durch ihre Lehre zu pervertieren - ein Ort, der Sulpicius vertraut war, auch daher vielleicht sein Interesse. Da man sie dort nur kurz duldet, geht die Reise weiter, was sich bei Sulpicius so liest: „Aus Bordeaux durch //Bischof// Delfinus vertrieben, hingen sie trotzdem eine Weile noch auf dem Land der Euchrotia herum, wo sie nicht wenige mit ihren Irrtümern ansteckten. Dann setzten sie ihre Fahrt in schamloser und schimpflicher Gesellschaft fort, mit außer ihren Gattinnen auch etlichen fremden Frauen. Unter ihnen Euchrotia und deren Tochter Procula, wobei man von dieser erzählt, sie habe, als sie in Hurerei von Priscillian schwanger ward, durch das Benutzen gewisser 388 fluxe fide in Jug. 111 389 Prosper Tiro (390-455), ein Weggefährte des Hilarius von Poitiers, Chronik zum Jahre 385

-- wobei jene Dame eine nahe Verwandte des von Ausonius in prof. 21 gepriesenen Grammatikers Urbicus sein dürfte (und vielleicht auch der Pomponia Urbica aus parent. 30)

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Pflanzen abgetrieben“.

a Burdigala per Delfinum repulsi, tamen in agro Euchrotiae aliquantisper morati, infecere nonnullos suis erroribus. (3) inde iter coeptum ingressi, turpi sane pudibundoque comitatu, cum uxoribus atque alienis etiam feminis, in quis erat Euchrotia ac filia eius Procula, de qua fuit in sermone hominum Priscilliani stupro gravidam partum sibi graminibus abegisse. In Rom und Mailand wurden Priscillian und seine Delegation zwar nicht von Papst Damasus oder Ambrosius empfangen, aber durch Bestechung des kaiserlichen Ministers Macedonius erreichen sie eine Zurücknahme des Gratianschen Reskripts und konnten ihre Bischofssitze wieder einnehmen. Die Reise war erfolgreich. (4) hi ubi Romam pervenere, Damaso se purgare cupientes, ne in conspectum quidem eius admissi sunt. regressi Mediolanum aeque adversantem sibi Ambrosium reppererunt. (5) tum vertere consilia, ut, quia duobus episcopis, quorum ea tempestate summa auctoritas erat, non illuserant, largiendo et ambiendo ab imperatore cupita extorquerent. ita corrupto Macedonio, tum magistro officiorum, rescriptum eliciunt, quo calcatis, quae prius decreta erant, restitui ecclesiis iubebantur. Aber der als Augustus des Westens folgende Maximus wollte nach seiner Usurpation gegenüber dem rechtgläubigen Kaiser Theodosius nicht auch noch als Ketzerbeschützer dastehen und war den spanischen Bischöfen vielleicht auch weil er selbst wohl spanischer Herkunft war - geneigter als der inzwischen umgebrachte Gratian. Als er sich dazu bereit erklärte, auf ihre Forderungen einzugehen, verfasste, den sich drehenden Wind nutzend Ithacius eine Anklageschrift und Maximus ließ 384 alle an den Vorfällen Beteiligten zu einer Synode nach Bordeaux einbestellen.391 (II, 49) Accordingly, Instantius and Priscillian were escorted thither and, of these, Instantius was enjoined to plead his cause; and after he was found unable to clear himself, he was pronounced unworthy of the office of a bishop. But Priscillian, in order that he might avoid being heard by the bishops, appealed to the emperor.

390 391

Sulpicius Severus, "Kirchengeschichte" II, 48 ff. Wo, nach der Chronik des Idatius (Monum. Germ. auct. antiq. XI, 15), auch Martin anwesend gewesen sein soll. Idatius (gest. 470) war zwar kein Augenzeuge, aber doch noch recht zeitnah.

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Priscillian befürchtete indes wohl, in der Stadt, deren Bischof ihn vertrieben hatte, kein Recht zu bekommen, und appellierte daher an ein weltliches Gericht in Trier. Wodurch der Fall der geistlichen Gerichtsbarkeit entzogen und als kriminelles Vergehen nun am kaiserlichen Hof untersucht wurde. -8Der Prozess gegen Priscillian in Trier Was nach damaliger Gesetzeslage, anders als bei kirchlichen Vorgehen, nicht bloß für Priscillian, sondern auch für entfernte Anhänger schwere Strafen zur Folge haben und die gesamte Sekte in Mitleidenschaft ziehen konnte. Priscillian riskierte also viel. Denn Anklage auf maleficium - die gängige Bezeichnung für jeden Unfug verbotener Künste - war von Valens und Valentinian bei der Verfolgung heimlicher Anhänger Julians, in Reaktion auf die von Julian bevorzugten neu-platonischen Philosophen mit ihrem Hang zu Magie, ein leicht nutzbares Instrument zur Verfolgung Missliebiger geworden. Was, nicht zuletzt auch zu fiskalischen Zwecken, Hand in Hand mit zahllosen Hinrichtungen, bis zum Verbrennen ganzer Bibliotheken führte, wenn man darin Schriften vermutete, die abergläubisches Gedankengut verherrlichten. Die legale Maschinerie erreichte eine fürchterliche Leichtigkeit, mit der nach Gutdünken gegen ganze Klassen und Religions392 gruppen (auch die Manichäer) vorgegangen werden konnte. Diese Maschinerie traf Priscillian mit voller Wucht. Er konnte nicht leugnen, die betreffenden zoroastrischen und andere magische Bücher studiert zu haben, um zu seiner sinnbildlichen Deutung des menschlichen Körpers zu gelangen, bei der die einzelnen Glieder Teilen des Himmelsgebäudes entsprachen. Ebensowenig ließ sich abstreiten, dass er nächtliche Versammlungen abgehalten hatte, wie sie ein von Valentinian kürzlich erlassenes Gesetz zu magischen Praktiken ausdrücklich verbot.393 Sodass er des Verbrechens des maleficium überführt galt, und gemäß dem Gesetz hingerichtet werden sollte: (II, 50. 8) is Priscillianum gemino iudicio auditum convictumque maleficii nec diffitientem obscenis se studuisse doctrinis, nocturnos etiam turpium feminarum 392 393

Ammian 28.1 und 29. 1 und 2, sowie Zosimos IV, 13-16 Cod. Theod. 9, 16, 7

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egisse conventus nudumque orare solitum, nocentem pronuntiavit redegitque in custodiam, donec ad principem referret. gesta ad palatium delata censuitque imperator, Priscillianum sociosque eius capite damnari oportere. He tried Priscillian in two assemblies, and convicted him of evil conduct. In fact, Priscillian did not deny that he had given himself up to lewd doctrines; had been accustomed to hold, by night, gatherings of vile women, and to pray in a state of nudity. Accordingly, Evodius pronounced him guilty, and sent him back to prison, until he had time to consult the emperor. The matter, then, in all its details, was reported to the palace, and the emperor decreed that Priscillian and his friends 394 should be put to death .

Wobei die so ausgesprochene Obszönität weniger eindeutig ist als sie hier klingt, da man sie z. T. auch als Übersetzer-Übertreibung begreifen kann: denn die obscenae doctrinae, zu deren Studium sich Priscillian bekennt, könnten den Manichäismus bezeichnen und nicht unbedingt Obszönitäten im heutigen Sinn.395 Nocturni conventus wiederum ließe sich als nächtliche Versammlung im Sinne des Verbotes von magischen Events verstehen, und die turpes feminae (das Adjektiv turpis (= schamlos) mag ein willkürlicher Zu396 satz des Sulpicius sein ) sowie nudum orare solium mögen sich auf Priscillians Deutung des menschlichen Körpers bezogen haben. Doch bereits die harmlosere Deutung hätte ein Todesurteil gerechtfertigt. Wobei Maximus in einem Brief an Papst Siricius397 seine Aktionen (und noch zwei weitere Todesurteile in Bordeaux) wohl in der Hoffnung meldete, nun als die Kirche verteidigender Champion geachtet zu werden, was seine Legitimität erhöhte. Insofern könnte die sexuelle Färbung bei Sulpicius Übertreibung sein, entweder auf Hörensagen basierend oder aus Neigung. Denn von der Tendenz her war er ein Anti-Intellektueller, der im Heiligen Martin ein Modell für seine Haltung sah, wobei er selber dem Manichäismus, den er zu Beginn ja überraschend vorurteilsfrei darstellte, wohl mit einer gewissen Faszination gegenüber stand. Neidisch war er aber offenbar auf die rednerische Potenz 394 Sulpicius Severus, "Kirchengeschichte" II, 50 395 Auch bei Claudianus (bell. get. 3. 6) kommt obscenus im Sinne von widerwärtig vor 396 Wobei "turpe" (neutrum, Genetiv: turpis), das "Böse" ist 397 Pontificum Rom. epistulae genuinae, ed. Schönemann, Seite 419

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und die überlegene Bildung des Priscillian. Mag sein, dass er deshalb dazu neigte, sie mit sexueller Potenz zu verbinden. Insofern könnte sein Vokabular Ausdruck einer faszinierten Befürchtung sein. Wobei er gern in Kauf nahm, dass es den insgeheim Beneideten nachdrücklich disqualifizierte. Sein zweimal mit Killerinstinkt gesetztes turpe (ohne welches Priscillians Verhalten nicht „schamlos“, sondern relativ harmlos aussehen würde - fast wie das dasjenige des Hieronymus im Umgang mit der Heiligen Paula und deren Tochter Eustochium) ist dafür ein mörderisches Indiz. Zumal er die Schwangerschaft der unglücklichen Procula (und die mögliche Vaterschaft Priscillians) wieder nur mit einem vagen „man erzählt“ - de qua fuit in sermone hominum - belegte. Aber leider dürfte auch das kaum die Wahrheit sein. Denn in diesem Falle könnte Ausonius in seinem um 388 geschriebenen Gedicht auf einen verstorbenen Gelehrten-Bekannten nicht davon überzeugt sein, dass dessen Witwe Euchrotia zu Recht hingerichtet wurde und Procula tatsächlich in unsägliche Schande geriet. Was, wenn es nicht die Wahrheit war, zumindest der von den meisten geteilten Vorstellung dessen entsprechen dürfte, was sich abgespielt hatte. Auf Grund derer man dann auch die gute Urbica in Bordeaux steinigte. Sulpicius konnte die Wahrheit also nicht manipulativ erzeugt haben, sondern nur referieren, was man erzählte. Und wenn selbst so informierte Gestalten wie Ausonius derlei Ansichten teilten, ist wohl tatsächlich davon auszugehen, dass turpe, dass also das sexuell Verrufene und Böse, eine gewisse Rolle bei den Priscillianern gespielt haben. Sodass „unsere“ Priscilla ruhig weiter im schönen Jahr des Herrn 384 unweit von Bordeaux in eine Reihe sonderbarer Veranstaltungen geraten darf, bei denen verwirrte Anhänger des Priscillian der Welt, mit geschmeidig - „Hm, wären Sie wirklich interessiert? ... Ja? … Ja? …“ - süßen Worten (und organisch daraus sich ergebenden Taten), die böse Hyle austreiben wollten, so viel wir wissen sogar mit für alle Beteiligten z. T. beachtlichem Genuss (für den sie verdientermaßen dann allesamt in die Hölle kamen) … -9Martins Rolle Während dieses rein weltlichen Prozesses, mit dem die Kirche (anders als oft dargestellt) nichts mehr zu tun hatte, kam es zu erregten Diskussionen 365

innerhalb der spanisch-gallischen Bischofschaft, die das Geschehen misstrauisch beäugte. Wobei, und das ist für uns interessant, auch der Heilige Martin (anders als noch in der Vita, wo er nur als zufälliger Essensgast des Kaisers in Trier weilte) plötzlich eine Rolle spielt. Sulpicius stellt in seiner Beschreibung des folgenden Geschehens indes zunächst Bischof Ithacius in den Mittelpunkt398, der (mit einem gewissen Ydacius) beim Kaiser die formale Anklage gegen Priscillian eingebracht hatte und charakterisiert ihn als frech, geschwätzig, unverschämt. Einer, der, von seinem Erfolg berauscht, in halbprivater Runde davon schwadroniert, dass man, ganz wie den Priscillianern, allen übereifrigen Asketen und supersorgfältigen Lesern religiöser Schriften den Prozess machen sollte. Wobei dieser, wie Sulpicius schreibt, elende Wurm, nicht davor zurückschreckte, auch den (seinerzeit bereits apostelgleichen!) Martin und seine Mönchsgemeinschaft in Tours zu verleumden: (II, 50. 4) ausus etiam miser est ea tempestate Martino episcopo, viro plane Apostolis conferendo, palam obiectare haeresis infamiam. Von dem sich nun herausstellt, dass er sich ebenfalls in Trier eingefunden hat und jenem Ithacius seinerseits vorwirft, dass es durch seine überzogenen Anklagen überhaupt zu einem weltlichen Prozess gegen einen Bischof kam. Stattdessen hätte man sich mit Exkommunikation begnügen sollen, denn in solchen Fällen solle allein die Kirche Richter sein, nicht die weltliche Gewalt.399 Wobei Martin darüber hinaus ganz nebenbei beim Kaiser bewirkte, 400 dass der Prozess ausgesetzt wurde. 398 Dieser schrieb, nachdem er wegen seiner Rollen bei diesem Prozess von einigen Bischöfen angefeindet wurde, eine Apologie, worin er sich rechtfertigt und seine Vorwürfe gegen die Priscillianer zusammenfasste (und eventuell ein zusätzliches Vorgehen gegen Anhänger Priscillians in Spanien empfahl) - erwähnt bei Isidor von Sevilla Vir. illustr. 15,19: "scripsit quemdam librum sub apologetici specie…" - dieses Pamphlet sollte den Stil aller späteren Beschuldigungen prägen und war die Hauptquelle nicht nur für Hieronymus, der sich knapp dazu äußerte, sondern wohl auch Sulpicius. 399 (II, 50. 5) namque tum Martinus apud Treveros constitutus non desinebat increpare Ithacium, ut ab accusatione desisteret, Maximum orare, ut sanguine infelicium abstineret; satis superque sufficere, ut episcopali sententia haeretici iudicati ecclesiis pellerentur; saevum esse et inauditum nefas, ut causam ecclesiae iudex saeculi iudicaret. 400 (6) denique quoad usque Martinus Treveris fuit, dilata cognitio est; et mox discessurus egregia auctoritate a Maximo elicuit sponsionem, nihil cruentum in reos constituendum.

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Der steife Höflichkeitsbesuch am Kaiserlichen Hof, dessen Höhepunkt ein nicht ordnungsgemäß weitergereichtes Trinkgefäß war (und, retrospektiv, der hohe Rang der interessiert teilnehmenden Anwesenden) verwandelt sich also in der „Historia ecclesia“ in eine massive Intervention, die eine Prozess-Maschinerie sofort zum Stillstand bringt. Wobei der wundersame Einfluss, den Martin auf Kaiser Maximus ausübt, leider nur anhält, solange der Heilige in Trier weilt. Denn sobald er Trier den Rücken kehrte, vertraute der Kaiser den Prozess seinem Präfekten Evodius an, einem vir acer und severus, wie Sulpicius uns jetzt wissen lässt, einem scharfen und strengen Charakter: But subsequently, the emperor being led astray by Magnus and Rufus, and turned from the milder course which Martin had counseled, entrusted the case to the prefect Evodius, a man of stern and severe character.

(II, 50. 7) sed postea imperator per Magnum et Rufum episcopos depravatus et a mitioribus consiliis deflexus causam praefecto Euodio permisit, viro acri et severo. Obwohl derselbe Evodius in der Vita, als anlässlich von Martins Trier-Besuch401 bloß von einem netten Herrenabend die Rede war, noch panegyrisch als Muster aller Gerechtigkeit - consul Euodius, vir quo nihil umquam iustius fuit - bezeichnet wurde.402 Wobei jener plötzlich nun furchtbar scharfe Evodius, wie im letzten Kapitel dargestellt, Priscillian sofort des maleficiums überführt, was bedeutete, dass er und seine Anhänger der Gesetzeslage nach zum Tode verurteilt waren. (8) is Priscillianum gemino iudicio auditum convictumque maleficii nec diffitientem obscenis se studuisse doctrinis, nocturnos etiam turpium feminarum egisse conventus nudumque orare solitum, nocentem pronuntiavit redegitque in custodiam, donec ad principem referret. gesta ad palatium delata censuitque imperator, Priscillianum sociosque eius capite damnari oportere. Und das wurde nach dem Abschlagen einer Revision in die Tat umgesetzt, indem man Priscillian, Euchrotia und etliche ihrer Anhänger kurzerhand 401 Vita M. 20 402 Daher wird die in der Vita erscheinende Trier-Szene kaum einen zweiten Besuch zum

Gegenstand haben (wie manchmal - aus dem Konsulat des Evodius 386 geschlossen - geschrieben wird; die Anführung des Konsul-Titels ist eher posthume Summe.

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köpfte und andere, minderbeteiligte, in entlegene Gebiete verbannte: Accordingly, under him as prosecutor, Priscillian was condemned to death, and along with him, Felicissimus and Armenius, who, when they were clerics, had lately adopted the cause of Priscillian, and revolted from the Catholics. Latronianus, too, and Euchrotia were beheaded. Instantius, who, as we have said above, had been condemned by the bishops, was transported to the island of Sylina which lies beyond Britain. A process was then instituted against the others in trials which followed, and Asarivus, and Aurelius the deacon, were condemned to be beheaded, while Tiberianus was deprived of his goods, and banished to the island of Sylina. Tertullus, Potamius, and Joannes, as being persons of less consideration, and worthy of some merciful treatment, inasmuch as before the trial they had made a confession, both as to themselves and their confederates, were sentenced to a temporary banishment into Gaul.

oder im druckvollen Latein des Sulpicius: (II, 51. 2) ita eo insistente Priscillianus capitis damnatus est, unaque cum eo Felicissimus et Armenius, qui nuper a catholicis, cum essent clerici, Priscillianum secuti desciverant. (3) Latronianus quoque et Euchrotia gladio perempti. Instantius, quem superius ab episcopis damnatum diximus, in Sylinancim insulam, quae ultra Britannias sita est, deportatus. (4) itum deinde in reliquos sequentibus iudiciis, damnatique Asarivus et Aurelius diaconus gladio, Tiberianus ademptis bonis in Sylinancim insulam datus. Tertullus, Potamius et Iohannes, tamquam viliores personae et digni misericordia, quia ante quaestionem se ac socios prodidissent, temporario exsilio intra Gallias relegati. *** Was uns zumindest klarmacht, dass Sulpicius von diesen 11 Jahre zurückliegenden Vorgängen nichts wusste, als er 396 die Vita Martins niederschrieb, sonst hätte er Evodius kaum mit diesem netten Attribut, hätte er ihn seinerzeit nicht als Muster der Gerechtigkeit, als vir quo nihil umquam iustius fui, ausgestattet. Der in der Vita als harmlos charakterisierte Besuch wird also auf Bemerkungen Martins (oder seiner Mönche) zurückzuführen sein, denen zufolge

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er mal im Trier beim Kaiser eingeladen war403 und die Gesellschaft eines Mönchsbruders der des Kaisers vorzog, eine in Mönchskreisen zur Verherrlichung des eigenen Tuns nicht unplausible Anekdote404, die vielleicht sogar auf Wahrheit beruht. Wodurch sich drei Möglichkeiten ergeben: 1.) Nachdem der Heilige Martin die von Sulpicius verfasste Vita las, hat er jene harmlos daherkommende Passage im persönlichen Gespräch geklärt und die nun in der „Historia ecclesia“ auftauchende Version mitgeteilt; 2.) Als Sulpicius (nach Martins Tod) die Vorgänge des Trierer Prozesses (für seine Kirchengeschichte) recherchierte, wurde es ihm in der modifizierten Form berichtet; 3.) Er hat sich - als er (nach Martins Tod) bei Recherchen erfuhr, dass Ithacius auch den Heiligen Martin ins Visier nahm - dieses Szenario einfach ausgedacht, um Martin zu mehr Profil zu verhelfen und von jedem durch Ithacius in die Welt gesetzten Makel zu reinigen. Wobei er scharf erkannte, dass die äußerliche Verwandtschaft Martins zu den Priscillianern (Askese, Dauerbeten etc) dessen Heiligwerdung gefährdeten (und damit die eigenen Anstrengungen, zum Paulus zu werden). Dabei erscheint mir - angesichts der zahllosen unhegelianischen Unwahrscheinlichkeiten der Weltgeschichte natürlich nicht zwingend - die dritte Version, dass Sulpicius sich die Intervention bei Maximus also nur ausgedacht hat, am plausibelsten. Zumal die rätselhafte Zwietracht, von der wir erfuhren, dass sie in Tours am Ende der Vita herrschte - nicht nur unter den 403 Wobei lebensnah ist, dass man was von so einer außergewöhnlichen Essenseinladung verlauten lässt, um, ganz nebenbei, einen Eindruck von der eigenen Wichtigkeit zu geben; ich erinnere zum Beispiel ein privates Essen bei Durs Grünbein im vorletzten Februar (also 2007), an dem, außer seiner äußerst liebenswürdigen Gattin (die übrigens Eva heißt), auch Imre Kertesz, Magnus Enzensberger und dessen Frau teilnahmen, wobei ich mich ein bisschen genierte, dass ich den phantastischen Wein nur auf römische Manier mit reichlich Wasser verdünnt trinken durfte, wobei ich erstmals seit meinem Infarkt wieder ein wenig fettes Fleisch aß - ein von Frau Eva vorzüglich zubereitetes Saltimbucca! - , während mir Hans-Magnus, in seiner burschikos-lustigen Art, von den letzten Tagen des Weltkriegs erzählte und wie er an dessen Ende (anders als der Heilige Martin nicht erst mit 20 sondern bereits) als 15-jähriger desertierte und sich frohen Muts dann als Schwarzmarkt-Händler durch die Nachkriegswelt schlug, wobei er, ein Glückskind, es bis 17 zum ersten mal zum Millionär brachte. - Wobei ich natürlich nicht der erste war, dem er diese Geschichte anvertraute, jetzt steht sie sogar im Internet, aber das machte mir - die ganze Zeit in Angst vor einem neuen Herzinfarkt, weil ich mich erstmals wieder unter wirklich lebendige Leute gewagt hatte - nicht das Geringste aus, denn er war ein hochintelligenter Gesprächspartner, der hellwach zuzuhören verstand. 404 Zumal darin, in allermildester, nun richtig schmackhaft gemachter Form, der Protest des jungen Martin gegenüber dem ebenfalls sehr jungen Julian anklang

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Bischöfen, sondern ebenso in der Bevölkerung -, mit wachsender Skepsis gegenüber einem als Belästigung empfundenen Auftreten der Mönche zu tun haben könnte, deren bettlerartiges Outfit die Stadt verschandelte. Wobei Sulpicius seinem Helden genau die Worte als Argumente in den Mund legt, die ihn selber dazu bewegt hatten, seine Kirchengeschichte an dieser Stelle ein wenig zu fälschen. Fortan spricht Christus also nur noch per Paulus. - 10 Zusammenfassung des Prozesses von Trier Wie stark das Gedankengut des Priscillianismus in Tours weiterhin brodelte, als Sulpicius die Vita verfasste (396), verrät folgende Passage, worin berichtet wird, was man sich in letzter Zeit in der Klostergemeinschaft so alles erzählte. Vita 24: Man hat erfahren, dass ungefähr zur selben Zeit in Spanien ein junger Mann durch viele Wunderzeichen sich einen Namen verschaffte. Zuletzt trieb er es in seinem Hochmut so weit, sich als Elias auszugeben. Da die meisten leichtsinnig daran glaubten, ging er noch weiter und gab sich für Christus aus. Auch hierbei spielte er seine Heuchlerrolle so gut, dass ein Bischof, namens Rufus, ihn sogar als Gott anbetete; wir erlebten, dass dieser später deshalb als Bischof abgesetzt wurde.

Interessant wirkt daran die Ahnungslosigkeit, mit welcher Sulpicius dies wiedergibt. Derzeit hat er anscheinend noch nichts von Priscillian gehört, dessen aufs Idiotenniveau reduzierte Geschichte in diesen Zeilen - und damit offenbar auch unter den Mönchen - weiter herumgeistert. Vor dem Sprung in die soziodynamische Komplexität, mit der er den Priscillianis405 mus in der „Historia ecclesia“ abhandelt, kann man nur den Hut ziehen. In den drei, vier Jahren, die er brauchte, hat er die Hintergründe so gut es ging eruiert. Mehr weiß man auch heute kaum. Und mit diesem 51. Kapitel endet seine Kirchengeschichte. Relativ abrupt, ohne verbindliches Schlusswort. Als sei ihr Ziel einzig gewesen, Martin in den Lauf der höheren Dinge zu integrieren. Als Zeitgenossen entging 405

Und nicht zuletzt auch die Synode von Rimini, wo man einen Eindruck davon gewinnt, wie subtil und brutal zugleich der Kaiser auf seine Bischöfe einwirkte.

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Sulpicius vollkommen, dass die kirchliche Entwicklung mit diesem Prozess einen Abschluss fand. Die Wichtigkeit des Schlusssteins, den Theodosius setzte, vermochte er nicht zu erkennen. Wer will es ihm vorwerfen. Denn wie der Vesuvausbruch Pompeji unter sich begrub und den damaligen Zustand konservierte (und unter der Asche jedwedes Weiterentwickeln stoppte), so hat die Völkerwanderung die Weiterentwicklung der Kirche (und damit weiteren Streit) erzwungen zum Stillstand gebracht. Wie sollte Sulpicius das ahnen. Nein, er konnte nicht ahnen, dass sein schönes Gallien innerhalb der nächsten 10 Jahre Wüste werden würde. Stattdessen vernimmt man Vages von weiter brodelndem Bischofsstreit. In einem Sallust entlehnten, rhetorisch großspurig funkelnden Flirren der Zwietracht, worin behauptet wird, alles sei nun verstört und durch Streitigkeiten durcheinander geraten, insbesondere solche der Bischöfe, die alles korrumpiert hätten: And now all things were seen to be disturbed and confused by the discord, especially of the bishops, while everything was corrupted by them through their hatred, partiality, fear, faithlessness, envy, factiousness, lust, avarice, pride, sleepiness, and inactivity. In a word, a large number were striving with insane plans and obstinate inclinations against a few giving wise counsel.

(II, 51. 9) et nunc, cum maxime discordiis episcoporum omnia turbari ac misceri cernerentur cunctaque per eos odio aut gratia, metu, inconstantia, invidia, factione, libidine, avaritia, arrogantia, somno, desidia depravata, (10) postremo plures adversum paucos bene consulentes insanis consiliis et pertinacibus studiis certabant. Mit anderen Worten: eine große Anzahl Verrückter bekämpfte eine kleine Zahl von Vernünftigen aus unlauteren Motiven. Wie die Martins-Vita, mündet auch diese Arbeit in einer sonderbaren Unzufriedenheit mit dem Gang der Dinge. Was man darüber hinaus heute über jenen Trierer Prozess in umfassend gefälliger Glättung lesen kann - vieles davon gleicht, vor allen bei älteren Kirchenhistorikern einem Eiertanz (z. T. wohl wegen der obszön kolorierten Passagen), bei dem man gewisse Sachen verbergen möchte, ohne genau zu wissen, worin deren zu verbergende Substanz eigentlich besteht - stammt 406 aus den unseriöseren Dialogen , von denen Sulpicius kreative Neu-Gestal406

wobei wir deren Seriosität an gegebener Stelle im Detail noch einmal überprüfen werden,

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tung der Maximus-Episode eine erste Kostprobe gab. Etwa die Einsicht, Martin habe der Bekämpfung der Priscillianer vor allem wegen der Ähnlichkeit zur von ihm selber propagierten Askese widersprochen, also damit ihr Verbot nicht den eigenen Versuch, gallische Klosterstrukturen zu etablieren, in Mitleidenschaft zog.407 Oder dass Martin diese Vorgängen so erschütterten, dass er fortan die Anwesenheit an anderen Synoden vermied, und eine Abnahme seiner Wunderkräfte zu spüren meinte.408 Bzw., dass er während der sechzehn Jahre, die er noch lebte, aus Ekel vor 409 den Vorgängen keine bischöflichen Zusammenkünfte mehr besucht habe - was, der Vita, einem Brief des Paulinus und seinem bereits erschlossenen Leben zufolge, schon mal nicht stimmen kann, da er, wie wir410 herausfanden, die brandea mit Reliquien von Gervasius und Protasius 390 in Vienne erhielt (und dort den Heiligen Paulinus von einem Augenleiden heilte). *** zum Schluss (und besser jetzt vielleicht begreifbar), zu Ehren von Sulpicius wirklich beachtlicher historischer Leistung, noch die kontinuierliche Darstellung dieses (rein weltlichen) Prozesses und wie die Historia ecclesia ausläuft - in Sulpicius eigenen (nun übersetzten) Worten: II, 50. Thus, then, all whom the process embraced were brought before the king. The bishops Ydacius and Ithacius followed as accusers; and I would by no means blame their zeal in overthrowing heretics, if they had not contended for victory with greater keenness than was fitting. And my feeling indeed is, that the accusers were as distasteful to me as the accused. I certainly hold that Ithacius had no worth or holiness about him. For he was a bold, loquacious, impudent, and extravagant man; excessively devoted to the pleasures of sensuality. He proceeded even to such a pitch of folly as to charge all those men, however holy, who either took was aber, wie wir bereits jetzt verraten dürfen, zu keiner Modifikation dieser Aussage führen wird. 407 Dialog III, 11. 5 408 Denn diese Bemerkung bezieht sich z.B. nicht auf die Ereignisse von Trier, sondern ausdrücklich auf die Übernahme seines Bischofsamtes in Tours - Dialog II, 4 409 Dialog III, 13 - aus den dort angegebenen "16 Jahren" ergibt sich übrigens ein Todesdatum von 401, was aber - vor allem wegen Gregor I, 48 - als Rechenfehler in den von Sulpicius sehr rasch wenn man so will im Stil der ecriture automatique - erstellten Dialog-Manuskripten gilt. 410 Mit bereits Gregor von Tours, dem dieser Brief vorlag und der daraus die gleichen Schlüsse zog (Gregor X, 31. 5)

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delight in reading, or made it their object to vie with each other in the practice of fasting, with being friends or disciples of Priscillian. The miserable wretch even ventured publicly to bring forward a disgraceful charge of heresy against Martin, who was at that time a bishop, and a man clearly worthy of being compared to the Apostles. For Martin, being then settled at Treves, did not cease to importune Ithacius, that he should give up his accusations, or to implore Maximus that he should not shed the blood of the unhappy persons in question. He maintained that it was quite sufficient punishment that, having been declared heretics by a sentence of the bishops, they should have been expelled from the churches; and that it was, besides, a foul and unheard-of indignity, that a secular ruler should be judge in an ecclesiastical cause. And, in fact, as long as Martin survived, the trial was put off; while, when he was about to leave this world, he, by his remarkable influence, obtained a promise from Maximus, that no cruel measure would be resolved on with respect to the guilty persons. But subsequently, the emperor being led astray by Magnus and Rufus, and turned from the milder course which Martin had counseled, entrusted the case to the prefect Evodius, a man of stern and severe character. He tried Priscillian in two assemblies, and convicted him of evil conduct. In fact, Priscillian did not deny that he had given himself up to lewd doctrines; had been accustomed to hold, by night, gatherings of vile women, and to pray in a state of nudity. Accordingly, Evodius pronounced him guilty, and sent him back to prison, until he had time to consult the emperor. The matter, then, in all its details, was reported to the palace, and the emperor decreed that Priscillian and his friends should be put to death. II, 51. But Ithacius, seeing how much ill-will it would excite against him among the bishops, if he should stand forth as accuser also at the last trial on a capital charge (for it was requisite that the trial should be repeated), withdrew from the prosecution. His cunning, however, in thus acting was in vain, as the mischief was already accomplished. Well, a certain Patricius, an advocate connected with the treasury, was then appointed accuser by Maximus. Accordingly, under him as prosecutor, Priscillian was condemned to death, and along with him, Felicissimus and Armenius, who, when they were clerics, had lately adopted the cause of Priscillian, and revolted from the Catholics. Latronianus, too, and Euchrotia were beheaded. Instantius, who, as we have said above, had been condemned by the bishops, was transported to the island of Sylina which lies beyond Britain. A process was then instituted against the others in trials which followed, and Asarivus, and Aurelius the deacon, were condemned to be beheaded, while Tiberianus was deprived of his goods, and banished to the island of Sylina. Tertullus, Potamius, 373

and Joannes, as being persons of less consideration, and worthy of some merciful treatment, inasmuch as before the trial they had made a confession, both as to themselves and their confederates, were sentenced to a temporary banishment into Gaul. In this sort of way, men who were most unworthy of the light of day, were, in order that they might serve as a terrible example to others, either put to death or punished with exile. That conduct which he had at first defended by his right of appeal to the tribunals, and by regard to the public good, Ithacius, harassed with invectives, and at last overcome, threw the blame of upon those, by whose direction and counsels he had effected his object. Yet he was the only one of all of them who was thrust out of the episcopate. For Ydacius, although less guilty, had voluntarily resigned his bishopric: that was wisely and respectfully done, had he not afterward spoiled the credit of such a step by endeavoring to recover the position which had been lost. Well, after the death of Priscillian, not only was the heresy not suppressed, which, under him, as its author, had burst forth, but acquiring strength, it became more widely spread. For his followers who had previously honored him as a saint, subsequently began to reverence him as a martyr. The bodies of those who had been put to death were conveyed to Spain, and their funerals were celebrated with great pomp. Nay, it came to be thought the highest exercise of religion to swear by Priscillian. But between them and our friends, a perpetual war of quarreling has been kept up. And that conflict, after being sustained for fifteen years411 with horrible dissension, could not by any means be set at rest. And now all things were seen to be disturbed and confused by the discord, especially of the bishops, while everything was corrupted by them through their hatred, partiality, fear, faithlessness, envy, factiousness, lust, avarice, pride, sleepiness, and inactivity. In a word, a large number were striving with insane plans and obstinate inclinations against a few giving wise counsel: while, in the meantime, the people of God, and all the excellent of the earth were exposed to mockery and insult. - 11 Nach der Kirchengeschichte (Brictius) Nun, inzwischen hatte das Jahr 403 begonnen, Sulpicius hatte kaum gemerkt, wie die Zeit verstrich. Sehr interessantes Zeugs, diese, nun ja: Bibel. Aber ziemlich wirr. Na, nun hatte er das Ganze kompakt. Bei genauem Hinschauen kam zwar im Grunde nichts raus. Je mehr man ins Einzelne ging, desto mehr geriet man an ein hin und her brandendes Meer an 411 Wegen der hier erscheinenden "15 Jahre" wird die Fertigstellung der "Kirchengeschichte" aufs Jahr 403 datiert, was mit etlichen anderen Hinweisen im Text korrespondiert.

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Möglichkeiten. Seine Geschichte Martins kam mehr auf den Punkt. Wenn nur Brictius nicht wäre. Der sich schlicht weigerte, Martin zu feiern, nachdem er sein Nachfolger ward. Hat wohl seine Gründe. Ein grundsolider beredter, tatkräftiger Mann, wenn man es nüchtern sah, der Kapellen baute und Unfug nicht duldete. Und die Mönche - inzwischen fast hundert - erstmal sich waschen ließ. Damit sich die Bürger der schönen Stadt Tours nicht mehr über diese Bettler beschweren. Sodass alle, die sich nicht waschen wollten, nun hilflos herumirrten, und etliche zu ihm, Sulpicius, hier aufs Land kamen, wo er sie aufnahm. Und mit ihnen ein wenig Spaß hatte. Und sie eine kleine Kapelle bauen ließ, der Beginn hoffentlich eines Klosters. Aber dafür bekam er keine offiziell Genehmigung. Sodass einzig die Briefe Trost boten, die er mit dem lieben Paulinus wechselte, der ihn so warm zu seiner Vita beglückwünscht hatte - ach, hätte er nur dem Heiligen Martin mehr Fragen gestellt, dann könnte er mehr jetzt über ihn schreiben. Na, ab und an erzählte einer der Mönche was. Wenn man nur alles glauben könnte. Sie waren ja keine großen Redner. Und träumten noch immer vom Teufel. Brictius, Brictius, Brictius! Was für ein Arschloch! Ja, so muss der gute Sulpicius oft gedacht haben, in jenen letzten friedlichen Jahren vor der großen Invasion, die jeden kirchlichen Zwist lächerlich werden ließ. Denn genau das spricht aus den Dialogen, die er in Kürze schreiben würde, wobei er sie mit einer stilisierten Form dieses nervenden Dauerstreits beenden sollte, den er mit Brictius hatte, keine geringe Widmung. Für jenen Brictius, von dem er berichtet, er sei einst in rasender Tollheit mit einer Flut von Schimpfworten auf den Heiligen Martin zugestürzt, obwohl er doch hier im Kloster von Tours erst aufgezogen worden war. Vorher besaß er nichts. Wobei ihm Martin (dessen Namen man hier wohl mit dem des Sulpicius ersetzen muss!) nun vorwerfe, „dass er Pferde halte und Sklaven erwerbe“, und „andere“ (wohl ebenfalls kein anderer als Sulpicius) ihn sogar beschuldigen, „hübsche Mädchen zusammenzukaufen“, was dem „Ärmsten in blinder Wut die Galle überlaufen“ ließ412, wozu er von einem „Dämo412 Alle Zitate aus Dialoge III, 15. Wobei interessant ist, dass in dreißig Jahren tatsächlich Frauengeschichten dazu führen sollten (wovon Sulpicius ja nichts wissen konnte), dass Brictius sein Bischofsamt für 7 Jahre ruhen lassen musste, bevor er, nach seiner Rückkehr aus Rom, über dem Grab Martins (halb widerwillig) eine Kapelle bauen ließ (in der er dann auch selber bestattet wurde).

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nen aufgestachelt“ wurde und auf Martin (genau wie er es letzten Monat gegenüber Sulpicius tat) in einer Manier losging, dass es aussah, als wolle er ihn umbringen. Wozu der Heilige jedoch (wie es auch Sulpicius in ruhigen Momenten wohl gern gewollt hätte) „seine friedliche Miene und sein ruhiges Gemüt behielt, und die Raserei des Unglücklichen durch sanfte Worte in Schranken zu halten“ versuchte. Wir sehen, dass der permanente Streit mit jenem Brictius (der sich einer Martins-Verehrung widersetzte, die Sulpicius eine Lebenssinn stiftende Paulus-Funktion gegeben hätte) jede Gelassenheit in Sulpicius abgewürgt hatte. Was ihn so stark in Mitleidenschaft zog, dass er sogar seine Kirchengeschichte im Zwist hatte enden lassen. Ein Zwist, der kein anderer war, als derjenige, den er momentan erlebte. Als Ziel der Schöpfung also (nach Adam, Eva, der Trunkenheit Noahs, über Sodom, Lot und Gomorra, David, Bathseba, Salomo, Christus und Paulus) insofern: Ärger mit Brictius !!! wenn einem da nicht die Galle überlief413, bei was sonst? In den Dialogen heißt es414: „Allein in jenem //also Brictius// hatte der Geist der Bosheit bereits so sehr die Oberhand gewonnen, dass er die Herrschaft über sein freilich willensschwaches Gemüt verlor; seine Lippen zitterten, er wechselte die Gesichtsfarbe; blass vor Wut stieß er gottlose Worte hervor. Er sagte, ihm käme größere Heiligkeit zu, er sei von Kindheit an im Kloster und in heiliger Kirchenzucht unter der Leitung Martins herangewachsen; Martin aber habe sich in der ersten Zeit, was er nicht in Abrede stellen könne, durch sein Soldatenleben befleckt und bei seinem törichten Aberglauben und seinen eingebildeten Gesichten sei er in lächerlichem Firlefanz alt geworden.“ Wie? Was? Soldatenleben? Lächerlicher Firlefanz? Alt geworden? Klingt das nicht vertraut? Richtig, wir verloren aus den Augen, dass Martin Soldat war. Und dass wir diesen in immer wirrere Höhen nun sich auftürmenden, von 413

Ach wie gut kann ich ihn verstehen: ich fühlte mich selber fast zwei Jahrzehnte von einem gewissen B. für auf diese Weise verfolgt, den ich in meinem Wahn für einen intriganten Stasi-Agenten hielt, dessen Bemühen einzig darauf gerichtet war, mir und meinesgleichen bei unseren Karrieren Steine zwischen die Beine zu werfen, um stattdessen die grauenhafte DDR-Filmdramaturgie und deren schmierig verlogene sogenannte "Schauspielkunst" als Maß aller westdeutschen Ästhetik zu etablieren 414 ebenfalls Dialog III, 15

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frei delirierenden Assoziationen überwucherten Sulpicius-Komplex überhaupt nur in Angriff nahmen, um herauszufinden, ob es möglicherweise eine Verbindung zwischen dem Heiligen Martin und jenem mysteriösen, durch Nichtstun wunderwirkenden „General Severus“ des Historikers Ammian gab. - Leider klärt uns Brictius nicht darüber auf, denn: „Nachdem er aber derartige und noch andere bissige Äußerungen, die ich besser verschweige, gleichsam ausgespuckt und so seine Wut gekühlt hatte, machte er sich endlich wie einer, der seinen Rachedurst gestillt hat, eilenden Schrittes auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder davon. Inzwischen hatte Martins Gebet jedenfalls die Dämonen aus seinem Herzen verjagt; reuegestimmt kehrte er bald um, warf sich Martin zu Füßen, bat um Verzeihung, bekannte seine Verirrung und gab, endlich wieder vernünftig geworden, zu, dass der Teufel ihn beherrscht habe.“ Schmähreden konnten Martin nicht beeindrucken, behauptete Sulpicius, denn sie würden eher demjenigen Schaden zufügen, aus dessen Munde sie kamen. In der Folgezeit wurden demselben Brictius bei Martin zahlreiche schwere Vergehen zur Last gelegt; dennoch ließ er sich nicht dazu verleiten, ihn seiner Priesterschaft zu berauben, um nicht den Anschein zu erwecken, als strafe er ihn für die ihm zugefügten Beleidigungen; häufig sagte er dann: „Wenn Christus den Judas 415 geduldig ertragen hat, warum soll ich Brictius nicht ebenso ertragen?“ - 12 Die Dialoge Ja, so gelassen hätte auch Sulpicius gern den Brictius ertragen. Oder dass sein Leben nun gewissermaßen in Trümmern lag. Er hatte etliche Jahre in das Leben Martins investiert, aber abgesehen von freundlichen Briefen des Paulinus (mit immerhin einem Stück vom Heiligen Kreuz) und dem Leben mit einer unternehmungslustigen Schwiegermutter, die immerhin sehr gut kochte, kam nicht viel raus. Während ein Augustinus seine Confessiones schrieb und Hieronymus die Bibel übersetzte, war er in einem gallischen Nest steckengeblieben. Mit ein paar verwirrten Mönchen, die kaum Zusammenhängendes zu schildern wussten. Ach, wenn man das nur alles 415

alles Dialog III, 15

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zurechtrücken könnte. Und in einem letzten grandiosen Unterfangen versuchte Sulpicius genau das, er wollte die Dinge zurechtrücken. Seinen Kampf um die Anerkennung seiner Leistung, für die er den Anwaltsberuf geopfert hatte, stilisierte er nun nicht zum Konflikt zwischen Gut und Böse (also zwischen ihm und dem teuflischen Brictius), sondern darin kämpft ein naiv-unbedarfter Westen mit einem entwickelten, anscheinend übermächtigen Osten. Wobei der Westen am Ende die Oberhand gewinnt - so wie Alexander einst die Perser besiegte und Rom das weit entwickeltere Griechenland. Vielleicht hat Sulpicius in seiner Naivität als erster erkannt, was als Grundmuster von nun an die Zeiten durchzeichnen würden, als ewiger Konflikt zwischen unbedarftem vitalen Westen und einem immer wieder verstaubenden entwickelten Orient. Seinerzeit kaum erkennbar im Konflikt von Honorius und Arcadius, bei dem der Westen erst einmal unterging; um nach schrecklichen Geburtswehen im Frankenreich neu zu entstehen, das allmählich dann Konstantinopel unterbutterte. Was sich in einen Konflikt zwischen Europa und den Türken verwandelte. Nach dem sich der Konflikt mit der declaration of independence weiter nach Westen verschob. Und im Kalten Krieg dann auch weiter noch in den Osten, mit zugleich einem Kulturkampf zwischen Amerika und Europa. Wobei jedoch stets der kulturell entwickeltere Teil dem politisch vitaleren (auch kulturell) unterliegt. Und wie die griechische Kleinstaaterei durch die Römer beendet wurde, beendet Amerika unsere Kleinstaaterei, das Erbe der Franken. Und in Amerika selbst unterliegt der entwickeltere Osten dem kraftvollerem Westen, unterliegt New York der Medien-, Halbleiter- und Software-Industrie Kaliforniens und Oregons. Wobei die Sonne, wenn sei jetzt untergeht, in den Fluten des Pazifiks versinkt, und nicht länger, wie zur Zeit noch der seefahrenden Portugiesen, hinter Lissabon im Atlantik… Dementsprechend großspurig ist das Setting von Sulpicius Dialogen. Es ist ein Theaterstück, das, wohl ziemlich rasch, in drei Schüben geschrieben wurde, ohne dass man groß korrigierte, wie ein paar stümperhafte Perspektivwechsel verraten. Und ohnehin ist es eine schräge Mischung von Informationsschrift und Bekenntnis, ins Geniale greifender Großsprecherei, Spuren von aufblinkender Wahrheit und freier Assoziation, worin auch der Humor nicht zu kurz kommen soll. Mit einem Wort, exzellentes Rohmaterial für ein wirkliches Theaterstück, das zu bearbeiten (als unser Verfasser 378

die Dialoge der Post übergab, wird es 406 geworden sein) nicht länger Zeit blieb, denn die Alamannen kamen bereits über den Rhein, und bald würden Vandalen und Goten den sogar als sicher geltenden Süden verwüsten. Sodass die Dialoge Sulpicius letztes Wort bilden sollten. Worte der Vorläufigkeit also, denn es ist kaum anzunehmen, dass er seine Lebens-Bemühung in cholerischem Groll gegen Brictius enden lassen wollte. Es spielt auf einem Landgut, auf dem etliche Mönche leben, wobei Sulpicius der Chef des Ganzen ist. Insofern wird es als Abbild des in der Literatur Primuliacum genannten Besitzes zu gelten haben, auf dem sich Sulpicius spätestens seit 400 überwiegend aufhielt. Eine Anlage, die er gegenüber 416 Paulinus, wie aus dessen Antwortbriefen hervorgeht , als mit gleich 2 Kapellen und einem Baptisterium versehen beschrieb. Wozu Paulinus und seine Gattin Therasia, in ein Goldröhrchen verwahrt, ein winziges Splitterchen (astula) vom Heiligen-Kreuz beisteuerten417, als Geschenk an, jawohl: Bassula, des Sulpicius Schwiegermutter, die dem Ensemble anscheinend ebenfalls verbunden war, in welcher Funktion bleibt unklar. Sie muss jedenfalls mit Sulpicius eine gute Weile dort gelebt haben. Wobei das Landgut (was wieder Spekulationen Richtung Ausonius öffnet, der es ihr - im Fall der Bissula-Basssula-Identität - als eins seiner aquitanischen Anwesen, mit zu418 sätzlich etwas Vermögen, vermacht haben könnte ) vermutlich ihr Besitz 416 Paul. Nol. Ep. 31 und 32, in denen er (wohl um Anregungen für die Ausstattung zu geben) auch ein von ihm selber in Nola errichtetes dreiapsiges Kirchengebäude beschrieb, das marmorverkleidete Fußböden, Wände und Säulen aufwies, während die eingewölbte Decke, von der Lampen an Ketten hingen, mit Mosaiken versehen war, welche die 12 Apostel und, symbolisch, die Trinität darstellten, mit einer gedichteten Inschrift, die das Ganze erläutert. 417 Von dem ihm eine gewisse Melania 398 ein Fragment aus Jerusalem mitgebracht hatte. In dem Brief wird Bassula ausdrücklich als ebenfalls auf Primuliacum anwesend erwähnt. Paul. Nol. Ep. 31, geschrieben 402/403 418 Die Daten würden jedenfalls stimmen, Ausonius starb, von Paulinus entfremdet, um 395. Die konsularische Familie in die Sulpicius einheiratete, wäre, wie erläutert, Ausonius eigene. Und wenn Sulpicius an die nun Bassula sich nennende Bissula schrieb, in Trier sei sie fern der Heimat, könnte dies meinen, dass sie inzwischen im Süden fest Wurzeln gefasst hatte. Oder es dem Schwiegersohn mitunter sagte. --- Wobei der Punkt nicht ist, ob all dies stimmt. Es bleibt, im Gegenteil, hochgradig unwahrscheinlich. Doch macht es zumindest klar, dass jene Bassula eine Vergangenheit hatte. Schließlich wurde sie von Gott nicht jungfräulich an diese Stelle gesetzt. Sie war verheiratet, hat eine Tochter aufgezogen. Aber der Ehemann ist verschwunden. Und offenbar ist sie vermögend. Und hat sich - auf welche Art immer - nach dem Tod der Tochter sehr weitgehend mit dem Schwiegersohn liiert. Auch diese Verbindung hatte gewiss ihre Auf und Abs. Hinter der Liaison mit Sulpicius, auf Grund welcher man ihr aus Italien ein Splitterchen vom Heiligen Kreuz geschickt hat, steckt ein hochkomplexes Frauenschicksal. Bassula = Bissula ist nur eine der vielen extremen Unwahrscheinlichkeiten, wovon eine einst tatsächlich Wirklichkeit war.

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war. Und von den 2 Kapellen die eine vielleicht zur Keimzelle eines (von der guten Bassula dann zu leitendem) Frauenklosters bestimmt, ganz wie es der berühmte Hieronymus mit der Witwe Paula in Bethlehem vorgemacht hatte. Von der Forschung wird das von Paulinus geschilderte Primuliacum nicht klar verortet, man meint, es habe zwischen Toulouse und Carcassonne gelegen, andere lokalisieren es in Perigueux (das näher an Tours liegt) oder Béziers. Von all der wo auch immer liegenden Pracht (von der wir letztendlich nicht wissen, ob sie real war oder ein von Paulinus und Sulpicius gemeinsam errichtetes Ideal-Gespinst, ein christliches Utopia419) ist in den Dialogen indes ebensowenig die Rede wie von einer anhaltend schlüpfrigen Beziehung zur tratschsüchtigen Bassula, an die Sulpicius, als sie um 398 in Trier weilte, den bereits erwähnten Brief schrieb, worin er verrät, dass sie einander auch nach dem Tod seiner Frau (lange!) nahestanden und dass sie ihn - was der Mär vom wohlhabend Kirchenfragen sich widmenden Aristokraten, die in den Lexika herumgeistert, zu widersprechen scheint - derzeit wohl weitgehend finanzierte. Das Setting der Dialoge ist klösterlich schlicht. … ach, lassen wir ihn doch selber sprechen - 13 Dialog 1 Gallus und ich hatten uns verabredet. Ein Mann, der mir überaus teuer ist, zum einen wegen des Andenkens an Martin, dessen Schüler er war, dann wegen seiner Verdienste. Unerwartet stieß auch mein lieber Postumianus dazu, der unseretwegen aus dem Orient zurückgekehrt war. Vor drei Jahren hatte er die Heimat verlassen, um sich dorthin zu begeben. Ich umarmte den lieben Freund und küsste ihn auf Knie und Füße, worauf wir, unter Freudentränen und voller Entzücken, ein wenig herumgingen. Dann breiteten wir unsere rauen Mäntel auf dem Boden aus und ließen uns nieder. Es gibt also - bald erfahren wir, dass sein Name Sulpicius ist - einen „IchErzähler“, der uns etwas von diesem Treffen mitteilt. Postumianus kennt 419 Was eigentlich interessanter wäre, als eine real existierende Anlage, denn so ein Utopia wäre

ein Vorläufer des Konstrukts von Thomas Morus, und nicht bloß ein kleines aquitanisches Landgut, das von der Völkerwanderung übertrampelt wurde.

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Gallus zwar noch nicht, aber, da dieser ein Schüler Martins ist, darf er zuhören. Worauf sich Sulpicius beklagt, dass sogar der einzige Bischof, der noch zu Martin hielt, ihrer Gruppen neuerdings gegenüber feindlich gesinnt sei - Bunkermentalität also. „Dann zog er //Postumianus// den Teppich, auf dem er Platz genommen hatte, näher heran und begann“.420 Er berichtet nun von einer dreijährigen Orientreise, indem er in lockerer Form allerlei Eigentümlichkeiten zum Besten gibt, die ihm unterwegs begegneten421, was interessante Einblicke in die mönchischen Strukturen des Ostens beschert. Wobei das Ganze wohl von Sulpicius zusammengelesen wurde. Auch hier verblüfft, wie am Ende seiner „Kirchengeschichte“, der Blick fürs prägnante Detail. Schließlich trifft jener Postumianus in Bethlehem den Heiligen Hieronymus, wobei man erfährt, dass Gallien Epist. XXII ad Eustochium kennt, worin, inmitten väterlich gutmeinender Ratschläge für junge Mädchen, gewisse Züge des Kleriker- und Mönchswesens karikiert werden. Daraus (und aus einigen anderen Briefen), wird, zu Gelächter, einiges Boshafte zitiert, mit zum Schluss noch einer Charakteristik des Hieronymus422: „Wahrhaftig (…) ein Mann von katholischem Wissen und gesunder Lehre; immer am Lesen, immer mit Büchern beschäftigt; weder bei Tag noch bei 423 Nacht gönnt er sich Ruhe, immer liest oder schreibt er“. Eine Charakteristik, von der sich Sulpicius offenbar eingeschüchtert fühlt, denn bei ihm kommt jetzt bloß noch Zeugs wie sein hingeklierter „Dialog“ heraus. Aber noch ist er nicht am Ende, er wird es (nach einem Insider-Scherz, worin Gallus einen Wutausbruch des Sulpicius verspottet424) dem Orient jetzt zeigen!

420 421

Kap. 2 Kap. 3 und 4 Reise nach Ägypten, wo das Einsiedelerleben so karg ist, dass Gallus einwirft, als Gallier habe er - Humor im Bunker - einen so kräftigen Appetit, dass er mit solcher Askese nichts anzufangen wisse. Bis in Kap. 7 wird die Kirchenstruktur des Ostens erläutert, dann Ankunft bei Hieronymus in Bethlehem. Danach (Kap. 9) geht es in die Thebais; dort (Kap. 10 ff.) einige Mönchsepisoden, Beschreibungen diverser Klöster und Wüsteneien, schließlich von Wundern (Kap. 18) usw. usw. 422 Von dessen privaten Verhältnissen - Ausdruck einer gewissen abgeschnittenen Provinzialität - zu diesem Zeitpunkt in Primuliacum offenbar noch nicht bekannt war, dass seine große Gönnerin, die Heilige Paula, im Januar 404 verstarb 423 alles Dialog I, 8 424 Was - Dialog I, 11 - unsere These vom in Brictius bloß gespiegelten ebenfalls hochcholerischen Temperament des Sulpicius im Ansatz bestätigt. Da waren anscheinend zwei gallische Hitzköpfe aneinander geraten, von den keiner nachgeben mochte.

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Denn nun erklärt der brave Postumianus425: „Jetzt habt ihr genug von den Wunderwerken gehört, die Gott in seinen Dienern gewirkt hat, sei es als Vorbild zur Nachahmung, sei es als abschreckendes Beispiel. (…) Jetzt musst du - das galt mir - den schuldigen Zins bezahlen. Wir wollen dich über deinen Martinus, 426 so nennst du ihn ja gewöhnlich , vielerlei erzählen hören. Längst brennt mein Herz in Sehnsucht danach“. Aber zuerst wird vom verlegerischen Erfolg der Vita Martini berichtet, in einer Manier indes, dass es wohl als Parodie gemeint ist, und insofern Ausdruck eines, angesichts der objektiven eigenen Erfolglosigkeit427, grauschwarz aquitanischen Humors, der sich selbst von einem Brictius nicht unterkriegen lässt428: Dabei öffnete er ein Buch, das er unter seinem Gewand verborgen getragen hatte. „Dies Büchlein war mein Begleiter zu Wasser und zu Land, es war mir Gefährte und Trost auf meiner ganzen Pilgerfahrt. Gern will ich dir berichten, wohin das Buch überall gedrungen ist und dass es auf dem Erdkreis kaum einen Ort gibt, wo ein so beglückendes Lebensbild nicht allgemein bekannt und in aller Hände wäre. Nach Rom brachte es als erster dein treuer Freund Paulinus. Man riss sich dort 425 Dialog I, 22, nachdem also die Kloster-Wunder Ägyptens geschildert sind, wobei eins ins Auge sticht: das "Wunder eines fast unglaublichen Gehorsams" (I, 18) gegenüber den Äbten, was wohl auf erhebliche Disziplinprobleme in Sulpicius eigener Klostergemeinschaft schließen lässt und also Ärger seitens nicht allein des furchtbaren Brictius, was vielleicht ebenfalls zu den grad nochmal angesprochenen Wutanfällen des Autors und seinen - wohl auch aus Verzweiflung - gleich ins Hysterische gleitenden Tonfall geführt hat 426 Seltsame Ausdrucksweise (also am Ende von Dialog I, 22) ... bezieht es sich auf "deinen Martin")? Oder bezeichnete man den Heiligen im inneren Zirkel anders? Hatte der Bischof von Tours seinen wirklichen Namen auf Grund seiner Desertion tatsächlich zu Martin geändert? Und war das seinen Mönchen (und Brictius) bekannt? Oder sollte er einst gar jener General Severus gewesen sein, der in Poitiers bei Hilarius Unterschlupf fand, indem er sich als herabgerissener Mönch tarnte? Ich hab das Latein leider nicht vorliegen. In englischer Übersetzung liest es sich indes unverfänglicher: "Pay me the recompense you owe, by letting us hear you, after your usual fashion, discoursing about your friend Martin, for my longings after this have already for a long time been strongly excited." - oder, in anderer Version: "Pay off that interest you owe. Following your custom, tell us more about your dear Martin, I have eagerly desired this for a long time."-- also mal wieder: bloß Geisterseherei. Vielleicht in der Theologie-Bibliothek nochmal überprüfen ... aber keine Lust mehr; nein, ich hab keine Lust ins Gefängnis zu kommen, ich muss meine Steuerklärung machen… 427 Der grade (eventuell nur ironisch) gefeierte Hieronymus etwa hat die Vita Martins nicht zur Kenntnis genommen. Darüber hinaus übt er in einem Brief an den Gallier Rusticus sogar Kritik an angeblichen Heiligen, die mit Dämonen gerungen haben wollen (epist. 135, 9. 3). Aber auch solchen, die nach öffentlichen Ämter schielen, wirft er Scheinheiligkeit vor. Und die Brief-Floskel des Augustinus, Sulpicius sei ein interessanter Schriftsteller, ist gleichfalls nicht grad Gold wert. 428 Dialog I, 23

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um die Wette darum. Ich sah die Buchhändler vor Freude strahlen, denn sie hielten kein Geschäft für einträglicher, verkauften sie doch das Buch so rasch und teuer wie keines. Meiner Seereise war es schon lange vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, wurde es schon in ganz Karthago gelesen. Nur jener Priester zu Cyrene besaß es nicht; aber ich lieh es ihm, und er schrieb es ab. Was soll ich von Alexandria sagen? Es ist dort allen fast mehr bekannt als dir. Das Buch hat Ägypten, Nitrien, Thebais, überhaupt alle Reiche von Memphis durchwandert. In der Wüste sah ich einen Greis darin lesen. Als ich ihm sagte, ich sei dein Freund, da trug er mir mit vielen seiner Mitbrüder auf, dich zu bewegen, dass du ergänzest, was du in diesem Buche nach deiner eigenen Aussage von den Wunderwerken Martins übergangen hast. Das war sein Auftrag, falls ich je wieder hierher kommen und dich noch gesund antreffen sollte. Drum, wohlan! Ich will nicht das von dir hören, was schon zur Genüge aufgezeichnet ist. Willfahre meinem Wunsche und dem vieler anderer, erzähle jetzt das, was du damals nicht angeführt hast, um, wie ich glaube, bei den Lesern Überdruss zu vermeiden“ 429 Nun, man mag den Größenwahn belachen , aber hier wird in prophetischer Weise der Sieg des Westens über den Osten propagiert. Zwar würde man Sulpicius Schriften nicht in Ägypten lesen, dort herrschte bald der Islam, aber kaum 800 Jahre später wurde das Leben Martins im Westen ein Bestseller430 und in x Kirchen verkauft. Wenn also wer in jener unruhigen (ha: unruhig!) Zeit ein Prophet war, dann war es Sulpicius. In genau dieser traumtänzerischen Passage. Und dass sie ein gewisser Postumianus äußert, entbehrt nicht einer gewissen (wenn man so will, sogar eines Thomas Mann würdigen) prophetischen Zusatz-Ironie.

429 Wovon wohl nur stimmt, dass Paulinus (schon weil er selbst darin erscheint und sein Den-

ken gefeiert wird) die Vita gelobt hat, denn weder Augustinus noch Hieronymus gehen (meines Wissens) auf sie ein. - Ambrosius könnte es getan haben, denn in Martins Bildzyklus (siehe Fußnote Nr. 586) gibt es mitunter (z. B. in Assisi) ein Bild, worin Ambrosius beim Zelebrieren der Messe von einem Traum überfallen wird, nach welchem er weiß, dass Martin grade verstarb. Dieser (dreistündige!) Traum, bei dem niemand Ambrosius zu wecken wagte, ist in der "legenda aurea" (gesammelt von Jacobus de Voragine 1285-1297) enthalten, Kap. 166 "Martin", wo sich auch eine finale Bewertung Martins durch Ambrosius findet. Da Ambrosius schon am 4. April 397 starb und der Bischof von Tours erst im November (der elfte gilt als Tag der Grablegung), gibt es da leider einige Widersprüche, die eine finale Würdigung wohl ausschließen. Ambrosius dürfte aber per Paulinus und die in Empfang genommenen "brandea" über Martins Wirken informiert gewesen sein. Für Trier (385) ist jedoch keine Begegnung belegt, obwohl sich beide dort in jenem Jahr aufhielten. 430 Noch heute sind 150 Manuskripte erhalten. Wobei die grade erwähnte legenda aurea, in die man sämtliche Szenen der Vita (sowie der Dialogi) importierte, das populärste religiöse Volksbuch des Mittelalters wurde - in gedruckter Form zwischen 1470 bis 1530 öfter verkauft als die Bibel.

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Zunächst aber werden Bonuswerte verteilt431: in der Wüste können sich die orientalischen Mönche ihren Aufgaben ganz unbehelligt widmen, während Martin im Weltgedränge unter fanatischen Bischöfen leben muss. Plaudernd sammelt man die ersten Plus-Punkte für Gallien: Martin hat nie einem Politiker ein Gastmahl bereitet.432 Dabei sei es schlecht um unsere Heimat bestellt, die nicht würdig wäre, „solch einen Mann zu kennen, obwohl es ihn in seiner Nähe hat“.433 Aber schließlich, denn „schon mahnt der lange Schatten der untergehenden Sonne, dass die Nacht naht und vom Tag nicht mehr 434 viel übrig ist“ , wird der gute Gallus aufgefordert, was über Martin beizusteuern, da Sulpicius alles, was er weiß, in seinem Buch ja bereits dargelegt hat. Was nichts anderes bedeutet, dass Sulpicius mit seinem orthodoxen Latein am Ende ist und jetzt etwas Neues kommen muss, wenn das Primuliacum-Projekt nicht scheitern soll. -------------------------------------------------------------------------Donnerstag, 1. Mai 2008 (Himmelfahrt) netter Ausflug mit meiner Frau und einem meiner Söhne (Vincent) nach Lübeck, der Stadt (oder zumindest Gründung) Heinrichs des Löwen, ein Klacks auf der Autobahn (35 Min); ein prachtvoller Tag, ganz prachtvolle Stimmung, warm bis zum Abwinken; kleiner Rundgang (leider nervt zunächst eine Musikkapelle, die es ist Vatertag - lautstark alte Hardcore Rockn-Roll-Weisen zum Besten gibt) vom Travekai über den Dom (1180 erbaut, zeitgleich mit dem von Ratzeburg und kurz darauf Schwerin, Beginn der sogenannten Ostkolonialisierung Heinrichs des Löwen - ein Streithammel, den man nur in seinen Kernlanden und England schätzt), dem Annenmuseum mit seinem Memling Altar (in das wir nicht reingingen, weil man den Altar hier im protestantischen Kernland nur gemäß der katholischen Liturgie öffnet), zur brutal ausgebombten Innenstadt mit dem gut wieder aufgebauten Rathaus und der Marienkirche (erstaunlich hoch, diese gotischen Gewölbe, von außen ganz harmlos, aber drinnen begreift man jedes Mal den spenglerschen Gedanken, dass uns die Gotik in den Weltraum geführt hat, hier allerdings nett durch pastellfarbene Plastiktünche - angeblich Original-Bemalung - verharmlost), vorbei am sogenannten Buddenbrook-Haus und dem Heilig-Geist-Spital (Krankenund Armenpflege im Sinne des Heiligen Martin) wieder runter zum Travekai, wo plötzlich auffällig häufig russische Sprachfetzen vernehmbar wurden, viele Russen 431 432 433 434

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I, 24 I, 25 I, 26 I, 28

offenbar in Lübeck, vielleicht sinds ja Litauer und Polen … - wie gesagt nette Stimmung, heiter-alberne Gespräche insbesondere über die Heilige Familie Mann, deren Stadt diese nun in größerem Maß ist (jedenfalls für meine Frau, die sich im Leben und Werk der Manns exzellent auskennt) als eine Heinrichs des Löwen. Albernes Wortspiel über den ungläubigen Thomas und das schwierige Verhältnis zu seinem Bruder, Heinrich dem Mann, der eine Bardame (Nelly aus Niendorf ) heiratete, nachdem er in Berlin zum Salonlöwen mutiert war, wonach er als verschämter Stalinverehrer (als - nimmt man die gewissermaßen „grüne“ Pennälerexistenz dazu - nun also bereits vierter Heinrich) im Pariser Exil sein schönes Henri-QuatreBuch schrieb -- (wobei mit plötzlich einfiel, dass es von seinem Bruder Thomas ja einen sehr komischen Kurz-Roman „Der Erwählte“ gibt435, ähnlich Doderers „Merowinger“ ein sogenanntes Bravourstück, worin er die Sprachsau raushängen ließ). Gute Gespräche auch über Boris Jelzin (Vincent muss für die Uni ein Referat über ihn schreiben) und welche Rolle er beim Untergang der Sowjetunion zu spielen hatte, womit er den Kalten Ost-Westkrieg nachhaltig beendete, was die baltischen Staaten (das Ziel der einstigen Ostkolonialisierung) wieder unabhängig machte und Lübeck (ach, auch Willi Brandt wurde hier geboren) aus seiner verkümmerten Randexistenz befreite usw usw -- ich gebe mir noch bis Sonntag, Spaß muss sein …

-------------------------------------------------------------------------Also hob Gallus an: „… werde ich nichts berichten, was ich aus anderer Leute Mund weiß, sondern nur, was ich selbst mit eigenen Augen gesehen habe.“ Das Versprechen aller also, die nun in großem Maß zu lügen gedenken, wobei Sulpicius, das ist interessant, so viel Integrität sich bewahrt, dass er Gallus dies überlässt, einem bodenständigen Mönch, der zwar allerseits re436 spektiert wird, aber kaum Latein spricht und mit Wett-Fasten etc. nichts 435 Thomas Manns (vorletzter) Roman, erschienen 1951. Auf Hartmann von Aues "Gregorius"

basierend; eine vertrackte Heiligen-Geschichte, worin ein durch Geschwisterinzest gezeugter und dann ausgesetzter Sohn, nach etlichen Wirren, die eigene Mutter (Sybille) heiratet. Und, dies als Eremit von Grund auf bereuend, plötzlich in den Papststand versetzt wird. Eine vielfältig verschachtelte Geschichte, in der sich Thomas Mann den heiklen Mutter-Inzest durch einen fiktiven Erzähler (Clemens den Iren) vom Hals hält. 436 "Sprich keltisch", sagte Postumianus (I, 27) - wobei man darüber spekulieren darf, inwiefern diese Gallus-Gestalt bereits eine Konzession des Sulpicius an die ihn bedrängenden Bischöfe seiner Umgebung war, die den Gedanken des Askese, also auch die von Martin in Tours propagierte, mit Priscillian in Verbindung brachten und deshalb vorsichtshalber verurteilten

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am Hut hat, sondern als Gallier ein ordentliches Stück Fleisch zu schätzen weiß und vermutlich auch andere Sachen nicht so ernst nimmt, weil er (sogar im Kloster) ein schönes Leben führen will. - 14 Dialog 2 - Der Weg ins Phantastische Das Motiv des geteilten Mantels variierend, beginnt Gallus mit einer ins Pferd- und Schwertlose mutierten, ansonsten aber identischen Wiederholung der Gewand-Geschichte437, bei der Martin nicht auf einem Thron sitzt, wie er ihm laut Meinung mancher eigentlich gebührt, sondern einem simplen Dreibein-Hocker (der im Mittelalter mitunter dann sein Attribut wird); es folgen 2 Heilungen und eine bizarre Szene (in beinah der drastischen Manier mancher Episoden des Heiligen Franziskus), worin Martin sich geduldig von Fuhrleuten verprügeln lässt438 - alles zwar recht gefällig erzählt439, weit lebendiger als in der Vita, mit etlichem organisch sich ergebenden Details - man merkt, Sulpicius kann jetzt erzählen! -, aber irgendwie fehlt jedesmal die schlagende oder zumindest in neues Terrain eindringende Pointe. Was von jenem Gallus angesprochen wird: „Sulpicius, ich habe oft an das gedacht, was Martin dir gegenüber häufig äußerte, dass ihm nämlich während seines Bischofsamts nicht mehr die gleiche Wunderkraft zu Gebot stand, über die er, seiner Erinnerung nach, früher verfügte“.440 um gleich aber loszulegen --- wovor aber, diesmal verdreht raffiniert, wieder gewarnt wird, denn Gallus erklärt: „Dafür bin ich Zeuge - allerdings nur, 437 Die, umgekehrt (und wohl zu kompliziert) gedacht, von einem späteren, einem zweiten Autor aber auch nachträglich in die Vita eingearbeitet worden sein könnte, paulinisch insofern verdichtet zu einer nun in Amiens spielenden Begebenheit. - vergleiche dazu Teil VI dieses Anhangs "Justina in Mailand", und dort Kap. 3: "Justina, Severa und Ausonius" 438 II 1 ff. 439 Wobei auch Gibbon an Sulpicius verblüfft, wie sich in dessen Arbeiten "gröbste Barbarei" und Grobheit im Sujet mit einem gefälligen, "dem Augusteischen Zeitalter nicht unwürdigen Stil" verbinden. Gibbon XXVII 440 II, 4 - diese Aussage bezieht sich also nicht auf die Erfahrung nach dem Prozess gegen die Priscillianer, wie oft zu lesen, sondern nur auf sein Bischofsamt, und ist so vage formuliert, dass sie an dieser Stelle wohl nur begründet, warum den grad aufgezählten "Wundern" die Pointe fehlt. An Ungewöhnlichem gab das Leben Martins, bei vernünftigem Erwägen, also beim besten Willen kaum mehr als in der Vita beschrieben her. Und vielleicht hat auch Sulpicius begriffen, dass es nur vor Tours zu Wundern in eigentlichen Sinne kam, dem Wunder nämlich der Rettung Martins, das wir bei der Analyse der Poitiers-Phase und dessen, was ihm davor geschah, herausgearbeitet haben.

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wenn ihr mein Zeugnis für glaubwürdig haltet.“ Und dann folgt eine richtige Massenszene441 vor Chartres, worin Martin Tausenden von Heiden des Evangelium predigt und vor aller Augen ein totes Kind zum Leben erweckt. - Worauf man sofort den Lorbeer verteilt: „Gallus, du hast gesiegt“, sagte da Postumianus, „nicht über mich, da ich eher Anwalt Martins bin und über ihn schon alles erfahren habe und von jeher davon überzeugt war. Du hast gesiegt über alle Einsiedler und Anachoreten…“ (des Orients).442 Aber als traue Sulpicius diesem so leicht errungenen Sieg nicht, den er sich da als Autor auf die Schnelle zugebilligt hat, lässt er nun - wohl um klar zu machen, dass Martin nicht nur vorm Volk zu brillieren versteht, sondern auch in den höchsten Kreisen respektiert wird - eine tiefer ins Phantastische langende Szene folgen. Die wieder von Gallus vorgetragen wird, diesmal - man beachte die Abstufung - nicht mehr selber bezeugt, sondern nur von einem Bekannten: „Zur Zeit etwa, als er Bischof wurde, musste er aus dringendem Anlass an den kaiserlichen Hof. Damals stand Valentinian der Ältere443 an der Spitze der Regierung. Als er in Erfahrung brachte, dass Martin um etwas bitten wollte, das er nicht gewähren mochte, gab er Befehl, ihn nicht über die Palastschwelle zu lassen. Denn seine arianische Gemahlin444 hatte sich seinen hoffährtigen Stolz zunutze gemacht und ihn dem Heiligen entfremdet, damit er diesem nicht die gebührende Ehre erwies. Nachdem Martin etliche Mal versucht hatte, eine Audienz beim 445 hochmütigen Kaiser zu erlangen … legte er sein Bußgewand an, bestreute sich mit Asche, nahm weder Speise noch Trank und betete unablässig Tag und Nacht.“ - Bis ihn am siebenten Tag ein Engel erschien, der ihn durch die (einfach 441 442 443

II, 4 II, 5 Valentinian I. (364-375), dessen zweite Gemahlin Justina war, die Großmutter Galla Placidias. Der Vorgang müsste sich also zwischen Martins Bestellung zum Bischof 371 und dem Tod des Kaisers 375 abgespielt haben. 444 Justina wurden wegen der Konflikte, die sie, als Vormund des 371 geborenen jüngeren Valentinian, um 385 mit Ambrosius in Mailand hatte, arianische Tendenzen zugeschrieben. Siehe dazu Teil VI dieses Anhangs: "Justina in Mailand" 445 "Martin, accordingly, when he had once and again endeavored to procure an interview with the haughty prince, had recourse to his well-known weapons - he clothes himself in sackcloth, scatters ashes upon his person, abstains from food and drink, and gives himself, night and day, to continuous prayer."

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nun sich öffnenden) Tore bis unmittelbar vor den Kaiser geleitete, der wütend darüber ward, dass man ihn vorgelassen hatte. „Er hielt es unter seiner Würde, sich vor Martin … zu erheben. Bis Flammen unter dem Thronsessel aufloderten und Feuer am sitzenden König emporzüngelte. Erst da wurde der stolze Monarch von seinem Sitz getrieben und erhob sich wider Willen vor Martin. Um ihn dann aber vielmals in die Arme zu schließen … Gänzlich verwandelt gestand er, eine göttliche Kraft verspürt zu haben. Ohne auf Martins Bitten zu warten, gewährte er ihm fortan alles bereits im Voraus, zog ihn oft in vertrauliche Gespräche und lud ihn zu Tisch“.446 Nun, zum einen wird wieder Nähe zum Kaiser beschworen, die diesmal, anders als in der Vita, wo es sich um eine einmalige Essenseinladung handelte, permanenter Natur werden will. Wobei mehrere Sachen aber sonderbar sind. Erstens (wir kommen darauf zurück), dass Martin mit einem bestimmten Wunsch, der wohl ausdrücklich erwähnt, nicht aber erläutert wird, zum Kaiser kommt. Zum zweiten, dass die Kaiserin, also Justina, die spätere Gegenspielerin des Ambrosius, ihm den Zugang verwehrt. Drittens, dass der Kaiserthron in Flammen aufgeht, als Martin sich ihm entschlossen (mit Hilfe eines herbeigehungerten Engels) nähert. Und viertens, dass, nachdem in den vorherigen Arbeiten von einer Bekanntschaft mit dem thronräuberischen Kaiser Maximus die Rede war, nun der ältere Valentinian als bester Freund erscheint, der weder in der „Vita“ noch in der „Kirchengeschichte“ und danach auch in den „Dialogen“ nicht wieder - erwähnt wird. Während Maximus, diesmal schräger beleuchtet, gleich von neuem auftauchen wird. Hatte Sulpicius überlegt - mit dem Engel als richtungsweisenden Agenten dieses Gedankenspiels -, was aus Martin hätte werden können, wenn er den Militärdienst nicht verlassen hätte, sondern Julian nach Persien gefolgt wäre? Hatte er sich überlegt, dass Martin an Valentinians Stelle hätte zum Kaiser gewählt werden können? Was den Kaiserthron Valentinians gewissermaßen hätte in Flammen aufgehen lassen? Wobei es in der Vita ja bereits eine Begegnung Martins mit einer feuerflammenden Herrschergestalt gab, die, in Purpurglanz strahlend, hoffte, mit so „erborgtem Lichtglanz leichter täuschen zu können. Ein Königsmantel umwallte ihn, wobei er ein edelsteinfunkelndes, goldenes Diadem auf dem Haupt trug und die Schuhe golddurchwirkt waren. So gewinnend war seine Miene, so freundlich 446

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alles noch II, 5

sein Antlitz, dass man alles andere als den Teufel in ihm vermuten musste.“ Damals hatte Martin sich gegen diese Erscheinung im Namen Christi gewehrt, was sie in Staub verwandelte. Nun ist die Begegnung mit diesem Herrscher erwünscht. Müssen wir dem magister equites Severus daher wieder Aufmerksamkeit schenken? Denn tatsächlich finden wir bei Ammian den älteren Valentinian als Reitergeneral ja in etwa im gleichen Rang, den auch jener Severus derzeit innehatte, sodass plausibel wäre, wenn er nach dem Kaiserdiadem griffe. Andererseits scheint, wie die „Kirchengeschichte“ verrät, Sulpicius militärisches Interesse gleich Null gewesen zu sein. Allein hätte er nie herausgefunden, dass ein severus-artiger Martin einst mit Valentinian ranggleich gewesen sein könnte. Hatte ihm wer sowas angedeutet? Der Soldat, von dem Gallus ein wenig später erzählt? „Ein Soldat hatte den Kriegsdienst verlassen und sich im Gotteshaus zum Mönchsleben verpflichtet. Fern von den Menschen erbaute er sich an einem einsamen Ort eine Klause, um wie ein Einsiedler zu leben. Bald aber beunruhigte der schlaue Feind sein ungebildetes Herz mit diversen Einflüsterungen.447“ Was ist das? Es klingt wie Martins eigene Geschichte. Will Sulpicius uns nun über die wahre Natur Martins aufklären? - Nein, so weit geht es nicht. Das wäre der Wissenschaft kaum entgangen. Denn sofort taucht Martin in eigener Person auf, was den Verdacht in unendliche Ferne rückt. „Er wurde in seinem Entschlüsse schwankend und wünschte, sein Weib, das Martin in ein Jungfrauenkloster gewiesen hatte, möchte mit ihm wieder zusammenwohnen. Also gestand der tapfere Einsiedler Martin, was er im Sinn habe. Der Heilige war entschieden dagegen, //denn// es sei unpassend, dass ein Weib wieder in Gemeinschaft mit ihrem Manne lebe, der schon Mönch geworden sei und nicht mehr Gatte sein wolle.“ danach allerlei Gedöns mit „Frau könne nicht kämpfen, weder im Militär noch inmitten der Brüderschar“ etc etc. und dass es der Frau bereits Ehre eintrage, „wenn sie in Abwesenheit des Mannes die Keuschheit bewahrt. Für sie ist höchste Tugend und vollkommener Sieg, wenn sie sich nicht sehen lässt.“ 447

II, 11

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Wollen wir jenen Soldaten mit unserem General Severus verschmelzen lassen, müsste sich die Szene in Poitiers abgespielt haben. Und zwar nach dem Jahr 361, als Severus gemäß unserem Szenario frühestens in Poitiers Unterschlupf fand. In diesem Fall spräche mit ihm nicht Martin, sondern eher Hilarius (in Form also gewissermaßen eines „Hilarius-Martins“), dem der Sprachduktus ohnehin mehr entspräche (so flüssig hausbacken argumentierend vernimmt man den Vita-Martin nie). Hatte Severus also eine Familie, bevor er sich bei Hilarius versteckte? Und hatte er die Gattin wiedersehen wollen? War er ihr vielleicht von neuem begegnet und suchte nun beim Hilarius-Martin Rat? Wie dem auch sei, bemerkenswert ist, dass sich in beiden Fällen eine Gattin als Hindernis zum Zugang zu etwas Begehrtem erweist - einmal zum vertrauten Umgang mit einem Kaiser, einmal zu erfüllt-befriedeter Mönch­ einsamkeit. Wobei wir noch einmal auf den Bassula-Faktor eingehen sollten, der in Primuliacum schon durch die Präsenz jener Dame am Wirken zu sein schien. Man kann ihn sich als per Schieberegler vermittelt denken, an dem ein (moderner) Regisseur herumspielen darf, um dem ablaufenden Geschehen dieses Theaterstücks eine wirklichkeitsnähere Charakteristik zu verleihen. Wobei die Reglerstellung Null die perfekte Harmonie-Situation kennzeichnen könnte (oder eventuell die momentane Abwesenheit Bassulas, also ganz nach der grad aufblitzenden These, dass es die höchste Tugend der Frau sei und ihr „vollkommener Sieg, wenn sie sich nicht sehen lässt). Und ein Negativwert minus zehn (auf dieser nach oben - bzw. unten - offenen Bassula-Skala) eine extrem zänkische, zickige Bassula, mit der Sulpicius permanent über den rechten Weg streitet. Denn so ein negativer Bassula-Faktor kann Grund für etlichen Unfrieden in Männergemeinden sein. Wobei ein „positiver“ Wert mehr Unfrieden noch stiften könnte. Wenn jene Bassula zum Beispiel von Sulpicius (oder er von ihr) private Zuwendung über das Maß des Erlaubten erwarten würde, was ein gottgefälliges Leben ebenfalls empfindlich stören müsste.448 Wobei man sich zu dem als x-Ko448

Da der guten Bassula (anders als Paula, der Melanie des Paulinus oder Sulpicius selber) von der Kirche, aus irgendeinem Grund, kein Heiligenstatus beschert wurde, dürfen wir über derlei frei (und lebensnah) spekulieren, ohne Gefahr zu laufen, blasphemisch zu werden. Daher dürfte sie hier

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ordinate begreifbaren Störfaktor (von dem ganz Primuliacum wohl hofft, dass er gleich Null ist) noch eine y-Koordinate denken muss, welche die Attraktivität jener Bassula charakterisiert: positiv also als relativ junge, angenehm attraktive Erscheinung von idealer, fast „jungfräulicher“ Wesensart; negativ dagegen (oder „Joystick nach unten“) als deutlich ältere, hässlichere, zickigere Dame. Wobei ein Regisseur (oder die von Fortuna gesteuerte sogenannte Wirklichkeit) all dies mit gewissermaßen, ja: dem Joystick nach momentaner Laune verteilen darf. Dass Frauen (die Ehe Valentinians war ja ebenso ein Beispiel wie der Wunsch des Soldaten, seine Frau wiederzusehen) schöne Männeridyllen vielfältig zu stören verstehen, ist ja wohl ein Gemeinplatz. Aber weit interessanter als die Frage, ob jener Soldat mit unserem General Severus identisch sein könnte (oder welche Größe der Bassula-Faktor in jener Gemeinschaft momentan aufwies), ist für uns jetzt, dass unter den Brüdern ein schon etwas erfahrener Soldat weilte, in immerhin einem Alter, dass er bereits geheiratet hatte. Und Sulpicius beim Vita-Verfassen ein wenig von militärischen Hintergründen vermittelt haben mochte. Von Julians Kampagne etwa, und dass er mal in Amiens oder Worms war. Und dass genau das vielleicht der Ort gewesen sein könnte, wo Martin dem Kaiser so wacker widerstand, obwohl der Heilige Martin selber, seinen Widerstand gegen Julian und seine Erleuchtung zögernd (oder skizzenhaft) nur wiedergebend, den Ort vielleicht nie nannte. Sodass sich das Ganze erst in Sulpicius Vita auf die stilisierte Weise verdichtete, die jener Szene dann solch konkrete Gültigkeit verlieh. *** Oder war der Reitergeneral Severus doch jener auftauchende Soldat? Denn in der an Verschlüsselungen gewiss nicht armen Dialog-Szenerie, in welcher nun sogar tote Kaiser und ihre Gattinnen agieren, folgt eine weitere Soldatenepisode, eine, die von Postumianus wiedergegeben wird, die letzte der aus Ägypten berichteten Begebenheiten bzw. fabelhaften Geschichten449: sogar die Gestalt einer wahrhaft teuflischen Versuchung annehmen, der Sulpicius mehr oder weniger wacker widerstand. 449 I, 22

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Ein junger, reicher, vornehmer Asiate war Tribun in Ägypten. Er hatte ein Weib und einen kleinen Sohn. Auf seinen Kriegszügen gegen die Blember kam er öfter durch eine Wüstengegend mit Mönchsbehausungen, wo er die Heilsbotschaft aus dem Mund des heiligen Johannes vernahm.450 Bald lernte er den unnützen Kriegsdienst und dessen eitle Ehren verachten. Voller Mut begab er sich in die Wüste, wo er bald zum Vorbild jedweder Tugend wurde. Stark im Fasten, ein Muster der Demut, fest im Glauben, tat er es den alten Mönchen im Streben nach Tugend gleich. Aber nach und nach stieg, auf des Teufels Einflüsterung hin, in ihm der Gedanke auf, dass es besser sei, wenn er in sein Vaterland zurückkehre und seinen einzigen Sohn, sein Haus und seine Gattin für den wahren Glauben gewänne. Dies sei Gott angenehmer, als sich damit zu begnügen, selber der Welt zu entfliehen, das Heil der Seinen aber lieblos zu vernachlässigen. Verblendet durch den Schein solch falscher Gerechtigkeit verließ er nach vier Jahren seine Zelle und gab seine Eremitenberufung auf. wenn man - beim Generalsrang ist es nicht nötig, denn Tribunen sind bereits hohe Befehlshaber - einige simple Transformationen vornimmt, liest sich dies wie die Beschreibung von Severus möglichem Lebensweg, wie wir ihn grob ja bereits skizzierten: Blember = Alamannen; Wüstenkloster = Poitiers; Johannes = Hilarius. Wobei die - in all dieser ägyptischen Vagheit, worin es sonst nie solche Präzision gibt - plötzlich präzise genannten „vier Jahre“ seltsam an die jahrgenaue Datierung der Martin-Militär-Episoden erinnern.451 Postumiamus fuhr fort: «Kaum war jener Tribun der Klostergemeinschaft aus den Augen entschwunden … da fuhr ein Teufel in ihn.452 Er zerfleischte sich mit seinen eigenen Zähnen, wobei blutiger Geifer dem Mund entströmte. Auf den Schultern der 450

Der sich bei Lynkopolis in der Thebais auf einem Berggipfel mit eigenen Händen eine bescheidene Klause gebaut hatte, wo er über 50 Jahre hauste, ohne die Tür zu öffnen, ein weibliches Antlitz zu sehen oder irgendeine mit Feuer zubereitete Speise zu essen - beschrieben von seinen Freunden Rufinus von Aquileia (2, 1) und Palladius (Historia Lausiaca 43) 451 Vita M. 2 ff. -- wobei die Rückkehr jenes Tribunen nach Frau und Kind sonderbar mit der des einfachen Soldaten Martin zu seinen Eltern nach Pannonien korrespondiert (Vita 5). Insofern liegt nahe, die Erzählung des Postumianus nur als nach Ägypten eingedrungene Variante der Vita zu begreifen. bzw., da ja Sulpicius der Autor beider ist, als Sulpicius Traum-Vorstellung von einem solchen Eindringen in den Orient. 452 Bassula-Faktor also "plus 10", y-Koordinate ungewiss, der Teufel insofern als Metapher der (realen oder antizipierten) sexuellen Interaktion

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Brüder wurde er wieder ins Kloster getragen. Da der böse Geist in ihm nicht zu bändigen war, musste man den Unglücklichen in Eisen legen und an Händen und Füßen fesseln … Erst nach zwei Jahren befreite ihn endlich das Gebet der Mönche vom bösen Geist.“ Sollte es sich hier um eine Verschlüsselung der Poitiers-Episode in der Hilarius-Gemeinde handeln, korrespondiert das mit den derzeitigen TotenErweckungen (die wir ja bereits als stilisierte Wiedererweckungserlebnisse von Martin selber entschlüsselten), die der „Vita-Martin“ bewirkt haben soll. Als Datierung dieser Eskapade käme das Jahr 365 in Frage, 4 Jahre nachdem Severus beim zurückgekehrten Hilarius erschien. Wobei er zwei weitere Jahre, also bis 367 (dem Todesjahr des Hilarius) sehr verwirrt blieb (und wohl von allen möglichen Phantastereien verfolgt), bevor man ihn (sollte jener nun mit Weib und einem Sohn versehene General Severus tatsächlich mit dem Heiligen Martin identisch sein) 371 zum Bischof von Tour bestellte. Was - wenn man sich das alles genüsslich im Kopf hin und hergehen lässt - verständlich macht, dass sich der langsam in den Heiligenstand versetzte einstige General - wir haben es in diesem Falle ja ansatzweise mit einem Szenario zu tun, wie es Thomas Mann im „Erwählten“ entwickelte, wo ein erzsündiger Gregorius (der, wie Ödipus, mit seiner Mutter schlief ) es sogar zum Papst brachte - gegen die Übernahme des Amt zunächst heftig wehrt. War der „Vita-Martin“ also doch identisch mit jenem Reitergeneral (den wir - im Unterschied zum 336 geboren „Soldaten-Martin“, der bislang unser Favorit war - ab jetzt vielleicht als hypothetischen „Generals-Martin“ bezeichnen sollten)? Dessen Identität in der vorherigen (im Kreis der Brüder stattfindenden) Soldatenszene geschützt wurde, indem der „Hilarius-Martin“ erscheint? Das wirkt natürlich kaum weniger überspannt als unsere an ihrem blonden (eventuell inzwischen gefärbten) Haar herbeigezogene, Bissula = Bassula-These. Laut der man sich sogar dazu versteigen könnte, dass jene Bassula (die - ganz wie Priscilla in Rimini - dann und wann heimlich mit ihrem Schwiegersohn schlief ) ein (vom heidnischen Ausonius einst induziertes) teuflisch-germanisches Vergnügen daran fand, in einer heuchlerisch-christlichen Welt leicht verlogene hagiographische Schriften ihres Schwiegersohns - war doch besser, als sich im Schwarzwald von Biertrinkern begrabschen zu lassen - zu verbreiten. Wobei diese köstliche Verlogenheit darüber hinaus ihren Umgang mit ihm auf dem Landgut ganz harmlos erscheinen ließ, sodass sie sich dort nach Belieben jederzeit treffen konnten, 393

ohne dass irgendwer es beanstanden durfte. - Wie gesagt, all dies kann nur als verstiegene Belletristik durchgehen, Belletristik im Sinne des hysterischen Balzac (oder, im Einzelfall, sogar Thomas Manns), der mit einer Erzählung nicht zufrieden sein wollte, bevor nicht derlei Hintergrund in sie eingewebt war. Im wirklichen Leben hat sowas indes keinen Platz. Wenn es auf den Traum von der Begegnung mit Valentinian nicht gleich eine weitere Kaiserszene folgen würde, die noch um vieles absonderlicher ist… - 15 Der Traum des Kaisersohns Denn jetzt kommt es wirklich dicke, als seien nun alle Dämme gebrochen. Denn in nächsten Kapitel453 verlässt der gute Gallus den hochmütigen Valentinian und dessen arianische Gattin (die ohnehin plötzlich verschwunden war454), um wieder auf die Bekanntschaft mit dem Usurpatoren-Kaiser Maximus anzuspielen - in der Vita, wie wir erinnern, kaum mehr als eine harmlose Essensbegegnung, in der Kirchengeschichte dann eine (folgenlose) Intervention, die Priscillian bloß einen Aufschub bescherte. Da wir nun einmal im Palast sind, will ich anfügen, was darin, wenn auch zu anderer Zeit, außerdem geschah. Denn ich darf wohl nicht übergehen, welch Beispiel eine gläubige //faithful?// Herrscherin in bewundernder Verehrung für Martin gab. Damals beherrschte Maximus den Staat. Er hätte für sein Leben mit Recht nur Lob verdient, wäre er bei der Entscheidung frei gewesen, die Krone, die man ihm bei einer Militärrevolte illegal anbot, auszuschlagen und den Bürgerkrieg zu vermeiden. Aber tatsächlich kann man solche Machtstellung weder gefahrlos ablehnen, noch kann man sie ohne Waffengewalt behaupten. Öfter ließ er Martin kommen, begrüßte ihn in seinem Palast und erwies ihm alle Ehren. Dann sprach er mit ihm über Gegenwärtiges und die Zukunft, den Ruhm der Gläubigen und die Unsterblichkeit der Heiligen. Jetzt wird der Zugang zum Kaiser also unmittelbar und intim, ohne dass 453 II, 6 454 Nach verallgemeinertem Bassula-Faktor minus 5 also plötzlich: gleich Null

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eine Gattin im Weg steht. Und mehr noch: nachdem die Hindernisse, die so eine Kaiserin auftürmen könnte, in der vorherigen Szene durch einen Engel (und daher offenbar für gleich alle Zeit) aus dem Weg geräumt sind, wird die Herrscherin nun sogar selber für die gute Sache gewonnen. Gewöhnlich versteht man diese Szene als Ausdruck des Respekts, den Maximus den Kirchenvertretern zollt, dass er geistliche und weltliche Macht also für gleichberechtigt erachtet. Aber dazu scheint jener Maximus - auch wenn der Dialog ihm ein gewisses Getriebensein konzediert455 - ein zu herrschaftsbewusster Militär-Charakter gewesen zu sein. Und warum er Martin mit besonderer Liebenswürdigkeit beehrte, scheint nicht sehr verständlich. Regionale Verbundenheit mit Tours kam kaum in Frage, denn Maximus begann seine Usurpation in England und war, wie Theodosius, von Geburt Spanier. Eher handelt es sich bei dieser Gleichberechtigtheit, wie sich gleich auch offenbart, um eine Wunschphantasie: Unterdes hing die Kaiserin wie gebannt //Tag und Nacht?// an den Lippen 456 Martins. Ihrem Vorbild im Evangelium nicht nachstehend, benetzte sie die Füße des Heiligen mit Tränen und trocknete sie mit ihrem Haar. Sie ist also das genaue Gegenteil der arianischen Justina des Valentinian. Wobei sie, als offenbar exzellent rechtgläubige Katholikin, nach wie vor namenlos bleibt und nur auf ihr biblisches Vorbild verwiesen wird. Martin, den doch sonst nie ein Weib berührt hatte, konnte sich ihrer Aufmerksamkeit oder, ja, sogar Dienstbeflissenheit nicht entziehen. Sie vergaß den Reichtum ihres Throns, die Würde der Herrschaft, Purpur und Diadem. Auf dem Boden liegend, ließ sie sich von Martins Füßen nicht wegschaffen. Schließlich bat sie ihren Gemahl, gemeinsam mit ihr Martin dazu zu bringen, dass sie ihm allein, ganz ohne Dienerschaft, ein Mahl bereiten dürfe. Was ist jetzt los? Bedeutete es, dass sie erkannt hat, dass Martin der eigentliche Kaiser ist? Wie kommt es zu dieser Transformation? Was ist anders als in der vorherigen Szene (außer dass der Engel schon einige Vorarbeit geleistet hat)? Nun, der Hauptunterschied besteht wohl darin, dass Valentinian 455 Das bereits in der Vita als Entschuldigung dafür dient, dass Martin die Essenseinladung annimmt - Vita M. 20 456 Lukas 7. 36 ff., wo Jesus einer Sünderin ihr sündhaftes Leben vergibt, weil sie ihm während eines Mahls bei einem Pharisäer namens Simon mit heilendem Öl die Füsse einrieb und sie dabei mit ihren Tränen benetzte.

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ein rechtmäßig bestellter Augustus war, und Maximus, wie zuvor ausdrücklich erklärt, nur ein zur Macht gelangter Usurpator. Für den „Generals-Martin“ hätte mögliche Konkurrenz mit dem älteren Valentinian bedeutet, dass er im Gefolge Julians erst mal nach Persien hätte ziehen müssen. Um sich dort in einem vom Zufall bestimmten Wahlverfahren gegen diesen durchzusetzen. Eine Aufgabe, die nur mit Hilfe eines Engels zu bewerkstelligen war, wobei selbst dies, wie wir sahen, nur zu einer Verbrüderung führte. Im Falle einer Usurpation sähe es anders aus. Denn so einer wie Maximus hätte jener General Severus selbst werden können, wenn er 358 offen gegen Julian revoltiert hätte. Wie es Silvanus drei Jahre zuvor in Köln bereits demonstriert hatte, das Severus mehrfach durchritt. Hätte unser General das gleiche versucht, wäre er womöglich jetzt selber der Usurpator, säße er in genau der Position, die Maximus innehatte. Mit einer gesichtslosen Gattin, die keine Individualität hat, sondern nur ein Attribut des Herrschertums ist. Und wenn sie nun an Martins Lippen hängt, hat das nichts anderes zu bedeuten, dass diesem jetzt das Zepter übergeben wurde, dass Martin jetzt also selber der Herrscher ist. Nun, was bedeutet die Entdeckung dieser logisch offenkundigen Struktur? Ich würde sagen, sie bedeutet vor allem, dass Sulpicius über diese Sachen nun gründlicher nachgedacht hat als in der eher fabelnden Vita. Und dass ihm wer einiges über den politischen Hintergrund erzählt hat. Einer wie jener Severus, der irgendwie in den Mönchskreis Martins eindrang. Insofern ein ganz spezieller und informierter Gallus, der diese Episode ja erzählt. Wobei sich Sulpicius nach der „Kirchengeschichte“ zunehmend für das Reale interessiert, was sich aber zunächst nur in diesen Phantasien offenbaren durfte, die Martin wegen ihres Phantasiecharakters nicht antasteten. Aber die nun hochintim gewordene Szene, in der die Kaiserin mit Martin allein im Kaiserpalast ist, fortan ohne jedweden Zeugen, ist damit nicht zu Ende: Der Heilige konnte das nicht länger mehr hartnäckig zurückweisen. Mit eigener Hand richtete die Kaiserin nun alles her: sie versah die Liege mit einer Decke, rückte den Tisch zurecht, reichte Wasser für die Hände und trug die Speisen auf, 396

die sie selbst gekocht hatte. Zugleich erzählt Sulpicius das äußerst bewusst. Und anders als in der Vita versteht er jetzt, wie mehrfach bemerkt, zu erzählen. Das Geschehen hat den erotischen Beigeschmack, den er bereits den Priscillianern in der Kirchengeschichte verpasst hat, als er fein mit der Nacktheit von Haut und dem gefährlichen Wort „turpis“ operierte, um einen bestimmten Verdacht in der Schwebe zu halten, ohne ihn aussprechen zu müssen. Er versteht es, diesen Bereich zwischen Anständigkeit und aufgeregten Atemanhalten lebendig werden zu lassen. Denn ihm ist vollkommen klar, dass er in etwas eindringt, das ein Tabu darstellt. Mit ständig sich erhöhenden Bassula-Faktor. Denn Martin und die Kaiserin sind zusammen wie Mann und Frau: sie wäscht ihm die Füße, bereitet ihm Speisen zu, serviert sie in ihren Privatgemächern. Als hätte sie begriffen, dass Martin der eigentliche Kaiser ist. Ein Kaiser durch Verzicht, dem sie (nachdem sie also begriff, dass Maximus trotz seiner gewaltigen Größe - nur ein kleiner Usurpator ist) nun mit ganzer Person bei allem, wirklich bei allem, zu willen sein muss: Während er aß, stand sie, wie es sich für Diener geziemt, in einiger Entfernung still da, die Augen auf den Boden gerichtet, und legte so in allem die Bescheidenheit einer Magd an den Tag und die Demut einer Sklavin. Sie mischte den Wein selber und reichte ihn dar. Nach Beendigung der kleinen Mahlzeit sammelte sie die übrig gebliebenen Brotkrumen und zog in ihrer gläubigen Gesinnung diese Überreste der kaiserlichen Tafel vor. Glückseliges Weib! *** Ja, glückseliges, weil seiner Bestimmung zugeführtes Weib. Aber dann kommt natürlich der Konter, auf den Sulpicius sorgfältig zusteuerte. Denn, nachdem er dem derart sich verbeugenden Glauben der Kaiserin gebührend Bewunderung zollte, bemerkt Postumianus457, was jedermann denkt, der dies liest (und es wurde von Sulpicius so geschrieben, dass man es unweigerlich tut!): „Allein wie steht es damit, dass nie eine Frau an Martin herangekommen sein soll? Hier kam eine Königin nicht nur in seine Nähe, sie hat ihn sogar bedient. Ich fürchte, dieses Beispiel wird grade denen ziemlich willkommen sein, die sich (als 457

II, 7

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Mönche) mit Frauen abgeben wollen“.458 Und jetzt, das ist das Wahnsinnige dieser Szene, wird plötzlich die Wirklichkeit als Geschütz aufgeführt, um das erotisch Verfängliche zu entschuldigen, denn „Gallus“ erwidert Postumianus nun mit einer Verallgemeinerung aristotelischer Prinzipien und stellt den Konflikt Martins jäh mit einer Differenziertheit dar, die in dieser Phantasieszene vollkommen verblüfft: „Warum achtest du nicht auf Ort, Zeit und Person, wie es uns die Grammatiker einprügeln? /urge on us?// Stelle dir vor, wie er im Palast zurückgehalten und vom Kaiser mit Bitten bedrängt wurde, wie ihm der Glaube der Kaiserin Zwang antat, weil ihn die Notwendigkeiten jener Zeit fesselten. Er hatte (nämlich) Gefangene zu befreien, Verbannten die Heimkehr zu ermöglichen und eingezogenen Besitz zurückzugewinnen. Für wie gering hätte der Bischof all das halten müssen, wäre er nicht solcher Zwecke willen von seinen strengen Prinzipien abgewichen.“ Jetzt ist also die Katze zum Teil aus dem Sack. Martin erscheint nicht mehr als hinterwäldlerischer Traumtänzer, sondern als einer der Ort, Zeit und Person sehr wohl präzise erfassen kann, er tritt als Realpolitiker auf. Und nicht, wie im Fall Priscillians, bei einem Religionszwist, sondern bei weltlichen Problemen, wie sie stets bei gewaltsamen Usurpationen auftauchen. Wenn die prominenteren Mitglieder der vorherigen Regierung, in diesem Falle die des Regimes von Gratian - zu denen auch Ausonius gehörte, deshalb bibberte dieser doch so am Moselufer - umgebracht oder verbannt wurden. Wobei der komplette Vermögenseinzug (durch den sich das neue Regime finanziell stabilisieren konnte) für die Betroffenen ebenfalls kein Pappenstiel ist. Und Sulpicius sagt hier nicht weniger, als dass Martin sogar mit der Kaiserin ins Bett gegangen wäre, hätte das den Anhängern Gratians geholfen, die er - laut Ansicht jenes Gallus - offenbar so sehr zu seinen Freunden zählte, dass er kirchliche Prinzipien darüber vernachlässigte. Das ist starker Tobak. Was hat Sulpicius zu diesem plötzlichen Sinneswandel in der Darstellung verleitet, zu diesem Fallenlassen einer Maske 458 Was derzeit, wie der zitierte Brief an Eustochium (ep. 22) verrät, eins der Hauptprobleme des Mönchswesens war, und Gegenstand vieler Verdächtigungen. Die nicht nur Hieronymus und die Heilige Paula zur Genüge zu hören bekamen, sondern nicht zuletzt wohl auch unser Sulpicius bezüglich seiner Schwiegermutter.

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angesichts der blutig politischen Realität? Woher nun diese Kenntnisse, die die Essenseinladung der Vita oder die folgenlose Intervention im Fall Priscillians nun als Märchenstunde erscheinen lassen? Hatte ihm Martin - dessen Charakter hier in der Tat eher dem „Generals-Martin“ ähnelt, als dem jenes naiven, 336 geborenen Soldaten, der sich in der Vita darstellt - doch einiges von derlei Konflikten erzählt? Aber aus welchen Grund, wenn Sulpicius nur irgendein Journalist war? Und warum hielt es Sulpicius bis jetzt zurück? Was für ein Interesse hatte Sulpicius, es zu verbergen? Horchen wir weiter in den Text dieser sonderbaren, am Ausgang der Antike entstandenen Dialoge, die nun ein Zwiegespräch mit der Wahrheit werden zu wollen scheinen. *** Zuerst gilt es, diejenigen zu entkräften, die das erotische Moment dieser Szene für eigene Zwecke missbrauchen wollen, indem sie den Zölibat aufweichen: „Du meinst, manche können dieses Beispiel missbrauchen?“ erwidert Gallus: „Sie werden wirklich glücklich sein, wenn sie sich von der Lehre dieses Beispiels leiten lassen. Denn sie sollen wissen, dass sowas bei Martin nur einmal im Leben geschah, als er nämlich siebzig Jahre alt war.“459 Jetzt fällt die nächste Maske, und wieder, recht raffiniert, scheinbar bloß, um Martin vom Vorwurf sexueller Anfechtung frei zu waschen. Plötzlich ist Martin nicht mehr ein - wäre er 336 geboren - gestandener 49-jähriger, der mit einer liebestrunkenen Kaiserin durchaus was anzufangen wüsste (insbesondere wenn er sich für seine bedrängten Freunde etwas davon verspräche), sondern er ist bereits ein Greis. Einer, der - ganz wie die Lexika verraten bereits etwa 315 geboren wurde und einer Kaiserin nicht mehr gefährlich werden kann. Ein Zeitgefährte Valentinians, und, nicht zu vergessen, wieder jenes Generals Severus, dessen Biografie von den verschiedensten Seiten immer wieder in die Vita einzusickern scheint. In dessen effektiver Militär-Vergangenheit fände das Wundersame der beiden Kaiserszenen jedenfalls eine realpolitische Basis. Jener General hätte 459

immer noch II, 7

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Julian bei einer Usurpation leicht umbringen können, um sich statt seiner zum Kaiser aufzuschwingen. Als Julians Nachfolger hätte er Valentinian in den Geschichtsbüchern ersetzt. Was sich in der Wunderszene durch den in Flammen aufgehenden Thron darstellen könnte, von dem sich Valentinian notgedrungen erheben muss. Insofern scheint - in der Wunderwelt - fast erwiesen, dass der Heilige Martin mit jenem „Generals-Martin“ identisch ist. Oder zumindest mit einem, dessen Vita der jenes Generals Severus sehr ähnlich war. Wobei Sulpicius dies entweder wusste oder es wenigstens mitunter so sah. Dass er es aber trotzdem nicht erzählte. Sondern nur an diesem durch sexuelle Aufladung plötzlich äußerst heiklen Punkt die Wahrheit (oder was er als solche verkünden wollte) - gewissermaßen als Schutzschild - zum Vorschein kommen ließ. Es gibt also gute Gründe für einen um 316 geboren Martin, ganz wie es in den Lexika (oder bei Gregor von Tours) steht. Nur: wer hat Sulpicius, wenn er es gewusst hätte, all dies mitgeteilt? Und warum hat er, sollte es der „Generals-Martin“ selber erzählt haben, dies in der „Kirchengeschichte“ verborgen und weiter Nebelschwaden aufwallen lassen? Weil es nicht die ganze Wahrheit war? Irgendwas bleibt seltsam. - Sehen wir, wie der Text weitergeht. Denn mit der Vergreisung Martins scheint Sulpicius noch nicht zufrieden. Offenbar hält er ihn, den Kaiser durch Verzicht (trotz seiner 70) für eine derart virile Gestalt, dass er, in extremer Verdrehtheit, auch das letzte Detail seiner Wunschphantasie (die er, obwohl sie angeblich doch so harmlos ist, absichtlich so verfänglich schrieb) noch in uns reindrehen muss: Und dass es weder eine zügellose Witwe, noch eine leichtsinnige Jungfrau war, die ihn da bedienen durfte, sondern, wobei der Gemahl ihr Begehren unterstützte, eine in Ehe lebende Kaiserin. Sie legte sich mit ihm jedoch nicht zu Tisch und wagte nicht, das Mahl zu teilen, stattdessen zeigte sie bloß ihre Ehrerbietung. Jetzt ist die Maus also heraus: uns wird ausdrücklich versichert dass die Kaiserin nicht mit dem (eigentlichen) Kaiser ins Bett ging, um nun ein Kind zu zeugen (wie es ihre Kaiserinnenpflicht wäre, denn schließlich ist sie in ihrer Namenlosigkeit nur ein Attribut), obwohl die Worte - in Verkleidung des beim Tafeln Sich-zu-Tische-Legens - jetzt direkt ausgesprochen werden. Was sich hier ausdrückt, ist nichts anderes als ganz simpel der ödipal geprägte Wunsch des Sohnes nach Jungfräulichkeit der Mutter.

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Nun, wenn es etliche gibt, die im Traum (oder im Wahn) meinen, sie seien Napoleon, werden sich auch manche für dessen Abkömmling halten. Insofern wäre nicht verwunderlich, wenn die jahrelange Beschäftigung mit Martin unseren Sulpicius so sehr als dessen Sohn sich fühlen ließ, dass er dem Phantasie-Vater Kaiserstatus zubilligte und in einer Kaiserin folgerichtig die Mutter sah. War das die Basis dieser ins Masturbatorische langenden Wunder-Phantasie? Hatte sich Sulpicius ausgerechnet, dass sein „Vater“ hätte Imperator werden können? Womit er, Sulpicius selber, Sohn eines Imperators wäre? Wenn man die Szene ganz ohne handgreiflich-erotische Hintergedanken460 liest, scheint es sich anzubieten. Sie wird (nachdem sich der Usurpator freiwillig zurückgezogen hat) dann zu einem tränendrückenden Traum vom glücklichen Einvernehmen der (lange voneinander getrennten) Eltern, die wie selbstverständlich wieder zusammen sind. Mit der Kaiserin als häuslicher Dienerin. All das ist sehr seltsam und macht vielleicht das Rührende aus, das der Szene jenseits der sexuellen Assonanz innewohnt. Denn gewöhnlich erzählt oder erfährt man derlei ja nicht, weil man sich als Erwachsener nicht zuschaut. Es ist, als würde der Leser (ganz wie ein Kind) Zeuge solcher Vertrautheit. Einer Vertrautheit, die harmlos und selbstverständlich ist. Es ist die Vertrautheit, die das Kind im Umgang der Eltern zu spüren meint, die Basis seiner von ihnen abhängigen Existenz. Eine Vertrautheit, die vom Unanständigen vollkommen unbefleckt ist, die sich aufs täglich harmlose Zusammensein konzentriert. Ein Zur-Schau-Stellen ehelicher Harmonie also, nach der, wie es allerorts gern heißt, jedes Kind sich sehnt. Interessant ist nun aber, dass dies ergreifend herausgearbeitete Traum-Einvernehmen, dieses Ideal des asexuell befriedeten elterlichen Nebeneinanders, nun mit einer platten Moral schließt: Zieh daraus die Lehre: lass eine Matrone dir dienen, aber dir nicht befehlen; lass sie dich bedienen, aber sich nicht mit dir zu Tische legen. So hat auch Martha den Heiland bedient, ohne zum Mahl zugelassen zu werden. Vielmehr wurde jene, 461 die lieber zuhörte, der dienenden vorgezogen. In Martins Fall tat die Kaiserin beides, sie bediente wie Martha, sie hörte zu wie Maria. 460 461

Also mit Bassula-Faktor = Null Luk. 10, 42.

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Sie war also die ideale Gattin (oder in leichter Verdrehung Oscar Wildes: the ideal husbandress). - 16 Der Biograf des Vaters Aber diese überkorrekte Plattheit vernebelt wieder ein wenig. Diese Serie von raffiniert ineinandergreifenden traumartigen Verschlüsselungen, denen eine gewisse pedantische Zielstrebigkeit innewohnt, kann kaum bloß dazu gedient haben, eine solche Sentenz plausibel zu machen. Zu was diente sie sonst? Nun wird es wirklich nicht wenig gespenstisch. Denn jetzt komme ich auf einen seltsamen Punkt, der mit Namensempfindungen zu tun hat, eine nicht leichte, zugleich äußerst delikate Materie. Aber nach unserem Himmelfahrts-Lübeck-Besuch sind wir vorbereitet. Dass in den - nach dem Hinscheiden Martins entstandenen - Dialogen ein verschrobener, verdreht mit der Wahrheit spielender Humor liegt, worin peu a peu sich Neues enthüllt, lässt sich ja kaum abstreiten. Aber war Sulpicius darüber hinaus vielleicht wirklich der Sohn jenes Generals Severus? Und insofern womöglich auch der des Heiligen Martin? Einer, der dann die offizielle Biografie seines Vaters schrieb? Alberner Gedanke … Aber wo wir schon im albernen Bereich angelangt sind462, könnte das Alter richtig sein? … ich habe lange gebraucht, bis mir ein weiteres Detail auffiel, obwohl es auf der Hand lag. Und zwar … (ha, so wie mir in diesem Zusammenhang lange vollkommen entging, dass mein zweiter, mein geheimer Vorname „zufällig“ Martin ist … darüber hinaus ist Martin der zweite Vorname meines Vaters, von dem ich mir vielleicht wünschte, dass er (mit seinen grade mal 20) dem Julian seiner Zeit ebenso beherzt, den Dienst mit der Waffe verweigernd, entgegengetreten wär wie der in Worms gleichfalls blutjunge Heilige Martin) … die sonderbare Namensgleichheit des Verfassers der Vita des Martin mit jenem Severus. Wir haben den Autor zwar stets Sulpicius genannt, und in Frankreich gibt es ja zahlreiche Kirchen Saint-Sulpice (darunter in Paris eine riesige mit Dela462

Der schon bei der flüchtigst skizzierten Vita Heinrich Manns peinlich in Sichtweite geriet, dessen "Henri Quatre" wir als vierte Verwandlung des Vornamens (vom "grünen Heinrich" also per richtigem "Mann", sowie dem "Salonlöwen", zum stalingläubigen "vierten") ansprachen, wobei wir den fünften (oder sechsten), der heimlich drastisch-graphische Pornographie produzierte (von der ich im Lübecker Buddenbrookhaus mal eine nette Auswahl sah), aussparten.

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croix letztem Bild, einem Ringkampf Jakobs mit dem Engel463), doch jener Saint Sulpice besaß einen Nachnamen … er hieß, nun ja -- Severus. Konnte jener General Severus also tatsächlich mit dem Vater des Sulpicius Severus, des Verfassers des Lebens des Heiligen Martin identisch sein? In diesem Licht ließe sich die fern nach Ägypten verlagerte Fabel (mit den seltsam präzisen Jahresangaben) als äußerst traumatisches Ereignis im Leben des Sulpicius lesen. Eines Ereignisses, das mit seiner Geburt in Verbindung steht. Wir hatten ja bereits gesagt, dass jene Fabel als Verschlüsselung des Lebens des Generals-Severus gelten könnte, der 361 in Poitiers Unterschlupf fand. Und Sulpicius wurde 363 geboren, dem Todesjahr Julians. Hatte jener General Poitiers verlassen, um heimlich die Gattin aufzusuchen? Und, vier Jahre nach seiner Ankunft in Poitiers (und zwei Jahre nach Sulpicius Geburt) erfahren, dass er nun einen Sohn hatte, worauf er (da Valentinian Julian nachgefolgt war und ein unter dessen Herrschaft desertierter General nun auf Amnestie-Gesten hoffen konnte) beschloss, zu seiner Familie zurückzukehren? Lesen wir jene ferne ägyptische Legende mit den sonderbar präzisen Jahresangaben doch erneut: Aber nach und nach stieg, auf des Teufels Einflüsterung hin, in ihm der Gedanke auf, dass es besser sei, wenn er in sein Vaterland zurückkehre und seinen einzigen Sohn, sein Haus und seine Gattin für den wahren Glauben gewänne. Dies sei Gott angenehmer, als sich damit zu begnügen, selber der Welt zu entfliehen, das Heil der Seinen aber lieblos zu vernachlässigen. Verblendet durch den Schein solch falscher Gerechtigkeit verließ er nach vier Jahren seine Zelle und gab seine Eremitenberufung auf. Und was geschah dann? Was geschah, als er die Familie gesehen hatte, die er nicht vernachlässigen wollte? 463 Die allerdings nach einem anderen Saint Sulpice benannt wurde, Sulpicius II, Bischof von Bourges (gest. 647) nämlich. Der aber, als Abkömmling einer gallo-romanischen Adelsfamilie, vom uns bereits bekannten Frankenkönig Chlothar II - dem Sohn Fredegunds und Widersacher Brunhildes (die er 613 vierteilen ließ) - zum Militärgeistlichen berufen, seinen Namen gewiss einer Hommage an unseren Sulpicius verdankt. Da diese Kirche nach Notre-Dame die größte in Paris ist und ein markanter Punkt in Saint-Germain-des-Prés, spielt sie in zahlreicher Belletristik (Balzacs "Glanz und Elend der Kurtisanen", Huysmans "Là-Bas") ebenso eine Rolle, wie in etlichen ExistentialistenRomanzen (z.B. der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir)

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„Kaum war er der Klostergemeinschaft aus den Augen entschwunden … da fuhr ein Teufel in ihn.464 Er zerfleischte sich mit seinen eigenen Zähnen, wobei blutiger Geifer dem Mund entströmte. Auf den Schultern der Brüder wurde er wieder ins Kloster getragen. Da der böse Geist in ihm nicht zu bändigen war, musste man den Unglücklichen in Eisen legen und an Händen und Füßen fesseln … Erst nach zwei Jahren befreite ihn endlich das Gebet der Mönche vom bösen Geist.“ Gab es einen neuen Mann? Einen, den jener Severus fast umgebracht hatte, mitsamt vielleicht sogar seiner Frau? Hatte ihm das einen derartigen Schock versetzt, dass er danach zwei Jahre im Kloster des Hilarius halbtot war? Und wie jener Katucheme der Vita (indem Martin lange sich auf ihn legte!) wieder von den Toten erweckt werden musste und einmal sich aufhängte?465 In Hitchcock-Filmen haben solch kurz aufblitzende Blut-Signale oft mit Morden zu tun, in „Marnie“ einem, den die Titelheldin als kleines Mädchen bezeugen musste, was sie zur Kleptomanin macht.466 Hatte sich jener einstige General Severus (der sich im Kloster, ähnlich eindeu467 tig verschlüsselt wie „Gallus“ und „Postumianus“, stets „Martin“ nannte ) dann gefangen, um schließlich zum Bischof von Tours aufzusteigen? Aber der kleine Sulpicius hat sich nicht pathologisch wie Marnie verhalten. Er wurde kein Kleptomane. Er hat funktioniert.468 Und wurde mit seiner 464 Bassula-Faktor also "plus 10", y-Koordinate ungewiss, der Teufel insofern als Metapher der

(realen oder antizipierten) sexuellen Interaktion Vita M. 8 Wobei Bilder mit "blutigem Geifer" ein paar mal dazwischen geschnitten werden, bevor man als Zuschauer weiß, worum es sich dreht, was stets ein Schockmoment auslöst. - Alfred Hitchcock, "Marnie", amerikanischer Spielfilm von 1964, mit Tippi Hedren und Sean Connery 467 Martinus, hergeleitet vom Kriegsgott Mars, bzw. dessen Monat, dem Monat März, in dem die Sommerfeldzüge vorbereitet wurden. 468 Dass Neugierde nach den Umständen der eigenen Zeugung nicht unbedingt als pathologisch zu gelten hat, habe ich jedenfalls am eigenen Leib erfahren: denn da ich am 5. Juni 1945 geboren wurde, muss ich nach einem Oktoberfest des Jahres 1944 gezeugt worden sein. Und meine Eltern heirateten erst im März des folgenden Jahres. Was, Herrje! Furchtbarer Gedanke: meinen unbegriffenen Wunsch, diese Geschichte zu schreiben (insbesondere die penetrant bis ins kleinste Detail gehende Anfangsszene in jener warmen Oktobernacht), sonderbar ähnlich dem Geschehen im letzten Roman Doderers macht, wo ein Sohn unbedingt an der Ort seiner Zeugung zurückkehren will, nämlich zu jenen Wasserfällen von Slunji, in einer ihm vollkommen unverständlichen, sein Leben bestimmenden narrativen Geste! Worauf diese literarische Gestalt an jenem Wasserfall in einen Unfall geriet, der ihrem Leben abrupt ein Ende bereitet. Wie auch meins direkt nach dem befriedigenden Abschluss

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Redegewandtheit wohl eine Art Rechtsanwalt. Der die Tochter eines Konsuls heiratete, was ihm Vermögen einbrachte. Mit einer Schwiegermutter namens Bassula. Die einzige Pathologie, die man ihm heute (in gewissen Kreisen) zuschreiben würde, wäre die, dass er die (hagiographierende) Biografie eines Heiligen schrieb. Und (nach dem Tod der noch jungen Gattin) mit seiner Schwiegermutter eine Klosteranlage nach dem Muster des Heiligen Hieronymus gründete. Wobei sie (gemeinsam) immerhin so weit kamen, dass der Heilige Paulinus (und seine geliebte Therasia) der guten Bassula ein Splitterchen vom Heiligen Holz zusandten, das die Heilige (ältere) Melanie ihrem Paulinus aus Jerusalem mitgebracht hatte. *** Also zurück zur Heiligen Urfamilie des Sulpicius. Der Vater (der sich in Poitiers Martin nannte) kehrt zur Frau (und dem nun zweijährigen Sohn) zurück, bekam dabei aber einen Schock, der sich durch blutigen Geifer ausdrückte und ihn ins Kloster zurückkatapultierte, wo er zwei Jahre als Wahnsinniger in Ketten gelegt werden musste. Bevor er, nach dem Tod des Hilarius (der als einziger wohl wusste, dass ein General Severus in seinem Kloster untergeschlüpft war, der leider zurück zu seiner Familie wollte), langsam wieder zur Vernunft kam. Und dann, nachdem er sich mit seinem neuen Leben abgefunden hatte, ein so tatkräftiger Mönch wurde, dass man ihn 371 zum Bischof von Tours wählte, als man dort469 einen Nachfolger des grade verstorbenen suchte. Was alles perfekt zur offiziellen Vita passt, worin bezüglich des Aufenthalts „Martins“ in Poitiers nur zwei Erweckungswunder (durch „Martin-Auflegen“) überliefert wurden. Wobei dieses „Martin-Auflegen“ wiederum diesen sonderbaren Akt symbolisieren könnte, mit dem man zu einer neuen, veränderten Persönlichkeit kommt. Als probiere man sie, wie einen neuen Anzug, versuchsweise

des ersten Teils dieser Erzählung in einem Herzinfarkt enden wollte. Wobei ich beim Dreieinigen Gott bis jetzt, dem 2. Mai 2008, nicht wusste, dass es zwischen dem Beginn dieser Erzählung und meinem Zeugungsdatum eine Übereinstimmung gibt. Und nur ein bisschen in dessen Nähe kam, als ich Latona einen Sohn spendierte, den es, ha, wieder zum Tatort trieb. 469 Händeringend vielleicht, denn man darf sich das nicht wie heute vorstellen: damals hatte das abseits gelegene Tours ca. 1000 Einwohner, darunter vielleicht 100 Christen, es war also nicht grad ein Traumjob. Ein damaliger Bischof war sowas wie ein heutiger Pfarrer. Nur durch das Klosterwesen entstanden auch in kleineren Orten dann herausfordernde Hierarchien.

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schon einmal an. Wozu auch der Inhalt des Teufelsdialogs aus der Vita470 passen will, worin Martin gegenüber dem Gegenspieler „mit Entschiedenheit“ erklärt, „alte Sünden würden durch frömmeren Wandel getilgt“ und „um der Barmherzigkeit Gottes willen müssten alle jene losgesprochen werden, die von ihren Sünden abgelassen hätten.“ Wobei selbst der Einwand des Teufels, dass ja wohl „Verbrecher keine Vergebung erlangen könnten“ mit dem gleichen Argument weggebürstet wurde. Ganz als spräche da wer pro domo. Was tat - behandeln wir dieses Szenario doch ruhig einmal mit den Mitteln eines Post-Balzacschen Kolportage-Romans, der gewisse lebensnahe Sachen (und seis nur der Einschaltquote wegen) immerhin ausspricht, über denen die Wissenschaft, mit einigem Grund, jedoch lieber Nebel ausbreitet - Was tat also unterdes die liebe einstige Gattin? Die, mit welcher der ExGeneral nichts mehr zu tun haben wollte? Wollte sie, nach der Rückkehr zu den in Aquitanien lebenden Eltern (wo ihr Mann sie kennenlernte, als er dort den Nachschub für Constantius Militär-Unternehmen koordinierte), etwa auch mit ihm nichts mehr zu tun haben? Hatte sie ihm gesagt, dass sie wen Neues heiraten wollte, da er ja für tot erklärt worden war? Und dass sie gedenke, den gemeinsamen Besitz zu behalten, wie es das Gesetz bei 471 Kriegsgefangenen oder Verschollenen vorsah? Erzählte sie ihrem Sohn dann später sonderbare Sachen vom Vater, z. B. dass er mit dem Teufel gerungen habe und jetzt Mönch geworden sei und deshalb nie auftauche? Sulpicius also vaterlos. Oder mit einem Stiefvater versehen. Denn die Mutter hatte wieder geheiratet. Mit einem - aus Sicht des neuen Gatten - Sohn halb unklarer Herkunft. Denn General Severus („le general“, wie die Franzosen sagen dürften) galt offiziell als tot. Aber anscheinend bekam sie dort in Aquitanien tatsächlich einen anständigen Mann, der Sulpicius an Sohnes statt annahm und ihm in Bordeaux eine Ausbildung in Grammatik-Rhetorik spendierte. Nicht bei Ausonius, das wär (im Sinn eines Kolportageromans) zu schön, denn dieser entschwand 366 nach Trier, um auf Geheiß Valentinians dessen 7-jährigen Sohn Gratian zu unterrichten (der also aus der Alterklasse des 363 geborenen Sulpicius war). Aber er wurde - wo 470 471

Vita M. 22 Römische Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, galten juristisch (ursprünglich wohl, um den Kampfgeist der eigenen Truppen zu stärken) als tot, sodass die Gattin eines Kriegsgefangenen unter Mitnahme des Vermögens sofort wieder heiraten durfte. Was bei der Rückkehr eines Gefangenen oft zu Problemen führte, bei denen allerdings nicht die Gültigkeit der neuen Ehe angetastet wurde, sondern nur die Vermögensverteilung.

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eigentlich? - mit dem später heiligen Paulinus bekannt. Da dieser 354 geboren wurde, konnte er nur bis 13 von Ausonius unterrichtet worden sein. Er hat Sulpicius also kaum in der Schule kennengelernt. Jedenfalls war in jener Ehe plötzlich ein --- Usurpator! Einer der mit der Mutter schlief, was doch höchstens der richtige Vater tun durfte (der jetzt leider im Kloster war). Oder die Mutter erzählte dem kleinen Sulpicius erst später von seinem Erzeuger (z. B. dass er nun Bischof in Tours sei und mit dem Teufel gerungen habe), vielleicht als sie mit dem neuen Gatten stritt und sich von ihm trennen wollte. Oder sich tatsächlich trennte. Oder von ihm verlassen wurde, weil sie sich so viel schminkte und sich nach einem besseren Usurpator sehnte, weil sie Provinz-Rechtsanwälte im Grunde blöd und Soldaten viel besser fand. Oder nachdem, verflucht, dieser gestorben war, wer will es wissen, und sie wieder, erneut Schminke auflegend, einen neuen Mann suchte. *** --- Und 383, als Sulpicius 20 war, kam, haha, Ausonius plötzlich in Panik, denn Maximus hatte die Regierung übernommen und den bisherigen Kaiser Gratian abgemurkst, was Ausonius und mehr noch sein Vermögen (inklusive der zahlreichen Grundstückchen) massiv gefährdete. Sodass er schnell etwas Geld verteilen wollte. Und rasch noch -- ha, mir gefällt dieser Kolportageroman immer mehr -- die Tochter verheiraten, das lag ihm ohnedies am Herzen, die er von seiner „barbara alumna“, der guten Bissula hatte. Kann gut sein, dass Sulpicius ihn, als Ausonius auf seinem parvum herediolum weilte, 383/384 mal aufsuchte, um sich von einem Konsul Rat für seine Rechtsanwaltskarriere zu erbitten. Sulpicius erschien dem Dichter zwar nicht als besonders hell, aber er war immerhin ausgebildeter Rhetor und, mit allerdings leichten Makel, aus anständiger Familie. Der erste Gatte der Mutter war es jedenfalls, ja, er war, hm, aus sogar sehr, sehr anständiger Familie472, und so bot er dem treuherzigen Sulpicius an, die Tochter (die ja ebenfalls einen leichten Makel aufwies) zu heiraten. Und zwar mit einer großzügigen Mitgift, zum Beispiel einem seiner (mindestens) 8 kleineren Anwesen, die Maximus jetzt einzuziehen drohte. 472

siehe dazu die (in Kapitel 13 - Melancholie vor der Apokalypse) folgenden Spekulationen…

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Und so heiratete Sulpicius - zugegeben etwas überhastet, aber Eile tat Not - Ausonius Tochter in Trier, wo sie mit ihrer Mutter Bissula lebte, die sich (wie zuletzt Sulpicius eigene Mutter) sehr viel zu schminken schien. Und die er viel interessanter als die Tochter fand, die noch Jungfrau war und, in Jungmädchenmanier, eigentlich wen anders liebte, einen Mann, den er, als dieser bei der Hochzeit auftauchte, ganz nett fand, sodass er danach mit ihm gelegentlich sogar korrespondierte. Während Ausonius, mitunter von Bissula wieder betreut - bibbernd auf seine Verurteilung wartete. Und sich ein Bild vom gekreuzigten Cupido anschaute, denn die mittlerweile gründ473 lich latinisierte Bissula - als antike Vorform, wenn man so will, der Eliza Doolittle aus „My Fair Lady“474 - hatte längst andere Liebhaber und nahm ihn nicht mehr recht ernst. Aber wider Erwarten ließ ihn Maximus, nach einer scharfen Ermahnung, die Ausonius Familie strikt die politische Betätigung verbot, einfach ziehen. Und so kehrten sie gemeinsam in den warmen Süden zurück, wo das junge Paar mit der Schwiegermutter - erst jetzt begriff Sulpicius, dass auch Bissula zu dem Handel gehörte - das kleine, ihnen von Ausonius überlassene Anwesen nicht weit von dessen parvum herediolum bewohnte. Und Sulpicius nun ein bisschen Karriere machte, schon weil er jetzt mit der Tochter eines Konsuls verheiratet war und dadurch etwas Vermögen besaß. Aber es kamen keine Kinder. Dafür hatte die stets (wie seine Mutter) geschminkte Bissula manchmal komische Männergeschichten mit Typen, die ihr Gedichte schrieben, wobei sie sich hier im Süden Bassula nannte, damit man nicht immer - blauäugig war sie, und blond war das Haar - an Ausonius dachte. Denn sie war hier berühmt wie die Lotte Goethes475, manche sangen sogar die Lieder, die der einstige Konsul - der berühmteste Sohn der Stadt - einst über das Schwingen ihres Prachtleibs verfasst hatte, sodass sie, obwohl das Haar längst schwarz gefärbt war, von manchem (nicht nur aus der Ferne) bewundert wurde. Aber es war ihr auch peinlich, schließlich 473

Schon in Bissula III. 11 f. heißt es, dass sie bereits als junge Frau so perfekt assimiliert war, dass manche sie für eine Tochter Latiums hielten und nicht eine des Rheins: "Ambiguam modo lingua facit, modo forma puellam: haec Rheno genitam praedicat, haec Latio." 474 Erfolgreiches Musical von 1956 (verfilmt 1964, Regie George Cukor) mit der berühmten Zeile "The rain in Spain stays mainly in the plain"; auf Shaws "Pygmalion" (1914) zurückgehend, einer Variante des gleichnamigen antiken Mythos, in der sich ein Bildhauer in eine von ihm geschaffene Statue verliebte, wobei Aphrodite ihr Leben einhauchte. 475 Für unsere jüngeren Leser: also die Charlotte Buff aus Goethes Jugendroman "Die Leiden des Jungen Werther", der ein so ungeheuerer Bestseller wurde, dass die als Vorlage dienende Charlotte zur nationalen Berühmtheit aufstieg

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hatte sie nun einen Schwiegersohn, der die Tochter eines Konsuls geheiratet hatte - haha, nicht Lotte in Weimar, sondern Bissula - nun Bassula - in Bordeaux. Und einmal, als die Tochter wieder von ihrem einstigen Freund schwärmte, und dass dieser so viel zartfühlender und gebildeter sei als Sulpicius, knöpfte sich Bissula auch ihren Schwiegersohn kurz mal vor, der sie immer komisch anschaute. Wobei sie ihn erstmal wissen ließ, dass die zickige Tochter, die auch ihr zunehmend auf die Nerven ging, jenem Freund nicht nur platonisch nachtrauere, sondern etliche mal mit ihm geschlafen habe, ja, damals in Trier, sogar direkt nach der Hochzeit, und dass sie auch in Bordeaux bereits einen effizienten Liebhaber hätte, was Sulpicius aus allen Wolken riss. Wonach natürlich süßester mütterlicher Trost fällig war. Und das - „Los, fass da einfach mal an ... ist doch nichts dabei, ich bin schließlich deine Schwiegermutter...“ - tat ja so gut, puh, viel besser als mit der Tochter, denn Bissula - die selbst im Aquitanischen keiner ehrenvoll heiraten wollte476 - verstand sich nicht nur auf die Liebeskunst, sie war auch äußerst gebildet, Ausonius hatte ihr mancherlei beigebracht. Hm, klingt alles eigentlich ziemlich vernünftig. Zu vernünftig, würde ich sagen. Nicht im Mindesten nach Kolportage. Selbst Vargas Llosa schrieb einen Roman mit dem Titel „Lob der Schwiegermutter“, worin von, ich meine, genau so einer Situation die Rede ist. Ich glaub, ich hab ihn sogar mal was draus vorlesen gesehen. Klang alles völlig normal. Kein einziger Zuhörer hat Vargas Llosa - zehn Jahre nach dem vollmundig von Barthes verkündeten Tod des „Autors“ - deshalb schief angeblickt. Oder ging es nicht sogar um eine Tante? Die arglos ihren Neffen verführte und deren Ruf ein jugendlicher Ich-Erzähler dann so sehr ruinierte, dass sie in ein südamerikanisches Kloster musste? Ha, das wär ja um vieles noch schlimmer als unser Fall. Unsere Geschichte bewegt sich also ganz im grünen, im noch 476 Anders also als die erwähnte Charlotte Buff, die sich vor Liebhabern gar nicht retten konnte und in einer erfolgreichen Ehe eine Riesenschar glücklicher Kinder gebar. Insofern ist die unterstellte Ehelosigkeit Bissulas eine kühne These. Aber es fällt doch auf, dass Bassula stets als Schwiegermutter und, obwohl angeblich aus konsularischer Familie, nie als Witwe bezeichnet wird. Was erstaunt, da das Witwen-Motiv in den kirchlichen Dokumenten jener Zeit recht häufig auftaucht, sei es in Form der sprichwörtlich "lustigen" Witwe, vor der kein Kleriker sicher ist, oder der extrem frommen, die - wie etwa die Heilige Paula des Hieronymos - ihr Vermögen der Kirche vermacht, wobei letzteres oft Gegenstand gehässiger Vermutungen wurde. Im Fall unserer Bissula=Bassula Spekulation dürfte indes plausibel sein, dass sie (als gegendbekannt einstige Sexsklavin) in einer zunehmend sich verchristlichenden Gesellschaft als Gattin eines angesehenen Mannes kaum in Betracht kam.

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normalen europäischen Bereich, wo man kein chili con carne, sondern bieder paella isst. Also ein bisschen Rumtun mit der Schwiegermutter, warum nicht. Passiert öfter als man denkt. Bei mir persönlich zwar nicht, ich kenne mich da nicht aus, aber in meinem erweiterten Bekanntenkreis kenn ich mindesten vier, fünf, sechs Fälle. Wird natürlich alles unter den Tisch gekehrt.477 *** Vaterlos also (oder mit einem Stiefvater versehen, falls die Mutter erneut geheiratet hatte, denn ihr Mann blieb ja offiziell tot). Wobei die Mutter gesagt hatte, dass er über die Identität des Vaters schweigen müsse, weil er sonst umgebracht werden könnte, denn der Vater sei, wenn er in Wut gerate, als einstiger Soldat äußerst brutal. Wobei Sulpicius all das zunächst wieder vergaß, denn, außer mit der Karriere, war er erst mal mit seiner Ehe beschäftigt, die zunehmend komplizierter wurde, auch wenn sich Bassula ihm - außer einmal, bei Vollmond, unter der uralten Araukarie, die herausfordernd am Rand ihres Grundstückes stand - wieder entzog und seine Avancen nun, ihn vorsichtig hinhaltend, abwies - („Nein, das geht nicht … du bist doch mit meiner Tochter verheiratet.“ - „Ach, die merkt doch nichts…“ - „Nein, das mach ich nicht, komm, lass los…“ - „Aber du tust es doch mit anderen Männern…“ - „Nein, das tu ich nicht…“), obwohl er allzu gern mit ihr weitergemacht hätte, schon weil sie manchmal wie seine sich schminkende Mutter 478 roch. Doch als seine liebe Frau dann (so jung noch) starb, fühlte er sich plötzlich sonderbar haltlos, obwohl er sie am Ende beinah gehasst hatte, auch wenn Bassula (die inzwischen zum christlichen Glauben übergetreten war, als Heide wurde man zunehmend isoliert) ihm nun, nicht nur unter der Araukarie, wieder mitunter Trost spendete. Wobei ihn zunehmend verblüffte, dass sie, nachdem er sie lange nur als körperlich-sinnliches Sehnsuchtsziel, von dem er sich Erfüllung versprach, hatte wahrnehmen können, mitunter über einen klaren Verstand verfügte, der den seinen zum Teil weit 477 Bei Schwiegervätern bricht es mitunter auf, weil die Frauen nicht den Mund halten können

und die junge partout die alte besiegen will. Manchmal heiratet der Schwiegervater dann nach einer Scheidung die Tochter. Natürlich nur wenn die Männer Geld haben. Seltsame Ehen ... wie gesagt, richtig kenn ich mich da leider nicht aus … 478 Die ja ebenfalls keine richtige "Witwe" war, denn ihr eigentlicher Mann lebte ja noch, obwohl er für tot erklärt worden war. Sodass sie sich in Art einer lustigen Witwe verhielt. Wie unsere Bissula war sie von einer extravagant handelnden, sie dominierenden Mannesfigur zurückgelassen worden und hatte sich dann einen Ersatzmann gesucht.

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in den Schatten zu stellen schien. Trotzdem kam er sich - dieser frühe Simplicius Simplizissimus - zunehmend abhanden vor. Ja, als habe er keine rechte, wie soll man sagen, na ja, Persönlichkeit, jedenfalls nicht eine wie die anderen um ihn herum sie besaßen, die weiter unbeirrt ihren Geschäftigkeiten nachhingen. Sodass er sich einzig mit Bassula wohlfühlte, vielleicht, weil sie trotz all ihrer sich offenbarenden Klugheit nach wie vor eine Halb-Barbarin war, und insofern selber nicht ganz anhanden. Wobei sie - da auch sie sich ihre (trotz aller Assimilation noch immer halb-germanischen) Hörner gewissermaßen abgestoßen hatte - für ihn wirklich zur Mutter wurde, auch wenn sie dann und wann, speziell wenn sie ihm sein Lieblingsgericht kochte - es war natürlich weder Sauerkraut, noch war es paella -, wieder furchtbaren Spaß im Bett hatten, denn sobald sie erstmal in Fahrt kam, saßen ihr - wie Maria Magdalena wirklich sieben Teufel im Leib. Was ja alles sehr schön war, aber richtig gesund schien es im Grunde nicht … *** Und so war er dann, nachdem er selber Christ geworden war, nach langem Zögern mal nach Tours gefahren, um sich den Vater anzuschauen. Wobei er plötzlich fand, dass dieser im Grunde alles richtig gemacht hatte, denn den Frauen war wirklich nicht über den Weg zu traun, auch wenn sie blöderweise hatte sich Bassula mit ihrer gefährlichen Schminke wieder einen Liebhaber zugelegt - einem ziemlichen Spaß machten. Sodass er, als mit Theodosius Sieg die neue Zeit anbrach (gottlob war er bereits Christ), sich überlegte, dass er, um an dieser neuen Zeit ebenfalls teilzuhaben, ja 479 nicht nur Araukarien fällen , sondern auch eine Vita des Vaters verfassen 479 Selbstverständlich gab es in Gallien seinerzeit noch keine Araukarien. Die hier grad gefällte stand dort einzig in Erinnerung an Juan Carlos Onetti (1909-1994), dessen letzte (oder vorletzte) Erzählung (1993) den wunderschönen Titel "Araukarie" trägt. Dort kommt der zum Priester mutierte Larsen der "Juntacadaveres" (zu deutsch: Leichensammler) in ein gottverlassen argentinisches Bergnest, um einer zahnlosen alten Frau, zu welcher ihn ein ebenso alter Mann rief, die Schlussbeichte abzunehmen. In deren Verlauf sie, von allem Übel plötzlich erlöst, hervorschreit: "Mit meinem Bruder habe ich, seit ich dreizehn war, er war älter als ich, haben wir im Frühling und Sommer den ganzen Abend neben dem Graben unter der Araukarie gefickt, und Gott allein weiß, wer angefangen hat oder ob uns die Eingebung gemeinsam kam. Und fickten und fickten, denn auch wenn er aussieht wie ein Heiliger, kaum ist er fertig, fängt er wieder an und wird nicht müde, sagen Sie, was wollte ich mehr." - deutsch von Jürgen Dormagen, Suhrkamp Verlag Frankfurt 1999). Wobei diese Erzählung mit dem schlichten Satz endet: "Pater Larsen suchte und fand keine Araukarie."

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könnte, der als halbheiliger Mann galt. Wobei sich diese Halb-Heiligkeit im Kopf des Sohns nun zunehmend erhöhte, sodass sie bald außer Rand und Band geriet. Und Bassula, die er in all dies mitunter einweihte, weil er sich mit ihr noch am besten verstand, ihm den Rat gab, doch erstmal eine Korrespondenz mit Paulinus zu beginnen, um sich auf das Schreiben so einer Vita vorzubereiten, denn er kannte sich mit diesem Christlichen noch kaum aus. Mehr als den Teufel hatte er eigentlich nie verstanden, und dass dieser äußerst gefährlich sein kann. Doch Ausonius sei Dank war Bissula ja mehr als bloß ziemlich gebildet. Sodass sie - unter ihrem neuen Namen Bassula, damit der Adressat nicht an dumme, ihre blauäugige Vergangenheit durchforstende Gedanken geriet - die Korrespondenz mit dem in Nola weilenden Paulinus sogar übernehmen konnte, wobei sie genau wusste, was dieser hören wollte (etwa dass Sulpicius in eine konsularische Familie eingeheiratet hatte, wodurch er zu etwas Vermögen kam), denn sie kannte etliche Briefe, die dieser an Ausonius richtete: der Konsul hatte ihr manches vorgelesen, wenn sie ihn dann und wann besuchte, um ihm eine kleinere (oder größere) Freunde zu machen, denn darauf hatte er bestanden, als er seiner Fair Lady das Landgut überschrieb. Und nun machte sie auch ihrem Schwiegersohn (der, in zwar geringerem Maß, ja auch der Schwiegersohn des Ausonius war480) ziemliche Freude. Denn römische Moral, römische Skrupel waren ihr vollkommen egal. Sie wollte vom Leben nur noch ein wenig Extra-Spaß481, und nicht als Denkmal ihrer wunderbar schwingenden einstigen Schönheit in eine entleerte Zukunft taumeln. *** Sodass Sulpicius sich seinem Vater irgendwann sogar zu erkennen gab. Was natürlich jetzt diesen aus allen Wolken riss. Aber als alter Soldat, der schon mancherlei überlebte - nicht zuletzt hatte er fast zwei Jahre angekettet in 480

Der leider - jetzt war sie 42 - nun das Zeitliche gesegnet hatte, wodurch sie, bei Toulouse, indes ein größeres Anwesen überschrieben bekam, das spätere Primuliacum 481 Wenn man, versuchsweise, annimmt, sie könnte (als Beute-Germanin) auch die Vita mitverfasst haben, klingen einige Sätze der Einleitung nicht uninteressant: "Ich hielt für unrecht, die Tugenden eines solchen Mannes im Verborgenen zu lassen. Deshalb war mir, sobald ich zum Schreiben entschlossen war, vollkommen klar, dass mich selbst Verstöße gegen die Grammatik nicht abschrecken dürften. Ich erwarb mir ja nie besondere Fertigkeit in dieser Kunst. Was ich mir … einst notdürftig angeeignet hatte, habe ich inzwischen aus Mangel an Übung gänzlich verlernt."

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einem Kloster verbracht, weil ihn eine (geschminkte) Frau verrückt gemacht hatte -, beruhigte er sich bald, und erzählte ihm unter 4 Augen dann doch einiges aus seinem Leben. Wobei er den (jetzt gut 40-jährigen) Sohn zwang, zu schwören, kein einziges Wort von dem verlauten zu lassen, was er nun wusste. Weil er sein Amt verloren hätte, wenn rauskam, dass er außerhalb seines Kloster einst einen Sohn zeugte. Denn ihm war zwar klar, 482 dass Gott ihm vergeben hatte , aber er bezweifelte doch stark, dass seine Bischofkollegen ebenso dachten. Und als der Sohn das dann, bei allem was ihm heilig war - viel wars ja nicht mehr -, schwor, überlegten sie gemeinsam, wie sich die Biografie in die eines jüngeren (von den Versuchungen des Eheleben also noch nicht Beleckten) verwandeln ließ, denn der alte Severus (der ihm - fast wie dem lernbegierig-kindlichen Sartre einst sein elsässischer Großvater483 - auch den Tipp gab, erstmal die Bibel gründlich zu lesen und sich Notizen zu machen, wobei auch der gute Hilarius zum Anfang recht interessant sei, obwohl er ein wenig wirr war) kannte sich in jener Zeit exzellent aus. Woraus die präzisen Vita-Lebensdaten des Sulpicius entstanden, die jener nie und nimmer allein zustande gebracht hätte (obwohl er nun langsam lernte), weil er sich (selbst als der Vater Auszüge aus dem Geschichtswerk des Ammian zum Besten gab, das sich dieser für teures Geld aus Italien hatte kommen lassen, weil er befürchtete - und halb auch hoffte -, sein Name könne darin auftauchen) fürs Militärische von Grund auf nicht interessierte. Wovon er der guten Bassula äußerst erregt immer Mitteilung machte, um - wie, in Reichweite der aufreizend tönenden Glocken von Saint-Sulpice, einst Simone de Beauvoir und der gute Jean-Paul Sartre - aufgeregt mit ihr zu besprechen, wie man dieses „Schreiben“ am besten hinkriegen könnte, zum Beispiel die Revolte gegen Julian oder das mit den Teufeln, das er immer noch am interessantesten fand. Was sie - vor allem, wenn ihnen gelang, in der Vita auch etwas richtig Schönes wie „Wobei Martin sich keine Sorge um den kommenden Tag machte, denn schon damals war er für die Stimme 484 des Evangeliums nicht taub“ unterzubringen , oder sie, versuchsweise, etwas 482 siehe Teufelsdialog in Vita M. 22 483 In "Die Wörter", Sartres maoistischer Absage an die Literatur, in der er behauptet, ihm sei

als Kleinkind von seinem Großvater die Liebe zur Literatur eingeimpft worden, wogegen zu revoltieren er erst als 60-Jähriger die Kraft fand. Es erstaunt ein wenig, dass er sich, als scharf-dialektischer Denker, nicht auch die Beine abschnitt, weil ihm jener Großvater vielleicht auch Vergnügen am Herumspazieren vermittelt hatte. 484 Das "Evangelii non surdus auditor" aus einem Brief des Paulinus an Sulpicius (Paul. Nol. Ep.

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wie das Folgende niedergeschrieben hatten: „Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel aus unserer Zeit stellte er uns den oben erwähnten, hochangesehenen Paulinus vor Augen. Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen die Weisungen des Evangeliums befolgt habe. Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden.“ - dann mitunter gemeinsam so erregte (obwohl der Teufel eigentlich schon ein bisschen altmodisch war, und Hieronymus, der in seinem Bethlehem mit Paula freilich gut Lachen hatte, teufelsbekämpfende Mönche verachtete), dass sie wieder mit äußerst viel Spaß ins Bett gingen, insbesondere, nachdem Bissula aufgegangen war, dass er sich da im Bett an den Frauen immer von Neuem rächen wollte, weil sie mit ihrer Schminke wahre Teu485 fel in Menschengestalt waren. Na, wenns denn einem guten Zweck dient, dagegen hatte sie nichts. Sodass sie weiter mit großer Freude an seinen (und ihren) Erfindungen teilnahm, und gern davon in ihrem (nicht kleinen) Bekanntenkreis tratschte, zu dem neuerdings auch Ausonius Neffe gehörte, der noch immer äußerst gut aussehende Magnus Arborius, der einst comes rerum privatarum und praefectus urbi in Rom gewesen war, aber nun doch als Privatmann486 ein wenig versauerte und nichts dagegen hätte, wenn sein Name in der Vita auftauchen würde, im Gegenteil… 5. 6.). Genau so enthalten am Ende von Vita M. 2 485 Wobei diese Spekulation natürlich (im Grunde unbeantwortbare) Fragen aufwirft. Insbesondere die: Ist antiken Menschen derart komplexes Verhalten zuzutrauen? Wobei man - in offenbar einer Art von Geistes-Imperialismus, der meint, Sartre und Beauvoir seien Errungenschaft erst unserer Zeit - instinktiv denkt, etwas wie diese beiden wäre in früheren Zeiten nicht möglich. Wir halten sie zutiefst für "unseren" Beitrag zur Anthropologie (auch wenn wir selber meist ziemliche Spießbürger sind). Andererseits: bei der Lektüre Catulls begegnet man bereits in der Spätphase der römischen Republik einem derart komplexen Freigeist, dass "unsere" Freigeister ihm gegenüber sonderbar blass wirken, wie Biedermänner in Karnevalsverkleidung. Und Augustinus verrät, am Ausgang der Antike, ebenfalls etliches über sich, das man einem Heiligen eigentlich nicht zutraut. - Insofern könnte es auch unser Sulpicius-Bassula-Paar faustdick hinter den Ohren gehabt haben. Insbesondere wenn man sich ihm eine äußerst unternehmungslustige Bissula beigemischt denkt. 486 Der Sohn von Julia Dryadia, der Schwester des Ausonius. Arborius Frau Veria Liceria widmete Ausonius eins seiner Totengedichte (parent. XVI), worin er davon spricht, dass sie ihrem Mann Kinder hinterlassen habe. Eins davon, eine kleine Tochter, wurde, laut Vita, durch das Auflegen eines vom Heiligen Martin geschriebenen Briefes (der zufällig in seine Hände gekommen war) von viertägigem hohen Fieber geheilt (Vita M. 19)

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War „unser“ Sulpicius Severus also wirklich der Sohn? War er der „Idiot der Familie“, als welchen Sartre den genialen Flaubert487 bezeichnete? Dem jener Vater etliches von seiner Geschichte erzählte, nachdem sich der Sohn ihm in den Neunzigern zu erkennen gab? Muss man die erste Begegnung des Sulpicius mit dem Vater so lesen: Da mir vieles über seinen Glauben und Tugendwandel zu Ohren gekommen war, brannte ich vor Verlangen nach ihm. Deshalb unternahm ich eine mir höchst willkommene Pilgerfahrt zu ihm, obgleich mich auch der glühende Wunsch beherrschte, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich mit erstaunlicher Demut und Güte auf. Herzlich wünschte er mir Glück und freute sich darüber, dass ich ihm so viel Ehre antat und sogar eine Pilgerfahrt unternahm, um ihn aufzusuchen. Woraus der Sohn dann die Stilisierungen der Vita machte? Mit zusätzlich dem Kunstgriff, dass sein Heiliger Martin - um zu verbergen, dass es sich um seinen Vater handelte - 20 Jahre jünger war? Man könnte es denken… - 17 Melancholie vor der Apokalypse Angesichts solch lebensnah skandalöser Offenbarungen trifft Postumianus 488 erneut den Punkt : „Sulpicius, warum verharrst du in so hartnäckigem Schweigen, während wir schon so lange miteinander sprechen?“ wonach, wenn man so will, das ungeschützte „Ich“ des Sulpicius aufblitzt, der lange vor sich hingeträumt zu haben schien, als habe er während dieses

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In seiner vielttausendseitigen Untersuchung zu den Wurzeln von Flauberts spezifischer Kreativität, die, wies so kommt, meine Frau sich zufällig als Bettlektüre mit ins Krankenhaus nahm. Wahrscheinlich argumentiere ich nur deshalb jetzt selber so verdreht 488 II, 8

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Gesprächs sein Leben489 - in der Art, wie es Sterbende (was in meinem Fall allerdings nicht bestätigt werden kann) angeblich tun - an sich vorbeigleiten sehen: „Ich schweige nicht nur jetzt“, gab ich zur Antwort, „ich hab mir schon lange vorgenommen, über sowas nicht mehr zu sprechen. Denn ich habe mal eine leichtfertige Witwe getadelt, die sich gern schminkte und zügellos lebend großen Aufwand betrieb, und ein anderes Mal eine Jungfrau, die einen mir teuren Jüngling beschwärmte -, obwohl sie in meiner Gegenwart dauernd über andere herzogen, die sich ähnlich verhielten.“ Aber dadurch habe er sich den Hass aller Frauen und Mönche in solchem Ausmaß zugezogen, dass sie, nun alle vereint, zum Krieg gegen ihn sich verschworen hätten, deshalb bäte er seine Freunde, von sowas fortan „zu schweigen, damit nicht auch eure Worte mir wieder Hass eintragen.“ Ja, das „Ich“ des Sulpicius. Zu einer tieferen Darstellung gelangt er in Schriftform wohl nicht. Die war einem Augustinus vorbehalten. Den die MutterThematik viel, viel weiter trieb. Im Falle des Sulpicius ward sie gleich in den Witwen-Jungfrauen-Komplex verschoben, was einen in dieser Passage mehr schon an konkret Bassula und deren Tochter denken lässt (grad wenn, wie in unserem Szenario, Bassula keine richtige Witwe war und die Tochter des Konsuls nicht richtig Jungfrau). Aber im Kern geht es wohl darum, dass Sulpicius von einer gewissen, ihm wohl weiblich vorkommenden Heuchelei, einer Kluft zwischen klatschsüchtigem Anständig-sich-Geben und schamlosestem Tun, wie er es zuerst vielleicht bei seiner (ebenfalls nur halbverwitweten) Mutter erlebte, inzwischen abgestoßen fühlte. Dabei hatte er keine Ahnung. Geblendet von dem Kolportageroman, dessen (leidender und genießender) Teil er ward, hatte er keine Ahnung von dem wirklichen Kolportage-Geschehen, mit dem die Historiker uns den Gang der damaligen Weltgeschichte erklären müssen. Auch da wird ja viel unter den Tisch gekehrt. Zum Beispiel im Fall des grad angesprochen Theodosius, der dem Großen Maximus, welcher im Leben des Martin eine so gigantische Rolle spielt, gründlich den Spaß verdarb. Indem er ihn sich in Illyrien schnappte und in Aquileia kurzum hinrichten ließ. 489

Inclusive der Szene, in der er die derzeit noch ansehnliche Bassula - Joystick schräg oben ganz rechts! - unter der Araukarie gefickt hatte

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Dazu hatte jener Theodosius, wie uns berichtet wird, eigentlich gar keine Lust gehabt. Außer Gallien wollte er jenem Maximus sogar Italien überlassen, als dieser, 387 dort einmarschierend, den jüngeren Valentinian und dessen Mutter aus Mailand vertrieb. Ja, auch dessen Mutter Justina: dieselbe arianische Dame, die den Heiligen Martin 372 angeblich daran gehindert hatte, zu ihrem Gatten, dem älteren Valentinian vorzudringen, dem einstigen Generals-Gefährten. Nun musste sie mit ihrem Sohn zu Theodosius nach Thessaloniki fliehen, weil Maximus sie massakrieren wollte. Wo sie versuchte, Theodosius zu überreden, gegen diesen Maximus Krieg zu führen, aber er wollte nicht. Einerseits war er einer Justina gegenüber skeptisch, die in ihrem Herrschaftsbereich, nachdem ihm selber grad mühsam gelang, die Einheit der Kirche 490 wieder herzustellen , das Glaubensbekenntnis von Rimini wieder anerkannt sehen wollte. Wobei Bischof Ambrosius gottlob sie hatte aufhalten 491 können, der sie nun zum Teufel wünschte. Andererseits war es zu gefährlich, denn Maximus schien ein äußerst fähiger Feldherr zu sein, und angesichts der Bedrohung durch die Goten, die nur halbwegs befriedet schienen, und der im Osten lauernden Persergefahr war ein neuer Bürgerkrieg hochriskant. Nein, lieber wollte Theodosius sich in Männermanier einigen. Aber nicht nur er, auch Ambrosius und Maximus (und womöglich sogar die Perser), die sich bereits am Ziel ihrer Wünsche wähnten, hatten ihre Rechnung ohne die Frauen gemacht: (Zosimos IV ) Justina, who was a person of great experience, and knew the best manner of conducting her affairs, understanding that Theodosius was naturally inclined to love, introduced into his presence her daughter Galla, who was extremely beautiful. Then embracing the knees of the emperor, she supplicated with great humility that he would neither suffer the death of Gratian to pass unrevenged, to whom he owed the empire, nor them to remain neglected and destitute of every hope. As she spoke these words she shewed him her daughter, who was in tears, lamenting her misfortunes. When Theodosius had listened to this supplication, and had observed the beauty of Galla, his eyes discovered the wound she had inflicted on his heart … Becoming daily more inflamed with love for Galla, he requested Justina to grant him her daughter, since his former wife Flacilla was 490 491

Auf der Synode von Konstantinopel (381) Siehe dazu Teil VII dieses Anhangs: "Justina in Mailand"

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dead. To this demand she replied, that she would by no means accede to it, unless he would make war on Maximus to avenge the death of Gratian. Eine nicht ganz undelikate Szene. Insbesondere wenn man sich vor Augen hält, dass Justina bei der Hinrichtung von Theodosius senior ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte, nach welcher der Sohn sich ins heimatliche Spanien verkroch. Bis ihn Gratian 379 zum Augustus des Osten ernannte, weil er händeringend einen fähigen General gegen die Goten suchte, die seinen Onkel Valens vernichtend geschlagen und in einer Scheune verbrannt hatten. Doch als Justina begriff, dass Theodosius von der Idee nicht viel hielt, den jüngeren Valentinian wieder mit Waffengewalt einzusetzen (der als Sprachrohr der Mutter das Konstantinopler Glaubensbekenntnis nicht mochte), konnte sie ihn - nachdem sie, mein Gott war das erniedrigend, ihre Kaiser-Strichliste (mit ca. 50) eines Nachts vielleicht mühselig auf drei gebracht hatte (womit sie Kleopatra übertraf, aber Caesar hatte den Rhein auch bloß zweimal überquert und war kürzlich von Julian, dem Vertreter der Neuzeit, getoppt worden) - immerhin davon überzeugen, dass eine Ehe mit Galla, die ihm eine Verbindung mit dem konstantinischen Kaiserhaus und somit Extralegitimität bescherte, für die eigene Dynastie von einigem Vorteil war. Und indem sie Galla mit Theodosius verheiratete, hatte sie - puh, direkt da492 nach, spätestens 389 , starb Justina tatsächlich, grad als, wie Socrates zufrieden schrieb, sich in Italien wieder rechtschaffenes Kirchentum etablierte - ihre geschichtliche Funktion erfüllt. Denn aus der Ehe des Theodosius mit Galla ging bekanntlich die berühmte Galla Placidia hervor. Die 406 mit Stilichos Sohn Eucherius verlobt war, der beim Sturz seines Vaters umgebracht wurde; und die 410 bei der Plünderung Roms durch Alarich dann in westgotische Gefangenschaft geriet und 414, weil sie durch diese Heirat das Gotentum mit (West-) Rom versöhnen wollte, den westgotischen König Athaulf heiratete, der sein Volk aus Italien nach Bordeaux geführt hatte; wobei sie nach der Ermordung Athaulfs, knapp dessen Schicksal entgehend, 416 nach Rom zurückkehrte und auf Drängen ihres Halbbruders, des weströmischen Kaisers Honorius, 417 den Heeresmeister Constantius Flavius heiratete, den Honorius dann, in der Hoffnung endlich wieder Tatkraft auf dem Kaiserthron zu installieren, 421 zum Augustus 492

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Oder bereits 388, wie aus Rufin. 11, 17 und Soz. 7, 14 erschließbar

machte, wobei dieser jedoch im selben Jahr als Constantius III starb; die 424, nach dem Tod des Honorius und einem Exil in Konstantinopel, in Ravenna Regentin für ihren Sohn Valentinian III wurde. Und sich nach dessen Volljährigkeit 437 zurückzog, um in Rom - wo sie San Sabina, San Maria Maggiore und San Stefano Rotundo, die prächtigen, ganz neuartigen, neu errichteten Kirchenbauten, noch sah - dann zufrieden zu sterben. Wobei ihr Mausoleum (worin sie nicht beigesetzt wurde), noch heute in Ravenna steht - als Teil eines beeindruckenden spätantiken Bau-Ensembles (Baptisterien der Arianer und der Orthodoxen, San Apollinare in Classis, San Apollinare Nuovo, San Vitale mit weitgehend erhaltenen Mosaikenschmuck), das, bla bla bla, großen Einfluss auf die karolingische und frühromanische, wenn nicht sogar die Welt-Architektur hatte. Aber dieses Mausoleum ist mehr als ein „einflussnehmender“ Teil. Es ist die kompakte Version jenes Ganzen. Und dabei so handlich, dass man es mit einfachsten Mitteln nachmachen kann. In seiner bulligen Ziegel-Plumpheit auch von Barbaren erreichbar. Etwas vor dem man nicht anbetend niederknien musste. Etwas, das man, in einer ersten Stufe, auch mit eigenen Mitteln produzieren konnte. Und insofern viel wichtiger als sogar die erhalten Bauten Roms, als das Pantheon und in Istanbul die Hagia Sophia. Denn seine erreichbar unbefriedete, gewissermaßen gebärmutterartige Leere (die keinen Leichnam enthielt), sie wollte gefüllt werden, gefüllt mit der Zukunft, die zu unserer Gegenwart ward. Und keiner wollte mehr auf die Zutaten verzichten, die (auf raumfüllend befruchtete Zellteilung wartend) in einfachster Form in diesem Mausoleum aufbewahrt sind: 1.) Der tiefblaue Sternenhimmel, der, von Giotto wiederentdeckt, die Menschheit direkt auf den Mond führen sollte; 2.) Das (abgebildete) Leiden des Heiligen Laurentius, das sich in eine Medienkultur verwandeln würde, in der fremdes Leiden nicht nur unser, sondern sogar universell Mitgefühl erregt; außerdem: 3.) Die durchsichtig-dünn geschliffenen Alabaster-Platten als Fenster, die zu unseren Glaspalästen führen wollten; 4.) Die, wie gesagt, eigenwillig bullige Ziegelarchitektur; 5.) die betongegossenen Innengewölbe; 6.) Die römische Bögen imitierenden Außenverzierungen; 7.) Christus und das Lamm Gottes über dem (brutal rechteckigen) Eingangsportal … usw usw. Kurzum: die Mutterzelle unserer Kultur, eine, die man vielfältigst klonen, die man vervielfältigen konnte, eine Zeitkapsel, die mehrfach aufging, damit wir zum Mond fliegen konnten. 419

Wahrhaftig eine Kolportage-Geschichte, die vollkommen unglaubhaft ist. Schon wenn man sich die Unzahl der äußerst absonderlichen Kopulationen vor Augen hält, aber auch die der winkelzügig brutalen Ermordungen, die nötig waren, dieses Mausoleum dort in Ravenna zu platzieren, in immer neuen zum Teil äußerst schrägen Situationen, die auszumalen, ein extremes an Kunstfertigkeit verlangt, so weit ist es unseren täglichen Erfahrungsschatz entzogen. Dagegen waren die Beteiligten unseres Kolportageromans 493 wahre Unschuldslämmer. *** Ja, indem sie Galla mit Theodosius verkuppelte, hatte die gute Justina ihre geschichtliche Funktion erfüllt. Die sie aus dem Bett des Usurpators Magnentius irgendwann nach 359 - dem Jahr, in dem die vorige Gattin Gratian gebar - in das des älteren Valentinian geführt hatte. Spätestens 370, denn im Herbst 371 bekam sie ja (manche sagen in Konz bei Trier494) von ihm einen Sohn. --- Grad les ich, jener Valentinian habe als einziger unter den christlichen Kaisern ein zweites Mal geheiratet, während die erste Frau noch lebte. Was gläubigen Autoren so peinlich war, dass der Name nur in vier äußerst verschiedenen Quellen erscheint. Wobei drei späte (extrem fromme) Chroniken die erste Gattin Marina (bzw. Mariana) nennen und behaupten, sie sei - ha, gab es nicht auch bei den Clintons eine seltsame Spekulations-Affäre, die ihn fast die politische Karriere kostete? - wegen ihrer Beteiligung an einem betrügerischen Grundstücksgeschäft495 verbannt und erst nach Valentinians Tod von Gratian wieder an den Hof geholt worden. Puh, während der Kirchenhistoriker Socrates um 440 (also recht zeitnah) berichtet, die erste Frau habe Severa gehießen, und, ja, wirklich puh: 493

Die Hintergründe der Anfang 376 - also unmittelbar nach der Erhebung des 4-jährigen Valentinian II zum Augustus - in Carthago erfolgten Hinrichtung vom Vater des Theodosius sind äußerst unklar, da weder Ort, noch Datum, noch Umstände als wirklich gesichert gelten. Eine Theorie geht davon aus, dass man damit (seitens der Berater Gratians oder, wie grade skizziert, Justinas) einer drohenden Usurpation des älteren Theodosius zuvorkommen wollte. Mehr über die Quellenlage in Teil VI dieses Anhangs "Justina in Mailand" 494 Ausonius, Mosella 367 ff, wo ein kaiserlicher Palast an der Einmündung der Saar in die Mosel erwähnt wird: "naviger undisona dudum me mole Saravus / tota veste vocat, longum qui distulit amnem / fessa sub Augustis ut volveret ostia muris." 495 Malalas 341. 1-7; Chronicon Paschale 559. 7-13; John of Nikiu Chronicle, übersetzt von R.H. Charles, p. 82

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Dort steht ebenfalls, Justina sei die Tochter eines gewissen Vettius Justus gewesen, Konsul 328, der Präfekt von Picenum war. Den Constantius umbringen ließ, weil jener Justus verbreitete, er habe Träume, worin seine Nachkommen - denn die Gattin trage die Gene des Großen Konstantin die Kaiserwürde erlangten.496 Und danach - ah, wunderbare Welt des Netzes, die einem derlei so rasch auf den Bildschirm bringt: genießen wir doch die Passage497: “she (i.e. Justina) became known to Severa, wife of the emperor Valentinian, and had frequent intercourse with the empress, until their intimacy at length grew to such an extent that they were accustomed to bathe together. When Severa saw Justina in the bath she was greatly struck with the beauty of the virgin, and spoke of her to the emperor; saying that the daughter of Justus was so lovely a creature, and possessed of such symmetry of form, that she herself, though a woman, was altogether charmed with her. The emperor, treasuring this description by his wife in his own mind, considered with himself how he could espouse Justina, without repudiating Severa, as she had borne him Gratian, whom he had created Augustus a little while before.” Aha, Justina befreundete sich mit der ersten Gattin Valentinians. Und wurde, nachdem sie nackt intercourse miteinander hatten, von dieser dem Kaiser vorgestellt. Und nicht genug damit: Anstatt sich die hübsche neue Palastda498 me (mit der pikanten Vergangenheit ) zur Geliebten zu machen, um mal zu sehen, ob sie unter den Kleidern wirklich so toll und symmetrisch aussah, erließ er, kurz nachdem er Gratian 367 zum Mit-Augustus ernannte (wobei manche sagen, er habe dies wegen einer „schweren Erkrankung“ getan499 ha, der Kaiser war „liebeskrank“; was sein soldatisches Gemüt nicht vertrug, sodass eine alle zufriedenstellende Regelung hermusste), ein Gesetz, nach dem sowohl eine Neuheirat, als auch die Anwesenheit - dann wär wieder Frieden - der vorigen Gattin im Palast erlaubt wären. 496 Wobei man auch denken könnte, Constantius habe ihn umbringen lassen, weil Justus seiner Tochter gestattet hatte, Magnentius zu heiraten. 497 Socrates, HE 4, 31, in der zuvor der Traum des Justus dargestellt wird. Mehr zu ihrer möglichen Abstammung in Teil VI dieses Anhangs: "Justina in Mailand" 498 Als sowohl Abkömmling Konstantins des Großen als auch einstige Gattin des Usurpators Magnentius (350-353), den sie allerdings so jung geheiratet haben mochte, dass sie wirklich noch Jungfrau war. Das würde ihr Geburtsjahr auf spätestens 338 festlegen. Und sie mit bereits 50 (im Jahr 388) sterben lassen. 499 Ammian 27, 6. 1

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“He accordingly framed a law, and caused it to be published throughout all the cities, by which any man was permitted to have two lawful wives. The law was promulgated and he married Justina, by whom he had Valentinian the younger, and three daughters, Justa, Grata, and Galla; the two former of these remained virgins: but Galla was afterwards married to the emperor Theodosius the Great, who had by her a daughter named 500 Placidia.” Wobei den naheliegenden Einwänden501 gegen diese Passage Fehlinterpretationen zu Grunde liegen mögen: „Keuschheit“ ist bei Herrscher-Ehen eine stets präsente Schablone; und mit „2 legale Frauen“ dürfte, von Socrates - der, anders als Zosimos, sonst nie „schlüpfrige“ Passagen verlauten ließ unglücklich formuliert, gemeint sein, dass Scheidungen so vereinfacht wurden, dass die Neuheirat (und damit eine „zweite Frau“) in exakt Valentinians 502 Fall ermöglicht wurde. Dies war insofern relevant, weil es von Konstantin (dem Ur-Opa Justinas503) ein Gesetz gab, laut dem Männern nur bei Ehebruch, Magie (maleficium) und Kuppelei der Frau die Scheidung erlaubt war.504 Wenn Severa nicht auf die soziale Position einer Kaiserinmutter verzichten wollte, musste 500 Socrates, HE 4, 31 501 Einwand: The whole story is a groundless fiction which some pretended eyewitness palmed off on Socrates. The law mentioned here is never mentioned by any other historian, and no vestige of it is found in any of the codes; on the contrary, according to Bingham (Christ. Antiq. XVI. 11), bigamy and polygamy were treated with the utmost severity in the ancient Church, and the Roman law was very much against them; furthermore, Am. Marcellinus (XXX) says that Valentinian was remarkable for his chastity, both at home and abroad, and Zosimus (IV.19) that his second wife had been married to Magnentius previously [and hence was not a virgin as here stated] and that he married her after the death of his first wife. Einen ähnlichen Dispens von normalen Heiratsgewohnheiten erlaubte Justinian, die Büh502

nenschaupielerin (bzw. Zirkusprostituierte) Theodora zu heiraten, die technisch "infamis" war - Prokopius Anecdota 9.51; vergl. D. Daube "Catholic Univ. of America Law Review" 16 (1966-67), 380-89 503 Manche vermuten nämlich auf Grund der Angaben des Socrates, dass ihres Vaters Gattin eine Tochter von Crispus war, des unglücklichen Konstantin-Sohns, von dem man annimmt, er sei wegen einer Liaison mit seiner Stiefmutter Fausta, der zweiten Gattin Konstantins, hingerichtet worden, worauf man auch sie hinrichtete. Mehr dazu und Bewertung der damaligen (stark verschleierten) Vorgänge in Teil VI dieses Anhangs "Justina in Mailand" 504 Während sich Frauen weder bei Trunk- oder Spielsucht, noch bei Hurerei des Gatten scheiden lassen konnten, sondern einzig bei Mord, Grabräuberei und gleichfalls maleficium. Einem Mann, der dieser drei Sachen beschuldigt wurde, war nicht erlaubt, erneut zu heiraten. Sonst durfte die erste Frau sein Haus betreten und die Mitgift der neuen Frau mitnehmen (Cod. Theod. 3, 16. 1)

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Valentinian ein neues Gesetz erlassen. Hm, das wär also die stocksolide juristische Basis, auf der das Mausoleum der Galla Placidia errichtet wurde. Denn ohne ordnungsgemäße Ehe keine Galla, und ohne Galla (nachdem Justinas Dreikaiserprojekt - dessen Realitätswert sich im Licht von Socrates „intercourse“ gewiss nicht verringert -, nach angestrengtem Bemühen mit allerlei Kräutlein und trübfeuchten Düften, leider nur im Privaten gelang, wobei sie - Meine Güte war dieser Theodosius ein impotenter Spinner – ihm wenigstens noch die Tochter, vielleicht ja im Bad, zeigen konnte) keine Galla Placidia. Bei Ammian wird die erste Frau Valentinians nicht erwähnt. Doch auch die wackere Justina taucht nur beiläufig auf: zum einen als Schwester eines gewissen Constantianus, der 369 in einem Hinterhalt getötet wurde - was bei 505 Untersuchung der Details immerhin verrät, dass sie derzeit bereits mit Valentinian verheiratet war506; und beim zweiten Mal ist erwähnenswert, dass sie beim Tod ihres Gatten (im November 375) mit Valentinian ju507 nior eine Murocincta genannten Villa unweit Bregitios , dem Todesort ihres Mannes, bewohnte. Was sich als nicht ganz unwichtig erwies: von dort wurde ihr Sohn eiligst nach Budapest508 expediert, um vorm dort versammelten Heer (mit 4) zum Mit-Augustus Gratians proklamiert zu werden.509 *** Und der Beginn - in der Tat der reinste Kolportageroman, der sogar unseren 505 Ammian 28, 2. 10; wobei er zu seinem Rang, dem kaisernahen eines tribunus stabuli, ja erstmal befördert werden musste, was darauf schließen lässt, dass Justina wohl schon 368 mit Gunstbezeugungen Valentinians rechnen konnte. Nach Constantianus Tod erhielt Justinas zweiter Bruder, Cerealis, dessen Amt (Amm. 30, 5.19) 506 Im Falle des Geburtsjahres 338 also mit 31 507 Bregitio, heute Komarom-Öscöny, 50 km nordwestlich von Budapest an der Donau, seit ca. AD 50 ein Militärlager mit Donauübergang 508 Das antike Aquincum, seit 106 Hauptstadt der Provinz Pannonia inferior. Als bemerkenswertester antiker Einzelfund Aquincums gilt eine tragbare Orgel, die ein Gaius Iulius Victorinus der lokalen Feuerwehr schenkte. Kann gut sein, dass genau diese Orgel anläßlich der Kaiserkrönung des jüngeren Valentinian in Betrieb gesetzt wurde. 509 Ammian 30, 10. 4; wobei mit Cerealis ein Onkel des Kind-Kaisers namentlich erwähnt wird, also der in Fußnote 493erwähnte zweite Bruder Justinas. Dessen Name mit dem des Konsuls von 358 identisch ist, Naeratius Cerealis, dessen Nähe zur Konstantinischen Familie als erwiesen gilt. Woraus Chastagnol (fastes 135 f., publiziert 1962) schließt, Justinas Vater könnte eine Tante jenes Naeratius Cerealis geheiratet haben. Was Socrates Erwähnung der konstantinischen Herkunft Justinas immerhin nicht als reines Gefälligkeits-Gutachten erscheinen lässt, das dem großen Theodosius posthum eine höchstgeborene (zweite) Gattin gönnt. Mehr dazu in Teil VI dieses Anhangs "Justina in Mailand"

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Bissula-Bassula-Plot blass aussehen lässt - von all dem hatte wohl (unter den großen Augen des nicht mehr ganz jungen Dichters Ausonius, den man plötzlich in den „goldenen Palast“ berief, der dem Neros gleichzukommen schien) zum großen Teil in der Palast-Aula von Trier stattgefunden (wo einst auch Priscilla zum Bösen verführt wurde510; und der Heilige Martin laut seiner Vita mit dem Usurpator Maximus - der Gratian umbringen ließ - gespeist hatte, wobei der gleiche Martin ihn in Sulpicius „Kirchengeschichte“ statt dessen dann bat, den ketzerischen Priscillian zu verschonen). Wieso hatte man eigentlich ausgerechnet ihn als Prinzenerzieher berufen, den Provinzlehrer aus Bordeaux? Weil Konstantinopel noch das Wirken 511 von Ausonius Onkel Aemilius Magnus Arborius in Erinnerung hatte, der Konstantin Söhne erzog? Das wirkt unwahrscheinlich, weil es zu lang her war. Mehr erschließt sich indes nicht. Dass Ausonius Tochter in zweiter Ehe (der erste Mann starb als vicarius Illyrici 376512) einen gewissen Thalas513 514 sius heiratete, dessen Vater ein gewisser Severus Censor Iulianus war, schien eher Folge von Ausonius‘ Aufstieg zu sein. Ein, ha: Severus, der wohl unter Julian als Zensor gearbeitet hatte (eine Mischung von Statistiker und Ingenieur). Die Frau jenes im Familienkreis stets nur Censor genannten Severus trug den schönen Namen Pomponia Urbica.515 Der Ton, in dem Ausonius in Gedichten von beiden spricht, drückt Respekt aus, lässt, wenn so will, spüren, dass sie sozial über ihm standen. Obwohl da kaum noch was war, denn 377 kratzte er selber schon oben am Himmel. War dieser Severus Censor also ein (weiterer) Bruder der ersten Kaisergattin Severa, den Gratian nach dem Tod Valentinians (wieder?) an den Hof holte? Sollte es sich 510 und Serena dann den Spieß einmal umdrehte 511 Parent. 3, Prof. 16 512 Sein Name war Latinus Euromius, Parent. 14 513 378 Nachfolger von Ausonius Sohn Hesperius als Pro-Konsul in Africa 514 Parent. 22 berichtet, er habe die (konnte man das nicht kaiserlich nennen?:) Kunst besessen,

Strenge mit Milde zu verbinden. Und obwohl sie einander weder kannten noch bislang verwandt waren, habe jener Censor den Wunsch geäußert, die Familien zu verbinden. Wobei geheimnisvoll folgt, in dieser Zeit habe Fortuna ihr Rad so gedreht, dass das Gewicht des Schicksals ausgehebelt zu sein schien - aut iam Fortunae sic se vertigo rotabat / ut pondus fatis tam bona vota darent 515 Parent. 30, das letzte Gedicht der Serie: von illustrer Geburt und sämtlichen Tugenden versehen; und wenn das Schicksal nicht so übel zugeschlagen hätte, wäre Censor noch am Leben ... et tibi si fatum sic permutare dedisset, viveret hoc nostro tempore Censor adhuc. -- Könnte auf Proscriptionen durch Maximus schließen lassen. "Nicht lange nach dem Tod ihres Mannes folgte sie dem Gatten in den Schatten…" - Vielleicht verwandt mit der Urbica, die 386 als Anhängerin des Priscillian in Bordeaux gesteinigt wurde, und dem Grammatiker Urbicus aus Prof. 21

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in der Tat um einen Onkel Gratians handeln, könnte Ausonius Konsulat fürs Jahr 379 die direkte Konsequenz einer Familienverbindung sein. Denn dann - ja dann hätte „Fortuna ihr Rad wirklich so gedreht, dass das Gewicht des Schicksals ausgehebelt schien“ - wär seine Tochter nun die Kusine Gratians. Und er selber Gratians (angeheirateter) Onkel. 516

Die Familie Valentinians kam wie die des Vita-Martin aus Pannonien. Waren Marina, Censor und le general Geschwister? Aus ebenfalls einer pannonischen Soldatenfamilie und mit einem Vater namens Severus, der zu Zeiten Konstantins in Pavia stationiert wurde? Wo le general dann mit 15 (oder 16, denn er übertrieb immer gern, wenn er von seiner Jugend sprach) ins Militär eintrat? Wobei sie seit der Kindheit mit Valentinian und Valens befreundet waren, und - unter erst Constantius, dann Julian und Jovian gemeinsam Karriere machten? Und Valentinian, als noch junger Offizier, die Schwester seiner Freunde - (Marina) Severa - heiratete? Die plötzlich feststellte, dass sie nach dem Tod Julians, meine Güte: Kaiserin war, und ihr 359 - noch zu Zeiten des Constantius - in Sirmium geborener simpler Offiziers-Sohn nun Augustus werden könnte? Wobei ihr das so sehr in den Kopf stieg, dass sie für ihren in Köln verschollenen Bruder, den äußerst fähigen General Severus (bis dahin der bedeutendste Spross ihrer Familie), von dem man tuschelte, Julian habe ihn umbringen lassen, schon mal ein prachtvolles Memorial errichten ließ, den mit einer riesigen Kuppel versehenen frappierenden Vorgängerbau des heutigen St. Gereon nämlich, dessen ursprünglichen Zweck - nach der Zerstörung Kölns durch die Franken ward das Gebäude schutzlos in einem Gräberfeld extra muros errichtet - man noch heute berätselt. Und annimmt, es habe der Erinnerung an eine Einzelperson höchsten Ranges gedient, womöglich aus der Kaiserfamilie, ohne dass gelang, diese Gestalt zu identifizieren.517 Als Bruder der Kaiserin wäre der verschollene General, selbst ohne unsere exzentrisch belletristischen Spekulationen, die ihn darüber hinaus in Beziehung zum Heiligen Martin setzen, gewiss nicht der schlechteste Kandidat. 516 Ammian 30, 7 517 So, die modernen Forschungslage zusammenfassend, Werner Eck, Köln in römischer Zeit, 2004, S. 667 ff.; Näheres bei Otmar Schwab, St. Gereon zu Köln. Untersuchungen zum spätantiken Gründungsbau, Diss. Aachen 2001; sowie Ute Verstegen, Ausgrabungen und Bauforschungen in St.Gereon, Köln 2006

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Weit weniger wahrscheinlich klingt, dass sie, als ihr aufging, dass Valentinian nach schönen Damen Ausschau zu halten begann, die seiner neuen Position vielleicht angemessener wären, ihm lieber eine ins Bett schubste - Justina -, die ihr gefiel. Aber wenn Socrates es so überliefert, ist vielleicht trotzdem was dran, als Frau aus einer ungarischen Militärfamilie kannte sie schließlich die Rohheit der Männer. Wobei sie feststellen musste, dass man sie trotzdem ausbooten wollte. Und sie grad noch jenen Ehevertrag zustande brachte, der die Neuheirat legalisierte, ohne dass man die vorherige Kaiserin so abmurksen musste, wie es der gottgleiche Konstantin - aus freilich anderen Gründen - mit seiner Fausta tat. Puh, das ging grad noch gut. Die Hochzeit Gratians mit Constantia518, der Tochter Constantius II, war - sollte Severa derzeit (374) noch am Leben gewesen sein - trotzdem ihr großer Tag. Da schienen alle Pläne in schönster Weise aufgegangen. - Hm, in Epitome de Caesaribus - Werk eines heidnischen Autors der um 400 schrieb, also ähnlich zeitnah wie Ammian - steht über Valentinian und die (vielleicht auf Grund des Ehevertrages fällige) Ernennung Gratians: Hic Valentem consanguineum suum sibi socium in imperio ascivit ac demum Gratianum 519 filium necdum plene puberem hortatu socrus et uxoris Augustum creavit.

“Er erhob seinen Bruder Valens zum Mit-Regenten und ernannte, auf Drängen seiner Schwiegermutter und der Gattin, irgendwann (demum) seinen noch nicht volljährigen Sohn Gratian zum Augustus.” Zur Zeit von Gratians Erhebung (367) war die erste Frau, war jene Severa demnach noch im Trierer Palast. Mit, wies so kommt, Valentinians Schwiegermutter. Die, sollte Severa – wir kommen auf unsere exzentrische Annäherung zurück - tatsächlich Martins Schwester gewesen sein, auch die Mutter Martins wäre. Die er, laut Sulpicius-Vita, 358/59 in Pannonien zum 518

Tochter des Kaisers Constantius II (und damit, anders als vermutlich Justina, wirklich Enkelin Konstantins d. Gr.) und seiner dritten Frau Faustina, geboren nach dem Tode ihres Vaters, Ende 361 oder Anfang 362 (Amm. 21, 15). War 365 in Konstantinopel, wo der Usurpator Procopius sich mit ihr den Soldaten zeigte, um diese für sich zu gewinnen (Amm. 26, 7). Als zwölfjährige wurde sie 374 nach Gallien geschickt, um mit (dem 15-jährigen) Gratian vermählt zu werden (Amm. 29, 6). Vor 379 gebar sie einen Sohn (August. de civ. dei V 25), starb aber nicht lange darauf, da ihr Gemahl sich kurz vor seinem Tod (383) ein zweites mal vermählte (mit einer Laeta). Am 12. 9. 383 wurde ihr Leichnam nach Konstantinopel gebracht (Mommsen, Chron. min. I 244). Erwähnt bei Joh. Chrys. ad vid. iun. 4 519 Victor, Epit. 45. 4

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Christentum bekehrt hatte (während der Vater davon nichts wissen wollte). Und die - wobei sie sicherheitshalber lange verheimlichte, dass le general am Leben war - im Kaiserpalast nun so große Reden schwang, dass sogar ein Valentinian Angst vor ihr hatte. Ein Paar, das selbst der furchtlosen Justina so viel Respekt einflößte, dass sie den sonderbaren Ehevertrag akzeptierte. -- Und die Valentinian-Vision des Sulpicius wäre, wenn Martin und le general identisch sein sollten, auf wirklich gespenstische Weise simpelst nun zu entschlüsseln: Als seine Schwester, die erste Kaiserin, noch lebte, hatte Martin, nachdem er ihr seine Identität offenbarte, stets ungehinderten Zugang zu Valentinian. Die neue, arianische Gattin - Justina - versperrte ihm dagegen den Weg: „Als er //Valentinian// in Erfahrung brachte, dass Martin um etwas bitten wollte, das er nicht gewähren mochte, gab er Befehl, ihn nicht über die Palastschwelle zu lassen. Denn seine arianische Gemahlin hatte sich seinen hoffährtigen Stolz zunutze gemacht und ihn dem Heiligen entfremdet, damit er diesem nicht die gebührende Ehre erwies. Nachdem Martin etliche Mal versucht hatte, eine Audienz beim hochmütigen Kaiser zu erlangen…“ Nur durch Hungerfasten und einen Engel - vielleicht die herbeigerufene Severa selber (die 372 immer noch im Palast gelebt haben mochte) - kam er zum Kaiser durch. Und dann sprach man wieder von alten Zeiten. Das passt. *** Resumé: 1.) Ausonius-Ruf nach Trier der reinste Glücksfall; 2.) le general (zumindest in der Phantasie des Sulpicius) möglicherweise Bruder oder naher Verwandter der ersten Gattin Valentinians. Was Sulpicius selber, ha, nicht nur zum Sohn des Heiligen Martin, sondern darüber hinaus zum Kaiserneffen machen würde. Zum Neffen (Marina) Severas.520 Und Cousin 520 Seltsame Koinzidenz auch bei der Namensvertuschung: während sich der Name von le general Severus in den Martins verwandelte, verwandelte sich der Severas in den spätfrommen Quellen in Marina. Was fast wie Martina klingt. War sie, nachdem ihr Martin 372 in Trier mitgeteilt hatte, wo er jetzt war, etwa ebenfalls in ein Kloster gegangen? Nachdem man ihr z.B. ihre Grundstücksspekulation vorwarf ? Ihre angeblich vor Valentinians Tod erfolgte Beisetzung in Konstantinopel (laut Consularia Constantinopolitana. T. Mommsen ed.) gilt jedenfalls als ebenso unsicher wie ihr Überleben als Marina nach Malalas 341.1-7: Chronicon Paschale 559.7-13; bzw. Johannes von Nikiu. Und hatte Gratian sie dann, nach dem Tod seines Vaters, aus dem Kloster zurückgerufen?

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Gratians. *** Wie gesagt, von all den Verästelungen dieser weit in die Zukunft langenden Intrigen und, wenns sein muss, selbst Mord weder fürchtenden noch davor zurückschreckenden weiblichen Machinationen und vielschichtigen Verstellungen hatte Sulpicius wohl nur grob eine Ahnung. Doch das bisschen, was er davon vielleicht spürte, reichte ihm. Ein wenig von hoher Abstammung träumen war ja sehr schön. Aber richtig glauben, dass er Cousin eines – ohnehin bloß minderwertigen - Kaisers war, konnte er wohl doch nicht. Dazu war die eigene Mutter zu gewöhnlich. Und seine äußerst begrenzten Erfahrungen mit weiblichen Reaktionsweisen hatten ihn nicht ermutigt, diese besser verstehen zu wollen. Aus ihm sprach nun nur noch ein Mann, der sich - Teufel hin, Teufel her – allmählich von der Damenwelt verabschiedet hatte. Der die Bestimmung der Frau, ganz wie „sein“ Martin, längst darin sah, dass „höchste Tugend und vollkommener Sieg für sie ist, wenn sie sich nicht sehen lässt.“ Und dass es ihr bereits Ehre eintrage, „wenn sie in Abwesenheit des Mannes die Keuschheit bewahrt.“ Ihn machte jedenfalls richtig froh, dass Bassula wieder in Trier weilte. Endlich, endlich hatte man Ruhe. Bassula-Faktor Null. Wenn (abgesehen von den lästigen Geld-Angelegenheiten) nur nicht das leidige Jungfrauenproblem wäre, dem er Martin durch seine Phantasie ausgesetzt hatte. - Na gut, das musste jetzt durchdekliniert werden521: Gallus erzählt also von einem Dorf, dessen süße Jungfrauen, nachdem Martin auf der Durchreise dort übernachtet hatte, allesamt das Stroh seines Lagers, haha, küßten und Halme dieses (geküßten) Strohs gleich einen Besessenen heilen; wobei Martin auf der Rückreise von Trier (also unmittelbar nach der Begegnung mit der liebestrunken die Beine breit machenden Kaiserin) noch schnell einer Kuh („Weiche von dieser Kuh, du Unheilbringer, quäle das unschuldige Tier nicht weiter!“) den Teufel austrieb; und einem Hasen das 522 Leben rettete, indem er Hunden Einhalt gebot. 521

So wie es dem Zeitgeist entsprach. Denn Ambrosius hatte nicht nur die Fußwaschung sondern auch extreme Jungfrauenverehrung in die Kirche eingeführt. Etwa in seinen Traktat "Von den Jungfrauen" oder in "De lapsu virginis consecratae". Wobei ihm Hieronymus in ep. 22 attestierte, von allen sich exponierenden Vertretern radikaler Jungfernschaft habe er sein Thema am beredetsten und erschöpfendsten abgehandelt. 522 Beides II, 9; wobei die Hunde-Szene manchmal in die mittelalterlichen Bildzyklen zu

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Wozu der orienterfahrene Postumianus (als habe Sulpicius längst gespürt, dass die Vita arg wenig markante Sätze enthält) freudlos noch ein paar angebliche Martin-Sentenzen beisteuert, allesamt leider ein wenig plump. Und vor allem ohne ein System, hinter dem man (wie bei Christus oder später dem Heiligen Franziskus) zumindest eine Denkart vermuten könnte - über den genial das Wesen des Ichs in der Welt erkundenden Sprachinstinkt des Heiligen Augustinus verfügte Sulpicius einfach nicht. Mit als Krönung dann folgender Weisheit:523 Rinder hatten eine Wiese zum Teil abgeweidet, Schweine einen andern Teil der Wiese durchwühlt, der noch unberührte Teil prangte frühlingsfrisch in Blumenzier wie ein gestickter Teppich. Da sagte er //Martin//: „Das Bild der Ehe erkennen wir in jenem Teil der Wiese, der, von den Rindern abgeweidet, die Zier des frischen Grüns zwar nicht ganz verloren hat, aber doch keinen Blumenschmuck mehr aufweist. Der Teil, den die unreinen Schweine durchwühlt haben, stellt das häßliche Bild der Unzucht dar. Der Teil, der unberührt blieb, veranschaulicht die herrliche Würde der Jungfräulichkeit; er treibt üppiges Grün, bringt überreichen Ertrag; mit prächtigen Blumen übersät, leuchtet er wie blitzende Edelsteine. O selige, Gottes würdige Schönheit! Nichts hält den Vergleich aus mit der Jungfräulichkeit.“ Es folgt - Ausdruck der weiter gefährlich schwelenden Brisanz des Themas - das Lob einer Jungfrau, die nie Männer zu Gesicht bekam und nicht 524 einmal Martin empfing ; eine (durch Gallus und Sulpicius bezeugte) Vision von Agnes, Thekla und Maria525, wobei Martin kurz danach auf einem Schiff von einem Engel in Gegenwart von Sulpicius Nachrichten von der Synode in Nimes erhält526; gefolgt schließlich527 von Martins Ansichten zur Martins Leben eingefügt wird 523 II, 10 524 II, 12

525 526

II, 13

394 oder 396, auf welcher der seit dem Prozess gegen die Priscillianer zwischen den gallischen Bischöfen schwelende Streit, bei dem es ursprünglich um die Härte des Vorgehens gegen die Priscillianer und ihnen verwandte Gruppierungen ging, sich fortsetzt. Was Sulpicius interessiert, weil es die eigene, grad erst entstehende Klostergemeinschaft in Mitleidenschaft zieht, während es für Martin, da er von der Zukunft ja nichts weiß, eher belanglos ist, sodass er dort gar nicht erst hinging. 527 II, 14

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unmittelbar bevorstehenden Apokalypse, bei der zunächst Nero und der Antichrist (gar nicht so unprophetisch, wie mir bei genauem Überlegen jetzt dünkt) erscheinen würden usw usw. - mit indes wieder einer Datierung: „Acht Jahre528 sind es, seit wir das aus seinem Munde vernahmen.“ Dann wird das Gespräch von einem Priester namens Refrigerius unterbrochen, man sagt Gute Nacht (damit man noch ein wenig von dem Gesprochenen dessen Thema, erst jetzt begreifen wir es, anscheinend das „Rätsel der Frau“ war - träumen kann) und verabredet sich für den neuen Tag. - 18 General Sulpicius 529 „Gallus, der Tag graut schon , wir müssen uns erheben“, beginnt der dritte 530 Dialog , an dem, außer dem guten Postumianus, der alles hier Geredete worttreu nach Ägypten übermitteln wird, nun auch Refrigerius teilnimmt. Aber, damit nicht genug, jetzt trudelt ganz Primuliacum ein und wird - von unserem „Autor“ für alle Zeiten fortan konserviert - vorgestellt. Wir bezeugen den Morgenappell der von General Sulpicius, wie sich herausstellen wird, nun souverän befehligten Truppen. Nachdem man gestern leicht Mystisches bestreifte und die eigene Legitimität sicherte, bei der die Frauen nun mal eine Rolle spielen - ohne die Frau gibts den Nachfolger ja nicht531 -, kann man zur Tagesordnung schreiten. Zu einer Tagesordnung, in der es jetzt ganz ohne die Frauen geht, wie es - den Worten des Heiligen Paulus gemäß - ja sein muss. Und da erscheinen sie schon, die Truppen:

Während ich so sprach und Gallus sich anschickte, mit dem Erzählen zu begin532 533 nen, gesellte sich eine Mönchsschar hinzu: der Priester Evagrius , Aper , Sab528

Also dürfte die Rohfassung dieses Dialogs spätestens 404 /405 entstanden sein, 8 Jahre nach Martins Tod. Damit gehört Sulpicius Text zu den letzten Lebenszuckungen der gallisch-römischen Kultur 529 "Luoescit hoc" vgl. Plautus, Amph. 543 und Terenz, Heaut. 410 f. 530 III, 1 531 Und in der Nachfolgeregelung bestand das eigentliche Wesen der besprochenen WunderSequenzen, in der, sieht man ab von allem traumtänzerischen Drumrum, die unangetastete Kaiserin, wie simpel, Sulpicius halbverwitwete Mutter war und "Martin" der Vater, während der Usurpator Maximus, mit dem man sich allerdings nett unterhalten konnte, die Stiefvaterrolle ausfüllen durfte 532 Aus Südgallien, Schüler Martins und dann des Sulpicius, Verfasser der Altercatio Simonis Judaei et Theophili christiani (herausg. von Bratke 1904) 533 Vielleicht, aber wirklich: nur vielleicht, der gleiche Aper, an den Paulinus Ep. 88; 89; 44 schrieb - wobei die Identität nicht ganz unwichtig ist, denn ansonsten gibt es nur Briefe an Sulpicius

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batius534 und Agricola; bald darauf trat unser Priester Ätherius mit dem Diakon Calupio ein, sowie dem Subdiakon Amator535, und zuletzt kam mein liebster Freund, der Priester Aurelius“536, der einen längeren Weg zurücklegen musste und ganz außer Atem war.“ Was - wie die Massenszenen in Hollywoodfilmen - wohl klarmachen soll, dass diese Dialoge, anders als teilweise gestern, keine Phantasieveranstaltung sind und Primuliacum kein Phantasie-Ort. Obwohl die z.T. aus entlegenen Gegenden plötzlich herbeieilenden Freunde die Gesamtheit der Anhänger des Sulpicius darstellen dürften, die sich unmöglich real alle zugleich hier versammelt haben konnten. Also leider doch wieder - ähnlich wie in vielen mittelalterlichen Gemälden, darin man Zeitsegmente weil man physische Kausalität durch das Wirken christlicher Wundermechaniken ausgehebelt wähnte, noch nicht durch saubere Rahmungen trennte, ein Traumgespinst: Mittlerweile meldete man, viele Laien stünden vor der Türe; sie wagten nicht einzutreten, bäten aber um Einlass. Worauf Aper erklärte: „Es schickt sich nicht, dass sie sich zu uns gesellen; sie sind mehr aus Neugierde als in frommer Absicht gekommen.“ Doch Sulpicius setzte trotzdem „mit viel Mühe durch, dass man den früheren Vikar Eucherius537 und den Statthalter Celsus538 einließ; die andern wurden abgewiesen. Dann richteten wir für Gallus in der Mitte einen Sitzplatz her.“ Und nun hört alles spitzohrig diesem zu. Wobei nach dem großen Aufmarsch etwas ernüchternd wirkt (und unser großer General ein wenig wie Don Quijote), dass ein stummes Mädchen durch Martin sprechen lernt, 539 was der anwesende Evagrius immerhin bezeugt ; dass sich ein Ölgefäß und, indirekt, Bassula, was nicht ausschließt, dass es sich bei "Primuliacum" nur um ein von Sulpicius (bzw. Bassula) in den Raum gestelltes luftiges Utopia handelt, denn Paulinus hatte es ja nie gesehen 534 Vita M. 23, 7 535 Ätherius, Calupio und Amator hatten wohl die Gottesdienste in Primuliacum zu besorgen. 536 An den Sulpicius Ep. 2 schrieb. 537 War Onkel des Kaisers Theodosius, 380 Pro-Konsul in Afrika, 381 Konsul; wann und wo er als Vikar eine Diözese verwaltete, ist nicht bekannt 538 Ein Celsus war 385 praefectus annonae in Rom - die Zivilpersonen sind also extrem auserlesen, als sollten sie beweisen, wie wichtig man Primuliacum in der großen weiten Welt nimmt 539 III, 2 - wobei Evagrius als Zeugen wiederum sogar 2 Bischöfe bemüht, darunter den bereits

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einst wundersam füllte; ein geweihtes Gefäß, als es fällt, nicht zerbrach, sowie ein Hund aufhörte zu bellen, als er im Namen Martins dazu aufgefordert wurde540; bzw., dass der comes Aviatanus durch die unsichtbar bleibende Stimme Martins davon abgehalten wird, eine Reihe von Gefangenen fol541 tern und hinrichten zu lassen. Wobei Gallus nun eine neue Technik erläutert, mit der er, wenn nicht die Neuzeit einzuläuten, so immerhin seine Glaubwürdigkeit zu steigern gedenkt: „Übrigens soll euch nicht wundern, dass ich heute, anders als gestern, bei den einzelnen Wundertaten immer die Namen der Zeugen und die Personen erwähne.“ - Worauf Sulpicius - ebenfalls hochmodern, und, wenn man so will, bereits in der didaktischen Manier Bertolt Brechts - etwas ebenfalls nicht Unwesentliches zum Besten gibt: „Ich habe die Form des Dialoges gewählt, um 542 die Langweile zu verscheuchen und beim Lesen Abwechslung zu bieten.“ - uns wird also episches Theater vorgesetzt … -- usw usw543 Also mehr oder weniger (ein Hund hört auf zu bellen, eine Schlange kehrt in einem Fluss um) belangloser Kleinkram. Mit zum Schluss aber doch einem seltsamen Detail: Der Expräfekt Arborius bezeugt, er habe gesehen, wie die Hand Martins, als er das Messopfer darbrachte, gleichsam mit herrlichen Perlen geziert war und im Purpurlichte schimmerte; er habe die Perlen aneinanderstoßen hören, so oft sich erwähnten (Fußnote Nr. 322) Victricius von Rouen, dessen Leben Paulinus in zwei Briefen von 396 und 404 skizziert (Paul. Nol. ep. 18; ep 37). Er erhielt ebenfalls "brandea" mit Reliquien von Protasius und Gervasius, wofür er Paulinus und Martin in Vienne traf; insofern gehört er als Zeuge zum "inner circle"; per Paulinus könnte Sulpicius auch etwas über Victricius Militärzeit erfahren haben (er hatte ja gleichfalls den Dienst verweigert), was vielleicht Eingang in die dialogi fand. 540 III, 3 541 III, 4 542 III, 5 543 Dämonen verlassen ein Kloster, wenn Martin erscheint (III, 6); in einer Gegend, wo es oft hagelt, hört es nach Martins Gebet zu hageln auf, wobei es nach seinem Tod erneut hagelt (III, 7); dem grausamen Aviatanus wird von Martin ein Teufel aus dem Nacken vertrieben, was Aviatanus milder stimmt; ein unzerstörbarer Tempel wird nach einem Gebet Martins durch ein Unwetter niedergelegt (III, 8); auch eine Säule mit drauf einer (wohl weiblichen) heidnischen Statue wird auf diese Weise in Staub verwandelt; eine von Blutfluß gezeichnete Frau wird gesund; eine Schlange kehrt auf Geheiß Martins um, als sie einen Fluß durchschwimmt - das einzige Kapitel dieses Dialogs, in dem Frauen eine (marginal-negative) Rolle spielen (III, 9); Martin sorgt dafür, dass für ein Festessen ein riesiger Salm ins Netz geht (III, 10)

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seine Hand bewegte.544 Wobei dieses Detail weniger per Sujet interessiert, als durch den Zeugen. Denn der Expräfekt Arborius (den wir bereits in der Vita als wunderbezeugend kennenlernten, als nämlich den Vater eines fieberkranken Mädchens, das geheilt wurde, indem jener Arborius ihm einen Brief Martins auf die 545 Stirn legte ) ist kein anderer als der in unserem Kolportageversuch auftauchende Neffe des Ausonius, der 379 zum comes rerum privatarum und 380 zum praefectus praetorio in Rom (ein höchst begehrtes und wirklich bedeutendes Amt) gemacht wurde. Was die „Bissula = Bassula“-Gleichung weiterhin nicht beweist, aber einen recht vertrauten Umgang jenes Arborius mit Bassula und Sulpicius noch wahrscheinlicher werden lässt.546 Aber nun, wir merken auf, gehts wieder an den Kaiserhof. Und zwar dreht es sich erneut um den Prozess gegen die Priscillianer, den Sulpicius in seiner „Kirchengeschichte“ eigentlich schon abgehandelt hatte. Wobei er Martin indes nur eine Nebenrolle spendierte, in welcher er Kaiser Maximus547 einen kurzen Aufschub abtrotzte. Diesmal wird seinem Verhalten (ohne noch ein Wort über die liebeslustige Kaiserin zu verlieren) mehr Platz eingeräumt548, wobei Sulpicius seine Truppen für die kommende Erzähl-Schlacht (beim Film würde man sagen, sie hat die Form einer Parallel-Montage) sorgfältigst ins Feld führt. Denn jetzt ist - wobei sich der quijoteske Aspekt vollkommen verliert, fortan wird nämlich Geschichte geschrieben! - Sulpicius General, der alte Martin gehört, ganz wie von Brictius herumposaunt, zum alten Eisen, er ist pensioniert. Indes Sulpicius (nun als nach Trier versetzter Sallust, der die Verhältnisse 544 III, 10 545 Vita M. 19, auch dort übrigens unmittelbar vor einer Maximus-Passage (Vita 20) 546 Wobei eine, wie in unserem Kolportage-Szenario ja bereits angedeutet, äußerst nahelie-

gende kurze (oder auch lange) Affäre zwischen dem neugierigen Neffen und der erotisch-weiblichen Ausstrahlung Bissulas diesen vielleicht geneigter machte, sich mit seinem guten Namen an dem Wunderspiel mit dem Heiligen Martin zu beteiligen. - Bissula: "Komm, mach das mal…" - Arborius:

"Ach, ich weiß nicht, nein, das ist mir zu blöd…"- Bissula: "Tu mir doch den Gefallen, dann lass ich mich auch, ich hätt sowie Lust … ach, du weißt schon … komm, das machen wir einfach…" - usw usw 547 Dessen Gattin dem Heiligen, nachdem sie ihm die Füße mit ihren Tränen benetzte, im

gestrigen Dialog fast zu willen war, weil sie ihn für den besseren Kaiser hielt, weshalb Martin ihr - als sie ihm in Gestalt einer die Augen verdrehenden Kuh wiederbegegnete - den Teufel austrieb 548 III, 11 - 14

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souverän überblickt) bereits erkennt, dass die da einsetzenden Konflikte zu einem halboffenen Kirchen-Schisma führen sollten, das sich bis zur Zeit seiner Dialoge hinzog und seine Klostergemeinschaft im Jahre 404 hochgradig gefährden würde. Denn es geht nicht mehr um Priscillian - dessen Leiche ist längst verbrannt 549 -, es geht ausschließlich um die (infolge mehrerer Herrscherwechsel extrem unübersichtlichen) kleinteiligen Kirchen-Streitigkeiten, die 396 zur Synode von Nimes führten550, an der Martin, wie grad gesehen, Null Interesse zeigte.551 Die aber für Primuliacum hochwichtig war, weil sich eine Bischofsfront dort formierte, in der, weil sie ein asketisches Mönchswesen offenbar in Schranken wies, Sulpicius‘ Primuliacum-Projekt entschiedene Gegnerschaft fand. Wovon der alte General Severus (an dessen Vaterschaft Sulpicius ohnehin höchstens nachts manchmal glaubte) im Jahr 385 naturgemäß nichts wissen konnte, sodass er wie ein blinder Bär durch die Anfänge tapst. Wobei Gallus (dessen leicht anti-asketische Rolle man insofern als Konzession an die anti-asketische Bischofsfront lesen kann) wieder der Erzähler ist. Der, einem der Muster antiker Rhetorenkunst folgend, mit der Ankündigung einer peinlichen Offenbarung beginnt552: „Ich komme zu einem Ereignis, das Martin wegen der damaligen traurigen Zustände immer verheimlichte, aber vor uns nicht verbergen konnte“. Wieder wird indes zunächst Staub um Kaiser Maximus553 aufgewirbelt, diesmal betrifft es aber nicht mehr dessen 549 von Maximus (388) zum jüngeren Valentinian über (392) Eugenius zu (393) Theodosius,

wobei der Vorgänger jeweils umgebracht und dessen Politik (inclusive der kirchliche Belange betreffenden Edikte) für nichtig erklärt wurde; erst 394, also nach dem überraschenden Tod des Theodosius, trat mit der Übernahme des Kaiseramtes durch dessen minderjährigen Sohn Honorius eine gewisse Beruhigung ein. 550 Die abgehalten wurde, "um die Ärgernisse in den Kirchen zu beseitigen und die Spaltung beizulegen" - Conc. Nemaus. a. 394/396. prol. (CChr. SL 148, 50, 3-4 MUNIER). Wobei (um eine vorsichtige These zu formulieren, die Sulpicius Reaktion verständlich macht) eine klare Mehrheit der Bischöfe - infolge der schlechten Erfahrungen bei der Abgrenzung der Askese zu derjenigen der Priscillianer - dazu geneigt haben mochte, neue Klostergründungen, bei denen der leiseste Verdacht bestand, es könne zu asketischen Exzessen kommen, nicht zu ermutigen. 551 Sodass sie ihm (in Sulpicius Gegenwart!) von einem "Engel" mitgeteilt werden mussten II, 13 552 III, 11 553 Zum Verständnis von Kap. 11 - 14 noch einmal eine Kurzfassung des Prozesses gegen Priscillian: Seine Lehre wurde 380 auf der Synode von Saragossa verurteilt; 382 wandte er sich, ohne Erfolg, an Papst Damasus in Rom, um eine Revision zu erreichen. 384 lud der Usurpator Maximus

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imaginäre Stiefvaterrolle, jetzt geht der Kampf um die Wirklichkeit. In welcher im Rahmen einer Bischofszusammenkunft, die einen Nachfolger des grad verstorbenen Trierer Bischofs Brittius bestimmen sollte, zunächst das Verhalten des Ithacius554 zur Diskussion stand, des Bischofs von Ossonoba, des Ankläger Priscillians. Denn jener Ithacius hatte, um sie sich 555 von der Trierer Bischofsversammlung billigen zu lassen, eine Apologie seines Vorgehens gegen Priscillian verfasst, worin er dessen „Verbrechen“ in Erinnerung rief.556 Was eine Mehrheit der Bischöfe dann wohl akzeptierte, obwohl Papst Siricius (385-399) in einem Schreiben an Maximus dagegen protestiert hatte, dass ein weltliches Gericht sich in kirchliche Angelegenheiten eingemischt habe.557 Sodass man zur feierlichen Weihe des neuen Bischofs - Felix - übergehen konnte, die im von Gratian prächtig neu er558 richteten und grade fertiggestellten Trierer Dom stattfinden sollte. Und zu dieser Weihe kam Martin wohl nach Trier. Wo ein Teil der Bischofschaft bereits vor seiner Wunderkraft bibberte, weil sie, wie Sulpicius uns erläutern will - wozu die als summierendes Faktum in seiner „Kirchengeschichte“ erschienenen Argumente jetzt aufgewärmt werden -, dem Kaiser alle Priscillianer auf eine Synode nach Bordeaux (an der, nach Idatius Chron. (Monum. Germ. auct. antiq. XI, 15), auch Martin teilnahm). Bevor es zu einer Verurteilung kam, verlangte Priscillian einen Zivilprozess vor dem Kaiser. Auf Grund einer Zivilklage des spanischen Bischofs Ithacius wurde dieser Prozess 385 vom Präfekten Evodius in Trier durchgeführt, wobei Priscillian und einige seiner Anhänger wegen maleficium (Magie) zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden. 554 Ithacius, der Bischof von Ossonoba (Fano in Portugal), hatte auf der Synode von Saragossa, wo sich 380 spanische und aquitanische Bischöfe versammelten, die asketische Lehre Priscillians verurteilen lassen. Nach der Ermordung Gratians, der die Verurteilung widerrief, begab sich Ithacius nach der Thronbesteigung des Maximus nach Trier, wo infolge seiner Darstellung der Situation die Synode von Bordeaux einberufen wurde (siehe vorige Fußnote) -- An seinem Verhalten entzündete sich nun die folgende Debatte, wobei Ithacius selber (laut Prosper chron. 1193) im Jahr 389 - also unmittelbar nach dem Sturz des Maximus - von einer spanischen Synode exkommuniziert und verbannt wurde; und (Isidor von Sevilla, chr. vir. illustr. 15, 19) um 394 im Exil in Neapel starb 555 Isidor von Sevilla Vir. illustr. 15,19: "scripsit quemdam librum sub apologetici specie…" - dieses Pamphlet sollte den Stil aller späteren Beschuldigungen prägen und war die Hauptquelle für Hieronymus, der sich ebenfalls dazu äußerte, und Sulpicius. 556 Und - womöglich -, das suggeriert jedenfalls Sulpicius nebelhaft, also ohne es an den entscheidenden Stellen direkt auszusprechen, zu einem scharfen Vorgehen gegen noch bestehende Anhänger des Priscillians in Spanien rät. 557 Rekonstruierbar aus dem erhaltenen Antwortbrief des Maximus, worin er die rein weltliche Natur des Prozesses darlegt - Ep. Accepimus litteras: Coll. Avell. 40 (CSEL 35, 1 90-91 Guenther) 558 inclusive des spektakulären Quadratbaus, dessen Wände in der heutigen Anlage z. T. noch stehen

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nun vorschlugen, „Beamte mit unbeschränkter Vollmacht nach Spanien zu schicken, um die Häretiker aufzuspüren, sie zu verhaften und ihnen Leben und Besitz zu nehmen. Was auch die zahlreiche Schar der Mönche vernichtend treffen würde; denn man unterschied ja kaum zwischen den einzelnen Menschenklassen559; sondern man urteilte nur nach dem Augenschein, sodass einer eher wegen seines bleichen Aussehens und seiner Kleidung für einen Häretiker gehalten wurde, als wegen seines Glaubens.“ Was insofern auch Martins Mönche beträfe, weshalb die Bischöfe ihm angeblich den Zugang zur Stadt versperrten, ohne ihren wundermächtigen Kollegen aus Tours indes daran hindern zu können - mit anderen Worten: erneut alles heiße Luft -, zum Kaiser vorzudringen. Und zwar mit einem eigenen, ganz prosaischen Anliegen, das, nachdem es mehrfach angekündigt 560 wurde -, jetzt auch konkret genannt wird: „Er wollte um Gnade bitten für den Comes Narses und den Präses Leucadius. Beide waren Anhänger Gratians gewesen und hatten durch ihre leidenschaftliche Parteinahme den Zorn des Siegers auf sich geladen, was ich jetzt nicht weiter ausführen kann.“ Wobei er - hier setzt, parallelmontiert, Sulpicius vorherige Argumentation wieder ein - darüber hinaus (angeblich) darum bat, keine Beamten zur Verurteilung der Priscillianer nach Spanien zu schicken. Und der Kaiser mit seiner Entscheidung zwei Tage zögerte, „sei es um der Angelegenheit mehr Gewicht zu verleihen, sei es weil er seinen hartnäckigen Gegnern nicht verzeihen wollte561, sei es weil er … //Martins Anliegen// aus Habsucht widerstand, da ihn nach ihren Besitzungen gelüstete.“ - Es dreht sich also weiterhin um die Proscription seiner politischen Gegner, welche in der, seit Sulla sie erstmals systematisch betrieb, üblichen Manier (all dies in diesem Zusammenhang reine Belletristik, die durch das klassische „man sagt“ eingeleitet wird) dann auch begründet wird: - „Man sagt ja, dass er sich allzu wenig von der Hab562 sucht freigehalten habe, obwohl er manche gute Eigenschaften aufwies; dabei muss man wohl die Not des Reiches als Entschuldigung dafür gelten lassen, dass er jede Hilfsquelle für seine Herrschaft erschloss. Die vorigen Herrscher hatten den 559 560

Hieron. Ep. 22, 13 ; Sulp. Sev., Chron. II, 50, 3 "Unterdessen nötigten etliche schwere Anliegen von andern Bedrängten Martin, zu Hof zu gehen", blieb Gallus zuvor geheimnisvoll (obwohl in der Kaiserinnenszene II, 7 bereits von zu befreienden Gefangenen, zurückzurufenden Verbannten und der Zurückgewinnung eingezogener Güter die Rede war. 561 Gemeint ist gewiss "obnixis sibi implacabilis", gemeint sind Narses und Leucadius. 562 "Bonis artibus" ist zu lesen, wie Sallust, Bell. Jug. 28, 5.

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Staatsschatz völlig abgewirtschaftet, und ihm standen Bürgerkriege bevor, für die er gerüstet sein musste.“.563 Dann - es wird weiter simpel parallelmontiert - ist wieder von der Angst der Bischöfe die Rede „Zuletzt fielen sie mit weinerlichem Gejammer auf die Knie und riefen die Macht des Kaisers an, er möge sie mit seiner Macht gegen diesen Menschen schützen“.564 - Gemeint ist Martin, was völlig irreal wirkt. Aber Sulpicius erklärt weiter im belletristischen Irrealis: „Wirklich hätte nicht viel gefehlt und der Kaiser hätte sich dazu bringen lassen, Martin in das Schicksal der Häretiker mit einzubeziehen.“ Wonach noch davon berichtet wird, Maximus habe Martin in einem „Privatgespräch“ zu überzeugen versucht, dass der Ithacius für schuldlos erklärende Synodenspruch begründet sei. „Diese Gründe machten auf Martin wenig Eindruck. Da entbrannte der Kaiser in heftigem Zorn; er ließ Martin stehen und ging rasch davon. Darauf wurden die Häscher ausgesandt nach denen, für die Martin um Gnade gebeten hatte.“ - Mit anderen Worten: Es ging weiterhin nur um die Beamten Gratians, für die Martin sich eingesetzt hatte, bis er den Kaiser verärgerte. Alles andere bleibt von Sulpicius - „es hätte nicht viel gefehlt“, „Privatgespräch“ - belletristisch verstreuter Puderzucker, mit dem er suggeriert, Martin habe (heimlich) massiv Partei gegen die den Scharfmacher Ithacius unterstützende Partei ergriffen.565 Wobei sich der Konflikt der Bischöfe bei der Weihe von Felix566 offenbar so weit zuspitzte, dass sich etliche Würdenträger nun weigerten, das Abendmahl (bei dieser vermutlich äußerst beeindruckenden Veranstaltung, die zugleich eine der ersten und letzten war, die dieser prachtvolle Bau sah, denn bereits drei Jahre später sollten die Franken Trier radikal niederbrennen) gemeinsam mit der Ithacius-Felix-Partei einzunehmen. Was Martin aber offenbar tat, weshalb Sulpicius ihn damit zu entschulden sucht, dass er den 563 alles noch III, 11 564 Ich lese mit der Handschrift von Dublin "ut tueretur" 565 III, 12 566 Als dessen Hauptleistung im Moselgebiet heutzutage gilt, dass er die Gebeine des Trierer

Bischofs Paulinus (der 353 nach dem Konzil von Arles, weil er als einziger brav die Flagge des Katholizismus hochgehalten hatte, von Constantius nach Phrygien verbannt wurde, wo er 358 starb) aus Phrygien herbeischaffen und im Dom bestatten ließ. --- An Felix orientierte sich indes tatsächlich ein mildes Schisma der gallischen Kirche, das er offenbar zu beenden versuchte, indem er 398 freiwillig zurücktrat. Was aber anscheinend nichts half, denn Sulpicius meint ja - obwohl das auch Ausdruck von Paranoia sein könnte -, der Streit habe noch 405 fortbestanden.

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Synodenbeschluss nicht unterschrieben habe (was ohnehin nicht in Frage kam, da Martin erst danach in Trier erschien). Und das wars: „Am folgenden Tag brach er //Martin// rasch auf.“ Sein Besuch hatte also, inclusive der Bedenkzeit des Kaisers, maximal drei Tage gedauert. Wobei ihm auf der Rückreise ein Engel begegnete, um ihm zu versichern, nichts Falsches getan zu haben. Was leider nichts dran änderte, dass er, offenbar weil er mit Ithacius, Felix und Co das Abendmahl geteilt hatte, ein Verringern (wie Sulpicius Glauben machen will) seiner Wunderkraft spürte: „Sechzehn Jahre lebte er noch nachher567; er nahm an keiner Synode mehr teil und hielt sich 568 von jeder Zusammenkunft der Bischöfe fern“. Kurzum: alles was wir konkret über Martin erfahren, ist, dass er bei Maximus vergeblich für einige Anhänger Gratians eintrat und anlässlich der Bischofsweihe jenes Felix (leider) gemeinsam mit den Bischöfen um Ithacius das Abendmahl einnahm. Den Rest pustet Sulpicius dazwischen, um für seinen (weit später entstandenen) Antagonismus zu den Anhängern des Felix569 einen prominenten Fürsprecher zu finden. Wobei die Essenseinladung der Vita, die in der Kirchengeschichte in eine Intervention für Priscillian mündete, sich nun in einen (ebenso kurzen) Bittbesuch transformiert, bei dem Martin für einige (nichtklerikale) Freunde vergeblich um Gnade bat. Keine Spur also von Gleichberechtigtheit, keine Spur einer sich anbiedernden Kaisergattin. Hier wurden einem kleinen Bischof knallhart die Grenzen gezeigt. Was alles - unabhängig davon, ob die Mutter Gratians le generals Schwester war - recht gut mit unserer Vorstellung eines „Generals-Martin“ 567

Demnach wäre Martin 400/401 gestorben (385 + 16). Doch mag die Zahl nicht gut überliefert sein; statt XVI kann XIV gestanden haben. Insofern käme auch 398/399 in Frage. Wegen anderer Hinweise (z.B. der Erwähnung der Synode von Narbonne) gilt trotzdem 397/398 als Todesjahr, wobei der exakte Zeitpunkt für unsere Argumentationen ohne Belang ist. 568 alles III, 13 569 Der retrospektiv wohl nicht unberechtigt war. Denn das dann in der Tat - ob einzig (wegen maleficiums) vom Staat ausgehend oder zugleich auch von der Kirche, bleibt unklar - in Gang gesetzte Vorgehen gegen die spanischen Anhänger Priscillians löste erhebliche Unruhe aus und blieb umstritten. Wobei - wohl erst nach der Niederlage des Maximus - Papst Siricius sonderbar folgenlos zur Kenntnis gab (wie wiederum die Synode von Turin 398 feststellt, bei der man sich auf jene Entscheidung des Siricius beruft - Conc. Taurin a. 398, can. 6 (CChr. SL 148, 57-58 Munier), dass er Felix und all jene, die Priscillian verurteilt hatten, exkommuniziere. Sonderbar folgenlos insofern, als Felix von Trier erst 398 (freiwillig) zurücktrat, um nicht mehr als Störenfried zu erscheinen.

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übereinstimmt. Der sich für kirchenpolitische Belange nicht übermäßig interessierte und, anläßlich einer Bischofweihe, im Palast für einige Freunde um Gnade bat, an deren Loyalität der neue Kaiser wegen ihres Wirkens unter Gratian Zweifel hatte, sodass sie (unter Einzug des Familien-Vermögens) hingerichtet werden sollten. Ein Schicksal das, wie wir sahen, derzeit auch Ausonius drohte. Der - und hier kommt der unmittelbar vor dieser Episode erwähnte Arborius ins Spiel - sich in jener Zeit ebenfalls in Trier aufgehalten haben mochte (wie es ja zwei für Ausonius untypisch nachdenkliche Gedichte - der „gekreuzigte Cupido“ und das „Verlassen steh ich…“ suggerieren), voller Angst, Maximus könne ihn (und seine Familie) proscribieren.570 Die Erwähnung des Arborius an genau dieser Stelle verrät, dass Sulpicius bewusst war, dass sowohl Ausonius als auch dessen Neffe Riesenglück hatten, mit dem Leben davongekommen zu sein.571 Sonst hätte er den Begegnungen Martins mit Maximus kaum gleich zweimal Arborius-Szenen vorangestellt. Was den Gedanken einer relativ engen Vertrautheit mit dem Ausonius-Clans stützen mag. Dass im Fall Martins sogar Namen - Narses und Leucadius - genannt werden und dass sie den Rang von comes hatten, also den von Herzögen oder Ministern, verrät beträchtliches insider-Wissen sowohl in der damaligen (nun 20 Jahre zurückliegenden) Herrscherhierarchie als auch aus der Privatsphäre des Bischofs. Wobei - wenn wir weiter außer Acht lassen, dass er mit der vorherigen Kaiserfamilie verwandt gewesen sein könnte - die Frage bleibt, warum Martin, der sich sonst nur unter schmuddligen Mönchen wohl zu fühlen schien, ausgerechnet für solche Gestalten intervenierte. Waren es „alte Kameraden“, gute Offiziers-Freunde aus der Militärzeit? Sein Verhalten nährt jedenfalls den Gedanken, dass es so war, und dass jener hypothetische Generals-Martin seinen „Sohn“ Sulpicius vertraulich (deshalb weiter das „was ich jetzt nicht weiter ausführen kann“) davon wissen ließ. Sodass dieser, nach Martins Tod (noch immer leicht vernebelnd) die 570 In unserem Kolportage-Szenario wurde die Heirat des Sulpicius mit Bissula-Bassulas Tochter daher genau zu diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort - erat iste locus! - angesiedelt 571 Insbesondere wenn der Schwiegervater von Ausonius Tochter, wenn Severus Censor Gratians Onkel gewesen sein sollte

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Wahrheit berichten konnte, die „Martin wegen der damaligen traurigen Zustände immer verheimlichte, aber vor uns nicht verbergen konnte.“ Was genau hatte er da eigentlich verheimlicht? Verheimlichte er bloß, dass er, weil ihm die Parteienstruktur nicht ganz klar war, das Abendmahl mit der falschen Partei eingenommen hatte? Der Grund, etwas zu verbergen, wird schon etwas stärker gewesen sein. Und eine äußerst weltliche, vielleicht mehr noch verbergende Generals-Vergangenheit - mit eventuell sogar verwandtschaftlicher Verquickung zur vorherigen Kaiserfamilie - wäre nicht der schlechteste Kandidat. Alles was ansonsten - und es wurde im Lauf der Jahrhunderte eine beachtliche Menge - über sein Verhältnis zu den Priscillianern gesagt wird, ist - außer dass Martin bei der Synode von Bordeaux anwesend war, was Sulpicius entging! - dagegen mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich auf Sulpicius eigenem Mist gewachsen. Wobei dieser in diesem Falle nicht mehr ein Paulus war, der Christus interpretierte, sondern eher ein Platon, der sich einen Sokrates zurechtschrieb. Aber der eigene Bauchnabel ist einem nun mal näher als der Nabel der Welt. Und wenn diese Weisheit sogar heute noch eine gewisse Gültigkeit beanspruchen darf, so galt es fürs Jahr 405 um vieles mehr. *** Sulpicius hat also die Geschichte vermutlich verfälscht und seinen „Vater“ schamlos für eigene Zwecke benutzt. Ganz wie die Frankenkönige sich später das Mäntelchen Martins umhängten, um einen Altruismus zu demonstrieren, den ihre rohen Charaktere nie zu erfüllen gedachten. Oder wie die Kirche im Mittelalter genau diesen Mantel dann schamlos im Dreck vor ihren prachtvollen Kirchen ausbreitete, ohne sich wirklich um die Armen zu scheren, unterdes sie Unsummen in immer maßlosere Kirchenbauten, in immer schöneres, glänzenderes Bildwerk steckten. Weshalb Luther und die Hugenotten genau jenes gleißnerische Bildwerk dann übertünchten oder verbrannten, wobei sie die Statuen mit ihren Thesenhämmern verstümmelten und die maîtres der französischen (und dann auch die der russischen) Revolution die Opiumhöllen der Kirchenhallen in Pferdeställe verwandelten. Aus, wenn man so will, nur allzu begründetem Grund.

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Gewiss, gewiss, gewiss. Aber im Grunde hat mans doch vorher gewusst. Wie sonst sollte es gewesen sein. Statt jedoch über Sulpicius nun auf treudeutsche (oder gar klassisch-marxistsiche) Art die Nase zu rümpfen und ihn als prae-fiesen Heuchler zu bezeichnen, der mit dem Andenken des Vaters (und dem Schicksal der Armen) Schindluder trieb, was nunmehr bewiesen ist, schlage ich vor - er war schließlich Franzose - das Ganze lieber mit französischer Eleganz zu betrachten. Die ihn kurzum zum Heiligen erklärte. Dementsprechend würde ein Franzose heute vielleicht (zu später Stunde und selbstverständlich vertraulich) sagen dürfen, dass Sulpicius in jenem Schlussakt zu Trier den Vater umgebracht und endlich inkorporiert habe, um sich aus dessen übermächtigen Schatten zu befreien, was Kafka zum Beispiel nie gelang. Sodass er nun sein Leben endlich selbstbestimmt führen konnte, und nicht mehr auf eine Bassula angewiesen war, um sich - „excusez-moi, Monsieur“ - dafür zu rächen, dass sich die Mutter (la salope) von diesem Vaterschwein hatte misshandeln lassen, bloß wohl sie einen kleinen Sulpi wollte. Sondern dass es unserem Helden stattdessen gelang, die unschöne Wahrheit über den Vater zu sagen und ihn zugleich für sich zu benutzen. Das ist ein Verhalten, das man, in unseren Breiten (außer vielleicht in Deutschland) erwachsen nennen darf. Und ganz nebenbei gelang ihm mit Hilfe seiner „Wunderlogik“ eine so tiefgründige, feinsinnig zarte Darstellung einer gewissen Kindheitserfahrung, dass man sich vor dem Konstrukt nur verbeugen kann. Zu dem die Logik Kants, Voltaires (oder gar Newtons) nicht einmal im Ansatz (oder Traum) fähig war. Zumal die Terminologie jenes Wunder-Konstrukts - Kaiserin, Usurpator und, last not least, ein ziemlich Heiliger Sulpi, dem die Zukunft gehört - sonderbar überzeugend wirkt. Und, wenn man so will, in manchem sogar präziser, als die vielleicht zu tief in die Wunde drängende Formel Freuds. Doch genug damit. Der Mann verdient unser aller Respekt. *** Bleibt noch die Kriegsbeute einzusammeln und vom Rest zu berichten: zunächst, rasch noch in einen Sack gepackt, eine Serie minderer Wunder572 572

Ein Besessener der geheilt wird, bevor er Martin überhaupt zu Gesicht kam; ein Ägypter

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und schließlich der bereits besprochene Ärger mit Brictius!573 samt dessen Vorwurf, Martin sei „durch sein Soldatenleben befleckt und bei seinem törichten Aberglauben und eingebildeten Gesichten in lächerlichem Firlefanz alt geworden“; mit Martins quijotesker Replik: „Wenn Christus den Judas geduldig ertragen hat, warum soll ich Brictius nicht ebenso ertragen?“ - Worauf Postumianus rasch bestätigt, dass Brictius - den wir uns als Vertreter der Mehrheitsmeinung in der gallischen Bischofsschaft vorstellen müssen, die das Mönchswesen vorerst nicht weiter ermutigen wollte - zwar ein ehrenwerter, sogar ein kluger Mann sei, der sich, interessantes Kompliment: „nicht um die Gegenwart, nicht um die Zukunft schert“, aber seit 3 Jahren574 sei er in unerklärbarer Streitsucht befangen und „weder Zeit noch Vernunft“ brächten ihn zur Ruhe.575 Und dann geht die Sonne unter, die Dämmerung bricht an. Und Postumianus wird verabschiedet, um das, was er hier an Schönem vernahm, „dem Orient zu überbringen“. Wobei er beim Heiligen Paulinus in Campanien Halt machen soll, um ihm „das Büchlein mit dem Bericht über unser gestriges und heutiges Zusammensein vorzulesen“, denn er habe ja „auch unser erstes Büchlein nicht nur in Italien, sondern auch in Illyrien verbreitet“.576 Haha, in Illyrien, wo auch der große Maximus seine Eroberung der Welt fortsetzen wollte, aber, 3 Jahre nach Trier, und wies so kommt grad als er (gleich Julian bei Martins Protest in Worms) seinen Truppen Geld austeilen wird in einem Sturm auf hoher See gerettet, weil er Martins Namen anrief; er beendet eine Seuche und setzt seinem Lohn für den Loskauf von Gefangenen ein und nicht für die Ausstattung des Klosters; und dann, ein wenig bizarr, lässt er einen Mönch, der mit gespreizten Beinen vor einem Feuer sitzt, sich plötzlich angesprochen fühlen und sofort die Blöße zwischen den Beinen bedecken - (III, 14) 573 III, 15 574 Damit wird das Jahr 402 zum Zeitpunkt des offenen Konflikts mit Brictius erklärt. Sodass man annehmen kann, dass Sulpicius dem neuen Bischof von Tours in jenem Jahr (also kurz vor der Fertigstellung seiner "Kirchengeschichte") mit einem Tours Zukunft betreffenden Plan kam, der offene Feindschaft auslöste. Weiter lässt sich wohl daraus schließen, dass Primuliacum erst danach energisch in Angriff genommen wurde. Und dass diese Notlösung 405 an einem kritischen Punkt anlangte. Dessen Überwindung die finanziellen (und ideellen) Mittel von Bassula, Sulpicius und ihrer spärlichen Gönner - angesichts einer ihrem Anliegen feindlich gesonnenen Bischofsschaft - zu überfordern drohte. Ein solches Szenario würde die hier einbrechenden Ressentiments jedenfalls halbwegs erklären. Wobei zu vermuten ist, dass die offenbar recht cholerischen Charaktere der darin Verstrickten massive Beiträge leisteten. 575 III, 16 576 III, 17

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wollte, so schwer eins auf die Mütze bekam, dass man ihn - „non erat iste locus“ - in Aquileia einfach abmurksen konnte.577 Und wo (jetzt, 405) die Westgoten Alarichs, nachdem sie den nahen Balkan gründlichst durchplündert hatten, darauf lauerten, auf Rom loszugehen. Was sie, nach der Ermordung Stilichos, im September 408 dann auch versuchten, bis es ihnen am 24. August 410 mit Bravour schließlich gelang. Indes wurde in Primuliacum noch eines (wohl abtrünnigen) Kameraden namens Pomponius gedacht, der an der Küste Palästinas sein einsames Grab gefunden hatte. Was, ha, ihm nicht passiert wäre, wenn er Sulpicius gehorsam gewesen wäre (und nicht jenem, den Sulpicius nicht nennen wolle), denn dann hätte er nicht auf dem Meer Schiffbruch erlitten, um sich grad noch tot an die Küste zu retten. Wobei Postumianus das Grab - Sulpicius hatte wirklich saftig-rohen Humor - trotzdem aufsuchen solle, um etliche süße „Tränen auf ihm zu vergießen“ und „den Boden mit Purpurblumen und wohlduftenden Kräutern“ zu bestreuen, auch wenn dies eitel578 sei. Um dann - offenbar konnte Sulpicius nicht anders, als mit einer düsteren Note zu schließen, noch die Bitte anzufügen, dass „alle, die mir Schaden zufügen wollten … wenigstens jetzt, da ihr Rachedurst gestillt ist, ihr Wüten gegen mich einstellen.“ Und: „Während ich so mit schluchzender Stimme seufzte, füllten sich … von meinem Schluchzen … die Augen aller mit Tränen; wonach wir, das Herz voller Bewunderung für Martin, dann auseinander gingen; aber auch mit bitterem Schmerz, wegen 577 Zosimos IV: "Theodosius … attacked … His army pursued //Maximus' troups// with the utmost speed, and forced their way through the gates of Aquileia, the guards being too few to resist them.

Maximus was torn from his imperial throne while in the act of distributing money to his soldiers, and being stripped of his imperial robes, was brought to Theodosius, who … delivered him to the common executioner to receive due punishment. Such was the end of Maximus and of his usurpation." - Insofern lässt sich vertreten, dass Sulpicius Ausmalung der Revolte Martins (vielleicht durch den Ausonius-Clan vermittelt) auch vom Ende des Maximus beeinflußt gewesen sein könnte. Bei diesem hatte sich ja gezeigt, was ein "Generals-Martin" mit etwas mehr Energie hätte bewerkstelligen können. Was der Kaiserinnenszene (II, 6) ein noch opportunistischeres Profil verliehe.

578 "Licet inani munere", Vergil, Aen. VI, 885. Nach "graminibus" hat die Handschrift von Dublin noch folgenden Satz, der in den andern Handschriften fehlt: "simul ignosce decepto et misserere fugitivo; placitum [placidum] illi esse dominum et indulgens tantis obnoxio erroribus precare iudicium."

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all der vergossenen Tränen“.

Das waren seine letzten Worte… *** Offenkundig ein Mann, dem sein Werk um die Ohren zu krachen begann. Er hatte sich viel Mühe gegeben, stand nun aber direkt vorm Scheitern. Aber das standen derzeit fast alle, freilich ohne es zu wissen. Und es ist noch sehr die Frage, was besser ist: Blind in sein Verderben zu rennen oder mit offenen Augen. Oder, angewandt auf unser aller finale KrankenhausExistenz: was ist besser, ein schneller Tod oder ein langsamer? Keine ganz leichte Frage. Die wohl auch Sulpicius nicht beantworten konnte. Doch in seiner Paranoia hat er sich - wie ein Jahrtausend später der Don Quijote des Cervantes (dessen Atem man im „bitteren Schmerz“ dieser Dialoge bereits spürt) - offenbar in eine Phantasiewelt hineingesteigert, in der er mit seiner Verehrung für Martin identisch wurde. Das soll man ihm erstmal nachmachen. Zumal es ihm, nun ja, ein wenig die Augen öffnete... - 19 Von der Heiligen Trinität Oder wars doch alles ganz anders? Wurde der reale Martin doch, wie es vor unserem Ausflug in die verästelte Psyche des Sulpicius ja am Wahrscheinlichsten schien, 336 geboren? Und war Sulpicius trotzdem der Sohn (oder Neffe) jenes Generals Severus? Dem der Vater (oder Onkel) manches zu wissen gab, was Sulpicius (inclusive seiner sonderbaren Verwandtschaften) dann in die Vita des realen Martin einpasste? Wer will es wissen. Es verhält sich wie bei jenem in Germersheim mit einer Weihinschrift aufgefundenen Stein580: „Der Göttin Maia hat der Straßenpolizist Gaius Arrius Patruitus diesen Tempel ganz neu errichten lassen. Sein Gelübde hat er gern, freudig und nach Gebühr erfüllt.“ Bei welchem gleichfalls nicht mehr klärbar ist, inwiefern das angesprochene Heiligtum sich im 579 580

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III, 18 vergleiche Fußnote Nr. 282 in Anhang 3, 6

Fundortsbereich erhob oder ob der Stein dort als Baumaterial neu verwandt wurde. Auch Sulpicius war so ein Patruitus, der einen Tempel errichtete, aber wir wissen nicht, welches Baumaterial er benutzte. Und ob er (oder seine tratschsüchtige Schwiegermutter) darin zuvor beschriftete Bausteine neu verwandte. Wie bei jenem von einem Straßenpolizisten hinterlassenen Stein ist es nicht mehr richtig herauszufinden.581 Natürlich eröffnet sich, ist man erst mal so tief in die Materie gesunken, noch etliches mehr an Möglichkeit. Hatte der Vater (oder Onkel) tatsächlich ebenfalls ein Amiens Erlebnis? Und fand es wie in der Vita beschrieben zwei Jahre vor dem „Wunder“ bei Kaiser Julian statt? Wobei zu bedenken ist, dass jener Severus erst von Constantius zu Julian gesandt wurde und bereits einen hohen militärischen Rang innehatte. War er zuvor in anderer Mission in Amiens? Mit jenem negativen Paulus, den man „die Kette“ nannte? Hat er sich da für höhere Aufgaben qualifiziert? Ging ihm erst da ein gewisses Licht auf ? Ach, viele neue Fragen582, ich mag sie nicht mehr beantworten. Stattdessen ziehe ich mich jetzt lieber auf das lässige „nous laissons les détails au lecteur“ zurück - das Herausarbeiten der Details überlassen wir dem Leser -, das so gern in der bewundernswerten Kollektivanstrengung des N. BourbakiKollektivs erscheint, das in den fünfziger Jahren (des letzten Jahrhunderts) eine auf der Mengenlehre basierende, von Anwendungen ganz losgelöste axiomatische Mathematik (die „Éléments du mathématique“) zu formulieren suchte. Ja das überlassen wir nun dem mathematischen Verstand heutiger Leser, von dem wir hoffen, dass er dem des Rechenlehrers Lupulius Lupercus we583 nigstens gleichwertig ist, dessen (von, wies so kommt, einer Mutter ge581 Außer einigen Kleinigkeiten, wie winzigen Sallustzitaten ("igitur") und den (abgesehen vom "Evangelii non surdus auditor" in Vita M. 2) nur in indirekter Rede gehaltenen Beiträgen des Paulinus 582 Es ließe sich sogar denken, dass Sulpicius, als er das vom Vater-Onkel Gesagte zu erinnern suchte, aus dem dahingemurmelten Namen des Geschichtsautors, der den historischen Rahmen beschrieb, also dem "Ammians", bloß auf Grund eines Missverständnisses dann das im Text auftauchende "Ambianensium civitas" gemacht hatte, den Ort also der Mantelbegebenheit. Das heutige Amiens wird in der antiken Literatur übrigens oft auch Samarobriva (lat.: Brücke über die Somme) genannt. 583 Wobei man denken könnte, dass sich der Aufstieg des Christentums in absonderlicher Weise mit dem Entdecken der Bedeutung der Mutterrolle verband, was ja nicht zuletzt auch beim Heiligen Augustinus offenkundig zum Ausdruck kommt. Wobei wirklich erstaunt, dass derlei bis dahin nur in Bühnen-Mythen abgehandelt wurde, und man es nie aufs Intime oder Private bezog.

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setzten) Grabstein man in Worms-Neuhausen fand, in etwa also an dem Ort von Martins Revolte: “Lupuli Luperco doctori artis calculaturae Novionia Motuca mater per Lupulium Lupianum filium f.” *** und vielleicht ist es gar nicht so wichtig zwischen Vater und Sohn und zusätzlich womöglich einem dritten, einem richtig realen Martin (als spirituell anwesender Extra-Ingredienz), zu unterscheiden. Vielleicht formen die drei wirklich eine unzertrennbare Einheit, also eine von Vater, Sohn und des Heiligen Martins Geist. Insofern mag auch hier die Sancta Trinitas wieder vor unseren blutigen Augen stehen, ohne dass wir sie lange erkannten. *** Wie dem auch sei. Sulpicius Severus gelang in seiner Vita jedenfalls eine auch Laien verständliche so klare und graphische Darstellung des Christentums, dass sie bis zum heutigen Tag eine gewisse Gültigkeit beanspruchen darf. Das Bild vom geteilten Mantel kann nach wie vor als eine Essenz des Christlichen gelten, eine, die ohne viel Worte auskommt und sich bereits als Bild versteht. Und das Bild vom verweigerten Waffendienst ist nicht minder kräftig. Sogar die politisch-moralische Substanz eines Genies wie Pasolini584 lässt sich auf diese beiden Imagines reduzieren. Insofern hat Sulpicius Leistung die Theologie jener Zeit überdauert (wenngleich sie, natürlich, der gigantischen Familien-Geschichte der Confessiones nicht den ersten Rang streitig zu machen versteht).  Er hat zwei „Bilder“ geschaffen, nicht bloß Sprache, und damit verkündet, worin die Essenz des christlichen Jahrtausends bestehen sollte. Und dies hat er selbst offenbar vollkommen begriffen: (Vita 26): all dies könnte nichtmal Homer schildern, wenn er, wie man sagt, von

den Toten erstünde: denn so groß ist alles an Martin, dass es sich nicht in Worte fassen lässt. Keine Stunde, kein Augenblick verging, an dem er nicht betete oder las. Doch

Erst das Christentum gönnte den Gefühlen der trauernden Novionia Motuca einen öffentlichen, einen zeitüberdauernden Ort. 584 Oder, gallisch-verdürrt, die eines Jean-Paul Sartre

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selbst wenn er mit Lesen beschäftigt war oder einer sonstigen Tätigkeit nachging, löste sich sein Geist nie vom Gebet. Wie ein Schmied bei der Arbeit den Hammer scheinbar mühelos immer wieder auf den Amboß schlägt, so betete Martin ohne 585 Unterlass, auch wenn er scheinbar was anderes tat.

Es sind Bilder, die aus der Substanz permanenter Gebete gemeißelt wurden, die es banalem, von Farbpigment strukturierten Bildoberflächen ermöglichten, eine Reinheit zu erlangen, von der wir jetzt denken, dass sie dem Wort überlegen ist. *** Ja Sulpicius hat für uns Bilder gemeißelt, aber, obwohl er zum Heiligen wurde, hat man seiner Person selber keinen Bildzyklus spendiert. Er blieb ein Heiliger des Wortes. Wie es auch von Augustinus keine überzeugenden Bildzyklen gibt. Anders dagegen im Falle des Heiligen Martin, dessen Zyklus aus 31 Stationen besteht, von denen etliche vielerorts noch zu 586 besichtigen sind. Der spektakulärste gewiss in Assisi, in der Grabkirche des Heiligen Franziskus. In der dortigen Unterkirche in einer Seitenkapelle,

585 (3) non si ipse, ut aiunt, ab inferis Homerus emergeret, posset exponere: adeo omnia, maiora in Martino sunt, quam ut verbis concipi queant. numquam hora ulla momentumque praeteriit, quo non aut orationi incumberet aut insisteret lectioni, quamquam etiam inter legendum aut si quid aliud forte agebat, numquam animum ab oratione laxabat. (4) nimirum ut fabris ferrariis moris est, qui inter operandum pro quodam laboris levamine incudem suam feriunt, ita Martinus etiam, dum aliud agere videretur, semper orabat. 586 Die meist in anderer Reihenfolge (nie komplett) dargestellten Szenen des (weitgehend

auf der "legenda aurea" basierenden) Zyklus sind: 1. M. wird vom Kaiser dienstverpflichtet; 2. Mantelteilung mit zuweilen 2b. Traumvision; 3. M. lässt sich durch Kaiser Julian vom Militärdienst suspendieren (kämpft mit dem Kruzifix?); 4. Taufe; 5. M.s Weihe zum Diakon (bzw. Exorzisten) durch Hilarius; 6. M. bekehrt einen Räuber, der ihn überfiel; 7. M. bezwingt den Teufel; 8. M. überwindet auf Gallimara eine Vergiftung durch Nieswurz; 9. Martin erweckt in Poitiers einen erhängten Sklaven; 10. Klostergründung; 11. M. erweckt einen Toten; 12. M. heilt einen Besessenen; 13. Bischofsweihe in Tours; 14. M. entdeckt, dass fälschlicherweise ein Räuber an einer Grabstelle verehrt wird; 15. M. erweckt ein Kind; 16. M. bei Kaiser Valentinian; 17. M. lässt einen Götzenbaum fällen; 18. M. heilt einen Gelähmten; 19. M. küßt einen Leprakranken; 20. die Madonna erscheint M. mit der hl. Thekla und Agnes (zuweilen +Petrus +Paulus); 21. M. zu Tisch bei Kaiser Maximus; 22. M.s Messe; 23. M. treibt einer Kuh den Teufel aus; 24. M. ordiniert den hl. Florentinius; 25. Martin mit seinem Nachfolger Brictius; 26. Voraussage des Todes; 27. Tod und Begräbnis; 28. Reliquienstreit zwischen Tours und Poitiers; 29. Verschiffung der Reliquien nach Tours; 30. Ambrosius Traum vom Tod des M.; 31. Erhebung der Reliquien -- die Mantelszene ist stets das Schlüsselbild, an das die anderen angegliedert sind.

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gemalt von Simone Martini.587 Ich erinnere mich nun - ah, süßes Gedächtnis - an eine Szene vor etlichen Jahren, als ich mal einen Tag in Assisi war. Gleich beim Eintritt in die Unterkirche verbot mir ein braunbekittelter Priester, die Videokamera zu benutzen, ich musste sie sogar einpacken, offenbar, weil man befürchtete, das Bildermachen könne die Heiligkeit des Ortes beeinträchtigen. Was mich richtig wütend machte, denn ich war einzig nach Assisi gefahren, um dort die dem Heiligen Franziskus gewidmeten Bildzyklen aufzunehmen, denn Bücher, worin sie komplett abgebildet waren, gab es damals nicht (oder ich wusste nicht, wo es sie gab). Niedergeschlagen schlich ich dann in etliche Winkel, wo ich (mit beträchtlicher krimineller Energie, einer Energie fraglos zum Bösen, denn ich kochte noch immer vor Wut) überlegte, ob und wie weit ich riskieren könnte, einiges heimlich aufzunehmen. In einer Seitenkapelle, die jener Priesterpolizist nicht einsehen konnte, wollte ich es dann mit einer Plastiktüte probieren, in die ich ein Loch schnitt, und war schon dabei, mit äußerst schlechtem Gewissen die Kamera rauszuholen, da entdeckte ich unweit von mir, neben mir sitzend, einen schlankeleganten 50-Jährigen, ein bisschen sah er aus wie Chris Marker588, der, die Kamera halb von seinem Mantel verborgen, heimlich den Freskenzyklus an der gegenüberliegenden Wand aufnahm. Wie ich entdeckte, weil er kurz mit einer Dame sprach, deren apart-moderne Gestalt ihn zusätzlich vor Blicken schützte: ein Franzose. Wobei mir vollkommen unverständlich blieb, wieso er ausgerechnet hier so viel Mühe verwandte, bei Szenen, deren Inhalt ich nicht verstand, wo doch oben Cimabue und Giotto (die mich hergelockt hatten, weit mehr als der Heilige Franziskus) darauf warteten, in dieser zur Kathedrale gewordenen, ja: wirklich Wiege der europäischen Bildkultur - abgefilmt zu werden. Ja, damals war ich geblendet von Cimabue und seinem Verhältnis zu Giotto, dessen süßes, in die Zukunft der Malerei (und bis zu den Sternen) uns führendes Bürokratenhirn ich zwar bewunderte, aber bei dem ich doch den verrückten Ausdruck vermisste, der Cimabue in manchen Bildern bereits zu eigen ist. An Simone Martini, dessen Martins-Zyklus

587

Der Martins-Zyklus von Simone Martini in Assisi (Anfang 14. Jh.) besteht aus: Szene 1, 2, 2b, 3, 15, 16 (also dem ausführlich besprochenen Besuch bei Valentinian), 22, 27, 30 (dem in Fußnote Nr. 429 diskutierten Traum des Ambrosius), sowie 31 588 Den ich aber erst später mal kennenlernen sollte, sodass ich nicht weiß, ob ers war

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jener Franzose abfilmte589, erkannte ich nur den süßen Ausdruck der Frauengesichter … die waren z.T., vor allem aber dann in einer weiteren Bildserie, die sich an der Seitenwand eines anderen Teils jener düster geduckten Unterkirche befand, der irgendwelchen Anjou-Königen und ihren Gattinnen gewidmet war, welche die Ausstattung finanzierten (vermutlich weitere Champions der Armenpflege), allerdings wirklich süß590 ... ja, süßer als alles sonst in Assisi … aber jenen Franzosen (der in äußerster Neugierde hier offenbar seinem Nationalheiligen begegnete, wenn man so will, sogar der Wurzel seines Ichs), den verstand ich nicht. Ich hielt ihn für einen verbo­hr­ ten schöngeistigen Spinner, der nicht wusste, was gut war. Heute versteh ich ihn… ***

589 Interessant, sich zu überlegen, wie die Geschichte Priscillas in so einem mittelalterlichen (per legenda aurea verklärten) Bildzyklus aussehen würde, wenn ihr Verhalten leicht sich verschöbe … --- Szene 1: Die junge Priscilla wird von ihren Eltern nach Lyon geschickt; 2. Ein Lyoner Tuchhändler bringt P. das Lesen und Schreiben bei; 3. P. gerät in Streit mit ihrem carthagischen Verwalter; 4. P. und die hl. Serena in deren Rosengarten; bzw. 4b. P. und die hl. Serena im Circus von Trier, wo sie sich der Verbrecher erbarmen, die von Bären zerrissen werden; 5. P. begegnet in Neumagen dem hl. Holzhändler, der sie vor den Alamannen rettet; 6. ein alamannischer Prinz gibt P. ein Pferd, damit sie nach Mailand reiten kann; 7. P. mit ihrem Gatten bei Kaiser Constantius; 8. P. pflegt ihren Gatten in Rimini; 9. P. wird vom Bischof von Clermont getauft; 10. P. treibt verwirrten Priscillianern den Teufel aus; 11. P. bekehrt den Heiden Ausonius in Bazas --- hm, klingt gar nicht so schlecht ... tun wirs doch -- doch welche Arbeit, alles jetzt nochmal umzuschreiben… 590 Elisabeth, Margarete, und - fast am schönsten, der androgyne - Heinrich von Ungarn… wobei die Platzierung der Martins-Kapelle im Fundament gewiss ausdrücken wollte, wie klar die Kirche begriff, dass Martin dem Franziskanismus ein festes Fundament bereitete.

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VI. Justina in Mailand

(Aufstieg und Fall des Ausonius) -1Abstammung Justina - in Anbetracht der verschiedenen Quellen - wohl etwa 338 geboren. Mit einem Vater Justus, Konsul 328, der meinte, seine Gattin entstamme der Konstantinischen Familie. Wobei dieser Vater 1.) entweder eine Tochter von Caesar Crispus

591

gehei-

591 Crispus (geb. 305 oder 307), ältester Sohn Konstantins d. Gr., Caesar 317–326. Als er 320

die Franken schlug, angeblich noch ein Knabe (Nazar. paneg. X 36 pueriles annos), d. h. noch nicht 14 Jahre alt, aber schon Ende 322 wurde sein erstes Kind geboren (Cod. Theod. IX 38, 1). Danach muss er selber 307 geboren sein, unmittelbar vor der Hochzeit seines Vaters mit Fausta, vielleicht etwas danach. Die Mutter hieß Minervina, eine Konkubine Constantins (Zosim. II 20, 2. Vict. epit. 41, 4. Zonar. XIII 2 p. 5 D; Panegyrici Latini 6 (7), 4. 1 deutet sogar eine erste Ehe Konstantins an). Seit 317 Caesar, Konsul 318, 321 und 324. Als Knabe nach Gallien geschickt, um der Verwaltung zu präsidieren, wurde er dort vom bereits greisen Lactantius unterrichtet (Hieron. vir. ill. 80; chron. 2333). Seine Gattin Helena gebar 322 ein erstes Kind, weswegen Konstantin im Herbst eine Amnestie erließ (Cod. Theod. IX 38, 1). Laut Eusebius ein Sohn, auf den der Großvater stolz war. Im Kriege gegen Licinius (324) befehligte Crispus eine Flotte. Nach dem Konzil von Nicaea nach Gallien zurückgeschickt, wurde er 326 (Mommsen, Chron. min. I 232. Sozom. I 5. Hieron. chron. 2341; vir. ill. 80) unterwegs in Pola (Ammian XIV 11, 20) durch Gift getötet (Apoll. Sid. epist. V 8, 2; daraus Greg. Tur. hist. Fr. I 36). - Der genaue Todesgrund blieb wohl schon den Zeitgenossen verborgen, da man Ursache hatte, ihn zu kaschieren (Vict. Caes. 41, 11); er wird mit der Ermordung von Constantins Gattin Fausta, die wenige Monate später erfolgte, in Zusammenhang gebracht (Eutrop. X 6, 3. Apoll. Sid. epist. V 8, 2). Es wird überliefert, sie sei in Crispus verliebt gewesen und habe ihn, als sie zurückgewiesen wurde, beim Vater verleumdet, wobei sie angab, er hätte versucht, ihr Gewalt anzutun. Dies habe Konstantin veranlasst, den Sohn zu töten; Konstantins Mutter Helena habe den Betrug jedoch aufgedeckt, was dazu führte, dass der Kaiser Fausta im überheizten Bad ersticken ließ (Vict. epit. 41, 11. 12 Zonar. XIII 2 p. 6 A. Zosim. II 29, 2. Sozom. I 5). Nach einer unkonkreter argumentierenderen Quelle (Philost. III 4) hatte sie ihren Halbsohn verleumdet und wurde dafür bestraft, in einer dritten Version wurde sie bei einem Ehebruch mit einem Cursor ertappt ( Joh. Chrysost. epist. ad Philipp IV 15, 5). Dass die Tragödie mit einer Liebesgeschichte zusammenhing, mag zusätzlich aus einem Gesetz vom 14. Juni 326 (also unmittelbar nach dem Tod Faustas) hervorgehen, welches Ehemännern das Zusammenleben mit Konkubinen untersagt (Cod. Iust. V 26). Da er selber eine Konkubine gehabt hat, könnte man darin Reue darüber erkennen, dass womöglich erst sein eigenes Fehlverhalten seine Frau in die Sünde getrieben habe. Dass Crispus bloß einer Verleumdung zum Opfer fiel, wird durch den Tatbestand unwahrscheinlich, dass sein Name auf Inschriften zwar oft ausradiert (CIL II 4107. III 7172. V 8021. 8030. IX 6386 a. Dessau 708. 710), aber nirgends wiederhergestellt wurde. Der Vater scheint sich also nicht von seiner Unschuld überzeugt und sein Andenken wieder zu Ehren gebracht zu haben.

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ratet hatte. Oder 2.) eine Tante der als Caesarenmutter bekannten Galla und von Naeratius Cerealis, dem Konsul von 358.592 Denn der Name von Justinas Brüdern, Constantianus und Cerealis, sowie der ihrer späteren Tochter Galla, war üblich bei den Naeratiern. Justus könnte also angeheirateter Onkel der Galla gewesen sein, der ersten Frau des Julius Constantius und Mutter von Gallus Caesar: Großvater Gallas Constantius Chlorus (Vater Konstantins d. Gr.) (Basilina + Julius Constantius + Galla) (Halbbr. Konstantins) Julian

(332-363)

Gallus Caeasar (326-354)

Vater Gallas

(Tante Gallas + Justus)

Vulcatius Rufinus

Naeratius Cerealis

(Tochter + Constantius II) (gest. vor 352) (317-361)

Naeratius Scopio



Constantianus

Justina



Cerealis

Abb. 1 - Der Stammbaum der Naeratier

Oder er hat eine unbekannt gebliebene Schwester jener Galla geheiratet.593 592

Der, ein mütterlicher Onkel von Gallus, über Julius Constantius, einem Halbbruder Constantins d. Gr. (Athan. apol. c. Ar. 75) mit der Familie Konstantins zusammenhängt. Durch die Ränke seiner Stiefmutter Helena wurde Julius Constantius dem Hofe Konstantins ferngehalten (Liban. or. I 434) und musste mit seinen Brüdern in Tolosa wohnen (Auson. profess. 17, 11); um 325 auf einem etrurischen Landgut (Ammian XIV 11, 27), um endlich nach Konstantinopel berufen zu werden (Liban. or. I 434), wo er mit Konstantin d. Gr. in Eintracht lebte (Liban. or. I 524) und das Patriziat und das Konsulat erhielt. In erster Ehe vermählt mit Galla, der Schwester des Vulcatius Rufinus und des Naeratius Cerealis, die ihm zwei Söhne gebar, wovon der jüngere der spätere Caesar Gallus war (Ammian XIV 11, 7; Iulian. epist. ad Athen. 270 D; Philost. III 25; Liban. or. I 527, 530), sowie eine Tochter, die 325 seinem Neffen Constantius II angetraut wurde (Euseb. vit. Const. IV 49; Iulian. epist. ad Athen. 272 D; Athan. hist. Ar. ad. mon. 69). In Konstantinopel zweite Ehe mit Basilina, Tochter des Caeionius Iulianus Camenius, praefectus praetorio und Konsul 325, die seinen dritten Sohn, den späteren Kaiser Julian, gebar. Der Militäraufstand nach dem Tode Konstantins d. Gr. (337) brachte ihm und seinem ältesten Sohne den Tod. (Iulian. epist. ad Athen. 270 C, D, 281 B; Liban. or. I 524, 532; Zosim. II 40, 2; Ammian XXI 16, 8; Athan. hist. Ar. ad mon. 69: Greg. Naz. or. 21, 26 = Migne G. 25, 776. 35, 1112). Sein Vermögen wurde von Constantius II. confisciert (Iulian epist. ad Athen. 273 B). Der Name der drei Geschwister bei Ammian 14, 11. 27: Gallus "being the son of Constantius, 593 the brother of the emperor Constantine, and Galla, the sister of Rufinus and Cerealis, who were distinguished

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In den beiden letzten Fallen wäre Justina nicht nur keine direkte Ur-Enkelin Konstantins, sie hätte auch keinerlei Konstantin-Gensubstanz. Aber eine Heirat in Kaisernähe, wie sie ihrer Kusine (oder Tante) Galla gelang, schien erreichbar. Und später heiratete ihre gleichnamige Tochter ja Theodosius. Und Justina selber gleich zwei Kaiser. Die Stelle bei Socrates ist sehr verschwommen.594 Wozu es bei direkter Crispus-Linie keinen Grund gäbe. Zumal Constantianus und Cerealis nie als Urenkel Konstantins des Großen gehandelt wurden. Daher die Verbindung des Vaters zu Konstantins Familie wohl höchstens über die lose angeheiratete Tante. Insofern war Justina eine Hochstaplerin, die der Vater über Wert an Magnentius verkaufte. Daher wohl sein Einverständnis. Was sie vielleicht wusste. Aber nicht jeden wissen ließ. Insofern wird sie kaum über die Naivität einer verwöhnten Prinzessin verfügt haben, die sich und ihre Unschuld als Nabel der Welt begreift. Sodass Zosimos Porträt von ihr als einer ehrgeizigen (wenn nötig skrupellos ihre Reize einsetzend) schönen Frau der Wirklichkeit näher kommen dürfte, als die naive Jungfrau, die uns Socrates vorstellt, damit Valentinian sie unberührt bekam. Was, sieht man davon ab, dass sie von Magnentius keine Kinder hatte, der einzige Grund ist, warum wir ihr Geburtsjahr auf 338 fixieren. Sie könnte gut ein paar Jahre älter sein. -2Magnentius 350-353 350 trat der Usurpator Magnentius auf und bemächtigte sich Galliens, wobei Constans umgebracht wurde. Ende 350 bot er Constantius trotzdem an, seine Familie mit ihm zu verschwägern, indem er Constantius seine Tochter zur Frau geben und im Gegenzug dessen Schwester Constantina ehelichen

by the vesture of consul and prefect." - In 21, 12. 24 taucht tatsächlich eine weitere Schwester mit einem Sohn namens Valerius Maximus auf, den Constantius zum praefectus urbi ernennt (siehe nächstes Kapitel); es müsste also eine weitere Schwester her, was das skizzierte Tantenmodell plausibler macht. 594 "Justus the father of Justina, who had been governor of Picenum under the reign of Constantius, had a dream in which he seemed to himself to bring forth the imperial purple out of his right side. When this dream had been told to many persons, it at length came to the knowledge of Constantius, who conjecturing it to be a presage that a descendant of Justus would become emperor, caused him to be assassinated." - Socrates E. H. 4, 31

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wollte.595 Constantius lehnte ab. Worauf Magnentius (die wohl 14- jährige) Justina heiratete. Obwohl ihr Cousin Naeratius Cerealis am 26. September 596 352, von Constantius nominiert, praefectus urbi von Rom wurde. 353 beging Magnentius (der von riesiger Statur gewesen sein soll597) in Lyon Selbstmord. Da war Justina 15. Und laut Socrates noch Jungfrau. Oder aber 18 und bereits etwas erfahren. Wobei Constantius sie im September 353 vermutlich nach Arles bestellte, als er die Mitkämpfer des Magnentius aburteilen ließ. Und auf der Synode von Arles den Arianismus durchsetzen wollte. Justina ließ er am Leben, schon weil unüblich war, die Frauen von Usurpatoren zu bestrafen. Valentinian mochte sie derzeit gesehen ha595

Constantina, geb. ca. 320; älteste Tochter Constantins d. Gr. (von Fausta). Constantia bei Ammian XIV 7, 4. Zosim. II 45, 1. Petr. Patric. frg. 16. Zonar. XIII 8 p. 16 B. Philostorg. III 22. 28. IV 1. Mommsen, Chron. min. I 237, Constantiana bei Anon. Val. 6, 35, Constantina bei Ammian 14, 11. 22; 21, 1. 5; Vict. epit. 42. Der ersten Form ist der Vorzug zu geben, da man älteste Kinder oft nach dem Großvater benannte. C. erhielt zu Lebzeiten ihres Vaters das Diadem und den Titel Augusta (Philostorg. III 22. 28); heiratete ihrem Vetter Hannibalianus (einen Neffen Konstantins), 337 ermordet (Ammian XIV 1, 2. Anon. Val. 6, 35. Philostorg. III 22). Nach der Usurpation des Magnentius veranlasste sie Vetranio am 1. März 350 zur Usurpation und wusste ihren Bruder Constantius zu bewegen, ihn anzuerkennen (Philostorg. a. O.; Mommsen a. O. Joh. Monach. pass. S. Artem. 11). Magnentius bewarb sich um ihre Hand, um Frieden zu schließen, während er selber Constantius seine Tochter zur Ehe anbot, was dieser abwies (Petr. Patric. frg. 16; Zon. 13,7.8.). Als Gallus 351 zum Caesar erhoben wurde, vermählte sie sich mit ihm (am 15. März 351) in Sirmium ( Joh. Monach. pass. S. Artem. 12. Zosim. II 45, 1. Zonar. XIII 8 p. 16 B. Vict. epit. 42, 1) und gebar ihm später eine Tochter (Iulian. epist. ad Athen. 272 D). In Antiochia soll sie die Hauptanstifterin seiner Mordtaten gewesen sein (Ammian XIV 1, 2. 3. 8. 7, 4. 9, 3. 11, 22. Philostorg. III 28. Zonar. XIII 9 p. 18 D. 19 A), wobei Ammian sie als Megaera quaedam mortalis (Ammian 14, 1), also blutdurstig, beschrieb. Da Constantius ihn zur Verantwortung nach Italien bestellte, reiste sie voran, um ihren kaiserlichen Bruder zu besänftigen, starb aber unterwegs 354 in Bithynien ( Joh. Monach. pass. S. Artem. 14. Ammian XIV 11, 6. Philostorg. IV 1. Zonar. XIII 9 p. 19 B; vgl. Itin. Ant. 141) und wurde in Rom an der Via Nomentana begraben (Ammian XXI 1, 5), jetzt Santa Constanza (als Mausoleum erbaut ca. 330) in Rom, wobei ihr Heiligen-Status damit zusammenhängt, dass sie in Rom den unmittelbar neben ihrem Mausoleum liegenden Vorgängerbau von Sant'Agnese fuori le mura bauen ließ und ein Kloster gründete. 596 In seiner Amtszeit ließ er ein Reiterstandbild für Constantius errichten, dessen Sockel noch auf dem Forum steht mit einer Inschrift: (G. Gatti, La Casa e le terme de Nerazzii, in Bolettino della Commissione archeologica communale di Roma 33 (1905) 294-299) Inschrift: RESTITVTORI VRBIS ROMAE ADQVE ORB[IS] ET EXTINCTORI PESTIFERAE TYRANNIDIS D(omino) N(ostro) FL(avio) IVL(io) CONSTANTIO VICTORI AC TRIVMFATORI 18 SEMPER AVGVSTO NERATIVS (sic) CERE[A]LIS V(ir) C(larissimus) PRAEFECTVS VRBI VICE SACRA IVDICANS D(evotus) N(umini) M(aiestati)QVE EIVS. Auch bei den Scholia ad Iuvenalem (X, 8, 24) wird er erwähnt. Von einem Sohn Naeratius Scopio findet sich eine Inschrift. 597 Aus einer Stelle der "Epitome de Caesaribus" ersichtlich, die sein Ende beschreibt: "Not much later, cornered near Lyon, he breathed his last in the forty-second month of imperium and in about the fiftieth year of his life, his side pierced with a sword secretly supplied, assisting the blow by pushing against a wall -- as he was of immense size -- , spewing blood from the wound, his nostrils, and mouth." (Vict. epit. 42. 6)

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ben. Ihren Vater ließ Constantius aber offenbar umbringen, weil dieser sich seiner Zugehörigkeit zur Konstantins-Familie gerühmt und in Justinas Ehe mit Magnentius eingewilligt hatte. Derzeit (zwischen 352 und 361, eher bereits 353) war der Vater (vielleicht von Magnentius ernannt) Präfekt in Picenum. Wo auch Pompeius einst herkam. Südlich Anconas an der Adria gelegen. 100 km südlich von Rimini. Ihr großes Vermögen, um das nach ihrem Tod gestritten wurde, wird sie aber erst durch die Ehe mit Valentinian (oder als Vormund ihres Sohns) erlangt haben. Wo blieb sie nach ihrer ersten Ehe, bevor sie also die Bekanntschaft Severas machte? Allein konnte sie als junge Frau kaum existieren. Insofern wird sie, hatte sie nicht wer zu seiner Luxus-Mätresse gemacht, bei Verwandten untergekrochen sein. In Frage kamen ihre Brüder Constantianus598 und Ce599 realis. Und vielleicht ihre römischen Cousins Naeratius Cerealis (Konsul 358, geboren vor 328600) und Vulcatius Rufinus (Konsul 348, Pontifex maximus 367, einer, der lang im Geschäft blieb). Galla war 332 bereits tot, sonst hätte Julius Constantius nicht erneut heiraten können. Außerdem schwirrte ein Neffe des Vulcatiuis Rufinus, ein gewisser Valerius Maximus in Rom herum: Ammian 21, 12. 24 : There it was that he //Constantius// found Symmachus and Maximus, two distinguished senators, who had been sent by the nobles as envoys to Constantius. On their return he received them with honour, and passing over the better man, in place of Tertullus made Maximus prefect of the eternal city, to please Rufinus Vulcatius, whose nephew he knew him to be (cuius sororis eum filium norat).

Als Neffe von Rufinus und Naeratius muss jener Valerius Maximus Sohn einer namenlosen Schwester der beiden gewesen sein. Vom Herbst 361 bis zum 28. 1. 362 war er Stadtpräfekt. Der erwähnte Symmachus601 wurde 598 Bruder Justinas und des Cerealis (Ammian 28, 2. 10). Bei Julians Perserfeldzug 363 als Tribunus einer der Führer der Euphratflotte (Amm. 23, 3. 9. Zosim. III 13, 3). Als Tribunus stabuli 369 von gallischen Räuberhaufen erschlagen (Ammian 28, 2.10) 599 Er könnte Nachfolger seines Bruders Constantianus als Stall-Tribun geworden sein: (Ammian 30, 5. 19) "And the guiltless young man would have suffered a cruel fate, had not Cerealis, the tribune in charge of the stable, at the risk of his own life postponed the terrible wrong." Später spielt er eine wichtige Rolle bei der Ernennung Valentinians II (s.u.) 600 Cod. Theod. XIV. 24. 1 bezieht sich auf ihn 601 L. Avianius Aurelius Symmachus, praefectus urbis Romae 365/366; princeps senatu 376;

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es ebenfalls, der Vater des berühmten Symmachus, dessen Anhängerkreis wir die Überlieferung eines Großteils der antiken Literatur verdanken. Der Sohn kämpfte später für die Aufstellung des Victoria-Altars im Senat, wobei sich Justina (als Vormund des jüngeren Valentinian) eine Weile auf seine Seite schlug. Jedenfalls ein Personenkreis, den um 360 starke Loyalität zu Constantius prägte. Daher vielleicht Justinas latenter Arianismus, der sich mit einer zu Toleranz neigenden Vertrautheit mit dem Heidentum verband. Allesamt residierend in Rom. Das nach Maßgabe von allem, was wir über sie wissen, in den nächsten Jahren - mit Einschlag zu halbheidnischer Frivolität - daher wohl zu ihrem Aufenthaltsort wurde, denn ihre Brüder waren beim Militär. Jener Konsul Naeratius - der Cousin also Justinas - hatte übrigens der Witwe Marcella einen Heiratsantrag gemacht, den sie ablehnte, weil sie lieber 602 mit Hieronymus korrespondierte. Die antike Welt war in vielem doch sehr zusammenhängend. -3Justina, Severa und Ausonius Ihre Annäherung an Severa wird erst erfolgt sein, als Valentinian bereits Kaiser war. Justinas Bruder Constantianus hatte als Tribun an Julians unglücklichen Orientfeldzug teilgenommen, bei dem Valentinian als Tribun mittat, den man, auf dem Rückweg nach Konstantinopel, 364 zum Augustus

consul designatus 377, im gleichen Jahre aber gestorben 602 Hieronymus spricht ein Lob des Cerealis in ep. 127. 2: Verwaist nach des Vaters Tode, wurde sie //Marcella// sieben Monate nach ihrer Verehelichung auch des Gatten beraubt. Cerealis, der sich als Konsul einen berühmten Namen gemacht hatte, warb wegen ihrer Jugend, ihrer Zugehörigkeit zu einer so alten Familie und, was Männern am meisten zu gefallen pflegt, wegen ihrer körperlichen Schönheit, auch wegen ihrer Sittsamkeit und Eingezogenheit, eifrig um ihre Hand. Weil er alt war, versprach er ihr seine Reichtümer, die er ihr nicht als Gemahlin, sondern gleichsam als seiner Tochter vermachen wollte. Obendrein wünschte auch ihre Mutter Albina einen so angesehenen Mann als Vorstand des verwitweten Hauses. Doch Marcella erwiderte: "Wenn ich heiraten wollte und nicht den Wunsch hätte, mich ständiger Keuschheit zu weihen, dann würde ich mich nach einem Manne, nicht aber nach einer Erbschaft umsehen". Da gab er ihr zu bedenken, dass auch Greise lange leben und junge Leute schnell sterben könnten. Aber mit feinem Witz gab sie zur Antwort: "Wohl kann ein junger Mann schnell sterben, aber ein Greis kann nie mehr lange leben". - Datiert wird dieser Heiratsantrag auf die Zeit kurz nach seiner Stadtpräfektur, also 353. Hieronymus spricht dagegen bereits vom Konsulat des Jahres 358, einer Zeit, in der er in Rom studierte. Kurz danach ließ Cerealis auf dem Esquilin Bäder errichten, von denen es Reste und Inschriften mit seinem Namen gibt.

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ausrief.603 Gratian wurde 359 in Sirmium, also noch als simpler Soldatensohn, geboren, zu Zeiten der Synode von Rimini (deren Vorgänge Priscillas Gatte im Auftrag von Constantius zu beobachten hatte, wobei er sich in der Nähe ein Landgut erwarb, auf das er sich, als er 362 aus dem kaiserlichen Dienst entlassen wurde, mit Priscilla zurückzog, um mit ihr dann ruhige Jahre zu verleben, in denen sie sich einen schönen Rosengarten anlegte). Des Socrates schlüpfrige Passage der miteinander badenden Kaiserinnen dürfte zwischen 365 und 367 anzusiedeln sein, mit der bereits diskutierten Scheidungsregelung als Resultat. 369/370, zum Zeitpunkt des Todes ihres Bruders Constantianus, 604 war Justina bereits offiziell Kaiserin. Und Severa (mit ihrer Mutter) möglicherweise noch im goldenen Palast. Wo sich auch Ausonius aufhielt. Dass man in Konstantinopel noch das Wirken von Ausonius Onkel Aemi­ lius Magnus Arborius in Erinnerung hielt und Valentinian dort davon erfuhr, scheint bei dessen konfus verlaufender Militär-Karriere unwahrscheinlich. Es wird kaum zu Ausonius Ernennung beigetragen haben. Insofern wird die bei Nebensächlichem übliche Ernennungsprozedur am Wirken gewesen sein: Zehn Leute treffen sich, sie beraten, wobei Namen fallen. Und da man in Gallien ist, wählt man einen aus, der nicht allzu entfernt wirkt. Nach einer Probezeit behält man ihn... 367 wird Gratian (mit 8) zum Augustus bestellt.605 Wohl das Datum, an dem der (allmähliche) Übergang zu Justina anzusiedeln ist. Denn 368 ist ihr Bruder Constantianus, der 369 in Gallien durch Briganten umkommt, 603 vorherige Karriere Valentinians: geboren 321 in Cibale (Pannonien), als Sohn des Militärtribunen Gratian (Lib. or. 20, 25; Zonaras 3, 36; Ammian 30, 7. 2; Symm. or. 1, 3); Valens war sein jüngerer Bruder; mit seinem Vater (tribunus auch in Britannien) war V. in Afrika (Symm. or. 1, 1); 357 unter Julian selber tribunus in Gallien, wo er auf Grund eines (angeblich fehlerhaften) Berichts Barbatios von Constantius aus dem Militärdienst entlassen und nach Hause geschickt wird (Amm. 16, 11. 6-7; Soz. 6, 6. 3-4); nach dem Sturz Barbatios (359) von Constantius 360/61 als Offizier nach Mesopotamien geschickt (Philost. HE, 7. 7); 362 unter Julian comes und tribunus cornutum (Philost. HE, 7. 7; Angaben von Orosius 7, 32. 2 und Theodoret HE 3, 16 beziehen sich auf andere Karrierephasen); 362 verbannte ihn Julian, etlichen (christlichen) Autoren zufolge, wegen seines Glaubens aus seiner Nähe (z. B. Theodoret HE 3, 16; Socr. HE 4, 1; Ambr. de ob. Val. 55); unter Jovian tribunus scutariorum und vom Heer nach kontroverser Diskussion im Feb. 364 zum Augustus gewählt (Amm. 26, 2. 2-11) 604 Ammian 28, 2. 10 - zumal der jüngere Valentinian beim Tod des Vaters am 17. Nov. 375 vier Jahre alt war (Amm. 30, 10.4; Zosim. 4, 19. 1; Vict. epit. 45. 10), er wurde also 371 geboren. Die Behauptung, sein Geburtsjahr sei 366 (Consularia Constantinopolitana s.a. 366; Socr. H.E. 4, 10; Sozom. 6.10), beruht auf der Verwechslung mit einem ebenfalls Valentinian genannten, 370 verstorbenen Sohn des Valens 605 Am 24. August 367 (Socrates, H. E. 4, 11); wobei die epitome de Caesaribus ausdrücklich berichten, es sei auf Drängen Severas und ihrer Mutter erfolgt (Victor, Epit. 45. 4)

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wohl schon Tribunus stabuli, als Stallmeister also in einer herrschernahen Position, in welcher ihm der zweite Bruder, Cerealis, nachfolgt.606 Vom Kaiser wird berichtet, er sei 367 krank gewesen, was wir spaßeshalber bereits mit „liebeskrank“ umschrieben. Wobei ihm Severa, nach einigem Widerstand - unterdes Priscilla Rom besuchte, wo sie es sich in den Thermen des Diocletian von einem Sklaven machen ließ und inmitten all der heidnischen Pracht vor allem den Zirkus bewunderte -, wohl die hübsch gebaute Justina zum Gesundwerden nun gönnte, die zugleich vornehm und ein wenig rückhaltlos, auf Grund ihrer Vergangenheit nicht direkt schamlos war, aber naiv gewiss ebenfalls kaum. Und zu ziemlich viel längst bereit, sogar unter Frauen. Eine, mit der Severa körperlich nicht mehr mithalten konnte. Aber vorher sollte der Sohn, sollte ihr Gratian noch Augustus werden. Um später eine richtige Prinzessin zu heiraten. Und sie wollte eine Scheidung, nach der sie weiter in den Palast durfte und nicht wie die Fausta des großen Konstantin umgebracht werden musste. Die war aber nicht leicht zu haben. Lesen wir den Bericht Ammians über die Vorgänge etwas sorgfältiger: (Ammian 27, 6) 1 Meanwhile, when Valentinian was attacked by a severe illness

and was at the point of death, the Gauls who were at court in the emperor ‚s service, at a secret conference demanded that Rusticus Julianus, then master of the rolls, should be made emperor.

Das heißt, am Hof hielt man den Kaiser kaum noch für zurechnungsfähig und guckte sich bereits einen Nachfolger aus, für den es indes interessante Konkurrenz gab: (Amm. 27, 6 )3 Against these Gauls some with higher aims strove in the cause of Severus, then commander of the infantry, as a man fitted for attaining that rank; and, although he was strict and feared, yet he was more endurable and in every way to be preferred to the aforenamed aspirant. 3. contra hos nitebantur aliqui studiis altioribus in favorem Severi, magistri tunc peditum, ut apti ad hoc impetrandum, qui licet asper esset et formidatus, tolerabilior tamen fuit et praeferendus modis omnibus ante dicto. Von der Biografie dieses, jawohl Severus! wird berichtet, er sei, derzeit noch 606

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Ammian 28, 2. 10; 30, 5.19

Befehlshaber bloß der Palast-Truppen607, Anfang 367 von Valentinian nach England geschickt worden - Severum etiam tum domesticorum comitem misit -, um zu eruieren, was dort grad geschah. Denn es war zu einer Serie von Volksaufständen gekommen, denen etliche hohe Beamte zum Opfer fielen. Dabei muss dieser Aufruhr so erhebliches Ausmaß gehabt haben, dass Severus rasch zurückkehrte und erhebliche Truppenverstärkungen empfahl, ein Rat, dem sich Jovinus, der Konsul von 367608, nach weiterer Erkundung, 609 anschloss. Worauf man Truppen in Amiens zusammenzog. Wobei auch der Kaiser zugegen war. Mit einem Severus, der nun den Status eines Magister peditum innehatte und die England-Operation wohl leiten sollte. Und darüber hinaus als Usurpator ins Gespräch kam. Ist es derselbe Severus, den wir als Kandidaten für unseren Martin in Erwägung zogen? Man könnte es denken. Aber was sollten dann die Todesahnungen, mit denen Ammian ihn 358 versah, vor seinem Verschwinden? Insofern sollten wir vorerst von zwei verschiedenen Militärs ausgehen, Severus I und Severus II. Severus II hatte also als Comes domesticorum in England nach dem rechten zu sehen. Wodurch einer mit dem Familiennamen der ersten Gattin Valentinians in gehobener Militärposition in Kaisernähe erscheint. Der im kommenden Jahr allerdings doch nicht den Befehl über die Englandtruppen hat, denn als Magister rerum castri ist er nur Flügelkommandant auf einer, zugegeben großangelegten, Operation gegen die Alamannen. Was wohl bedeutet, dass er wieder degradiert wurde. Oder dass er - als möglicher Bruder der Kaiserin - vorzog, in Gallien zu bleiben. Nachdem er im Jahr zuvor 607 Die Ränge in Kaisernähe und ihr Bezug zur normalen militärischen Hierarchie sind oft etwas undurchsichtig. Grob gilt: ein Comes ist generell eine Gestalt mit ministerartiger Funktion; Comes domesticorum ist der Kommandant der Palasttruppen; Tribunus stabulae Stallmeister; Comes rerum privatarum Verwalter des kaiserlichen Privatvermögens, Comes sacrarum largitionum Verwalter des kaiserlichen Finanzwesens. Castrensis sacri palatii ist der Quartiermacher des Hofes. Der Magister militum ist dagegen Chef des Heeres, oft als "Heermeister" übersetzt, der höchste

militärische Rang, wobei dieser manchmal aber auch auf Regionen beschränkt ist, "per Gallias", "per Illyricum"; Magister peditum der Befehlshaber der Infanterie auf einem Feldzug; Magister equitum ist ein Reitergeneral. Der Praefectus praetorio, also der Prätorianerpräfekt, war seit 312 ein reines Verwaltungsamt. Als Belohnung eines Sieges bei Châlons über die Alemannen als Kavalleriegeneral im 608 Jahr zuvor Amm. 27, 2. 10 Ammian, 17, 8. 2; wobei es vor dessen Report, der dazu führt, dass man am Jahresende 609 (oder erst 368) den älteren Theodosius mit der Aufgabe betraute, den Aufstand niederzuschlagen, eine sonderbare Textlücke gibt, die durch nachträgliches Einpassen erklärt wird.

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sehr eilig - so eilig, dass man einen zweiten Erkunder nachschicken musste - aus England nach Trier zurückkehrte, um der Schwester unter die Arme zu greifen, die von sich von ihrer guten Freundin Justina bedroht fühlte. Sodass der liebeskranke Valentinian sich Mitte 367 einer Familien-Troika gegenübersah: seiner Kaiserin und der Schwiegermutter in den Privatgemächern, und auf dem Exerzierplatz dem Bruder, der im Heer Unterstützung fand und offen die Usurpation androhte. Was sich in Amiens zuspitzte. Schwierige Situation. Bloß wegen einer neuen Frau. Dafür lohnte es sich nicht, das Reich zu riskieren. Besser war, Kompromisse zu schließen, eine Vereinbarung zwischen der Zukunft und dem vergangenen Glück. Wie sah der Kompromiss bei Ammian aus? (Amm, 27, 6) 4 But while these designs were being agitated to no purpose, the emperor was restored with the help of numerous remedies; and observing that he was hardly yet rescued from the danger of death, he purposed to bestow the imperial insignia upon his son Gratianus, who had by this time nearly reached the age of puberty 4. Sed dum haec cogitantur in cassum, imperator remediis multiplicibus recreatus, vixque se mortis periculo contemplans extractum, Gratianum filium suum adulto iam proximum, insignibus principatus ornare meditabatur. Der Imperator wurde also durch etliche Mittel geheilt: imperator remediis multiplicibus recreatus - eine hochelegante Formulierung dessen, was da, sollte unser Szenario einen gewissen Realitätswert haben, geschah: Die Herrscher bekam die neue Frau, indes Severa und ihre Mutter mit einer legalen Ehescheidung zufrieden waren, die dem Sohn die Thronfolge ließ. Wobei der Bruder, der Valentinian als rücksichtlosen Militärbefehlshaber kannte, auf einer hochoffiziellen Zeremonie vor dem für England versammelten Heer bestand, die sich nicht rückgängig machen ließ. Und so zeigte Valentinian am 24. August 367 Gratian seinen Soldaten in Amiens und hielt da610 zu eine Rede, die sich bei Ammian über drei Seiten erstreckt. Mit Stellen wie diesen: (Amm, 27, 6) 8. … He has not been, as we have been, brought up in severe school from his very cradle, nor trained in the endurance of adversity, and (as you see) he is 610 Ammian, 27, 6. 6-9

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not yet able to endure the dust of Mars; but, in harmony with the glory of his family and the great deeds of his forefathers, he will forthwith rise … to greater heights … (9) … he will know how to love his country as he loves the home of his father and grandfather.

non rigido cultu ab incunabulis ipsis ut nos educatum, nec tolerantia rerum coalitum asperarum, nec capacem adhuc Martii pulveris, ut videtis, sed familiae suae laudibus maiorumque factis praestantibus concinentem, potioribus wobei „glory of the family“ einen leicht sarkastischen Anklang hätte, wenn man sich die diversen Erpressungsmanöver vor Augen hält, die zu der Einigung führten. Und noch ein anderer Satz einen interessanten Beigeschmack verströmt: dass Gratian nämlich das Land ebenso lieben werde, wie er bereits die Heimat seines Vaters und Großvaters, also Pannonien liebe. *** Waren Severus I und Severus II die gleiche Person? Bevor wir das entscheiden, sollten wir beider Verwandtschaft zu Severa analysieren. Bei Severus II wirkt sie naheliegend, auch die weitere Karriere spricht nicht dagegen: Im 611 nächsten Jahr (368) befehligt er mit Jovinus die Flanken der erwähnt gro612 ßen Operation gegen die Alamannen. 370 bekämpft er als Magister pedi613 tum einen kleineren Sachseneinfall im nördlichen Gallien. Und 372 ist er als Befehlshaber der Fußtruppen - pedestrem curabat exercitum - bei einem fehlgeschlagenen Kommandounternehmen in der Nähe Wiesbadens dabei, auf dem man den alamannischen König Macrianus zu fangen gedachte.614 Wobei ihm recht viel Platz eingeräumt wird, obwohl er z. T. nur dekorative Funktionen ausübt und bei Wiesbaden bloß ein paar Sklavenhändler ums Leben bringt, deren Ware er befreit.615 Danach taucht er nicht mehr auf, 611 Als "Magister rei castrensis", also für Lager-Angelegenheiten (Amm. 27, 10. 6). Dass Jovinus beteiligt ist, macht klar, dass dieser nicht mit der Leitung der England-Operationen betraut worden war, sondern dass diese Aufgabe vom älteren Theodosius übernommen wurde. 612 Ammian 27, 10 .1-16 613 Amm. 28, 5. 1-7; dabei könnte er den Fortschritt am Kölner Memorial für Severus I begutachtet haben, wenn es denn für diesen bestimmt war und Severa damit zu tun hatte. 614 Amm. 29, 4. 1-7 615 "There he chanced to find some of the traders loading slaves intended for sale, and because he suspected that they would quickly run off and report what they had seen, he took their wares from

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sei es weil er starb, sei es weil es die Schwester tat oder sie an Einfluss verlor, insbesondere wenn sie (wie drei nicht sehr seriöse Quellen es belegen) wegen einer Grundstücksspekulation aus dem Palast verbannt worden sein sollte. Bei Severus I ergab sich die Verwandtschaftsbeziehung indes nicht aus Ammians Erzählung. Denn derzeit war Valentinian erst ein kleiner General, der mit jenem Severus I unter Julian in Gallien diente, aber Ende 357 von Constantius den Abschied erhielt. Die mögliche Verwandtschaft des Severus I erschloss sich einzig durch die Kaiservisionen des Sulpicius, die sich entschlüsselten, wenn Martin und Severus I identisch waren und mit der vormaligen Kaiserin verbrüdert. Was spricht dagegen, dass sowohl Severus I als auch Severus II Brüder Severas waren? Eigentlich nichts. Nachdem Severus I 358 untertauchte, bzw. als gefallen galt, könnte Nr. 2 auf Drängen Severas in Valentinians Nähe geraten sein, wo dieser ihn - die Ernennung des Valens zum Augustus des Ostens zeigt ja die Neigung des Kaisers zu solcher Familienpolitik - gegen 366 mit dem Vertrauensposten des Comes domesticorum bedachte, der Kommandantur der Palasttruppen. So wie auf Justinas 369 ermordeten Bruder Constantianus ihr Bruder Cerealis als Tribunus stabuli folgte. Dass derlei zu den Gepflogenheiten römischer Aufstiege gehörte, konnten wir schon der Familiensaga des Ausonius entnehmen. Bei der wir einem weitern Severus begegneten, dem Censor Juliani, den wir ebenfalls als möglichen Bruder jener Severa gehandelt hatten. Damit wären drei Brüder im Spiel, was seltsam zu schmecken beginnt, da es auf Seiten Ammians eines Kommentars wert gewesen wäre. Doch wenn wir uns einen Severa-Onkel beigemischt denken, löst sich das gleich gefällig in allerüblichste Familienpolitik auf. Sodass sich für Sulpicius (hätte er Überblick über das Gesamtgeschehen) ein Phantasie-Stammbaum etwa folgender Struktur ergäbe:

them and killed them all." - et quia suspicabatur venalia ducentes mancipia scurras, casu illic repertos, id, quod viderant, excursu celeri nuntiare, cunctos mercibus direptis occidit (Ammian 29, 4. 3); was als Detail sehr interessant ist. Offenbar machte sich römische Geschäftstüchtigkeit diesen Konflikt rasch zunutze. Was Latonas kurze Bekanntschaft mit einem antiochischen Sklavenhändler, der sie von Mainz nach Mailand bringt, richtig plausibel aussehen lässt

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Großvater Severas (und Martins) Vater Severas

Justina (+ Valentinian + ) Severa Galla

Valentinian II

Severus II

Gratian

Onkel Severas (Martins Vater) Severus I (Martin) Sulpicius Severus

Severus Censor Thalassius

Abb. 2a - Die Familie Severas (1. Version)

Wobei Severus I und Severus II ihre Position auch tauschen oder - beides würde Sulpicius (und Martin) größere Kaisernähe bescheren - Brüder gewesen sein könnten, also etwa gemäß folgendem Diagramm: Großvater Severas (und Martins) Vater Severas (und Martins Vater) Justina (+ Valentinian + ) Severa Galla

Valentinian II

Gratian

Severus II

Onkel Severas

Severus I (Martin) Sulpicius Severus

Severus Censor Thalassius

Abb. 2b - Die Familie Severas (2. Version)

Und von diesen würde Galla später den jüngeren Theodosius, Gratian die einzige Tochter des Constantius (also eine Bluts-Enkelin des großen Konstantin, insofern kam Severa zu ihrer Traumhochzeit), Thalassius eine (leider verwitwete) Tochter des Ausonius und Sulpicius (in unserem postBalzacschen Kolportage-Roman) eine weitere Tochter des Ausonius heiraten, die dieser nämlich von Bissula hatte. Sieht doch alles sehr nett aus. Wobei wieder darauf hinzuweisen ist, dass der Martin-Aspekt und eigene Beteiligtheit kaum mehr als eine Phantasievorstellung des Sulpicius aus dem Jahre 405 war, in der er sich bei einer Aufführung seiner „dialogi“ kurzfristig zum Sohn Martins machte. Was ihn nicht besonders befriedete, sodass er gleich die Maximus-Vision folgen ließ, worin sich die Kaisergattin Martin explizit sogar zuwandte und in ihm ihren rechtmäßigen Herrscher erkannte 463

(den eigentlichen Vater des kleinen Sulpi). Alles Szenen mit Realitätswert nahe Null. Wirklichkeitsnäher scheint, dass es einen nahen Verwandten von Sulpicius gab, einen Onkel etwa, der Kenntnisse von der Kampagne Julians und den Familienverhältnissen Valentinians hatte, und dass Sulpicius dessen Kenntnisse in die Vita Martins (bzw. nur die dialogi) einfließen ließ. Wobei seltsamerweise zwei Schlüsselworte der Vita auch im Leben des Valentinian eine nicht unwichtige Rolle spielten. Und zwar 1.) Amiens, der Ort, an dem er Gratian vor dem Heer den Augustustitel verlieh, ein hochungewöhnliches Vorgehen.616 Und, weit rätselhafter und für die Analyse der Vita Martini womöglich folgenreicher, 2.) Sabaria, der Geburtsort Martins. Denn dieser taucht, in ebenfalls recht exponierter Stelle, auch im Leben des Valentinian auf. Unmittelbar vor dessen Tod unweit Acincums nämlich, also von Budapest. (Ammian 30, 5): 14 … He also lingered at Acincum, since the autumn was swiftly passing on, and being in lands where the cold weather always covered everything with ice, he looked about for suitable winter quarters; and he could find no convenient place except Sabaria, although that town was then weak and had suffered from repeated misfortunes. 15 Therefore, setting this617 aside for a time, in spite of the great need for a halt618, he quickly moved from there, marched along the banks of the river, and having protected his camp with an adequate force and with castles came to Bregitio. 14. … itidemque apud Acincum moratus autumno praecipiti, per tractus conglaciari frigoribus adsuetos commoda quaerebat hiberna, nullaque sedes idonea reperiri praeter Sabariam poterat, quamvis eo invalidam tempore adsiduisque malis adflictam. 15. unde hoc etiam si magni intererat, paulisper sequestrato, inpigre motus, peragrata fluminis ripa, castrisque praesidio conpetenti munitis atque castellis, Bregitionem pervenit. Wobei die Stelle auch im Original so wirr erscheint, dass der englische Übersetzer zwei Fußnoten einfügte. Er interpretierte die Passage offenbar so, dass Valentinian von Budapest nach Sabaria marschierte. Um von dort mit kleinerem Troß, weil der Ort nicht komfortabel genug schien, nach dem 616 617 618

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Amiens, "Ambianum", Ammian 27, 8. 1; das Ungewöhnliche daran in 27, 6. 16 i.e., selecting winter quarters That is, the need of rest for his soldiers

Errichten der üblichen Winterbefestigungen noch nach Bregitio zu ziehen, dem an der Donau gelegenen heutigen Komarom. Wobei ihm beim Ausmarsch aus Sabaria ein böses Omen begegnete: 16. … at Sabaria, where the emperor was still settled, an owl perched on the top of the imperial bath, and uttered notes foretelling death; and no skilful hand could bring it down with arrows or with stones, although many vied with one another in eager attacks upon it. Wonach uns Ammian, noch sonderbarer, sogar eine Rückblende, gönnt, die verrät, dass Valentinian mit jenem Sabaria auf recht vertrautem Fuß stand: 17 Again, when he was on his way from the aforesaid city to a campaign, he wished to go out through the same gate by which he had entered, in order to gain an omen that he would quickly return to Gaul; but while the neglected place was being cleared of accumulated débris, the iron-clad door which barred the exit was found to have fallen, and could not be removed by the greatest efforts of a large number of men; and to avoid wasting a day there, he was forced to go out by another gate.

Worauf die nächste Todesahnung folgt, indem er, nun in Bregitio, vor dem Hinscheiden von seiner Frau träumt, die bereits um ihn zu trauern scheint: (Ammian 30, 5): 18 And on the night before the day which was to deprive him of life, he had a vision (as men often do in their sleep); he saw his absent wife sitting with disordered hair and dressed in mourning attire; and it was possible to infer that she was his own Fortune, on the point of leaving him in the garb of sorrow.

18. nocteque, quam lux eruptura eum vita secuta est, ut per quietem solet, videbat coniugem suam absentem sedere passis capillis, amictu squalenti contectam: quam aestimari dabatur Fortunam eius esse cum taetro habitu iam discessuram. In der letzten Nacht sah Valentinian also noch Conjugem suam, seine Gattin. Worauf er, nach einem letzten Todesomen (morgens wollte sich ein Pferd nicht besteigen lassen, worauf der Kaiser dem Reitknecht die rechte Hand abschlagen ließ), inmitten von Verhandlungen mit aufsässigen Quaden am 17. November 375 im Verlauf eines sich steigernden Wutanfalls tatsächlich starb. 465

Hochspezifisch daran ist, dass weder Amiens noch Sabaria bei Ammian sonst auftauchen (und in der übrigen zeitgenössischen Geschichtsschreibung ebenfalls nicht), es sind für die damalige Zeit extrem exzentrische Lokalitäten. Sodass naheliegen könnte, dass jemand, der Martin eine Biografie zusammenzimmerte, sie sich aus dem Leben Valentinians herauspickte, um Martins Jugend klare geographische Konturen zu geben. Was, wenn Sulpicius dafür verantwortlich ist, für eine mit dem Bischof von Tours vereinbarte oder von diesem mitgeteilte Deckbiografie spräche, da dieser den Unfug hätte entlarven können. Was wiederum eine le-general-artige Realexistenz Martins unterfüttern würde, inclusive womöglich eines äußerst vertrauten Vater-Sohn-artigen Wechselspiels mit Sulpicius. *** Oder hat der Bischof von seiner Vita nichts mitgekriegt, sodass Sulpicius frei hat fabulieren können, inclusive der Ortsnamen Amiens und Sabaria? Der Traum aus ep. 2, worin sich Martin mit dem Buch in der Hand in Luft auflöst, scheint dies - obwohl die Szene, wie argumentiert, auch augenzwinkerndes Einvernehmen signalisieren mag - nahezulegen. Wobei in ep. 1 (sowie natürlich den Dialogi) davon die Rede ist, dass das Buch 305 etlichen Mönchen bekannt war, die einiges über Martin wussten. Wobei die Dialogi keinerlei Ereignisse vor Martins Bischofszeit ansprechen. Bereits Hilarius und Poitiers sind für Gallus, Postumianus & Co Teil eines blinden Flecks, dem einzig Sulpicius Konturen gab. Der Bassula-Brief macht wiederum klar, dass die Vita 398 weitgehend fertig war und im Freundeskreis kursierte. Wobei der Heilige Paulinus in eigenen Briefen bezeugt, sie vor 400 gelesen zu haben. Der in der Vita sogar Präsenz zeigt, als Martin an ihm eine „Heilung“ vollzog. Er dürfte der einzige sein, der relevante Veränderungen, Verbesserungen oder Hinzufügungen über einen längeren Zeitraum registrierte. An seinem Zeugnis misst sich die Authentizität des Ganzen. Wobei man wegen der bald einsetzenden Völkerwanderung darauf schließen kann, dass die Überlieferungskette von Sulpicius Gesamtwerk ausschließlich über Paulinus geht, denn diesem wird alles zugesandt und von ihm haben sich zahlreiche Arbeiten erhalten. Was impliziert, dass Paulinus selber nach Belieben hat in die Überlieferung eingreifen können. Was im Extremfall wiederum heißen mag, dass womöglich erst Paulinus einen 466

wirren Heiligen-Report, der - in Art der Dialogi - aus Teufels- und wirren Wunder-Szenen bestand (und, in den Dialogen, immerhin einer Vorform der Mantelszene619), durch einige geniale Pinselstriche mit einer anständigen Biografie unterfütterte.620 In der es - wie bei der 397 erschienenen seines Freundes Augustinus, dem er angeblich die Idee (oder sogar - tolle-scribe - die Anregung vermittelte, die Confessiones zu schreiben - eine Jugend gibt. Eine, die von „Sabaria“ nach „Amiens“ führt. Und zu einer Konfrontation mit dem Apostaten Julian (von der erstaunlicherweise nirgendwo sonst bei Sulpicius die Rede ist). Und zu den seltsamen Stellen, in denen Paulinus persönlich gelobt wird. Mit einem aus drei „Original-Briefen“ bestehenden Anhang. Und, haha, Primuliacum … inclusive eines Stückchens vom Heiligen Holz, das die Heilige „ältere“ Melanie mitgebracht hatte. Einem Schüler des Ausonius, der dessen Literatur gründlich begriffen hat und seine elaboriert-raffinierte Methode, mit Zitaten und Versatzstücken zu arbeiten, die sorgfältigst, in geradezu mathematisch penibler Manier, ineinandergefügt werden, einem, der darüber hinaus die sonderbaren Familiengedichte des Ausonius kannte (deren Bezug zueinander ohne Stammbaum kaum entzifferbar ist) und dazu die Vita Valentinians, ist derlei zuzutrauen. Es tut sich also erneut ein Spektrum von Möglichkeiten auf, das von authentischer Identität Martins mit jenem Severus I zu kompletter Fiktivität der frühen Lebensphasen reicht, die - nach Sulpicius Tod - von einem Autor namens Paulinus (gest. 431) hinzugefügt wurden, der die „res gestae“ des Ammian oder Ähnliches vorliegen hatte. In diesem Falle wäre Paulinus ein Paulus. Und wie der große Paulus seine antiphilosophische, kindhaft schlichte Theorie von der Universalität des Menschlichen am verständlichen Bild des gekreuzigt leidenden Christus entzündet hatte, so schuf der kleine Paulinus, um das Wesen der Paulinischen Idee mit konkret sozialem, also mit nichtblutendem, nichtsterbendem Fleisch zu versehen, für uns die 619 Dialogi II, 1 620 Zumal sich das "Evangelii non surdus auditor" am Ende der Amiens-Mantelszene (Vita M.

2) auch in Paul. Nol. Ep. 5. 6 findet. Dass Paulinus (per ep. 18 und 37) auch das Monopol über die Vita des andern Krieger-Bischofs, über Victricius von Rouen hat (der ebenfalls als sehr junger Mann zum Militär geht und dann, zum Christen geworden, den Dienst verweigert, worauf er zum Tode verurteilt wird und nur mit dem Leben davonkommt, weil der Henker wie durch eine "Wunder" erblindet, vergl. Fußnoten Nr. 322 und 539), ist in diesem Zusammenhang vielleicht ebenso eine Bemerkung wert, wie die Augenkrankheit, von der er, Paulinus selber, angeblich durch Martin geheilt wurde. Und nicht zuletzt war auch Victricius (alles laut Paulinus) im Besitz von "brandea" mit Reliquien von Gervasius und Protasius, die beide in Vienne erhielten (grad als Martin ihn heilte).

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imagines vom geteilten Mantel und der Dienstverweigerung Martins. Wobei die feine Pointe darin läge, dass der Geburtsort jenes von Paulinus geschaffenen, in eine ferne Zukunft führenden Martin - „non erat iste locus“ - fast mit dem Sterbeort des unmenschlich-grimmen Valentinian übereinstimmt, der für eine seit Augustus praktizierte, in ihrem Kern brutale Militärdiktatur steht, die binnem kurzem abwirtschaften würde und trotz allen Terrors mehr oder weniger hilflos untergehen. Ja, auch das könnte man denken. Das Widersinnige daran ist, dass hier zwei extreme Unwahrscheinlichkeiten in Konflikt geraten: Dass zum einen Martin zufällig an „fast“ Valentinians Todesort geboren wurde, den die sonstige römische Geschichte nie erwähnt, wobei er zudem in Amiens ein Erweckungserlebnis hatte; und dass zum anderen ein hochseriöser Charakter wie der Heilige Paulinus von Nola die beiden Orte nachträglich in die Vita einfügte, nachdem er sie bei Ammian oder einer entsprechenden Quelle las.621 Ohne dass es ein im Wortsinne „wahrscheinliches“ Dazwischen gibt. Außer wenn - was wir belletristisch leider nicht akzeptieren können - Gott seine Hand dabei im Spiel gehabt hätte. Und (als Agent insofern dieses „realistischen“ Dazwischen) ein Wunder bewirkte. Indem er Valentinian an „fast“ dem Ort sterben ließ, „non erat iste locus“, an dem Martin 50 Jahre zuvor geboren wurde. Wobei Ammian dieses „fast“ auch noch äußerst präzise und ausführlich notiert. Wozu es nicht den geringsten Anlass gab. Bevor irgendjemand die Vita des Heiligen Martin kannte. Oder kannte Valentinian sie bereits? Jedenfalls in den wesentlichen Zügen? Wusste er, dass Sabaria der Geburtsort eines späteren Heiligen war? Hatte er eine Affinität zu jenem gottverlassenen Ort? Wollte er deshalb gleich wieder von dort verschwinden? Ein mittelalterlicher Historiker, ja, bereits Gregor von Tours, der von dem objektiv bewiesenen Wunderwirken des Heiligen Martin überzeugt war, käme gar nicht auf den Gedanken, es

621 Denn dass Sulpicius es selber als komplette Fiktion zustandebrachte, ohne dass Paulinus etwas von der Manipulation bemerkte, erscheint nicht unwahrscheinlicher. Denn es ist nur erklärbar durch ein Szenario wie das des von uns skizzierten Kolportageromans.

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anders darzustellen.622 *** Darüber hinaus mutet die Stelle auch wegen der Geographie befremdlich an. Denn Budapest und Bregitio liegen beide an der Donau, etwa 60 km voneinander entfernt. Ohne den Sabaria-Einschub wäre die im Manuskript wirre Stelle einfach verständlich, denn in Budapest wurde 6 Tage später der jüngere Valentinian vom Heer zum Augustus erklärt. Während Sabaria 160 km südwestlich im Landesinneren liegt, fast an der österreichischen Grenze. Sodass Valentinian zu Winterbeginn erst einen 300 km langen Umweg hätte machen müssen, um zu seinem Sterbeort zu gelangen. Und das Heer vom in Sabaria aufgebauten Lager im Eilmarsch wieder nach Budapest zurückkehren müsste (wo rasch noch die Brücke abgebrochen wurde, auf der es im nächstem Jahr wieder über die Donau gehen sollte623), damit der jüngere Valentinian dort inthronisiert werden konnte. Dieser Umweg klingt nach den Kriterien einer kausal-modernen faktenverbindenden Geschichtsschreibung schlichtweg absurd. Daher dürfte das Heer in Budapest geblieben sein, um unweit der dortigen Brücke ein winterfestes Lager zu bauen, unterdes sich Valentinian mit kleinerer Mannschaft ins komfortablere Bregitio begab. Insofern darf man wohl davon ausgehen, dass dieser 300 km Umweg über Sabaria in den Bericht über Valentinians Tod nachträglich eingefügt wurde. Und zwar von jemandem, der mit dem Ort Sabaria etwas Besonderes verband. Mit dem Geburtsort also des Heiligen Martin. Kannte Ammian beim Verfassen seiner „Res gestae“ Sulpicius Vita Martini? 622

Was auch für ein in wieder ausgerechnet Worms sich abspielendes Ereignis gelten würde, bei dem erneut ein Christ namens "Martin" gegen einen Kaiser revoltierte. Der Aufforderung Karls V, die Aussagen seiner Schriften ("Von der Freiheit eines Christenmenschen") zu widerrufen, entgegnete Martin Luther im April 1521 auf dem Reichstag zu Worms, dass er das weder könne noch wolle, "weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!" - (Dt. Reichstagsakten, Jüngere Reihe, Bd. II, n. 80, S. 581 f.) - Dabei war, wie wir heute sagen müssten, Worms als Reichtags-Ort gewiss Zufall, doch Luther mag durch den spiritus loci und das ihm fraglos bekannte Protest-Beispiel des Heiligen Martin verwegener geantwortet haben, als eigentlich in seiner Absicht lag. Dass er daraufhin (wie vermutlich der Heilige Martin) sofort aus Worms fliehen musste, war die direkte Konsequenz. Dass die Flucht dann direkt in die Reformation führen würde, war (außer Gott, wie man im Mittelalter noch hätte sagen müssen) den Beteiligten kaum bewusst. Amm. 30, 8. 2 623

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Kaum. Dass er Heiligenlegenden in sein Werk einschmuggeln wollte, scheint bei diesem ja heidnischen Autor ebenfalls absurd. Insofern muss ihm der Name Sabaria in einer vertrauenswürdigen Quelle begegnet sein. Weshalb es wiederum eine wohl dicht am Kaiserthron installierte Instanz gegeben haben muss, die die schriftlichen Berichte der Todesumstände so modifizierte, dass Sabaria darin eine gewisse Rolle spielt. Justina? Nein, die war mit der Erhebung ihres Sohnes beschäftigt. Gratian? Oder dessen Mutter, die ihrem Gatten neues Frauenfleisch gönnende Severa? Oder deren Mutter, die ja 367 ebenfalls im Palast Valentinians herumgeistert? Die kamen schon eher in Frage. Aber was mochte die Rolle sein, die Sabaria in deren Leben spielte? Sollte das infolge von Reinigungsarbeiten verschlossene Stadttor, durch das Valentinian nicht wieder nach Gallien ausreiten konnte, andeuten, dass er irgendwann nicht mehr zu Severa zurückkehrte sondern sich nun Justina zuwandte? War Sabaria ein magischer Ort im Verhältnis des Kaisers und seiner ersten Gattin gewesen? War die danach in seinem finalen Traum trauernde Gattin insofern gar nicht Justina sondern Severa? Hm, Gratian wurde 359 in Sirmium geboren, in Illyrien. Und den damaligen General Valentinian hatte Constantius Ende 357 aus dem Militärdienst, wie es hieß, nach Hause beordert.624 Wobei Valentinian einer pannonischen Soldatenfamilie entstammte und, wie die Inthronisationsrede für Gratian verriet, jemand war, der seine ungarische Heimat liebte. Insofern könnte er der guten Severa in Sabaria begegnet sein und sie dort geheiratet haben. Wonach sie ihm im Jahr darauf Gratian in Sirmium gebar. Als Valen625 tinian von Constantius reaktiviert und nach Persien geschickt wurde. In diesem Falle wäre Sabaria eine Metapher für einstiges Ehe-Glück. Dem Gratian das Leben verdankte. Wobei der durch das Lehrer-Wirken des Ausonius geschulte Sohn in einem Nachruf vielleicht gern hören wollte, dass Valentinian vor dem Tod, ganz wie ein klassischer Held, nochmal an das verflossene Glück dachte. Und nicht immer nur an Justina und den zweiten Valentinian. Ja, wenigstens dafür wollte Gratian zu guter letzt sorgen. Weshalb er - und damit wäre nicht mehr Gott, sondern Gratian der Agent des „realistischen Dazwischen“ - eine Trauerrede bestellte, worin genau das 624

"and for that reason they were cashiered and returned to their homes in a private capacity." - qua causa abrogata potestate ad lares rediere privati. (Ammian 16, 11. 7) 625 Philost. HE, 7. 7

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blumig zum Ausdruck kam. Vielleicht war es - wir erinnern uns, dass in jener Zeit auch Augustinus wagte, seiner Trauer um die Mutter differenziert Ausdruck zu geben, was die Söhne Roms zuvor nur den Vätern gönnten eine Trauerrede auf seine Mutter. Denn in einer Quelle heißt es, Valentinian sei in Konstantinopel neben der ersten Gattin begraben. Wobei ihr eigenes Begräbnisdatum (372) jedoch als korrupt und ungewiss gilt.626 *** Das lässt uns entspannt an unser nächstes Problem herantreten. Nämlich die Frage, inwiefern Ammians Severus I und Severus II die gleiche Person sind. Instinktiv würde ich sagen, ja. Ja, die beiden sind identisch. Es spricht jedenfalls einiges dafür. Dieser kombinierte Severus, der ein Magister equitum war, ein Reitergeneral, der 357 auch das gallische Gesamtheer Julians auf dem Vormarsch zu befehligen wusste (obwohl er in Straßburg keine gute Figur macht), er verschwand nach Julians Kampagne des Jahres 358. Um 9 Jahre später als Comes domesticorum erneut auf der Militärbühne zu erscheinen. Nach vielleicht zunächst einer Beurlaubung durch Constantius, wie ja auch Valentinian sie hatte hinnehmen müssen, sowie der anschließenden Versenkung in militärübliche Routinen. Einer, der als Bruder der Kaiserin infolge einer komplexen Vereinbarung dann zum Magister peditum befördert wurde. Für die Identität spricht weiter, dass man ihn 370 zum Kampf gegen die Sachsen in Gebiete kommandierte, die ihm seit Julians Operationen gegen die Franken627 vertraut waren. Wo er die gleiche bösartige Raffinesse von vorgetäuschter Friedensvereinbarung und hinterhältigem Zuschlagen an den Tag legte, die auch Julian gegenüber den wilden Barbaren dort einst praktizierte. Rein belletristisch, also unter Aspekten der Erzählökonomie, läge die Identität also nahe. Wenn nicht die sonderbaren Todesahnungen wären, mit denen Ammian ihn fürs Jahr 358 versah. Die, wie wir im Fall Valentinian grad studierten, bei römischen Historikern unweigerlich zum Exitus führen. Beim übrigen Personal der Res gestae tun sies jedenfalls noch. Warum sollte ein Reitergeneral, wie es in seinem Buch etliche gibt, also welche zugeteilt bekommen, wenn er 9 Jahre später quietschfidel wiedererscheint? Insofern will die 626 Consularia Constantinopolitana. T. Mommsen ed., Monumenta Germaniae Historica, Auctores Antiquissimi. Band 9. Berlin, 1892 627 Ammian 17, 2 und 18, 8

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Wirklichkeit dem spontan-belletristischen Empfinden hier ebenso widersprechen wie der Erzählökonomie. Sodass man wohl von zwei Generalsgestalten ausgehen muss. Wobei rätselhaft bleibt, wieso Severus I überhaupt Todes-Omen spendiert bekam. Ammian selber hatte - wie Valentinian - Gallien Ende 357 verlassen und war nicht mehr Zeuge der 358-ger Begebenheit. Er muss eine Vorlage gehabt haben, die das Verschwinden jenes Severus dokumentierte. Die gleiche Lob- oder Trauerrede, die dem sterbenden Valentinian einen symbolischen Marsch nach Sabaria auferlegte? Eine Vorlage, die Gratian nach dem Tod des Vaters (oder des bald darauf folgenden seiner Mutter) in Auftrag gab, um nicht zuletzt auch die Familiengalerie der Mutter zu feiern, der er außer dem Leben den Status des Kaisers schuldete? Mit einem tapferen Severus I, der 358 in Gallien verschwand. Im Glücksjahr der Eltern, das den künftigen Herrscher zeugte. Und einem Severus II, dessen Druck er verdankte, dass man ihn in Amiens zum Augustus erhob, als man Truppen für einen Englandfeldzug zusammenstellte. Und einem Kaiser Valentinian, der vor dem Tod ein letztes mal an die glücklichen Tage von Sabaria zu denken hatte, von denen die Mutter ihrem Gratian oft erzählte. Und an den entscheidenden Moment, an dem er die Stadt leider doch durchs falsche Tor verließ. Das zu Justina und in den Tod führte. Wozu eine auf den Thermen sitzende Eule - waren nicht Thermen bei der Verführung des Kaisers durch das schöne Fleisch Justinas im Spiel? - vom Jenseits raunte. Wobei er zuvor nochmal von seiner lieben ersten Frau träumte. Von seinem Coniugium. Was Gattin, Geliebte und Begattung bedeutet. Justina, die sich 100 Meilen entfernt in einer Villa namens Murocinta aufhielt, heißt bei Ammian dagegen bloß Mutter628 - Mutter des 4 jährigen, des jüngeren Valentinian. Den das Heer sechs Tage später in Budapest zum Augustus ausrief. Hatte Ammian jene hypothetische und, sollte sie im blumigen Stil der Zeit geschrieben sein, kaum sehr realistische Vorlage (worin man genregemäß jedes wichtige Familienmitglied liebevoll erwähnt und mit Anekdoten bedenkt) in die Res gestae integriert? Und die Todesahnungen samt dem (vielleicht nur als Metapher gemeinten) Marsch nach Sabaria importiert? Das (für eigentlich bloß jenen nun verlorenen Lobgesang, nicht für die Geschichtsschreibung, beschworene) omenbedachte Verschwinden des wackeren Severus I bringt jedenfalls wieder unseren Generals-Martin ins Spiel. 628

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cum Justina matre in villa quam Murocinctam appellant - Amm. 30, 10. 4

Le general, von dem wir sagten, er könne nach dem Desertieren unmöglich bei Hilarius angeklopft haben, da dieser 358 bereits in Phrygien weilte. Sodass nahelag, dass jener General, folgte er der Sulpicius-Vita, gleich zu den Eltern nach Pannonien floh, nach also: Sabaria, um erstmal abzutauchen. Wo er seinem verabschiedeten Generals-Kollegen Valentinian begegnete, grade als dieser Severa nahekam und sie ihren Gratian machten. Ende 358 mochten die vier also in Sabaria öfter fröhlich zusammen gesessen sein: Valentinian, Severa, der Heilige Martin und dessen Mutter. Die zugleich Severas Mutter war und Valentinians Schwiegermutter. Wonach Severus I, als Julian Richtung Osten marschierte - er war mit diesem ja in offenem Streit auseinandergegangen -, lieber versuchte, bei Hilarius in Poitiers unterzutauchen. Wovon Gratian nicht die Spur mitbekam, sondern nur zu hören kriegte, dass einst ein äußerst tapferer Onkel von ihm 358 nach einem Rheinübergang in Köln verschwand. Sollte Martin der Bruder Severas gewesen sein und sich, außer der Mutter, schon in Sabaria seiner Schwester und Valentinian zu erkennen gegeben haben (was aber inplausibel machen würde, dass sie den spektakulären Vorgängerbau von St. Gereon zu seinem Gedächtnis in Auftrag gaben), könnte ab 376 immer noch Gratian als Auftraggeber in Frage kommen. Ganz unabhängig von einer (extrem unwahrscheinlichen) familiären Verstrickung mit dem Heiligen Martin hätte er das Gebäude als Gedächtnisort seiner mütterlichen Familie jedenfalls derart prunkvoll ausschmücken können, dass noch Gregor von Tours die goldgrundigen Mosaiken (wobei wiederum befremdlich ist, dass der Bewahrer des Grabs des Heiligen Martin dies überhaupt für erwähnenswert hält) als bestaunenswert überlieferte. 629 Solche Sequenz würde wenigstens halbwegs kausal ergeben - also per Interaktion realer physikalischer Körper -, dass außer Amiens auch das entlegene Sabaria sowohl ein Kaiserleben, als auch eine suspekte Heiligenvita so exponiert bereichern. Es braucht zumindest keinen Heiligen Paulinus, der nachträglich eine Vita fälscht. Oder einen Ammian, der 396 schnell noch Material aus einer brandneuen Heiligenbiografie in ein bereits publiziertes Geschichtswerk schmuggelt. 629 Er berichtet um 590, das Gebäude sei so üppig mit Mosaiken versehen, dass die Kölner es

"Zu den goldenen Heiligen" - Ad sanctos aureos - genannt hätten (Gregor von Tours, Liber in gloria martyrum LXI).

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Und nachdem Martin 371 Bischof von Tours wurde, besuchte er Valentinian (in der Phantasie des Sulpicius) mal in Trier. Und wurde nicht vorgelassen. Weil da eine neue Frau war, Justina, deren kaiserlichen Abstammung Valentinian hochmütig machte. Worauf Martin 9 Tage vor dem Palast hungerte. Bis sich ein Engel seiner erbarmte. Der ihn wie eine Mutter nicht verhungern ließ. Und dafür sorgte, dass der Thron Valentinians für eine Weile in Flammen aufging und der Kaiser sich erheben musste. Sodass man noch einmal von alten Zeiten reden konnte. Und ein bisschen von der Gnade Gottes. Ja, passt alles perfekt. Dagegen erscheint einem eine historisch verbürgte Gestalte wie jener Severus II sonderbar. Das hingespuckt Anekdotenhafte seiner Militärkarriere, worin nach großem Beginn sogar die Begegnung mit einer Sklavenkarawane zählt, ist noch als launige Passage eines Severas Familie feiernden Panegyrus zu verstehen, damit man beim Zuhören was zu lachen hat. Aber darüber hinaus gibt es direkt nach seinem (dreimaligen) Erscheinen zweimal eine Textlücke, wonach der ältere Theodosius die Bühne betritt. Zunächst bei der Wiederbefriedung Britanniens, mit hypereffektiven Aktionen, was auf komplett nachträgliche Einfügung schließen lässt. Sodass vieles erst 390 geschrieben sein dürfte, als sein Sohn das Reich unumschränkt beherrschte. Und äußerste Empfindlichkeit gegenüber allem bewies, was die Hinrichtung seines Vaters im Jahre 376 (oder bereits 375) betraf. Wobei uns Ammian diese Hinrichtung komplett verschweigt. Aber auch alle anderen antiken Historiker schweigen sich über die Gründe aus. Nirgends ist was drüber zu lesen, nicht einmal Spekulationen. Es wird einzig berichtet, dass sich der jüngere Theodosius danach aus dem politisch-militärischen Leben nach Spanien verabschiedet habe.630 *** Wie dem auch sei. Justina - und jetzt geht es nicht mehr um hagiographierende Belletristik, sondern um unbezweifelbar einst vorhandene 630

Die zweite, weniger auffällige (und schwerer interpretierbare) Lücke findet sich im misslungenen Wiesbadener Kommando-Unternehmen, auf dem man 372 den alamannischen König Macrianus fangen wollte. Grad als die Gründe des Misslingens angeführt werden - zu denen die Severus II aufhaltende Sklavenkarawane zählt - kommt es zu einer (wohl ebenfalls misslungenen) Aktion der Kavallerie von Theodosius senior, die sich wegen der Lücke als limitierter Erfolg lesen lässt. - (Ammian 29, 4. 1-7)

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Wirklichkeit, um etwas, das reale Folgen für die Unentzifferbarkeit unserer Gegenwart generierte (und weiter generiert!) - spielte bei alldem mit. Sie wähnte sich eine Weile am Ziel ihrer Wünsche. Vermutlich wär sie auch ohne Vertrag ins Bett Valentinians (der übrigens, glaubt man den Münzen, ein extrem gut aussehender, recht schlanker Mann war) gehüpft. Und vielleicht hatte sie es ja bereits getan. Eine heutige würde es gewiss bedenkenlos tun. Nachdem sie - dichter sogar als die familien-legendäre Galla - so dicht wieder an einen Kaiser herankam. Weil sie, haha, mit der Kaiserin zuvor nackt im Bade war. Und sich mit ihr angefreundet hatte. Aber so war alles viel besser. Auch wenn dieser Valentinian - mein Gott, diese Männer - sonderbare Spiele mit seinen Bären trieb. Ja, diese drolligen Gesellen, die ebenfalls Ammian für uns in die Gegenwart transferierte, sie sind schon ein starkes Stück. Valentinian soll die Opfer seines Zorns nämlich gern zwei Bärinnen vorgeworfen haben, mica aurea (Goldkörnchen) und innocentia (Unschuld), deren Käfige bei ihm vorm Schlafraum standen. Als Visualisierung, wenn man so will, seines persönlichen Ehedramas, zumal Ammians Darstellung mit einem „Finally, after he had seen the burial of many corpses of those whom ‚Innocentia‘ had torn to pieces, he allowed her to return to the forest unhurt, as a good and faithful servant“ schließt, was, mit pannonisch-makabrem Humor, die juristisch perfekt ge631 lungene Scheidung von Severa widerspiegeln könnte. Ist nur zu hoffen, dass der Kaiser die beiden Frauen nicht auch noch als Männermörder am Werk sehen wollte, sondern mit sapphischen Darbietungen, wie Socrates sie als Kirchenhistoriker hochdezent ja bezeugt, schon zufrieden war. Auf jeden Fall hatte Justina bei diesen verwirrenden Vorgängen begriffen, dass höchst empfehlenswert war, einen Kaisersohn rechtzeitig zum Augustus zu machen. Und vielleicht einen General zum Freund zu haben. Stand ihr das Schicksal des Gallus aus ihrem persönlichen Familienroman manchmal vor Augen? Ließ sich von dem etwas lernen? Eigentlich nicht. Ihre Geschichte war wirklich etwas Besonderes. Ausonius blieb von diesem Streit offenbar unbetroffen. Er unterrichtete Gratian erst in Grammatik, dann in Rhetorik. 368 / 369 (unterdes Priscillas Gatte ihr erschrocken mitteilte, er habe gehört, die Hofdame mit den raffinierten Kräutern, mit der er mal ein Verhältnis gehabt hatte, Adamantia, sei in Rom 631

Ammian 29, 3. 9

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hingerichtet worden) zog er mit Valentinian und Gratian in den Krieg gegen die Alamannen.632 Schrieb für Valentinian Gefälligkeitsverse über die Donauquelle.633 Bekam Geschenke für ein hochchristliches Ostergedicht.634 Schrieb - komplett in Vergil-Zitate verpackt - den Cento nuptialis mit einer brutalen Entjungferung fürs Kasino (zu dem Bissula mit anderen BeuteSklavinnen vielleicht auf den Tischen tanzen musste). Schrieb den Griphus, 635 diese sonderbare 90-zeilige Feier der Zahl drei. Alles im Auftrag Valentinians, zur Entspannung in fortgeschrittener Stunde, wenn man Becher nach Becher leerte.636 Genoss Bissula dann selber. Verfasste die Mosella. Später auch ein Gedicht auf den jüngeren Valentinian.637 -4Karriereanfänge 370 Ausonius Comes, nach gewiss dem mit der neuen Hochzeit in Kraft getretenen Ehevertrag, vielleicht um im Ministerrat die Belange Gratians durchzusetzen. Oder diesem vom dortigen Geschehen zu berichten. Aus der Zeit rührte auch seine Bekanntschaft mit Symmachus638, der in Trier im Auftrag des römischen Senats, aus Anlass des 5-jährigem Regierungsjubi639 läums, eine Lobrede auf Valentinian hielt , wofür er den Titel eines Comes 632

368 (nachdem die Alamannen bei einem christlichen Fest Mainz, das derzeit noch ohne Garnison war, geplündert und zahlreiche Bewohner versklavt hatten,) ging es in einer großflächig koordinierten Aktion, bei der, wie erwähnt, General Severus II als Flügelkommandant tätig war, an den Neckar, was in der folgenlosen Schlacht von Sulicinium (Sulz am Neckar oder Sülchen oder Schwetzingen, Ort ungeklärt) endete, bevor man wieder ins Winterquartier nach Trier zog (Amm. 27, 10. 1-16). 369 ging es, mit weniger Truppen, denn die meisten Resourcen wurden für das Instandsetzen der Rheinbefestigungen verwandt, erneut in die Neckargegend (Amm. 28, 2. 1-9) 633 Epigrammata 28; 31 - beide "iussu Valentiniani Augusti", also auf Geheiß Valentinians 634 Domestica 2, darin nennt er Valentinian "geminum sator Augustorum", den Erzeuger zweier Kaiser (also seines Bruders Valens und Gratians), ohne dass das Reich dadurch zerteilt wurde. 635 Valentinian + Severa (Inncocentia) + Justina (Goldkörnchen); bzw. Valentinian + Valens + Gratian? Alles sonderbare Trinitäten, die erst durch die Geburt des jüngeren Valentinian aus der Balance gerieten. 636 Griphus 1 ff. - ausführlich auch beschrieben in der Widmung des Griphus an Symmachus 637 Epigrammata 29 638 Q. Aurelius Symmachus (ca. 340-402), eine der, wie wir noch sehen werden, schillerndsten Aristokraten jenes auslaufenden Jahrhunderts. Ausonius widmete ihm, wie bereits angedeutet, den Griphus. 639 Am 1. Jan. 370 (Symmachus, or. 2); Bekanntschaft mit Ausonius: Aus. ep. 2 = Symm. ep. 1, 32.4; Symm. ep. 1, 14. 3 bezieht sich kurz auf die "Mosella"

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tertii ordinis spendiert bekam.640 Wenn Justina bei dieser feierlichen Rede anwesend war, könnte sie erstaunt den Sohn jenes Symmachus641 wiedererkannt haben, der dem Freundeskreis ihres berühmten Cousins, des Konsuls von 358, Naeratius Cerealis, angehörte (der der Marcella des Hieronymus einen Heiratsantrag gemacht hatte). Ebenfalls 370 kämpfte der ältere Theodosius, nach dem hocherfolgreich zweijährigen Englandeinsatz anstelle des müden Jovinus zum Magister equitum ernannt, gegen die Alemannen, vermutlich wieder mit seinem Sohn, den er im Kriegshandwerk unterwies.642 In jenem Jahr beschäftigte sich Valentinian aber auch mit religiösen Fragen, indem er für Papst Damasus ein Edikt aufsetzen ließ, das Klerikern und Mönchen verbot, Waisen oder Witwen privat zu besuchen und Geschenke, Erbschaften oder Vermögens-Übertragungen anzunehmen. Was Damasus (Papst 366-384), um das skandalöse Verhalten etlicher Kleriker zu unterbinden, brav in den römischen Kirchen zu verlesen befahl, wofür er im kommenden Jahr mit einem Dekret belohnt wurde, das die katholischen Priester Roms von öffentlichen Arbeitsverpflichtungen freistellte.643 371 dann (zeitgleich in etwa mit der Ernennung des Heiligen Martin zum Bischof von Tours) die Geburt des jüngeren Valentinian. Jetzt hieß es nachdenken. Die Zahl drei hatte ausgedient. Falls Martin (wenn wir spaßeshalber ein letztes Mal annehmen, er sei Severus I gewesen) tatsächlich in dieser Zeit seinen alten Soldatenfreund Valentinian besucht haben sollte (und ihn ein Engel namens Severa nach zehntägigem Fasten endlich einließ), wird er, sollte ihm der Kaiser auch seine Bärenkäfige gezeigt haben - und warum sollte er nicht? -, einiges zum 640 Die Rede als Symm. or. 1 erhalten, die Titel aus seinem umfangreich erhaltenen Briefcorpus (darunter 25 Briefe an Ausonius) abzulesen. 641 L. Avianius Aurelius Symmachus, Stadtpräfekt 365/66 (Amm. 21, 12. 24 und 27, 3) 642 frühe Karriere des älteren Theodosius: Britannien, wo er Severus II und Jovinus (27, 8. 2 - danach eine Textlücke) beim Wiedererobern der Insel entweder bereits Ende 367 oder 368 als Befehlshaber folgt (Amm. 27, 8. 6-10). 369 Fortsetzung der Kampagne (Amm. 28, 3. 1-9) , wobei insbesondere der Schluss mit der Beförderung zum magister equitum anstelle von Jovinus in Trier 28, 3. 9 verklärende Züge hat, die auf extreme Glättung, auch der vorherigen Aktionen, bei denen Jovinus angeblich nicht mehr anwesend war, schließen lassen; 370 dann Kampf mit Alamannen in der Schweiz (28, 5. 8-14); und, 372 mit Valentinian, bei einem Rheinübergang nach Wiesbaden (29, 4. 5 ff. ), wiederum mit Severus II, wobei die Kavallerie von Theodosius vielleicht eine (durch wieder eine Textlücke verschleierte) unglückliche Rolle spielte. Danach, im Anschluss an eine verklärende Summierung seiner bisherigen Taten (in 28, 6. 26), setzt er 372 von Arles nach Afrika über, wo er die Usurpation des Firmus niederschlägt. 643 Cod. Theod. 16, 2. 21. - wobei er schon im Vorjahr eine Dekret des Constantius bestätigte hatte, das gleiches für die afrikanischen Provinzen vorsah (Cod. Theod. 16, 2. 18)

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Staunen bekommen haben. Wobei Martin seiner Schwester - ehrenvolle Scheidung hin, ehrenvolle Scheidung her - womöglich empfahl, doch lieber unter anderem Namen irgendwo in ein Kloster zu gehen, unter zum Beispiel, haha, dem schönen Namen Martina. Oder wenn ihr das - sie könne mit ihrem vielen Geld natürlich auch selber eins gründen - nicht hübsch genug klänge, vielleicht Marina. Im Jahr 371 widmete sich Valentinian Rom nämlich auch noch insofern, als er den Praefectus annonae Maximinus für eine speziell den Adel betreffende Aufgabe644 zum Stadtpräfekten ernannte. Bei der zahlreiche Adelige sich wegen Maleficiums zu rechtfertigen hatten, was aber nun nicht nur Zauberei oder Giftmischerei betraf, sondern in willkürlichem Umfang auch Ehebruch645, wofür man, ohne Senatoren oder, im Fall von Zauberei, sogar 646 Jugendliche zu verschonen, Strafen wie Exil und Tod vorsah. Wobei das Ziel des damit verbundenen willkürlichen Terrors einerseits im Einzug der Vermögen bestand, die man zum Verteidigen der bedrohten Grenzen benötigte, zum anderen aber wohl in der Schwächung von Macht und Ansehen der selbstgefälligen römischen Adelselite, die den Wohlstand des Reiches in Schmarotzermanier vergeudete. Dass Maximinus ausdrücklich die Anwendung der Folter gestattet wurde, verrät die Intention des Ganzen.647 Unterdessen begann - angefeuert von einem Dekret Valentinians, das die Ausübung des manichäischen Glaubens ins Rom untersagte648 und nachdem man im Frühsommer 372 den Alamannenkönig Macrianus bei Wiesbaden zu fangen versuchte und Theodosius senior nach dem Scheitern dieses Versuchs nach Afrika kommandiert wurde, um dort den flächendeckenden Aufstand eines gewissen Firmus niederzuschlagen - bereits der entscheidende Aufstieg des Ambrosius, den man, nach kurzer Tätigkeit als Advocatus in der prätorianischen Präfektur Sirmium, auf Vorschlag des Präfekten 649 Petronius Probus 372 / 373 zum Verwalter Liguriens und der Aemilia mit 644 Wobei er bereits 367 ein Gesetz erlassen hatte, dass, außer den Mitgliedern des kaiserlichen

Hofes, auch hohen Militärs - wohl um angesichts der bedrohten Grenzen den Waffendienst attraktiver zu machen - nach der Entlassung senatorischen Rang bescherte. Cod. Theod. 6, 35. 7. 645 Amm. 28, 1. 10-12 646 Amm. 28, 1. 16; 1. 26; 1. 29 647 Amm. 28.1.11; Cod. Theod. 16, 10 648 Cod. Theod. 16, 5. 3 - wodurch etliche Manichäer willkürlich hingerichtet und verbannt wurden, und man wieder vor allem das Vermögen aller Beteiligten beschlagnahmen wollte 649 371 Konsul mit Gratian

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Sitz Mailand machte. 373 bekam der jüngere Theodosius sein erstes vaterunabhängiges Amt als „Dux Moesiae Primae“ - das östliche Serbien südlich der Donau -, wobei dort allerdings erheblicher Ärger mit den Quaden und Sarmaten ins Haus stand, die - während in Arles ein junger Mann seiner Mutter eröffnete, dass er gedenke in Metz Holzhändler zu werden, weil er keine Lust habe, sein ganzes Leben im „Bordell Nr. 1“ zu verbringen, und Priscillas Tochter in Rimini - also im Jurisdiktionsbereich jenes Ambrosius - einen hübschen Steuereintreiber heiratete, was sie an alte Zeiten denken ließ, unterdes ihr Ehemann zunehmend verbitterte und religiöse Traktate zu schreiben begann - im Spätherbst zwei komplette römische Legionen vernichteten, bevor der spätere Kaiser die Situation halbwegs unter Kontrolle brachte650 und Symmachus das für die Getreideversorgung Roms äußerst wichtige Pro-Konsulat Afrikas erhielt.651 In dem es, wie angedeutet, grad drunter und drüber gegangen war, aber Ende 373 hatte sich die Situation - unterstützt von einem weiteren Religionsdekret Valentinians, diesmal gegen die Donatisten, die sich im dortigen Aufruhr von der katholischen Dominanz losgesagt hatten652 - endlich wieder beruhigt, nachdem Theodosius senior mit äußerster Brutalität, auch gegenüber den eigenen Truppen, vorgegangen war und Firmus zum Selbstmord zwang.653 Nachdem Valentinian mehrere Berichte über die weiterhin prekäre Situation in Pannonien und Moesien erhielt (und Justina vollauf damit beschäftigt war, nach Galla noch zwei weitere Töchter zu gebären, Grata und 650 Ammian 29, 6. 1-16 - wobei dies wegen der angesprochen Glättung der frühen Erfolge der Theodosier bezweifelt wird. Und man darüber spekuliert, dass ihm Valentinian, als er Mitte 374 die Umstände des Verlusts der beiden Legionen erfuhr (bei der die dem "dux Moesiae Primae" unterstellten Kommandeure aus überzogenem Ehrgeiz unkoordiniert agierten - Amm. 29, 6. 13-14), wegen Unfähigkeit den Abschied nahelegt habe (ganz wie er selber Ende 357 von Constantius wegen einer unglücklichen Operation ins Zivilleben versetzt ward - Amm. 16, 11. 7). Sodass der jüngere Theodosius sein Amt im Herbst 374 aufgeben und als Zivilist wieder nach Spanien zurückzukehren hatte, ohne dass Ammian es uns mitteilte. 651 Cod. Theod. 12, 1. 73 vom 30. Nov. 373, wobei Symmachus danach ernsthaft erwartete, die Provinz würde ihm ein Denkmal errichten, weil er seinen Job so gut getan und den Getreidefluß wieder in ordentliche Bahnen gelenkt hatte (Symm. ep. 8, 20) 652 Wobei mehrere donatistische Bischöfe abgesetzt wurden und das Dekret vielleicht eher aus fiskalischen Gründen erlassen wurde - Cod. Theod. 16, 6. 1 653 Wobei er sich durch brutales Durchgreifen, auch gegenüber der Disziplinlosigkeit eigener Soldaten, wie es heißt: viele Feinde machte. Ammians Darstellung zeigt, wie bei den EnglandKampagnen, starke Glättung, die auch in der Grobstruktur erkennbar ist, deren Dynamik sich an den Motiven des "bellum Jugurthum" Sallusts orientiert, der ja (112-105 BC) in der gleichen Region stattfand (Ammian 29, 5. 1-55)

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Justa), wollte er Mitte 374 die Situation offenbar selber bereinigen (wobei er Theodosius junior, dem das weiterhin nicht gelang, vielleicht absetzte), wozu er aber erst mit dem Alamannenkönig Macrianus einen für Rom nicht besonders ehrenhaften Frieden schließen musste, was auf einem riesigen für diesen Zweck bei Mainz im Rhein verankerten Floß, leider war danach die Jahreszeit für einen moeso-pannonischen Feldzug zu fortgeschritten, auch gelang.654 Doch erst der 7. Dezember 374 hatte (unterdes der jüngere Theodosius als Privatmann wieder in Spanien war655 und sein noch immer in Afri656 ka beschäftigter Vater wegen der Absetzung des Sohnes verärgert zu grummeln 657 begann ) als Datum wirklichen Belang. Denn an diesem Tag wurde Ambrosius (mit etwa 35), als Nachfolger des Arianers Auxentius658, zum Bischof von Mailand ernannt, um dort Auseinandersetzungen zwischen Arianern und Katholiken zu schlichten.659 Offenbar wurde ihm eine Schiedsrichterrolle zugetraut, da er, obgleich ungetauft und bislang ohne kirchliches Amt, einerseits zum Katholizismus neigte - seine Schwester Marcella, mit der er oft korrespondierte, war äußerst fromm -, und zum anderen, seiner vornehmlich politischen Vergangenheit wegen, auch den Arianern akzeptabel schien, zumal er, ein Zeichen der Kompromissfähigkeit, den gesamten Klerus seines Vorgängers übernahm. Bevor er sich wieder in Politisches einzu660 mischen wagte, festigte er in den kommenden Jahren seine theologischen Grundlagen. Wobei ihm zustatten kam, dass er, anders als die Mehrzahl der Kleriker, griechisch konnte. 654 655 656 657

Ammian 30, 3. 1-7 Wohl im galizischen Cauca, wo er auch geboren wurde (Zos. 4, 24) Wo er Symmachus wegen seiner gutem Arbeit als Proconsul lobte - Symm. ep 10, 1. 2-3. Siehe Fußnote Nr. 650; wobei man dieses (hoch hypothetische) Grummeln mit seiner Hinrichtung in eventuell bereits dem nächsten Jahr in Verbindung bringt, was für diese Hinrichtung immerhin eine Erklärung gäbe. In diesem Falle ginge sie auf eine Anordnung Valentinians zurück, der damit einer (vielleicht erpresserisch angedrohten) Usurpation des älteren Theodosius vorbeugen wollte. Der Kleine Pauly behauptet, die Hinrichtung sei trotzdem erst nach dem Tod Valentinians im Januar 386 vollstreckt worden 658 seit 355, dem von Constantius dominierten Konzil von Mailand, Bischof; wobei er namentlich erwähnt - dem Heiligen Martin in die Quere kam, als dieser (um 358), nach dem Besuch seiner Eltern in Pannonien, dort Fuß zu fassen versuchte; was Martin zwang als Einsiedler nach Ligurien zu gehen, was er wie durch ein Wunder überlebte, um dann bei Hilarius in Poitiers sein Glück zu versuchen. - Vita Martini 6 659 Einige christliche Quellen loben fälschlicherweise Valentinian dafür, Ambrosius installiert zu haben (Socrates 4.30; Sozom 6.24; Theodoret 5.6) 660 Wobei sein Leben durch seinen Sekretär Paulinus zeitnah überliefert wurde, Paulinus, Vita Ambrosii. Bis - interessante Parallele zu Ausonius "Ephemeris, id est totius dies negotium" - in die Einzelheiten seines Tagesablaufes (Paulinus, vita Ambr. 39)

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Derweil hatte - unterdes sich der zwecks Geldbeschaffung praktizierte Terror gegenüber dem römischen Adel unter den neu ernannten Stadtpräfekten (bzw. vicares Urbis Romae) Simplicius und Doryphorianus verschärfte, was ganze Bibliotheken in Flammen aufgehen ließ, weil darin magisches Schriftgut vermutet wurde - auch Justina ihre Position am Hof ausgebaut. Ihre Mitkaiserin Severa musste den Hof verlassen, weil sie in eine Grundstücksspekulation verwickelt war, die sie nicht gut aussehen ließ.661 Und ihr 662 Bruder Cerealis weilte jetzt stets in unmittelbarer Nähe des Kaisers. Was auch sie gedachte, fortan zu tun, sogar wenn Valentinian Krieg führte. Was 375 wieder der Fall war, weil die Quaden keine Ruhe gaben. Als Valentinian - mit Justina und Sohn - im Frühjahr nach Pannonien ging, um die barbarischen Eindringlinge einzuschüchtern, indem er die Donau überquerte, wo er im nördlichen Ungarn jeden ihrer Siedlungsversuche niederbrannte, stieg auch Ausonius in der politischen Hierarchie auf: er wurde Palastverwalter in Trier, wobei seine Tochter einen gewissen Latinus Euromius geheiratet hatte, der nächstes Jahr Präfekt von Illyrien werden sollte, dem Angelpunkt der derzeitigen Konflikte. Und beim überraschenden Tod Valentinians war Justina mit ihrem Sohn zur Stelle. Sodass dieser am 23. 11. 375 - bereits 6 Tage nach dem Verscheiden des bärenliebenden, etwas jähzornigen Kaisers - in einem Komplett mit den Generals-Ministern Merobaudes663 und Equitius, im Rahmen einer etwas merkwürdigen Prozedur in Budapest zum Mit-Augustus ausgerufen werden konnte: Ammian 30, 10: 4 Accordingly … the matter of succession was carefully conside-

red and the plan was unfolded that the boy Valentinianus, son of the deceased emperor and then four years old, should be summoned and given a share in the rule. He was at the time a hundred miles distant, living with his mother Justina at the country house called Murocincta. 5  When this had been approved by unanimous consent, the boys‘ uncle Cerealis664 was immediately sent to the place, put him in a

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Malalas 341.1-7: Chronicon Paschale 559.7-13; John of Nikiu Chronicle, übersetzt von R.H. Charles. p. 82 --- Die unterstellte Immobilien-Spekulation der vormaligen Kaiserin, paßt übrigens recht hübsch zu den zahlreichen Grundstückchen, die Ausonius sein eigen nannte. Zumal er bei der Rückkehr nach Bordeaux extra betonte, er sei lediglich auf sein Erbteil zurückgekehrt. 662 Als Tribunus stabuli, Ammian 30, 5. 19 663 Konsul 377, 383 - ein fränkischer? General 664 also der erwähnte Bruder Justinas.

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litter, and brought him to the camp; and on the sixth day after the passing of his father he was in due form declared emperor, and after the customary manner hailed as Augustus. 6 And although, while this was being done, there was some thought that Gratianus would take it amiss that another emperor was chosen without his permission, this fear later vanished and men lived free from care, since Gratianus, besides being a kindly and righteous man, loved his kinsman with great affection and saw to his education.

„ganz legal“ wie Ammian schreibt, wobei man Kritik am Verfahren zu hören meint.665 Schließlich war (der zum Arianischen neigende) Valens im Osten noch Augustus, und im Westen war es Gratian nicht weniger. Und es war deren Aufgabe, Nachfolger zu bestimmen. Aber: Gratian war so gutmütig, dass er es Justina durchgehen ließ. Die von Valentinian außer dem Sohn Justus (Fortsetzung von Abb. 1)

Severa ( + Valentinian I + ) Justina (321-375) Gratian (359-383)

Valentinian II (371-392)

Constantianus (gest. 369)

Cerealis

Galla (+ Theodosius +) Flaccilla (geb. 372) (347-395)

Konstantin III + Galla Placidia (gest. 421) (390-450) Valentinian III (419-455)

Arcadius (377-408)

Honorius (384-423)

Das Mausoleum der Galla Placidia (ca. 420)

Abb. 3 - Valentinian, Justina und die Familie des Theodosius

noch drei Töchter hatte. Grata und Justa blieben unverheiratet. Vielleicht wollte Justina sie in Reserve halten. Galla müsste 372 geboren sein. Als Theodosius sie 387 ehelichte, war sie höchstens 15. -5Gratian Doch nun war Gratian (375 mit 17) auf der Hut. Wobei, wie gesagt, uneruierbar ist, inwiefern er oder seine Berater (oder die Justinas) einen der, laut allseits geteiltem Urteil: „fähigsten Generäle seines Vaters“, den älteren 665 Socrates (E. H. 4. 31) und Sozomenos (6. 26) sagen, Gratian sei verärgert über die Ernennung des jüngeren Valentinian gewesen, und dass er nur zögernd zugestimmt habe.

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Theodosius in Carthago hinrichten ließen.666 Auf jeden Fall bemühte er sich, Gegengewicht zu schaffen, indem Regierungspositionen mit Leuten seines Vertrauens besetzte. Wenn er Severa, die eigene Mutter, nicht zurückrufen konnte, weil sie bereits tot war (2 widersprüchliche Quellen667), versuchte er vielleicht wenigstens ihre Familie zu reaktivieren, wobei - während er darüber hinaus eine schöne Rede zur deren Feier in Auftrag gab (worin z. B. stand, dass Valentinian und Severa wunderschöne Tage in Sabaria verbracht hatten668, in denen sie den kleinen Gratian fabrizierten) - Severus Censor ins Spiel gekommen sein mag. Und während sich Symmachus nach dem 669 Tod Valentinians I auf eine Senatsrede konzentrierte , die man mit großem Beifall aufnahm, da seine Würdigung Gratians zugleich die negativen Eigenschaften des Vaters ins Spiel brachte, machte die Familie des Ausonius jetzt richtig Karriere. Bereits 376 - als Priscilla in Rimini eine Affäre mit

666 Diese Hinrichtung (der Ort Carthago ist allein durch Orosius 7, 33. 7 belegt) erfolgte, wie mehrfach angedeutet, unter unklaren Umständen, wobei nicht mal das Datum 376 (Hier. Chron. 376 ist die einzige - in diesem Fall als unzuverlässig eingestufte - Quelle) gewiss ist. Sodass darüber diskutiert wird, ob - sollte nicht, wie grad diskutiert, Valentinian selber die Hinrichtung angeordnet haben - jemand (da sich der ältere Theodosius 372/373 in Afrika viele Feinde machte), die unklaren Verhältnisse nach Valentinians Tod zur Rache nutzte. Oder ob andere Generäle ihn (im Auftrag der Berater von Gratian oder Justina) daran hindern wollten, die Usurpation zu versuchen. Sein Sohn, der jüngere Theodosius, dem er das Kriegshandwerk vermittelt hatte, zog sich daraufhin (selbst das "daraufhin" ist, wie in unserer Chronologie grade hypothetisch-beispielhaft demonstriert, indes strittig) nach Spanien zurück (Paneg. Lat. 2 (12) 9 und Theodoret 5, 5). Um erst wieder zurückzukehren, als ihn Gratian nach dem Tod des Valens, erst zum magister miltum Illyriae, dann, Anfang 379, zum Augustus des Ostens ernannte. 667 Consularia Constantinopolitana gegen Malalas 341.1-7 + Chronicon Paschale 559.7-13 + Johannes von Nikiu. Wobei die in Ammian (28, 1. 57) explizit sogar auftauchende "Mutter" (genaueres später), die auf der Bestrafung von Übeltätern bestand, welche sich in Rom bei der brutalen Verfolgung jedweder Zauberei ausgezeichnet hatten (siehe Fußnote Nr. 142), wohl nicht Severa, sondern Justina ist. 668 Eine mit dem Üblichen kontrastierende Charakteristik Valentinians findet sich (um 400 verfasst) in Vict. epit. 45, 5: "Valentinian was seemly in countenance, clever in character, serious in mind, most cultivated in conversation, although a man of few words, stern, vehement, tainted by faults, and most of all that of greed, of which he was a keen lover, and, in these things which I shall mention, very close to Hadrian: he was a most elegant painter, had a most powerful memory, reflected upon new weapons, fashioned images by means of wax or clay, made prudent use of places, times, and conversation; and so, in order to conclude briefly, if it had been permitted that he, who had entrusted himself as if to men most reliable and most prudent, had lacked men inimical to him, or that he had employed praiseworthy and erudite advisors, without doubt, he would have shone forth, a perfect princeps." Symmachus, Pro Trygetio - laut Symm. ep. 1, 44 am 9. Januar, wobei er schon am 1. Januar 669

eine Regierungserklärung Gratians verlesen hatte (Symm. ep. 1, 13; 10, 2)

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ihrem Schwiegersohn begann und Valens (beinah gedankenlos670) fast einer Million Goten mit ihrem König Fritigern, unter dem sie zum (arianisch) christlichen Glauben übertraten671, gestattete, über die Donau zu setzen, weil sie vor den Hunnen Schutz suchten - wurde Hesperius, der Sohn des Ausonius, Pro-Konsul Africas und sein allzu früh verstorbener Schwiegersohn Valerius Latinus Euromius tatsächlich Präfekt in Illyrien672, wo er erleichtert konstatieren konnte - vielleicht starb er in Ausübung seiner Pflicht -, dass wenigstens die Quaden nun Ruhe gaben. Nach diesem vorzeitigen Tod (Priscillas Tochter starb Ende des Jahres ebenfalls, weshalb sie ihren Schwiegersohn fallen ließ) mochte Gratian, nachdem er am 23. Mai 376 der Trierer Professorenschaft bereits pauschal eine ungewöhnlich hohe Besoldung zukommen ließ und Symmachus Vater zum Konsul designiert hatte (wofür ihm der Sohn in einer blumigen Senatsrede dank673 te ), es für günstig erachtet haben, die Bindung zu Ausonius noch dichter zu schlingen, indem er dessen sehr jung nun verwitwete Tochter mit Thalassius, dem Sohn von Severus Censor vermählte.674 Eine Verbindungsehe, die ein Beziehungsnetz stabilisierte, das jetzt zurechtgezurrt wurde. Sollte Censor in der Tat ein Onkel Gratians gewesen sein, wäre Ausonius zwei Jahre später angetretenes Konsulat die direkte Konsequenz. Denn in diesem Falle wäre seine Tochter die Kusine Gratians. 377 war Thalassius, der neue Schwiegersohns, jedenfalls Nachfolger von Hesperius im Pro-Konsulat des getreidespendenden Africa, bei dem man sich, selbst ohne großes Geschick, nun eine goldene Nase verdienen konnte. Unterdes kam es in den Donaugebieten zu Streit zwischen ansässigen 670 Wie Gibbon ihm und seinen Beratern vorwarf, der in diesem kaum überlegten Akt unrömischer Milde die Ursache der folgenden Katastrophen sah - Gibbon 26 671 Deutlich verschönt beschrieben in Theodoret 4, 37, laut dem es beim Donauübertritt zu einer rasch ausgehandelten Vereinbarung zwischen Fritigern, Eudoxius (dem arianischen Bischof von Konstantinopel) und dem gotischen Bischof Wulfilas (ca. 310-383) kam, der die Bibel ins Gotische übersetzt hatte. Dieser wurde (laut Brief des Auxentius, eines Schülers von Wulfilas, worin - zeitnah ums Jahr 400 - dessen Leben beschrieben wird) zur Zeit des Constantius bekehrt und war daher ebenfalls Arianer. Wobei Theodoret eine nette Kurzfassung des gotisch-arianischen Glaubens liefert: "Daher halten die Goten bis auf den heutigen Tag den Vater für größer als den Sohn". - Die ersten Zeile von Wulfilas gotischem Vaterunser kann man als Deutscher übrigens auch heute noch verstehen: atta unsar þu ïn himina … 672 Ausonius Parent. XIV 673 Symm. or. 4 (pro patre) 674 Gemäß also unserem Szenario Gratians Cousin über den Bruder seiner Mutter

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Römern und den planlos eingelassenen Goten, auch solchen, die einfach ebenfalls über die Donau kamen und nicht unter der Herrschaft von Fritigern standen, wobei sich - zum Teil schon mit Wissen Fritigerns, der eine sonderbare Schwäche der bislang bewunderten Römer in ihrem Hinterland zur Kenntnis nahm - erste, noch zaghaft lokale Plünderungen thrakischer Gebiete ereigneten. Dass der junge Augustus die Verwandtschaft des Ausonius nun Karriere machen ließ, scheint davon zu zeugen, dass es seiner Herrschaft an Vertrauenspersonen mangelte. Woher sollte er sie auch haben. Selbst die Leibwache aus fremdländisch aussehenden Alanen, die soviel Unmut erregte, bezeugt es. Zugleich bemühte sich Gratian - er strengte sich wirklich nach Kräften an - um eine stärkere Unterstützung der Kirche, wobei er sich von Ambrosius beraten ließ und die genauen Datierungen umstritten sind. Ambrosius - in der Jugend der Herrscher sah er wohl eine Gelegenheit, die Macht der Kirche gegenüber der kaiserlichen Gewalt zu stärken - setzte jedenfalls in Sirmium den Bischof Anemius durch; und sorgte (vielleicht) auf einer gleichfalls in Sirmium stattfindenden Synode als spiritus rector für ein Bekenntnis zum katholischen Glauben675, wobei die Datierung inmitten eines von arianisch-gotischen Eindringlingen bereits beeinflussten Szenarios zwischen 375 und 378 ebenso schwankt, wie das Datum der Absetzung des salonischen676 Bischofs Leontius. Indes Justina - heilfroh, dass nach der riskanten Erhebung ihres Sohnes (wobei sie, wie gesagt, den Vater des Theodosius vielleicht hatte umbringen lassen) alles so gut verlief - mit dem jüngeren Valentinian nun abwechselnd in Mailand und ebenfalls Sirmium weilte, weil man ihm außer Italien auch Illyrien als Herrschaftsbereich zugeschrieben hatte. Wobei das einzige Zeugnis von ihr aus dieser Zeit immerhin einiges über die Wurzeln ihres 675 Nur überliefert durch Theodoret, H.E. IV, 7. 6-7; IV, 8; wobei erhebliche Bedenken über die Existenz der Synode, bzw. das Ausmaß ihres Vorgehens gegen die Arianer bestehen (6 abgesetzte arianische Bischöfe, deren Namen ansonsten nicht bezeugt sind). Weder Ambrosius noch der damalige Papst Damasus erwähnen diese Synode. 676 Des Bischofs also von Salona, unmittelbar neben dem heutigen Split gelegen, wo Diocletian (der Schöpfer der Tetrarchie und letzter Christenverfolger) in einem bis heute spektakulären Palast (ab 305) nach seinem Rücktritt den Lebensabend verbrachte. In Salona sind noch die Fundamente einiger ausgedehnter Kirchenbauten aus dem 4. und 5. Jh. zu besichtigen, die einen Eindruck davon vermitteln, was für ein prachtvoller Bischofssitz es einst gewesen sein muss.

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Charakter verrät, denn sie bestand auf der harten Bestrafung etlicher Übeltäter, die sich - unter der Herrschaft ihres guten Gatten - in Rom bei der Verfolgung jedweder Zauberei ausgezeichnet hatten.677 (Ammian 28, 1) 57 „But the final curses of his victims did not sleep. For, under Gratian … not only did this same Maximinus, because of his intolerable arrogance, fall victim to the executioner‘s sword, but Simplicius also was beheaded in Illyricum. Doryphorianus, too, was charged with a capital crime and thrown into the prison called Tullianum, but Gratian, at the suggestion of his mother, had him taken from there, and on his return home put him to death with tremendous tortures.678

Dafür, dass die hier in „matris consilio princeps exinde rapuit“ auf grausamer Folter bestehende „Mutter“ Justina sein dürfte (und nicht Severa, Gratians leibliche Mutter), spricht a.) dass zuvor von Illyrien die Rede ist, also ihrem Herrschaftsbereich, und b.) dass Justina auf Grund ihrer Familienverbindungen (und womöglich eines längeren Rom-Aufenthalts) gute römische Bekannte hatte, die von den Verfolgungen betroffen waren, denen sie aber c.) wegen ihrer 4 Schwangerschaften nicht hatte helfen können, dass sie aber d.) nach dem Tod ihres Mannes nun auf harter Bestrafung bestand. Was wiederum e.) auf einen so resoluten Charakter schließen lässt, dass ihr f.) auch eine Beteiligung an der Exekution des älteren Theodosius zuzutrauen ist, wobei sie wiederum g.) nach dem Tod ihres ersten Gatten, von h.) Constantius 353 gelernt hatte, dass man nach einem Regierungswechsel die üblen Taten schnell begehen muss. Wobei sie darüber hinaus wohl schon mal ins Auge fasste, dass die römische Aristokratie, die unter Valentinian so sehr gelitten hatte, für sie (und ihren Sohn) ein wertvoller Verbündeter werden könnte. Was i.) beweisen mag, dass sie, auch über den nächsten Tag hinaus, wusste, wie man sich Optionen eröffnete. Keine geringe Leistung. Trotzdem wurden die Nachrichten aus dem Osten katastrophal: Als eine Gotengruppe mit den Römern vor Adrianopel in Streit geriet und deshalb auf einmal die Stadt zu belagern begann, wobei sich die Einwohner recht effektiv verteidigten, wechselte Fritigern, dem die Vorgänge in Mailand und Rom völlig egal waren, schon weil er nicht das geringste davon mitbekam, die Strategie: 677 678

siehe Fußnote Nr. 142 Doryphorianum pronuntiatum capitis reum trusumque in carcerem Tullianum, matris consilio princeps exinde rapuit, reversumque ad lares per cruciatus oppressit inmensos.

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(Ammian 31, 6) 4 Fritigern, seeing that his men, being inexperienced in conducting a siege, were carrying on the struggle with such loss of life, left a sufficient force there and persuaded the rest to go away without finishing the task; he reminded them that he kept peace with walls and advised them to attack and devastate the rich and fruitful parts of the country, which were still without protectors and could be pillaged without any danger. 5 They approved the counsel of the king, who they knew would be an active participator in the plan, and advancing cautiously they spread over every quarter of Thrace, while their prisoners or those who surrendered to them pointed out the rich villages, especially those in which it was said that abundant supplies of food were to be found. Besides their native self-confidence, they were encouraged especially by this help, that day by day great numbers of their countrymen flocked to them, including those who had been sold some time before by the traders, as well as many other persons, whom those who were half-dead with hunger when they first crossed into the country had bartered for a drink of bad wine or bits of the poorest of bread. 6 Besides these there were not a few who were expert in following out veins of gold, and who could no longer endure the heavy burden of taxes; these were welcomed with the glad consent of all, and rendered great service to the same, as they wandered through strange places, by pointing out hidden stores of grain, and the secret refuges and hiding-places of the inhabitants. 7 With such guides nothing that was not inaccessible and out of the way remained untouched. For without distinction of age or sex all places were ablaze with slaughter and great fires, sucklings were torn from the very breasts of their mothers and slain, matrons and widows whose husbands had been killed before their eyes were carried off, boys of tender or adult age were dragged away over the dead bodies of their parents. 8 Finally many aged men, crying that they had lived long enough after losing their possessions and their beautiful women, were led into exile with their arms pinioned behind their backs, and weeping over the glowing ashes of their ancestral home.

Nach etlichen Meldungen dieser Art, stellte Gratian Truppen zusammen, um Valens im Osten zu unterstützen, wozu ihn Ambrosius mit einem Traktat über den christlichen Glauben ausstattete679, der ihn gegen die orientalische Sophistik der Umgebung des Valens immunisieren sollte.680 Unter 679

Ambrosius, De Fide ad Gratianum Augustum, mehrfach verbessert und verlängert, zu am Ende 5 Büchern 680 Auch hier ist die Datierung umstritten, wobei die direkt ausgesprochene Siegeszuversicht der ersten beiden Bücher unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass sie nach der Niederlage von 378 geschrieben sein können. Während die Anrede Gratians als "totius orbius Augustus" ein Datum direkt nach Adrianopel suggeriert, was allerdings auch als spätere Retusche gelten kann, die zu den danach

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dessen Herrschaft es im Osten wieder zu bitteren Konflikten zwischen Arianern und Katholiken gekommen war681, um die sich der Kaiser kaum kümmerte. Hesperius, der Sohn des Ausonius, wurde unterdes mit der Präfektur Italiens betraut, die er bis 380 innehatte. Und der neue Schwiegersohn, Thalassius, folgte ihm 377 im goldenen Africa682, indes der betagte Vater des Ausonius Prätorianerpräfekt in Illyrien blieb.683 Doch im Herbst jenes Jahres - dem des Konsulats von Gratian und Merobaudes (der für die Inthronisation des jüngeren Valentinian mitverantwort684 lich war) -, in dem Symmachus erkrankte (unterdes Priscilla ihren ebenfalls erkrankten Gatten nun bis zu seinem Tode pflegte) - begann der gotische Krieg auf dem Balkan ernsthaft, eine Entwicklung, angesichts welcher sowohl solche Reden, als auch derlei Personalien wie dürre Idyllen erschienen. Denn nun schmiedete Fritigern ein wirklich gefährliches Bündnis, dem sich auch Alanen und Hunnen anschlossen, wobei sich die kaiserlichen Truppen nach einer kleineren Schlacht (derjenigen „ad salices“) zurückziehen mussten, um sich zu reorganisieren: (Ammian 31, 7) 6 But scarcely were the passes open and our men conveniently

gone, when the imprisoned barbarians, in disorder, wherever each man found no opposition, pressed on to set all in confusion; and unhindered they spread devastation over all the wide plains of Thrace, beginning at the very regions past which the Hister flows, and filling the whole country, as far as Rhodope and the strait which separates two great seas, with a most foul confusion of robbery, murder, bloodshed, fires, and shameful violation of the bodies of freemen. 7  Then there were to be seen and to lament acts most frightful to see and to describe: women driven along by cracking whips, and stupefied with fear, still heavy with their unborn children, which before coming into the world endured many horrors; little children too clinging to their mothers. Then could be heard the laments of high-born boys and maidens, whose hands were fettered in cruel captivity. 8 Behind these were led last of all grown-up girls and chaste wives, weeping and with downcast faces, longing even erst verfassten Büchern 3 bis 5 passt. 681 Athanasius war erst 373 gestorben (verbannt?) // eruieren 682 Oder vielleicht auch Illyrien, wie von Altay Coskun geschlussfolgert: "Die gens Ausoniana an der Macht. Untersuchungen zu Decimus Magnus Ausonius und seiner Familie", Oxford 2002 683 Von 375/376 bis (wie Altay Coskun vorschlägt) vielleicht zum Herbst 377 (wonach ihm, siehe vorige Fußnote, Thalassius gefolgt sein könnte) - wegen des Alters wohl nur ein Ehrenamt, dessen Bedeutung Ausonius in Domestica 4. 52 übertrieb 684 Symm. ep 1, 20; 2, 49; 3, 47

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by a death of torment to forestall the imminent violation of their modesty. Among these was a freeborn man, not long ago rich and independent, dragged along like some wild beast and railing at thee, Fortune, as merciless and blind, since thou hadst in a brief moment deprived him of his possessions, and of the sweet society of his dear ones; had driven him from his home, which he saw fallen to ashes and ruins, and sacrificed him to a bloody victor, either to be torn from limb to limb or amid blows and tortures to serve as a slave.

Auch dass Ausonius 378 Präfekt in Gallien wurde und Hesperius es in Italien blieb, verbesserte die Nachrichtenlage nicht. Denn zu allem Überfluss fielen, als Gratians Truppen bereits in Illyrien waren, um Valens endlich Hilfe zukommen zu lassen, die Alamannen erneut in das Elsaß und die Rheingegend ein, sodass Gratian seine Soldaten zurückbeordern musste. Mit Hilfe der fränkischen Generäle Naniemus und Mallobaudes besiegte er die Eindringlinge zwar bei Colmar und überschritt nun selber den Rhein, um die Alamannen endgültig niederzuringen, was auch gelang, aber den ursprünglichen Feldzugsplan weiter verzögerte.685 Daher griff Valens am 9. August die Goten allein an, um die grauenhaften Plünderungen endlich zu beenden, und es kam zur Katastrophe von Adrianopel, bei der das oströmische Heer vernichtet wurde und Valens starb, das maximale Desaster. Libanios hielt die Totenrede686 für den nicht sehr geliebten Bruder Valentinians. Und Ammian, dessen Geschichtswerk mit dieser Niederlage abbricht, wurde der letzte römische Historiker, der auf Latein schrieb. *** Gratian versuchte zu reagieren, indem er (mit 19) im Herbst 378 in Sir687 mium zunächst einen Religionsfrieden verkündete , und Ausonius, ohne 688 Wahlen abhalten zu lassen, zum Konsul fürs Jahr 379 bestimmte und dessen Neffen Arborius zum Comes rerum privatum. Um dann am 13. Januar, weil er sich nicht zutraute, die Lage allein zu bewältigen, in endlich einem weiterführenden Beschluss, Theodosius (derzeit 33) zum Augustus des 685 Ammian 31, 10 686 Libanios, De nece Iuliani ulciscenda 3 687 Der jedem gestattete, sich in einer Kirche seiner Wahl zu versammeln und nur "Eunomäer,

Photinianer und Manichäer ausschloß". Wobei die großen Städte des Ostens z. T. sowohl arianische als katholische Bischöfe hatten. In Konstantinopel waren die Kirchen im Besitz der Arianer - Socr. HE 5, 2. 1, 688 Ausonius, Gratiarium actio

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Ostens zu bestellen, immerhin einen bewährten General689, damit er den Krieg gegen die Goten führe. Eine wie Gibbon schreibt, makellose und ehrenvolle Erhebung (an der Ausonius als Berater mitgewirkt haben mochte), die in der Weltgeschichte ihresgleichen suche.690 Eine der folgenreichsten - und zugleich wohl am sorglosesten begonnenen - zivilen Strategien des Theodosius bestand nun aber offenbar darin, dass er, um das Reich zumindest in Glaubenssachen endlich zu einen, den unter Valens erneut bitter geführten Religionsstreit dadurch beenden wollte, dass er den rechtgläubigen Katholiken zum Sieg verhalf und den Arianismus dem, außer den zahlreich gewordenen Goten, auch Justina zuneigte, sei es in Erinnerung an ihre Jugend in Rom und im Picenum oder dem Eindruck der Synode von Rimini, sei es aus Wunsch nach einem Distinktionsgewinn gegenüber den Mitaugusti -, zumindest im Osten ganz auszurotten ver691 suchte. Dementsprechend ließ er sich in Thessaloniki katholisch taufen. Auch Gratian mochte von der Wichtigkeit dieser Strategie überzeugt worden sein, denn er geriet nun - nachdem er Symmachus im Senat die Erfol692 ge der Regierung beim Stabilisieren der Situation hatte darlegen lassen - endgültig unter den Einfluss des Ambrosius, sodass die grad verkündete, vielleicht von Justina mitbeeinflusste693 Religionsfreiheit im Herbst 379

689 Der, aus Spanien stammend, seit einigem wieder als Zivilist in der Heimat weilte, was wir

bereits erörterten. Das Akzeptieren dieses Rufes wird Theodosius (der grade Aelia Flacilla geheiratet hatte, die ihm 377 Arcadius gebar) nicht leicht gefallen sein, sodass er ihm - nachdem er hatte erfahren müssen, wie man mit dem Vater umsprang - nur mit äußerster Vorsicht folgte. Und im weiteren Verlauf fällt ja eine gewisse Zurückhaltung, eine bewusste Distanz gegenüber Gratian und später Justina auf, die bei der Jugend Gratians, der offensichtlich auf Hilfe angewiesen war, erstaunt und vielleicht auf Ressentiments gegenüber den beiden zurückzuführen ist, die er verdächtigte, aktiv am Tod des Vaters mitgewirkt zu haben. Wobei sich dies erst verflüchtigte, als er 387 Justinas Tochter Galla ehelichte und der jüngere Valentinian sich dem Katholizismus unterwarf. - Wie heikel der Tod von Theodosius senior noch 390 gewesen sein muss, verrät - wie schon mehrfach bemerkt - Ammian, indem er den Kaiservater einerseits heroisiert and andererseits über die Hinrichtung keine Silbe verliert. 690 Wobei wir andere Bewertungsmöglichkeiten bereits in Betracht zogen. Offenbar kannte man aber, obwohl die Hinrichtung des Vaters die Sache erheblich komplizierte, keinen besseren. Und Eile tat Not. 691 Socr. H. E. 5, 6. 3-5; Sozomenos. H. E. VII, 4. 3 692 Symm. ep. 1, 95; 3, 18 693 Denn 386 erließ sie ja, im Konflikt mit Ambrosius, im Namen des jüngeren Valentinian tatsächlich wieder ein Edikt, das Religionsfreiheit garantieren sollte

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durch ein Reskript wieder aufgehoben wurde, das alle Häresien verbot.694 Am 27. Februar 380 richtete Theodosius ein Edikt an die Einwohner Kon695 stantinopels, worin er wissen ließ, worin der rechte Glaube bestünde. *** Spätestens zu diesem Zeitpunkt mussten Gratian Zweifel an der Kompetenz des Ausonius gekommen sein, der, ohne militärische Fähigkeiten zu entwickeln, narzisstisch Dankgebete auf sein eigenes Konsulat verfasste696, und, statt die Gefahr zu erkennen, in welche die arianische Abweichung den bedrohten Staat führte, den katholischen Glauben durch ausgerechnet ein solches Dankgebet, verfasst in einem exzentrischen, rhopalisch genannten Rhythmus, auch noch zu veralbern schien697, und so schickte er ihn 380 lieber zurück aufs Land, damit er sich (mit 69, unterdes Priscilla Lyon besuchte und ihre Heimat bei Clermont wiedersah, wobei ihr Mann nach ihrer Rückkehr leider starb) ganz der Dichtkunst widmen konnte. Während Arborius, des Ausonius Neffe, als Präfekt von Rom - unterdes Priscillian und 2 Bischöfe in Saragossa von der Kommunion ausgeschlossen wurden, wovon sich jene Bischöfe so wenig einschüchtern ließen, dass sie Priscillian zum Bischof von Avila ernannten - ganz brauchbar schien. Zugleich gestattete Gratian Ambrosius auf der Synode von Aquileia - als Gegenstück zur von Theodosius (581) grad in Konstantinopel veranstalteten, wo das heute noch gültige Glaubensbekenntnis verabschiedet wurde698 - auch im Westen einen Schlusspunkt unter die Auseinandersetzungen mit den Arianern zu setzen. Denn mit geschickter Teilnehmer-Auswahl gelang es dem Mailänder Bischof - überzogene fairness gehörte nicht zu seinen Eigenschaften -, das Konzil wegen der wenigen illyrischen Vertreter in deren 694 Cod. Theod. 16, 5. 5 695 Sozomenos, H.E. 7, 4. 4-6; Theodoret, H.E. V, 2 696 Domestica 3; 5; 6 697 Domestica 3; rhopalischer Rhythmus insofern, als das erste Wort jeder Zeile eine Silbe

aufweist, das nächste 2, das nächste drei, das letzte schließlich fünf, also insgesamt 15 Silben pro Zeile. Keine ganz leichte Bastelei, mit, wie man in der Mathematik sagen würde, stark einschränkenden Randbedingungen. Was aber offenbar Ausonius Spezialität war, denn auch andere seiner Gedichte es sei erinnert an den Griphus zur Feier der Zahl drei oder den nur aus Vergil-Zitaten bestehenden Cento nuptialis - fügen sich solch starken formalen Beschränkungen. Das Gebet endet nach 42 Zeilen mit: "Spes, deus, aeternae stationis conciliator!" 698 Socr. H. E. 5, 8

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offizielle Verurteilung zu verwandeln.699 - Wonach sich deren Anhänger bei Justina beschwerten, in deren Herrschaftsbereich sich Illyrien befand. Was diese ins Grübeln brachte. Was sollte sie tun? Ebenso handeln wie (der mit 21 doch sehr naive) Gratian? Sollte sie sich also dem von Theodosius und, mit Vehemenz nun auch Ambrosius, verfolgten Kurs unterwerfen? Oder sprang für ihren Sohn, den jungen Valentinian, etwas heraus, wenn sie etwas Opposition riskierte und anderswo Unterstützung suchte. Noch hielt sie still. Auch als Gratian nach Mailand kam, um dort, in einer - während Priscilla überlegte, nach Clermont überzusiedeln, weil sie sich nach dem Tod ihres Gatten in Rimini langweilte - nun gegen das in Rom noch äußerst präsente Heidentum gerichteten Geste, 381 auf Anraten von Ambrosius das 700 Amt des Pontifex Maximus niederzulegen und die Privilegien der heidnischen Priester und Vestalinnen701 samt den Sonderrechten ihrer Kulte abzuschaffen. Und für die spanischen Bischöfe auf deren Bitten ein Reskript herausgab, das den Priscillian betreffenden Saragossa-Beschlüssen kaiserliche Autorität verlieh. Wobei Gratian 382 - unterdes Priscilla in Streit mit dem Bischof von Clermont geriet - auch den Altar der Victoria aus dem Sitzungssaal des Senats entfernen ließ. Worauf eine von Symmachus geführte Gesandtschaft gegen die Maßnahmen am Mailänder Hof protestierte, aber abgewiesen wurde.702 Während Priscillian und einige Anhänger, nachdem sie vom Papst - der grad einen neuen Sekretär namens Hieronymus einge703 stellt hatte, bald wurde dieser auch Seelsorger etlicher Damen - ebenfalls abgewiesen worden waren, immerhin zu einem von Gratians Beamten vordrangen704, der das sie betreffende Reskript außer Kraft setzte, ohne dass der Kaiser im mindesten begriff, worum es da ging. 699

In ep.10 und 11 berichtet er Gratian darüber, und bittet ihn, die Resultate des Konzils in offizielle Beschlüsse zu verwandeln. 700 Zosimos 4, 36 - wobei das Datum unsicher ist, es muss jedenfalls nach 379 stattgefunden haben, da Ausonius ihn am 1. Januar jenes Jahres in Grat. actio 7, 35 noch als Pontifex maximus bezeichnet. 701 Die damals bereits fast nur noch verspottet wurden, auch weil sie anders als die von Ambrosius gefeierten christlichen Nonnen - nach 30 Jahren wieder ein normales Leben führen durften, z.B.: "Sie trägt ihre verwelkten Falten zum Hochzeitslager und lernt als Jungvermählte, heiß zu werden im kalten Bett." Prudentius, Gegen Symmachus 2, 1084 f. 702 Symmachus, rel. 3, Ambr. ep. 72a, bzw. ep. 17.10 für das Datum 703 u. a. den heilig gewordenen Lea und Fabiola, sowie den nicht unvermögenden Witwen Marcella und Paula (geb. 347) und deren Tochter Eustochium (geb. ca. 368), wobei ein umfangreicher Briefwechsel den jederzeit freundschaftlich-fürsorglichen Charakter der Beziehungen klar enthüllt; Hieronymus war derzeit 36 704 Es handelte sich um den magister officiorum Macedonius, den sie bestachen, siehe Teil 3 dieses Anhangs "Neues vom Heiligen Martin"

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Denn nachdem er den östlichen Krieg in kompetente Hände gelegt, im Westen gegen die Alamannen für Ordnung gesorgt und die kirchlichen Dingen Ambrosius übertragen hatte, meinte er wohl, sich auf die schöneren Seiten des Lebens zurückziehen zu können. Er war wirklich noch sehr jung, aber plötzlich - selbst die Geburt eines Sohnes änderte nichts705 - schien er sich (unterdes Symmachus wieder erkrankte706) nur noch für die Jagd und seine Trierer Bauten zu interessieren, wobei er viel Geld in eine exotische Leibwache707 investierte und seine Fertigkeiten als Bogenschütze in einem Ausmaß verbesserte, dass es bewundernswert war.708 Unterdessen (379-382) konsolidierte, von Thessaloniki aus, Theodosius die römische Position gegenüber den Goten. Mit einerseits Nadelstichen und kleineren Gefechten - von denen eins 379 von Symmachus im Senat wieder überschwenglich gefeiert wurde -, zum anderen einer systematisch nun verstärkten Germanisierung des römischen Heeres, sowie etlichen großzügig gewährten Verträgen. Im Rahmen welcher er am 25. Jan. 381 das Begräbnis des Königs Athanerich, der sich zuvor mit ihm verbündet hatte, in Konstantinopel mit so großem Pomp und derart eindrucksvoll zelebrierten Riten beging, dass sich am 3. Oktober 382 auch die restlichen Goten per Vertrag unterwarfen, um (obwohl sie Arianer waren) entweder ganz in den Militärdienst übernommen zu werden oder, als Foederati, Siedlungsrechte im Austausch gegen die Verpflichtung zu militärischer Hilfeleistung zu erwerben. Wobei diese Ansiedlung in der Hoffnung auf eine glückende Verschmelzung vielerseits begeistert gefeiert wurde und ein Festredner sich sogar dazu verstieg, „Orpheus habe nur die wilden Tiere Thrakiens zu bezaubern verstanden, Theodosius hingegen entzücke Frauen und Männer, deren Vor709 fahren in Thrakien den Orpheus in Stücke gerissen hatten“. 705

bekannt

vor 379 geboren (August. de civ. dei V 25), über seinen Namen und sein Schicksal ist nichts

706 707

Symm. ep. 2, 22 Zosimos 4, 35 - "indes vernachlässigte er das Heer und bevorzugte er einige wenige der Alanen, die er mit sehr viel Gold an sich gebunden hatte..." 708 Vict. epit. 47, 4 - "both night and day he did nothing but practice archery, and he thought that to hit the mark was a thing of supreme pleasure and divine skill." 709 Themistios, Orationes 16 - wobei wir einem von Frauen zerstückelten Orpheus ja bereits in einem Bild Félix Vallottons begegnet waren, in einer seiner geheimnisvollen "großen Maschinen", in denen er wohl den Untergang von heldisch-klassischer Maskulinität ausdrücken bzw. vorhersagen wollte

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Ausonius stellte unterdes sein Werk zusammen, es hatte sich ja einiges angesammelt und widmete es einem gewissen Syagrius710 - 382 Konsul. Während Ambrosius wohl erkannte, dass er der Kirche mit Hilfe der Mailänder Bevölkerung, die er durch zahlreiche seelsorgerische Gesten nun zu begeistern verstand, vielleicht noch zu größerer Macht gegenüber der kaiserlichen Gewalt verhelfen könnte. Anfang 383 starb Gratians Frau, die Tochter des Constantius, wonach er offenbar rasch eine gewisse Laeta heiratete, in die er, glaubt man einer Anekdote des Socrates, sehr verliebt war.711 Aber dann trat Maximus in Erscheinung. Und am 25. August 383 wurde Gratian von seinem eigenen Magister equitum erschlagen und war plötzlich tot. *** Und Ausonius wurde nach Trier einbestellt. Wo er 385 - unterdes er Bissulas Tochter rasch mit Sulpicius verheiratete - erfuhr, dass man Severus Censor als 712 Onkel des einstigen Kaisers bereits hingerichtet und enteignet hatte. Und dass ihm das ebenfalls blühte. Denn seine Tochter war mit dem Sohn Censors ja verheiratet. Und sowohl er selber, als auch sein Sohn Hesperius oder sein Neffe Arborius hatten sich sehr weitgehend für Gratian engagiert und von seiner Herrschaft in ziemlichem Ausmaß profitiert.713 Aber unglaublicherweise ließ ihn Maximus laufen, nachdem ihm Ausonius einiges (in Wirklichkeit sehr viel) von seinem Vermögen überschrieben und 710

Praefat. 2 - von Flavius Afranius Syagrius (geb. ca. 345) ist die Ämterlaufbahn bekannt: 379 Pro-Konsul in, wies so kommt: Africa; 381 Preaefectus Urbis Romae; 382 Praefectus preatorio Italiae; und 382 auch das Konsulat. Er gehörte also ebenfalls zu den Aufsteigern unter Gratian, mit einer ähnlichen Karriere wie Hesperius, dem Sohn des Ausonius. Es könnte aber auch der mit ihm vermutlich verwandte Konsul von 381 Flavius Syagrius gemeint sein, der mit Symmachus korrespondierte. 711 Socr. H.E. 5, 11; ihr Name taucht allerdings nur in Zosimos 5 bei der Belagerung Roms durch Alarichs Westgoten auf, wo sie - offenkundig zu dieser Zeit noch am Leben,. sogar ihre Mutter wird erwähnt - der hungernden Bevölkerung von den eigenen Vorräten abgab. 712 Zu erschließen aus Par. 22 und Par. 30 713 Von Hesperius ist nach 380 nur noch zu lesen, dass der jüngere Valentinian einen Comes Hesperius 384 nach Rom schickte, um einen Konflikt mit Symmachus zu entschärfen. - Sein möglicher Sohn Paulinus von Pella (vergl. Fußnoten Nr. 54 und 236) wurde 375/376 in Makedonien geboren, also vor dem afrikanischen Pro-Konsulat des Hesperius, und war ab 379 mit seiner Mutter in Aquitanien, wo sich ihm der Vater bald zugesellte.

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sich und seine Familie verpflichtet hatte, sich politisch nicht mehr zu betätigen. Was nicht viel bedeutete, denn nach seinem eigenen Fall hatte sich auch der Stern seiner Familienangehörigen nicht viel länger in Kaisernähe halten können. Und so konnte er - wider Erwarten schloss sich Bissula ihm an - mit dem frisch verheirateten Paar in den Süden reisen.714 -6Ambrosius Und die Strategie, die jugendliche Schwäche der Herrscher zu nutzen, um die Dominanz der Kirche durchzusetzen, behielt Ambrosius, zum Staunen seiner Umwelt (welches nicht zuletzt der, aufgrund einer Empfehlung des Symmachus715, 384 in Mailand eintreffende Augustinus in seinen Confessiones bezeugt) auch nach dem Tod Gratians bei. Wobei Symmachus - indes unsere Priscilla in Aquitanien an ein paar verrückte Priscillianer geriet, die mit ihr komische Sachen anstellten -, nach der Ernennung zum römischen Stadtpräfekten 384 einen umfangreichen Brief716 an den jungen Valentinian aufsetzte, worin, außer der Wiederaufstellung des Victoria-Altars auch die Wiedereinsetzung der heidnischen Götter im Rahmen von allgemeiner Religionstoleranz verlangt wurde, in der jeder den eigenen Weg zur Wahrheit finden müsse. Worauf Ambrosius dem jungen Kaiser die Exkommunikation androhte, falls er darauf eingehen sollte.717 Sodass Justina - zumal man Symmachus in Rom (von christlicher Seite) vorhielt, er ginge nicht en718 ergisch genug gegen Tempel- und Kunsträuber vor - dem Ersuchen lie714 Wobei noch einmal gesagt sei, dass dieses Szenario - obwohl nichts daran der Datenlage widerspricht - nur im Rahmen unseres Kolportage-Romans Gültigkeit beanspruchen darf. Die erzählerischen Verschlingungen bewegen sich auf äußerst dünnem Eis. Nicht einmal die Anwesenheit des Ausonius in Trier ist eindeutig belegbar. Es kann auch sein, dass er - wobei man aber bei derlei Erörterung nie vergessen sollte, dass auch das plausibel Wahrscheinliche in Krisensituationen im Einzelfall extrem unwahrscheinlich ist - Aquitanien nach dem Rückzug vom kaiserlichen Hof nie wieder verließ. 715 Empfehlung von Symmachus - Augustinus, conf. 5,13 716 Symmachus, rel. 3. Wobei Symmachus unter den römischen Stadtpräfekten dadurch ein-

zigartig ist, dass sich von ihm 49 Tätigkeits-Berichte (sogenannte relationes) ans Kaiserhaus erhalten haben 717 Da Victoria wie alle nichtchristlichen Götter ein Dämon sei und "die Erlösung nur gewährleistet sein könne, wenn ein jeder wahrhaft den wahren Gott verehrt, nämlich den Gott der Christen, von dem alle Dinge beherrscht werden; denn Er allein ist der wahre Gott, der in der Tiefe des Verstandes zu verehren ist; denn 'die Götter der Heiden sind Dämonen' wie die Heilige Schrift sagt." ep. 17; ähnlich argumentiert ep. 18 718 Symmachus, ep. 10. 21

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ber nicht stattgab, sondern nur weiter in Erinnerung hielt, dass sie in Rom Verbündete finden könnte, wollte sie sich gegen Ambrosius (und vielleicht auch Theodosius) im richtigen Augenblick profilieren. Papst Damasus, von dem in dieser Zeit vor allem zu berichten ist, dass er Hieronymus den Auftrag gab, das Neue Testament ins umgangssprachliche Latein zu übersetzen - der Beginn der sogenannten vulgata -, hielt sich bei alldem, vielleicht weil er bereits krank war und am 11. Dezember 384 sterben sollte, bedeckt. Anfang 385 wagte Justina (unterdes der neue Papst Siricius wohl noch mit der Amtsübernahme beschäftigt war, offenbar ohne Hieronymus Arbeitsvertrag zu verlängern, denn im Sommer verließ, von ihn vernichten wollenden Feinden grummelnd, Hieronymus Rom) dann tatsächlich den Konflikt, als sie zu Ostern für die am Hof lebenden (zum Teil gotischen) Anhänger 719 des Arianismus eine Kapelle erbat, wogegen Ambrosius erneut heftig polemisierte. Wobei es ihm, ein wichtiger Präzedenzfall, gelang die Bevölkerung in einem Maße für sein Anliegen zu mobilisieren, dass er schnell 720 Erfolg hatte. Sein erster Besuch bei Maximus in Trier, von dem unklar ist, ob er 384 oder 385 stattfand, galt insofern kaum, wie in einem Brief an Valentinian berichtet721, dem Drängen nach Mäßigung gegenüber den Priscillianern, als vielmehr wohl einem - letztendlich landesverräterischen - Eruieren, wie es Maximus denn mit dem Arianismus hielt und ob von ihm eventuell Hilfe gegen die arianischen Bestrebungen Justinas und ihrer Umgebung zu erwarten sei. Was wiederum Maximus dazu verleitet haben mochte, sich beim Prozess gegen Priscillian in Bordeaux und Trier zum Champion des Katholizismus aufzuschwingen und die Todesurteile gegen Priscillian und dessen Anhänger vollstrecken zu lassen.722 Am 10. Jahrestag der Regierung des (nun 14-jährigen) Kaisers723 hielt Augustinus - während Hieronymus schon im Orient weilte, um mit der 719 Die sogar einen Gegenbischof namens Auxentius ausriefen, den Theodosius 383 aus dem Osten vertrieben hatte, ein Schüler des berühmten Wulfilas

720 Ambrosius, Sermo contra Auxentius 29 f.; ep. 20 (an seine Schwester Marcella); und, und,

unklarer, weil zugleich sich auf die Ereignisse des Jahres 386 beziehend, ep. 21 721 Ambrosius ep. 24 722 So klingt es jedenfalls in einem von Maximus an Papst Siricius geschriebenen Brief - Ep. Accepimus litteras: Coll. Avell. 40 (CSEL 35, 1 90-91 GUENTHER) -, worin ein (verloren gegangener) offenbar milder Protest seitens des Papstes gegenüber dem in Trier angewandten procedere entkräftet wird. 723 am 22. 11. 385

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Witwe Paula und deren Tochter Eustochium sein Glück zu suchen - in Mailand die Lobrede im Rahmen des offiziellen Festaktes. Insofern war dem zukünftigen Bischof von Hippo der Durchbruch in der weltlichen Welt gelungen, bei einem normalen Gang der Geschichte hätte die Übernahme höherer Staatsämter für ihn nun im Bereich des Möglichen gelegen. Doch am 31. 1. 386 veröffentlichte Justina im Namen ihres Sohns ein Toleranzedikt - vielleicht in der Absicht, das Reichsinnere vor dem jederzeit möglichen Angriff des Maximus zu befrieden -, das den Anhängern des Glaubensbekenntnisses von Rimini Religionsfreiheit gewährte, und dieje724 nigen mit der Todesstrafe bedrohte, die gegen diese Toleranz verstießen. Und genau das tat Ambrosius, indem er gegen das Edikt wetterte. Er wurde daher rechtmäßig verbannt, wobei diese Verbannung in so müder Form geschah, dass er sich den Exilort aussuchen durfte. Aber, dies als Schwäche der gegnerischen Partei erkennend, dachte er nicht daran, sich zu fügen. Stattdessen verschanzte er sich725 mit Anhängern (darunter, sehr eifrig, Monnica, die Mutter des Augustinus) im Bischofspalast und seiner Basilica, und ließ sich dort von den (gotischen) Truppen der Kaiserin belagern. Wobei er - in dieser vielleicht erstmals bezeugten Geste zivilen, waffenlosen Widerstands gegen eine waffenstarrende Obrigkeit - nicht nur den Hymnen- und Psalmengesang einführte726, um seine Anhänger bei der Stange zu halten (was ein so intensives Erlebnis war, dass es in die Liturgie übernommen wurde und von vielen Gemeinden nachgeahmt), sondern infolge einer Traumeingebung727, die Gebeine von Gervasius und Protasius aufdeckte. Und deren Wunderkraft mit der Ausgrabung und Überführung in die neugeweihte Basilica sofort wirken ließ, indem er - von seinem Biografen Paulinus und, eilfertig, sogar dem konvertierenden Augustinus bezeugt - einen Blinden und mehrere Besessene heilte.728 Das schien so überzeugend, dass der Hof, so sehr er - wie wir heutigen - über solche Theatralik spotten mochte729, den 724 Cod. Theod. 16, 1. 4 725 Bei der Turbulenz dieser Ereignisse kann kaum davon die Rede sein, dass sich die Welt, wie

es Sulpicius in seinen Dialogen glauben machen will, in jenen Zeiten darüber die Köpfe zerbrach, wer bei der Weihe des Bischofs Felix in Trier mit wem das Abendmahl eingenommen hatte und welche Rolle der Heilige Martin dabei spielte. 726 All dies ist dargestellt in Augustinus Confessiones 9, 7. Er datiert die Vorgänge ein gutes Jahr vor seine Taufe am 24. April 387 - nimirum annus erat aut non multo amplius, cum Iustina, Valentiniani regis puerio mater, himninem tuum Ambrosium persequeretur haeresis suae causa, qua fuerat seducta ab Arrianis. 727 Ambrosius, ep. 22 728 Ambrosius, ep. 22; Augustinus De civitate dei 22, 8; Paulinus Vita Ambrosii 14. 729 Paulinus Vita Ambrosii 5

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Widerstand aufgab, weil, wie Augustinus formulierte, „die Seele jenes feindseligen Weibes zwar nicht zum Heil des Glaubens geführt wurde, aber ihre Wut, die rechten Christen zu verfolgen, doch gebändigt wurde“. Mit ihrem Toleranzedikt hatte Justina sich Ambrosius jedenfalls endgültig zum Feind gemacht. Dass er Maximus bei einem weiteren Besuch Triers - über den er wieder nur berichtet, er habe den Usurpator ermahnt, sich in Kirchenaffären nicht einzumischen - ermutigte, in Italien einzufallen, um Justina und den jüngeren Valentinian endlich loszuwerden, ist ihm wohl zuzutrauen, aber keinesfalls nachzuweisen.730 Und da auch Symmachus nach dem Scheitern ihres Toleranzediktes nichts mehr von ihr hielt, und, sobald Maximus ernsthaft mit Einfall drohte (unterdes Augustinus sich zu Ostern jenes Jahres 387 von Ambrosius taufen ließ und es Theodosius grad noch so gelang, einen offenen Aufruhr der Arianer Antiochias, bei dem die Standbilder der Kaiserfamilie von den Postamenten gestürzt wurden, mit letztendlich friedlichen Mitteln beizulegen731), den Usurpator nun offen unterstützte732, war sie in Mailand vollkommen isoliert. *** Socrates (V, 11) datiert den Versuch der Verbannung von Ambrosius vor die Usurpation des Maximus, was Unfug ist: Justina, the mother of the young prince, who entertained Arian sentiments, as long as her husband lived had been unable to molest the Homoousians; but going to Milan while her son was still young, she manifested great hostility to Ambrose the bishop, and commanded that he should be banished. While the people from their excessive attachment to Ambrose, were offering resistance to those who were charged with taking him into exile, intelligence was brought that Gratian had been assassinated by the treachery of the usurper Maximus.

Seine Darstellung verrät uns aber immerhin, dass er die Dinge zum Teil 730 Wobei Sozomenos und Theodoret dies indirekt bezeugen, indem sie Maximus eine "Ver-

mittlerrolle" zubilligen, worin immer diese bestehen haben mochte, denn ein Jahr später griff Maximus ja Italien an. 731 Wobei die "Lichterstadt" Ammians, das Paris des Ostens, zur Strafe zunächst ihren Rang als Metropole verlor und zum Dorf degradiert wurde, dessen Bäder, Zirkus und Theater schließen mussten, bevor Theodosius Nachsicht übte. - Libanios, Orationes 12; 13 und 1; Zosimos 4, 41 732 Wobei unklar ist, ob Symmachus die umstrittene Rede im Auftrag des Senats und erst 388 hielt, nachdem Maximus bereits einmarschiert war

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zwar nicht richtig in Beziehung setzte, die Einzelvorgänge aber im wesentlichen korrekt darstellte und nichts Seltsames hinzutat. Insofern wird auch beim “Kaiserinnenbad” kaum seine Phantasie mit ihm durchgegangen sein, sondern es ist zu vermuten, dass er wiedergab, was man sich derzeit - bereits in Schriftform - zuflüsterte. Nun, wie dem auch sei: nach dem Einfall des Maximus musste Justina aus Mailand fliehen, wonach ihr in Thessaloniki (Ende 387) die imperiale Verheiratung (in allerdings wieder nur zweiter Ehe) ihrer Tochter Galla gelang. Und Theodosius, wie im vorigen Teil dieses Anhangs bereits ausführlich berichtet, dem Bemühen des Maximus, die Welt zu erobern, schließlich in Aquileia733 - non erat iste locus - ein schmähliches Ende setzte.734 *** Sodass Justina, vom süßen Spiele gesättiget, wie einem genialen Dichter vielleicht zu sagen gestattet wäre, nach ihrer Rückkehr beruhigt in Italien sterben durfte. Und Pacatus, der Freund des Ausonius, 389 im römischen Senat 735 eine große Lobrede auf Theodosius halten. Aus dieser Zeit (in der sich Bissula vermutlich erstmals ihren Schwiegersohn vorknöpfte - „Ist doch nichts dabei … ich bin schließlich deine Schwiegermutter…“) rührt wohl auch ein kurzer Briefwechsel zwischen Theodosius und unserem Ausonius, in dem der Kaiser den Dichter um die Übersendung seiner Werke bat, die er wohl mal zur Kenntnis genommen aber leider wieder vergessen habe. Ein Wunsch, den Ausonius, sein Werk neu zusammenstellend („Domino meo et omnium Theodosio Augusto Ausonius tuus“), nur zu gerne gewährte.736 - Und selbst Symmachus, der offen für Maximus Partei genommen hatte, kam gut 733 Über dessen Flußhafen es übrigens ein sehr schönes Gedicht von Durs Grünbein gibt,

das ich mal verfilmen wollte - ("Nach den Satiren" S. 21) 734 Wobei Theodosius zustatten kam, dass er (laut Pauli) zuvor Frieden mit den Persern geschlossen hatte, was wohl heißt, dass die Ostgrenze bis dahin noch immer unruhig war 735 Pacatus Drepanius, panegyrici 12; ein Jahr später (390) Pro-Konsul von Afrika, offenbar keine unübliche Belohnung; Ausonius widmete ihm das Technopegnion und, von Konsul zu Pro-Konsul, Die Masken der 7 Weisen; und bezeichnet ihn in Eclogarum liber 1, 1 schamlos als größten Dichter seit Vergil; in Pacatus Rede wird übrigens auch der Priscillianer-Prozess in Trier erwähnt, wobei behauptet wird, dass die gute Euchrotia "mit einem Haken zur Hinrichtung geschleift wurde". Insofern mag angehen, dass Ausonius die in prof. 5 aufblitzenden Kenntnisse von Pacatus haben könnte. Haha: oder umgekehrt, wer will es wissen. Aber gewiss wussten es beide vor Sulpicius. 736 Praefat. 3 und 4 - Wobei Pacatus dem Herrscher seinen guten Freund vielleicht wieder in Erinnerung rief. Die Widmung an Syagrius (Praefat. 2) wurde beibehalten.

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weg: obwohl er sich einem Prozess wegen Hochverrats - wie später etliche Verfolgte der Frankenkönige - nur durch Flucht in ein Kirchenasyl entzogen hatte, wurde ihm - vermittelt durch seinen Cousin, den Präfekten Flavianus737 - Verzeihung gewährt, nachdem er eine Verteidigungsschrift, die zugleich eine exorbitante Lobrede auf Theodosius darstellte, an den um 738 Ausgleich bemühten Kaiser schrieb , für die er mit dem Konsulat des Jahres 391 (in dem - das Leben geht gnadenlos weiter, und es wird weiter ver- und gekauft - Priscilla ein kleines parvulum bei Bordeaux erwarb) belohnt wurde. Während Ambrosius von seinem Sieg über Justina derart hochgestimmt war, dass er die Dominanz der Kirche in Glaubensdingen sogar gegenüber dem sieghaften Theodosius beweisen wollte. Denn nachdem dieser wegen eines mittleren Aufruhrs um einen schwulen Wagenlenker, bei dem Anfang 390 der (gotische) Magister militum der illyrischen Truppen, Butherich, ums Leben kam, das 7000-Personen-Massaker im Stadion von Thessaloniki angeordnet hatte739, stellte er ihm brieflich die Ungeheuerlichkeit seines Vorgehens vor Augen.740 Und ließ den Kaiser - unterdes er selber, von seinem Erfolg noch berauscht, brandea mit Reliquien von Gervasius und Protasius nähen und auf einem Kirchentreffen in Vienne unter die gallischen Bischöfen verteilen ließ, wobei eins dieser brandea vom Heiligen Martin nach Tours gebracht wurde741 - acht Monate nicht zur Kommunion zu, bis er als Bittsteller in der Kirche von Mailand demütig um die Vergebung sei742 ner Sünden bat. Denn in diesem Terrain urteilen Kaiser nicht über Bischöfe, sondern Bischöfe über Kaiser. Wobei Theodosius in diesen acht Monaten genau überlegte, ob er sich der Autorität der Kirche beugen sollte oder ob er zu Beginn seiner Regierungszeit einen unverzeihlichen Fehler gemacht hatte, als er ohne viel 737 Virius Nicomachus Flavianus, im Oktober 388 zum quaestor sacri palatii des Theodosius ernannt und im Sommer 390 zum praefectus praetorio Italiae et Illyrici befördert wurde 738 Socrates, H.E. 5, 14 739 Vermutlich weil er meinte, die Milde, die er 387 gegenüber dem Aufruhr von Antiochia zeigte, habe sich nicht bewährt 740 Ambrosius ep. 51 741 Wie aus, wie bereits erwähnt, einem Brief des seinerzeit in Vienne anwesenden Paulinus von Nola hervorgeht, der Gregor von Tours (X, 31. 5) vorlag. 742 Ambrosius, De obitu Theodosii 34; Augustinus, De civitate dei 5, 26; Paulinus, Vita Ambrosii; und nicht zuletzt, den Triumph der Kirche über den Kaiser bis ins Detail liebevoll ausmalend, Theodoret 5, 18

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Nachdenken den Katholizismus durchsetzen wollte. Genau wie sein Vorgänger Valens kurzsichtig die Goten durch ihre Ansiedlung eigentlich nur vor dem Verhungern hatte retten wollen, und man mit ihnen nun zurechtkommen musste (obwohl sie blöderweise Arianer waren und holzköpfig darauf beharrten, dass Gott größer als Christus sei), musste er jetzt mit dem Katholizismus zurechtkommen. Der, auf Initiative vereinzelter Bischöfe wie Marcellus von Apamea743 - und, auf provinziell-niedrigerem Niveau, jawohl: unseres Heiligen Martins - bereits systematisch heidnische Tempelkomplexe zu zerstören begann. Denn in der Politik gibt es kein zurück: wer A sagt, muss auch B sagen. Auch wenn vielleicht besser gewesen wäre, die Goten einfach verhungern zu lassen, wie schon unzählige Völker im Lauf der Geschichte verhungert waren. Oder in Religionsdingen wie die gute Justina einfach ein schickes Toleranzedikt zu erlassen, sodass die diversen Sekten aufeinander einprügeln können, bis sie sich zusammengerauft hatten. Aber es war nicht mehr rückgängig zu machen, ergo musste er sich Ambrosius nun beugen. Sonst müsste er, nachdem dieser Bischof im Kampf gegen Justina verstanden hatte, die Bevölkerung zu mobilisieren, hier ein noch größeres Massaker als in Thessaloniki anrichten, und das wollte er vor dem Antlitz des Herren nicht. Lieber gab er klein bei. Und weil er wusste, dass er sich auch in Zukunft würde beugen müssen, konnten die Vertreter des Senats, als sie erneut die Aufstellung des VictoriaAltars erbaten, mit keiner positiven Antwort mehr rechnen. Und als er dann Anfang 391 von Symmachus in einer Lobrede für den Erhalt des Konsulates wieder das Anliegen der unchristlichen Senatoren vernahm, ließ er ihn noch am gleichen Tag in einem ungepolsterten Reisewagen aus Mailand verbringen und untersagte ihm, sich dem Hof bis auf 100 Meilen zu nähern. Und erließ - indes die nun Bassula sich nennende Bissula sich von ihrem 744 Schwiegersohn unter einer Araukarie nochmals verführen ließ - in der Folge 743 Theodoret (5, 22) beschreibt sehr anschaulich, welche Mühe es Marcellus und seine Anhänger kostete, den Jupiter-Tempel seiner Stadt zu zerstören. Dass das nicht ohne Widerstand ablief, berichtet Sozomenos (7, 15): einige Einwohner waren darüber (im Jahr 389) so aufgebracht, dass sie ihn in einem Moment, als er unbewacht von Soldaten war, ergriffen und verbrannten. 744 A propos Araukarie: Als der geniale Schriftsteller Juan Carlos Onetti - dem auch diese (einzeln dastehende) Araukarie ihre Existenz verdankt, übrigens ist es exakt die im vorigen Teil dieses Anhangs gefällte - sehr spät in seinem Leben, als er nur noch über einen einzigen Zahn verfügte, von einer spanischen Fernsehreporterin gefragt wurde, warum er denn vor der Kamera kein Gebiss trage, antwortete der stolze Uruguayer ohne jede Verlegenheit, dass er momentan keines besäße, denn er habe sein einziges Vargas Llosa geliehen…

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ein paar scharfe Gesetze745, die es Vertretern des Heidentums immer schwerer machten, ihre Religion öffentlich auszuüben. Denn in solchen Dingen gibt es kein Zurück ohne Gesichtsverlust. Was den jüngeren Valentinian aber alles nicht nutzte, der, dem Arianismus abschwörend, nun Ambrosius vertrauen musste. Und, obwohl formal zum Herren nun des gesamten Westens ernannt (während Theodosius sich wieder auf den Osten konzentrierte), ohne die Mutter mit nur den beiden dauerbetenden Schwestern, irgendwie hilflos blieb. Sodass er sich, von all dem, was um ihn geschah, überfordert und eingeschüchtert, im Mai 392 in Vienne ungetauft aufhängte746, vielleicht hat ihn ja wer erdrosselt. Wobei Ambrosius als Gewinner des letzten Jahrzehnts nicht die Spur eines schlechten Gewissens hatte, als er eine vollmundige Trauerrede auf den unglücklichen Sohn Justinas anstimmte.747 Wichtiger - deshalb habe er sich bei seiner Verbannung auch nicht vor einem Laiengericht und Häretikern rechtfertigen müssen748 - als dessen trauriges Schicksal war für ihn, dass er im Triumph erst über den Sproß Valentinians und dann sogar den Großen Theodosius, die Dominanz der Kirche gegenüber dem Staat in Glaubensdingen bewiesen hatte. Dass dies wiederum die von Sulpicius (mit eventuell tatkräftig kichernder Unterstützung durch Bassula) ein paar Jahre später fabrizierte (in ihrem Protest noch weiter nun gehende) Ausmalung von Martins Revolte gegenüber Kaiser Julian erst ermöglichte - wo sich der Heilige benimmt, als spreche er 749 von gleich zu gleich -, liegt auf der Hand. *** 745

Auf Grund welcher der Serapis-Tempel von Alexandria (laut Ammian 22, 16 eins der Weltwunder) im Jahr 391 zerstört wurde. Es begann damit, dass Bischof Theophilos die heidnischen Weihegeräte durch die Stadt paradieren ließ, um sie lächerlich zu machen, was eine antichristliche Revolte mit etlichen Toten auslöste. Nachdem Theodosius das Verbot heidnischer Kulte auch in diesem speziellen Fall bestätigte (Cod. Theod. XVI, 10. 11), wurde der ganze Tempelkomplex abgebrochen, wobei man die angegliederte riesige Bibliothek plünderte und verbrannte. (Theodoret 5, 23; Sozomenos 7, 15; Orosius 6, 15) 746 So Sozemenos 7, 22 747 Ambrosius, De obitu Valentiniani 748 Ambrosius, ep. 21. 4 749 "Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene ... Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen." - Vita Martini 4

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Bleibt der letzte Siegesakt des rechtgläubigen Katholizismus zu berichten, dem Justina, der vielleicht letzte Leib Roms750, ohne es zu wollen, Muskeln verliehen hatte. Arbogast der, von fränkischer Herkunft, bereits unter Gratian gedient hatte, war nach dessen Tod zu Theodosius übergetreten und spielte beim Sieg über Maximus - u. a. brachte er dessen Sohn Flavius Victor um (von dem sich so schöne Münzen erhielten) - eine so herausragende Rolle, dass man ihn zum Befehlshaber der gallischen Truppen ernannte, wo er die 388 eingedrungenen Franken zurückdrängte und unter dem jüngeren Valentinian die eigentliche Herrschaft im Westen ausübte. Und nach dessen Tod die Kaiserposition, da er sie als Franke nicht selber einzunehmen wagte, einem gewissen Eugenius zukommen ließ, einem Rhetor, den er vom Privatsekretär zum Magister officiorum befördert hatte. An diesem orientierte sich nun der antikatholische Widerstand, insbesondere der heidnisch-römische Adel, dessen Unwillen im Streit um die Aufstellung des Victoria-Altars immer spürbarer geworden war, sodass es zum offenen Konflikt mit Theodosius kam. Bei dem sich die Heiden mit aller Macht komplett hinter Eugenius scharten. Und der von Theodosius protegierte Prätorianerpräfekt Flavianus die für Eugenius eintretende Senatsfraktion anführte751, wobei er seinem gleichnamigen Sohn - offener Nepotismus war bereits zu Zeiten der Republik ein bewährter Garant des römischen Zusammenhalts, und daran hatte sich nichts geändert - rasch die Stadtpräfektur zuschanzte. Und ihn, um die Verbundenheit der Familien752 zu stärken, eine Tochter des Symmachus heiraten ließ, was dem Sohn des Symmachus ebenfalls eine Beförderung bescherte. Aber alle wollten, nachdem sie das Kämpfen allzulange irgendwelchen Hilfsvölkern überlassen hatten, nun endlich wie ihre Vorfahren mit Schwertern ins Feld ziehen.

750 Insofern vielleicht der letzte Leib Roms, als er noch fähig zum rückhaltlos dynastischen

Gebären war. Danach wurden nur piepsend vereinzelte Nachkommen geboren. Selbst die vielleicht großartigste Frauengestalt der Antike, die todesmutige Galla Placidia, produzierte nur einen einzigen dieser piepsenden Nachfahren. Aber natürlich - und das ist das Bewundernswürdige an ihr (oder zumindest das ihrer Geschichte), das Wahnsinnige, das, worin sich ihre Kraft, vielleicht um die Ungerechtigkeit des Scheiterns der Natur auszugleichen, dann doch äußerte: - auch ein, ja, ungeheures, mehr als tausend Jahre gebärfähiges Mausoleum… 751 Sozomenos 7, 22 752 Wobei die älteren Symmachus und Flavianus bereits Cousins waren

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Sodass Theodosius mit äußerstem Bedacht vorgehen musste, da er etliche Truppen und auch Befehlshaber, die seine Tricks kannten, an den Westen verloren hatte und zunächst seine Armee reorganisieren musste. Was Charakteren wie Alarich (geb. ca. 370), der zum Kommandeur einer Truppe von 753 754 gotischen Foederati avancierte , und Stilicho (geb. 365), die bald zu den polarisierenden Konkurrenten des Schlusskapitels um die Herrschaft des Reiches werden sollten, einen steilen Aufstieg bescherte, bei dem sie von einem Fuchs wie Theodosius das Kriegshandwerk und militärisch-strategische Logistik erlernten. Außerdem erließ der Kaiser immer schärfere Gesetze, die in Zukunft jeden 755 heidnischen Widerstand unmöglich machen würden , wobei er - was auch Ambrosius tat, der von einer heidnischen Renaissance naturgemäß nichts wissen wollte756 - Verhandlungsangebote des Eugenius ignorierte und 393 demonstrativ seinen erst 9-jährigen Sohn Honorius zum Augustus des Westens ernannte. Bis er an die 100. 000 Mann aus dem gesamten östlichen Reich zusammenhatte, zu denen 20.000 Goten gehörten. Was alles - weit blutiger als beim Ende des großen Maximus - sich am 6. September 394 diesmal am Frigidus entlud, einem Nebenfluss des Isonzo, wieder in der 757 Nähe Aquileias. Wobei Stilicho als Magister militum diente. Und insbesondere die Goten viele Tote beklagten. Und Eugenius das Leben verlor, während Arbogast tags darauf Selbstmord beging.758 Und das Reich unter

753

Zosimos 5

754 Sohn einer Römerin und eines Vandalen, der von Theodosius bereits 383 als Gesandter zu

den Persern geschickt wurde und 384 seine Nichte Serena heiraten durfte. Er gehörte also bereits zum inneren Zirkel, und insofern war nicht überraschend, dass ihn Theodosius auf dem Sterbebett zum Vormund seines Sohnes Honorius bestellte. Unter diesem leitete er die Geschicke des Weströmischen Reiches, insbesondere beim Konflikt mit Alarichs Westgoten, bis zu seiner Ermordung im Jahre 408. Wonach die Westgoten sofort Überhand gewannen und Rom belagerten, um es 410 dann zu plündern. 755 vergleiche Teil 1, 10 dieses Anhangs 756 Ambrosius ep. 62, Paulinus Vita Ambrosii 26-34 757 Claudianus, De III consulatu Honorii 144 ff.; Zosimos 4, 58 758 Die Schlacht ist beschrieben bei Socrates, H. E. 5, 25; Theodoret 5, 24; Zosimos 4, 58; Sozomenos 7, 24; Augustinus, De civ. Dei 5, 26; Claudianus, De III consolatu Honroii 63-105; Orosius 7, 35. Wobei in allen 1.) von einem hohen Blutzoll der Goten (bei Orosius 10.000) und 2.) einem plötzlich einsetzenden Sturm berichtet wird, dem Bora, der, den Gegnern entgegenblasend, dem bereits geschlagenen Theodosius noch den Sieg einbringt. Alarichs Beteiligung wird in der Tertiärliteratur oft erwähnt, ich konnte aber keine Quelle finden. Die gotischen foederati wurden laut Zosimos van Gainas befehligt, wobei von Alarich (ohne Bezug auf die Schlacht) nur vage gesagt wird, er sei unzufrieden gewesen, dass Theodosius ihn bloß mit dem Kommando über foederati und nicht

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Theodosius wieder vereint war. Der im Sieg759 Großmut bewies und der Mehrzahl der Heiden, nachdem ihr Stolz gebrochen war, die Auflehnung vergab (wie z. B. dem Symmachus, der trotzdem zunehmend verbitterte, oder dem Sohn des Flavianus, welchem er, nachdem sich der Vater umbrachte, unter der Bedingung des Glau760 bensübertritts nur die ergatterte Stadtpräfektur nahm ), sodass sie nicht, nach etlichen Angehörigen, auch noch Leben und Besitz verloren.761 Wobei der die römische Welt nun unumschränkt beherrschende Theodo­sius leider aber Galla, der Tochter Justinas, nach einer Serie von Fehlgeburten, sie war irgendwie schwächlich, grad noch eine Tochter namens Galla Placidia bescheren konnte, bevor er - unterdes sich Bassula und Sulpicius ernsthaft zusammenfanden - 4 Monate nach dem Sieg über Eugenius, am 17. Januar 395, in den Armen des Ambrosius in Mailand (mit 50) verstarb.762 Nachdem er - Ausonius schloss in jenem Jahre (nicht ohne Bissula, die ihn dann und wann wieder fachmännisch betreut hatte, ein schönes Stück Land bei Toulouse zu vermachen) gleichfalls die Augen - am Vormittag noch zu Ehren des Honorius763, der das Szepter des Westens empfangen sollte, veranstaltete dem über reguläre römische Truppen betraut habe. 759 Heute ist der 30. Mai 2008. Ein Datum, das mich an eins der wenigen Liedchen denken lässt, die ich als Kind manchmal sang: "Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang / Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang / Am dreißigsten Mai … " - ad infinitum. Selbst heute erfüllt es mich mit einer sonderbaren inneren Freude, einer Mischung von richtig süßem Grinsen und halbheimlichem Auflachen, das mir sekundenlang Glückshormone durch den Körper schickt, wenn ich diese Zeilchen leise vor mich hinsinge. Darauf soll man sich mal einen Reim machen. -- warum sage ich das? Nun, vor allem, um klar zu machen, dass ich auch am 30. Mai 2008 noch an diesem Buch sitze, obwohl am Schluss stehen wird, dass es am 8. Mai bereits beendet wurde. Aber ein Buch wie dieses ist natürlich nie beendet, es gibt ständig was zu verbessern. 760 Wobei auch der Sohn des Symmachus davongekommen sein muss, denn er gab später die Briefe seines Vaters heraus, denen wir das Wissen über jene Dinge verdanken 761 Danach regte sich heidnischer Widerstand gegen das Christentum bloß noch im Verborgenen, etwa im Form von Münzen, denen heidnische Symbole aufgeprägt waren, sodass er nur noch diese Fußnote wert ist 762 Totenrede: Ambrosius, De obitu Theodosii 763 Flavius Honorius, geb. 384, weströmischer August 395-423; zweimal verheiratet: in erster Ehe (398) mit Maria, der Tochter Stilichos, die aus dem Kaiserpalast verbannt wurde, ohne - was die langen, einfühlsamen Hochzeitsgedichte des Claudianus, das er anläßlich dieser Vermählung zu verfassen hatte (Fescennina de nuptis Honrii Augusti und Epithalamium de nuptis Honorii Augusti) als traurige Wahnsinnsprodukte erscheinen lässt - dass die Ehe vollzogen wurde; in zweiter Ehe, nach Marias Tod, mit deren jüngerer Schwester Thermantia, die - insofern war Justina wirklich der letzte Leib Roms - das gleiche Schicksal erlitt. Nachdem man Stilicho und seine Frau Serena (infolge einer

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Circusspiele besucht hatte. Denn Circus, das musste sein. Wozu man resümieren darf, dass die anhaltende Kombination von Unglück und Zerfall, die den römischen Staat in den 16 Jahren seiner Herrschaft traf, die Betriebsamkeit und den Reichtum der Individuen, Städte und Provinzen wohl hemmen und verringern, aber nicht hatte vernichten können. Nach wie vor gab es vielerorts Spiele und überschwenglichen Luxus, der, wie Gibbon meint, aber schon Ausdruck eher einer trägen Verzweiflung war, in der man die Gegenwart genießt und an die Zukunft kaum Gedanken verschwendet. Die permanente Gefährdung des Eigentums hielt von den Mühen nützlicher Unternehmen ab, die erst allmählichen Vorteil versprachen. Die häufigen Regierungszusammenbrüche und Verwüstungen verleiteten dazu, nicht mit einem Vermögen zu geizen, das die Goten jeden 764 Tag rauben konnten . Wobei Ambrosius - grad als Sulpicius die Vita Mar765 tins mit Bassula beendet und Paulinus ein Exemplar nach Nola geschickt hatte - am 4. April 397 ebenfalls das sogenannte Zeitliche segnete (was ihm der teufelsaustreibende Bischof von Tours bald nachtat) und neben den Gebeinen von Gervasius und Protasius bestattet wurde.766 Ja, so kam Galla Placidia zur Welt. Die, nachdem sie mit einem Sohn Stilichos verlobt war (den man gemeinsam mit Stilicho umbrachte), 410 von den Westgoten Alarichs entführt wurde, damit sie dessen Bruder Athaulf heiraten konnte, mit dem sie erst nach Bordeaux und dann nach Spanien ging usw usw - finis Der Symmachus-Kreis Um 401 erwähnt Symmachus in einem Brief, dass er an einer Gesamtausgabe der 142-bändigen Geschichte der römischen Republik von Titus Livius arbeite. Die originalen Subskriptionen der ersten Dekade sind in "antigermanischen Stimmung") hingerichtet hatte, wurde auch Thermantia, auf Geheiß des römischen Senats, 409 umgebracht. 764 Gibbon 27 765 Der, nachdem er las, welch wichtige Rolle er darin spielt (Vita M. 25), gern unterschrieb, dass ihn der Heilige einst in Vienne mit einem Schwämmchen von einem schmerzhaften Augenleiden heilte (Vita 19) 766 Wo sie einer von Ambrosius Nachfolgern, Angilbert II, 835 in einen Porphyrsarkophag bestattete, der 1865 wieder aufgefunden wurde.

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Abschriften erhalten. Am Ende jeden Buches findet sich der Eintrag: Victorianus v.c. emendabam domnis Symmachis - Ich, Victorianus, vir clarissismus, habe diese Schrift, im Auftrag der Familie des Symmachus, ausgebessert. Vom Urheber der Subskription, Victorianus, weiß man, dass er eine lateinische Übersetzung von Philostratos Biografie des griechischen Wundertäters Apollonius von Tyana herausgab, die als Konkurrenzschrift der christlichen Evangelien galt. Unsere (leider unvollständige) Livius-Überlieferung ruht auf der durch Victorianus besorgten Ausgabe des Symmachus. Andere setzten diese Tradition im so genannten Symmachus-Kreis fort. Sodass auf diese Weise Martial, Juvenal, Persius und Apuleius, aber auch Quintillian und Cornelios Nepos erhalten blieben (die freilich erst noch durch den byzantinischen Engpass geschleust werden mussten767). Und selbst als die Nachfolger dieser ersten Herausgeber zum Christentum übergetreten waren, wurden noch Plautus, Caeasar und Sallust, wurden Vergil, Horaz, Terenz, Pomponius Mela und Valerius Maximus gerettet, wie aus dem Schicksal der Handschriften ersichtlich wird. Die Praxis dieser Subskriptionen dauerte bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts an. Wobei keinerlei Opposition zum Christentum erkennbar ist, sondern Christen nun sogar beteiligt waren. Am Ende war die Texterstellungs-Qualität768 allerdings stark rückläufig... ***

767 Wo man sie also irgendwo im byzantinischen Raum aufbewahren und mindestens zwei aufeinanderfolgende mal (möglichst getreu) noch kopieren musste, denn im Westen setzte, wenn überhaupt, erst ums Jahr 800 wieder eine systematische Kopiertätigkeit ein. So gesehen ist unglaubhaft, dass sich - wie an dieser Erzählung ja zu sehen - überhaupt so viel rettete. 768 Wie Alexander Demandt in seinem vorzüglichen "Die Spätantike", München 2007 (Handbuch der Altertumswissenschaft, 3. Abteilung, 6. Teil) befand, der (S. 492) summierend über diesen Komplex schrieb "Die Fäden der Tradition sind dünn, und doch hängt an ihnen die gesamte weitere Entwicklung."

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VII. Zum Leben der Brunechilde (Hommage an Gregor von Tours)

(Konkubine + Chlodwig + Chlothilde) (+511) (+544) Theuderich I (+534) Theudebert I (+548)

Chlodomer (+524)

Theudebald (+555)

Childebert I (+558)

(1. Ingund + Chlothar I + 2. Aregund) (+561)

(Brunhilde + Sigibert) Charibert (+613) (+575) (+567)

Guntram (+593)

(1. Andovera + Chilperich + 2. Fredegund) (+584) (+584) (+597)

Chlothilde (Nonne)

Ingund Chlodosind Childebert II (+586) (+595) Theudebert II (+612)

Theudebert Merovech Clovis Basina (+575) (+578) (+584) (Nonne)

Theuderich II (+613) Clovis (+613)

Merovech

Chlothar II Rigunth (+629) Dagobert (+639)

Sigibert II (+613)

Abb. 4: Die Merowinger von Chlodwig bis Dagobert (mit Todesdaten)

-1Sigibert Brunechilde (um 545/50-613), im „Liber Historiae Francorum“ (750) dann Brunehilde, frz. Brunehault, deutsch bald Brunhilde: als westgotische Prinzessin Arianerin, heiratete sie im Frühjahr 566 den Frankenkönig Sigibert769, der über Austrasien herrschte, und trat deshalb zum Katholizismus über; dessen Halbbruder Chilperich770, König in der Gegend von Soissons 769 Sigibert (lat. Sigyberthus, frz. Sigebert), Merowingerkönig, der Gatte Brunhildes, regierte 561-575, Sohn Chlothars I 770 Chilperich I (lat. Chilpericus, frz. Chilpéric), der Gatte Fredegunds, regierte 561-584, Sohn

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(im nördlichen Teil Neustriens) ehelichte im Jahr darauf ihre Schwester Galswinth - insofern schien im Frankenreich ein Illustrierten-Paradies ausgebrochen zu sein, Franken und Westgoten waren nach vielen Streitereien endlich vereint. Leider war die Idylle trügerisch. Die Enkel des großen Chlodwig771, der die Franken einte und ihren Herrschaftsbereich bis zum Rhein und an die Pyrenäen ausdehnte, hatte zwar den katholischen Glauben seiner Gattin Chlothilde angenommen, aber auf Grund des sogenannten salischen Erbrechts772, das jedem Sohn einen gerechten Territoriums­anteil garantierte, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Bereits die nächste Generation - Theudebert I, der Sohn seiner ersten Ehefrau (einer Fränkin), sowie Chlodomer, Childebert I und Chlothar I, die Söhne Chlothildes (einer burgundischen Prinzessin) kam mit der Aufteilung in eigene Königreiche (mit Reims, Orleans, Paris und Soissons als Zentren) nicht zu Rande. Zwar erweiterten sie den fränkischen Herrschaftsbereich bis Thüringen und brachten das Burgunderreich unter Kontrolle, aber nach dem Tod Theuderichs kam es - mit rasch wechselnden Koalitionen - ab 534 zu Streit über dessen Erbteil, wozwischen sich Gefechte mit den Westgoten schoben. Am Ende war jedoch Chlothar I, lat. Chlotharius, frz. Clotaire, dtsch. Lothar, (500-561) der einzige merowingische Überlebende, sodass das Frankenreich 558 - abgesehen von Septimanien, also der Gegend um Narbonne, umfasste es bereits das Territorium des heutigen Frankreichs (und etliche rechtsrheinische Gebiete) - für drei Jahre nochmals vereint war. Auch in Spanien waren die Verhältnisse nicht einfach. 551 hatte sich dort ein gewisser Athanagild (der Vater Brunhildes) gegen König Agila erhoben, Chlothars I 771 Der Merowinger Chlodwig, lat. Chlodovechus, frz. Clovis (466-511) gilt als eigentlicher Begründer des Frankenreichs. Als Enkel des Dynastiebegründers Merovech und Sohn Childerichs I. weitete er die fränkische Herrschaft bis zum Rhein aus und brachte (507) auch die bislang westgotischen Regionen nördlich der Pyrenäen unter seine Kontrolle, wobei er sich - irgendwann nach 496, dem Zeitpunkt seiner Unterwerfung der Alamannen -, angeblich auf Drängen seiner Gattin Chlothilde (lat. Chrodchildis), katholisch taufen ließ. Allesamt Vorgänge, die im Zweiten Buch von Gregors "Geschichte der Franken" dargestellt sind. 772 In der "Lex Salica", einem unsystematischen, zunächst 65-punktigen ("titula") Bußgeldund Vorschriften-Katalog, wurden auch die Kompetenzen des Königs und das Erbrecht geregelt. Als sogenanntes "Volksrecht" schrieb man es zu (und z. T. vor) Zeiten Chlodwigs erstmals nieder (4 erhaltene Handschriften, 2 davon mit christlichen Bezügen ergänzt; spätere Abschriften und Erweiterungen z. T. stark voneinander abweichend) - mehr in Fußnote Nr. 786

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wobei er die Oströmer offenbar um Hilfe bat, sodass diese 552 von Malaga aus versuchten, in Spanien Fuß zu fassen. Indem er den „Griechen“, wie man sie derzeit oft nannte, auch große Gebiete Andalusiens überließ, schwächte er Agila so weit, dass dieser 555 von eigenen Leuten ermordet und Athanagild nun als einziger König akzeptiert wurde. Der Toledo zur Hauptstadt des Westgotenreichs machte, dem er mit seiner Gattin Gois­ winth fortan einigen Glanz zu geben versuchte, indem er sich gegenüber den Katholiken konzilianter gab, als seine rigider arianischen Vorgänger, zumal sich 560 die Sueben im nördlichen Portugal und in Galizien für den Katholizismus entschieden.773 Wobei er seine Hauptaufgabe darin sah, die „Griechen“ wieder zurückzudrängen, damit sein Reich nicht das Schicksal der Vandalen teilte, deren Reste 546 über die oströmischen Provinzen als Sklaven verteilt worden waren. Denn da nach dem Tod Theoderichs774 auch Italien wieder unter (ost-) römische Kontrolle geriet und 555 der letzte ostgotische Widerstand dort gebrochen war, musste man befürchten, dass Justinian775 auch Spanien zurückerobern wollte. Um die westgotische Herrschaft wenigsten nach Norden fürs erste zu stabilisieren wurden Brunhilde und Galswinth 566/567 nach dort verheiratet. Brunhilde bekam, wie gesagt, den (seit 561 regierenden) Sigibert zum Gatten und Galswinth den in Neustrien herrschenden Chilperich. Nun waren die Heiratsgewohnheiten der Frankenkönige für heutige Verhältnisse exzentrisch, oder zumindest gewöhnungsbedürftig. Zwar scheint erst der Harem Karls des Großen, die Folge also seiner Ehen und Konkubinen, 773

Unter ihrem König Theodemir, regierend um 560, der erste suebische Herrscher, von dem wir nach einem Jahrhundert der Stille (469 bricht die Chronik des Idacius ab) vernehmen. Seine Bekehrung zum Katholizismus wird von Gregor mit einer Fern-Wirkung des Heiligen Martin in Verbindung gebracht. 774 Theoderich d. Gr. (454-526); errichtete ab 489 in Italien eine Ostgotenherrschaft mit Hauptstadt Ravenna, die 497 von Ostrom anerkannt wurde. In Ravenna gehen das Baptisterium der Arianer und San Apollonio Nuovo (beide mit beachtlichem Mosaikenschmuck) auf seine Regierungszeit zurück. Für sein Mausoleum wurde ein riesiger Kalksteinblock (10 m Durchmesser) als Decke verwandt, was verrät, dass die Ostgoten den römischen Gewölbebau nicht mehr beherrschten, mit Hilfe dessen in Konstantinopel zeitgleich die Hagia Sophia (534-537) entstand. 775 Justinian (527-565); dass ihm und seinen Nachfolgern die Neuerrichtung eines gesamtrömischen Reiches nach dem Muster des Augustus nicht mehr gelang, obwohl die Germanen abgewirtschaftet hatten, gehört zu den interessanteren Rätseln der oströmischen Antike. Immerhin vervollständigte er das mit dem Mausoleum der Galla Placidia begonnene Ravennesische Bausensemble durch San Vitale (das Karl dem Großen als Muster für die Aachener Pfalzkapelle diente), sowie den Mosaikenschmuck des sogenannten Baptisteriums der Orthodoxen (das schon vor der ostgotischen Herrschaft stand)

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die damaligen Rekordwerte produziert zu haben, aber bereits Chlothar war 7 mal verheiratet, in zweiter Ehe mit der Witwe seines 524 gestorbenen Bruders Chlodomer, deren Kinder er später umbringen ließ. Eine weitere Gattin wurde die thüringische Prinzessin Radegunde, die plötzlich aber lieber Nonne werden wollte und in Poitiers das Damenkloster stiftete, dem Gregor von Tours wegen des Nonnenaufstands von Basina und Chlothilde so viel Raum gab. Von einer gewissen Ingund wiederum hatte er etliche Söhne, drei - Charibert (geb. 517), Guntram (geb. 530) und Sigibert (geb. 535) - sollten später Könige werden, aber als Ingund ihn bat, ihre Schwester Aregund zu verheiraten, heiratete der gute Chlothar diese selber. Und hatte von ihr einen weiteren Sohn, Chilperich (geb. 537). All dies hat uns der 538 geborene Gregor von Tours überliefert, als einzige Quelle des z. T. äußerst bizarren Geschehens. Er entstammte einer Klerikerfamilie (mit etlichen Bischöfen) und hatte früh den Vater verloren, worauf ihn die Mutter in die Obhut eines verwandten Bischofs gab, Gallus von Clermont. Nach dessen Tod (551) lebte er im Haushalt des Avitus, eines weiteren hoch angesehenen Priesters, der 571 ebenfalls Bischof werden sollte. Galswinth, die Schwester Brunhildes, war nicht Chilperichs erste Ehefrau. Zuvor war er mit einer gewissen Audovera verheiratet, von der er drei Söhne hatte, Theudebert, Merovech und Clovis. Doch auch Galswinthens wurde er nicht froh, denn um Fredegund776zu ehelichen, einst eine Dienerin und schon länger seine Geliebte, ließ er Galswinth, die vielleicht doch zu verwöhnte Prinzessin, erdrosseln. Worauf sich, wie gern geschrieben wird, eine Feindschaft zwischen Brunhilde und Fredegund entwickelte, die sich für das merowingische Königshaus als katastrophal erweisen sollte. Wobei hineinspielen mochte, dass Athanagild, der Vater der fränkischen Königsgattinnen, bereits im Jahr der Eheschließung verstarb, was das Bündnis mit den Goten für Chilperich wertlos machte. Denn dort herrschte eine Weile ein Machtvakuum, dem erst die in Narbonne stattfindende Erhebung Leuvas eine Ende setzte, der 568 - gottlob war in Konstantinopel inzwischen auch der gefährliche Justinian gestorben, was oströmische Rückeroberungsversuche einschlafen ließ - seinen Bruder Leuvigild die Herrschaft über die spanischen Teile des Gotenreichs überließ, während er selber - unterdes mit 776 Fredegund (gestorben 597), lat. Fredegundis, frz. Frédégonde, erst einfache Dienerin, dann Gattin Chilperichs (537-584)

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dem Einfall der Langobarden in Italien der letzte Schub der sogenannten Völkerwanderung begann - nördlich der Pyrenäen im sogenannten Septimanien herrschte, das sich bis kurz vor Toulouse erstreckte und Nimes einschloss. In jener Zeit war Eufronius Bischof von Tours (553-573), unter dem, außer der Stadt, sämtliche Kirchen abbrannten (X, 31), wobei er einige mit Zuwendungen Chlothars halbwegs wieder instand zu setzen vermochte. Aber in der von Perpetuus (460-490) errichteten 52-fenstrigen, 120-säuligen, 8-türigen Kathedrale777, deren Apsis Martins Gebeine verwahrte, waren bei Gregors Amtsantritt die Wände von etlichen Feuern noch schwarz. Aber bevor die erwähnten Damen, also Brunhilde und Fredegund, die Initiative im Frankenreich an sich rissen, dominierte Chilperich das dortige

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Abb. 5 - Das Frankenreich nach dem Tod Chlothars I (561) //die Teilungsgrenzen sahen etwas anders aus: Austrasien und Burgund sind etwa richtig gezeichnet, wobei Allemannien wohl zu Austrasien gehörte; Chilperich regierte (vergl. Abb. 6) nur die nördlichen Teile Neustriens, während der südliche Teil (mit Paris) und Aquitanien zu Chariberts Reich gehörten. In der Gegend von Bordeaux, Cahors und Toulouse, sowie der Provence gab es Sonderregelungen. Die Abgrenzungen sind zum Teil unklar, da Gregor von Tours es als einzige Quelle ebenfalls ist.//

Geschehen. In der auf Chlothar folgenden Teilung hatte er den Nordteil Neustriens mit Soissons als Zentrum erhalten, also das auch Flandern 777

beschrieben in Gregor II, 14

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umfassende fränkische Kernland inclusive der späteren Normandie, indes Charibert den Süd-Westen mit Paris, Tours und Poitiers bekam. Während Guntram (lat. Gunthramnus, frz. Gontran) das sich nach Orleans streckende erst 534 von den Franken eroberte Burgund erhielt. Und Sigibert das sogenannte Austrasien, inclusive der Rhein-Maingebiete bis zur unklaren thüringschen Grenze, mit Reims als Hauptsitz. Chilperichs politische Aktivität begann bereits 562 mit einem Angriff auf Reims, als Sigibert in Thüringen die Avaren abwehren wollte. Mit dessen Rückkehr wurde Chilperich wieder aus Austrasien vertrieben, wonach ein paar Jahre Ruhe herrschte, in denen sie ihre gotischen Prinzessinnen heirateten. Als Chariberts 567 ohne männliche Nachkommen starb, teilten sich die überlebenden Brüder sein Reich, wodurch sich dessen Territorium in einen Flickenteppich verwandelte, was - Paris war zerdrittelt, und die Könige durften es nur mit Einwilligung des anderen betreten - beide nicht als zufriedenstellend empfanden. Wobei Chilperich, dem fast ganz Neustrien (minus Paris) jetzt untertan war, nach dem Tod des gotischen Schwiegervaters ein Zukunftsmodell für sich entwickelte, das auf Fredegund und neue Konflikte mit Sigibert setzte. Denn er besetzte Tours und Poitiers, die Brunhildes Gatten zugesprochen waren, wobei ein gewisser Leudast, der Graf von Tours778 (er sollte sich zum Gegenspieler Gregors entwickeln) ihn unterstütze, obwohl seine Loyalität bei Sigibert hätte liegen müssen. Dem 779 indes gelang, die beiden bald wieder zu vertreiben. Brunhilde gebar (569 eroberten die Langobarden unter ihrem König Alboin780 Mailand und die Romeo-und-Julia-Stadt Verona) - derweil zwei 778 Der Titel ist comes, in diesem Falle comes Turonus, wobei die comites - ideal im Zusammenspiel mit der Bevölkerung und dem örtlichen Bischof - vom König ernannt wurden und außer Verwaltungs- auch Richter-Funktionen ausübten, was beträchtlichen eigenen Wohlstand generierte. Der Übergang zum erblichen Lehnswesen - als entscheidend gilt ein 614 erlassenes Edikt Chlothars II, laut dem Grafen aus dem lokalen Grundbesitzertum der comitates zu rekrutieren sind - ist im genauen Verlauf äußerst komplex und weitgehend ungesichert. 779 IV, 45 und V, 48, wo auch Leudasts Karriere beschrieben wird. Als Sohn eines Sklaven arbeitete er sich im Dienst König Chariberts und dessen Gattin Marcovefa vom Küchenjungen zum Stallmeister empor, bis er, in der neuen Funktion ein Hochstapler, zum Grafen von Tours ernannt wurde, ein Amt das er bei den folgenden Regierungswechseln verlor und wiedergewann, was nicht zuletzt verrät, wie dynamisch und zugleich trügerisch Karrieren in jener Zeit sein konnten. 780 Alboin, langobardischer König bis 572; 572 eroberte er Pavia, das zum Hauptort der Langobarden wurde. Seiner Ermordung folgten Nachfolgewirren: nach Cleph (ermordet 574) herrschte ein Interregnum, in dem einzelne langobardische Herzöge - abgesehen von den Gegenden um Rom und Ravenna, wo schwächer werdende oströmische "Exarchen" regierten, die kaum noch Unterstützung

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Töchter, Ingund und Chlodosind. Ostern 570781 folgte - unterdes sie zur interessiert Kenntnis nahm, dass ihre Mutter Goiswinth nach kurzer Trauer einen der neu ernannten Westgotenkönige geheiratet hatte - Childebert, der als Childebert II König im Frankenreich werden sollte. 571/572 starb Leu782 783 va , was Leuvigild , den neuen Stiefvater Brunhildes, zum Alleinherrscher der Westgoten machte. Am 24. August 573 übernahm Gregor das Bischofsamt der Stadt Tours von seinem Vorgänger Eufronius (einem entfernten Cousin). Und von dort durfte er das nun sich entfaltende Geschehen betrachten, wobei seine Optik nur punktuell bis Spanien reichte, seine nähere Umgebung gab ihm genug zu tun. Die Balance des Frankenreichs war nämlich nicht ganz einfach zu verstehen, selbst für die informierteren Zeitgenossen. Schon die Natur der Abhängigkeit von den Königen war nie ganz klar. Man schwor ihnen den Lehnseid, dann musste man sich an ihn halten. Das gleiche hatten die Städte und Regionen - zum Teil als comitates, „Grafschaften“, zum Teil als ducati, „Herzogtümer“ oder pagi, „Gaue“, benannt - zu tun, wobei heute oft unklar ist, welche Körperschaften diese Eide mit welcher Legitimation leisteten. Aber mitunter wurden Besitzwechsel erzwungen, dann galt es, einen neuen Lehnseid abzugeben. Kompliziert waren Thronwirren. Manchmal schnappte sich dann eine Adelsgruppe ein Königskind, das sie wie den aus Konstantinopel bekamen - allmählich Italien bis etwa Neapel besetzten. Als nächster Herrscher wird Chlephs Sohn Authari (584-590) registriert, gefolgt wiederum von Agilulf (590-615), der der Langobardenherrschaft, 610 litt sie unter brutalen Avareneinfällen, als erster eine gewisse Stabilität bescherte - wichtigste Quelle Paulus Diaconus, "Historia Langobardum", verfasst etwa 790, fünfzehn Jahre nachdem sich Karl der Große das Langobardenreich einverleibt hatte. Jenem Paulus verdanken wir übrigens auch den sogenannten "Hymnus an Johannes", dem Guido von Arezzo im 11. Jh. die Anfangssilben der 1. Strophe für seine Tonleiternotation entnahm: Ut queant laxis / resonare fibris / Mira gestorum / famuli tuorum / Solve polluti / labii reatum / Sancte Ioannes - übersetzt etwa: damit deine Diener / mit vollen Stimmen / das Wunder deiner Taten feiern können / reinige die Schuld von deinen verdorbenen Lippen / Heiliger Johannes. - dabei wurde "Ut" oft durch das "Do" von Dominus ersetzt. Was das bekannte Schema Do-Re-Mi-Fa-Sol-La ergab und die (dank dieser Notation peu a peu mehrstimmig werdende) Musik zu Beethovens "Missa Solemnis" führte. VIII, 4 - es ist das Jahr, in dem auch Mohamed (570-632) geboren wurde, dessen Erwec781 kungserlebnis wiederum auf 610 datiert wird, drei Jahre vor den Tod Brunhildes 782 Leuva I, bzw. Liuva (567-571), vom westgotischen Adel zum Nachfolger Athanagilds (555-567) gewählt, ernannte 569 seinen Bruder Leuvigild zum Mitregenten Leuvigild oder Leovigild (569-586); heiratete Goiswinth, die Frau seines Vorgängers Atha783 nagild, die Mutter Brunhildes und Galswinths. 571-572 gelang ihm, den oströmischen Herrschaftsbereich auf die Küstenregion um Malaga und Carthagena zurückzudrängen. 573 erhob er, um das Wahlrecht des Adels beim Bestimmen des Königs zu reduzieren, seine Söhne aus erster Ehe - Hermangild und Reccared - zu Mitregenten. 585 unterwarf er die Sueben im Nordwesten Spaniens.

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sprichwörtlichen Augapfel hütete, um möglichst viele Gefolgsleute des Vaters unter dem noch kindhaften Herrscher zu einen. Gelang dies, konnte diese Adels­clique auf Jahre die Politik bestimmen und sich, heute würde man sagen: Pfründen zuschanzen. Bis der König volljährig wurde. Oder die Mutter - mit unklarer Autorität, die sie, wie wir sehen werden, sich erst verschaffen musste - intervenierte. Ein Muster, das wir, in weit besser organisiertem Zusammenhang, beim jüngeren Valentinian und Justina bereits kennengelernt hatten. Aber immer rebellierten welche, weil sie nicht genug vom großen Kuchen bekamen. Wir werden diese Struktur, bei der sich die Adligen eines Terrains um einen Kindskönig versammeln und ihr Terrain mit allen Mitteln gegen andere Ansprüche verteidigen, wiederholt erleben. Mit Patriotismus im heutigen Sinne hat das nicht zu tun. Ebensowenig ist es reiner Eigennutz. Denn zugleich kommt darin ein Gefühl des Zusammengehörens und schließlich der Zugehörigkeit zum Ausdruck, dessen genaue Struktur und Genese selbst bei heutigen Verhältnissen kaum fassbar ist. Der Beginn des Nationalen und seine Abgrenzung zum bloß Tribalistischen - man schaue sich an, was in Afrika passiert - ist im Kern ja nach wie vor kaum verstanden, auch wenn man darüber Tausende kluger Artikel schreibt. Ähnliches gilt für das Gefolgschaftswesen, diese sonderbare Bindung, die man zu anderen Personen oder Körperschaften eingeht. Denn der Eros, den so eine unbedingte Gefolgschaft mitunter ausstrahlt, insbesondere, wenn man entdeckt, dass man in seinem Folgen nicht allein ist, ist durch unsere heutigen Diskurse praktisch nicht mehr zu erfassen, jedenfalls nicht als positiv erlebte, Sehnsucht auslösende Kraft. Man erwartet nicht nur, dass man sich als Individuum dagegen wehrt, es wird sogar postuliert, dass der Einzelne dazu die Kraft hat. Und derlei nur in seiner Freizeit, als Sport-, Musik- oder Parteien-Fan etwa, oder als Konsument unterliegt. Leider waren die harmlos sportiven Betätigungsfelder oder die Möglichkeit, etwas mit Genuss zu konsumieren, im Frankenreich äußerst beschränkt. Schon insofern sollte man nicht erwarten (oder sich einbilden), die damaligen Vorgänge (die, vergessen wir es nicht, Folgen bis in die Gegenwart haben, bis in die letztes Fasern unseres Urteils) wirklich verstehen zu können. Doch über die derberen Methoden, sich Spaß zu verschaffen, langsam hinauswachsend, begann man anscheinend damit, sich mit Territorien zu identifizieren. Am stärksten wohl zunächst im erst 534 eroberten Burgund, was 516

in anderen Reichsteilen, wie wir sehen werden, mitunter anti-burgundische Reflexe weckte, durch welche die Bindung an die eigene Region sich verfestigte. Wobei die Grenzen noch im Fluss waren und sich alles durch die schon vor den Franken hier ansässigen Gallo-Romanen komplizierte, die ebenfalls in dieses (als Experimentierfeld diverser Gruppen-Egoismen dienende) Entwicklungs-Spiel hineingezogen wurden. Wobei schon die prozentuale Mixtur zwischen Franken und Gallo-Romanen unergründbar ist. Dass umgangssprachliches Latein sich in Frankreich gegenüber dem Germanisch-Fränkischen durchsetzte, lässt vermuten, dass man im einstigen Gallien - wobei die austrasischen Verhältnisse oder die im hohen Norden wohl anders aussahen - noch überwiegend (dialekthaft stark gefärbtes) Latein sprach. Und dass das rein Fränkische sich auf die Leudes, die direkte Gefolgschaft der Könige, später gibt es den Begriff der Vasal784 len , beschränkte, für die Latein eine Fremdsprache blieb, die sie oft unzulänglich beherrschten. Da diese Leudes wiederum - wie grad am Beispiel des comes Leudast gesehen, des „Grafen“ von Tours785 - oft die Aufsicht über das lokale Gerichtswesen hatten, kam es leicht zu Missverständnissen, die oft in Willkür endeten. Wobei die Urteile (in Tours vielleicht durch anwesende Geistliche) - insbesondere in volksstämmig fränkisch dominierten Regionen - am Ende in ein juristisch halbwegs bindendes (ziemlich unpräzises) Latein verwandelt werden mussten, das weder die Richter noch die streiten786 den Parteien wirklich verstanden. Was zu faustrechtartigen Verhältnissen 784 785 786

von lat. vassus, Knecht, einer sich freiwillig in die Abhängigkeit eines "Herren" begab. vergl. Fußnote Nr. 778 und Nr. 779 Wobei, je nach Region, verschiedene Rechtsempfinden miteinander konkurrierten. Reste vom römischen Recht sind z. T. wohl noch vorhanden, im Konfliktfall aber kaum durchsetzbar. Am umstrittensten sind die Vorstellungen beim Erbrecht, bei dem das germanisch-salische Recht Frauen stark benachteiligte. Daher kam es gegenüber Frauen, die grad etwas geerbt hatten, zu Übergriffen fränkischer Adliger, die deren Besitz einfach an sich rissen. Inwieweit das geahndet wurde, scheint weitgehend im Ermessensbereich der Richter und, wenn man bei einer "Revision" so weit vordrang, der Könige gelegen zu haben. Wobei ein willkürliches Sieger- und Faustrecht allmählich in ein Präzedenzrecht überging. Aber selbst bis zu jenem nie klar verfassten ersten Feudalismus, der um 1050 durch einen zweiten Feudalismus abgelöst wurde (vergl. Marc Bloch "La Socièté Féodale, 1940), in dem wieder begreifbare Rechtskodizes geschaffen wurden (und die romanische Kunst aufblühte), war ein weiter Weg. Landbesitz im feststehend römischen Sinn existierte wohl nur noch in den südlichen Regionen. Auch die vage formulierten, in ein System von vertikalen und horizontalen Bindungen eingepaßten feudalen Strukturen, bei denen man wenigstens wusste, woran man war, mussten sich unter der Siegerjustiz erst in einer Serie oral verhandelter und oral memorierter Präzedenzfälle ausbilden. Die ersten Handschriften der Lex Salica, worin man ohnehin nur ein paar Fälle krude erfasst hatte, boten dabei kaum Hilfe, teils weil sie nur vereinzelt vorhanden, teils weil sie in einem barbarischen Latein verfasst waren (mit z. B. willkürlichen Kasusendungen), das von fränkischen, den sogenannten

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führte, was wiederum oft in Familienfehden mündete, in maßlose Vendetten, die zu unterbinden der Staat nicht die Kraft hatte. Erst im 13. Jahrhundert, als akzeptable neue Gesetzeswerke (Sachsenspiegel, etc.) entstanden, wurde dieses feudale Fehdewesen, in dem verletzter Stolz zu grauenhaften Konsequenzen führte, allmählich wieder eingedämmt. Schwierig auch die Position der Bischöfe. Wie die Herzöge und Grafen wurden sie von den Königen ernannt, aber es gab Mitspracherechte der Gemeinden. Und wenn der König keinen Favoriten hatte, kamen - wie im Fall Gregors - durchaus klerusinterne Vorschläge zu Würden. Oft aber wurde das Amt als Beförderung einer politisch-militärischen Karriere gesehen. Einzig nötig war, dass man dem König gefiel, die Lateinische Messe lesen konnte und die (wohl eher wenigen) Kirchenangestellten unter Kontrolle bekam. Und da das Amt bis zum Lebensende vergeben war und nur Bischofsversammlungen es aufheben konnten, bot die Bischofsschaft einen Querschnitt der damaligen Eliten. Das reichte bis zu solchen, die den Beruf nicht ernst nahmen und - mehr als bloß formal - im Ehestand blieben und / oder Geliebte hatten, frei also nach dem Motto Wein Weib Völlerei und Gesang, wofür die Bischöfe von Embrun und Gap, Salonius und Sagittarius, die 579 in Châlon-sur-Saône abgesetzt wurden, als leuchtende Beispiele galten.787 Andere waren überaus fromm. Gregor überliefert uns jede Schattierung, wobei wohltut, wie wenig er miese, das Bischofsamt schädigende Charaktere schont. Bei den Heiligeren drückt er dann umso mehr auf die Malbergischen Glossen erläutert wurde (nun die einzigen Sprachbrocken des Alt-Fränkischen), die bald der (in den Handschriften sind sie oft verschieden und verdorben wiedergegeben) sich fortentwickelnden Umgangssprache entglitten. Bis hin zu Pippin (um 750) versuchte man, die Sammlung zu erweitern und, in einem verbindlicheren Latein, zu verbessern. Doch erst in karolingischer Zeit - zunächst 99 titula (9 Handschriften), dann 70 (50 Handschriften) - wird die Entwicklung klarer. 787 Sobald sie zum Episkopat erhoben waren, stieg ihnen ihre neue Würde zu Kopf: mit krankhafter Wut begannen sie sich mit Geldgeschäften, Mord und Totschlag, Ehebruch und diversen anderen Verbrechen zu besudeln. Sed, adsumpto episcopatu in proprio relati arbitrio, coeperunt in pervasionibus, caedibus, homicidiis, adulteriis diversisque in sceleribus insano furore crassari. - V, 20 - Gott wurde nie in ihren Gesprächen erwähnt, und den Kirchendienst schienen sie vergessen zu haben. Sobald die Dämmerung einsetzte, pflegten sie sich vom Tisch zu erheben, hüllten sich in für die Haut weiche Gewänder, dösten mit Wein ins Vergessen und schliefen dann bis neun Uhr morgens. Aber nie ohne Frauen, mit denen sie Verkehr hatten. Dann standen sie auf, nahmen ein Bad und legten sich zu Tisch. Wenn der Abend kam, erhoben sie sich zum nächsten Mahl, was sich, wie gesagt, bis in den Morgen hinzog. Nulla prorsus de Deo erat mentio, nullus omnino cursus memoriae habebatur. Renitente aurora, surgentes a cena, mollibus se indumentis operientes, somno vinoque sepulti, usque ad horam diei tertiam dormiebant. Sed nec mulieres deerant, cum quibus polluerentur. Exsurgentes igitur, abluti balneis, ad convivium discumbebant; de quo vespere surgentes, caenae inhiabant usque ad illud lucis tempus, quo superius diximus. - V, 20

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Tube. Nach der Ernennung hatte der König keinerlei Einfluss auf die üblichen Kirchenangelegenheiten. Wohl ein Erbe der Antike, das von Ambrosius gegen Justina und Theodosius durchgesetzt wurde. Es erstaunt, dass sich die Frankenkönige an die Spielregeln hielten. Obwohl sie erst um 510 das Christentum annahmen. Grad 60 Jahre zuvor. Ihre Leudes hatten weniger Skrupel, auf Feldzügen - die fränkische Soldaten wurden dann ohnehin rasch zu halben Banditen - wurden auch Kirchen ohne Hemmung geplündert. Wobei das Kirchenasyl ein weiteres aus der Antike stammendes Relikt von erheblicher Bedeutung war. In der Antike vor allem in Tempeln üblich (wobei uns die Geschichtsschreiber fast nur von Übertretungen berichten), wurde es an deren Ende auf Kirchen übertragen. In den fränkischen Königreichen besaß es erstaunende Wirksamkeit. Es diente als Puffer gegen Herrscherzorn und wurde auch von den Königen respektiert, obwohl sie wohl das Recht besaßen, es aufzuheben. Aber in Gregors Buch wird dies selten genutzt. Fast immer wird erst verhandelt. Dabei dient der Bischof als Vermittler, insbesondere wenn der Asylant überzeugend wirkt. Manche Flüchtige hielten sich recht lange in jenen Asylen auf, weshalb sich manchmal auch ihre Dienerschaft oder die Leibwachen in den Kirchengebäuden einfanden. Lehnte der König die Vermittlung der Bischöfe ab, wurde versucht, zu entkommen. Dem Kirchasyl verbunden schien eine Schar approbierter Herumlungerer zu sein, die unbezahlte Funktionen übernahmen und Almosen erwarten durften. Ihre Rolle wird, in Tours waren sie vielleicht eine Referenz an den Heiligen Martin, indes kaum umrissen. Nur einmal treten sie exponiert auf, laut Gregor, um ein blutiges Handgemenge beenden, bei dem sie tatsächlich jedoch über die Verwundeten herfielen, um auch diese zu töten und bis aufs Letzte auszuplündern, sodass man danach vollkommen nackte Leichen zu beerdigen hatte. Nun, all dies als extrem verkürzter, in manchem Detail vielleicht nicht ganz korrekter Überblick über die Usancen in den damaligen Frankenreichen, wie er sich durch Gregors vielschichtigen Bericht erschließt. Dabei war den Beteiligten wohl selber nicht recht klar, wie ihr Staat im einzelnen funktioniert. Dieser über Jahrhunderte sich schleppenden Übergang von römischen Verhältnissen übers Faust- zum Feudalrecht. Selbst die Könige wussten nicht, was genau da geschah. Man unterwarf sich dem entstehenden 519

Gewohnheitsrecht, mit dem man, zum Teil recht phantasievoll, immer neue Präzedenzfälle schuf. Darüber hinaus war die damalige Welt sehr unfreundlich und gefährlich, weit gefährlicher als die römische, selbst in deren gefährlichsten Tagen. Die Nächte waren rabenschwarz und Dreck war omnipräsent, mit Wintern, die sehr viel kälter als heute (oder in Rom, wo es Thermen und Heizungen gab) empfunden wurden. Oft kam es zu Epidemien und Hungersnöten. Und es herrschte Mangel an umlaufendem Geld, sodass als brauchbare Währung, außer im Kleinsthandel, nur Naturalien, Grundbesitz und Dienstleistungen in Frage kamen. Was wiederum zur Basis des sich entwickelnden FeudalSystems wurde, das aus dem auf allen Ebenen praktizierten Lehnswesen hervorging. Bei dem man Teil eines Herren-Haushalts wurde, worin zwar für einen gesorgt wurde und man, ganz wichtig, geschützt war, doch andererseits oft kaum mehr als ein weisungsunterworfener Sklave, den man jederzeit auch zu Kriegsdiensten heranziehen konnte. Manche bekamen ein Stück Land, von dessen Ertrag man eine gehörige Portion abgeben musste. Wobei die Besitzrechte durch die rabiate fränkische Landnahme, die sich um Urkunden nicht scherte, lange unklar blieben, sodass auch hier das Gewohnheitsrecht dominierte. Und es gab natürlich keine Polizei. Luxusgüter wie Gewürze und ausländischen Wein konnte man zwar importieren, sie waren aber extremer Luxus, da das Geld Richtung Osten abfloss und per Tausch-Ökonomie kaum was zurückkam. Aber der größte Unterschied zur klassischen Antike bestand wohl darin, dass nur die Kirche an die Zukunft dachte. Allein Kirchenbauten betrafen spätere Generationen. Die Könige und der fränkische Adel nutzten nur das noch vorhandene römische Rest-Angebot, das sie - ebensolches galt für Straßen und Brücken - rapide verkommen ließen. Als einzigen größeren Bauversuch listet Gregor uns zwei Amphitheater in Paris und Soissons auf, die Chilperich in Angriff nahm, aber nicht vollendete. Wobei jener Chilperich, der jüngste Sohn Chlothars, unter den auftauchenden Königen wohl am längsten eine Ausbildung durch brauchbare Tutoren genoss. Und wenigstens richtig Lesen, Schreiben und in Schriftform reflektieren konnte. Während man bei Guntram, seinem Bruder, oft das Gefühl hat, er sei mehr oder weniger Analphabet geblieben.788 Einer, der sein 788

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Das war indes auch Otto der Große, den das nicht davon abhielt, das weströmische Kai-

burgundisches Reich durch persönliche Gespräche regieren musste und bei Fern-Interaktionen leicht an der Nase herumgeführt werden konnte. Was zu einer Mixtur von sentimentalen und cholerischen, stets aber impulsiven Reaktionen führte, hinter denen, auch personalpolitisch, kein Kurs zu entdecken ist. In jener Zeit war Chilperich der einzige intellektuelle Charakter auf dem Königsthron, vielleicht hat ihn das dazu verleitet, sich auf Kosten seiner Brüder in prämachiavellischer Manier zu profilieren. Brunhilde wiederum musste die Lateinische Sprache schon deshalb vertraut gewesen sein, damit sie, nachdem sie in Spanien aufgewachsen war, mit Sigibert sprechen konnte. Aber als verwöhnte, von Tutoren umsorgte Prinzessin, darf man sie sich kaum verstellen. Ihr Vater Athanagild war ein skrupelloser Usurpator, der zum Erringen der Macht Teile seines zukünftigen Reiches, trotz seiner arianischen Überzeugungen, an Ostrom verkaufte. Er erlangte seine Krone, als Brunhilde (beim Geburtsdatum 545 oder 550) etwa 10 (oder erst 5) war. Wenigstens konnte sie noch einiges lernen, bevor man sie (mit 15 oder 20) nach Reims verheiratete. Wofür spricht, dass sie die Erziehung ihres 15-jährigen Sohnes nach dem Tod seines Tutors in eigene Hände nahm. Aber richtig gebildet - wie man es sich bei Justina vorstellen kann - war sie gewiss nicht. Ihre politischen Instinkte musste sie aus dem Beobachten der bizarren Vorgänge um sich herum entwickeln. In starkem Maß war sie auf Berater angewiesen. Und wohl beeinflussbar. Was - wie beim Großen Otto (der 961 die Reliquien des Heiligen Mauritius von Saint-Maurice nach Magdeburg überführte) - nicht heißt, dass sie über keinerlei von den jeweiligen Beratern unabhängige politische Strategien verfügte, im Gegenteil: In jener fast ausschließlich von gewalttätig rabiaten Egoismen strukturierten Zeit erscheint sie - ohne den Horizont ihrer ins Desaster führenden Epoche durchbrechen zu können - oft als einzige halbwegs weitsichtig. Dass sie die Erziehung ihres Sohne übernahm, dürfte trotzdem ein trübes Licht auf dessen geistiges Niveau werfen.789 Fredegund dagegen war wohl eine komplette Analphabetin. *** sertum, von dessen antikem Muster seine Berater ihm wohl klare Vorstellungen gaben, mit Weitblick neu zu begründen. Derartiges lag ganz außerhalb von Guntrams Möglichkeiten. Andererseits würde ein heutiger schlauer Intellektueller im damaligen Frankenreich wohl 789 schon binnen weniger Tage aus Nervenschwäche in einer von Heulkrämpfen durchschüttelten Sklavenexistenz versackt sein, aus der er nie wieder nach oben kommen würde.

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Ja, Gregor hatte erstmal damit zu tun, die Vorgänge in seiner Umgebung zu begreifen, schon weil sie auch kein anderer richtig begriff, und man kaum aus dem Staunen herauskam. Und genau diesem ungläubigen Staunen verdanken wir wohl die Qualität seines Berichts. Schon im ersten Jahr seines Bischofsamts musste er zur Kenntnis nehmen, dass der von uns nun als Intellektueller entlarvte Chilperich, der die Vollstreckung seiner Ideen indes seinem ältesten Sohn Theudebert überließ, einfach erneut Tours und Poitiers angriff. Wo Herzog790 Gundovald, ein General Sigiberts, besiegt wurde und Theudebert Leudast wieder zum Grafen machte, wobei Gregor, vielleicht die erste seiner über den eigenen Kirchturm hinausgehenden Amtshandlungen, dem zustimmen musste. Danach wurde die Gegend zwischen Tours und Cahors, samt Kirchen und Klöstern, von Theudeberts Soldaten so gründlich durchplündert und misshandelt, selbst Nonnen blieben nicht verschont, dass Gregor, nach einem verständlichen Superlativ suchend, von der größten Christenverfolgung seit Diokletian spricht, so un791 glaubhaft sei gewesen, was sich da abgespielt habe. Darauf rekrutierte Sigibert 574 Truppen jenseits des Rheins, um von Westen in Neustrien einzubrechen. Chilperich suchte daher Guntram als Verbündeten zu gewinnen, der aber lavierte, sodass der Gatte Fredegunds, nachdem die Umgebung von Paris ebenso misshandelt war wie der Süden und etliche Bewohner versklavt, lieber Frieden schloss, und die von Theudebert zerwüsteten Regionen an Sigibert zurückgab.792 Wodurch, weil Tours den Besitzer wechselte, Leudast den Grafentitel wieder verlor und in die Bretagne floh. Aber im Frühjahr 575 - dem Jahr, in dem Gregor seine Chronik begann - verbündete sich Chilperich von Neuem mit Guntram, um erneut gegen Sigibert anzugehen. Aber nachdem Theudebert von Herzog Guntram-Boso793 (dem wir noch öfter begegnen werden), einem Gefolgsmann Sigiberts, in der Gegend von Tours geschlagen wurde, wobei Theudebert umkam und 790

Im lateinischen ist der Titel dux, deutlich höher als comes - wobei wir auch im folgenden das Gefälle, nicht wirklich korrekt in eigentlich unzulässig laxer Manier, durch Herzog und Graf kennzeichnen werden, obwohl dux auch einen stark militärischen Aspekt hat. Auch die duces wurden von den Königen ernannt. IV, 47 791 792 IV, 49 793 Gunthchramnus Boso, im Original oft, wie der Burgunderkönig, nur Gunthchramnus genannt. Deshalb hier der (willkürliche) Bindestrich

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man die Leiche verstümmelte, musste Chilperich - denn Guntram schloss in Burgund gleich wieder Frieden - in aussichtsloser Lage nach Tournai flüchten, wo er sofort belagert wurde. Doch Fredegund, die grad ihren ersten Sohn Samson geboren hatte (er bereitete ihr so viel Schmerzen, dass sie ihn bei der Geburt töten lassen wollte794) war als Helferin ihres Gatten aktiver als Brunhilde, sie ließ Sigibert in Vitry (575) mit vergifteten Waffen ermorden, grad als sich Neustrien ihm unterwerfen wollte, was den Umschlag 795 brachte. Unerwartet war Chilperich doch noch Sieger. Und Brunhilde (mit erst 25 oder vielleicht bereits 30) Witwe. Und Leudast wieder Graf von Tours, wobei er sich zunächst nur gepanzert in die Kathedrale traute, mit Helm und Spieß, so sehr hatte er sich durch seine Geldgier im Richteramt jedermann zum Feind gemacht. Herzog Gundovald gelang grad noch, Sigiberts Sohn, den nun 5 jährigen Childebert, heimlich nach Austrasien zu bringen.796 Seine Mutter blieb jedoch in Paris zurück, wo sie nun ihr Schicksal erwartete. -2Merovech In Paris brachte Chilperich Sigiberts Kronschatz an sich und verbannte Brunhilde - während ihr Sohn Weihnachten 575 von seinem Retter in Aus797 trien zum Nachfolger des Vaters ausgerufen wurde - dann nach Rouen. Damit - ihre Töchter Ingund und Chlodosind wurden in Meaux ins Kloster gesperrt - schien ihr Schicksal das übliche einer Königswitwe zu werden. Die Energie, mit der sie sich dagegen wehrte, ringt Bewunderung ab: statt zu verdämmern und ihr Schicksal und das ihrer Nachkommen in Gottes Hand zu legen (und in die ihres Feindes Chilperich), bandelte sie mit dessen Sohn Merovech an. Der für den Vater endlich auch Poitiers in Besitz nehmen sollte, aber das Osterfest lieber in Tours verbrachte, wo er die Gegend plünderte (und Graf Leudast verjagte, wonach er von dessen Vermögen übernahm. was­immer ihm in die Finger geriet), um danach in Rouen seine Mutter Audovera aufzusuchen. 576 ließ Brunhilde sich von ihm - Bischof Praetextatus, der Merovech getauft hatte, vollzieht die Trauung - dort heiraten. 794 V, 22 795 IV, 50 und 51 796 V, 1 und V, 48 (Leudast-Passagen) Gregor V, 1 797

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Es ist schwer, sich in sie hineinzuversetzen. Bei Justina fand sich ja eine ähnliche Strategie, aber bevor sie erneut einen Regenten zum Mann nahm, vergingen einige Jahre. Und Theodosius hatte sie nicht die eigene Person, sondern nur die Tochter angedient. Doch Brunhilde lebte in anderen Zeiten. Ihre Mutter hatte grad vorgemacht, dass man nach dem Tod eines Königs einfach den Nachfolger heiraten kann. Und Merovech war im Frankenreich der künftige Herrscher. Im Übrigen schien diese Heiratsstrategie in germanischen Königreichen nicht ungewöhnlich. Auch bei den Langobarden ist sie entdeckbar und bei den zum Untergang nun verurteilten Sueben. In kritischen Phasen dieser Germanenreiche wurde es richtig Mode. Das, was mit Justina begann. Der es wiederum Kleopatra vorgemacht hatte. Aber im Grunde kam es nie völlig außer Gebrauch. Denn es ist ein archaisches Muster. Ödipus Mutter hat genauso gehandelt. Dass sie den eigenen Sohn erwischte, war dummer Zufall. Wie im „Erwählten“ Thomas Manns, bei dem nicht einmal das Schicksal mehr eine Strafe vorsah. Der Jungfrauenkult zählte bei den Germanen nicht. Wie er auch in der barbarischen Antike nicht zählte. Penelope konnte sich vor ihren zahlreichen Freiern kaum retten. Wobei die Zeitgenossen an Hexerei dachten. Oder dass sie gezielt Zwist in die Chilperich-Familie streuen wollte, um den gefährdeten Thron ihres Sohns Childebert zu retten. Bald - unterdes kehrte Graf Leudast nach Tours zurück und warf Gregor vor, er habe Merovech dazu verleitet, ihn zu verjagen, was Gregor bestritt, worauf Leudast in fränkisch impulsiver Manier „beim Mantel des Heiligen Martin“ (der das Grab offenbar seit längerem zierte, ohne dass irgendwer glaubte erklären zu müssen, woher man ihn hat798 te) schwor, dem Bischof nie wieder Vorwürfe zu machen - muss das junge Paar (wie gesagt, damals wird sie noch unter dreißig gewesen sein) jedoch vor Chilperich im Sanctuarium des Heiligen Martin in Rouen Zuflucht suchen, derzeit ein Bretterverhau auf der Stadtmauer. Chilperich holte sie 799 es ist das Jahr, darin der Heilige Germanus als Bischof von Paris verstarb und Bischof Avitus (lange der Erzieher Gregors) in Clermont die dortigen Juden bekehrte, wobei er die Unbekehrbaren nach Marseille auswandern ließ800 - dort unter dem Versprechen raus, ihnen nichts anzutun, was er hielt. 798 V, 48 799 wonach sein Prior Fortunatus gleich dessen Vita veröffentlichte (V, 8) 800 V, 11

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Er vergab ihnen, Merovech blieb sein Sohn. Aber als es in seiner Hauptstadt Soissons zu einem Truppenaufruhr kam, bei dem man Fredegund und Clovis vertrieb, vermutet er hinter Merovechs Ehe ein Komplott und stellte ihn, nach dem Niederschlagen des Aufruhrs, unter Arrest.801 Um dann seine Truppen unter dem Kommando eines gewissen Roccolen auf Tours marschieren zu lassen, womit er die Auslieferung Guntram-Bosos - der seinen Sohn Theuderich als Sigiberts General besiegt und den Leichnam hatte misshandeln lassen - erreichen wollte, der mitsamt der Familie

Abb. 6 - Das Frankenreich um 587

//die Karte beschreibt die Situation 3 Jahre nach Chilperichs Tod, als dessen Eroberungen wieder rückgängig gemacht wurden und sein Sohn Chlothar II nur noch den gelben Bereich besaß, welchen (plus Soissons und wohl Senlis) sein Vater beim Regierungsantritt 561 innehatte. Die Guntram zugehörigen (roten) Regionen Aquitaniens und Neustriens inclusive Paris waren 575 als heute nicht mehr exakt abgrenzbarer Flickenteppich zwischen Chilperich und Guntram aufgeteilt. Auch Childeberts im Folgenden umkämpfte (grau-) südliche Regionen hatten zum Teil andere Grenzen.//

(oder zumindest den Töchtern) seit gut einem Jahr in Gregors Kirchenasyl saß. Als Gregor die Auslieferung verweigerte, wurde die Ernte um 801

V, 2 und 3

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Tours zur Strafe geplündert. Das gleiche tat man den unbeschützten Stadtteilen am südlichen Loireufer an, wo man eine dort gelegene Holzkirche so weitgehend zerstörte, dass, wie Gregor staunend vermerkt, danach sogar die Eisennägel komplett verschwunden waren.802 Wofür Gott Roccolen mit Gelbsucht bestrafte, von der nichtmal eine Diät vom Fleisch frisch geborener Kaninchen zu heilen wusste, sodass er unverrichteter Dinge nach Poitiers weiterzog, wo er starb, ohne noch mehr Schaden anzurichten. Aber die politische Lage blieb instabil. Im Spätsommer 576 war der nun 6-jährige Childebert (in dessen Nähe wohl auch Brunhilde sich jetzt aufhielt), zwar in Reims als König akzeptiert, aber Chilperich und Guntram belauerten sich, Childeberts südliche Regionen lockten. In diesem Geiste schickte Chilperich jedenfalls seinen Sohn Clovis über Tours nach Saintes, während Guntrams General Mummulus Limoges und Clermont besetzte, wobei man die Städte erstmal in altfränkischer Manier 803 verwüstete. Was auch insofern als Besitznahme gelten konnte, als es für andre nun nichts mehr zu plündern gab. Inzwischen war Chilperich davon überzeugt, dass Merovech ihn stürzen wollte, und zwang ihn, sich die Haare zu scheren und in ein Kloster zu gehen, wobei Merovech auf Rat GuntramBosos jedoch entfloh, um ebenfalls im Sanctuarium des Heiligen Martin Zuflucht zu suchen. Sodass Gregor - Merovech drohte, in der Kirche etliche Gemeindemitglieder umzubringen - gegen seinen Willen gleich zwei 804 Aufrührer am Hals hatte. Als Boten Gregors Chilperich von der Situation unterrichteten, ließ Fre805 degund diese misshandeln und verbannen. Chilperich wiederum drohte, Tours sogar zu zerstören, wenn man Merovech und Guntram-Boso, der seinen Sohn Theudebert getötet hatte, nicht ausliefere. Den Winter verbrachte man aber noch bei Gregor im Asyl, wobei sie viel sprachen und sich der Prinz über den Vater und seine Stiefmutter beklagte. Während Fredegund Guntram-Boso zu bestechen suchte, Merovech dazu zu bewegen, das 802 803 804 805

V, 4 V, 13 V, 14 Wobei die Verbannung, die auch im römischen Recht verankert war, fast so schlimm wie die Todesstrafe empfunden wurde, denn damit wurde man aus dem Familienverband gestoßen, der einen sonst schützte. In den andern fränkischen Königreichen war so ein Verbannter selten willkommen. In jener Zeit ohne Familienbande unterzukommen, war ein ziemliches Kunststück.

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Kirchenasyl zu verlassen. Als es ihm gelang, waren Fredegunds Leute jedoch nicht zur Stelle.806 Als Chilperichs Armee unter dem Kommando seines anderen Sohns Clovis im Frühjahr 377 auf Tours marschierte, versuchten Merovech und Guntram-Boso, der dabei die Töchter zurückließ, zu Brunhilde nach Reims zu gelangen. Doch derweil Clovis wie angedroht nun die Tourraine ausplünderte, war Merovech bei den austrasischen Franken offenbar unwillkommen, was verraten mag, dass Brunhildes Stellung als Vormund ihres Sohns so umstritten war, dass man ihretwegen nicht noch mehr Wind ins Feuer blasen wollte. Guntram-Boso gelang es zwar, die Töchter nach Poitiers in Sicherheit zu bringen, doch als Clovis dort ebenfalls anlangte und Ennodius, den dortigen Herzog, absetzte, ließ er sie im Sanctuarium der Kirche des Heiligen Hilarius zurück und schloss sich Childebert ganz an, wo er willkommen war.807 Indes sich Merovech, als ihn Chilperich in der Champagne suchen ließ, verstecken musste.808 Aber dann (unterdes widmete sich Gregor der Verschönerung seiner Kathedrale, die zum Amtsantritt in einem schrecklichen Zustand war) drehte sich das böse Schicksal wieder zugunsten Brunhildes, die erneut arg in die Defensive geraten war, denn Guntram - der sich eigentlich wie Chilperich eine kräftige Portion aus Childeberts Erbe sichern wollte - verlor durch Krankheit plötzlich die beiden Söhne, sodass er ohne Thronfolger dastand.809 Weshalb er sich mit Childebert (derzeit 8) an einem „Steinbrücke“ (ad Pontem quem Petreum vocitant) genannten Ort an der Grenze traf, um Frieden zu schließen und seinen Neffen zum Erben einzusetzen. Was, hochwichtig, die ebenfalls anwesenden Adligen beider Reiche akzeptierten, wonach man Chilperich aufforderte, alle Territorien zurückzugeben, die er sich aus Sigiberts Reich genommen hatte (also auch Tours und Poitiers), oder den Ort einer Schlacht zu bestimmen. Aber Chilperich kümmerte sich nicht darum, denn er war, laut Gregor, damit beschäftigt, in Soissons und Paris in großmännisch antiker Manier Amphitheater zu bauen, um der Be810 völkerung endlich Spektakel zu bieten. Und ansonsten behielt er einfach 806 V, 14 807 V, 24 808 weiter V, 14 809 V, 17 810 weiter V, 17

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die von ihm eroberten Gebiete. Dabei geriet - Fredegund hatte ihm derweil zwei weitere Söhne geschenkt, Chlodobert und Dagobert - Praetextatus von Rouen in sein Visier, der den untergetauchten Merovech und Brunhilde getraut hatte. Er versammelte die Bischöfe seiner Region (zu der, wie gesagt, auch Tours nun gehörte), um Praetextatus wegen Käuflichkeit zu exkommunizieren, denn es wurden etliche kostbare von Brunhilde „zurückgelassene“ Objekte in seinem Besitz entdeckt, wobei Gregor, der bei den Kollegen wohl in hohem Ansehen stand, dazu bewegt werden sollte, die Anklage zu führen. Um ihn dazu zu bewegen, lud ihn der König zum Essen ein, wobei die Verführung in einer extra für den Bischof (der befürchtete, vergiftet zu werden) gekochten Suppe kulminierte. Bei deren Auftischung Chilperich erklärte: „Ich habe diese Suppe für dich zubereiten lassen, die nichts außer Huhn und ein paar Erbsen enthält.“ - Worauf Gregor, den dezenten Bestechungsversuch entdeckend, entgegnete: „Meine Nahrung sollte nicht aus solchen Delikatessen 811 bestehen…“, und im übrigen dürfe er nur Gottes Befehlen gehorchen. Da gab der König sein Drängen auf und sie aßen nur etwas Brot, zu dem sie sogar ein wenig Wein (vermutlich Burgunder) tranken. Kaum in der Unterkunft, versuchten Boten Fredegunds, ihn mit 200 Pfund Silber deutlich klarer zu bestechen, doch erneut widerstand Gregor, so gut er das Geld für die Verschönerung der Kathedrale hätte gebrauchen können. Was Praetextatus alles nichts nützte. Unter fadenscheinigen Gründen ließ ihn Chilperich ins Gefängnis sperren, wo man ihn, bevor er auf einer Kanalinsel verschwand, übel zurichtete. Unterdessen wurde Jagd auf Merovech gemacht, wobei das Gerücht kursierte, Guntram-Boso (der in Gregors Geschichte mehrfach in dubiosen Rollen erscheint, als Agent, wenn man so will, eines allerlei Pläne durchkreuzenden, bis zur Selbstvernichtung egoistischen franko-germanischen Realismus, dem, außer der Familie, nichts teuer ist) habe den Aufenthalt Merovechs auf Drängen Fredegunds verraten (die - so Gregor - insgeheim dafür dankbar war, dass er Theudebert, also einen ihrer Stiefsöhne, getötet hatte, was die Herrschaft ihrer leiblichen Brut wahrscheinlicher machte, von der sie Samson in diesem Jahr indes verlor,

811

ait: 'Propter te haec iuscella paravi, in qua nihil aliud praeter volatilia et parumper ciceris continetur'. Ad haec ego, cognuscens adulationis eius, dixi: 'Noster cibus esse debet facere voluntatem Dei et non in his diliciis dilectare, ut ea quae praecipit nullo casu praetermittamus'. - Gregor V, 18

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wobei sie selber erkrankte812) verraten. Unweit von Reims in die Enge getrieben, beging Merovech 378 Selbstmord, und Brunhilde war (mit 28 bzw. 33) zum zweiten Mal Witwe.813 -3Chilperichs Ende 579 war aber erstmal wieder eine spanische Hochzeit angesagt, diesmal eine ihrer (höchstens 14-jährigen) Tochter Ingund. Und zwar bekam sie Hermangild zum Gatten, den Mitregenten und Sohn König Leuvigilds, der Goiswinth, Brunhildes Mutter, geheiratet hatte. Wobei diese ihre Enkelin Ingund dazu drängte, den arianischen Glauben ebenso anzunehmen, wie Brunhilde ihn abgelegt hatte, als sie im Frankenreich Sigibert ehelichte. Unterdes (579) hielt Guntram Hof in Châlon-sur-Saône, wo die Bischöfe von Embrun und Gap, Salonius und Sagittarius, wegen Ehebruch- und Mordanklagen - non solum de adulterium, verum etiam de homicidiis accusantur -, die Gregor genüßlich auswalzt, ihrer Ämter enthoben und ins Gefängnis geworfen wurden, wobei ihnen zwar gelingt zu fliehen, aber danach mussten sie ruhmlos die Welt im Schatten durchwandern. In diesem Jahr erhöhte Chilperich die Steuern in seiner Region so sehr, dass man in Limoges einen Steuereintreiber umbrachte, worauf - während der oströmische Kaiser Tiberius laut Gregor die Perser besiegte und in einer Pariser Kirche ein Blutbad angerichtet wurde, weil sich zwei Parteien wegen des unterstellten Ehebruchs einer Frau bekriegten, worauf sich die Frau aufhängte - Chilperich den Aufstand brutal niederschlug und die Steuern sogar noch 814 erhöhte. Im November wurde Leudast wegen Unfähigkeit und exzessiver Vorteilnahme als Graf abgesetzt. Weil er (wohl nicht zu Unrecht) Gregor dahinter vermutete, behauptete er, Gregor erzähle herum, Königin Fredegund habe ein Verhältnis mit Bischof Bertram von Bordeaux. Inzwischen schien Gregors Position bei Chilperich indes so gefestigt, dass der König Leudast nicht glaubte und ihn ins Gefängnis werfen ließ. Dort gab Leudast an, es habe ihm einer von Gregors Subdiakonen erzählt, worauf er freikam und man stattdessen den Subdiakon ins Gefängnis warf, der wiederum angab, andere Untergebene Gregors hätten gleichfalls gehört, was dieser über 812 813 814

V, 22 alles V, 18 V, 27, 28, 29 und 30

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Königin Fredegund und Bischof Bertram hatte verlauten lassen. Ostern wurden drei weitere Mitarbeiter Gregors gefangengesetzt und einer sogar gefoltert, ohne dass Neues herauskam. Worauf Chilperich beschloss, in Berny eine Bischofsversammlung einzuberufen, bei der - nicht unraffiniert - Bertram selber als Ankläger anzutreten hatte. Gregor stritt alles ab und gab nur zu, dass die Leute sowas vielleicht flüsterten, er selber habe von der frommen Königin sowas jedoch nie gedacht. Danach stand deren Ehre nicht mehr zur Diskussion. Worauf die Bischöfe - unterdessen Prinzessin Rigunth sogar für ihn betete, so sehr war Gregor bereits Teil der Königsfamilie - beschlossen, Gregors Wort zähle mehr als das eines untergebenen Diakons. Zudem wurde Leudast als Verleumder aus allen Kirchen verbannt, worauf er nach Paris floh, während man den Subdiakon zum Tode verurteilte. Was Gregor - das Folgende verrät, dass man ihn sich nicht unebdingt als Champion der alles verzeihenden Nächstenliebe vorstellen darf - dahin abmildern konnte, dass man ihn nur folterte: „Nichts, nicht einmal Metall, hätte die Qualen ertragen, wie sie diese miserable Kreatur zu ertragen hatte. Von der dritten Stunde des Tages hing er von einem Baum, die Hände hinter am Rücken gefesselt. Zur neunten Stunde nahm man ihn ab, um ihn aufs Streckbrett zu legen, wo er mit Stöcken, Stäben und doppelledrigen Prügeln geschlagen wurde, nicht nur von ein oder zwei Personen, sondern 815 von jedermann, der sich fand“. Kurz vorm Tod gestand er: Durch das Gerücht sollte Königin Fredegund gezwungen werden, das Königreich zu verlassen. Zugleich sollten Clovis Halbbrüder umgebracht werden und Clovis zum König gemacht. Leudast sollte ein Herzogtum erhalten. Und Prior Riculf, ein enger Freund von Clovis schon zuzeiten von Bischof Eufronius, an Gregors Stelle Bischof von Tours werden. Und er, der nun gefolterte Subdiakon, zum Erzdiakon ernannt. - Durch Gottes Gnade kehrte Gregor Ende Juli nach Tours zurück. Wo er jenem Prior begegnete, der seine Stelle einnehmen wollte. Gregor wurde von ihm nicht begrüßt. Als Riculf ihm privat drohte, er werden ihn

815 Pro cuius vita vix obtinui, tamen de tormentis excusare non potui. Nam nulla res, nullum metallum tanta verbera potuit sustinere, sicut hic miserrimus. Nam ab hora tertia diei, revinctis postergum manibus, suspensus ad arborem dependebat; ad horam vero nonam depositus, extensus ad trocleas, caedebatur fustibus, virgis ac loris duplicibus, et non ab uno vel duobus, sed quanti accedere circa miseros potuerunt artus, toti caesores erant. - V, 49

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umbringen, ließ Gregor ihn in ein Kloster einweisen.816 In diesem Jahr - von Brunhilde und ihrem Sohn ist vorerst kein Pieps zu vernehmen, in Reims war man wohl froh, dass das Kriegerische pausierte und Brunhilde die Vormunds-Position konsolidieren konnte - kam es zu einem Erdbeben in Nordspanien und Bordeaux. Und im August setzte eine ganz Gallien verheerende Ruhr-Epidemie (desentericus morbus) ein. Chilperich überlebte sie, aber sein jüngster, noch ungetaufter Sohn Dagobert wurde angesteckt. Dann traf es Chlodobert, den älteren Bruder. Als Fredegund merkte, wie ihr die Söhne starben, bereute sie ihre Sünden und bat Chilperich, die Steuern wieder zu senken. Worauf dieser alle Forderungen ins Feuer warf und die Abgaben neu festsetzte. Dagobert starb trotzdem 817 und wurde in der Kirche St. Denis in Paris begraben. Chlodobert starb in Soissons. Seitdem gab Chilperich, so Gregor, Geld an Kirchen und Ar818 me. Im September kam es infolge von 12-tägigen Regenfällen zu schweren Überschwemmungen. Auch Guntrams Frau Austrechild starb an der Krankheit, worauf der König, dem letzten Wunsch seiner Gattin gehorsam, zwei Ärzte hinrichten ließ.819 Unterdes drängte Goiswinth ihre Enkelin Ingund in Spanien immer rabiater, den arianischen Glauben anzunehmen. Brunhildes Tochter wurde geprügelt bis das Blut kam, um dann nackt in ein Taufbecken geworfen zu werden, ohne dass sie, wie Gregor verkündet, einen Zoll vom katholi820 schen Glauben abwich. König Leuvigild entschärfte den Konflikt, indem er seinem Sohn Hermangild den Süden Spaniens überließ. Dort geriet dieser jedoch unter den Einfluss des katholischen Bischofs Leander von Sevilla, der, im Verbund mit Ingund, erreichte, dass Hermangild sich zum Katholizismus bekannte, der Religion der, wie die katholischen Quellen verkünden, Bevölkerungsmehrheit. Zugleich - oder deswegen - begann er einen Aufstand gegen den Vater, wobei er sich als Ziel wohl weniger dessen Sturz vor Augen hielt, als vielmehr einen katholisch-westgotischen Südstaat. Ein Ziel, für das er vom (ebenfalls katholischen) Suebenkönig Miro, 816 alles Gregor V, 49 817 Der Grablege der späteren französischen Könige bis zur französischen Revolution. Noch

heute - die Kathedrale Saint-Denis ist der erste Bau der Gotik - ein hochinteressanter Ort. 818 alles V, 34 819 V, 35 820 V, 38, ebenso das folgende

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den Franken und Ostrom Unterstützung erbat.821 Chilperich und Fredegund waren nach dem Tod der Söhne indes so verstört, dass sie - die Aussagen von Gregors Subdiakon wohl noch in Ohren Chilperichs letztem noch lebenden Sohn aus erster Ehe, Clovis, die Schuld gaben, der sich ungeniert rühmte, nun alleiniger Erbe Chilperichs zu sein. Weshalb dieser ihn, auf Rat Fredegunds - so wieder Gregor, der glänzend über all das informiert ist oder wenigstens so tut - nach Berny schickte, wo die anderen Söhne sich angesteckt hatten, damit, am Folgenden lässt sich das Rabiate des derzeit herrschenden Zeitgeists vielleicht am besten erkennen, auch er sich anstecke. Weil er dies überlebte, bestellte ihn Chilperich zu sich nach Chelles, einen Landsitz bei Paris, um ihn unter Kontrolle zu haben. Als man Fredegund erzählte, Clovis habe die Tochter eine ihrer Dienerinnen zur Geliebten und deren Mutter verstehe sich auf magische Kunst, ließ Fredegund die beiden foltern. Bis jene Mutter gestand, den Tod der anderen Königskinder durch Zauberkünste verursacht zu haben, weil sie Clovis und ihrer Tochter zum Thron verhelfen wollte. Fredegund ließ Clovis, als Chilperich auf der Jagd war, daraufhin erstechen und gleich begraben, wozu sie dem König sagte, der Sohn habe Selbstmord begangen, nachdem man ihn mit dem Geständnis der Zauberin konfrontiert hatte. Was ihr Gatte ihr abnahm. Wobei Gregor hinzufügt, dass er glaube, Chilperich selber habe die Ermordung angeordnet. Anschließend wurde auch Clovis Mutter Audovera, der man offenbar zutraute, sie sei seit Rouen, als nämlich Merovech Brunhilde heiratete, Teil des Komplotts gewesen, brutal umgebracht und seine Schwester Basina ins Kloster Saint-Radegonde in Poitiers gesperrt 821 Vergeblich, obwohl er ihnen Cordoba überließ; denn die Nachfolger Justinians - Justin II (565-578), Tiberius II (578-581), Maurikios (582-602), Phokas (602-611) und schließlich Herakleios (610-641) - hatten andere Probleme. 568 waren die Langobarden in Italien eingefallen, wo sie die oströmische Herrschaft rasch erfolgreich bedrängten, und seit 572 - unterdessen drangen Avaren und Slawen außer in Illyrien auch tief in den Balkan ein - kam es wieder zu Kriegen gegen die Perser. 574 wurde Justin geisteskrank. Ab 582 versuchte Maurikios mit den Franken eine Koalition gegen die Langobarden aufzubauen (mehrere erhaltene Briefe, auch mit Brunhilde, epistulae Austrasicae), die aber nie richtig Gestalt annahm, denn erst 592 kam es mit dem Persern zum Frieden. 602 wurden Maurikios, der zuvor den Balkan zu befrieden versuchte, und seine Söhne bei einem Aufstand bestialisch getötet. - Sein Nachfolger, der Usurpator Phokas (602-610), errichtete eine BilderbuchTyrannei, die sich um Fernwestliches nicht länger scherte. Immerhin schenkte er Papst Bonifatius IV das römische Pantheon, der es zur Kirche weihte, wodurch es dem Abriß entging. Die sogenannte Phokas-Säule auf dem Forum Romanum gilt als letzter antiker Bau auf römischem Boden. Er wurde von seinem Nachfolger Herakleios (610-641), der eine bis 711 - als das Westgotenreich unterging - regierende Dynastie begründete, brutal hingerichtet. Mit Phokas beginnt das Mittelalter auch im Osten.

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(wo sie später revoltierte). Die angebliche Zauberin wurde dagegen bei lebendigem Leibe verbrannt, wobei ihr nichts nutzte, dass sie angesichts des Scheiterhaufens schwor, gelogen zu haben.822 Unterdessen, also noch 580, schickte der suebische König Miro823 Gesandte an Guntrams Hof, die für die Unterstützung das nun katholischen Hermangilds warben. Chilperich fing sie in Poitiers ab und hielt sie ein Jahr in Paris fest, bevor er ihnen erlaubte, nach Galizien heimzukehren.824 Wobei Chilperich Miros Pläne vermutlich unterband, weil er eine Ehe Reccareds, des anderen spanischen Thronfolgers, mit seiner Tochter Rigunth erwog. Denn auch Leuvigild streckte Fühler nach Norden aus, er schickte Chilperich jedenfalls einen Botschafter, mit dem Gregor in einen Disput über die Trinität geriet, wobei jener Botschafter - den Gregor zum Ausbund der Dummheit erklärt - seinen intellektuellen Widerstand mit den Worten aufgab: „Möge meine Seele den Körper verlassen, bevor mich ein Priester deiner Religion segnet.“ Worauf Gregor kontert: „Möge der Herr meine Religion oder meinen Glauben nie so schwach werden lassen, dass ich seine Gnade auch auf Hunde verschwende oder die Heiligkeit seiner kostbaren 825 Perlen vor dreckige Schweine werfe“. Nein, mit Gregor war nicht zu spaßen. Darüber hinaus schien der Gesandte als Heiratsvermittler aktiv geworden zu sein, denn Chilperich beschäftigte sich nun mit religiösen Fragen, um schließlich ein Pamphlet drucken zu lassen, worin er den Konflikt zwischen den religiösen Richtungen radikal entschärfte, indem er alle drei Wesenheiten der Trinität unterschiedslos als Gott bezeichnete.826 Ein Gedanke von so durchschlagender Modernität, dass Gregor ihn gleich abkanzelte. Und Chilperich, nachdem auch andere Bischöfe streng widersprachen, seinen übergroß geratenen Wurf zurückzog. Was Gregor damit kommentiert, dass Chilperich eben auch geistige Interessen gehabt habe, zum Beispiel 822 alles Gregor V, 39 823 Miro (570-583) starb, als er Hermangild zu Hilfe kommen wollte. 824 Gregor V, 41 825 ait: 'Ante anima ab huius corporis vinculis emicet, quam ab ullo relegionis vestrae sacerdote benedictione accipiam'. Et ego: 'Nec nostram Dominus relegionem sive fidem ita tepiscere faciat, ut distribuamus sanctum eius canibus ac praetiosarum margaritarum sacra porcis squalentibus exponamus'. - V, 43 Per idem tempus Chilpericus rex scripsit indicolum, ut sancta Trinitas non in persona826 rum distinctione, sed tantum Deus nominaretur, adserens indignum esse, ut Deus persona sicut homo carneus nominetur; adfirmans etiam, ipsum esse Patrem, qui est Filius, idemque ipsum esse Spiritum sanctum, qui Pater et Filius. - V, 44

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habe er etliche Bücher Gedichte geschrieben827 und das lateinische Alphabet um 4 Buchstaben erweitert, die griechische Laute wiedergeben sollten, was er an allen Schulen zu lehren befahl. Unterdessen wurde Leudast, Gregors Intimfein, durch ganz Frankreich gejagt. Er floh nach Bourges und nahm aus Tours mit, was er, in einer Nachtaktion, von seinem zusammengerafften Vermögen zu retten vermochte. Aber die Bürger von Tours holten sich ihre Sachen wieder. Als sie ihm auch nach dem Leben trachteten, gelang es ihm, ins Sanctuarium der Kirche des Heiligen Hilarius von Poitiers zu fliehen. Dort hielt er sich lange auf, und traute sich nur gelegentlich raus, um nachts in Häuser einzubrechen und sich so Geldmittel zu verschaffen; man sah ihn auch, wie er am Kircheneingang mit Frauen sprach. Fredegund ließ ihn daher aus dem Asyl vertreiben - was also irgendwie ging, ohne dass uns Gregor über die juristische Lage informiert -, worauf Leudast wieder in Bourges untertauchte. *** 828

581 - unterdes Gregor seine Kathedrale mit Fresken zu versehen begann - änderten sich plötzlich die Koalitionen. Wobei die Initiative diesmal anscheinend nicht von Chilperich ausging. Denn, angeführt von Egidius, dem Bischof von Reims, insofern also einer frühen Richelieu-Mazarin-Gestalt, kam eine Adligendelegation Childeberts an den neustrischen Hof, um ein langfristiges Bündnis anzubieten, das König Guntram seines burgundischen Königreiches berauben sollte. Im Austausch müsste Chilperich seinen Neffen, den (nun 11-jährigen) Sohn Brunhildes, zum Erben einsetzen. Was ein wenig paradox wirkt, denn Guntram hatte Childebert ja ebenfalls grad zu seinem Nachfolger erklärt. Und warum sollte dieser nun plötzlich die Seiten wechseln. Inwiefern dieser Plan Brunhildes Überlegungen entsprach, ist nicht zu ermitteln, später leugnete sie jede Beteiligtheit ab und behauptete, Chilperich habe Egidius bestochen, wofür sich Beweise fanden.829 Wie dem auch sei, fortan ist Brunhilde bei Gregor wieder präsent. Doch ihre Position als 827 im Stil eines nun unbekannten Dichters namens Sedulius: Scripsit alios libros idem rex versibus, quasi Sedulium secutus. - V, 44 828 384 waren sie jedenfalls dann zu bestaunen (Gregor VII, 22) 829 Gregor X, 19

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Vormund Childeberts schien umstritten. In Reims gab es zwei Parteien, die kurz davor waren, sich zu bekriegen. Die eine wurde von einem gewissen Lupus geführt, dem Herzog der Champagne. Wortführer der anderen waren Ursio und Berthefried. Brunhilde tritt mit „der Energie eines Mannes“ - praecingens se viriliter - zwischen die kampfbereiten Truppen, wobei wir sie in Gregors Bericht erstmals sprechen hören: „Hört auf, o Männer, hört auf, hier Schlimmes zu tun. Hört auf, diesen Schuldlosen zu belästigen. Hört auf, wegen eines einzigen Mannes zu kämpfen und Verderben über euer Land zu bringen“.830 Worauf Ursio entgegnet: „Tritt zurück, Frau. Genug, dass du unter deinem Mann königliche Macht hattest. Doch jetzt herrscht dein Sohn, und sein Königreich ist nicht unter deiner, sondern unter unserer Kontrolle. Tritt zurück, sage ich, sonst werden dich die Hufe unserer Pferde zu Boden stampfen“.831 Die Namen der Beteiligten deuten die Konfliktlinien an. Es sieht so aus, als habe Brunhilde bei den Gallo-Romanen - Lupus ist ein lateinischer Name - Unterstützung gefunden, und die raubritterhaft fränkische Aristokratie, die meinte, den König steuern zu können, fühlte sich in ihrer Autonomie bedroht. Eine Konstellation, die - wobei bemerkenswert ist, dass sie 613 tatsächlich unter Pferdehufen den Tod finden sollte, was Gregor allerdings nicht wissen konnte, er starb 594 - auch bei Brunhildes Untergang anzutreffen sein wird. Insofern mochte Egidius, mochte ein Kirchenmann, ein Kompromisskandidat gewesen sein, vielleicht auch zwischen den fränkischen Adelsparteien, die bei derlei kaum alle gleicher Ansicht waren. Aber das Wichtige dieser Szene ist, dass Brunhilde anscheinend gelang, den offenen Bürgerkrieg zu verhindern: Die betroffenen fränkischen Leudes lenkten ein und begnügten sich damit, das Anwesen jenes Lupus im Dunkeln zu plündern, was diesen dazu bewegte, in Burgund 832 Zuflucht zu suchen, bis, wie er sagte, Childebert volljährig sei. Inzwischen machen sich in Nizza die Langobarden bemerkbar, die aber 830 dicens: 'Nolite, o viri, nolite malum hoc facere, nolite persequere innocentem; nolite pro uno hominem committere proelium, quo solatium regionis intereat'. Gregor, VI, 4 831 Haec illa loquente, respondit Ursio: 'Recede a nobis, o mulier. Sufficiat tibi sub viro tenuisse regnum; nunc autem filius tuus regnat, regnumque eius non tua, sed nostra tuitione salvatur. Tu vero recede a nobis, ne te ungulae equorum nostrorum cum terra confodiant'. Gregor VI, 4 Alles VI, 4 - wobei dort, auch unter fränkischer Herrschaft, im privaten Justizwesen weit832

gehend (sogar bis ins 9. Jh., wie aus einem Brief des Bischof Agobardus von Lyon hervorgeht) noch die von den Burgunderkönigen Gundovald und Sigismund vor 520 eingeführte "Lex Burgundionum" befolgt wurde (106 "titula"), die den zuvor hier üblichen römischen Gepflogenheiten mehr Platz einräumte als die "Lex Salica"

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wohl nur erkunden wollten, obs was zu holen gab. Als sie (etwa) 572 eingefallen waren, hatte sie Guntrams General Mummulus entscheidend zurückgeschlagen. Nun bekam die neue antiburgundische Koalition Konturen. Gregor lässt im Dunkel, inwiefern eine Reise Guntram-Bosos nach Konstantinopel damit in Verbindung stand, von der wir zwei Jahre später erfahren. Aber es passt recht schön ins sich jetzt öffnende Bild. Denn Brunhildes Berater forderten von Guntram die Herausgabe der Hälfte Marseilles, die er nach dem Tod Sigiberts an sich gerissen hätte, was Guntram ablehnte und sein bis Bourges nun reichendes Territorium für jede Intervention sperrte. Aber plötzlich verließ ihn sein guter General Mummulus und verschanzte sich in Avignon.833 Zudem wurde von Reims ein Graf Gundolf nach Marseille in Gang gesetzt, ein, wie Gregor bei dessen Zwischenstop in Tours erfuhr, entfernter Verwandter. Dieser zettelte in Marseille im Ver834 bund mit dem dortigen Bischof Theodore einen Aufruhr an. Und während Guntram damit beschäftigt war, Marseille wiederzugewinnen, an sich eine Kleinigkeit, attackierte Chilperichs General Desiderius die Burgunder in der Flanke und eroberte leicht die Region zwischen Perigueux und Toulouse.835 Dabei sprang für Brunhildes Partei - Guntram meinte jedenfalls noch 390, sie stecke hinter diesen Manövern, was sie, wie gesagt, stets bestritt - vielleicht noch nichts heraus, aber Austrasien hatte eine neue Koalition zustande gebracht und die Initiative ergriffen. Und erstmals nichts selber verloren. Offiziell kam es, abgesehen von einem juristischen Streit um Marseille, nichtmal zum Konflikt mit Guntram, da der Vertrag mit Chilperich geheim blieb, sodass Childebert weiter als Erbe nun sogar beider Könige galt. Im nächsten Jahr (582) ließ Chilperich eine große Zahl Juden zwangstaufen und schickte dem westgotischen König Leuvigild Gesandte, die spät erst zurückkamen. Denn dieser war, nachdem er Ostrom mit 20 Tausend Solidi von einer Unterstützung Hermangilds abgebracht hatte, in den Süden vorgestoßen. Indes gelangte die Summe wohl gar nicht nach Konstantinopel, sondern sie wurde gleich nach Reims umgeleitet, wo (wie wir in Gregors Chronik des Jahres 584 erfahren) 50 Tausend Goldsolidi eingegangen waren, damit man in koordinierter Operation die Langobarden angriff. Ein 833 VI, 1 834 Theodore von Marseille, Bischof 566-594, Vorgänge dargestellt in VI, 11 835 VI, 12

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Akt der Außenpolitik, von dem man im Frankenreich - Chilperich tauschte lediglich Geschenke aus - lange nichts gehört hatte. Einer Politik, von der die letztjährige Reise Guntram-Bosos wohl kein unwesentlicher Teil war. Und da Brunhilde auch später mit Konstantinopel korrespondierte836 (und 837 Sigibert es zumindest 565 tat ), liegt nahe, dass sie an dieser Fernkoalition ebenfalls, wenn nicht sogar initiativ, beteiligt war. Vielleicht um Ostrom doch noch zu bewegen, ihre Tochter und deren katholischen Gemahl in Spanien zu unterstützen. 584 wurden jedenfalls tatsächlich Truppen Childeberts nach Italien in Bewegung gesetzt. Chilperichs Horizont blieb beengter. Seine spanischen Gesandten hatten die Mitgift Rigunths verhandelt. Bei Gregor in Tours haltmachend, berichten sie, dass sich auch der arianische Leuvigild über die Trinität Gedanken machte, in Form einer ganz neuen Trickargumentation: „Ich akzeptiere, dass Vater und Sohn identisch sind. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass der Heilige Geist ebenfalls Gott ist, das steht nirgends in der Bibel geschrieben“.838 Was Gregor für deprimierend hält. Im Sommer stellte Chilperich wieder ein Heer auf, aber nachdem er Verwalter für die eroberten Gebiete bestellt hatte und die Steuern zu sich umgeleitet, zog er es vor, mit Guntram zu verhandeln, und man stellte die Kampfhandlungen ein.839 Vielleicht weil ihm als nunmehrigen Beherrscher ganz Neustriens und weiter Teile nun auch des Südens, ein neuer Sohn, Theuderich, geboren wurde, was ihn ins Nachdenken brachte.840 Inwiefern ein gewisser Gundovald, der, mit reichlich Geldmitteln versehen, aus Konstantinopel kam und in Marseille nach der Landung von Bischof Theodore willkommen geheißen wurde, von wo man ihn gleich zu Mummulus nach Avignon weiterleitete, ebenfalls Teil dieser Strategie war, bleibt unklar. Man will es denken, denn als Herzog Guntram-Boso den Bischof 836 4 erhaltene, von ihr unterzeichnete Briefe, zwei an Kaiserinnen, je einer an Kaiser Maurikios und ihren Enkel Athanagild (epistulae Austrasicae 26, 27, 29, 44), wobei davon auszugehen ist, dass sie an den fast 20 Briefen und Gegenbriefen Childeberts ebenfalls beteiligt war. 837 IV, 40 Gregor 838 Sed rex novo nunc ingenio eam nititur exturbare, dum dolose et ad sepulchra martirum et in eclesiis relegionis nostrae orare confingit. Dicit enim: 'Manefeste cognovi, esse Christum filium Dei aequalem Patri; sed Spiritum sanctum Deum penitus esse non credo, eo quod in nullis legatur codicibus Deus esse.'- Gregor VI, 18 VI, 19; 22 839 840 Gregor VI, 23

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zu Rede stellte, behauptete dieser, im Besitz eines von Childeberts Beratern unterzeichneten Briefes zu sein, darin man ihm jenen Gundovald anempfahl. Undurchsichtig daran ist, dass Guntram-Boso selber zu diesen Beratern gehörte und Gundovald in Avignon nun die Hälfte seines Vermögens abnahm. Wobei dieser behauptete, als unehelicher Sohn Chlothars (und somit Bruder von Chilperich und Guntram) Königsrechte zu besitzen.841 Später glaubt König Guntram, das Ganze ginge auf einen Plan Brunhildes zurück, die bereit gewesen sei, jenen Gundowald zu heiraten und damit zusätzlich zu legitimieren. Zunächst aber verschwindet diese mysteriöse Gestalt von den fränkischen Bühnen, es heißt, er sei auf einer Mittelmeerinsel abgetaucht. Wobei z. B. Ibiza in Frage käme, das, wie wir dem Musikliebhaber Licinianus von Carthagena entnahmen, unter oströmischer Kontrol842 le stand. Bei der Rückkehr vom Hof Childeberts wurde Guntram-Boso in Clermont, wo sich seine Töchter aufhielten, Anfang 583 von König Guntram gefangen gesetzt. Unter dem Vorwurf, jenen Thronprätendenten in Konstantinopel nach Marseille eingeladen zu haben. Was Guntram-Boso mit dem im Lehnsrecht offenbar schlagenden Argument bestritt, Gundovald sei ja zu einem Untergebenen Guntrams, dem (unklar revoltierenden) Mummulus gegangen. Worauf man Guntram-Boso befahl, Mummulus - die Familie musste er als Geisel zurücklassen - herbeizuschaffen. Also belagerte er mit burgundischen Truppen Avignon. Was ihm Childebert oder dessen Berater verboten (da er Guntram-Bosos eigentlicher Lehnsherr war) und stattdessen den (mit Gregor verwandten) Spezialagenten Graf Gundolf schickten, der vor 2 Jahren in Marseille Unruhe gestiftet hatte. Tatsächlich gelang es diesem, Mummulus nach Clermont zu schaffen, wo König Guntram sich davon überzeugen ließ, dass weder am scheinbaren Abfall, noch an jenem Gundovald irgendwas Verdächtiges war. Das Ganze wirkt extrem wirr, vielleicht weil das Ziel dieses Manövers war, den, trotz seiner Hau-Drauf-Brutalität, im persönlichen Gespräch wohl etwas naiven burgundischen König zu verwirren, wobei Gregor die Vorgänge von Tours aus ebenfalls unzuläng843 lich verstand.

841 842 843

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Gregor VI ,24 in Tagebuchnotiz vom 26. 3. 2008 und Fußnote Nr. 17 VI, 26

Ostern 583 ließ Chilperich seinen neuen Sohn taufen.844 Aus Spanien erfuhr er von Gesandten, dass Leuvigild seinen eigenen Sohn Hermangild und dessen katholische Anhänger nun in Sevilla belagere.845 Zu Hilfe kam ihm - die „Griechen“ hatte man ja bestochen - einzig der Suebenkönig Miro, den Leuvigild aber gefangennahm und zu einem Treueeid zwang, worauf Miro starb.846 Wie zeitnah Brunhilde die Vorgänge mitbekam, ist nicht zu ergründen. Ihre Tochter Ingund gebar kurz vor oder während der Belagerung Sevillas einen Sohn, Athanagild, wegen dem später Briefe mit Konstantinopel gewechselt werden sollten. Aber Chefberater des nun 13-jährigen Childebert war Egidius, der Bischof von Reims. Er war auch Anführer der Delegation, die den Pakt mit Chilperich, mit der Geburt des neuen Sohns wurde er ja hinfällig, in diesem Jahr erneuerte. Was dafür spricht, dass Brunhilde spätestens jetzt nicht mehr richtig beteiligt war. Im Sommer kam es infolge des bekräftigten (und wohl neu verfassten, 590 sollte das eine Rolle spielen) Pakts dann erneut zu Konflikten. wobei das zu Guntram gehörende Bourges völlig zerstört wurde. Aber dann fingen sich die Burgunder und besiegten Chilperich im ersten offenen Gefecht der Auseinandersetzung, wonach man Frieden schloss. Aber die Truppen von Chilperichs Generalen Desiderius und Bladast ließen sich nicht unter Kontrolle halten, die Gegend von Bourges wurde praktisch entvölkert. Auch Tours wurde zerplündert. Wobei Childeberts Armee dem Treiben unbeteiligt zusah, als im politischen Sinn vielleicht klug lachender Dritter, was aber bei den Soldaten, die sich um ihre Kriegs-Beute geprellt fühlten - in jenen Zeiten, vielerorts bei Gregor verfolgbar, ohnehin die einzige Bezahlung -, nicht gut ankam und die Empörung so weit ging, dass man Bischof Egidius, den - als Vorläufer, wie gesagt, gewissermaßen des Kardinals Richelieu - Architekten dieser Auseinandersetzungen, fast steinigte.847 Ein paar Monate davor war Leudast wieder in Tours erschienen und wollte 844 845 846

VI, 27 Gregor V, 38 Gregor VI, 43 sowie Johannes von Biclaro, Chronik AD 583. Laut Isidor von Sevilla, Sueven 91, starb er bereits auf dem Weg nach Sevilla 847 Alles, also der gesamte Feldzug des Jahres 583, Gregor VI, 31

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rehabilitiert werden, weshalb Gregor ihn zu Chilperich schickte, der ihm vergab. Aber als er sich auch Fredegund zu Füßen warf, konnte sie ihre Wut auf den Verleumder ihrer Tugend kaum bremsen, und ließ ihn mit Erlaubnis des Königs in ihrer Gegenwart zu Tode foltern. So endete der Erzfeind Gregors, der ihn fast ums Amt (und das Leben) gebracht hatte.848 Aber auch Brunhilde hinterließ weiterhin Spuren. In Javols (im südlichen Zentralmassiv, so weit reichten ihre Ohren) hatte ein Priester namens Lupentius sie angeblich verleumdet und musste vor ihr erscheinen.849 Er wurde freigesprochen, aber auf dem Heimweg brachte ihn sein Ankläger, Graf Innocentius von Javols, um. Wonach sie diesen als Bischof von Rodez durchdrückte. Sie machte also im Kirchenbereich Personalpolitik. Mit offenbar ziemlich rabiaten Charakteren. Im gleichen Jahr (584) wurde auf Wunsch Guntrams mit Sulpicius Severus (den Gregor, anders als jenen Innocentius, in höchsten Tönen lobt, was wohl Vorbehalte an Brunhildes Verhalten impliziert) ein Namensvetter unseres Sulpicius Bischof des zerstörten Bourges.850 Vielleicht ein Nachkomme des genialen Verfassers der Vita Martini. Von der wir hier allerorts Spuren finden, denn ohne sie hätte es weder eine Kathedrale von Tours, noch das offenbar äußerst beliebte dortige Kirchenasyl gegeben. Die berühmte Saint-Sulpice-Kirche in Paris ward allerdings auch nicht nach diesem Sulpicius benannt, sondern nach einem seiner Nachfolger im Bourgesischen Bischofsamt.851 584 berichten Botschafter aus Spanien, dass Heuschrecken die Gegend Toledos kahlgefressen hätten und in Narbonne die Pest ausgebrochen sei.852 Hermangild kapitulierte am Jahresanfang in Sevilla, worauf ihn sein Vater festsetzte, was den Katholizismus in Spanien erstmal beendete. Ingulds Schicksal blieb vorerst unklar.853 848 Gregor VI, 32 849 Lupentius vero abba basilicae sancti privati martyris urbis Gabalitanae, a Brunichilde regina arcessitus, advenit. Incusatus enim, ut ferunt, fuerat ab Innocentio supradictae urbis comite, quod profanum aliquid effatus de regina fuisset. - VI, 38 VI, 38 und 39 850 851 siehe Fußnote Nr. 463 852 Gregor VI, 33 853 Gregor VI, 40 - die Nachricht erreichte ihn Ostern 484; sie starb 485 unterwegs in Cartha-

go. Auch Hermangild starb 485, unter ungeklärten Umständen. Ihr gemeinsamer Sohn, der Urenkel Brunhildes, erreichte Konstantinopel jedoch, wo seine Großmutter und Childebert später mit ihm Briefe wechselten, und Brunhilde Kaiserin Constantina bat, ihn zurückzuschicken. - siehe Fußnote

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Immerhin wurde nun der Ehekontrakt zwischen Rigunth und Reccared bestätigt und nach Spanien abgeschickt. Doch da brach in Paris erneut die Ruhr aus. Wieder fiel ein Sohn Fredegunds ihr zum Opfer. Chilperich wurde davon so verstört, dass er den Heiratskontrakt rückgängig machen wollte, um dem spanischen Prinzen stattdessen seine andere Tochter, Basina, anzubieten, die er im Rahmen der Clovis-Affäre ins Kloster Radegundes gesteckt hatte. Basina lehnte dankend ab, da es sich für eine Nonne, die sich Christus geweiht habe, nicht schicke, zu den sinnlichen Freuden der Welt zurückzukehren.854 Und wieder glaubte Fredegund beim Tod eines Sohns an Hexerei. Sie ließ etliche der Hexerei verdächtige Pariser Hausfrauen foltern, bis diese, nachdem man einige in Gegenwart der anderen geköpft hatte, zugaben, ihren Sohn Theuderich verhext zu haben, damit (Gregor kann es nicht glauben, so verrückt klingt das für ihn), der Präfekt Mummulus die Ruhr überleben könne. Worauf man auch Mummulus - nicht zu verwechseln mit dem grade von Guntram abgefallenen burgundischen General - so weitgehend verstümmelte, dass Fredegund ihn kurz vorm Tod begnadigte und, nach dem Einzug allen Besitzes, auf einem Karren in seine Heimatstadt Bordeaux schickte, auf welchem er einen Schlaganfall erlitt und am Ziel dann starb.855 Aber Fredegund bekommt (wohl Mitte Juli) einen fünften Sohn, Chlothar, der zwei Jahrzehnte später als Chlothar II und einziger überlebender Mero856 winger das Frankenreich wieder einen sollte. Gleichfalls 584 gab Guntram die von seinem Neffen beanspruchte Hälf857 te Marseilles zurück. Sobald Chilperich davon vernahm, forderte er seine Herzöge und Gefolgsleute auf, die Stadtmauern und Befestigungen zu erneuern, weil er das Schlimmste befürchtete. Aber die Truppen Childeberts marschierten nur nach Italien, wo man aber, nachdem sich die Langobarden formal unterwarfen, bald Frieden machte. Als der römische Kaiser Nr. 836

854 dicente: 'Non est enim dignum, ut puella Christo dedicata iterum in saeculi voluptatibus revertatur' - Gregor VI, 34 Gregor VI, 35 855 856 VI, 41 857 VI, 33

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Maurikios davon erfuhr, wollte er die fünfzig tausend Solidi Gold wiederhaben, die er zwei Jahre zuvor geschickt hatte, worauf Childebert (bzw. Brunhilde, wenn sie für die Korrespondenz verantwortlich gewesen sein sollte) nicht reagierte.858 Kurz wurde noch überlegt, die Westgoten anzugreifen offenbar stand das ebenfalls in den mit den „Griechen“ gewechselten Briefen (im nächsten Jahr ist sogar von zusätzlich geflossenen Geldsummen die Rede859 -, aber dann ließ mans lieber sein. Denn in Spanien hatten sich die Dinge entschieden. Die Katholiken Sevillas waren besiegt. Und die Sueben, die ihnen zu Hilfe gekommen waren, wurden in ihren Untergang gezogen. Nach dem Tod ihres Königs Miro, der Leuvigild den Gefolgseid schwören musste, folgte ihm sein Sohn Erborich auf dem Thron, der den Eid auf Leuvigild zu erneuern hatte, weshalb sich ein gewisser Audeca empörte. Der Erborich ins Kloster schickte und Miros Witwe Sisigunthis heiratete, um seine Herrschaft in treu-germanisch-bewährter Art zu legitimieren.860 Die Schwäche der Sueben wusste Leuvigild auszunutzen: 585 besiegte er Audeca bei Porto, machte ihn zum Mönch, beschlagnahmte den Staatsschatz und gliederte schließlich das suebische Territorium komplett ins Westgotenreich ein.861 Damit endeten nach den Staatsversuchen der Vandalen und Ostgoten auch derjenige der Sueben, die allerdings, wie schon erwähnt, im eigensinnig Portugiesischen zumindest in zungenschlag-sprachlicher Hinsicht - und daher, wenn man so will, sogar im wunderbaren Filmwerk des Manoel de Oliviera - deutliche Spuren hinterließen. Aber Thema Nr. 1 ist 584 im Frankenreich Rigunth. Am 1. September erreichte eine große Gotendelegation Paris, um die Prinzessin in Empfang zu nehmen. Wobei man sich gotischerseits wohl wunderte, mit welcher Gleichgültigkeit die Franken das Schicksal der so tapfer auf dem katholischen Glauben bestehenden Ingund hinnahmen. Fredegund steuert große Summen zur Ausstattung ihrer Tochter bei, sowie Hunderte von Sklaven (von denen sich etliche lieber umbrachten), sodass Chilperich angesichts des 50-karrig Paris verlassenden Wagenzugs meinte, sein komplettes 858 VI, 41 f. 859 VIII, 18, wobei Gregor, zu lax formuliert, vielleicht nur das gleiche Gold meinte 860 Johannes von Biclaro, Chronik AD 584; Isidor von Sevilla, Sueven, 92; nach Gregor (VI,

43) heiratete er die frühere Gemahlin Eborichs 861 Johannes von Biclaro, Chronik AD 584).

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Vermögen sei Richtung Süden entschwunden. Aber Fredegund beruhigte ihn (und den komplett anwesenden neustrischen Adel), indem sie erklärte, dass einzig ihr eigenes Vermögen belastet worden sei. Was man ihr glaubte, für so reich hielt man sie wegen ihrer rücksichtslosen Geldgier. Dass sie darüber hinaus den Majordomus Landericus (frz. und engl. Landry) zum Geliebten hatte, steht nur in einer späteren, das Fränkisch-Romantische arg betonenden Chronik.862 Schon bei der ersten Übernachtung machten sich fünfzig von Rigunths Begleitern unter Mitnahme hundert goldgeschmückter Pferde davon, um damit in Childeberts Königreich Zuflucht zu suchen. Und das setzte sich, obwohl in ihrer Begleitung etliche Adlige, angeführt von Waddo, dem Majordomus Rigunths, und ein beträchtliches Bewaffnetenkontingent waren - es reisten 4000 insgesamt Personen - unterwegs fort. Da niemand daran dachte, den Wagenzug auch hinter Poitiers noch mit Vorräten zu versehen, hinterließ man eine Schneise der Verwüstung.863 Unterdes ging Chilperich auf seinem Landsitz Chelles bei Paris auf die Jagd. Und als er davon eines Abends nach Hause kam, stürzte ein unbekannter Mann auf sein Pferd zu und er wurde (mit 47) erstochen.864 Und das war das Ende Chilperichs, des Nero und Herodes unserer Zeit, wie Gregor ihn nun charakterisiert.865 Brunhilde hatte ihren gefährlichsten Feind überlebt. Und ihr Sohn lebte ebenfalls noch. Und war mit seinen 14 König. Kein kleines Kunststück. - 4Guntram Naturgemäß löste der Tod Chilperichs nun vielerorts Aktivitäten aus, viele davon hochdramatisch. Zunächst natürlich auf Seiten Fredegunds. Ratlos, an wen sie sich wenden sollte, bat sie, laut Gregor, als erstes eine gewissen Eberulf, den Schatzmeister ihres Gatten, zu ihr zu kommen, um mit ihr, wie etwas unklar ausgedrückt wird, zu leben (ut cum ipsa resederet), was dieser 862 Liber Historia Francorum 35 (von etwa 750) 863 Gregor VI, 45 864 zwischen dem 27. September und dem 9. Oktober 584 865 "Chilpericus, Nero nostri temporis et Herodis" - Gregor VI, 46

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dankend ablehnte. 866 Davon, dass dieses kaum kaschierte Eheangebot nur auf Gerede basierte, später. Gewiss ist jedenfalls, dass Fredegund mit ihrem höchstens dreimonatigen Sohn und allem, was sie vom Kronschatz mitschleppen konnte, von Chelles in die Kathedrale von Paris floh. Das Übrige, darunter die Dokumententruhe, wurde Childebert zugeführt.867 Auf Anraten ihrer Berater bat Fredegund König Guntram nun um Schutz für ihren Sohn. Und damit sind wir beim zweiten Brennpunkt des sich nun entfaltenden Geschehens. Guntram - inzwischen herrschten im Land bürgerkriegsartige Zustände, in denen etliche Städte über ihre Nachbarorte 868 herfielen, um sie auszuplündern - erschien mit seiner Armee umgehend in Paris, dem sich Childebert zugleich vom Osten näherte.869 Da die Pariser sich weigerten, die Austrasier in die Stadt zu lassen, sandte er Guntram Boten, die diesen baten, den Vertrag „von der Brücke“ zu respektieren, worin er Childebert zum Erben eingesetzt hatte. Aber Guntram, bei den Vorgängen der letzten Jahre wirkte er noch extrem naiv, hatte inzwischen begriffen, was ihm geschah. In seiner Antwort kam der Grimm eines Herrschers zum Ausdruck, der sich von seinem Neffen (und dessen Mutter) aufs Übelste hintergangen wähnte. Mit dem Dokument in der Hand, worin Chilperich und Childeberts Berater seine Vernichtung beschlossen, erklärte er das gesamte Königreich des verstorbenen Charibert zu 870 seinem Besitz. Und als Childebert die Auslieferung Fredegunds verlangte, da sie den Tod seiner Tante (Galswinth, der Schwester Brunhildes), seines Vater (Sigibert), seines Onkels (Chilperich!) und zweier seiner Cousins (Merovech und Clovis) verursacht habe, lehnte Guntram dies mit dem Versprechen ab, die Vorwürfe zu gegebener Zeit zu prüfen. Und als Fredegund ihm mitteilte, jetzt, also bereits 4 Monate nach der Geburt ihres Sohns, so Gregor, wieder schwanger zu sein871, stellte er sie unter seinen Schutz. Was die Mehrzahl der Lehnsleute Chilperichs ihren Lehnseid auf Guntram und Fredegunds Sohn übertragen ließ, den nun viermonatigen Chlothar.872 Was 866 VII, 21 - Diskussion weiter unten 867 VII, 4 868 VII, 2 869 VII, 5 870 VII, 6 - also auch die Sigibert und Chilperich zugesprochen Gebiete 871 aus der Schwangerschaft wurde anscheinend nichts, es scheint sich um einen Trick Frede-

gunds gehandelt zu haben, mit dem sie ihren Schwager geneigt machen wollte. 872 VII, 7 - womit sich das Geburtsdatum Chlothars auf Juli 584 setzen lässt. Am 1. Sept. kamen die spanischen Gesandten, sodass Rigunths Hochzeitszug Mitte September abgegangen sein

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wiederum bedeutet, dass Guntrams Kontrolle über das südliche, einst Charibert gehörenden Neustrien vom dortigen Adel nun formal akzeptiert war. Wobei er sich fortan als Beschützer beider seiner Neffen begriff und hoffte, wenigstens noch drei Jahre zu leben, um die Kinder vor dem Hass der Königinnen zu schützen. Deshalb ließ er sich, insbesondere in Paris, nur noch mit enormer Leibwache sehen.873 Zwei weitere Brennpunkte finden sich im Süden, zum einen in Toulouse, wo der Brautzugs Rigunths nach Chilperichs Tod ins Stocken kam, und zum anderen in Avignon. Als Desiderius Wind vom Tod Chilperichs bekam, eilte er mit etlichen Soldaten nach Toulouse, wo er den Brautschatz Rigunths in Besitz nahm und - die Prinzessin mit einem Taschengeld dem dortigen Kirchenasyl übergebend - versiegeln ließ. Um dann Mummulus (mit dem er zwei Jahre zuvor, als dieser von Guntram abfiel, ja schon einmal einen Pakt gemacht hatte) in Avignon aufzusuchen, wo sich auch der Thronprätendent Gundovald einfand. Im Dezember 384 riefen sie ihn in Brives-la-Gaillard, unweit Limoges, zum König aus. Im Spätherbst dieses Jahres blühten viele 874 Bäume ein zweites mal und in Angers gab es ein Erdbeben. Inzwischen hatte Guntram auch in Aquitanien von den einstigen Untertanen Chariberts den Lehnseid verlangt. Als Tours und Poitiers (und wohl auch Limoges) sich sträubten, weil sie lieber unter Childeberts Jurisdiktion bleiben wollten, beantwortete Guntram dies mit einer verheerenden Militäraktion, die den Lehnseid erzwang.875 Wieder wollte Childebert verhandeln und schickte Guntram eine Delegation mit dem Bischof Egidius und Herzog Guntram-Boso, die Anspruch auf Sigiberts Territorien erhob, die dieser aus Chariberts Königreich erhalten habe. Zudem sollte Fredegund ausgeliefert werden. Guntram misstraute jedoch den Anschuldigungen gegen sie und lehnte ab. Als Guntram-Boso die Stimme erhob, warf ihm der König vor, den Prätendenten Gundovald aus Konstantinopel ins Frankenreich eingeschmuggelt zu haben, wobei er das Wort „Ballomer“ benutzte - wohl, wie im Kontext ersichtlich, das fränkische Schimpfwort für einen illegalen Prätendenten -, ein Beiname, der jenem Gundovald nun anhaftete. könnte. Danach fuhr Chilperich auf seinen Landsitz, wo man ihn Anfang Oktober umbrachte. Sechs Wochen danach mag es dann zu dieser Pariser Vereinbarung gekommen sein, also etwa am 15. Nov., 4 Monate nach dem 15. Juli 873 VII, 8 874 VII, 9 ff. 875 VII, 12

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Guntram-Boso wies die Vorwürfe zurück, wonach die austrasische Delegation die Verhandlungen unter der Drohung abbrach, die Axt sei noch bereit, die schon die Schädel seiner Brüder Sigibert und Chilperich gespalten habe, worauf Guntram sie bei ihrem Abgang mit Pferdedung, Holzstücken, verfaultem Heu und Stroh sowie Unrat aus der Kanalisation bewerfen ließ. Erniedrigt zogen sie von dannen.876 Währenddessen kehrte, gegen den Widerstand Fredegunds, Bischof Praetextatus nach Rouen zurück. Und allerorts rächte sich die Bevölkerung an Chilperichs Beamten, weil sie unrechtmäßig Besitz an sich gerafft hatten. Guntram ordnete an, die übelsten Taten rückgängig zu machen und befahl Fredegund, in Rueil bei Rouen zu bleiben. Wohin ihr Sohn Chlothar und etliche Adlige ihres Gatten sie begleiteten. Unterdes man einen Mordanschlag auf Brunhilde vereitelte, bei dem der Attentäter angab, Fredegund habe ihn geschickt. Als er wieder bei Fredegund eintraf, schlug man ihm Hände und Füße ab.877 Offenbar ließ Guntram der Vorwurf, Fredegund habe ihren Mann selber umbringen lassen, keine Ruhe, sodass er in Châlon-sur-Saône, wo er fortan öfter Hof hielt, eine Untersuchung anordnete. Dabei schob Fredegund den Mord seltsamerweise nicht Brunhilde zu, sondern sie klagte den Schatzmeister Chilperichs an, den erwähnten Eberulf, der mit einem Großteil des Staatsschatzes in die Gegend von Tours geflohen sei. Sobald Eberulf dies vernahm, suchte er im Asyl des Heiligen Martin Zuflucht. Dort belagerten ihn einige Soldaten Guntrams, um aber schon zwei Wochen danach unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Mit allerdings etlichem Plündergut und dem Vieh des Heiligen Martin, wofür Gott sie gleich damit strafte, dass zwei der Männer, die das Vieh wegtrieben, bei einem Streit starben.878 Derweil wurde Eberulfs Besitz eingezogen. Während er sich im Asyl oft betrank, wo er in der Sakristei lebte und ihn außer seinen Dienern auch junge Frauen besuchten, die verständnislos die teuren Fresken bestarrten, die 876

Et sic cum scandalum discesserunt. Tunc rex his verbis succensus, iussit super capita euntium proici aequorum stercora, putrefactas astulas, paleas ac faenum putridine dissolutum ipsumque foetidum urbis lutum. Quibus de rebus maculati graviter, non sine inmensa iniuria adque contumilia abierunt. Gregor VII, 15 877 VII, 16; 19; 20 878 VII, 21

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Gregor in den letzten Jahren hatte anbringen lassen.879 Nachts behinderte er Gregor an der Ausübung der liturgischen Gesänge, was dieser, weil er wusste, dass man mit Betrunkenen nicht argumentiert, ignorierte. Wobei ihm Eberulf noch mitteilte, dass er, wenn der König befähle, ihn aus dem Asyl zu vertreiben, mit dem Altartuch in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, erst Gregor und dann so viel Kirchenleute wie möglich umbringen würde, weil ihm dann alles egal wäre.880 Bei solch nächtlichen Ausfällen wird er Gregor wohl auch die Ursache von Fredegunds Anschuldigung verraten haben, dass sie ihm, Eberulf, nämlich - wir sprachen es kurz bereits an - unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes gebeten hätte, mit ihm zu leben, und weil er dies abgelehnt habe, hasse sie ihn nun.881 Denn dass sie dies vor Guntram selber ausgesagt hat, oder dass es sogar, was Gregors wiederum andeutet, als zugegebene Faktenlage zu gelten hat, klingt extrem abwegig. Eigentlich kann er von sowas einzig durch Eberulf erfahren haben. Den er zugleich als so starken Trinker vorstellt, dass eine gehörige Portion Angeberei und selbstgerechte Entschuldung dahinterstecken mochte. Wie dem auch sei: dass Fredegund jenem Eberulf die Schuld für den Mord an ihrem Gatten in die Schuhe schob und nicht dem Hof Brunhildes, bleibt sonderbar. Später wird Guntram den Verdacht äußern, Bischof Theodore von Marseille habe dahinter gesteckt. Anfang 585 brach Guntram, während allerorts Rechnungen mit Chilperichs Beamten und sogar seinem Leibarzt beglichen wurden, in Tours und 882 Poitiers den letzten Widerstand. Unterdes hatte sich Gundovald, der „Ballomer“, ein wenig nach Norden gewagt, wo er von allen Städten, die einst Sigibert gehörten, einen Eid auf dessen Sohn Childebert verlangte. 879 Cum autem presbiter, qui clavis ostei retenebat, clausis reliquis, recessissit, per illum salutaturii osteum introeuntes puellae cum reliquis pueris eius, suspiciebant picturas parietum rimabantque ornamenta beati sepulchri. VI 22 Et ille: 'Deliberatum', inquid, 'habui , ut, si me rex ab hoc loco iuberit extrahi, ab una 880 manu pallas altaris tenerem, ab alia vero, evaginato gladio, te prius interfectum, quantuscumque deinceps clericos repperissem, in morte prosternerem. Nec mihi post haec erat iniuria leto subcumbere , si de huius sancti clericis acciperem ultionem'. - ebenfalls VII, 22 881 His ita gestis, cum rex Gunthchramnus Cabillonno regressus mortem fratris conaretur inquirere et regina crimen super Eberulfum cobicularium inposuissit - rogatus enim fuerat ab ea, ut post mortem regis cum ipsa resederet, sed optenere non potuit - haec ergo inimicitia pullulante, adseruit regina ab eodem principem interfectum, ipsumque multa de thesauris abstulisse et sic in Toronicum abscessisse - VII, 21 882 VII; 24 f.

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Was erneut den Verdacht nahelegt, er habe mit Brunhilde, wenn nicht von Anfang an, so doch jetzt unter einer Decke gesteckt. Zumal ihn Desiderius und Mummulus weiter unterstützten, wobei sich ihnen außer (dem von Guntram wegen unbotmäßigem Verhalten abgesetzten) Bischof Sagittarius, dem man Toulouse als Bischofssitz versprach, auch Waddo, der Majordomus Rigunths, anschloss. Aber jetzt ging Guntrams burgundische Armee entschlossen gegen Gundovald vor, wobei etliche der grad geplünderten Einwohner von Tours den Soldaten in der Hoffnung folgten, sich nun selber bei den fälligen Plündereien beteiligen zu können. Und Leute aus Poitiers sie überfielen, um wenigstens ein paar halb verhungerte Habenichtse auszurauben.883 Unterdes wurden neue Strategien benutzt, mit denen man das Kirchen­asyl aushebeln konnte. Um sein Gewissen nicht zu beschmutzen, setzte König Guntram ein Kopfgeld auf Eberulf aus. Worauf ein gewisser Claudius, der es sich verdienen wollte, auch Fredegund aufsuchte, die - sei es weil Eberulf ihren Mann getötet hatte, sei es weil er mit dem Staatsschatz durchgegangen war, sei es weil er sich ihr verweigerte - von durchdringendem Haß durchwühlt war, um von ihr schon vorher eine Belohnung zu kassieren. In Tours diente jener Claudius sich dann Eberulf als Trinkbruder an, der eines Abends fragte, ob nicht stärkere Getränke vorrätig seien. Worauf ihn Eberulf ins Kirchenvestibül einlud und ihm dort nicht bloß Burgunder, sondern schön schwere Weine „aus Latium und Gaza“ vorsetzte. Mit Eberulf allein und betrunken, versuchte Claudius, ihn zu ermorden. Als Eberulf sich wehrte, wurde er von Claudius Leuten totgeschlagen. Unterdes Eberulfs Anhang ihren Chef zu Hilfe eilen wollte, was zu einem Gemetzel in der Kirche führte, in das, wie erwähnt, die stets hier herumlungernde Bedürftigenschar eingriff. Aus, wie Gregor beschönigend schreibt, Empörung über die Entweihung des Heiligtums, aber mehr wohl, nachdem auch der letzte Beteiligte inclusive Claudius totgeschlagen war, um die Leichen bis auf die 884 Haut zu plündern und sich dann aus dem Staub zu machen. In Bordeaux erhielt Gundovald - während Mummulus sich ein Drittel vom Daumen des Heiligen Sergius verschaffte, den ein wohlhabender Privatmann in der Stadt als Glücksbringer verwahrte - die Unterstützung Bischof Bertrams, nachdem sich ihm zuvor schon Palladius von Saintes und 883 884

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VII, 26 ff. VII, 29

Ursicinus von Cahors angeschlossen hatten.885 So gestärkt forderte er Guntram durch Gesandte auf, einen Teil des burgundischen Territoriums abzugeben. Unter der Folter enthüllten sie, dass Gundovald nicht nur über den Brautschatz Rigunths verfüge, sondern von Childeberts Beratern eingeladen worden sei, den Königstitel anzunehmen. Was darauf zurückgehe, dass Guntram-Boso bereits mit der Absicht nach Konstantinopel gereist sei, Gundovald, den „Ballomer“, nach Gallien einzuladen.886 Darauf ließ der König sie dies in Gegenwart des jungen Childebert und von dessen Beratern wiederholen. Wobei die Gesandten behaupteten, all dies sei den Wichtigeren in Childeberts Stab längst bekannt und dass etliche deshalb lieber nicht erschienen seien. Im Anschluss an diese offenbar überzeugende Konfrontation sprach Guntram mit seinem Neffen einige Stunden privat, in denen er (wie Gregor berichtet) ihm klar zu machen suchte, welchen Beratern er fortan auf keinen Fall mehr trauen dürfe. Insbesondere warnte er ihn vor Bischof Egidius, der schon immer sein, also Guntrams, Feind gewesen sei. Danach setzte er Childebert wieder zum Erben ein und gab ihm alle Besitztümer wieder, die einst König Sigibert besessen hatte, was man mit dreitägigen Festlichkeiten feierte. Wobei er ihm wenn nicht befahl, so doch ausdrücklich nahelegte, Brunhilde nicht mehr zu besuchen und ihr nicht die geringste Gelegenheit zu geben, mit Gundovald in Kontakt zu treten.887 Als man im Umkreis des „Ballomers“ erfuhr, dass Guntrams Heer von Poitiers aus im Anmarsch war, verließ ihn Desiderius, worauf sich Gundovald nach Comminges am Pyrenäenrand zurückzog. Wo er zu Beginn der Fastenzeit (in initium quadraginsimae, 40 Tage vor Ostern) die Einwohnerschaft für sich gewann und einen Brief Guntrams erhielt, der ihn (im Namen Brunhildes, laut Gregor ein Trick888) zum Aufgeben drängte. Was er nicht tat, so885 VII, 31 886 Deinde increscentibus suppliciis, aiunt neptem illius, id est regis Chilperici filiam, cum Magnulfo Tholosanorum episcopo exilio depotatam; thesauros omnes ab ipso Gundovaldo sublatus, ipsum quoque regem ab omnibus maioribus natu Childeberthi regis expetitum esse, sed praesertim, cum Gunthchramnus Boso ante hos annos Constantinopolim abissit, ipsum in Galliis invitassit. - Gregor VII, 32 Tunc ei reddedit rex Gunthchramnus omnia quae pater eius Syghiberthus habuerat, 887 obtestans, ne ad matrem accederet, ne forte aliquis daretur aditus, qualiter ad Gundovaldum scriberit aut ab eo scripta susciperit. - VII, 33 Eo tempore Gunthchramnus rex misit litteras ad Gundovaldum ex nomine Brunichil888

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dass er belagert wurde und Guntrams Heer die Umgebung durchplünderte, wobei mancher so weit vom Haupttross abkam, dass Bauern ihn einfach erschlugen.889 Aufgefordert seine Geschichte zu erzählen, erklärt Gundovald von der Stadtmauer herab seine Abkunft von König Chlothar I, der ihn gehasst und ihm etliche male das Haar kurz geschnitten habe. Weshalb er zu Narses nach Italien gegangen sei, wo er geheiratet habe und nach dem Tod der Frau mit den Kindern nach Konstantinopel gegangen sei, wo GuntramBoso ihn aufgespürt und im Namen aller fränkischen Adligen aufgefordert habe, nach Gallien zu kommen, da die Könige kinderlos seien und einer le890 diglich ein kleines Kind. Dann sei er nach Marseille gesegelt, wo ihn der Bischof freundlich empfing und zum Patrizier Mummulus nach Avignon geschickt habe, wo Guntram-Boso aufgetaucht sei und ihm das Vermögen genommen habe. Eine lange Rede, deren Dichte sich Gregor wohl ausdachte, deren Argumentationslinie jedoch stimmig klingt. Hier wurde ein etwas naiver Mann, der davon träumte, König zu werden, reingelegt. Dann bat Gundovald die Soldaten, ihn zu Guntram zu geleiten, wo er sich dessen Urteil fügen wolle, oder ihn zurück nach Konstantinopel zu lassen. Was nicht geschah. Mummulus bot an, überzulaufen, zum Schein ging man drauf ein. Als er Gundovald zur Aufgabe zu bewegen suchte, hielt dieser ihm Undankbarkeit vor, da er ihm in Avignon den Teil seines Vermögens gegeben habe, den Guntram-Boso ihm gelassen hätte, einen enormen Schatz - wieso Gregor Kenntnis von diesem Dialog bekam, bleibt unklar -, aber dann gab Gundovald, gab der „Ballomer“auf. Er wurde von Guntrams Soldaten erschlagen, worauf man Comminges plünderte, mit Mann und Maus mas891 sakrierte und, inclusive aller Kirchen, verbrannte. Unterdes wurde Childebert vom Kaiser in Konstantinopel dazu gedrängt das Gold herauszugeben, das er letztes Jahr bekommen habe, oder endlich etwas zu tun. Deshalb nach Italien geschickte austrasische Truppen kehrten - aus Spanien kamen Gerüchte, Ingund sei mit ihrem Sohn Athanagild dis reginae, in quibus erat scriptum, ut, relicto exercitu et in loca sua abire iussum, ipse remotior apud Burdegalinsem urbem hyberna deducerit. Scripserat enim haec dolose, ut de eo plenius, quid agerit, possit agnoscere. - Gregor VII, 34 889 VII, 35 f. 890 Gunthchramnus Boso, haec mihi diligenter exposita, invitavit me, dicens: 'Veni, quia ab omnibus regni regis Childeberthi principibus invitans, nec quisquam contra te muttire ausus est. Scimus enim omnes, te filium esse Chlothacharii, nec remansit in Galliis qui regnum illum regere possit, nisi tu advenias'. - VII, 36 VII, 38 891

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Richtung Konstantinopel transferiert worden - aber bald zurück.892 Auch Mummulus (der offenbar vergebens auf die Wunderwirkung des Daumendrittels vom heiligen Sergius hoffte) und Ex-Bischof Sagittarius wurden umgebracht, Waddo gelang es zu entfliehen. Ein Gesandter Fredegunds, der den „Ballomer“ angeblich zu ihr bringen sollte, brachte immerhin 893 Rigunth nach Haus. Unterdessen spürte man in Avignon die Schätze des Mummulus auf, 250 Talente Silber, 50 Talente Gold, die Guntram mit Kö894 nig Childebert teilte, weil dieser anscheinend pleite war. Von den übrigen Anführern der Revolte verschanzte sich Desiderius (wohl mit seiner Frau Tetradia, die einst ihren ersten Gatten, den furchtbaren Eulalius, verließ, weil dieser zu viel mit den Dienerinnen schlief und ihrer beider Vermögen verprasste895) auf seinen Besitzungen, während Waddo, Rigunths Majordomus, bei Brunhilde Zuflucht suchte, wo er Geschenke erhielt und einfach gehen durfte. Ziemlich mysteriös. Jedenfalls das Ausmaß der Verstrickung Brunhildes in diesen „ballomerischen“ Aufruhr und inwieweit Guntram davon wusste. Und wieviel er, zum Teil wohl zu Unrecht, vermutete. Man gewinnt den Eindruck, dass ihm nicht klar wurde, woran er bei ihr war und die Sache deshalb, wir werden es sehen, nie richtig ruhen ließ.896 *** Am 4. Juli 585 wurde in Orleans der Sieg gefeiert. Gregor war anwesend. Die Bischöfe, die Gundovald unterstützten, sollten jetzt zur Rechenschaft gezogen werden. Aber es erstaunt, nicht nur in dieser Szene, mit welcher Vorsicht die Könige vorgingen. Bertram von Bordeaux und Palladius von Saintes wanden sich und schoben dem jeweils anderen die Schuld zu. Wobei Guntram bei einem Bankett Childebert erneut als seinen Erben auslobte und Brunhilde zugleich vorwarf, sie habe versucht, ihn zu ermorden, 892 VIII, 18 - vermutlich ging es noch immer um die alte Goldlieferung. Oder es gab vor dem Tod Chilperichs einen weiteren Goldfluß 893 VII, 39 894 VII, 40 - die prekäre finanzielle Situation Childeberts wird in VIII, 3 angedeutet. Es könnte auch sein, dass Childebert auf Grund dieser Zuwendung seine Truppen aus Italien zurückrief, um Guntram einige davon für dessen späteren Feldzug gegen die Goten zur Verfügung zu stellen. vergl. die heitere Fußnote Nr. 8, die nun ein trauriges Aroma zu verdunsten beginnt 895 896 VII, 43

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angesichts der Wichtigkeit der Thronfolge sei das aber vergessen.897 Wäre Bischof Theodore gekommen, hätte er ihn ins Exil getrieben, erklärte der König weiter, Theodore sei für die Ermordung seines Bruders Chilperichs verantwortlich. Worauf Gregor dezent entgegnete, dass Chilperich selber für seinen Tod verantwortlich sei, er habe sich mehrfach in übelster Wiese gegen Guntram verschworen und in eine der gelegten Fallen sei er selber 898 getappt. Am nächsten Tag - für Historiker ist der Bericht über die Art, mit der die Akteure bei diesen Feierlichkeiten miteinander umgingen, eine Kostbarkeit - ging Guntram auf die Jagd, wonach ihn Gregor bat, zwei an Gundovalds Erhebung beteiligten Aufrührern - darunter Bladast, einer der Verwüster von Bourges - zu verzeihen, die im Asyl des Heiligen Mar899 tin Zuflucht gesucht hatten, was Guntram nach Zögern gewährte. Am Sonntag weigerte er sich jedoch, eine von Palladius zelebrierte Messe zu hören. Beim sich anschließenden Bankett fielen dieser und Bertram übereinander her und beschuldigten sich gegenseitig des Ehebruchs und der Unzucht900, für die Beteiligten ein Gaudi. Als sie die Präsenz des Königs verließen, mussten beide schwören, im Oktober zu einem Konzil zu erscheinen. Mehr Strafe gabs vorerst nicht. Kurz danach beklagte sich Guntram in Paris, dass er den Sohn Fredegunds noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Dreimal sei der Neffe avisiert worden, doch nun glaube er, dass gar nicht Chilperich der Vater sei, sondern nur einer von dessen leudes. Wobei er auf Eberulf angespielt haben mochte (weil ihm Gregor, der bei diesen Konflikten vielleicht mehr Partei war, als er zugab - schließlich war der zweimal als Spezialgesandter auftauchende Herzog Gundolf sein Verwandter - die Geschichte vielleicht erzählt hatte). Aufs höchste gefährdet, berief Fredegund eine Versammlung der ihr lehnspflichtigen Adligen ein, 3 Bischöfe und 300 Mann - so groß war also die 897 Adiecitque rex: 'Verum quia mater eius Brunichildis me minatur interimere, sed nihil mihi ex hoc formidinis est. Dominus enim, qui me eripuit de manibus inimicorum meorum, et de huius insidiis liberavit me' - VIII, 4 VIII, 4 898 899 VIII, 6 900 Nam cum iterato ad convivium regis Palladius atque Berthchramnus acciti fuissent, commoti in invicem multa sibi de adulteriis ac fornicatione exprobraverunt, nonnulla etiam de periuriis. - VIII, 7 - Bei dieser Gelegenheit könnte Gregor den ersten Teil der Geschichte von In-

gitrude und Berthegunde erfahren haben, denn Bischof Bertram wurde dort in Orleans von Berthegundes Gatten vor dem König verklagt, dass er ihm seine Gattin entziehe und mit ihren Dienern geschlechtlichen Umgang pflege (vergl. Tagebuch vom 23. 3. 2008)

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Zahl der leudes mit Einfluss, was extrapoliert aufs ganze Frankenreich wohl maximal etwa 2000 ergibt, die mit den ihnen Untergebenen die Herrschaft ausübten - schworen einen heiligen Eid, dass König Chilperich der Vater des Jungen sei. Das beendete König Guntrams Verdacht, bemerkt Gregor dazu lakonisch.901 Brunhilde blieb im Hintergrund präsent, sie hatte begriffen, um was es ging: ohne Nachkommen waren Guntram, trotz seiner unantastbaren militärischen Stärke, die Hände gebunden. Er grummelte zwar, gab zu verstehen, dass er kein Trottel sei, aber im Grunde konnte er nichts tun. Wobei er zwischen Chlothar und Childebert zu lavieren suchte, weil er - bei der Sterberate merowingischer Prinzen kein Wunder - nicht alles auf eine Karte setzte. Deshalb musste sie ihr Blatt verbessern. Und das tat sie mit der ihr eigenen unmoralischen Energie: umgehend schien sie Childebert eine Konkubine besorgt zu haben, denn nächstes Jahr kam ein Sohn, von dem Brunhilde (laut Fredegar) einmal behaupten sollte, der Vater sei Gärtner gewesen.902 Dieser Enkel gab den Ausschlag in Guntrams Gunst, mit dem konnte Fredegund nicht dienen. Guntram versuchte jedoch weiter, Theodore abzusetzen, aber es gelang nicht. Zumal er Marseille (und wohl einen Teil der Provence) im Jahr zuvor wieder seinem austrasischen Neffen unterstellt hatte. Als er einen Boten an Childebert nach Koblenz schickte, drohte dieser - Gregor war wieder zugegen - sogar mit Krieg, wenn Theodore weiter verfolgt werden sollte.903 *** Und Guntram blieb unzufrieden. Auf einem Konzil in Macon - wo man den Antrag, Frauen nicht mehr als Menschen anzusehen, abschmetterte, denn Christus sei sowohl Menschen-Sohn als auch Sohn einer Jungfrau ließ er Bischof Ursicinus wegen dessen Unterstützung des „Ballomers“ exkommunizieren. Theodore kam davon, weil Guntram erkrankte. Ennodius wurde wieder zum Herzog von Tours und Poitiers ernannt, und irgendwie 901 Haec audiens Fredegundis regina, coniunctis prioribus regni sui, id est cum tribus episcopis et tricentis viris optimis, sacramenta dederunt, hunc ab Chilperico rege generatum fuisse; et sic suspicio ab animis regis ablata est - VIII, 9 Fredegar IV, 27 902 903 VIII, 13

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gelang es sogar Desiderius (vielleicht weil er bloß von Chilperich abgefallen war und nicht von Guntram), nach einer Audienz Vergebung zu erlan904 gen. Unterdessen (alles noch 385) sammelte Childebert seine Mannen in Breislingen (bei Luxemburg). Brunhilde bat um eine Intervention für ihre Tochter Ingund, von der man jetzt wusste, dass sie in Afrika war, ohne Sympathie bei den Adligen zu ernten.905 Eine Anklage gegen Herzog Guntram-Boso, dem man vorwarf, in Metz das Grab einer Verwandten ausgeraubt zu haben, war dagegen erfolgreich. Als er floh, nahm man ihn die clermontschen Besitztümer. Eine sonderbare Geschichte, die auf getürkten Anklagen zu beruhen scheint.906 Vielleicht ein Versuch der Adligen, Brunhildes Einfluss zu stutzen, wobei man Guntram-Boso als ihren Vertrauten ansah. Schließlich hatte er seltsame Verhandlungen in Konstantinopel geführt, die nun zu allen möglichen Forderungen führten. Schlau wird man aus alldem nicht. Offenbar gab es auch unter den Klerikern mehrere Parteien, eine ursprünglich Chilperich zuneigende, mit den Bischöfen des Südens und welche, die, wie Theodore von Marseille (und vielleicht Gregor) die Königin unterstützten. Mit Egidius von Reims als richelieuartigem Vermittler. Unterdes Guntram-Boso Politik auf eigene Rechnung betrieb und als Gesandter (möglicherweise Brunhildes) in Konstantinopel vielleicht mehr versprochen hatte, als er einhalten konnte. Zurück von der Maconer Synode starb Bertram von Bordeaux, in Saintes blieb Bischof Palladius aktiv. In dieser Zeit fand auch Wandelen den Tod, der Lehrer Childeberts. Er wurde von niemandem ersetzt, weil die Königin die Erziehung ihres Sohnes nun selber übernehmen wollte.907 Vielleicht der Zeitpunkt, an dem sie ihm die Konkubine beschaffte, damit die Erziehung gründlich wurde, praxisnäher. Wenn man bedenkt, dass Guntram ihr im Frühjahr noch den Umgang mit dem Sohn untersagt hatte, beachtliche Entwicklungen. In Spanien, wo man die Prinzenehe nach dem Tod Chilperichs wohl als 904 VIII, 20; 26; 27 905 Itaque cum hoc synodum ageretur, Childeberthus rex aput Belsonancum villa, quae in medio Ardoennensis silvae sita est, cum suis coniungitur. Ibique Brunichildis regina pro Ingunde filia, quae adhuc in Africa tenebatur, omnibus prioribus questa est, sed parum consolationis emeruit. - VIII, 22 VIII, 21 906 907 Hoc tempore et Wandelenus, nutritor Childeberti regis, obiit, sed in loco eius nullus est subrogatus, eo quod regina mater curam vellit propriam habere de filio. - ebenfalls VII; 22

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annulliert oder (wegen mangelnder Mitgift) gescheitert betrachtete, eroberte Leuvigild - sein Sohn Hermangild ward derweil im Gefängnis beseitigt - im gleichen Jahr das Reich der Sueben. Zudem kursierte ein Brief Leuvigilds an Fredegund, worin er sie aufforderte, alles in ihrer Macht zu tun, um Childebert und Brunhilde umzubringen und Guntram aufzuhalten, wobei sie heimlich Geld bekommen und sich an gewisse Personen wenden könne, darunter ein Bischof und die Mutter eines der Unterstützer Gundovalds 908 (Bladast, dem Gregor bei Guntram ein Pardon erwirkt hatte). Was - sollte es sich nicht um eine von Brunhilde lancierte Fälschung gehandelt haben - bedeutet, dass auch Leuvigild in jener sonderbaren Koalition gegen Guntram mitgespielt hatte, als südlicher Verbündeter Chilperichs, dessen Tochter ja seinen Sohn heiraten sollte. Vermutlich hat keiner recht durchschaut, was eigentlich geschah. Wobei Brunhilde (mit nun 35 oder 40) darüber hinaus nun behauptete, Fredegund habe erneut einen Mordanschlag auf sie und ihren Sohn verübt. Die zwei Täter - Priester - hätten vor König Childebert gestanden, dass Fredegund ihnen vergiftete Dolchen ausgehändigt habe. Bei der Folter habe man ihnen dann Hände, Ohren und Nasen abgeschnitten und sie anschließend auf verschiedene Art umgebracht.909 Darauf - es wird bereits im Sommer gewesen sein, sodass die anderen Reichs-Angelegenheiten währenddessen abliefen - setzte Guntram seine Truppen in Bewegung, um Leuvigild einen Schlag zu versetzen. Vielleicht wollte er auch den Sueben zu Hilfe eilen (wofür spricht, dass etliche burgundische Schiffe - wohl aus Bordeaux - an der galizischen Küste von den Goten aufgebracht wurden)910 -, seine Handlungen sind in diesem Jahr sprunghaft, und Gregor ist nur bei Kirchenangelegenheiten und speziellen Aspekten der Innenpolitik wirklich informiert. 585 hat er mehr als sonst zu berichten, sodass ihm die Chronologie durcheinander geraten sein mochte. Auch der von uns ins Frühjahr gelegte austrasische Einfall ins Langobordenreich ist nur mit Mühe unterzubringen. Paulus Diaconus, der Langobardenhistoriker, ist leider nicht ergiebiger, für ihn ist Gregor die zuverlässigste 908 dicens: 'Inimicos nostros, id est Childeberthum et matrem eius, velociter interemite et cum rege Gunthchramno pacem inite, quod praemiis multis coemite. Et si vobis minus est fortassis paecunia, nos clam mittimus, tantum ut quae petimus impleatis. Cum autem de inimicis nostris ulli fuerimus, tunc Amelio episcopo ac Leubae matronae bona tribuite, per quos missis nostris ad vos accedendi aditus reseratur'- VIII, 28 VIII, 29 909 910 Bei Gregor daraus ersichtlich, dass im nächsten Jahr einige Schiffbrüchige heimkehrten

und von ihrem Schicksal erzählten (VIII, 35)

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Quelle. Aber der Feldzug gegen die Goten fand, im August oder September - mehrfach ist von der Ernte die Rede - tatsächlich wohl in jenem Jahr statt: Das Hauptziel war die Eroberung Septimaniens, die Gegend zwischen der Rhone und den Pyrenäen.911 Ein Heerzug der Burgunder, unterstützt von Leuten jenseits der Saône aus der Seine-Gegend, marschierten im Rhonetal nach Süden, wobei man die Siedlungen an den Ufern plünderte und die Ernten und Herden zerstörte. Man tötete viele, verbrannte Gehöfte und nahm Beute so schon im eigenen Territorium, wo man auch Kirchen ausraubte, den Klerus und die Zivilbevölkerung abschlachtete und Altare entweihte, bis man schließlich vor dem gotischen Nimes anlangte912. Ein anderes in Bourges, Saintes, Perigueux und Angouleme rekrutiertes Heer vielleicht war es dasjenige, welches Gundovald belagert hatte - verwüstete auf dem Weg zum ebenfalls gotischen Carcassonne einen anderen Teil Galliens. In Carcassonne öffneten sich ihnen die Tore, was sich aber als Falle erwies, worauf man in Panik die Flucht ergriff und die Verteidiger ihnen das unterwegs zusammengeraffte Plündergut wieder abnahmen und viele töteten. Die Überlebenden erreichten Toulouse, von wo man sie verjagte, weil sie der Stadt auf dem Hinmarsch übel mitgespielt hatten, sodass die Überlebenden mit Mühe die Heimat erreichten. Die Belagerer von Nimes, die dort die Gegend geplündert, die Häuser und die Ernte verbrannt hatten, sowie die Olivenbäume und Weingärten zerstört, versuchten noch, weil in Nimes nichts zu holen war, kleinere gotische Städte zu erobern, vergebens. Auf dem Rückweg begingen sie so viel an Morden, Räubereien und Verbrechen und rissen so viel Besitz an sich, auch dann wieder im eigenen Territorium, dass die Details nicht aufzählbar sind, schreibt Gregor. Am Ende war die Ernte des gesamten Rhone-Saône-Tals und der Provence zerstört, sodass selbst die Soldaten verhungerten. Viele starben, ihre Toten zurücklassend, auf dem Rückweg, etliche ertranken in Flüssen und viele wurden von den Bauern umgebracht, die sich nun erhoben. Man sagt, schrieb Gregor, dass 911 Igitur Gunthchramnus rex cummoveri exercitum in Hispaniis praecepit, dicens: 'Prius Septimaniam proventiam ditioni nostrae subdite, quae Galliis est propinqua, quia indignum est, ut horrendorum Gothorum terminus usque in Galliis sit extensus' - VIII, 30 912 Gentes vero, quae ultra Ararem Rhodanumque et Sequanam commanebant, cum Burgundionibus iunctae, Arareca Rhodaniticaque litora tam de fructibus quam de pecoribus valde depopulati sunt. Multa homicidia, incendia praedasquae in regione propria facientes, sed et aeclesias denudantes, clericos ipsos cum sacerdotibus ac reliquo populo ad ipsas sacratas Deo aras interementes, usque ad urbem Nemausus processerunt. - VIII, 30

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mehr als 5000 auf diese Art das Leben verloren.913 Als Guntram seine Befehlshaber zur Rechenschaft ziehen wollte, kam die Nachricht, dass Reccared, der spanische Prinz, nun seinerseits Toulouse und den Süden angegriffen und sich mit der Beute in Nimes verschanzt habe, sodass Guntram von einer Bestrafung absehen und wieder Truppen in den Süden schicken musste, um wenigstens die Grenzen zu sichern.914 Von den Feldzügen und bürgerkriesgsähnlichen Aktionen seit Jahresbeginn war das ganze Land so ausgeplündert, dass eine Hungersnot ausbrach. Was Gregor wie folgt zusammenfasst: In diesem Jahr litt fast ganz Gallien Hunger. Viele machten Brot aus Traubenkernen oder gepflückten Blumen // flores aveallanorum - die englische Übersetzung schlägt, warum auch immer, „hazel catkins“ vor, Haselkätzchen //, während andere Farnwurzeln trockneten, sie zu Pulver zermahlten und etwas Mehl hinzugaben. Einige nahmen Saatgut und behandelten es genauso. Wieder andere, die nicht mal Mehl hatten, sammelten Gräser und aßen sie, mit dem Ergebnis dass sie aufschwollen und starben. Eine große Zahl litt Hunger, bis sie daran starben. Die Kaufleute nutzten das aus, indem sie für ein Büschel Getreide oder ein halbes Maß Wein ein Drittel Goldstück nahmen. Die Armen verkauften sich in die Sklaverei, um zu essen zu bekommen.915 913 Tunc, accepto consilio, unusquisque ad propria est regressus. Tantaque per viam scelera, homicidia, praedas, direptiones per regionem propriam gesserunt, ut ea usquequaque memorare perlongum sit. Verumtamen quia segetis Provinciae igni ab hisdem succensas diximus, fame atquae inaedia pereuntes per viam relinquebantur exanimes, nonnulli in fluminibus dimersi, plerique in seditionibus interempti sunt. Ferebant enim amplius quam quinque milia in his stragibus fuisse peremptos. - VIII, 30 - seinen Zahlen, diese 5000 tauchen vielerorts auf, ist allerdings kaum zu trauen. - Bei Fredegar wird das Geschehen aufs Jahr 586 datiert: La vingt-sixième année du règne de Gontran son armée entra en Espagne; mais, accablée de maladies par l’insalubrité du pays, elle revint aussitôt dans sa patrie. - (F IV, 5) Wobei die spanischen Daten, insbesondere die Konversion Reccareds, die frühere Datierung fast erzwingen. Sonst müsste man von Gregors Spanien-Mitteilungen ein Jahr streichen. Die Fredegar-Autoren machten aus der bei Gregor angetroffenen Überfülle daher wohl eine Zeitverschiebung. 914 ebenfalls noch Gregor VIII, 30

915 Magna hoc anno famis paene Gallias totas obpressit. Nam plurimi uvarum semina, flores avellanorum, nonnulli radices herbae filicis arefactas redactasque in pulvere, admiscentes parumper farinae, panem conficiebant. Multi enim herba segitum decidentes, similiter faciebant. Fuerunt etiam multi, quibus non erat aliquid farinae, qui diversas colligentes herbas et comedentes, tumefacti deficiebant. Plurimi enim tunc ex inaedia tabescentes, mortui sunt. Graviter

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*** Unterdes verfeindeten sich Fredegund und Bischof Praetextatus von Rouen (auf dem Konzil von Macon hatte er einige Verse vorgetragen, die den Bischofskollegen nicht gefielen) immer mehr. Wobei der Bischof hochmütig erklärte, er sei zwar verbannt gewesen, aber immer noch Bischof, während keiner wisse wie lange sie noch Königin sei. Ostern 386 fiel er in der Kathedrale von Rouen einem Attentat zum Opfer. Als sie in seinen Zelle eilte, um ihren Arzt anzubieten, beschuldigte er sie des Mordes an ihm und starb.916 Von einem fränkischen Adligen, der verkündete, er werden dafür sorgen, dass sie künftig keine Abscheulichkeiten dieser Art mehr begehe, berichtet Gregor, dass sie ihn zu einem Gespräch bei sich eingeladen und ihm da das Lieblingsgetränk der Franken angeboten habe, Absinth vermischt mit Honig und Wein, worauf auch er starb.917 Darauf ließ der Bischof von Bayeux etliche Bürger befragen (und foltern!), deren Mehrzahl Fredegund gleichfalls beschuldigte, hinter den Morden zu stehen. Aber weil sie nichts zugab, so Gregor, konnte man sie nicht anklagen. Auch Guntram, dem die Dinge zu Gehör kamen, vermochte nichts auszurichten, da die Adligen Fredegunds auf ihrer Eigenständigkeit unter dem nun ein Jahr alten Chlothar II beharrten und keine Einmischung duldeten.918 Im Frühling 586 starb auch Leuvigild. Reccared919, der den Franken im letzten Jahr so zugesetzt hatte, trat die Nachfolge an. Auf seine Friedensbotschaften reagierte Guntram nicht. Denn einige der Seeleute, die Leuvigild im Rahmen des letztjährigen Feldzugs in Galizien angegriffen hatten, tunc negutiatores populum spoliaverunt, ita ut vix vel modium annonae aut semodium vini uno triante venundarent. Subdebant pauperes servitio, ut quantulumcumque de alimenta porregerent - VII, 45 916 VIII, 31 917 Quo expectante, accepto poculo, bibit absentium cum vino et melle mixtum, ut mos barbarorum habet; sed hoc potum venenum inbutum erat. Statim autem ut bibit, sensit pectorem suum dolorem validum inminere, et quasi se incideretur intrinsecus - worauf Gregor ihm noch ein Solo gönnt, in dem er Fredegund beschuldigt, wofür er aber wohl kaum Zeugen angeben kann. - VIII, 31 VIII, 31 918 919 Reccared (586-601), lat. Richaredus, trat 587 zum katholischen Glauben über, wobei ihn seine Stiefmutter Goiswinth zunächst wohl bekämpfte, die aber 588 starb.

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kamen zurück und erzählten, wie sie misshandelt wurden.920 Darauf machte Reccared von Narbonne aus wieder einige Ausfälle, jedoch nur Nadelstiche.921 586 versuchte Guntram, seine Herrschaft in den nördlich der Loire liegenden Gebieten Chariberts durchzusetzen, die einst Chilperich gehörten und daher halb noch dessen Erben, also Chlothar, zugehörig sich fühlten. Dort war es zu zahlreichen Rechtsübertretungen gekommen, die nicht aufhören wollten. In einem als besonders skandalös empfundenen Fall ließ ein Berater Fredegunds, ein gewisser Bobolen, der Interesse am Weinberg einer Domnola in Angers hatte, die behauptete, dies sei ihr vom Vater vermachter Besitz, jene Domnola und ihren gesamten Haushalt einfach umbringen.922 Wobei interessant ist, dass es das Erbe einer Frau betraf, das im fränkischen Rechtsempfinden wohl weniger gefestigt war als im römischen. Im 923 Jahr darauf wurde Bobelen dafür bestraft und sein Vermögen eingezogen. Und dann wurde Childebert ein Sohn geboren, Theudebert.924 Um sich von der Ermordung Praetextatus zu entschulden, schickte Fredegund dem Neffen des Bischofs einen ihrer Diener, der die Tat gestand. Unter der Folter gestand dieser allerdings auch, nicht nur von seiner Herrin, sondern auch von Melanius, Fredegunds Kandidaten für die Nachfolge des Erschlagenen, zu dem Geständnis halb erpresst und halb mit 200 Goldstücken belohnt worden zu sein, woraufhin der Neffe den Gefolterten erschlug. 925 Und jener Melanius Bischof von Rouen wurde. 920 VIII, 35 921 VIII, 38 922 VIII, 32 - wobei ein kleinerer fränkischer oder galloromanischer Adelshaushalt damals

zwischen 20 und 50 Personen umfasste, die in komplexen Abhängigkeitsverhältnissen zueinander standen, inclusive der Sklaven und oft einiger Haushalts-Soldaten. Licht in diese Komplexität werfen erst spätfeudale, mit bereits dem entwickelten Lehnswesen verbundene Quellen, von denen man auf die sich erst entwickelnden Verhältnisse im 6. Jh. rückschließen muss. Extrapolationen von (ungeachtet aller Forschung leider ebenfalls nicht sehr klaren) antiken Strukturen sind, trotz größerer zeitlicher Nähe, wegen der fränkischen Dominanz - wie man bei Gregor zwischen den Zeilen deutlich lesen kann - nur beschränkt brauchbar. 923 VIII, 43 - also ein Fall, wo das Gewohnsheitrecht der "Lex Salica" widerspricht, die Frauen keinen Grundbesitz zubilligt. Vielleicht wurde wegen der nunmehrigen Herrschaft Guntrams nach der "Lex Burgundionum" geurteilt 924 VIII, 37 925 VIII, 41 - was einerseits verrät, wie geringen Einfluß die Städte und die sogenannte öffentliche Meinung auf das Verhalten der Herrscher hatten. Und, weniger offensichtlich, dass Famili-

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-5Vor und nach Andelot Im Frühjahr des nächsten Jahres (587) ließ Guntram Bischof Palladius in Saintes erneut bedrängen, wobei dieser Guntrams Ankläger ein Haus in Bourges überschreiben musste, damit der König sich eine Verteidigung überhaupt anhörte. Aber wider gelang es Palladius, sich vorm König her926 auszureden. Als etwas später eine Delegation Fredegunds bei Guntram auf eine Audienz wartete, wurde jemand verdächtigt, ihn ermorden zu wollen, wobei der Mann angab, jene Gesandten hätten ihn beauftragt. Er wurde in Stücke geschnitten, aber Fredegunds Männer bestritten, etwas damit zu tun haben.927 In diesem Jahr gab Guntram, außer Tours und Poitiers, auch Albi an Childebert zurück. Desiderius, der einstige General Chilperichs, der den Ballomer Gundovald unterstützt und sein Vermögen und seine Familie inzwischen in Albi deponiert hatte, befürchtete deshalb aus irgendeinem Grund, Guntram (oder vielleicht Childebert) wolle nun Rache für seinen Verrat üben und übersiedelte daher mitsamt seiner Gattin Tetradia (die er von Eulalius übernommen hatte, der sie 3 Jahre drauf auf Rückzahlung des mitgenommenen Vermögens verklagte928), nach Toulouse. Wo er ein Heer zusammenstellte, mit dem er (vorher verteilte er seinen Besitz auf seine Frau und die Kinder) ins Westgotenreich nach Carcassonne einritt, wo er - ein vorzeitiger Roland - in einen Hinterhalt geriet und starb.929 Erneut kamen, nachdem Reccared die Witwe Leuvigilds (also Brunhildes Mutter), so Gregor, als „Mutter akzeptiert“ (was immer das heißen mag) und sich mit ihr beraten hatte, spanische Gesandte zu den Franken. Guntram beharrte auf seiner Feindschaft, in Reims tauschte man dagegen Geschenke aus.930 Im September wurde in einer Kirche ein Mordanschlag auf Guntram vereitelt. Wonach Guntram etliche nicht näher bezeichnete Hintermänner hinrichten, den Attentäter aber laufen ließ, weil er niemanden en-Fehden und sonderbare Rituale ihrer Beendung im Entstehen waren 926 VIII, 43 927 VIII, 44 928 siehe Fußnote Nr. 8, sowie X, 8. 929 Was vielleicht erst im nächsten Jahr, also 588, geschah. Mit der Plazierung der Szene deutet Gregor indes an, dass die Rückgabe von Albi bereits vor dem Vertrag von Andelot im November 587 erfolgte. 930 IX, 1 - die Formulierung mit der Mutter lautet "eamque ut matrem suscepit"

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töten wolle, den man in einer Kirche gefangennahm. Childebert bekam einen zweiten Sohn, Theuderich, diesmal von (der plötzlich auftauchenden) Königin Faileuba (die er im letzten Jahr wohl geheiratet hatte). Und die Goten versetzten Guntram, der auf ihre Friedensangebote nicht eingegangen war, im Süden wieder Nadelstiche, diesmal in der Gegend von Arles, wo sie etliche Sklaven machten.931 Nun wurde Guntram-Boso, der, wie Gregor im Sinne Brunhildes nun schreibt, die Königin hasste, sie schon immer beleidigt und ihre Feinde ermutigt habe, von Childebert zum Tode verurteilt. Er floh ins Sanctuarium der Kathedrale von Verdun, wonach der dortige Bischof Agerich mit dem Ergebnis vermittelte, dass sich Guntram-Boso, nach einiger Folter, vorm König niederwerfen und zugeben müsse, sich ihm und Brunhilde gegenüber versündigt, ihre Befehle nicht befolgt und sowohl gegen ihren Willen als auch das öffentliche Wohl vergangen zu haben. Darauf übergab man ihn wieder dem Bischof, bei dem er bleiben sollte, bis Guntram ein Urteil sprach.932 Und dann - zuvor wurde Ennodius auf Betreiben der dortigen Grafen als Herzog von Tours und Poitiers abgesetzt933 - kam es zum offenen Konflikt mit der fränkischen Nobilität. Eine gewisser Rauching verbündete sich mit Fredegunds Adligen, wobei man plante, zunächst Childebert zu beseitigen und dessen Söhne sich anzueignen. Rauching sollte Theudebert mit der Champagne erhalten, Brunhildes alte Widersacher Ursio und Berthefried den kleinen Theuderich inclusive dem austrasischen Rest-Reich. Wobei man hoffte, Guntram würde nicht intervenieren. Der Plan wurde verraten und Rauching vor Childebert befohlen, der ihn gleich umbringen und aus dem Palastfenster werfen ließ. Dann belagerte man Ursio und Berthefried auf ihrem Besitz, wobei Brunhilde letzterem, weil sie von dessen Tochter Taufpate war, Schonung versprach, wenn er sich ergab, worauf er nicht ein934 ging. Wobei diese Patenschaft verrät, dass sie in Reims diverse Kompromisse geschlossen haben musste, als sie an Einfluss zu gewinnen suchte. Jetzt meinte sie wohl, die Zeit für Kompromisse sei vorbei. 931 IX, 3; 4; 7 932 IX, 8 - //man suchte für Guntram wohl einen Sündenbock// 933 IX, 7 934 IX, 9

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Mittendrin erreicht sie eine Botschaft Guntrams aus Burgund, der darauf insistierte, sie umgehend zu sehen, denn einige Sachen bedürften der Klärung. Childebert erschien mit der kompletten Familie, also inclusive seiner neuen Königin Faileuba, der Schwester Chlodosind und Brunhilde. Magnerich, der Bischof von Trier und Herzog Guntram-Boso, für den Agerich, der Bischof von Verdun bürgte, waren ebenfalls anwesend. Wobei Guntram jetzt über das Schicksal des Herzogs entscheiden sollte, ohne dass der Angeklagte oder sein Fürsprecher zu Wort kamen. Nach einer kurzen Konferenz der Könige wurde Guntram-Boso zum Tode verurteilt. Dieser hatte aber wohl einen anderen Ausgang erwartet, denn plötzlich nahm er Bischof Magnerich zur Geisel. Was Guntram dazu verleitete, das Haus in Brand setzen zu lassen, worin sich die beiden befanden, wobei Magnerichs Leute ihren Bischof zu retten vermochten. Als Guntram-Boso gleichfalls dem brennenden Haus zu entkommen suchte, wurde er spektakulär von Speeren durchbohrt und erschlagen. Die Erlaubnis, ihn zu begraben, gaben die Könige jedoch erst nach einem Streit. In einem Resumé - das ist er ihm wert - bezeichnet ihn Gregor als prinzipienlos, gierig und geizig, als über alle Maßen nach dem Gut andrer Leute strebend. Als einen, der sein Wort schnell gab und es keinem gegenüber hielt. Seine Frau wurde mit den Söhnen verbannt, der (enorme) Besitz eingezogen.935 Dass Gregor ihm soviel Platz einräumt, erregt den Verdacht, dass Guntram-Boso mit Brunhilde längere Zeit in größerem Einvernehmen stand, als nun zugegeben wurde. Aber nach jenem durch treffsichere Speere angerichteten Spektakel war König Guntram offenbar zufrieden. Denn jetzt, am 28. Nov. 587, unterzeichnete er mit seinem Neffen und den Königinnen den Vertrag von Andelot. Childebert war uneingeschränkt Nachfolger Guntrams als König Burgunds. Die Familienvereinigung - auch die Enkel sind anwesend - feierte man mit einem Bankett. Zu diesem Anlass begaben sich zwei galloromanische Adlige, Dynamius und Lupus, die bei Guntram Zuflucht gefunden hatten, wieder unter austrasische Oberhoheit. Childebert, der Brunhilde in Andelot darüber hinaus die Einkünfte 936 von Cahors zusprach, nahm sie auf. Zwei Jahre, nachdem Guntram seinen Neffen davor gewarnt hatte, die 935 alles IX, 10 936 IX, 11

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Mutter auch nur aufzusuchen, weil er annahm, sie hätte ihn abzusetzen oder gar umzubringen versucht. Jetzt war sie präsent und willkommen. Das

Abb. 7 - Die Frankenreiche nach dem Friedensvertrag von Andelot

hatte sie gut hingekriegt. Wobei ihr wohl zugute kam, dass Guntram ein etwas einfältiger Charakter gewesen sein mochte, sowohl in seinen Verdächtigungen, als auch seinem bei direktem Kontakt schnell entstehenden Vertrauen. Im Fall Guntram-Bosos hatte man ihn wohl an der Nase herumgeführt. Und jetzt - wohl noch im Winter - mussten auch Ursio und Berthefried, die einst Lupus und Dynamius aus Reims vertrieben hatten, dran glauben. Ursio wurde ausgeräuchert, Berthefried entkam ins Asyl von Verdun, wo ihn Bischof Agerich aber nicht schützen konnte, denn die von Childebert geschickten Verfolger brachen übers Dach ein ins Kirchenasyl und brachten Berthefried um. Worauf Agerich trauerte, obwohl ihm Childebert Geschenke zukommen ließ. In jener Zeit, notiert Gregor, emigrierten viele 563

Adlige in andere Regionen, weil sie Angst vor dem König (und mehr noch Brunhilde) hatten, einige Herzöge verloren ihre Herzogtümer, andere ersetzten sie. Wohl Gallo-Romanen.937 Es lohnt sich, dies im einzelnen aufzuzeigen, wir werden sehen, dass es bei Brunhildes Untergang - viel unkompetenter um 650 aufgezeichnet und teils zur Unkenntlichkeit entstellt938 - eine Rolle spielen wird und Gregor als Zeitzeuge wohl bereits spürte, was da am Laufen war. Als letztes wurde, ebenfalls des Hochverrats verdächtigt, Bischof Egidius von Reims vor Childebert zitiert. Wovor man ihm durch Eid in seiner Kirche erst zusichern musste, ihn verschonen zu wollen. Nach der Audienz, bei der wohl die Unterwerfungsgeste galt, durfte er wieder nach Reims, wo er Frieden mit dem aus Burgund zurückgekehrten Herzog Lupus machte. Wobei Gregor erwähnt, Egidius habe diesen 581 seines Herzogtums beraubt. König Guntram war erbost, dass Lupus sich darauf einlassen hatte, 939 denn er betrachtete Egidius nach wie vor als seinen Feind. Dass man Egidius 390 erneut (und durchschlagender) zur Verantwortung zog, zeigt, dass da etliches weiterschwelte. Vielleicht spielte er ein Doppelspiel. Indem er Brunhilde anbot, ihren Einfluss zu behalten, wenn Lupus ins Exil ginge. Dass dann jedenfalls eine Versöhnung mit den fränkischen Adligen möglich wäre. Insbesondere wenn sie für Berthefrieds Tochter die Tauf-Patenschaft übernähme. Und ansonsten solle sie ihn, als ihren Richelieu, machen lassen. Immerhin wurde sie so nicht von der Seite Childeberts verdrängt. Ein ähnliches Doppelspiel, aber auf eigene Faust - und wohl in Konkurrenz zu Egidius - spielte wohl Guntram-Boso, der mit Brunhilde gewiss auf vertrauterem Fuß stand als Ursio. Theodore von Marseille - die Fronten waren wirklich nicht klar - wurde weiter empfangen.940 Unterdes - wohl bereits im Sommer 587 - rief Reccared in Spanien eine Synode ein, auf der die Arianer die Wunderkraft ihres Glaubens belegen 937 938 939 940

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IX, 12 die sogenannte "Chronik des Fredegar", siehe unten IX, 14 IX, 22

sollten. Als es ihnen nicht gelang, wechselte Reccared zum Katholizismus.941 Und schickte erneut Boten an Childebert und Guntram, die um Frieden baten. Guntram lehnte ab, weil das Geschick seiner Nichte Ingund dies verböte. Brunhilde und Childebert akzeptierten jedoch eine Versöhnung, nachdem Reccared geschworen hatte, er selber sei an ihrem Verderben unbeteiligt gewesen und 10 Tausend Solidi an Bußgeld zahlte. Wonach man eine Ehe Reccareds mit Brunhildes Tochter Chlodosind in Erwägung zog. Zu der man - dem Vertrag von Andelot gemäß - aber die Erlaubnis Guntrams einholen müsse. *** Guntram blieb misstrauisch. Ostern 588 bestellte er Gregor zu sich nach Châlon-sur-Saône (wo er offenbar Residenz bezogen hatte), um sich über kleinere Vertragsverletzungen zu beklagen. Dort musste Gregor den Vertrag 942 vollständig vorm versammelten Hof vorlesen , wobei ihm gelang, in jedem der Fälle Childeberts Einlenken zu signalisieren. Er galt also jetzt als Unterhändler Childeberts. Wonach der König zu scherzen begann, und Felix, den Bischof von Châlon, fragte, ob ihm gelungen sei, den Streit zwischen seiner Schwester (als die er Brunhilde jetzt ansah) und dem Feind Gottes und der Menschheit, Fredegund, beizulegen943. Felix verneinte, aber als er den König bat, gegenüber Fredegund härtere Haltung zu zeigen, lehnte dieser ab, obwohl ihm bewusst war, dass Fredegund etliche Mordanschläge auf ihn verübt hatte. Einer Ehe des spanischen Königs mit Chlodosind stimmt er zu. Sich Childeberts Truppen auf einem Zug nach Italien anzuschließen, um es wieder dem Kaiser zu unterstellen, kam jedoch nicht in Frage. Wobei Guntram Gregor noch seine Ratlosigkeit angesichts des Königinnenstreits anvertraute, und dass er auch Chlothar, dem Sohn Fredegunds, einige Städte schenken wolle, damit die beiden sich nicht benachteiligt fühlten.944 941 IX, 15 942 Was einerseits ein Indiz für den geringen Alphabetisierungsgrad der burgundischen Eliten

sein mag und Gregor andererseits eine Entschuldigung gab, den Vertrag an dieser Stelle einzufügen. Es ist der einzige vollständig erhaltene politische Vertrag aus jener Zeit. Die hier eingefügte Karte ist nach ihm gezeichnet. Genauere Grenzen der Herrschaftsgebiete sind über längere Zeit weder vorher noch danach zu ermitteln. 943 ait: 'Dic, o Filex, iam enim plenissime conexuistis amicitias inter sororem meam

Brunichildem et inimicam Dei atque hominum Fredegundem?' - IX, 20 alles IX, 20 944

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Bischof Agerich von Verdun, in dessen Obhut man die Söhne GuntramBosos gegeben hatte (die Töchtern, von denen vor 6 Jahren so viel die Rede war, tauchen nicht mehr auf ), starb an Kummer darüber, dass er seinen Asylanten nicht hatte schützen können. Als Nachfolger akzeptierte Brunhilde nicht den Vorschlag der Gemeinde, sondern setzte per königlichem Dekret einen Bischof ihrer Wahl durch. Sie machte weiter Personalpolitik.945 Nun (noch 588) beorderte Childebert, auch ohne Guntrams Hilfe, Truppen nach Italien (nachdem er, zuvor lavierend, eine Heirat Chlodosinds - Brunhilde träumte wohl schon eine Weile von Hochzeiten - mit einem Lombardenkönig erwog, was sich nach den spanischen Avancen erübrigte. Zugleich schickte er dem Kaiser Gesandte, die fortan koordinierte Aktionen vorschlugen. Diesmal scheiterten die Franken vollkommen, das schlimmste Geschlächter an einer ihrer Armeen seit Menschengedenken.946 589 - im letzten Jahr war Goiswinth gestorben, ihre Mutter und die Stiefmutter Reccareds, deren Arianismus ein Hinderungsgrund war - verliebte sich Brunhilde offenbar in das Heiratsprojekt. Sie ließ ein riesiges edelsteinverziertes Goldtablett als Geschenk anfertigen und von ihrem Vertrauten Ebregisel, der öfter derlei Dienste für sie ausgeführt hatte, nach Spanien bringen. In Paris hielten ihn Leute Guntrams auf, der ihm nicht nur vorwarf, den Ballomer Gundovald nach Gallien geholt zu haben, damit Brunhild ihn heirate - das gleiche hatte er schon Guntram-Boso vorgeworfen -, sondern nun auch Geschenke an dessen Kinder nach Spanien zu schicken, wo sie sich jetzt anscheinend aufhielten. Ebregisel, sagte ihm, dass er nicht wisse, wovon Guntram spreche, die Geschenke seien für Reccared bestimmt, worauf ihn Guntram gehen ließ. Der Verdacht, dass Brunhilde in die Erhebung des Ballomer verwickelt war, war wohl nach wie vor nicht beseitigt.947 Vor einem erneuten Feldzug nach Italien erhielten die Franken Verhandlungssignale der Langobarden, worauf Guntram erklärte, Frieden schließen 948 zu wollen und Childebert die Truppen dieses Jahr lieber zurückhielt. Und feststellen musste, dass Guntram in Spanien andere Pläne als eine schöne 945 IX, 23 946 IX, 25 947 IX, 28 948 IX, 29

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Heirat verfolgte, offenbar wollte er - obwohl Reccared nun das Konzil von Toledo einberief, auf welchem den arianischen Bischöfen gestattet wurde, zum Katholizismus überzutreten, ohne das Amt zu verlieren, wonach die Konversion auch der gotischen Bevölkerung erfolgte - unbedingt Septimanien erobern. Aber die burgundischen Truppen gerieten in einen Hinterhalt und wurden vernichtend geschlagen (laut Gregor erneut 5000 Tote).949 Unterdes residierte Childebert mit Frau und Mutter in Straßburg, das damit erstmals unter diesen Namen in Schriftform erschien950, wo die Einwohner von Soissons und Meaux ihn baten, ihnen seinen Sohn zu schicken, denn sie wollten sich unterwerfen. Im August ernannte er daher Grafen für die Region und schickte Soissons den (4-jährigen) Theudebert, damit er den Treueeid empfinge.951 Guntram war sofort alarmiert und fürchtete, Childebert wolle nach Soissons (das wohl eigentlich zu Fredegunds Bereich gehörte) auch Paris an sich reißen, und ließ, im Glauben, die Austrasier würden nach seiner Niederlage gegen die Westgoten wieder ein doppeltes Spiel spielen, die Grenzen schließen, sodass keiner nach Spanien konnte. Gregor diente erneut als Vermittler und erklärte im Namen Brunhildes, sie habe nie daran gedacht, Paris zu besetzen. Worauf Guntram sich sofort bei ihm darüber beklagte, dass allein sie Childeberts Politik bestimme. Und im Vertrauen hinzufügte, sie habe kürzlich sogar geplant, einen von Gundovalds Söhnen zu heiraten. Was alles absonderlich klingt, mit einem Einschlag zu Paranoia. Aber Guntram ließ nicht locker. Zum 1. November 589 berief er ein Bischofskonzil ein, auf dem er seine machtbewusste Schwägerin - die juristische Ba952 sis der Vorladung bleibt unklar - zur Rede stellte. Brunhilde bestritt alle Anschuldigungen unter Eid, wonach alle ihrer Weg gingen und man die 949 IX, 31 - bei Fredegar liest sich dies so: L’an vingt-huitième du règne de Gontran, une armée marcha en Espagne par son ordre; mais, par la négligence de Boson qui la commandait, elle fut taillée en pièces par les Goths. - (F IV, 10) 950 Das römische Argentoratum, bei dem Julian seinen Sieg über die Alamannen feierte, hieß also fortan Strateburgus, was wohl bedeutet, dass die gallo-romanischen Elemente dort (zumindest) stark in die Minderheit geraten waren - IX, 36 951 IX, 36 - Diese Form der realen Anwesenheit eines Herrschers scheint Voraussetzung für Wechsel der Oberhoheit gewesen zu sein. Es erschließt sich indes nur aus Bizarrerien wie dieser, da Gregor einzig sie für berichtenswert hält und andere Dokumente dazu nicht existieren. 952 als er Fredegund vorwarf, Chlothar sei nicht der Sohn Chilperichs, reagierte ja eine Versammlung ihrer Leudes und keine Bischofssynode

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Grenzen Burgunds wieder öffnete.953 *** Vorher war es erneut zu einer gefährlichen Situation um Brunhilde gekommen. Königin Faileuba bekam wieder ein Kind, das sofort nach der Geburt starb. Sich im Bett erholend, hörte sie etwas von einem Komplott gegen sich und Brunhilde, was sie dieser und Childebert erzählte: Septimima, die Amme der Königssöhne - nutrix infantum eius - sollte ihn davon überzeugen, Faileuba zu verlassen, seine Mutter ins Exil zu schicken und irgendwen anders zu heiraten (was andeutet, dass Brunhilde ihren Sohn noch soweit beherrschte, dass sie Faileuba für ihn ausgesucht hatte). Waren die beiden Frauen aus dem Weg, hofften die Verschwörer vom König zu bekommen, wasimmer sie begehrten. Sollte Childeberts Septimimas Vorschläge zurückweisen, wollte man ihn durch Hexerei umbringen, Brunhilde mit der Königin verbannen und die minderjährigen Söhne unter Kontrolle der Aufrührer inthronisieren. In die Verschwörung (bei der man, unter dem Eindruck noch des Respekt, den die Einwohner Soissons dem jungen Theuderich zeigten, wohl die Lehren aus den Erhebungen Chlothars und Childeberts zog) verwickelt waren der Stallmeister - immer noch comes stabuli - Sunnegisil, der Referendar Gallomagnus und Droctulf, der Erzieher der Kinder. Um eine Usurpation zu erwägen, brauchte man im Frankenreich also kein Heer von etlichen zehntausend Soldaten mehr (wie es im römischen Reich noch der Fall gewesen war), sondern es reichten eine Amme, ein Lehrer, ein Schreiber und ein Stallmeister, die sich zwei Fürstensöhnchen unter den Nagel rissen. Wenn in der neuzeitlichen Politik von Küchenkabinetten gesprochen wird, in denen man wichtige Entscheidungen außerhalb offizieller Gremien aushandelt, so beginnt hier etwas, was man mit dem Begriff „Wickeltischpolitik“ kennzeichnen könnte, denn in den folgenden Jahrzehnten - und wenn man so will, sogar bis 751, als Pippin, der Vater Karls des Großen, die Merowingerherrschaft auch formal beendete - wird der Besitz der 953 Multa autem et in Brunichildem regina oppropria iactabat, dicens, eius consilio haec fieri, addens etiam, quod Gundovaldi quondam filium invitatum coniugio copulare vellit; unde etiam synodum episcoporum in Kalendas Novembris congregare praecepit. Multique de extremis partibus Galliarum ad hoc conventum properantes de via regressi sunt, pro eo quod Brunichildis regina se ab hoc crimini exuit sacramentis - IX, 32

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Macht im Frankenreich mit dem Wickelrecht für die Königskinder einhergehen. - Droctulf und Septimima wurden sofort gefoltert, worauf Septimima gleich gestand, ihren vorherigen Gatten durch Hexerei getötet zu haben, weil sie in Droctulf verliebt war und dessen Geliebte - scrotum bedeutet auch Nutte - geworden sei.954 Zudem nannte sie die Mitverschwörer, worauf man Gallomagnus und Sunnegisil (einen Gallo-Romanen und ein Franken) zu ergreifen suchte, die sich bereits in Kirchenasyle gerettet hatten, woraus sie der König, unter dem Versprechen ihnen nichts zuleide zu tun, persönlich herausholte. Man enteignete sie und schickte sie ins Exil. Wovon, nach einer Intervention Guntrams, nur die Enteignung blieb. Da die Verschwörung so stümperhaft wirkte - und den Beteiligten die Konsequenz dieser „Wickeltischpolitik“ vielleicht nicht klar war, die sich hier in gleich ihrer lächerlichsten Form offenbarte -, kamen die darin Verwickelten glimpflich davon: Septimimas Gesicht wurde durch rotglühende Eisen entstellt und sie selber dazu verurteilt, auf einem königlichen Landgut die Mühle zu drehen und täglich so das Mehl für die Spinnerinnen und Weberinnen zu mahlen (wodurch wir wenigstens über diesen Teil der fränkischen Basis-Ökonomie in Kenntnis gesetzt wurden, den Beginn, wenn so will, der flandrischen Tuchindustrie, welcher die nordfränkischen Regionen einst ihren Reichtum verdanken sollten). Droctulf schnitt man die Ohren und das Haar ab, bevor man ihn in die Weinberge schickte.955 Wobei die Rücknahme des Exilurteils auf Grund einer Intervention Guntrams sonderbar klingt. Vielleicht steckte er wirklich dahinter, und wollte seinen etwas naiven Neffen den Klauen der ihn umhegenden Frauen entwinden. Brunhilde besorgte ja seit 585 dessen Erziehung und dazu gehört offenbar, dass sie ihm passende Konkubinen besorgte, mit Hilfe derer sie ihn zu beherrschen vermochte, eine Strategie, die sie auch bei ihren Enkeln befolgen wird und als deren Erfinder (im politisch-öffentlichen Raum) sie vielleicht gelten muss, denn so weit waren weder Kleopatra noch Justina 954 Nec mora, extensi inter stipites cum vehementius caederentur, profititur Septimina, virum suum Iovium maleficiis interfecisse ob amorem Droctulfi ipsumque secum scorto miscere. IX, 38 955 Septimina vero cum Droctulfo vehementer caesa ac cauteriis accensis in faciae vulnerata, ablatis omnibus quae habebat, Marilegio villa deducitur, ut scilicet trahens molam his, qui in genitio erant positae, per dies singulos farinas ad victus necessaria praepararet. Droctulfum enim, incisis capillis et auribus, ad vineam excolendam delegaverunt - IX, 38

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gegangen. Der jüngere Valentinian blieb bekanntlich ehelos.956 Das ungewöhnliche Konzil am 1. November, an dem sich Brunhilde - immerhin einen Königin - vor Bischöfen zu verantworten hatte, würde zu solch plumper Strategie Guntrams passen. Doch zumindest Sunnegisil sollte nicht so einfach davonkommen. Im nächsten Jahr werden wir erfahren, dass man ihn - trotz des von Childebert gegebenen Versprechens - furchtbar gefoltert hatte.957 Nachdem Rigunths spanische Heiratsträume geplatzt waren und sie nun beide ansehen mussten, dass ihre Feindin Brunhilde die von ihnen geplante Ehe im Rahmen der eigenen Familie schloss, stritt sich Fredegund mit ihrer Tochter nun oft so sehr, dass die Streitigkeiten in Prügeleien ausarteten, auch weil, wie Gregor schrieb, Rigunth - unterdessen wurde Waddo, ihr einstiger Majordomus (der dann den „Ballomer“ unterstützt hatte), bei einer Privatfehde erschlagen, in der er eine junge Frau um ihr Erbe bringen wollte, indem er deren Mann des Pferdediebstahls beschuldigte958 - jetzt öfter mit irgendwelchen Männern schlief959, wobei Fredegund, der die Geldgier ihre Tochter auf der Nerven ging, sie eines Tages in einer Schatztruhe Chilperichs zu ersticken versuchte. Aus der Politik schien sich Fredegund jedenfalls für erste verabschiedet zu haben. Insofern klingt ihre Beteiligtheit an der Ammenverschwörung nicht wahrscheinlich. Aber das Jahr endete recht warm: Fruchtbäume blühten im Herbst ein zweites mal und lieferten eine ebenso große Ernte wie im Sommer. Rosen blühten im November. Die Flüsse traten jedoch über die Ufer und erreichten Bereiche, wo man sie nie angetroffen hatte, und beschädigten die Saat 960 auf den Feldern. *** 956

Was aber wohl nicht an Justina, sondern mehr am von Ambrosius stark beeinflußten Mailänder Zeitgeist lag. In jener frömmelnden Zeit wurden ja selbst zwei Ehen des Honorius ohne Vollzug geschieden. X, 19 957 958 IX, 35 - weil die junge Frau von ihrer Mutter mehrere Grundstücke geerbt hatte, auch ein Fall, in dem ein empfundener Widerspruch zur "Lex Salica" einen fränkischen Adligen kriminell werden ließen 959 Post ista vero inter easdem inimicitiae vehementius pullulantes, et non de alia causa maxime, nisi quia Rigundis adulteria sequebatur, semper cum eisdem rixae et caedes erant. - IX, 34 960 IX, 44

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Im nächsten Jahr kehrte ein gewisser Grippo aus Konstantinopel mit einem Brief zurück, der eine koordinierten Aktion in Italien vorschlug. Wahrscheinlich hatte er Botschaften Brunhildes mit in den Osten genommen, in denen sie sich nach dem Befinden ihres Enkels Athanagild erkundigte, den Sohn des unglücklich katholischen Hermangild und Ingunds, ihrer 585 in Carthago gestorbenen Tochter961, wobei sie - offenbar sorgte sie sich immer noch um die Zahl ihrer Nachkommenschaft - seine Rückführung erbat. Einer dieser (erhaltenen) Briefe richtete sich sogar direkt an den Enkel: Renowned Lord, and with unutterable sighing and longing, Most Dear Grandson, King Athanagild, from Queen Brunhild: DOMINO GLORIOSO ATQUE INEFFABILI DESEDERIO NOMINANDO, DULCISSIMO NEPOTI, ATHANAGYLDO REGI, BRUNEHILDIS REGINA.

He came to me, my most precious grandson, a great chance for happiness. Now frequently I long for his appearance and on his behalf I write with straightforward appeal. Since transgression took my daughter away in his eyes I could remember her. That I don’t lose her entirely, God providing, may my grandson be saved. Therefore, most kind Highness I anticipate your excellent mercy so we give appreciation for your benevolence and give thanks for your integrity. Most holy Emperor through our legates by particular terms and through some intimate words we entrust that they prepare and we recognize, Christ favouring, this arrangement courteously to be 962 discharged

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epistalae Austrasicae 27 und 44 Accessit mihi, nepus carissime, votiva magne felicitatis occasion per quam, cuius aspectum fre-

quenter desidero vel pro parte relevor, cum directis epistulis amabilibus illis oculis repraesentor,

in quo mihi, quam peccata subduxerunt, dulcis filia revocatur; nec perdo natam ex integro, si, praestante Domino, mihi proles edita conservator. Quapropter dulcissime celsitudini vestrae salutantes officia devinctissime per solventes et, ut me divina dementia de tua praecipiat innocentia gratulari ac refici, instanter exorans, significo, piissimo Imperatore per nostros legatariis de quibusdam condicionibus aliqua verbo intim